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1863

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BVN-1863,1

An Franziska Nietzsche in Naumburg

[Pforta, Anfang Januar 1863]


So bin ich denn nun wieder in dem gewöhnlichen Fahrgleis; indessen es will noch gar nicht vorwärts gehen, zum Arbeiten habe ich gegenwärtig noch wenig Lust und Ausdauer. Auch körperlich ist es mir nicht zu angenehm; ich schlafe nicht gut und bin zum Arbeiten nicht ruhig genug. Kannst du mir nicht etwas Brausepulver schicken? Sende mir überhaupt nächstens die Kiste mit Wäsche, insbesondere Hemden. Jetzt übrigens keine Stolle zu haben vermisse ich sehr, da alle welche haben.
     Diese Ferien waren doch sehr nett von Anfang bis zu Ende und ich danke euch allen recht für eure Liebe und Freundlichkeit.
     Meinen Rock übersendet mir ja recht bald, es fehlt mir sehr daran. Es wird nun doch wieder nöthig sein, einen neuen Tutor zu suchen, da Dr. Heinze doch ganz wahrscheinlich nach Oldenburg kommt. Er wurde Sonnabend durch ein Telegramm dorthin gerufen, um sich vorzustellen. Die Stelle hat 1000 Thaler und nach drei Jahren für jedes Jahr seines Lebens als Pension 600 Thl. Also nicht zu verachten!
     Schreibe mir, an welchen Lehrer Du denkst? Peter nicht; vielleicht Korssen oder Koberstein, oder Kern oder Volkmann. Von den andern aber ja niemand.

Herzliche Grüße.
Dein Fritz.


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BVN-1863,2

An Rosalie Nietzsche in Naumburg

Pforta am 12 Januar 1863
morgens.


Liebe Tante.

Leider fällt auf Deinen lieben Geburtstag keiner meiner Spaziergänge, und ich kann deshalb nicht im Kreise aller Glückwünschenden dies schöne Fest feiern. Sei es mir darum vergönnt, in einigen Zeilen das auszusprechen, was ich von guten Wünschen für dich in meinem Herzen hege. Du hast mir immer so viel Liebe erwiesen; noch das letzte Weihnachten legt Zeugniß von dieser Liebe ab, die gern und mit vollen Händen giebt und die immer sorgt, ob es mir wohl geht, und immer bedacht ist, was mir noch fehle. Für diese Liebe zu danken und in schwachen Worten die Herzenswünsche auszudrücken, durch die ich einzig meine Dankbarkeit erzeigen kann, ist darum immer und an Tagen wie heute besonders eine meiner ersten und liebsten Pflichten gewesen; und mehr noch als diese wenigen Worte sagen können, magst Du mir selbst in meiner Seele lesen, liebe Tante!
     Was soll ich nun noch alles aufzählen, was unserm kurzsichtigen Ermessen als wünschenswerth erscheint; alles, was Deine Seele erfreut und das Leben schmückt, ist mehr ein innerlicher Segen als ein äußerlich Gut, das hinfällig und vergänglich ist. Das aber wünsche ich Dir, daß nach Jahresfrist Du ein glückliches, herzerwärmendes Jahr wieder zu der Zahl der vergangnen hinzulegst und gestärkt in Herz und Muth die Zukunft als ein Geschenk hinnimmst, das nur erquickend und voller Segen sein kann.
     Lebe recht wohl und glücklich!

Fritz.


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BVN-1863,3

An Franziska Nietzsche in Naumburg

[Pforta, Februar 1863]


Liebe Mamma.

Nachdem meine Schuhexpedition gestern ziemlich resultatlos verlaufen war, bin ich auf dem Hinwege nach Pforta noch in Almrich eingesprungen, um noch Abschied von einem Primaner zu nehmen, den das Mißgeschick getroffen hatte geschaßt zu werden. Ziemlich die ganze Prima war zugegen, denn der Arme war allgemein sehr beliebt; der Abschied war natürlich sehr traurig. —
     In Pforta brachte mir der Schneider meinen Anzug; er scheint leidlich zu passen. Den Rock hat er noch einmal mitgenommen. Heute nach Mittag ist wieder eine große Probe im Turnsaal, die Sache ist ziemlich langweilig. Ich freue mich indessen nicht wenig auf die Fastnachtstage; ich gedenke sie in Pforta möglichst lustig zu verleben, man kommt doch einmal auf eine kurze Zeit aus dem ewigen Trott heraus; Tag für Tag geht das so langweilig hin; wenn nur die Osterferi[e]n bald da wären! Mit Heinze habe ich im Betreff Kletschkens gesprochen, das Gespräch war sehr kurz und kühl „Sie sind ja nur noch anderthalb Jahr da“ sagte er.
     Heinze ist übrigens Oldenburgscher Professor geworden, aber jetzt noch nicht so zu titulieren, sondern erst von dem Tage seines Aufenthalts in Oldenburg an. Auch eine Direktorstelle an einem preuß. Gymnasium ist ihm angetragen worden, die er natürlich ausgeschlagen. — Orden zum Kotillon und Tanzkarten sind natürlich schon bestellt, ich denke, die Sache soll nicht ungemüthlich werden.
     Der Zweck meines Briefes ist übrigens, vor allem dich um Geld zu bitten für Fastnachten, ich bin abgebrannt wie eine Kirchenmaus und doch in der dringenden Lage, Geld, möglichst viel Geld zu brauchen. Meine Zeitungen habe ich auch noch zu bezahlen. Thue ein Uebriges, liebe Mamma und übersende mir irgend einen kleinen Wechsel und hilf mir und meiner Kasse wieder auf die Beine. Auch bei Eisentraut habe ich noch einiges zu bezahlen. Also wie viel ich brauche, wird dir klar sein. Einen Thaler habe ich ja so noch von Weihnachten her bei dir liegen. Lege noch einen hinzu und ich bin sehr zufrieden.

Dein Fritz.


Uebersende das Geld mit den Strümpfen, Weste, Slips. Viele Grüße an Lisbeth und den Onkel.


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BVN-1863,4

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Eilenburg

Pforta am 1 März 1863.


Liebe Mamma!

Nachdem ich am vorigen Sonntag, ohne eine Ahnung davon zu haben, daß ihr verreist seid, nach Naumburg gegangen war und nur den Onkel zu Hause getroffen, habe ich Tag für Tag auf einen Brief von dir gewartet, den ich auch Freitag Nachmittag zu meiner großen Freude bekam. Es scheint euch ja sehr wohl zu gehn; ich wäre selbst am liebsten mit in Eilenburg, wo ich so lange nicht gewesen bin. Nun weiß ich nicht einmal, wie ihr euch in Pforte amüsirt habt; Der Ball kam mir im Allgemeinen ziemlich gemüthlich, nur etwas langweilig vor. die Obersecundaner haben nach meiner und aller Meinung famos gespielt und unser Spiel ist etwas dagegen abgefallen. Das Hauptverdienst ist in jeder Weise Meyer zu zuschreiben, der die ganze Geschichte geleitet hat. — Wir haben die Zeit jetzt ungewöhnlich viel zu thun. Ueberall Repetitionen, da das Ende des Semesters nahe ist. Wird denn Lisbeth am Königsgeburtstagsball theilnehmen? —
     Das Ereigniß dieser Tage ist, daß Meyer zu unserm größten Leide relegiert worden ist und zwar wegen eines Prello nach Almrich, das er mit meheren meiner Bekannten unternahm, aber auf dem Rückweg von meheren Lehrern gefaßt wurde. Um so mehr thut uns dies wehe, als Meyer in dem letzten halben Jahr sehr gut bei den Lehrern stand und sich selbst sehr anstrengte. Es sind auch von den Lehrern alle mögliche Maßregeln getroffen worden ihn zurückzuhalten, aber einige erschwerende Umstände verhinderten dies. die letzten Tage seines Aufenthaltes leben wir nun ganz noch zusammen, von allen Seiten werden ihm Beweise der Liebe und Anhänglichkeit zu Theil; denn er wird von allen, die ihn näher kennen, sehr hoch geschätzt. Dieser Sonnabend, wo die Synode war, und wir in der größten Aufregung, war entschieden der traurigste Tag, den ich in Pforte verlebt. Sein ferneres Geschick ist nun äußerst zweifelhaft, da er gar keine Mittel hat. —
     Ich erwarte sehnlichst eure Ankunft; grüßt meine lieben Eilenburger Verwandten vielemal von mir!
          Lebt recht wohl!

Fritz.


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BVN-1863,5

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Pforta, vermutlich 8. März 1863]
Sonntag, Abend.


Liebe Mamma!

Sehr angenehm, daß ihr glücklich wieder angekommen seid und mir sicherlich viel zu erzählen haben werdet. Um so mehr that es mir leid, daß ich heute ob des schlechten Wetters nicht nach Naumburg kommen konnte. Denn ich hätte euch auch etwas angenehmes zu erzählen gehabt; daß ich nämlich seit gestern zum Famulus von H. Pred. Kletschke ernannt worden bin; er läßt sich dir vielemal empfehlen. Da er jetzt übrigens gerade die Inspektionswoche hat, so bin ich heute und diese ganze Woche in voller Amtsthätigkeit; daß ich mich an ihn empfehlen lasse, ist mir nun ganz gewiß.
     Bewerkstelligen wir also nächsten Sonntag eine Zusammenkunft in Almrich; mit diesem Tag beginnt unsre Examenzeit. Diese acht Tage sind noch sehr schwierig und unbequem. Unsre Osterferien sind übrigens gekürzt; fast weiß ich nicht, ob ich überhaupt verreise. Sie dauern von Mittwoch vor dem Fest bis Mittwoch nach dem Fest, also 8 Tage. Sollte ich bis dahin in irgend eine größere Arbeit hineingerathen, so werde ich wohl diesmal hier bleiben und arbeiten, besonders da der H. Rektor diese Zeit als besonders geeignet für Privatlektüre empfohlen hat.
     Indessen zieht mir die Sehnsucht auch sehr wieder nach Naumburg; schreibt mir eure Ansichten darüber.
     An H. Kletschke schreibst du wohl einen Dankesbrief mit einigen Worten über deinen Wunsch, daß ich mich an ihn empfehlen lasse. Den Brief schicke an mich, das Weitere werde ich dann abmachen.
     Wie geht es denn dem lieben Onkel? Lisbeth ist mir noch viel zu erzählen schuldig. Schreibt alle recht bald und lebt wohl!

