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Aphorisms -- in context.

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1864

Inhalt

BVN-1864,1

An Hermann Kletschke in Pforta (Zettel)

[Pforta,] 10.1.64.


Nietzsche bittet um die gütige Erlaubniß, sich ein Buch w[eißes] Papier und ein Kästchen Stahlfedern anzuschaffen.


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BVN-1864,2

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Pforta, vermutlich 11. Januar 1864]


Liebe Mamma und Lisbeth,

indem ich denke, daß dieses Schreiben Euch wieder in Naumburg antreffen wird, bitte ich Euch, mir recht bald von Euch Nachricht zu geben, damit wir uns nächsten Sonntag in Almrich treffen können. Nicht wahr, wir waren die Ferien angenehm zusammen? Ich für meinen Theil merke es wenigstens daran, daß es mir jetzt sehr unbehaglich in Pforta vorkommt. Natürlich; denn alles ist möglichst durchkältet; sonst lebe ich nur von Anderer Wohlthaten; mir höchst unangenehm, kann aber nicht anders, nicht wahr?
     Den Tag in Naumburg habe ich mich noch recht leidlich befunden, obwohl die Stube durchaus nicht warm werden wollte und ich an die Füße fror; Nachmittags hatte ich mir meine Freunde eingeladen und von Madame Lurgenstein Kaffee kochen lassen; sie hat alles sehr schön gemacht und mir früh noch von ihrer Stolle vorgesetzt; danke ihr recht schön! Gustav hatte seine Violine mit, wir haben meine Composition zusammen gespielt und, sie gefiel uns beiden recht. Bei den Tanten habe ich Mittags Hasenbraten gegessen und bin sehr freundlich aufgenommen worden. Nun denke dir aber das Eine, daß ich gestern zufällig in meine Reisetasche verpackt den vermißten Brief der Tante Rosalie gefunden habe. Ich habe ihn nicht hereingepackt, mach nun damit, was Du willst, der Tante will ich es vorläufig nicht erzählen, denn sie würde sich sehr darüber betrüben, daß er nicht angekommen.
     Hr. Prediger Kletschke empfiehlt sich viele mal; er ist, so viel ich gehört, in Berlin zu Weihnachten gewesen. Nächstens ist die Weihnachtsbescheerung der Adjunkten an ihre Famuli; er hat mich schon in Betreff eines sehr schönen Buches gefragt, ob ich es haben möchte. — Meine Censur ist leidlich, wie ich dir schon gesagt; indeß kann sie noch besser werden, wie sie es schon geworden ist; mit mir selber bin ich in vorigem Vierteljahr leidlich zufrieden, es kann aber auch noch besser werden, wie es ja schon geworden ist. In diesen Tagen habe ich so mein Leben im vorigen Jahre überschlagen und gefunden, daß ich viel und mancherlei gethan. Also nicht ohne Befriedigung. Mag das Nächste nur rechte Resultate geben!
     Nun, viel Neues habe ich nicht erlebt; gestern habe ich Geheimrath Backs besucht; sie lassen Beide dich recht grüßen und Fräul. Bertha will selber dich besuchen.
     Das Wiedertreffen aller meiner Bekannten war angenehm, bis jetzt das Angenehmste.
     Doch die Arbeit ruft. Adieu, liebe Mamma und Lisbeth! Denkt oft an mich!

Fritz.


Montag, früh.


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BVN-1864,3

An Hermann Kletschke in Pforta (Zettel)

Pf. 31. 1. 64.


Nietzsche bittet um die Erlaubniß, sich ein Buch Papier, ein Kästchen Federn und eine Flasche Tinte anzuschaffen.


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BVN-1864,4

An Hermann Kletschke in Pforta (Zettel)

Pf. 31. 1. 64.


Nietzsche bittet um die Erlaubniß, sich ein Paar Morgenschuhe machen zu lassen.


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BVN-1864,5

An Hermann Kletschke in Pforta (Zettel)

Pforte d. 13. 2. 64.


Der Herr Prediger Kletschke wird gehorsamst um vier Silbergroschen, für vier Portionen Zucker und [zum] Brustthee und Medicin, gebeten.

Nietzsche.


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BVN-1864,6

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Pforta, 2. März 1864]

Liebe Mamma und Lisbeth,

Heute gehn die Abiturienten ab und ich erlebe diesen Tag zum letzten Male, bevor ich selbst abgehe. Der Tag ist natürlich nicht ohne Trauer, denn ich lasse manchen guten Bekannten; von diesen dürften Euch Portius, Stöckert, Schütze bekannt sein.
     Ich übersende Euch die gewünschte Wäsche, nicht eher, da mein Bettüberzug nicht eher überzogen werden konnte. Ich bitte Euch, sendet mir recht bald Strümpfe und Hemden und einige Taschentücher. Das brauche ich am nöthigsten. Bitte ja bis Sonnabend.
     Sonntag muß ich wieder einmal nach Kösen zu Geh[eim]r[ath] Backs gehn, ich bin allzulange Zeit nicht dort gewesen.
     Meine Tasse ist glücklich angelangt, und ich trinke seit Montag daraus. Natürlich, daß sie nicht zu reinlich aussieht. Meinen Zwerg von Tasse werde ich euch einmal mitbringen. Ihr könnt sie in den Glasschrank stellen.
     Sonntag war es recht hübsch, ich kam recht heiter zurück und wünsche recht bald wieder euch länger zu sehn.
     Ich bemerke nachträglich, daß ich von heute an Abiturient bin.

Euer Fritz.


     In dem kleinen Kistchen sind
4 Taschentücher
2 Hemden.
     Das eine ist rein; es ist mehr Charpie als Hemd. Sendet es mir doch bis Sonnabend.


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BVN-1864,7

An Hermann Kletschke in Pforta (Zettel)

Pf. 13. 3. 64.


Nietzsche bittet um die gütige Erlaubniß, sich ein Buch w[eißes] Papier und ein Kästchen Stahlfedern anzuschaffen und sich zwei Bücher einbinden zu lassen.


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BVN-1864,8

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Pforta, vermutlich 13.März 1864]


Liebe Mamma und Lisbeth.

Es ist Sonntag Morgen; und da ich wiederum die bestimmte Aussicht habe, heute nicht nach Naumburg kommen zu können — denn ich bin diese Woche Wocheninspektor — setze ich mich hin, um euch durch diesen Brief und durch Schenk Nachricht von meinem Befinden zukommen zu lassen. Gegenwärtig ist meine Gesundheit leidlich, ich habe viel zu thun und bin trotzdem immer etwas verstimmt, weiß aber kaum, warum. Indessen geht es noch so leidlich, ich habe aber wenig Vergnügen und hie und da Betrübnisse. Neulich war ich ein paar Tage auf der Krankenstube und glaubte den Ziegenpeter zu bekommen, der jetzt in Pforte sehr grassirt und ungefähr 30 auf der Krankenstube hält. Es ist aber glücklich vorübergegangen.
     Nächsten Sonntag habe ich wieder großen Spaziergang, und ich werde zu euch kommen, vorausgesetzt, daß ihr es wollt. Vielen Dank für euren Brief und für die Kiste; auf beides hatte ich sehr gewartet. Leider kann ich nun deinem Wunsche in Betreff der Wäsche gegenwärtig nicht völlig nachkommen; was ich habe, will ich schicken, aber nur das schmutzige. Gerade das aber, was die Reparatur am nöthigsten braucht, die Hemden, kann ich nicht senden, denn ich habe sie eben gewaschen bekommen.
     Neulich habe ich auch mein Militärzeugniß von der Behörde aus Merseburg geschickt bekommen; nach ihm muß ich spätestens bis zum 1 Oct. 1867 eintreten. Ich will es euch bei Gelegenheit mitbringen. Die Schwäche meiner Augen ist drin erwähnt, sonst bin ich für gesund und kräftig und also zum Militärdienst tauglich bezeichnet worden.
     Meine Augen werden offenbar schlechter, das Lampenlichtarbeiten stört und belästigt mich sehr. Wenn nur erst die bessere Jahreszeit beginnt! Ich will viel spazierengehn und — meine einzige Hülfe — auf der Universität meinen Augen gemäßer leben als ich es hier kann. — Habt ihr übrigens nicht ein Mittel gegen Heiserkeit?
     Von Wilhelm und Gustav höre ich nichts, sie werden schon ein gutes Examen machen. Die Glücklichen! Sie haben nun bald überstanden.
     Klingt der Brief nicht, als ob ich euch etwas vorjammern wollte? Es ist wirklich ärgerlich; indeß warum kann ich auch heute nicht spazieren gehn! Es ist auch etwas verstimmend. Warum passirt einem hier und da eine Ungelegenheit! Es ist auch etwas fatal. Indessen wenn der Magen gesund ist, verträgt er auch schlechte Kost. Wenn er aber nun nicht gesund ist! — Ja, mit Respekt zu sagen, dann giebt er sie wieder von sich.
     Wohlan! Thun wir dies!

Lebt recht wohl, Mamma
und Lisbeth!
Euer Fritz.


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BVN-1864,9

An Hermann Kletschke in Pforta (Zettel)

Pf. 17. 3. 64.


Herr Pred. Kletschke wird um 20 Srg. für Kleiderreinigen gebeten.

Nietzsche.


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BVN-1864,10

An Hermann Kletschke in Pforta (Zettel)

[Pforta,] 19. 3. 64.


Herr Pred. Kletschke wird um 15 Srg. für Rasiren gebeten.

F W Nietzsche.


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BVN-1864,11

An Hermann Kletschke in Pforta (Zettel)

Pf. 19. 3. 64.


Nietzsche bittet um 2½ Srg. zum Spaziergang.


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BVN-1864,12

An Hermann Kletschke in Pforta (Zettel)

Pf. 20. 3. 64.


Nietzsche bittet um 17½ Sg. für Klaviermiethe.


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BVN-1864,13

An Hermann Kletschke in Pforta (Zettel)

Pf. 22. 3. 64.


Nietzsche bittet um 5 Srg. für das Einheizen der Differenz.


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BVN-1864,14

An Hermann Kletschke in Pforta (Formular)

Pforta, 5 April 1864.


