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de:nietzsche:briefe:1859:bvn-1859_9

BVN-1859,9

An Wilhelm Pinder in Naumburg

[Pforta, Mitte Februar 1859]


Lieber Wilhelm!

Ich habe mich sehr gefreut, daß wir uns vorigen Sonntag so lange genießen konnten und danke Dir, daß du mich so weit begleitet hast. Es ist dir doch hoffentlich gut bekommen? — Ich schicke dir heute das Mailied, wie ich dir versprochen habe. Ich habe es wirklich ganz im Gefühl des nahen Frühling geschrieben. Wenn ich des Mittags etwas spazieren ging und die Sonne so mild hernieder schien, da wurde mir frühlingswohl, daß ich förmlich genöthigt wurde, diese Weise zu schreiben. Es kann dir doch wenigstens zum Beweise dienen, daß die Veränderung, welche mich betroffen, mir noch dieselbe Lust an poetischen Versuchen gelassen hat. Bitte schik mir doch auch nächstens eins deiner neuen Gedichte. Wir wollen sie uns brieflich gegenseitig recht genau recensiren und Tadel und Lob nach Verdienst erheben. Es würde mir dies sehr viel Spaß machen. — Auch habe ich jetzt noch eine neue Idee. Ich schreibe mir nämlich wenn ich gerade nichts andres zu thuen habe, in lateinische Sprache das auf, was ich vielleicht irgend wann gehört oder gelesen habe, indem ich mich dabei (nach der Anweisung des Kater Murr) bemühe, lateinisch zu denken. Es geht leichter als man glaubt. Nun lebe wohl, lieber Wilhelm.

Semper nostra manet amicitia!

Dein Fritz.


(Ein andermal will ich mehr schreiben. Grüße vielmals. Schreib’ mir recht bald!

Mailied. —

                    1. Die Vöglein singen wonnig
Weit in den Wald hinein
Die Fluren liegen sonnig
In holdem Maienschein
Die Bächlein rauschen milde
Durch blühende Gefilde
Und Lerchen jubeln drein:
O kann’s was schönres geben
Als den Mai, als den Mai allein!

                    2. Was mir im Herzen traurig
Verzagt und trübe war
Was oede rings und schaurig,
Das ist nun sonnenklar.
Die Blumen hold entsprießen
Auf blüthenreichen Wiesen
Und Bienen summen drein:
O kanns was schönres geben
Als den Mai, als den Mai allein!

                    3. O unbegrenzte Fülle
Von lauter Seligkeit
O Wonne, o umhülle
Mein Herz mit seinem Leid!
Laß schwinden und vergehen
Was nicht wie Frühlingswehen
Dir rauscht in’s Herz hinein.
O kann’s was schönres geben
Als den Mai, als den Mai allein!

                    4. Ich möchte mich versenken
In dieses Meer von Lust
Ein süßes Drangedenken
Erfüllt schon froh die Brust
Ich möchte dich umfassen
Und nicht mehr von mir lassen
O Frühling zieh’ herein!
S’ kann ja nicht’s schönres geben
Als den Mai, als den Mai allein!

     Ich schicke dir anbei eine Art Fortsetzung meiner Biographie. Es werden noch mehrere Blätter folgen. Bitte, hebe sie recht sorgfältig auf!

I.

     Es war an einem Dienstag Morgen, als ich aus den Thoren der Stadt Naumburg herausfuhr. Die Morgendä[m]merung lag noch rings auf den Fluren und am Horizont zeigten nur einige mattbeleuchtete Wolken das Herannahen des Tages. Auch in mir herrschte noch eine solche Dämmerung: noch nicht war in meinem Herzen eine rechte Sonnenfreudigkeit aufgegangen. Die Schrecken der bangen Nacht umlagerten mich und ahnungsvoll lag vor mir die Zukunft in grauen Schleier gehüllt. Zum ersten Male sollte ich mich von dem elterlichen Hauße auf eine lange, lange Dauer entfernen. Unbekannten Gefahren ging ich entgegen; der Abschied hatte mich bang gemacht und ich zitterte im Gedanken an meine Zukunft. Dazu bedrängte mich das bevorstehende Examen, das ich mir mit schrecklichen Bildern ausgemalt hatte, der Gedanke, von nun an niemals mich meinen eigenen Gedanken übergeben zu können, sondern immer von Schulgenossen fortgezogen zu werden von meinen Lieblingsbeschäftigungen, ungemein. Auch vorzüglich, daß ich meine lieben Freunden lassen sollte, daß ich aus den gemüthlichen Verhältnissen in eine neue, unbekannte, starre Welt treten sollte, beengte meine Brust und jede Minute wurde mir schrecklicher, ja als ich Pforta hervorschimmern sah, glaubte ich in ihr mehr ein Gefängniß, als eine alma mater zu erkennen. Ich fuhr durch das Thor. Mein Herz wallte über von heiligen Empfindungen; ich wurde empor gehoben zu Gott in stillem Gebet und tiefe Ruhe kam über mein Gemüth. Ja Herr, segne meinen Eingang und behüte mich auch in dieser Pflanzstätte des heiligen Geistes leiblich und geistig. Sende deinen Engel daß er mich siegreich durch die Anfechtungen, denen ich entgegengehe, führe und laß mir diesen Ort zu wahren Segen für ewige Zeiten gereichen. Das hilf, Herr!
     Amen. —


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches

Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen

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