Fritz.


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BVN-1863,6

An Hermann Kletschke in Pforta (Zettel)

Pf. 31. März 63.


Nietzsche bittet um die gütige Erlaubniß, seinen Schrank reparieren zu lassen.
                    Stube IX, Schrank V.


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BVN-1863,7

An Hermann Kletschke in Pforta (Formular)

Pforta, den 10 April 1863


Der Alumnus Nietzsche bittet um die Erlaubniß, sich folgende Bücher verschreiben zu lassen:
                    Thucydides, ed. Krüger.


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BVN-1863,8

An Hermann Kletschke in Pforta (Zettel)

Pforte, 10. Apr. 63.


Nietzsche bittet um 5 Srg. Portogeld.


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BVN-1863,9

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Pforta, 10. April 1863]


Liebe Mamma!

Neulich Abends bin ich glücklich nach Pforta gekommen, ohne angefallen zu werden oder in den Graben zu fallen oder mich zu verlaufen, ob ich schon allein gieng. Bekam am andern Morgen zu rechter Zeit alles, außer Kamm; es wäre mir übrigens etwas Eßbares wie Wurst oder dergleichen höchst erwünscht. Genug!
     Es geht mir wohl wie euch hoffentlich; meine Jungens sind angekommen, heißen Backs und Redtel, also für Onkel Theobald alte Bekannte, mir recht angenehm. Hr. Pastor ebenfalls sehr froh; mein Mittlerer ist Arndt.
     Ich habe viel über den lieben Onkel erzählt, Hr. P[astor] wird sehr bald schreiben. — Richard ist nach Quarta in die untern Regionen versetzt.
     Falls die Plauener kommen oder da sein sollten — wendet doch alle Maschinen an, sie heraus zu bewegen.
     Jetzt war wieder Hrr Past. da mit den beiden Jungens, die nun an meinem Tisch bleiben; ich habe ihnen verschiedenes besorgt.
     Sie scheinen gefällig und bildsam zu sein. — Waren die Ferien nicht niedlich? Wir haben sie wohl genossen. Das Arbeiten gefällt mir wieder gut.
     Morgen fangen die Lektionen an.
     Ob wir uns Sonntags sehn? Ich habe noch bei Domrich Einiges abzumachen.
     Nun lebt recht wohl! Denkt allesammt oft an mich.

Fritz


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BVN-1863,10

An Hermann Kletschke in Pforta (Zettel)

Pf. 11 Apr. 63.


Nietzsche bittet um die gütige Erlaubniß, sich 6 Schreibhefte und Gänsefedern anzuschaffen.


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BVN-1863,11

An Franziska Nietzsche in Naumburg

[Pforta, 16. April 1863]
Donnerstag früh.


Liebe Mutter.

Wenn ich dir heute schreibe, so ist es mir eins der unangenehmsten und traurigsten Geschäfte, die ich überhaupt gethan habe. Ich habe mich nämlich sehr vergangen und weiß nicht, ob du mir das verzeihen wirst und kannst. Mit schwerem Herzen und höchst unwillig über mich ergreife ich die Feder, besonders wenn ich unser gemüthliches und durch keine Mißlaute getrübtes Zusammenleben in den Osterferien mir vergegenwärtige. Ich bin also vorigen Sonntag betrunken gewesen und habe auch keine Entschuldigung weiter, als daß ich nicht weiß, was ich vertragen kann und den Nachmittag gerade etwas aufgeregt war. Wie ich zurückkam, bin ich von Ob[er]l[ehrer] Kern dabei gefaßt worden, der mich dann Dienstag in die Synode citieren ließ, wo ich zum Dritten meiner Ordnung herabgesetzt und mir eine Stunde des Sonntagspaziergangs entzogen wurde. Daß ich sehr niedergeschlagen und verstimmt bin, kannst du dir denken und zwar mit am meisten, daß ich dir solchen Kummer bereite durch eine so unwürdige Geschichte, wie sie mir noch nie in meinem Leben vorgekommen ist. Und dann wie thut es mir auch des Pred. Kletschke wegen leid, der mir erst solches unerwartetes Vertraun erwiesen! Durch diesen einen Fall verderbe ich mir nun meine leidliche Stellung, die ich mir in vorigem Quartal erworben hatte, völlig. Ich bin auch so ärgerlich über mich, so daß es mit meinen Arbeiten gar nicht vorwärtsgehn will und kann mich noch gar nicht beruhigen. Schreib mir doch recht bald und recht streng, denn ich verdiene es, und keiner weiß mehr als ich, wie sehr ich es verdiene.
     Ich brauche dich wohl nicht weiter zu versichern, wie sehr ich mich zusammennehmen werde, da es jetzt sehr darauf ankommen wird. Ich war auch wieder zu sicher geworden und bin jetzt, allerdings höchst unangenehm, aus dieser Sicherheit aufgescheucht worden.
     Heute werde ich zu Pred. Kletschke gehn und mit ihm reden. — Bitte, erzähle übrigens die ganze Sache nicht weiter, wenn sie sonst nicht schon bekannt sein sollte.
     Schicke mir übrigens doch baldigst meinen Shawl, ich leide jetzt immer noch an Heiserkeit und Brustschmerzen. Auch den betreffenden Kamm.
     Nun lebe wohl und schreib mir ja recht bald und sei mir nicht zu böße, liebe Mutter.

Sehr betrübt
Fritz.


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BVN-1863,12

An Hermann Kletschke in Pforta (Zettel)

Pf. 18. [April?] 63.


Nietzsche bittet um die gütige Erlaubniß, sich den Thucydides einbinden zu lassen.


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BVN-1863,13

An Franziska Nietzsche in Naumburg

[Pforta, 27. April 1863]


Liebe Mamma!

Ich bin seit einigen Tagen auf der Krankenstube wegen meiner Heiserkeit; sie wollte gar nicht weichen; ein fataler Schnupfen stellte sich ein. Letzterer verschwindet immer mehr auf der Krankenstube, aber die Heiserkeit ist noch da. Gestern, Sonntag, habe ich früh ein Paar Blutigel an meinem Halse gehabt; sie sogen gut, es ist auch ein wenig besser. Ich muß sehr diät und warm leben und nicht viel sprechen.
     Ich benutze die Zeit zu vielem Schreiben und Schlafen. Es ist langweilig, wenn ich nicht interessante Lektüre hätte. Mitunter besucht mich auch Jemand. — Der Doktor ist heute verreist zu seinem Vater, Dr. Rosenberger versieht seine Dienste.
     Ich hatte dir neulich schon geschrieben, schickte den Brief dann aber nicht ab, denn er konnte dich ängstigen, da ich auf die Krankenstube gehn wollte.
     Das Wetter ist schlecht und wechselvoll; ich bin froh, jetzt in der warmen Stube zu sein, ebenso, daß ich gerade jetzt unwohl bin, wo ich an der schönen Natur nichts verliere. Schade, daß ich jetzt alles Klavierspieln entbehren muß, es kommt mir alles todt vor, wo ich nicht Musik höre. Wie ich noch drüben war, spielte ich sehr viel die vierhändigen Haydn. Sinfonien; kindlich, reizend und rührend sind sie.
     Mitunter und mehr als sonst denke ich über meine Zukunft nach; äußere und innere Gründe machen sie etwas schwankend und ungewiß. Vielleicht könnte ich noch jedes Fach studieren, wenn ich die Kraft hätte, alles andere mir Interessante von mir zu weisen. Schreibe mir doch einmal deine Ansichten darüber; daß ich viel studiern werde, ist mir ziemlich klar, aber wenn nur nicht überall nach dem Brodstudium gefragt würde! —
     Sonnabend vor 8 Tagen war Beichte, Sonntag Abendmahl. Daß ich mir alles Beste vorgenommen habe, und die vergangne Geschichte in mannigfacher Beziehung mich zum Nachdenken aufgefordert hat, daß ich besonders alles das, was Du mir geschrieben, reiflich überdacht und auf mich habe wirken lassen — das will ich nicht weiter versichern, ich hoffe, daß mein ferneres Verhalten dafür zeugen wird.
     Sobald ich wieder ganz wohl bin und das Wetter schön, komme ich einmal nach Naumburg. Wir haben uns ja lange nicht gesehn. Es wird euch hoffentlich besser als mir gehen. Ich grüße Lisbeth und den Onkel von Herzen.

Lebt alle recht wohl!
Fritz.


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BVN-1863,14

An Franziska Nietzsche in Naumburg

[Pforta, 2. Mai 1863]


Liebe Mamma.