Der Al. Nietzsche bittet um die Erlaubniss, sich folgende Bücher verschreiben zu lassen:
     Anthologia lyrica contin. Theognid. etc.
               ed. Theod. Bergk (Teubner)
     1 Theognidis reliquiae, novo ordine disp. comment. critic.
               et notas adjecit Fr. Th. Welcker (Frankfurt)


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BVN-1864,15

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Pforta, 20. April 1864]
Mittwoch, früh.


Liebe Mamma und Lisbeth,

Ich schreibe heute, weil ich Euch meine Kiste schicke; diese schicke ich um sie morgen wieder zu bekommen und zwar mit einiger weißen Wäsche, insbesondre mit Hemden. Ich habe gar nichts Weißes mehr, und Sonnabend ist Festtag. Meinen neuen Anzug habe ich; er gefällt mir auch leidlich; nur die Hornknöpfe sind vergessen, ich habe sie wohl nicht bestellt. Soll ich sie noch daran machen lassen?
     Vorigen Sonntag haben wir ganz angenehm in Almrich verlebt, ich hätte noch eine halbe Stunde bleiben können; so zeitig kam ich zurück. Was wollen wir denn nächsten Sonntag anfangen? Ich werde etwa um 3 Uhr in Naumburg anlangen und gehe dann um 6 wieder zurück. Oder wollen wir uns anderswo treffen? Vielleicht eine kleine Partie machen? Das Wetter ist hoffentlich schön, und es ist am Ende das Beste. —
     Ihr habt Euch wohl auch recht über die ruhmreiche That unsres vaterländischen Heeres gefreut. Die Erfolge sind traun recht glänzend. Dennoch erwarten wir nicht ohne Bewegung die näheren Nachrichten, insbesondre die Todtenlisten. Von meinen Bekannten hat Gersdorf seinen Bruder als Ordonnanzoffizier bei der Brigade Raven in höchstgefährl. Posten; man muß auf alles gefaßt sein. In derselben Brigade steht ein Vetter von Flemming. Und so hegen wir doch mannigfache Besorgniß.
     Meine Arbeitsfülle steigert sich recht. Denkt Ihr denn bisweilen an einige Schritte in Betreff der Stipendien? Bitte bemüht Euch ein wenig, denn ich kann darin gar nichts thun. Es dürfte sonst zu spät werden. Auch die Wahl der Universität laßt euch nicht kümmern. Für den Anfang gehe ich überall hin, nur nicht nach Halle. Soll ich Euch übrigens einmal Sonntag einen meiner Freunde mitbringen, vielleicht Kuttig?
     Nun, lebt recht wohl! Wünscht mir eine gute Stimme und rechte Heiterkeit!

Fritz.


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BVN-1864,16

An Hermann Kletschke in Pforta (Zettel)

Pf. 1 Mai 64.


Nietzsche bittet um die gütige Erlaubniß, sich ein Buch-Papier, ein Kästchen Stahlfedern anzuschaffen und sich drei Bücher einbinden zu lassen.


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BVN-1864,17

An Hermann Kletschke in Pforta (Zettel)

Pf. 15. Mai [1864]


Nietzsche bittet um die gütige Erlaubniß, sich 1 Buch w[eißes] Papier, sechs Hefte und ein Kästch[en] Stahlfedern anzuschaffen.


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BVN-1864,18

An Hermann Kletschke in Pforta (Zettel)

[Pforta,] 15 Mai. 64


Nietzsche bittet um die gütige Erlaubniß, sich ein Paar Stiefeln vorschuhen zu lassen.


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BVN-1864,19

An Hermann Kletscbke in Pforta (Zettel)

[Pforta,] 21 Mai 64.


Nietzsche bittet um 5 Srg. zum Schulfest.


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BVN-1864,20

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Pforta, 28. Mai 1864]
Sonnabend.


Liebe Mamma.

Nicht wahr, der Käfig kommt und der Vogel, der ersehnte Vogel ist nicht drin? Und Mamma ist darob böse? Sieh, das war nun so. Kiste und Kistchen standen neben einander, wie Tante und Nichte, die eine mit sehr viel schmutziger Wäsche, die andere mit weniger, nicht gerade reinerer, indessen doch bevorzugterer. Ja und es heißt doch: Kleider machen Leute und feine Wäsche auch! Aber denke dir den schlechten Geschmack meiner Untern; sie transportieren die alte Tante und lassen die Nichte da. Und wie ich zurückkomme, da steht die kleine Nichte mit dem schönen schmutzigen Hemd. Schrecklich! Schrecklich! Nun kommt sie hinterdrein, oder nach dem Sprichwort: Hinterdrein tanzt Matz, und die kleine Nichte auch.
     Wenn den Brief ein alter Onkel geschrieben hätte, so hätte er seine bedenklichen Seiten und Nichte könnte auf allerlei böse Hintergedanken kommen.
     Indessen habe ich diese nicht. —
     Nun bin ich wieder Wocheninspektor. Kann euch also morgen und die ganze Woche nicht sehn. Habe aber dafür auch nächsten Sonntag großen Spaziergang von 2—7, eine angenehme Aussicht. —
     Gestern bekam ich zwei sehr nette, interessante, freudige Briefe von Gustav und Wilhelm, die indessen wie Ihr Euch denken könnt, einen trüben Reflex auf meine Gegenwart in Pforta werfen. Tragen wir es indessen, was zu tragen ist. —
     Mittwoch besuchte ich Tante Rosalie, die mich sehr freundlich aufnahm und mir noch einen Schirm borgte. Diesen werdet Ihr Montag, falls Bergtag sein sollte, hoffentlich der Tante mitnehmen. —
     W. und G. erwarten mich bestimmt in Heidelberg, sichern mir ein Logis für 23 Thl.pro Semester zu, wollen den Rest ihrer Ferien ganz mit Vorbereitungen für meinen Empfang verbringen.
     Sehr freundlich, fürwahr! —
     Ich habe zu arbeiten, daß ich mir mitunter wie eine Eule vorkomme, die des Nachts erst sich ihres Lebens freut. Ich meine nämlich, wenn ich schlafe. Und wenn ich Euch besuchen kann, dann auch.

Adieu.
Fritz.


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BVN-1864,21

An Hermann Kletschke in Pforta (Zettel)

[Pforta, Ende Mai 1864]


Nietzsche bittet um die Erlaubniß, sich zwei Bücher einbinden zu lassen und sich ein Geschichtsheft, ein Buch w[eißes] Papier und eine Fl[asche] Tinte anzuschaffen.


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BVN-1864,22

An Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Pforta, erste Junihälfte 1864]


Meine liebe Lisbeth,

ich danke dir recht, daß Du mich wenigstens für den Augenblick mit Wäsche versehn hast und bitte Dich, — die Dir überbrachte leere Kiste mit der übrigen anzufülln und mir ohne Verzug zukommen zu lassen. Sonntag möchte ich, daß wir uns sehen, also wolltest Du vielleicht in unsrer Wohnung sein, daß ich meinen Spaziergang von 4—7 mit dir zusammen genießen kann?
     Sonntag habe ich mich bei den lieben Tanten recht wohl befunden; nur schade, daß Du nicht hinkommen konntest. Wie Du mir schreibst, dürfen wir die Mamma eher erwarten, als ich geglaubt habe. Trotzdem, daß ich mich sehr freue, Euch wieder sodann beisammen zu haben, muß ich doch auch dich bitten, wie ich es in dem Briefe an die Mamma schon gethan, Dir alsbald Pläne für die Hundstage zu entwerfen. Denn die Notwendigkeit, während dieser Zeit allein zu sein, leuchtet mir täglich mehr ein.
     Sonst habe ich keine weiteren Wünsche und Bitten, außer daß ich mir sehr die Hundstage heranwünsche. Ich habe der Mamma über meine Bedürfnisse für dieselben geschrieben; sie sind gering, und Du wirst erfinderisch sein, um einige vergessnen noch zu rechter Zeit nachzuholen.
     Ich bedaure, dir nichts weiter schreiben zu können, als daß ich mich mäßig wohl fühle und mich auf unser sonntägliches Zusammentreffen von Herzen freue.

Lebe recht wohl!

Dein F.


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BVN-1864,23

An Gustav Krug und Wilhelm Pinder in Heidelberg

am Sonntagsmorgen geschrieben.
[Pforta,] 12 Juni. [1864]


