aphil.org

Aphorisms -- in context.

User Tools

Site Tools


de:nietzsche:briefe:1859:bvn-1859_23

Differences

This shows you the differences between two versions of the page.

Link to this comparison view

de:nietzsche:briefe:1859:bvn-1859_23 [2015/09/02 18:23] (current)
Line 1: Line 1:
 +====== BVN-1859,23 ======
 +==== An Wilhelm Pinder in Naumburg ====
  
 +<WRAP right>​[Pforta,​ Ende April — Anfang Mai 1859]</​WRAP>​
 +
 +Lieber Wilhelm!
 +
 +Wir haben uns jetzt recht lange nicht gesprochen und gesehen. die goldene Zeit der Ferien ist vorübergegangen wie ein Traum; vorzüglich dauert es mich, dich noch nicht nach meiner Rückkehr von Pobles gesehen zu haben. Ich hatte aber nur einige Stunden Zeit und während dieser sollte ich bei meiner Tante bleiben, da Besuch angekommen war. Wie hast du dich in diesen Ferien amüsirt? — Ich meines theils habe diese recht genossen und schied mit recht schmerzlichen Gefühlen von ihnen. Als ich bei Anbruch der Nacht nach Pforta zurückkehrte,​ wurde mir sehr wehe zu Muthe. Der Himmel war rings mit Wolken bedeckt, nur einzelne helle Fleken traten deutlich hervor und besonders zeigten sich noch helle Spuren der untergegangenen Sonne. Der Wind pfiff schaurig durch die hohen Bäume hin, die ihre Zweige aechzend neigten. Mein Herz war in einer ähnlichen Lage. — Auch es war von den Wolken der Traurigkeit verdunkelt und nur die frohe Errinerung an die Ferien ließ einige Freude aufkommen, aber es war eben jenes freudig schmerzliche Gefühl der Wehmuth. Du glaubst es wohl nicht — es ist aber ein ungeheurer Unterschied wenn man Eltern und Schule an denselben oder an verschiedenen Orten hat.! Du scheidest beim Schluß der Ferien nur von den süßen Erholungen und der angenehmen Muse, ich aber trenne mich auf eine nicht unbedeutende Zeit von Haus und Familie mit ihren Freuden und trete wieder in eine fremde Umgebung ein. Sehr hübsche Tage habe ich noch vor unsrer Abreise nach Pobles in Naumburg verlebt. Ich habe da auch meheres geschrieben. Erstens ein mißglüktes Schauspiel, betitelt Prometheus, angefüllt mit einer Unzahl falscher Begriffe über diesen Gegenstand, zweitens drei Gedichte eben darüber, die ich in einer dritten heruntergemacht habe. Diese dritte Schrift ist übrigens ein eigentümliches Ding ist aber noch nicht fertig, erst 6 enge Quartseiten lang und ist betitelt „Fragezeichen und Notizen nebst einem allgemeinen Ausrufezeichen über drei Gedichte betitelt, Prometheus.“ Es wird darin ein Dichter im Gegensatz zum Publicum aufgeführt,​ und das ganze ist ein Gemisch von Unsinn und Blödsinn. Unter andern ist ein Satz von einer ganzen Seite darin. Dann kommen furchtbar lächerliche Verdrehungen,​ richtig dumme Subjeckte usw usw. vor. Ich weiß nicht wie ich auf solche verrückte Ideen kommen konnte. Viertens eine sehr ungründliche Arbeit über das Thema: „Alle Menschen sind gut, wir selbst sind schlecht,​“ die übrigens recht gut auszuführen ist, wenn man die Folgen und Ursachen im Auge behält. Fünftens ein Gedicht, das auf der Reiße entstanden ist, etwas tief oder vielmehr dunkel ist und worin die fehlenden Gedanken mit Gedankenstrichen bezeichnet sind. Es hat übrigens nach langem Ueberlegen den Titel: Poesie und Schicksal erhalten. Wie ich es schrieb, habe ich es nicht verstanden und erst mit genauer Auseinandersetzung wurde es mir klarer. Leider ist mein Papier zu Ende. Lebe deßhalb recht wohl, grüße vielmal und gedenke und schreib
 +
 +<WRAP right>​oft an Deinen Fr.</​WRAP>​
 +
 +----
 +
 +<WRAP centre>​Semper nostra amicitia manet.</​WRAP>​
 +
 +----
 +
 +===== Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches =====
 +
 +===== Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen =====
 +
 +===== Wissenschaftliche Auslegungen =====
 +
 +===== Weitere Verbindungen =====
Back to top
de/nietzsche/briefe/1859/bvn-1859_23.txt · Last modified: 2015/09/02 18:23 (external edit)