Dein lieber Brief mit den Brustkaramellen kam mir sehr angenehm, da ich manches wieder von euch hörte was mich ja auch sehr interessirte. Um zuvörderst nun von meinem Unwohlsein Bericht zu erstatten, so ist die Heiserkeit immer noch da und zwar unvermindert; ich trinke seit gestern Selterwasser mit Milch und das scheint die Kehle ein wenig zu erleichtern. Es wird mir allmählich grauenhaft auf der Krankenstube, besonders da heute Wetter und Himmel lustig aussehn. Obwohl ich hier arbeite, will es doch nicht viel werden, da mir immer ein oder das andre Buch fehlt. Ich mache mir Auszüge aus Hettners Literaturgeschichte des 18 Jahrh., überhaupt treibe ich viel Literaturgeschichte.
     Was meine Zukunft betrifft, so sind es eben diese ganz praktischen Bedenken, die mich beunruhigen. Von selbst kommt die Entscheidung nicht, was ich studieren soll. Ich muß also selbst darüber nachdenken und wählen; und diese Wahl ist es, die mir Schwierigkeiten macht. Gewiß ist es mein Bestreben, das, was ich studiere ganz zu studieren, aber um so schwieriger wird die Wahl, da man das Fach heraussuchen muß, worin man etwas Ganzes zu leisten hoffen kann. Und wie trügerisch sind oft diese Hoffnungen! Wie leicht läßt man sich von einer momentanen Vorliebe oder einem alten Familienherkommen oder von besonderen Wünschen fortreißen, so daß die Wahl des Berufes ein Lottospiel erscheint, in dem sehr viele Nieten und sehr wenig Treffer sind. Nun bin ich noch in der besonders unangenehmen Lage, wirklich eine ganze Anzahl von auf die verschiedensten Fächer zerstreuten Interessen zu haben, deren allseitige Befriedigung mich zu einem gelehrten Manne, aber schwerlich zu einem Berufsthier machen würde. Daß ich also einige Interessen abstreifen muß, ist mir klar. Daß ich einige neue hinzugewinnen muß, ebenfalls. Aber welche sollen nun so unglücklich sein, daß ich sie über Bord werfe, vielleicht gerade meine Lieblingskinder!
     Ich kann mich nicht deutlicher aussprechen, die kritische Lage ist einleuchtend, und übers Jahr muß ich mich entschieden haben. Von selbst kommt es nicht, und ich selbst kenne die Fächer zu wenig.
     Genug. — Ich habe eigentlich nichts weiter zu schreiben, als daß ich sehr bedauere, das Brautpaar nicht in Pforta gesehn zu haben.
     Grüße Lisbeth und Onkel recht sehr von mir!
     Lebt recht wohl allesammt!

Fritz.


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BVN-1863,15

An Hermann Kletschke in Pforta (Zettel)

Pf. 5 Mai 63.


Herr Prediger Kletschke wird gehorsamst gebeten um 5 Srg. für fünf Portionen Zucker zu Selterwasser.

Nietzsche


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BVN-1863,16

An Franziska Nietzsche in Naumburg

[Pforta, 11. Mai 1863]
Montag


Liebe Mamma!

Wie gern hätte ich dir im Lauf der Woche Nachricht zukommen lassen, wie es mir geht; aber du glaubst nicht, wie man auf der Krankenstube abgeschnitten lebt. Wie selten kommt ein Mensch herüber und nun gar bei dem schönen Wetter. Dazu keine Schreibmaterialien da. Bis Donnerstag habe ich noch zu Bett gelegen, es eiterte im Ohr ganz tüchtig und eitert noch. Täglich wird eine Art Thee eingespritzt. Hinter dem Ohr haben sich drei kleine Schwären gebildet. Die Nächte habe ich noch recht zu leiden, es ist überhaupt wohl die schmerzhafteste Krankheit, die ich gehabt. Schnupfen habe ich immer noch, aber sonst bin ich viel wohler, wenn auch noch recht matt. Ich gehe jetzt etwas in der Sonne spazieren und kann auch wieder arbeiten. Ich höre aber noch recht schlecht und sehe auch noch nicht so wie gewöhnlich aus. Appetit habe ich auch wieder. Die ganze Woche habe ich mich recht nach Euch gesehnt, schreiben kon[n]te ich nicht und war so allein immer.
     Morgen will ich den Dkr fragen, ob ich herübergehn kann. Ich freue mich recht aufs Schulfest; wenn ich es nur recht genießen kann. Gestern habe ich einen hübschen Brief vom Onkel Edmund bekommen, der euch und Onk. Theobald herzlich grüßen läßt. Er wird in der Woche nach dem 3 Juni kommen.
     Schreibt mir vor dem Schulfest ja noch. Und dann brauche ich nothwendig noch Geld, so auf der Krankenstube wie zum Schulfest.
     Lebt recht wohl! Viel Grüße an Lisbeth und den Onkel. Vielleicht komme ich Mittwoch nach Tische, wenns nicht zu heiß ist nach Naumburg.

In herzlicher Liebe


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BVN-1863,17

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Pforta, 17. Mai 1863]


Liebe Mamma.

Heute, Sonntag, schreibe ich Euch wieder, da ich mich wohler fühle und morgen, falls es da noch besser geht, herüberzugehn gedenke. Ich bin die letzte Zeit sehr verdrießlich gewesen, da ich gar keine Änderung meines Zustandes wahrnahm und doch mit Pillen und Oeleinreibungen gequält war. Noch gestern Nacht hatte ich zwei Stunden lang den fatalsten Hustenanfall mit Schnupfen und fließenden Augen. Heute ist die Heiserkeit geringer, doch noch Schnupfen blieb zurück.
     Das Wetter ist auch so schön, ich sehne mich weg von dieser traurigen Stube, habe auch gar keine Zeit hier zu liegen; Arbeiten von allen Seiten, die drängendsten. Ich habe gegenwärtig große Lust, die Hundstagferien mit Studien hinzubringen; ja ich sehne mich gewissermaßen darnach. Natürlich in Naumburg; Gustav ist wahrscheinlich allein zu Hause, da Krugs verreisen. Ich habe so viel noch zu thun, daß ich die Ferien dazu brauchen muß. Und alles bis Michaelis.
     Das Interesse von Pforta haftet ausschließlich am Pfortaer Schulfest. Die Erwartungen sind die größten, auch für die Damen, da ungefähr 30—50 Offiz. zu erwarten sind. Das Berliner Comité steht über die Anordnungen in fortwährendem Briefwechsel mit dem unsrigen; es besteht aus 12 Mann, Ranke, Lepsius, Ehrenberg und andre Capacitäten an der Spitze. Es werden Alle persönlich angemeldet; einige Abgeordnete, auch Schulze-Delitzsch werden kommen. Das Diner am ersten Tag hat Teichgräber, das des zweiten Eisentraut; es wird auf 200— 400 Personen gerechnet. Im Turnsal ist das Essen, vorher der Aktus, an dem Stöckert eine deutsche Rede halten wird, famos, sag ich euch. Ihr müßt auch dazu heraus. Bewerbt euch bald um Einladungen, es ist hohe Zeit. Am zweiten Tag ist Bergtag, darnach vielleicht Ball. Geld wird die Geschichte kosten, auch den Alumnen. Aber es wird sehr lustig, wofern alles gut abläuft und man sich überhaupt amusiren will. Ungelegen ist mir’s nur, weil’s mir noch mehr Zeit zum Arbeiten wegnimmt.
     Nun lebt allesammt recht wohl! Schreib mir recht bald, liebe Mamma, auch meine letzten Zeilen harren noch auf eine Antwort. Adieu!

Fritz.


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BVN-1863,18

An Hermann Kletschke in Pforta (Zettel)

Pf. 20 Mai 63.


Nietzsche bittet um die gütige Erlaubniß, sich ein Buch Papier und ein Kästchen Stahlfedern anzuschaffen.


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BVN-1863,19

An Hermann Kletschke in Pforta (Zettel)

Pf. 20 Mai 1863.


Herr Prediger Kletschke wird gehorsamst gebeten um 5 Srg. für fünf Portionen Zucker zur Medizin.

Nietzsche


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BVN-1863,20

An Hermann Kletschke in Pforta (Zettel)

Pf. 20 Mai 63.


Nietzsche bittet um die gütige Erlaubniß, sich Seife anzuschaffen.


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BVN-1863,21

An Hermann Kletschke in Pforta (Zettel)

[Pforta,] 21. 5.63.


Nietzsche bittet um 5 Srg. zum Schulfest.


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BVN-1863,22

An Hermann Kletschke in Pforta (Zettel)

[Pforta,] 22 Mai 63.


Nietzsche bittet um 5 Srg zum Bergtage.


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BVN-1863,23

An Hermann Kletschke in Pforta (Zettel)

Pf. 30 Mai [1863]


Nietzsche bittet um 5 Srg. zum Bergtag.


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BVN-1863,24

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Pforta, Ende Mai—Anfang Juni 1863]


Hier übersende ich dir recht schmutzige Wäsche, theilweise noch von meiner Krankheit her, außerdem die versprochnen Noten, dazu etwas, was ihr der Tante mitschicken möget „ein Albumblatt“ wenig aber mit Liebe, wie auf allen Albumblättern. Etwas Neues habe ich nicht erlebt, heute habe ich schon sehr viel gearbeitet, das Wetter ist schön, Sonnabend denke ich euch wieder zu besuchen. Heute Nachmittag werde ich zu Hr. Pred. Kletschke gehn und alles ausrichten. Wenn du mir meine Kiste wieder schickst, liebe Mama, kannst du mir vielleicht einmal Kirschen mitschicken, ich habe noch keine einzige dies Jahr gegessen. Ihr habt mir ja lange, sehr lange nichts geschickt. Auf die Ferien freue ich mich mopsartig, eigentlich wie jemals kaum. Macht mir nur die Stube recht hübsch zurecht, so daß sie nicht mehr so riecht und es recht frisch drinn ist. Mein Tageslauf wird etwa folgender sein: Früh circa 4—5, stehe ich auf, arbeite etwas, trinke um 6 mit euch dann Kaffe, arbeite dann wieder bis gegen neun, spiele dann mit Gustav den einen Tag bei Krugs, den andern bei uns vierhändig, gehn dann zusammen baden; zu Mittag bin ich wieder da und den Nachmittag bin ich zu eurer Disposition vollkommen, wofern ihr mich nicht jeden Tag in Gesellschaften schleppen wollt. Indessen zusammen spazieren gehn, bei rechter Gluth, darauf freue ich mich.
     Nun lebt recht wohl! Uebermorgen hoffentlich auf Wiedersehn!