Meine liebe Freunde,

es ist wahrhaftig nicht der erste Brief, den ich nach unsrer Trennung von einander beginne, aber ich hoffe es wird der erste sein, den ich vollende und wirklich absende. Oefter habe ich mich aus den Mühseligkeiten der Gegenwart herausgehoben, indem ich ein Blatt Papier nahm, an Euch die Aufschrift richtete und frohe und trübe Gedanken gleichsam vor Euch aussprach.
     Ihr habt mir so angenehme und der alten Liebe so volle Briefe geschrieben, das muß ich hoch, sehr hoch schätzen. Denn die leichten Schaumwellen eines freien Lebens löschen leicht die alten Bilder von der Tafel der Seele ab. Verzeiht mir, wenn ich einen solchen Gedanken ausgesprochen habe. Aber gedacht habe ich ihn.
     Unsre Aussichten auf eine neue Vereinigung an derselben Stätte scheinen sich nicht zu erfüllen. Wenigstens vor der Hand ist kaum daran zu denken. Zwingt mich nicht weiter, mit Zahlen und Berechnungen Gründe anzugeben. Das kann ich nicht. Aber wir treffen uns jedenfalls noch einmal, ob ich nun in Bonn oder anderswo studiere; ich suche Euch sicher einmal in eurer selbstgeschaffnen Häuslichkeit auf. Wenn Euch etwas daran liegt, von meinen gegenwärtigen Studien etwas zu erfahren, so hört dies: Ich schreibe eine große Arbeit über Theognis, nach einer freien Wahl. Ich habe mich wieder in eine Menge von Vermuthungen und Phantasien eingelassen, denke aber die Arbeit mit recht philologischer Gründlichkeit und so wissenschaftlich als mir möglich zu vollenden. Ich habe mir schon einen neuen Standpunkt bei der Betrachtung dieses Mannes errungen und urtheile in den meisten Punkten verschieden von den gewöhnl. Ansichten. Die besten Sachen, die darüber geschrieben sind habe ich gründlich durchstudiert.
     Nun eine Bitte, und eine recht lästige. Es ist vor kurzem in dem Düppelkampfe auch ein junger Philolog Rintelen aus Münster gefallen. Dieser Mann promovierte mit einer dissertatio de Theognide Megarensi. Und um diese Dissertation möchte ich Euch ersuchen. Vielleicht wendet Ihr Euch persönlich an einen Professor oder an den Bibliothekar. Sie wird jedenfalls vorhanden sein. Ihr thut mir einen ungemeinen Gefallen; es ist das Neuste was über Theognis geschrieben ist. Sobald Ihr es auftreiben könnt, übersendet es mir. Ich kann meine Arbeit nicht eher anfangen, als bis ich diese Schrift gelesen habe.
     Das ist naiv von mir, aber ich kann nicht anders. Wer thäte mir wohl den Gefallen eher, als Ihr, meine liebe Freunde? Aber nun erscheint es fast, als ob ich den Brief nur dieses Wunsches halber geschrieben hätte?
     Meine Abhandlung über die Naturanschauung im griechisch. und deutschen Volksepos muß natürlich jetzt völlig ruhen. Und bei so manchem andern thut es mir leid, daß ich auf die Universität gehe, ohne es vollendet zu haben.
     Meine Hundstagsferien werden mit fortwährenden Studien aller Art ausgefüllt werden. Ich habe Mutter und Schwester gebeten Naumburg für diese Zeit zu verlassen, damit ich einsam bin.
     Musik tacet. Wenn ich etwas Zeit habe, so spiele ich, meistens in Gegenwart meherer musikliebender Menschen und muß improvisiren mit deren wohlfeiler Bewunderung. Trotzdem fühle ich mich ganz entsetzlich brach.
     Gestern war hier ein Konzert oder vielmehr eine Vorlesung, denn das Konzert war die Nebensache. Der junge Koberstein las zuerst die Kraniche des Ibycus unter eines Gewitters Begleitung, sodann die berühmte Antonioscene aus Jul. Cäs. recht gut beides und so, daß man viel daraus lernen konnte.
     Zur Shakspearefeier habe ich früh ein Gedicht vorgetragen, und Koberstein hat eine gute Rede gehalten. Nachmittags lasen wir vor einem groß[en] Publikum Heinrich den IV. Ich habe den Heinrich Percy mit viel Aufregung und Wuth gelesen.
     Ich bitte Dich, lieber Gustav, auf das Inständigste, etwas der kleinen Compositionen, von denen Du in Deinem Briefe sprachst, zuzusenden und möglichst bald. Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser etc. so sehnet sich meine Seele nach so etwas.
     So, nun wende ich die vierte Seite um, und wieder wird bald meine abgerissne Unterhaltung auf meine Namensschrift und gute Wünsche hinauslaufen. Und wenn Euch diese Zeilen alle mit ihrer melancholischen Färbung vor die Augen treten, so werdet Ihr wohl nicht in der Stimmung sein und auch nicht sein wollen, diese Färbung auf Eure Seele überzutragen. Ich möchte es auch um alles in der Welt nicht. Je froher Ihr Euch fühlt, je mehr Ihr das Leben genießt, um so höher ist auch meine Freude, und ich bin ein Narr, wenn ich euch durch melancholische Briefe die Laune verderbe. —
     So lebt recht wohl, meine liebe Freunde, erfüllt mir meine Bitte und vergeßt mich nicht.

Euer Fritz.


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BVN-1864,24

An Hermann Kletschke in Pforta (Formular)

Pforta, [Mitte Juni] 18[64]


Der Al. Nietzsche bittet um die Erlaubniss, sich folgende Bücher verschreiben zu lassen:

               1 Peters röm[ische] Geschichtstab[elle]. III Aufl.
               1 Pars I Cicero von Klotz (Teubner)
               1 La France littér[aire] par Herrig.
Plato Nr. I. Teubner.

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BVN-1864,25

An Hermann Kletschke in Pforta (Zettel)

[Pforta, um den 20. Juni 1864]


Nietzsche bittet um 18 Srg. für Klaviermiethe.


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BVN-1864,26

An Hermann Kletschke in Pforta (Zettel)

[Pforta,] 23 Juni 64.


Hr. Pred. Kletschke wird um 20 Srg. für Kleiderreinigen gebeten.

F W Nietzsche


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BVN-1864,27

An Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Pforta, 23. Juni 1864]


Meine liebe Lisbeth,

ja vielleicht kann ich auch als Ueberschrift schreiben „meine liebe Mamma?“ Denn vielleicht und bei dem schönen Wetter wahrscheinlich bist Du zurückgekehrt, und diese Zeilen sollen der erste Gruß sein, den du von mir bekommst.
     Indessen weiß ichs ja noch nicht, und die erste Ueberschrift soll doch noch gelten. Meine liebe Lisbeth! Du hast ja für mich auch so hübsch gesorgt wie eine Mamma; hier schicke ich dir also schöne schmutzige Wäsche und hoffe, die Kiste spätestens Sonnabend zu erhalten. Außerdem bitte ich dich, einmal zu Domrich zu gehn und dir aus der Leihbibliothek 2, 3 Hefte zu holen und mir sie mitzusenden. Alle von Liszt; wähle selber aus, indessen folgendes nicht: Consolations, dann wo Variationen davorsteht und wo Transscriptions davorsteht. Auch keine Märsche. — Natürlich 2händig.
     Thue mir den Gefallen, ich möchte mir vor den Ferien gern etwas einüben.
     Wenn wir uns also Sonntag sehn, wollen, so schreibe mir, wo. Spaziergang ist wieder von 4—7.
     Gestern war es wieder, wie immer, sehr niedlich und hübsch bei dir: Ich habe nachher gut arbeiten können und bin auch zur rechten Zeit in Pforte angekommen. Heute habe ich auch den ganzen Morgen schon viel gearbeitet.
     Und morgen über 8 Tage komme ich. Ich muß eine fürchterliche Masse Bücher mitbringen. Richte nur alles recht schön ein. Treibe doch die Insekten aus der Stube. Und laß doch einen möglichst großen Tisch hineinschaffen, da ich immer sehr viel Bücher aufgeschlagen vor mir haben muß.
     Nächste Woche müssen wir nun engste Kistenverbindung halten. Du schickst mir des bessern Transportes halber auch wohl den Koffer.
     Bis jetzt ist alles recht geschäftsmäßig. Und ich möchte gern noch etwas recht Schönes zum Schluß für dich hinschreiben, und ich wüßte auch so viel Schönes, was ich schreiben könnte.
     Und nimm diese Versicherung als das Schönste, was ich dir geben könnte.
     Donnerstag Morgen.

Dein Fritz.


NB. Erkundige dich doch genau, wo jetzt Onkel Theobald wohnt. Ich solls Sonnabend in Kösen sagen. —


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BVN-1864,28

An Hermann Kletschke in Pforta (Zettel)

[Pforta,] 26 Juni 64.


Hr. Pred. Kletschke wird um 15 Srg. für Rasiren gebeten.

FW Nietzsche


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BVN-1864,29

An Wilhelm Pinder in Heidelberg

[Naumburg, 4. Juli 1864]


Lieber Wilhelm,

Gustavs und meinen Geburtstag haben wir in den letzten Jahren nie zusammen in unsrer Dreiheit gefeiert, den Deinigen noch am häufigsten, ja fast immer. Das ist nun auch vorüber. Ein Blatt muß nun aussprechen, was sonst der Mund sagte; und sagte es der Mund nicht, so der Blick; und sagte es der Blick nicht, so Dein eigner Gedanke.
     Wir wissen ein jeder von uns, was er sich von seinen Freunden gewünscht haben will. Und vielleicht dürfte ich gerade das, was Du auf Deinem Wunschzettel von mir wünschtest, dir nicht erfüllen können. Hab ich es nicht schon auf dem letzten Blatt, das ich dir zusandte ausgesprochen? Man spricht häufig, wenn man von südlichen Universitäten spricht, von Bonn und Heidelberg mit einem Mund; und ob sie schon so nahe zusammen zu gehören scheinen, sind sie doch weit genug von einander entfernt, um uns ebenso zu trennen wie wir jetzt getrennt sind. Man sieht den Andern, gebens die Himmlischen günstig, im Jahr ein-zweimal, sonst liegt eine Kluft dazwischen, die der Gedanke häufig, das Papier und das Porto selten überspringt. Sonst, sei überzeugt, was Du sonst von mir wünscht, sei es eine Million, natürlich à la Falstaff in Liebe ausgezahlt, Du erhältst es. Und Du wirst mir zugeben, daß das nicht so viel ist, als es zu sein scheint. Und doch wieder viel mehr, als man glauben sollte.
     Ich habe eben eine Mittagsmahlzeit vollbracht und trinke eben, wie meine Gewohnheit, nach Tische warmes Wasser. Und Du fürchtest nun, daß mein Brief recht lauwarm werden wird; denn es ist richtig, die Zeit nach Tische ist nicht die empfindungsreichste. Indessen danke Gott, daß Du auf diese Weise noch den vernünftigsten Brief erhälst. Gestern Abend hätte ich einen sehr phantastischen tollen, heute Morgen einen langweilig gelehrten geschrieben. Meine Theognisarbeit habe ich heute morgen begonnen, fünf Bogenspalten sind fertig, die Latinität ist scherzhaft, ich habe heute schon einige male gelacht über die vielen kurzen Fragen.
     Daß Du das Buch zu bekommen gesucht hast, ist mir sehr lieb und ich danke dir recht schön; lieber wäre mirs, Du hättest es auch bekommen, aber mehr danken hätte ich dir doch nicht können.
     Nun ich muß auch ohne das Buch auskommen.
     Die Ferien haben begonnen zu schleichen, und Arbeit früh und Arbeit spät ist meine Lieblingsmelodie. Wohlverstanden, ich esse außerdem, ich schlafe, ich gehe mitunter spazieren, ich rühre die Tasten, aber doch — Arbeit hier und dort, jetzt und dann, heute und morgen!
     Und aus der Ferne grinst wie ein anmuthig Gespenst, vor ihm Graun und Qual, und dahinter schöne Gefilde wie sie Hannibal seinen Soldaten nach dem Uebergang über den Mont Cenis zeigte — das Examen. —
     Der alte Ortlepp ist übrigens todt. Zwischen Pforta und Almrich fiel er in einen Graben und brach den Nacken. In Pforta wurde er früh morgends bei düsterem Regen begraben; vier Arbeiter trugen den rohen Sarg; Prof. Keil folgte mit einem Regenschirm. Kein Geistlicher.
     Wir sprachen ihn am Todestag in Almrich. Er sagte, er gienge sich ein Logis im Saalthale zu miethen.
     Wir wollen ihm einen kleinen Denkstein setzen; wir haben gesammelt; wir haben an 40 Thl.
     Nun lebe recht wohl, lieber Wilhelm, grüße Gustav recht herzlich von mir und bleibe gesund, fröhlich und mein Freund, wie immer!

