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de:nietzsche:briefe:1859:bvn-1859_69

BVN-1859,69

An Franziska Nietzsche in Gorenzen

[Pforta, Mitte November 1859]


Liebe Mamma!

Endlich habe ich wieder einmal Zeit, dir auf Deinen lieben Brief zu antworten. Ich habe auch heute etwas zu erzählen, was dich interessiren wird, nämlich den Verlauf unserer Schillerfeier. Mittwoch, den 9ten Nov. war Ausschlafetag wie gewöhnlich; aber nach Mittag um 4 Uhr fand ein großartiger Aktus statt, zu dem schon lange Zeit vorher Vorbereitungen getroffen waren. Zuerst gingen um ½ Vier alle Pförtner Damen und Lehrer, ¾ der ganze Coetus und um 4 alle Naumburger, die so zahlreich wie noch nie, ankamen, in den Turnsaal, der festlich ausgeschmückt war. Zuerst wurden nun von den Primanern die Piccolomini gelesen; die Rolle des Wallenstein hatte Hr. Prof. Koberstein für sich behalten; er las sie ganz vorzüglich. Darauf wurde die Glocke, von Romberg componirt, aufgeführt und zwar mit Klavierund Violinenbegleitung. Es gelang ganz vorzüglich und alles war sehr erregt besonders bei dem Feuerchor, bei „Freiheit und Gleichheit hört’s man schallen usw. (Ich bin jetzt seit einiger Zeit mit im Damenchor und hatte mit die Freude, die Glocke mit einüben zu können.) Am andern Tage war wieder Ausschlafetag und bis ½ 10 Uhr Arbeitsstunden; darauf war wiederum Aktus im Turnsaal der mit dem Chor „Frisch auf Kameraden“ begann. Darauf folgte eigene Gedichte einiger Primaner über Momente in Schillers Leben. Herzog und v. Köhring sangen dann mit Klavierbegleitung „Vor seinem Löwengarten“ und „Ach, aus dieses Thaies Gründen“ und Hr. Prof. Koberstein bestieg das Katheter. Er hielt eine ausgezeichnete Rede worin er besonders hervorhob, daß es ein hoffnungsvolles Zeichen für Deutschlands Zukunft sei daß die Geburtstage ihrer großen Männer immer mehr Nationalfeste würden, die Deutschland trotz seiner politischen Zerissenheit zu einem Ganzen verbänden. — Darauf war Festessen mit Kuchen und Gänsebraten, und — bis 3 Uhr Spaziergang; ich besuchte die Tante Rosalie, die mich mit Chocolade bewirthete. Abends hatten die Primaner Ball, wir andern aber Musik auf den Tanzsaal. — Das ist doch jedenfalls eine sehr hübsche Feier. — Nun, Dein Plan Weihnachten wieder nach Naumburg zu kommen gefällt mir sehr und es freut sich unendlich auf die schöne Zeit

Dein Fr. W Nietzsche.


Lisbeht danke ich ins besondere für ihren Brief: Viele Grüße noch an den lieben Onkel! —


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches

Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen

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de/nietzsche/briefe/1859/bvn-1859_69.txt · Last modified: 2015/09/02 18:23 (external edit)