Euer Fritz.


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BVN-1863,25

An Hermann Kletschke in Pforta (Zettel)

[Pforta,] 7 Juni 63.


Nietzsche bittet um die gütige Erlaubniß, sich ein Buch w[eißes] Papier anzuschaffen.


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BVN-1863,26

An Hermann Kletschke in Pforta (Zettel)

Pf. 7. Juni 63.


Nietzsche bittet um 16 Srg. für Klaviermiethe pro Quart[al] II.


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BVN-1863,27

An Hermann Kletschke in Pforta (Zettel)

Pforte 14 Juni 63.


Nietzsche bittet um die gütige Erlaubniß, sich ein Buch Conc[ept]papier und eine Flasche Dinte anzuschaffen und zwei Bücher einbinden zu lassen.


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BVN-1863,28

An Hermann Kletschke in Pforta (Zettel)

Pf. 19 Juni 63.


Nietzsche bittet um die Erlaubniß, sich eine Badehose nebst Bademütze anzuschaffen.


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BVN-1863,29

An Hermann Kletschke in Pforta (Zettel)

Pf. 19. [Juni] 63.


Nietzsche bittet um die gütige Erlaubniß, sich ein paar Stiefeln vorschuhen zu lassen.


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BVN-1863,30

An Hermann Kletschke in Pforta (Zettel)

[Pforta,] 23 Juni 63.


Hr. Prediger Kletschke wird um 20 Srg. für Kleiderreinigen gebeten.

FW Nietzsche


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BVN-1863,31

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Plauen i.V., 22. Juli 1863]


Liebe Mamma.

Denkst Du, daß ich dich mit einer langweiligen Reisebeschreibung heimsuchen werde? Nein. Ich verspare mir alles auf mündlich Erzählen. Bis jetzt habe ich alles so erlebt, wie Ihr es Euch denken könnt und habe mich sehr wohl und heiter befunden. Die lieben Tanten thun alles für mich und ich lebe sehr gemächlich, habe oben zwei Stubn zu meiner Verfügung, esse gut, mache viel Besuche usw. Bin viel bei der Anna, habe auch gestern dort gegessen, bin auch bei Brückners gewesen. Allseitige Grüße und Bedauern, weshalb Du nicht mitgekommen.
     Onkel Theodor ist sehr krank, schleichendes Nervenfieber wahrscheinlich, hat Fieber, Schmerz in der linken Seite, daß er sich nicht im Bett bewegen kann, die Leber ist krank. Wir sind alle sehr besorgt. Onkel Hermann ist Montag abgereist; von Apolda aus will er Donnerstags nach Hamburg zur großen Ausstellung.
     Morgen reise ich fort zu Fuß, über Oelsnitz, Triebel, Elster, Asch usw. Geld habe ich nicht mehr als Du mir gegeben. Hilft nichts, wird trotzdem gereist. Die Hand noch nicht aufgethan. Ich lebe wirklich sehr fidel.
     Heute geht es zu Adolfs, zur Helene, zur Ottilie und Abends noch zur Anna, wenn ich nicht Abends zu Brückners eingeladen werde.
     Wichmanns ziehn bald in ihr drittes Logis; Du kennst es, das prachtvolle Eckhaus, wo Markgrafs drin wohnten, ich habe es mir neulich im Innern genau angesehn. Es ist hier wohl immer noch das schönste Haus. Kostet 140 Th. Miethe, ihr jetziges 170 Thl; doch ist es nicht sehr geräumig und alle freuen sich sehr auf das neue, sehr geräumige Logis.
     Wenn ich wieder zurückkomme? Weiß ich gar nicht. Etwa 6, 7 Tage reise ich, dann bleibe ich noch 2 Tage circa in Plauen und komme zurück. Auf glücklich Wiedersehn! Grüß Lisbeth recht schön. Die nun bald verreisen wird nach dem tristen Sangerhausen. Möchte nicht eben mit.
     Sind Briefe an mich da? Laßt sie ruhig unerbrochen liegen. Steht per expr. drauf, schickt sie mir nach Plauen.
     Nun nochmals Adieu! Denkt Ihr viel an mich? Ich sehr oft an Euch. Ihr werdet immer denken können, wo ich gerade bin.
     (Wenn nur mehr Geld!)

Euer Fritz.


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BVN-1863,32

An Elisabeth Nietzsche in Sangerhausen

[Naumburg, 4. August 1863]


Liebe Lisbeth!

Es ist heute mein letzter Ferientag, und für eine Zeit hat es nun wieder geschnappt. Gern möchte ich dir noch Nachricht davon geben, wie ich meine Tage vollbracht, da du leider abhanden gekommen bist, und ich dir nicht mündlich meine Abenteuer erzählen kann. Genug, daß ich auf der Straße von Wunsiedel nach Weißenstadt mich darüber ärgerte, daß du, wenn ich zurückkomme, verreist seist. Nun mag es dir recht wohl gehn und mir ist’s ebenso gegangen — arbeiten — nicht gerade gar nichts — erlebt — nicht gerade sehr viel — aber alles in einer netten, glatten Form, mit einem Anstrich von Eleganz und Leichtlebigkeit, aber auch in humoristischem Gegensatz mit einem starken Aufguß von baierischer Biergemüthlichkeit; ich bin ein wenig dicker geworden und habe mich von meiner Anstrengung durch tägliche Mittagsschläfchen wieder hergestellt. Jetzt nun — o jerum — bis zu nächsten Hundstagen lachende Aussichten auf nichts als Arbeit, Mühe, Schweiß.
     Mein Leben in Plauen — du kennst es und kannst es dir vorstellen, meinen Brief an Mamma hast du auch gelesen, näheres, wenn es dir gefällt — was wir gegessen, gesprochen, gelesen, besucht, erfahren, spazierengegangen — kann ich dir mündlich mittheilen. Durchweg sehr niedliche Stimmung, ohne eingreifende Ereignisse, wie Ball oder Conzert, aber doch im Vollgenuß eines Privatlebens unter Verwandten. Dann bin ich eine Woche von dort verreist; notizenhaft will ich dir alles mittheilen; denke dir alles in novellistischem Style vorgetragen, und du hast manche interessante Scenen darunter.
     Donnerstag. Wetter unsicher, Abschied, nach Ölsnitz, mit einem Handwerksburschen und Buchbinderlehrjungen, dort Schützenfest, Auszug, Diakonus Strubels, mit ihm über Schießhaus nach Voigtsberg, zurück, nach Mittag mit ihm nach Triebel, dort auf dem Wege Schulrevisionen von ihm, dem interimistisch[en] Rektor. Bei Pastor Strobels.
     Freitag. Früh auf dem Kirchberg, („denkst du daran, mein…“?) nach Tische wieder nach Oelsnitz, den Abend auf dem Schießplatze, Volksfest, gemüthlich. Dort geschlafen.
     Sonnabend. Fort bis Elster sehr heiter, auf und ab, in Pförtner Trapp, Waldfelsen mit rothen Blumen, Onkel Hugo Lehmann schon fort, nach Asch, böhmische Paßrevision, auf einem Leiterwagen, zu Stößens, Abends nach Neuhausen, baierischem Grenzort, dort mit dem Direktor getrunken bis 12. Dann in Asch geschlafen.
     Sonntag. Turnerfahnenweihe, Volksfest, mit ausgezogen, Reden von Bürgermeister, von drei Damen, die auf den Hund kamen. Dann wieder nach Neuhausen, dort bis 1 Uhr Nacht. Mit baierisch., böhmischen, Grenzbeamten zusammen.
     Montag. Um 9 Uhr fort nach Franzensbad, wo ich etwa ½2 eintreffe, hoher Luxus, Modejournale von Menschen, dort Conzert gehört, bis 5 mich unter den Puppen bewegt, unter Larven und Polinnen (kohlschwarz) die einzig fühlende Brust. Nach Eger, altes, berühmtes, grauschwarzes Schloß angesehn, alles katholisch, Heiligenbilder ganz bunt, dann um 8 noch fort durch Waldungen, mit einem Bierbrauer und Wirthschaftsbesitzer 3 Stunden noch gegangen, es regnet etwas. Ueber die baierische Grenze. Dorfkneipe, zwischen Fuhrmann und Hausknecht auf der Streu. Schnarcht gewaltig, stinkt nach Pferd.
     Früh Dienstag um 5 fort durch Wald nach Wunsiedel 6 Stunden, durch und durch naß, im Kronprinzen umgezogen und table d’hôte gegessen, fin, auf die Luxburg, in Begleitung eines jungen Doktor, ein Berg in granitnen Trümmern, Felsenlabyrinth, mit langem Moose, Fichten durchwachsen, Durchbrüche, Schlünde, Brücken, Leitern. Zurück über Wunsiedel nach Weißenstadt, links Schneeberg und Rudolphstein, Abends um 9 Uhr dort im Löwen gut gespeist (Suppe Forellen Kartoff. Bier), sehr gut geschlafen (Sprungfedermatratzen, alles sehr elegant) gut gefrühstückt, recht gut bezahlt, fort nach den Waldstein
     am Mittwoch, ein Gewitter mit starkem Regen, zwei Stunden darin aufwärts gestiegen, endlich Treppen und Leitern, Glashäuschen, umgezogen, wundervolle Weitsicht, weiße Nebelmassen aus den Schluchten nach dem Gewitter, herab nach Schwarzenbach zu, vielfach verlaufen, allmählich Landregen, in Schwarzenbach durch und durch naß auf Eisenbahn gesetzt, nach Plauen gefahren. Dort sehr erwartet. Sic! Was dort noch erlebt, nicht viel. Der Onkel Theodor sehr gefährlich krank. Am Sonntag bin ich wieder zurück gereist und habe sehr gemüthlich und nett mit der Mamma noch das Kirschfest verlebt. Nun ist’s aus. Grüße den Onkel und die Tante recht schön von mir, bleibe mir recht gesund, amüsir’ dich recht (mit deinen L–tnants), grüße auch in Gorenzen alles recht von mir und denke mitunter einmal an mich, wenn du zum Schreiben keine Zeit hast. Leb recht wohl! Gutes Thierchen!