Dein Fritz.


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BVN-1864,30

An einen Freund (Briefentwurf)

[Naumburg, Anfang Juli 1864]


Ich beginne meinen Tag Abends um ½9, gehe baden und freue mich über des Stromes Dunkelheit und meine Gedankenheiterkeit, biete die Brust der Fluth, die Stirn dem Wind und das Herz der Dämmrung freundlich dar und kehre zurück, voll von seltnen Gebilden, die ich mir in einem behaglichen Traume weiter fortgestalte. Um 7 früh trinke ich mit Mutter und Schwester Kaffe, spiele einen Morgengruß und arbeite nachher.
     Ueber meine Arbeiten schreibe ich dir nicht. Sie können dich nicht interessiren.
     Merkst Du mir nicht an, daß ich ärgerlich, langweilig, kurzzeilig —
     Satan! Tinte, Feder — Kann ich nicht schreiben, ohne zu sudeln, ohne daß in greulichen Pudeln die Worte auslaufen, mich Armen zu hudeln?
     Du kennst meine Manier, meine Reinlichkeitsmanie in diesem Punkt. Ach Gott! Und in diesem Punkt läuft schon alles wieder auseinander, wie meine Gedanken, die auch nicht wissen, was sie Dir

[. . .]


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BVN-1864,31

An Paul Deussen in Oberdreis

[Naumburg, 8. Juli 1864]


Mein sehr lieber Deussen,

Es ist Freitag 5 Uhr Nachmittag, und ich habe so eben meiner Theognisarbeit letztes Blatt geschrieben, das Ganze zusammen gelegt und es in der Hand gewogen. Darauf zog ich das erste, beste Stück Papier heraus, um dir Nachricht von mir zu geben.
     Wenn je, so hätte ich dich jetzt recht nöthig; vielleicht hast Du eine ähnliche Empfindung.
     Montag früh begann ich meine Arbeit zweifelhaften Sinnes und schrieb an diesem Tag 7 große Bogenspalten: am zweiten Tag Abends hatte ich 16 Seiten, am dritten 27; ist da nicht eine schöne Progression in diesen Zahlen 1.7, 2.8, 3.9? Donnerstag und heute schrieb ich den Rest; es sind 42 große, enge Seiten, die ins Reine geschrieben recht bequem 60 geben werden, wahrscheinlich mehr. Eine Einleitung von einer Seite, 3 Capitel.

I. De Megarensium Theog. aetate rebus. De Theog. vita.
II. De Theogn. scriptis.
III. Theogn. de deis, de moribus, de rebus publicis opiniones examinantur.
Ein kurzer Schluß.

     Ob ich damit zufrieden bin? Nein, nein. Aber ich hätte kaum etwas besseres, selbst wenn ich mich noch mehr angestrengt, sagen können. Einige Parthien sind langweilig. Andre sprachlich unbeholfen. Hier und da einiges überspannt, wie ein Vergleich des Th[eognis] mit Marquis Posa! Meine vorher angefertigten Collektaneen über Theognis habe ich zum größten Theil ausgeschrieben. Aergerlich ist mir, daß ich sehr oft habe Stellen abschreiben müssen. Citirt habe ich Theognis so oft, daß sicher der größere Theil der Fragmente von mir citiert ist.
     Nun vernimm von meinem Leben. Früh, nicht allzufrüh stehe ich auf und trinke dann Kaffee. Nach demselben begebe ich mich in meine Stube, ein großer Tisch steht hier, ganz bedeckt mit zum Theil aufgeschlagnen Büchern; ein gemüthlicher Großvaterstuhl; ich selbst bekleidet mit meinem schönen Schlafrock. Ich schreibe nun. Ungefähr um 1 esse ich mit Mutter und Schwester zu Tisch, trinke mein heißes Wasser, spiele ein geringes Klavier und trinke Kaffee. Dann schreibe ich wieder. Um sechs wird mir der Thee und mein Abendbrot auf meine Stube gebracht; ich trinke und esse und schreibe. Es wird dunkel. Ich raffe mich auf, sehe nach der Uhr: halb Neun. Ich ziehe mich schleunigst an, verlasse unsre Wohnung und eile in dem Düster der hereinbrechenden Nacht in die Saale. Diese ist kühl, kalt, darum erquickend; der Fluß rauscht, alles ist still, der Nebel und ich ruhen auf dem Wasser. Der Wind bläst, wenn ich zurückgehe. Ich bin guter Dinge durchweg. Bis jetzt greift mich auch meine etwas anstrengende Lebensweise noch nicht sehr an.
     Morgen kommt unser Schenkel und bleibt bis Dienstag. Diese Tage sind der Erholung geweiht. Ich freue mich auf ihn. Und will ihn von Dir grüßen.
     Jetzt weißt Du von meiner Arbeit und meinem Leben, was beides so ziemlich in einander, aufgeht.
     Die nächste Zeit lasse ich die Arbeit ruhn. Nun kommen die andern Studien, die ebenso drängen. —
     Ei daß wir uns nicht wieder gesehn haben am Tage der Abreise! Indessen bist Du mir noch wohl erinnerlich in Deiner letzten Handlung: Du kauftest dir Cigarren; ich bilde mir ein, es geht Dir wohl, denn Du hast ja Taback.
     Wenn mir nun alles sogleich einfiele, was ich Dir noch mitzutheilen oder von Dir zu fragen hätte! Halt! Dies, was Dir lieb sein wird. Die Aussichten für Bonn sind gut und werden von meiner Mutter durchaus protegirt. Desgleichen die der Rheinreise, was Dir gewiß von Interesse.
     Ich ergreife gerade diese Gelegenheit, Dich zu bitten, mich Deinen verehrten Eltern auf das Beste zu empfehlen.
     Sonnabend war ich bei Kletschke, er ist nun abgereist. Corssen ist abgereist und am andern Tage zurückgekommen. Echt corssenhaft!
     Was ich bis jetzt allein von Musik treibe: Ich übe mir „Gretchen“ den zweiten Theil der Faustsinfonie, ein (von Liszt natürlich.) Zauberhaft gut und wohlthuend ist dies Gretchen. Dagegen ist mir „Faust“ zu großartig und „Mephist.“ zu grotesk und schrullenhaft.
     Melodien kommen in den Kopf und gehen; denn ich habe keine Zeit, sie zu verarbeiten. Verschen habe ich auch machen wollen. Aber es wurde nichts. Dann und wann singt mir meine Schwester ein schönes Lied vor.
     Ich bin übrigens so ungestört und wohl aufgehoben und meiner Zeit eigner souveräner Herr, daß ich meinen Wunsch des Alleinseins in die Rumpelkammer der Schrullen verweise. Es geschieht mir so manches Liebe und Erheiternde. Das erweitert den Geist ungemein. Viel mehr als brütendes Alleinsein.
     Lebe recht wohl, mein lieber Deussen! Theile mir in Kürze vieles Spezielle mit. Ich interessiere mich für alles. Meine Dissertation von Rintelen habe ich nicht bekommen können. Vielleicht siehst Du zu. Ich denke oft und gern an Dich.

Dein Fritz. N.


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BVN-1864,32

An Rudolf Buddensieg in Leipzig

[Naumburg, 12. Juli 1864]


Mein lieber Buddensieg,

Bei Tische saß ich und feierte essend, trinkend und lachend meiner Schwester Geburtstag, als mir die Ankunft Ihres Briefes angezeigt wurde. Am Tage darauf bekam ich eine nochmalige dringende und höchst freundliche Einladung, durch einen Domrichschen Commis vermittelt. Und trotzdem bin ich Unmensch genug, gegen Sie und nicht am Wenigsten auch gegen mich — Ihrer Einladung nicht Folge zu leisten. Gründe mündlich, ich weiß zwar nicht, wann; aber es ist entsetzlich heiß, und Gründe soll mir niemand abtrotzen, am wenigsten bei einer hautablösenden Temperatur, wenn auch die Gründe so wohlfeil wie Brombeeren und langweilig wie heiße Sommertage wären.
     Glauben Sie mir dies, daß ich Ihnen nicht sowohl für Ihre Einladung von Herzen dankbar bin, als besonders für die schöne Erinnerung an mich und für die Fortpflanzung unsrer gegenseitigen Interessen, unsrer musikalischen Interessen.
     Und nichts wäre mir erwünschter als mich Ihnen gegenüber wieder einmal über Musik aussprechen zu können, Ihnen den musikalischen Zustand Pfortas zu schildern und Ihnen einiges über meine eignen musikal. Bestrebungen mitzutheilen.
     Was nun Ihre Gedanken über die Wirkungen der Musik betrifft, so ist die Beobachtung, die Sie an sich gemacht haben, wohl mehr oder weniger allen musikalisch organisirten Menschen eigen; indessen ist diese Nervenerregung, dieser Schauer nicht die Wirkung der Musik allein, sondern aller höhern Künste. Erinnern Sie sich des analogen Eindruckes beim Lesen Shaksperescher Tragoedien. Und wie bei diesen bald ein einziges Wort, bald eine drängende und fortreißende Scene, bald ein greller Gegensatz dieses Gefühl hervorruft, so erwecken auch durchaus verschiedenartige Musikwerke einen gleichen Eindruck, einen gleichen Nervenkitzel. Denken Sie daran, daß dies bloß eine physische Wirkung ist; ihr vorangeht eine geistige Intuition, die auf den Menschen bei ihrer Seltenheit, Großartigkeit und Ahnungsfülle so einwirkt, wie ein plötzliches Wunderbares. Denken Sie nicht, daß der Grund dieser Intuition im Gefühl, im Empfinden liegt; nein, gerade im höchsten und feinsten Theile des erkennenden Geistes. Ist es Ihnen nicht als ob sich etwas Weites, Ungeahntes erschlösse, spüren Sie nicht, daß Sie in ein andres Reich hinübersehen, das dem Menschen für gewöhnlich verhüllt ist?
     Bei dieser geistigen Intuition tritt der Hörer dem Componisten so nahe, als er nur treten kann. Ueber diese Wirkung hinaus giebt es keine in der Kunst; sie ist selbst eine schöpferische Kraft. Finden Sie den Ausdruck unpassend, den ich selbst vor zwei Jahren, als ich mehere Bogen über diesen Gegenstand an meine Freunde schrieb, gewählt habe; ich nannte die Wirkung „eine dämonische“. Wenn es je Ahnungen höherer Welten giebt, so liegen sie hier verborgen.
     Indessen ist die Materie weit, und Sie verzeihn mir, wenn ich ein paar Worte hingeschrieben habe, die wenig bedeuten. Ein Geheimniß liegt hier sicher verborgen: fragen Sie Sich: Ob der Componist immer oder selten dies Gefühl beim Schaffen habe? Ob dieser Eindruck nur von guter Musik veranlaßt werde, oder ob bei entsprechender Organisation des Menschen nur die seiner Geisteshöhe gemäße Musik diesen Eindruck gewährt? Ob man überhaupt aus diesem Eindruck einen Schluß auf die objektive Vollkommenheit eines Musikwerkes machen dürfe? Ob vorzügliche Musikwerke diesen Eindruck auf feine Naturen machen müssen? Und so der Räthsel viele. —
     Ich schreibe eine Arbeit über Theognis von Megara, lateinisch; von Montag bis Sonnabend arbeitete ich daran, unmäßig fleißig und wurde fertig. Es wird wohl viel über 60 Bogenspalten geben.
     Ob ich in Leipzig studiere, weiß ich nicht; zunächst hoffe ich auf Bonn, aber zu zweit d. h. wenn meine Idee von Bonn vereitelt wird — auf Leipzig.
     Ob ich mein Examen bestehen werde, weiß ich nicht; indessen hoffe ich es, wenn ich die Ferien sehr tüchtig benutze, es gut zu bestehen. Nachher schreibe ich Ihnen.
     Aber nicht wahr, wir unterhalten einen Briefwechsel? Sie werden beistimmen, haben Sie doch den Anfang gemacht.
     Leben Sie recht glücklich. Herzlichen Dank.

