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de:nietzsche:briefe:1859:bvn-1859_30

BVN-1859,30

An Wilhelm Pinder in Naumburg

[Pforta, Mai-Juni 1859]


Lieber Wilhelm!

Ich danke dir noch viele mal für deinen lieben Brief. Er hat mir viel Freude bereitet; wir sehen uns diesen Sonntag doch hoffentlich? Es gefällt mir jetzt eigentlich in Pforta; es ist im Sommer ein ganz anderes Leben und bei so schönen Wetter ist Pforta ein recht netter Aufenthalt. Wir schieben hier sehr eifrig Kegel gehen des Abends von ½ 8—¼ 9 im Schulgarten spazieren. Die Nachtigallen und Vögel singen und ich wünsche immer, du wärest mit da!

In der Ferne, in der Ferne
Leuchten meines Lebens Sterne
Und mit wehmutsvollem Blik
Schau ich auf mein einstig Glük
Ach so gerne, ach so gerne
Wonneschauernd oft zurück!
Wie auf Höhen Wandrer stehen
Und die blüthenreichen Auen
Wo die himmlisch süßen, lauen
Lüfte rauschen und still lauschen
Mit geheimnißvollem Grauen,
Also breiten seeige Zeiten
Sich vor mir aus und geleiten
Meinen Geist weg von den Schranken
Kahler, nichtiger Gedanken
Hin zu jenen ewgen Freuden —
Charons Nachen seh' ich schwanken.
Mit der goldnen Leier Saiten
Ruf ich wieder, die versanken!
Und sie nahen und umpfahen
Mich mit ihrem Zauberlichte
Will sie fassen — sie erblassen
— Und ich muß sie sinken lassen —
Meine Hoffnung ist zu nichte!
__________
______

     Schreibe mir recht bald wieder. Uebrigens ist diesen Sonntag kein Spaziergang wegen der Kommunion. Das ist recht schade.

Dein Fr.


Nostra semper manet amicitia!


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de/nietzsche/briefe/1859/bvn-1859_30.txt · Last modified: 2015/09/02 18:23 (external edit)