Fritzchen!
Das Alumnuschen.


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BVN-1863,33

An Franziska Nietzsche in Naumburg

[Pforta, 22. August 1863]
Sonnabend früh.


Liebe Mamma.

Entschuldige recht, daß es mir nicht möglich war eher zu schreiben oder selbst zu kommen. Ich hatte besonders viel, mehr als gewöhnlich zu thun. Und wie gern hätte ich dich gerade nach den Brief dreier betrübenden Nachrichten gesprochen. Ich bin so verstimmt und ärgerlich und gewissermaßen so wüthend, daß alles dies so gekommen. Der gute Onkel Theodor! Hab ich ihn also doch nicht wieder gesehn! Ich habe sein Bild mir diese Tage so oft angesehn und immer bei mir getragen. — Und dann mache ich mir Vorwürfe, daß ich in [den] Hundstagen nicht nach Gorenzen gereist bin. Du kannst überzeugt sein, es wäre anders gekommen mit beiden. Und denkt ihr denn, daß das Seebad hier alles thun wird? Für das Körperliche, vielleicht, möglich; für das Geistige, was doch immer Hauptsache ist, nimmermehr. Vor allen kann Tante Sidonie keine Minute mehr bei ihm bleiben. Dem Onkel wärs besser zu reisen, in ein Gebirge, zu Fuß, als in der Ruhe eines kleinen Badenestes zu verdumpfen. Die andre Geschichte ist eine Lächerlichkeit, ein Rückschlag unsrer Naumburger Tinkaidee, eine Folge seines geistigen Uebelbefindens, auf keinem Fall bindend, auch für den Fall eines Verlöbnisses. Wenn ich nur dort wäre! Schreiben werde ich nicht an den Onkel. Wenn er in Maßnitz ist, sag ihm, ob er nicht etwas nach Pforta kommen könnte.
     Nun leb wohl. Morgen gedenke ich Euch in Almrich zu sehn und hoffe und freue mich darauf Lisbeth zu finden, die ich so lange nicht gesehn. Nächste Woche ist also die Hochzeit, ich bedaure, ganz bestimmt nicht kommen zu können.
     So. Seid recht wohl!

Euer Fritz.


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BVN-1863,34

An Hermann Kletschke in Pforta (Zettel)

Pf. 27. Aug. 63.


Nietzsche bittet um 10 Srg. für Sängerfahrt und Bergtag.


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BVN-1863,35

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Pforta, 29. August 1863]
Sonnab. früh.


Liebe Mamma!

Wie ich hoffe seid ihr wieder zurückgekehrt; wie ich erwartete, wurde mir zu kommen natürlich nicht gestattet. Es wird wohl recht nett gewesen sein, die Verwandten habe ich nun nicht kennen gelernt. Nun, es kann ja immer noch bald genug geschehn. Natürlich habt ihr also von mir keinen Brief mitbekommen, wohl nicht einmal meine Grüße und Glückwünsche. Das thut mir recht leid. — Nun werd ich doch endlich Lisbeth wieder zu sehn bekommen; nicht wahr, Sonntag in Almrich, wenn es nicht zu heiß ist, sonst kommt ja nicht, ich auch nicht.
     Vorigen Mittwoch war Sängerfahrt auf der Rudelsburg, sehr besucht von Kösen, da das Wetter sehr schön war. Hr. P[astor] Backs habe ich viel gesprochen, er läßt den Onkel Theobald bitten, recht herzlich bitten, ihn doch jetzt auf längre Zeit zu besuchen; er zöge wieder in sein Stübchen usw. — Sagt es ihm.
     Donnerstag Nachmittag war Bergtag bei dem angenehmsten Wetter der Welt. Schade daß ihr nicht da ward, es war sehr hübsch und amüsant. Ich habe leidlich viel getanzt. Frau Geheimeräthin Redtel war da alsam ihren Töchtern. Ich werde sie öfter besuchen, da ich eingeladen bin und es sehr liebenswürdige Menschen sind.
     Ich habe sehr viel zu thun, und bin in fortwährender Thätigkeit. Dabei schwitze ich greulich. Könnt ihr mir nicht ein paar Flaschen Soda besorgen?
     In herzl. Liebe

votre tres cher
fils et frère Fréd.


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BVN-1863,36

An Hermann Kletschke in Pforta (Zettel)

Pforte 30 Aug. 63.


Nietzsche bittet um die gütige Erlaubniß, sich ein Buch w[eißes] Papier und ein Kästchen Stahlfedern anzuschaffen.


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BVN-1863,37

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Pforta, 6. September 1863]
Sonntag Abends um zehn Uhr.


Meine Grüße Euch allen!

Nicht wahr, ein paar Zeilen von mir kommen Euch jetzt recht erwartet, da ich heute selbst doch nicht kommen konnte. Ob ich zwar gleich selbst nichts erlebt habe; hingegen dachte ich im Fluß voriger Woche einen Bogen voll der buntesten, niedlichsten Erlebnisse zu bekommen; aber die Woche ist vorübergehinkt und hat mir nur einen Zettel gebracht, aus dem ich erfuhr, daß ihr meiner noch gedächtet und daß meine Wäsche schmutzig sein müsse, was wirklich seltsamerweise auch wahr war.
     Also heute einige Zeilen, damit ihr erfahrt, daß ich noch lebe, Bücher um mich gewälzt habe und bis nächsten Sonnabend nicht dran denken kann, aus dieser Verschanzung herauszukommen. Dabei bin ich heiter, mitunter verstimmt, erlebe bald gute und lustige bald verdrießliche Dinge, aber das Uhrwerk ist im Gang und schnurrt fort, ob eine Fliege sich auch drauf setzt oder eine Nachtigall dabei singt.
     Allerdings der Herbst und seine gereifte Luft hat die Nachtigallen vertrieben, und die Fliegen haben sich dabei eine Erkältung zugezogen. Und ich liebe den Herbst sehr, ob ich ihn gleich mehr durch meine Erinnerung und durch meine Gedichte kenne.
     Aber die Luft ist so kristallklar, und man sieht so scharf von Erde nach Himmel, die Welt liegt wie nackt vor den Augen.
     Wenn ich minutenlang denken darf was ich will, da suche ich Worte zu einer Melodie die ich habe und eine Melodie zu Worten die ich habe, und beides zusammen, was ich habe, stimmt nicht, ob es gleich aus einer Seele kam. Aber das ist mein Loos!
     Nun gehen sie wieder ab, die Schwalben, die nach dem Süden zu die Segel richten, und wir singen wieder sentimental hinterdrein und schwenken die Seidel, und mancher wischt sich die Nase vor Rührung, denn der Postillon bläst: Schier dreißig Jahre bist du alt!
     Das nennt man heut zu Tage einen Lebensabschnitt, und mancher Abiturient stellt sich jetzt das Leben wie einen Kuchen vor, von dem er das kleinere, etwas verbrannte Stück vertilgt hat, und nun geht er mit Energie und würdiger Vorbereitung daran, das größere, süßere Schnittchen zu beseitigen.
     Und siehe, es bleibt ein schäbiger Rest, den nennt man Lebenserfahrung, und genirt sich, ihn den Hunden vorzuwerfen. Aus Pietät vielleicht. Denn er hat einem viel Zähne gekostet.—
     Bis hierher die wahrheit und dichtungsvolle Einleitung meines Briefes. Jetzt kommt die Hauptsache, bestehend in dem Thatbestand, daß ich eurer oft gedenke, zweitens daß ich weiße Taschentücher brauche, da ich vor lauter Schnupfen blühe, und drittens, daß ich folgende Noten brauche als Leibesnothdurft
                    Schumann, Phantasien, 2 Hefte. „Abends“ usw.
                                        Kinderscenen. 1 Heft.
                    Volkmann, Visegrad.
     Lisbeth, bitte, besorge mir beides ja recht hübsch von Domrich und schicke es mir ja Dienstag heraus. Es ist für Fräulein Anna Redtel. Ich habs versprochen. Bitte!

Fritz
der euch Mittwoch in Almrich zu sehn hofft;
es ist Abiturientenabgang. Lebt recht wohl!


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BVN-1863,38

An Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Pforta, vermutlich 11. September 1863]
Freitag, früh um 5 Uhr.


Meine Grüße voran!