Ihr
F W.N.
der ärgerlich ist, Ihnen kei-
nen bessern Brief schreiben
zu können. Aber ὀτοτοῖ
der Hitze!


Dienstag Nachmittag 26°R. im Schatten.


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BVN-1864,33

An Rudolf Buddensieg in Leipzig

Donnerstag, Naumburg a/S.
[Zweite Julihälfte 1864]


Lieber Buddensieg,

Ich weiß nicht, was Sie dazu sagen werden, wenn ich Ihnen ohne weitere Förmlichkeiten ankündige, daß ich nächsten Sonnabend kommen werde, um Sie auf ein Paar Tage zu besuchen. Hoffentlich, nehmen Sie mir diese naive Ankündigung nicht übel. Jedenfalls freue ich mich sehr darauf; haben wir doch endlich Gelegenheit, uns wieder einmal zu sprechen. Dazu möchte ich Leipzig, seine Kunstschätze usw. kennen lernen, vielleicht besuche ich das eine oder andre Colleg.
     Sollte etwas Ihnen entgegenstehn, so haben Sie die Güte, es mir bis Sonnabend mitzutheilen. Sie haben für diesen Fall auch wohl die Gefälligkeit, meinem Vetter Rudolf Schenkel stud. juris die Anzeige meines Kommens zu machen. —
     Ihr Logis kenne ich nicht. Ich bitte Sie darum, auf dem Bahnhof mich in Empfang zu nehmen. Ich fahre Sonnabend Abend gegen 9 ab.
     Ich komme auf jeden Fall. Bis auf unser persönliches Zusammentreffen leben Sie recht wohl. Ich wünsche, daß ich Ihnen keine Störung und Unannehmlichkeit bereite und verspreche möglichst artig zu sein

Ihr
F W. Nietzsche.


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BVN-1864,34

An Hermann Kletschke in Pforta (Zettel)

Pf. 14. Aug. [1864]


Nietzsche bittet um 3 Thl. für das Abiturientengeschenk.


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BVN-1864,35

An Hermann Kletschke in Pforta (Zettel)

Pf. 26. 8. 64.


Nietzsche bittet um 5 Srg. zum Bergtag.


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BVN-1864,36

An Hermann Kletschke in Pforta (Zettel)

Pf. 28 Aug. [1864]


Nietzsche bittet um die Erlaubniß, sich zwei Buch Examenpapier, zwei Kästch[en] Stahlfedern, eine Flasche Tinte und ein Valediktionsheft anzuschaffen.


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BVN-1864,37

An Hermann Kletschke in Pforta (Zettel)

Pf. 3 Sept. [1864]


Nietzsche bittet um die gütige Erlaubniß, sich ein Buch w[eißes] Papier, ein Kästchen Stahlfedern anzuschaffen.


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BVN-1864,38

An Hermann Kletschke in Pforta (Zettel)

Pf. 3 Sept. 64.


Nietzsche bittet um 15 Srg. für Rasiren.
               (Herr Prediger Kletschke)


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BVN-1864,39

An Hermann Kletschke in Pforta

Naumburg am 9 t. S[eptember] 1864.


Hochgeehrter Herr Prediger,

Ich möchte nicht die ersten Tage eines neuen Lebens vorübergehen lassen, ohne Ihnen, wenn auch nur schriftlich, den Dank auszusprechen, den ich Ihnen schulde. Sie haben mir in den letzten Jahren meines Aufenthalts in Pforte ein Vertrauen erwiesen, das ich immer mehr und am meisten jetzt zu schätzen gelernt habe. Diesem Vertrauen hat mein Verhalten nicht immer entsprochen: ich gestehe es ein. Sie haben mir verziehen, was ich mir selber nie hätte verzeihen können. Empfangen Sie dafür noch besonders meinen Dank und erinnern Sie sich meiner, wenn es Ihnen möglich ist, freundlich, ohne bittre Empfindung. Sie haben aber auch sonst mit Rath und That mir zur Seite gestanden, über Dinge, die mir fremd waren, mir Aufklärung geboten, mir in meinem Fache, in dem ich schwach war und leider noch bin, freundlichst und mit großem Bemühen nachgeholfen: das alles und dann noch ihre stete Fürsorge für meine Zukunft verbindet mich Ihnen zu dem aufrichtigsten Danke.
     Sie erlauben es mir, daß ich Ihnen dann und wann von mir Nachricht gebe und einiges über meine Studien in meiner neuen Laufbahn Ihnen mittheile: und ich kann sicher sein, daß Sie mir auch für diese Zeit Ihren guten Rath nicht versagen werden. Ich wünsche nur, daß ich Ihnen durch mein zukünftiges Leben Freude machen und auf diese Weise Ihnen einen ungenügenden Dank abstatten kann. Möge Gott im Himmel Ihnen Kraft und Gesundheit schenken, möge er Ihnen, was Sie an mir gethan, vergelten!

Ihr dankbarer Famulus
F. Nietzsche


Es empfiehlt sich Ihnen meine Mutter auf das dankbarste. —


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BVN-1864,40

An Hermann Kletschke in Pforta (Zettel)

Pf d. 12/9 64.


Herr Prediger Kletschke wird um 20 Silbergroschen für Einpacken der Betten und Bücher gebeten

von
Nietzsche


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BVN-1864,41

An Hermann Kletschke in Pforta (Zettel)

Pf. d. 12/9. 64.


Herr Prediger Kletschke wird um 20 Silbergroschen für Kleiderreinigen gebeten

von
Nietzsche


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BVN-1864,42

An Hermann Kletschke in Pforta (Zettel)

[Pforta, vermutlich 12. September 1864]


Nietzsche bittet um 19 Sgr. für Klaviermiethe


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BVN-1864,43

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

Elberfeld, 27 Sept. 64.


