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de:nietzsche:briefe:1858:bvn-1858_14

BVN-1858,14

An Wilhelm Pinder in Naumburg

[Pforta, Anfang November 1858]


Lieber Wilhelm!

Endlich ist mein längst gefaßter Entschluß zur Ausführung gekommen. Verzeih, daß ich dich mit meinem Briefe so lange habe warten lassen. Nun, ich denke, von nun an wollen wir uns wechselsweiße und ununterbrochen schreiben. Sage dies auch Gustav. —
     Schon rückt die goldene Weihnachtszeit näher heran. Du glaubst wohl nicht, wie sehr ich mich diesmal darauf freue. Leider können wir uns gegenseitig unsre Wünsche nur schriftlich mittheilen. Dies thut mir sehr leid. — Wenn ich nicht irre, so hast du dir schon ein Buch gewählt (Simrocks mittelhochdeutsches Lesebuch) und ich halte deine Wahl für vortrefflich. Ich wünsche mir vorläufig noch nichts bestimmtes; habe doch die Güte und schreibe mir nächstens eine Anzahl von Werken nach meinem Geschmack. Du wirst ja schon wissen. — Bis jetzt befinde ich mich in Pforta ganz wohl; schreibe mir doch einmal, was ihr dies Semester in der Klasse leßt. Besonders leid thut mir, daß wir keinen Homer leßen. Im Jakobs haben wir schon alle Deklinationen privatim übersetzt und müssen bis zum ersten Dezember alle Fabeln und Anekdoten bis zur Naturgeschichte praepariren. Eine hübsche Arbeit! In der preußischen, wie in der griechischen Geschichte wird sehr gründlich verfahren und wir müssen ordentlich arbeiten. — Viel ungezwungener war man auf dem Gymnasium in Naumburg; das ist sicher. Aber etwas zu frei war es auch, das wirst du nicht leugnen. Sogar in mancher Beziehung bin ich froh, daß ich davon fort bin. Du glaubst aber wiederum nicht, wie oft ich wünsche, in Naumburg bei dir zu sein; es war doch gar zu gemüthlich. die schöne Zeit ist nun vorüber und ich darf nicht daran denken, um nicht traurig zu werden. — — — —
     Ich muß aber doch nun schließen. Zeit und Papier mahnen ans Ende. Ich hoffe, daß Du mir sehr bald schreibst. Vergiß ja nicht, was ich mir jetzt als stehende Unterschrift gewählt habe: Semper nostra manet amicitia!

Dein Freund
F. W. Nietzsche.


N.B. Viele Grüße an Deine lieben Eltern und Geschwister, an Gustav und an alle Schulkammeraden.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches

Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen

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de/nietzsche/briefe/1858/bvn-1858_14.txt · Last modified: 2015/09/02 18:23 (external edit)