Siehe, ich bekam ihn am Schopfe, nämlich deinen Brief, las ihn und lachte und als ich ihn ausgelesen, lachte ich noch einmal. Also förmlich entsetzt bist du gewesen, weil ich nicht wie gewöhnlich über schmutzige Strümpfe, allerlei Wünsche meines Magens und meiner Kasse und ähnliche saubere Gegenstände, die dir meine Briefe immer so theuer machen, geschrieben habe, sondern weil ich in einem Selektatöchterschulenstyl, in sentimentalen, haarsträubenden Phrasen, den Wunsch aussprach, mir einige Noten zu besorgen: gewiß ein bescheidener Wunsch, der mir aber doch nicht in Erfüllung gegangen.
     Es thut mir leid, dir Schrecken gemacht zu haben, und ich will es gewiß nicht wieder thun, besonders wenn ich befürchten muß, daß du aus Schrecken über das Ungeheuerliche des Briefes seine Pointe ganz vergißt.
     Wir haben gestern schlechtes Fleisch zu Mittag gehabt und werden morgen Klöse essen.
     Der eine meiner Stiefeln hat eine Oeffnung, welche man ein Loch zu nennen pflegt.
     Heute fand man im Primanergarten einen Vogel, der schon der Verwesung nahe war. Es war ein Spatz. Er duftete.
     Wenn es regnet, so wird es naß und wir haben keinen Spaziergang. Trotzdem hatten wir heute Spaziergang.
     Beiläufig bin ich ein „ehrwürdiger Primaner, du eine ehrwürdige Schwester und Domrich ein Buchhändler.

Und indem wir alle drei dies
verbleiben,
empfehle ich mich.


     N.B. Ich hatte eben „Wäsche“, und bin nicht in der Stimmung, dir so gefühlvoll zu antworten, mein „Herzenslieschen, Zuckersüßchen, Mietzemieschen“,
     N.B. alles umschlossen von „Gänsefüßchen“.

Frédéric.


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BVN-1863,39

An Hermann Kletschke in Pforta (Zettel)

[Pforta,] 20 Sept. [1863]


Nietzsche bittet um die gütige Erlaubniß, sich
                    ein Buch w[eißes] Papier
                    ein Buch conc[ept] Papier
                    ein Kästchen Stahlfedern
anzuschaffen.


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BVN-1863,40

An Hermann Kletschke in Pforta (Zettel)

[Pforta,] 20 Sept. [1863]


Nietzsche bittet gehorsamst um 18 Srg. Klaviermiethe.


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BVN-1863,41

An Hermann Kletschke in Pforta (Zettel)

Pf. 23. Sept. [1863]


Nietzsche bittet um 2½ Sg. zum Examenspaziergang.


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BVN-1863,42

An Hermann Kletschke in Pforta (Zettel)

[Pforta,] 24 Sept. 63.


Hr. Prediger Kletschke wird gehorsamst um 20 Srg. für Kleiderreinigen gebeten.

FW Nietzsche.


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BVN-1863,43

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Pforta, 25. September 1863]
Freitag früh um 10 Uhr.


Liebe Mamma.

Morgen also werde ich glücklich die letzte Stufe vor dem Abiturientenexamen erstiegen haben, die mir in Pforte noch zu ersteigen war: ich werde nach Oberprima versetzt. Sende mir doch ja morgen Wäsche, insbesondre Taschentücher und außerdem das nothwendige Uebel, was mit jeder Versetzung verbunden ist: Geld. Also bitte. Ich denke du wirst nun wieder besser bei Kasse sein.
     Sonntag wollen wir uns doch jedenfalls in Almrich sehn, ich freue mich recht darauf. Daß es mit euren englischen Verhältnissen so rasch von Statten geht, soll mir angenehm sein. Nächsten Freitag also komme ich, hoffentlich werde ich noch Platz haben: richtet mir nur das Stübchen recht hübsch ein. Diese Tage jetzt arbeite ich sehr fleißig, es geht nun gewaltsam auf das letzte Jahr zu, man muß sich immer mehr anstrengen.
     Man lebt jetzt recht viel in der Zukunft und macht sich Pläne für die Universitätszeit: selbst meine Studien beginne ich schon darauf einzurichten.
     So werde ich auch jetzt zu meinem Geburtstage mir eigentlich nur wissenschaftliche Werke wünschen, und zwar sind es folgende:
          Die Nibelungen. Herausgegeben von Lachmann. Mit Glossar. 1851. Berlin, Gsellius, 1 Thl. 6 Srg.
          G. Dronke, die religiösen und sittlichen Vorstellungen des Aeschylos und Sophokles. gr. 8. 1861.

Leipzig, Teubner, geh. 24 Srg


          Fr. Schubert, Grand Duo à quatre mains.

Holle, 15 Srg.


     Außerdem nichts weiter. Nur noch diese sachliche Bemerkung, daß ich diesmal vielen von meinem Geburtstagskuchen mittheilen will und muß.
     Der letzte Geburtstag, den wir so nah zusammen verleben. Das nächste Mal sendet ihr mir meine Geschenke wer weiß wohin.
     Lisbeth danke ich recht für ihren Brief, der mit verschiedenen Stimmungsansätzen und ebensoviel Absätzen sich recht wunderlich ausnahm. Nun freilich, die Herbstluft und das Manoevre — und um poetisch zu werden — die Uniformen — mag schon ein bißchen viel Leben in — die Beine bringen. Daher die vielen Ansätze und Absätze.
     Also Sonntag sehn und sprechen wir uns. Morgen ist Umzug, darum fürchterlicher Schmutz.

Habe leider keine Zeit. Darum Adieu!
Vergeßt mich nicht!
Fr.


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BVN-1863,44

An Hermann Kletschke in Pforta (Formular)

Pforta, den 26 Sept. 1863


Der Al. Nietzsche bittet um die Erlaubniss, sich folgende Bücher verschreiben zu lassen:
          Nipperdey, annales vol. I und II Weidemann.
          Hollenberg, Hülfsbuch für Religionsunt[er]r[icht].
          Cicero’s offic. ed. Klotz. Teubner.
          Zeittafel der griech[ischen] Gesch[ichte] von Peter. 2 Aufl.
          Platonis dialog. ex recog. Hermanni vol. II


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BVN-1863,45

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Pforta, 28. September 1863]


Liebe Mamma —

Da also unsre Zusammenkunft gestern mißlungen und in das Wasser gefallen ist, muß ich doch heute etwas schreiben, wenn ich gleich lieber von euch einen etwas ausführlichen Brief läse. Erlebt habe ich nichts als, daß ich gestern Mittag zu einem Famulusessen bei Oberlehrer Kretzschmar eingeladen war; heute sind ziemlich alle Lehrer fortgereist zu einer Philologenversammlung in Meißen. Nächsten Freitag also werde auch ich kommen, ich denke, wir wollen hübsche Tage zusammen verleben.
     Was meine Wünsche betrifft, so habe ich Domrich das Buch angegeben, welches ich brauche. Es heißt „Lachmann, Anmerkungen zu den Nibelungen und zur Klage.“ Es wird etwa ebensoviel kosten. Ich habe diese Tage jetzt sehr viel zu arbeiten, und man bemerkt trotzdem nicht, daß es besonders rasch fortgienge. Das macht, es ist so vielerlei. Aber es macht mir im Allgemeinen Vergnügen, und ich wünsche nur immer, noch mehr Zeit zu haben.
     Mittwoch habt ihr vielleicht Zeit und seid hoffentlich nicht ausgegangen, wenn ich kommen sollte. Nach Tische bis ½3 habe ich Spaziergang. Freitag könnt ihr mich sehr früh, jedenfalls zum Kaffee erwarten. Richtet mir ja alles hübsch ein.
     Hr. Pastor Backs läßt den Onkel Theobald nochmals einladen, recht sehr einladen, ihn jetzt auf längere Zeit zu besuchen. Der Onkel mag es doch ja thun.
     Von meinen Untern ist Redtel mit nach Obertertia gekommen, Backs natürlich nicht. Hoffentlich das nächste Mal.
     Ich habe jetzt einen andern Untern; etwas beschränkt, von schwerer Fassungsgabe, dabei dummgutmüthig und auch fleißig, die beschwerlichste Gattung von Menschen.
     Ich bin jetzt in der vierten Stube: zwar brauche ich nicht zu erwarten, daß ihr mich hier einmal besucht, aber ihr wißt es doch nun wenigstens.
     Für die guten Wünsche und die Pflaumen danke ich recht schön. Hoffentlich ist diesmal die Re[c]hnung nicht so groß. Auf der Krankenstube bin ich ja nicht gewesen.
     Die Hundstage waren doch recht hübsch, ich denke oft und gern an meine große Reise und habe doch nicht gerade ganz wenig erlebt; es fällt mir immer so hin und wieder noch etwas ein.
     Was wird nun nächstes Jahr in den Mulusferien werden? Ich weiß noch gar nicht, was wir da andrehen werden.
     Nun lebt schön wohl und behaltet mich lieb!

Fritz


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BVN-1863,46

An Hermann Kletschke in Pforta (Zettel)

Pf. 11 Oct. [1863]


Nietzsche bittet um die gütige Erlaubniß, sich Seife anzuschaffen.


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BVN-1863,47

An Hermann Kletschke in Pforta (Zettel)

Pf. II Oct. [1863]


Nietzsche bittet um 5 Srg. Schemageld.


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BVN-1863,48

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Pforta, vermutlich 13. Oktober 1863]


Liebe Mamma.