Liebe Mama und Lisbeth,

Die Federzüge mögen Euch zunächst bedeuten, daß ich in einem kaufmännischen Hause schreibe. Ich denke mir, wie Ihr Euch freuen werdet, wenn Ihr nach wenig Tagen schon Nachrichten von mir bekommt. Und besonders, da ich Euch nur Gutes und Angenehmes schreiben kann.
     Es ist wahr, am liebsten möchte ich Euch ausführlich mündlich erzählen, aber die Stunden sind ferne, wo dieser Wunsch befriedigt werden kann.
     Die Reise selbst bot des Schönen und Interessanten nicht zuviel, zuerst verschlafene, schnarchende Reisegenossen, dann sehr geschwätzige, lärmende, gewöhnliche, dann Fabrikarbeiter und Kaufleute oder auch anspruchsvolle alte Damen; und ich könnte zu jeder dieser Bezeichnungen eine Geschichte zum Besten geben.
     Wir kamen Abends verschlafen, etwas unwirsch gegen 11 Uhr an; Ihr könnt glauben, daß eine solche Tagesreise fabelhaft abspannt. Wir logirten bei Brünings uns ein, zwei nicht sehr alten Damen und ihrem Bruder, der zu Bett liegt und ein gastrisches Fieber hat. Wir erquickten uns hier durch Wein und Brod und begaben uns zur Ruhe, schliefen vorzüglich, standen spät auf, frühstückten — hier wie überall schönes Gebäck mit Pumpernickelschnitten — machten dann einen Besuch bei Röhrs, wo Johanna und Marie zu Hause waren, nette Mädchen, indeß nicht meine Art, etwas geschmacklos in ihrer Kleidung, allerdings unter der Obhut einer alten, sehr pietistischen Dame, mit der ich am Tage darauf in ein längeres Disput über das Theater „das Werk des Teufels“ mich verwickelte, mich auch sehr gut hielt, aber wegen meiner Ansichten von ihr bemitleidet wurde. Heute sind wir zu ihr zum Kaffe eingeladen. Also Sonntag lernte ich noch Ernst Schnabel kennen, einen jungen, äußerst liebenswürdgen Kaufmann; er ist Deussens bekannter und begünstigter Nebenbuhler, wie Ihr wißt; dann auch Friedrich Deussen, der hier in einem Geschäft ist. Nachmittag war[en] wir zusammen auf den Höhen die Elberfeld umschließen. Stellt Euch ein langes schönes Thal vor, das Wupperthal, durch das sich eine Anzahl Städte ohne bestimmte Abgrenzung wie eine lange, mächtige Kette von Fabriken hinstreckt, von denen eine Elberfeld ist, so habt Ihr die hiesige Gegend. Die Stadt ist äußerst kaufmännisch, die Häuser meistens von außen mit Schiefer bekleidet. An den Frauen, die man sieht, bemerkte ich besonders Vorliebe für frommes Kopfhängen. Die jungen tragen sich sehr elegant mit Mäntelchen mit scharfer Taille wie jene Kösener Polin. Die Herren alle Havannafarben an Hut, Hosen usw. Nachdem wir Sonntag Nachmittag in meheren Restaurations gewesen, waren wir Abends bis 11 Uhr bei Ernst Schnabel, höchst gemüthlich bei einem äußerst feinen Moselwein „Pastors Moselkens“, wie Ernst ihn nannte. Mein Klavierphantasieren macht einen nicht geringen Effekt; ich wurde feierlichst mit einem Toaste leben gelassen. Ernst ist vollständig, wie Lisbeth sagen würde, enchantirt; wo ich bin, muß ich spielen, es wird bravo gerufen, es ist lächerlich. Gestern Nachmittag fuhren wir nach Schwelm, einem benachbarten Badeort, besuchten die rothen Berge, eine bekannte Stätte der alten Vehme und knippen überall herum. In einem Wirth[s]haus spielte ich Abends, wider Wissen in Gegenwart eines renommirten Musikdirektors, der nachher mit aufgesperrtem Rachen dastand und alles Schöne sagte und mich beschwor, Abends an seinem Gesangverein Theil zu nehmen. Was ich nicht that. Sondern ich fuhr zurück, und war zum Abendessen in Schnabels Familie eingeladen. Nette, gute Menschen, famose Frau, guter, frommer, conservat. Kaufmann. Man ißt hier gut und trinkt noch besser, aber man ißt andere Gerichte als bei uns. Schweizerkäse und Pumpernickel den Tag dreimal.
     Morgen früh beginnen wir das Rheinreischen und wollen übermorgen Abend in Oberdreis sein. Ernst Schnabel reist mit uns. Von dort bekommt Ihr bald wieder Nachricht.
     Sendet mir doch mein Zeugniß einzeln und bevor Ihr meine übrigen Sachen sendet. Ich habe sonst nichts womit ich mich als F. N. legitimieren kann, um mein Gepäck herauszubekommen. Vergeßt ja nicht mein Gepäck bald zu besorgen; es muß jetzt fortgehn. Uebergebt es Spediteur Otto.
     Deussen läßt vielemals grüßen; es hat ihm offenbar recht gefallen.
     Nun liebe Mama und Lisbeth, lebt recht wohl, ich weiß daß Ihr oft an mich denkt; glaubt immer, daß es mir wohl geht. Habe ich doch bis jetzt noch nichts unangenehmes erlebt. Morgen werde ich nun schon Bonn sehn. Macht es Euch nicht zu schwer, schreibt mir bald einmal! per adr. P. Deussen in Oberdreis post rest. Altenkirchen am Sieg. Nun lebt wohl, lebt wohl! Grüßt Tante Rosalie herzlichst!

Euer
Fritz.


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BVN-1864,44

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

Oberdreis am 8t. Oct. 1864.
Vormittag.


Liebe Mamma und Lisbeth,

Gar zu gern möchte ich Euch Nachricht von mir vor meinem Geburtstage geben, den ich leider nicht in Bonn verleben kann; vielmehr werde ich, da an demselben Tage die Frau Pastorin D[eussen] ihren Geburtstag hat, ihn hier feiern, soweit dies möglich ist, und am 16 Ot. früh nach Bonn abreisen. An diesem Tage reisen nämlich alle die Deussenschen Söhne, ab, der eine nach Berlin, der andre nach Halle, der andre nach Bonn. Weder Briefe noch Geschenke darf ich also dies mal an meinem Geburtstage erwarten. Der Transport ist so nach diesen Gegenden zu sehr schwer.
     Wie soll ich Euch nun mein bisheriges Leben beschreiben? Die Eindrücke sind stark, bunt, höchst mannigfaltig. In Elberfeld machte ich noch am letzt[en] Abende eine höchst interessante Bekanntschaft, nämlich die eines sehr reichen Pariser Kaufmanns, Ingelbach, der mit Deussens verwandt ist. Wir d. h. Paul und Friedrich Deussen und ich waren mit ihm in einem Hotel bis spät in die Nacht zusammen, speisten ausnehmend fein und tranken Bordeauxweine, unterhielten uns über seine Lieblingsmaterien, religiöse Sachen und waren recht vergnügt; nächstes Jahr wird er uns auf ein paar Tage in Bonn besuchen. Er stand übrigens in Verbindung mit dem Leipziger Nitzsche, der mir von meheren Kaufleuten als „ein großer Mann“ dh. Kaufmann bezeichnet wurde.
     Unsre Rheinreise war kostbar, nimm das Wort, wie Du willst, es trifft immer. Ich habe diese Tage schon wieder Sehnsucht empfunden nach diesem grünwogigen prachtvollen Strom und freue mich sehr auf Bonn. Genaueres theile ich Euch einmal mündlich mit. Wir kommen jetzt nach Oberdreis.
     Ihr könnt Euch das hiesige Leben nicht gemüthlich genug vorstellen. Insbesondre wünschte ich, daß ihr die Frau Pastorin kennen lerntet, eine Frau von solcher Bildung, Feinheit des Gefühls, der Rede, solcher Arbeitskraft, wie es selten andre geben mag. Menschen der verschiedensten Charaktere vereinigen sich zum Lobe dieser Frau. Der Pastor D[eussen] tritt gegen sie sehr zurück, es ist ein braver, guter, großer Mann, der indessen nicht immer consequent ist. Die Deussenschen Söhne sind sämmtlich tüchtige Menschen, am meisten gefällt mir der Maschinenbauer. Marie Deussen ist trotz ihrer Jugend ein ganz prächtiges, sehr geistiges Mädchen, die wirklich, liebe Lisbeth, mich gelegentlich an dich erinnert, weshalb ich ihr natürlich meine besondre Gunst nicht versagen kann. Dabei ist sie ganz fabelhaft thätig, wie sie überhaupt ihrer Mutter Abbild ist. Das Pensionat kann ich zusammenfassen als einen Verein von jungen, nicht schönen, gutmüthigen Mädchen, die aber alle sehr fleißig zu sein scheinen. Die sehr große Wirthschaft macht dies auch nöthig. Die Wohngebäude sind ziemlich großartig. Ueberhaupt ist das Leben hier eine seltne Vereinigung von Einfachheit und Luxus. Ihr werdet Euch jedenfalls eine falsche Vorstellung davon machen. Wir machen täglich ein oder zwei Parthien in benachbarte schöne Gegenden, nämlich wir jungen Menschen, mitunter in Begleitung des Pensionats. Das Leben gefällt mir durchaus, die Luft ist äußerst kräftig, aber gesund, durch die Gegend gehn noch alte Römerstraßen; auf einem Trümmerhaufen eines uralten römisch[en] Castells haben wir gestern Abend auf der Rückkehr von einem befreundeten Pächterhofe im Mondenschein „integer vitae“ gesungen. Meine Anschauungen über Volksleben und Sitten bereichern sich täglich. Ich merke auf alles, auf Eigenthümlichkeit des Essens, der Beschäftigung, der Feldwirthschaft usw.
     Indessen mein Stoff ist ohne Ende. Ich muß noch einiges Praktische berühren. Ein Logis habe ich noch nicht, und ich will froh sein, wenn ich mich erst eingewohnt habe. Schreibt mir doch, unter welcher Addresse ich in Bonn meine Sachen finde. Habt ihr einiges über Stipendien erfahren? Vielleicht durch Pred. Kletschke? — Ich wünsche sehr, daß alles da ist, wenn ich in Bonn eintreffe. Die Anfangskosten werden bedeutend sein. In Neuwied werde ich mir ein Pianoforte miethen und mir per Dampfschiff nach Bonn transportieren lassen. — Willst Du nicht an die Frau Pastorin zum Geburtstag schreiben? — Die Immatrikulation — Miethe — Speiseabonnement kosten! Das kostet alles leidig viel Geld!
     Nun, liebe Mamma und liebe Lisbeth, ich habe eigentlich täglich von Euch einmal ein Paar Zeilen erwartet. Wenn ich in Bonn angekommen bin und mich eingerichtet habe, schreibe ich Euch. Am 14 Ot. ist Kuttigs Geburtstag. Ich werde aber erst von Bonn aus schreiben, es ist hier mir zu unbequem. Das seht ihr an der Feder. — Nun lebt recht wohl und wünscht mir rechtes Glück zu den bevorstehenden Tagen! Ich denke Eurer, so wie auch der lieben Tanten und meiner Freunde oft und gern!

Euer Fritz.


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BVN-1864,45

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Oberdreis, 12. Oktober 1864]
Mittwoch, Mittag.


Liebe Mama und Lisbeth,

Eurem Wunsche gemäß schreibe ich jetzt gleich, nachdem ich vor einer Stunde erst von Altenkirchen in furchtbarem Wetter angekommen bin. Ich beabsichtigte dort nämlich mit Ernst Schnabel zusammen ein Geburtstagsgeschenk für die Frau Pastorin einzukaufen, und zwar eine Klavierdecke, da wir einmal einen derartigen Wunsch zufällig ihr abgelauscht hatten. Leider bot das kleine Städtchen durchaus nichts und wir haben also auch nichts zu bringen als unsren guten Willen.
     Dagegen habe ich wenigstens die lieben Briefe mir mitgebracht und so den Weg nicht umsonst gemacht. Meinen vielfachen Dank für die ausführlichen Nachrichten. Dabei ist mir der Zweifel aufgestiegen, ob mein erster Brief von Elberfeld richtig angekommen. Indessen heute kann ich keinen „amüsanten“ Brief schreiben; ich muß die vielen, sehr massiv-praktischen Fragen beantworten. Was meinen Geburtstag betrifft, so ist es das beste, ihr schreibt mir bloß, schickt mir indeß nichts nach Oberdreis. Jeder Transport hier ist außerordentlich schwierig. Altenkirchen ist gegen 2 Stunden entfernt. Den Schlüssel zum Kistchen habe ich nicht. Um einen Kuchen bitte ich absichtlich nicht. In Bonn könnte ich ihn gebrauchen, in Oberdreis nicht, die Menschenmenge ist zu groß. Sonntag früh reisen wir unwiderruflich allesammt ab. Wenn die Kiste nur einen halben Tag zu spät käme, träfe sie mich nicht mehr.
     Der Geldpunkt. Natürlich wie ich schon geschrieben habe, brauche ich zu Anfang sehr viel Geld. Ich hoffe indessen zunächst auszukommen, wenn Du mir 50 Thl. schickst. Dann benachrichtige ich Dich, wie es sich macht. Mit dem Monatsgeld muß ichs auch erst probieren, aber wohlverstanden, mit 20 Thl. monatlich kann ich nicht auskommen. Thun wir uns tüchtig nach Stipendien um. Ich rechne, daß ich nothwendig monatlich mindestens 30 Thl. brauche. Diese 50 Thl. mußt Du mir aber noch nach Oberdreis schicken, damit ich mit diesem Geld nach Bonn gehe.
     Weihnachten, denke ich, machst Du Frau Pastor Deussen ein Geschenk. Sie läßt sich Dir empfehlen. — An Onkel Bernhard schreibe ich, so bald ich mich eingerichtet habe und meine Lage übersehn kann. An Pastor Kletschke schreibe ich zu seinem Geburtstag zum 1 Nov. Ich dächte, ihr müßtet mir ein klein wenig dankbar sein, daß ich euch auf verzeihliche Weise manche Unannehmlichkeiten ersparte. Oder denkt ihr anders? — Grüße und gratuliere den lieben Breslaus. Insgleichen überbringe Tante Rosalie, der Frau v. Busch meine herzlichst. Grüße. — Daß Wunderlich des kl. Rabe Oberer ist, freut mich recht. Grüßt ihn von mir.
     Wir leben hier höchst gemüthlich. Gestern war bei der Pfarre das sogenannte „Schlör“, bei dem der Flachs gebrochen und geschwungen wird. Es waren über 30 Leute, die alle auf der Pfarre festlich bewirthet wurden. Dazu war eine Pastorin mit Tochter zum Besuch. Du kannst Dir denken, welche Mühe für die Frau Pastorin, die aber immer ihre heitre Ruhe bewahrt, ob sie gleich unglaublich viel thut und keinen Augenblick sich Ruhe gönnt.
     Der Sonnabend ist für die Pfarre und die Umgegend einer der größten Festtage. Die Pastorin, die Elisab. Deussen und ich haben zusammen Geburtstag.
     Neulich bin ich auch bei einer Bauernkindtaufe gewesen, wo es wie immer Kaffe und Kartoffeln gab. Davon leben die Leute überhaupt hier. Im Hause lebt hier noch ein stummer Schuster und ein lahmer Schneider. Meine Stiefeln sind zerbrochen stellenweis, aber sie werden hoffentlich gemacht. Gestern war großer Viehmarkt in Steimel; wir giengen dahin. Man geht täglich mindestens 4 Stunden, mitunter auch 7. Ich erhole mich also ordentlich. Um so tüchtiger kann ich dann zu arbeiten anfangen. Wie steht es mit meinem Empfehlungsschreiben? Frage doch Dr. Volkmann einmal, so wie auch Benndorf (an Professor Perthes). Nun will ich Halt machen. Ich fürchte, es ist keine Briefgelegenheit mehr. Der Postbote ist längst fort. Adieu ihr Lieben! Von dir, liebe Lisbeth, erwarte ich einen ausführlichen schönen Brief über Ball und andre Affairen.
     Denkt meiner freundlichst und schreibt mir bald!

Euer Fritz.


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BVN-1864,46

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

Bonn, am 17t. [und 18.] October.
1864.


Meine liebe Mamma und Lisbeth,

von Bonn aus, von meiner Wohnung aus bekommt ihr zum ersten Male Nachricht; und ich gebe sie euch, heiter und froher Hoffnungen voll, zugleich aber mit dem dankbarsten Herzen; denn eure Hände waren es, die auf das angenehmste gleich meine ersten Stunden in einer neuen Welt ausschmückten, eure lieben Wünsche und Gebete waren es, die meinen Eingang in ein selbstständigeres Leben weihten.
     Ueber meinen Geburtstag kann ich schneller hinweggehn; früh morgens sangen wir vor dem Schlafzimmer der Frau P[astor] D[eussen] einen vierstimmigen Choral „Lobe den Herrn, o meine Seele“, den ich mit den Damen und Herren eingeübt hatte. Bei der Bescheerung bekam ich von der P[astorin] einen Theil der Monod’schen Schriften. Sie freute sich über deinen Brief und will dir bald einmal antworten. Abends waren wir auf der Wiese und spielten Gesellschaftsspiele und tanzten etwas. Wir verlebten den Tag ruhig und angenehm, indeß war ich gerade nicht heiter, was leicht zu erklären ist. Den andern Morgen früh machten wir uns auf den Weg nach Neuwied, 6 Stunden lang, der Abschied war sehr rührend. Ich habe einen Thl. Trinkgeld gegeben, in den sich 3 Personen theilen müssen. Wir kamen ein wenig müde auf dem Dampfschiff an und landeten an Bonn gegen 4 Uhr. (Zeitbestimmungen sind bei mir immer ungenau, denn ich habe keine Uhr) Hier fanden wir denn bald einen mir wohl anstehenden Stiefelfuchs, der als Sachverständiger und Mitinteressirter immer von Studenten beim Miethen benutzt wird. Nun haben wir uns gegen 10, 12 Wohnungen angesehn. Mit dem Zusammenwohnen ist kein Profit: die Wohnungen dieser Art, Stube und Schlafzimmer stehen 10 bis 12 Thl. monatlich. So entschlossen wir uns endlich spät Abends, benachbarte, aber Separatwohnungen uns zu miethen. Ich glaube sehr zufrieden sein zu können; monatlich 5 Thl. Miethe. Sehr schönes Haus, Ecke zweier lebhafter Straßen mit Balkon, angenehme äußerst reinliche Wirthleute, die ein großes Geschäft haben; ich lege Dir ihre Karte bei. Der Mann ist Holsteiner. Mein Zimmer wird erst eingerichtet, zwei Treppen hoch, geräumig, mit drei großen Fenstern, alles sehr nobel und reinlich, mit Sopha. Ich wohne während der Einrichtung, die ein paar Tage dauern wird, das Zimmer darunter Belletage mit Balkon, Schlafkabinet, äußerst angenehme Wohnung; kostet aber 7 Thl. weshalb mir zu theuer. Das Essen kostet in allen Restaurationen 7 Srg. im Abonnement, sehr theuer. Deshalb ist es mir sehr lieb, bei meinen Wirthsleuten essen zu können für 5 Srg. sehr gute Hausmannskost, Suppe Gemüse und Fleisch. Ich esse auf meiner Stube. Das ist eine Ersparniß von monatl. 2 Thl. Abends esse ich eben so bei den Wirthsleuten für 3 Srg. Auf diese Weise bin ich sehr von dem lästigen Kneipenlaufen zurückgehalten. Ein Pianino habe ich mir gemiethet, so billig ich es nur haben konnte, für 3 Thl. monatlich. Die Wäsche lasse ich auch durch die Wirthin an eine Wäscherin befördern, die billiger und besser wäscht, als die Frauen der Stiefelfuchse, die gewöhnlich die Wäsche der Studenten besorgen. Der Stiefelfuchs bekommt für Kleiderreinigen, Stiefelputzen und Ausgänge monatlich 20 Srg. Jetzt berechne den Monat.
               5 Miethe
               5 Mittag
               3 Abend
               2 Frühstück (Butter, Milch, Schwarzbrod, Weck)
               3 Klavier
           c. 2 Wäsche
               3 Heizung (nach Tagesberechnung 3 Srg. der halbe Tag 2 Srg)
                    20 Stiefelfuchs
                                                  
               23 Th. 20 S.
ohne Bücher, Hefte und die vielen Nebenausgaben für Oel, Spiritus, eine Lampe usw. Kein Pfennig für eine Vergnügung. Wie gesagt, ohne 30 Th. monatlich ist kein Auskommen.
     Ich kann hier gar nichts machen, bevor ich nicht das Geld bekommen habe, nicht einmal mich immatrikulieren lassen. Heute war es noch nicht auf der Post. Auch meine andren Sachen vermisse ich sehr; ich kann kaum ausgehn, da ich keine reine Wäsche habe, meine Stiefeln mannigfach zerrissen sind. Natürlich habe ich auch noch keine Visiten machen können. Das Photograph. album hat mir ungemeine Freude gemacht, insgleichen die Kaffeemaschine, wenn gleich der Kaffee mir noch nicht daraus geschmeckt hat. Es macht [machte] mir besonderen Spaß, die Kiste mit all ihren reichen Inhalte auszupacken, nachher die schönen Briefe zu lesen und endlich zu Bett zu gehn.
     Paul und ich essen zusammen und zwar heute sehr gute Suppe mit Zunge darin, Kalbscotellets mit Rübchensalat und Kartoffeln, frisch. Obst. —
     Der lieben Tante Rosalie sprich meinen herzlichsten Dank aus; ich werde ihr bald einmal schreiben. Wie viel habt ihr mir nicht geschenkt! Ueber das Bild der selg. Großmama habe ich mich besonders gefreut. Schreibt mir recht bald wieder! Meine Addresse „Bonn, Bonn- und Gudenauergassenecke 518“
     Nun lebt recht, recht wohl!

Euer Fritz.


     Auch heute, Dienstag früh, ist mein Geld noch nicht da. Ich kann mich also nicht immatrikulieren lassen, da dies über 7 Thl. kostet. Das Paupertätszeugniß brauche ich noch bis Ende dieser Woche spätestens! Vergeßt das ja nicht!