Ob ich gleich nicht weiß, ob du schon wieder zurück von deiner Reise bist, schreibe ich, wenn ich schon nicht gerade etwas wichtiges zu schreiben habe. Soviel ich weiß — ich glaube mich nicht zu irren — feire ich nächsten Donnerstag, wo wir einen rechten Arbeit- und Mühereichen Lektionstag haben, mein Geburtsfest. Daß wir uns sehn, ist also für diesen Tag unmöglich. Aber Sonntag darauf hoffe ich, daß wir uns in Almrich sehn. Spaziergang ist von ¼3 bis ¼5 Uhr.
     Vorigen Sonntag war heiliges Abendmahl, und wir hatten darum keinen Spaziergang. Es würde mir Leid thun, wenn ihr mich erwartet hättet.
     Sonnabend habe ich die alten Geheimrath Backs in Kösen besucht; die alten Leute waren sehr freundlich. Ich habe immer sehr viel zu arbeiten. Die Folge davon, daß man in einer neuen Klasse ist. Gestern waren wir mit dem H. Rektor auf den Saalhäusern. Wir gingen dann über die Berge und Kösen zurück.
     Daß ich mich recht über die Verlobung d. D. Heinze gefreut habe, ganz natürlich; wenn Lisbeth einmal Claire sieht, so mag sie ihr meine Glückwünsche und meine Freude recht schön aussprechen. Wäre ich in Naumburg, würd ich’s selber thun. Wie ich jetzt eben höre, ist Prof. Heinze mit Braut eben in Pforta und stellt sich den einzelnen Familien vor. Ich kann leider die Stube nicht verlassen.
     Wann reist ihr denn nach Gorenzen ab? Und wie ist es mit den Engländern geworden? Schreibt mir doch zu meinem Geburtstag einen recht ausführlichen Brief, ich freue mich so darüber. — Nächsten Montag ist unser Aktus zur fünfzigjähr. Feier der Leipziger Schlacht. Ich mag diesmal kein Gedicht vortragen.
     Hoffmann v. Fallersleben ist seit ein paar Tagen in Pforta, zum Besuch bei Prof. Steinhart. Heute wohnte er der Chorsingstunde bei, wir sangen mehere von ihm gedichtete Lieder.
     Das ist alles, was zu erwähnen wäre. Schließlich habe ich keine Handtücher, sendet mir doch welche. Die Rechnung beträgt etwas über 9 Thl. was dich freuen wird.

Nun liebe Mamma und Lisbeth!
Adieu!
Euer Frédéric


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BVN-1863,49

An Hermann Kletschke in Pforta (Zettel)

Pf. 14/Oct. 63.


Nietzsche bittet gehorsamst um 5 Srg. zum Weinführen.


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BVN-1863,50

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Pforta, 16. Oktober 1863]


Liebe Mamma und Lisbeth!

So habe ich denn meinen Geburtstag wieder einmal glücklich verlebt, und abgesehn davon, daß es eben ein recht tüchtiger Lektionstag war, und daß das Gefühl 19 Jahre alt zu sein nicht zu den angenehmsten gehört: ist es mir den ganzen Tag recht wohl und heiter gewesen und ergangen. Als ich um 11 aus der Lektion in meine Stube kam, fand ich da den Tisch schön gedeckt und darauf alle eure schönen Geschenke aufgebaut: was mich recht freute. Zuerst nun danke ich euch recht schön, recht vielemal für alle eure guten Wünsche, zu denen Gott seinen Segen geben möge: dann habe ich mich recht über alle eure Geschenke gefreut, besonders da ich auch noch andre mit all’ den schönen Eßsachen erfreuen konnte. Schade daß das Buch nicht das richtige ist: ich habe dies nicht bei Domrich bestellt, es ist ein Irrthum. Dies Buch hier besitze ich schon. Das gewünschte hieß „Anmerkungen zu den Nibelungen und zur Klage.“ v. K. Lachmann. Dankt doch den guten Tanten recht schön für ihre Briefe und ihre reichen Gaben; besonders lieb ist mir die Photographie des lieben selgen Vaters. Das Buch der Tante Rosalie ist leider auch noch nicht bei Domrich angekommen.
     Heute morgen habe ich von den schönen Kuchen gegessen und habe noch an 14 meiner näheren Bekannten geschickt, sodaß er gerade alle ist. Er war aber vortrefflich und hat mir und den andern recht gut geschmeckt. Auch das schöne Obst und den schönen Wein, über den ich mich sehr freute — es sah alles so schön und bunt aus — habe ich vertheilt, nach dem ich alles gekostet hatte. Also — ich kann nicht bloß für mich sondern für alle, die mit genossen haben, danken. Wilhelm und Gustav haben mir recht hübsche Briefe geschrieben.
     Vielleicht schreibt mir auch der Onkel Edmund in der nächsten Zeit. Sonntag also wollen wir uns in Almrich treffen, zum letzten Mal also bis Weihnachten. Ich habe immer sehr viel zu thun, und deshalb gar keine Zeit zu etwas andern.
     Der kleine Tintenwischer, liebe Lisbeth, ist fast zu hübsch, als daß ich ihn gebrauchen könnte. Ich danke dir auch recht für deinen Brief. Also Sonntag auf Wiedersehn! Vielleicht kommt ihr auch Abends zu den großen Feierlichkeiten auf den Knabenbergen.

Nun nochmals vielmaligen Dank!
Euer Fritz.


Ich habe Schnupfen, das ist übel. Bitte Taschentücher! Morgen werde ich euch den Brief an Heinze schicken, eher habe ich keine Zeit.


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BVN-1863,51

An Max Heinze in Naumburg

[Pforta,] am 16 October 63.


[Hochgeehrter Herr.]
Es ist mein besondrer Wunsch, Ihnen meine Freude über Ihre Verlobung schriftlich zu bezeugen, da Sie mich bei Ihrem Weggange aus Pforte gütiger Weise aufforderten, mitunter einmal zu schreiben. [+ + +]1) Wie gern ergreife ich gerade diese Gelegenheit, da Sie mir durch das letzte Ereigniß, um es kurz zu sagen, nur noch näher gerückt sind, als es immer die Dankbarkeit, die ich Ihnen schulde, thun konnte. Nicht nur, daß Sie durch Ihre Verlobung enger wieder an Naumburg, meine Heimat, geknüpft sind: nein, auch Ihre und des Glückes glücklichste Wahl [des Glückes glücklichste Wahl] ist mir von großem Interesse, da ich früher, so lange ich noch in Naumburg war, auch Gelegenheit hatte, Fräulein Claire kennen zu lernen. Indem ich also auch meine Wünsche mit allen denen vereine, die man überall und so auch in Pforte für Sie sagt: empfehle ich mich [+ + +] 2)

Ihr dankbarer ehemaliger
Empfohlener
FW Nietzsche


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BVN-1863,52

An Hermann Kletschke in Pforta (Zettel)

[Pforta,] 18 Oct. 63.


Nietzsche bittet um 2½ Srg. zu Feuerwerk.


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BVN-1863,53

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Pforta, 19. Oktober 1863]


Liebe Mamma und Lisbeth!

Indem ich hoffe, daß dieser mein Brief euch noch in Naumburg treffen wird, schreibe ich. Es folgt also heute dieser Ueberzug mit der Kiste, in der ihr mir alles was ich noch brauche übersendet. Das betreffende Buch sendet nur wieder zu Domrich, das andre werde ich selbst besorgen. Recht schade wars, daß ihr den schönen Fackelzug auf unsern Höhen nicht gesehn habt, und die vielen Freudenfeuer. Gestern war großer Aktus, wo Pr. Steinhart eine schöne Rede hielt. Ich habe nur leider zu viel zu thun und kann kaum zu diesen Zeilen Zeit finden.
     Also nun sehn wir uns eine lange Zeit nicht. Bleibt nur alle recht wohl und tragt dazu bei, daß der Onkel Edmund sich bald wieder wohl befinde. Sonntags werde ich also öfters, wie z.B. nächsten Sonntag, die Tante Rosalie besuchen, mitunter auch nach Kösen zu Geh[eim]raths Backs. — Die betreffend[en] Stiefeln passen mir sehr knapp über der Spanne, aber es muß gehn.
     Ihr werdet mir aber doch einige male von Gorenzen aus schreiben, ausführlicher schreiben? Ich erfahre so sehr wenig. Ueber die Weihnachtsreise werde ich euch später meinen Plan mittheilen. Auf die projicirte Harzreise im Winter freue ich mich mehr als wenn es im Sommer wäre. Sage das dem Onkel und grüße ihn recht schön.
     Nun lebt recht wohl und denkt mitunter an mich!

Euer Fritz.


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BVN-1863,54

An Hermann Kletschke in Pforta (Zettel)

Pf. 1 Nov. 63.


Nietzsche bittet um die gütige Erlaubniß, sich ein paar Stiefeln vorschuhen zu lassen.


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BVN-1863,55

An Hermann Kletschke in Pforta (Zettel)

[Pforta, den 1. November 1863]


Nietzsche bittet um die gütige Erlaubniß, sich
                    ein Buch w[eißes] Papier
                    ein Buch c[oncept] Papier
                    ein Kästchen Stahlfedern
anzuschaffen.


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BVN-1863,56

An Hermann Kletschke in Pforta (Zettel)

Pf. 1 Nov. 63.


Nietzsche bittet um die gütige Erlaubniß, sich ein Buch w[eißes] Papier,
                    ein Kästchen Stahlfedern
                                                  anzuschaffen
und sich drei Bücher und ein Notenheft einbinden zu lassen.


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BVN-1863,57

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Gorenzen

[Pforta, 10. November 1863]
Dienstag. Abends.


Liebe Mamma und Lisbeth!

Unmöglich konnt’ ich eher schreiben, denn vorige beiden Wochen habe ich an einer größern Abhandlung zu schreiben gehabt, die mir selbst meine Mußestunden wegnahm. Habe mich aber um so mehr über euren Brief gefreut, der mitten hineinkam und mich auf Weihnachten vertröstete. Das ist nämlich auch der einzige Trost, wofern mitunter einer nöthig sein sollte. Denn im Allgemeinen schwimme ich mit Wohlbehagen in meinen Studien und lebe ganz gut wie eben ein Fisch in seinem Element oder nach Lisbeths poesievollem Ausdruck, wie ein „Thierchen“ in seinem Revierchen oder Plaisirchen.
     Das heißt, um es voller auszudrücken: das Wetter — nun gut — das gefällt mir; natürlich, denn es ist kalt, darum gemüthlich; mitunter regneri[s]ch und schmutzig, viel gelbes Laub und schon keine Weintrauben mehr, kurz keine Herbststimmung, die mitunter zu poetisch, musikalisch und rosa anläuft. Lisbeth wird mich verstehen: ich spreche von rothen Uniformen, nicht wahr, mein —
     Martinsgänschen haben wir heute gegessen, zum Erbarmen dürr, sie hatten so lange geschrieen, bis sie wahrscheinlich die Auszehrung bekamen und wir sie vollends aufzehrten.
     So weit vom Wetter. Nun von Wichtigerem. — Zuvörderst nicht zu vergessen, daß meine Stiefeln in Stande und meine Füße darum trocken sind. Dagegen stehn der Hr. Rektor und ich in gutem Einverständniß.
     Es friert draußen, ich habe einen Shawl um den Hals gewunden, um mich herum ist es ziemlich stille, einige Jungens flüstern leise. Voriges Jahr war an diesem Tage Sturm und rechtes Spätherbstwetter; heute ist es still winterlich, nebelig, die Lampen und die Sterne flackern trübe. Wichtige Ereignisse wollt ihr wissen? Oder wenigstens von meinem Leben? Innerlich, äußerlich? Nun ich habe es gethan und euch schon alles gesagt. Draußen friert es, drinnen im Stübchen ists gemüthlich warm, und ich könnte Verse machen. Genug.
     Weihnachten — ja auf das Waldleben im Winter und einige größere Ausflüge, darauf freue ich mich. Im nächsten Jahre erleben wir es nicht zusammen, das gute Fest. Die Hinreise soll ebenfalls gemüthlich werden, den ersten Tag bleibe ich in Naumburg, am Mittwoch reise ich fort und will sehn, wann ich ankomme. Nach Erfurt reise ich nicht. — Wünsche für Weihnachten? Nun darüber schreibe ich euch noch einmal. Es sind noch 6 Wochen. Schreibt mir nur recht bald einmal. Das betreffende Buch von Domrich ist immer noch nicht richtig angekommen.
     Ich habe in vorigen Wochen eine etwas weitläufige Untersuchung über die Ermanarichsage geführt und dazu viel in alten hohen Schweinslederbänden und Chroniken herumgewühlt. Es ist ein Werkchen von sechzig Seiten geworden. —
     Ich will nur gleich herschreiben, was ich mir wünsche, es ist so besser. 1.) Grand Duo von F. Schubert, vierhändig. 2) Düntzer, Goethe’s lyrische Gedichte. So.
     Nun lebt recht, recht wohl und grüßt den lieben Onkel vielemal von mir. Ich möchte gern ausführlicher schreiben. Habe aber keine Zeit. Aber bitte, schreibt mir bald einmal.

Euer Fritz.


Ein anderes Buch, das ich übrigens sehr nothwendig brauche, ist „Aeschylos, übertragen von Minkwitz.“ Zu meiner großen freien Arbeit für mein letztes Semester brauche ich dies. Also wählt aus, was euch lieb ist. Euer Fritz.


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BVN-1863,58

An Rosalie Nietzsche in Naumburg

[Pforta, 28. November 1863]
Sonnabend.


Liebe Tante!

Wir haben uns recht lange nicht gesehn; es hat mich mannigfaltiges verhindert, nach Naumburg zu kommen, schlechtes Wetter oder Ausfallen des Spazierganges und besonders viel Arbeiten. Heute nun schreib ich dir, um dir eine recht traurige Nachricht mitzutheilen, falls du dieselbige noch nicht auf anderem Wege gehört haben solltest: daß nämlich die liebe Frau Pastor Schenk todt ist. Es ist ein doppelt trauriges Ereigniß bei der Menge der unerzognen Kinder und bei dem Ohrleiden des Hr. Pastors. Ich habe seinen Brief an Theodor gelesen; er scheint ganz gebrochen zu sein durch den großen Schmerz. Auch der arme Theodor thut mir sehr leid, und wir wollen ihm ja jetzt thun, was wir können. Wie schade, daß die Mamma nicht da ist!
     Also, wenn es dir recht ist, so wird Theodor morgen kommen, und ich wahrscheinlich mit ihm; denn bis jetzt haben mir meine Freunde noch nicht auf meinem Brief geantwortet, in dem ich sie bat, mit mir morgen zusammenzutreffen.
     Alles Nähere über die Krankheit und den Tod also wird dir Theodor selbst erzählen; der Spaziergang dauert von ¼3 bis ¼5 Uhr.
     Hat denn die Mamma nicht geschrieben? Ich erwarte einen Brief von ihnen. Morgen also mehr, liebe Tante!
     Grüße vielemal die liebe Tante Riekchen von mir!

Euer Fritz


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BVN-1863,59

An Hermann Kletschke in Pforta (Zettel)

Pf. 6 Dec.63.


Nietzsche bittet um die gütige Erlaubniß, sich einen Schlüssel machen zu lassen.


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BVN-1863,60

An Hermann Kletschke in Pforta (Zettel)

[Pforta,] 6 Dec. 63.


Nietzsche bittet um 19 Srg. für Klaviermiethe.


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BVN-1863,61

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Gorenzen

[Pforta, 6. Dezember 1863]
Am zweiten Sonntage der Ankunft.


Liebe Mamma und Lisbeth.

Nun, so habe ich denn euren Brief und sehe, daß es euch wohl geht, wie mir, nur daß wir uns beide nach Veränderung sehnen, ihr nach Naumburg, ich zu euch. Eure Bestimmungen über Weihnachten sind mir alle recht, genießen wir sie fröhlich und mit dem Gefühl, daß es die letzten sein können für einige Zeit, die wir gemeinsam verbringen. Das nächste Mal einsam in einer etwas fernen Universitätsstadt oder — nun auch im Felddienst in einer Wintercampagne für Schleswig Holstein.
     Da fällt mir gleich das Wichtigste ein, was ich zu schreiben habe, daß ich nämlich bis Weihnachten noch meine sämmtlichen Militärzeugnisse brauche, die Bewilligung des Vormundes usw. Theilt dies dem Onkel Bernhard mit und bittet ihn, mir alles baldigst zuzuschicken. Loskommen werde ich schwerlich, mag es auch kaum —
     Vor allem muß ich doch nach ihrem großen Interesse, das sie für diesen Gegenstand hegt, meiner lieben Lisbeth die Nachricht über unsre Temperatur und Witterung bringen; sie ist eine sehr kriegerische, während sie in Gorenzen eine sehr nebelige sein soll. Nun freilich, im Nebel noch „fade Unterhaltungsphrasen“ zu hören, das ist höchst mißlich; aber liebe Lisbeth, denkst du, daß meine Briefe dich fade unterhalten wollen? Das mußt du noch lernen, daß an und für sich kein Gegenstand der Unterhaltung unwerth ist, wenn du aber die Art meiner Unterhaltung fade nennst, so zucke ich mit den Achseln und bitte dich, den Brief noch einmal zu lesen.
     Gestern hat uns ein Improvisator, Professor Bärmann, vorzüglich eine Stunde unterhalten, eine sehr liebenswürdige Persönlichkeit mit einem feinen und sehr gewandten Geiste. Wir stellten ihm Themata, unter denen vorzüglich eins gefiel: „Ueber die schwierige Erlernung der Mathematik“, was er ganz prächtig durchführte. Er schied von uns, höchst heiter und aufgeräumt; denn Lehrer und Schüler und Mädchen (wie ich meiner Deutschheit halber für „Damen“ schreibe) waren eins in seinem Lobe.
     Doch was ist es, improvisiren? Unser Leben ist oftmals streckenweise eine poetische Improvisation, und man muß nur Phantasie mitbringen, um es als solche zu empfinden.
     Lisbeth, Lisbeth, wo liegt der Schlüssel zu diesem Gedanken? Weißt du, was eine Sphinx ist? Mein Wetter ist jetzt eine Sphinx; für dich jedenfalls ein Räthsel.
     Dies alles umschließe mit einer großen Parenthese; das Rebus ist gut, du kannst dich darauf verlassen; wenn du es fassen solltest, so ist es noch besser. —
     Es geht mir ganz gut; ich besuche die liebe Tante Rosalie häufig, und sie ist sehr gütig gegen mich. Mitunter gehe ich auch zu Geheimerath Backs in Kösen. Mit meiner Reise mag es kommen, wie es will; zwar sollte der eine Tag hübsch in Naumburg werden, und ich wollte zum Abend mir meine Freunde einladen.
     Grüße mir den lieben Onkel recht angelegentlich von mir; ich wünsche ihm alles jetzt von Herzen, was ihm wünschenswerth erscheint. Insbesondere daß er recht gesund und froh ist.
     Nun lebt wohl, Mamma und Lisbeth, recht wohl!

Fritz.


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BVN-1863,62

An Hermann Kletschke in Pforta (Zettel)

Pf. 17 Dec. [1863]


Hr. Prediger Kletschke wird um 20 Srg. für Kleiderreinigen gebeten.

FW Nietzsche


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BVN-1863,63

An Hermann Kletschke in Pforta (Zettel)

[Pf. 17/12 Dec. 63.]


Nietzsche bittet gehorsamst um 4 Thl. Reisegeld.


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BVN-1863,64

An Hermann Kletschke in Pforta (Zettel)

Pf. d. 20.12.63.


Herr Pred. Kletschke wird um 15 Sg. für Rasieren gebeten.

Nietzsche.


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1) [Es ist mein besondrer Wunsch, Ihnen meine Freude über Ihre Verlobung schriftlich zu bezeugen, da Sie mich bei Ihrem Weggange aus Pforte gütiger Weise aufforderten, mitunter einmal zu schreiben.]
2) [Indem ich also auch meine Wünsche mit allen denen vereine, die man überall und so auch in Pforte für Sie sagt: empfehle ich mich]
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de/nietzsche/briefe/1863/1863.txt · Last modified: 2017/02/11 09:09 by babrak