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BVN-1864,47

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Bonn, 24. und 25. Oktober 1864]
Montag früh


Liebe Mamma und Lisbeth,

indem ich mich zuerst nach allen Seiten hin höflichst verneige, stelle ich mich Euch als ein Mitglied der deutschen Burschenschaft Franconia vor.
     Nun, ich sehe schon, wie Ihr auf höchst merkwürdige Weise den Kopf schüttelt und einen Ausruf der Verwunderung von Euch gebt. Es ist auch wirklich vielerlei Wunderbares mit diesem Schritt verbunden, und so kann ich es Euch nicht übel nehmen. Z. B. traten fast zu gleicher Zeit sieben Pförtner der Franconia bei und zwar außer zweien sämmtliche Pförtner, die sich in Bonn zusammenfanden, darunter viele, die schon im vierten Semester stehn. Ich nenne Euch einige, die Ihr kennen werdet: Deussen, Stöcken, Haushalter, Töpelmann, Stedefeld, Schleussner, Michael und ich selbst.
     Natürlich habe ich mir den Schritt reiflichst überlegt und ihn in Anbetracht meiner Natur fast für nothwendig erachtet. Wir sind alle zum größten Theile Philologen, zugleich alle Musikliebhaber. Es herrscht im Allgemeinen ein sehr interessanter Ton in der Franconia, die alten Leute haben mir prächtig gefallen.
     Vorher habe ich noch die Marchia genau kennen gelernt und einige derselben mir zum nähern Umgang gewählt. Auch die Germanen habe ich besichtigt, so daß ich zu einer Vergleichung wohl berechtigt war, die aber zu Gunsten der Franconia ausfiel.
     Ich habe bis jetzt von allen Seiten sehr viel angenehmes und liebes erfahren. Neulich habe ich Musikdirektor Brambach eine Visite gemacht und mich in den städtischen Gesangverein aufnehmen lassen. Mit den Märkern habe ich eine Partie nach Rolandseck gemacht; die Gegend ist prachtvoll, und wir haben einige sehr schöne Tage gehabt. Gestern fuhren die Frankonen nach Plittersdorf, dort war Kirmes, und es wurde tüchtig getanzt, bei einem Bauer Most getrunken; Abends gieng ich mit einem Frankonen, den ich besonders gern habe, meinem Leibburschen den Rhein entlang nach Bonn zurück; auf den Bergen waren Weinlesefeuer. Ihr glaubt nicht, wie schön alles ist.
     Neulich habe ich zufällig zu meiner größten Freude den lieben Baron von Frankenstein getroffen und ihn auf ein paar Stunden im Hotel Kley besucht. Er ist ganz derselbe liebenswürdige Mensch wie ehemals und erkundigte sich lebhaft nach Euch und den Naumburger Verhältnissen. Er wird mich in diesen Tagen besuchen. Auch Hachtmann hat mich gesprochen. Dem Dr. Wachsmuth mache ich heute Visite.
     Heute gehe ich auf den Gottesacker um Schumanns, Schlegels und Arndts Gräber zu sehen. Nachmittags fahre ich mit meinen Wirthsleuten in ein benachbartes Dorf zu einer Kirmes. Es sind sehr feine und angenehme Leute, mit deren Sorge um mich ich in jeder Weise zufrieden sein kann. Ich wohne ganz allerliebst, esse recht gut, werde reinlich und pünktlich bedient und bin gern Abends ein Stündchen mit ihnen zusammen. —
     Jetzt eben war ich auf dem wunderschönen Friedhof und habe Robert Schumann einen Kranz dedizirt. Meine Wirthin und ihre Nichte Fräulein Marie (denn Marie heißt am Rhein alles) haben mich begleitet.
     Nun, liebe Lisbeth, Dir noch die spezielle Nachricht, daß unsre Farben weiß rot gold sind, daß unsre Mützen weiß sind mit einem roth goldnen Rande. Dann will ich Dir einige alte Bonner Frankonen als alte Bekannte vorstellen: Max Rötger (Trüffelwurst), und Treitzschke, der sich als Redner beim Leipziger Turnfest ausgezeichnet, Fritz Spielhagen, an dessen „in der zwölften Stunde“, das in Bonn spielt, Du lebhaft denken wirst. Ueberhaupt ist die Frankonia höchst renommirt.
     Die Collegien haben noch nicht angefangen. Neulich habe ich von Prediger Kletschke ein Buch „die Sündlosigkeit Jesu von Ullmann“ als Geschenk erhalten mit einem außerordentlich liebenswürdigen Brief, worin er sich als „Ihnen von Herzen verbundener Freund“ unterzeichnet. Ich habe mich sehr über das interessante Buch gefreut. Ich vermuthe, daß er Euch besucht haben wird.
     Die Kaffemaschine liefert mir jetzt morgendlich einen sehr guten Kaffe und ich bin der mir stets so lieben Geberin von Herzen dankbar.
     Ich erwarte sehnlichst jetzt die Kiste und vor allem Briefe von Euch, aus denen ich den Effekt entnehmen kann, den mein Einspringen machen wird. Grüßt mir die Tante Rosalie und wer sich für mich interessirt auf das freundlichste

Lebt recht recht wohl!

Fritz.


     Liebe Lisbeth, sollte Fr. Anna Redtel noch in Kosen sein, so geruhe, sie von mir zu grüßen und sage ihr, daß ich, so oft ich in Hotel Kley im Angesicht des herrlichen Siebengebirges Kaffe tränke — sie grüßen ließe. —

     Dienstag Abend. Ich habe die Kiste bekommen und bin sehr froh darob, besonders über die schöne Wäsche und die schönen Notenbücher. Gestern haben wir einen sehr fidelen Nachmittag verlebt; ich habe fabelhaft getanzt.

     Ich esse mit Deussen immer auf meiner Stube zusammen; wir können sehr zufrieden sein. Ich sehe wohl und munter aus und bin immer recht mäßig. Ich bin auf Theologie und Philosophie immatrikulirt. Dr. Wachsmuth ist als Professor nach Marburg berufen. — Ich habe eine hübsche Petroleumlampe. —


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BVN-1864,48

An Hermann Kletschke in Pforta

Bonn, am 31 Okt. 1864


Hochgeehrter Herr Prediger,

es ist mir eine besondere Freude, mit den Worten des Dankes, den ich Ihnen immer und vornehmlich jetzt wieder schulde, meine herzlichen Glückwünsche für Ihren bevorstehenden Geburtstag zu vereinigen. Das Andenken, das, geleitet von den freundlichsten Zeilen, Sie mir nach Bonn übersandten, wird mich dem lieben Geber ganz besonders verbinden, zumal wenn es, wie sie hoffend aussprachen, eine schöne und segensreiche Wirkung auf mich äußern sollte. Um so mehr bedaure ich, Ihnen heute nichts andres entgegenbringen zu können, als eben nur Wünsche für Ihr ferneres Wohlergehen und einige Nachrichten über mein gegenwärtiges Leben, an dem Sie, wie ich durch Ihren Brief versichert bin, so lebhaft Antheil nehmen.
     Vielleicht macht es Ihnen Vergnügen zu erfahren, was ich an dem heutigen Tage gethan habe und noch thun werde. Um acht Uhr früh hörte ich bei Krafft Kirchengeschichte; ich bin nämlich auf Theologie und Philosophie eingeschrieben, worin ich, wie ich glaube, Ihrem Rathe gefolgt bin. Indessen bin ich gerade mit diesem Kolleg nicht sehr zufrieden, es enthält wenig Anregendes. Nachher habe ich auf dem Fechtboden den Körper etwas angestrengt, bin etwas spazieren gegangen, um um zehn Uhr Springer über deutsche Kunstgeschichte zu hören. Ich freue mich sehr diesem geistvollen Manne dadurch näher gerückt zu sein, daß ich Mitglied in einem von ihm jetzt neu gegründeten Kunstseminar geworden bin. Um 12 Uhr habe ich Jahn gehört, der heute seine Vorlesungen über das platonische Symposion begann. Sie stellen sich gewiß vor, wie erfreut ich sein muß, einen vorzüglichen Philologen über ein mir besonders liebes Werk des Alterthums sprechen zu hören. Heute Nachmittag liest auch Ritschl zum ersten Male über miles gloriosus; sobald ich diesen Brief beendigt habe, werde ich in seine Vorlesung gehen. Donnerstag wird auch v. Sybel seine Vorträge über Politik beginnen, an denen sich die hiesigen Studenten sehr lebhaft betheiligen werden. Heute abend gedenke ich einer Probe des städtischen Gesangvereins beizuwohnen, in den ich aufgenommen bin, und nachher werden wir in einem Fuchskränzchen zusammentreffen, um uns über politische und burschenschaftliche Fragen zu unterhalten. Vielleicht werden sie schon gehört haben, daß ich in die Franconia eingetreten bin, zusammen mit einer größern Anzahl von Pförtnern, die sich jetzt zufällig in Bonn zusammenfanden; wie lebhaft wir der Pforte in unsern Gesprächen gedenken, können Sie sich vorstellen.
     Man sollte nicht, wie ich es gethan, vorgefaßte Meinungen über derartige Korporationen mit auf die Universität bringen, sondern jeder sollte seiner Persönlichkeit dabei Rechnung tragen. Ich hoffe, reichlichen Nutzen für mich aus einem solchen Leben zu ziehen, wie ich mir auf der andern Seite durchaus nicht meine wissenschaftliche Thätigkeit verkümmern lassen will.
     Letztere will ich in diesem Semester besonders auf Hebräisch richten, sodann auf Kunstgeschichte und Geschichte der Philosophie seit Kant, die ich mit Hülfe einiger Werke privatim treibe.
     Wie die Zeit dehnbar ist, das empfinde ich stündlich, und ich hoffe nach einem Jahre des Bonner Aufenthalts auf wirkliche Früchte in der Entwicklung meines Wissens und meines Wesens sehen zu können. Daß auch Sie, lieber Herr Prediger, um diese zu reifen, mir Ihre Mitwirkung nicht versagen werden, haben Sie selbst schon ausgesprochen, und ich kann nur auch hier für Sie meines herzlichen Dankes versichern. Indem ich Sie bitte mich dem Hr. Dr. Volkmann noch besonders zu empfehlen, zeichne ich

Ihr dankbarer Fr. Nietzsche


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BVN-1864,49

An Gustav Luppe in Bonn (Visitenkarte)

[Bonn, Herbst 1864—Sommer 1865]


Lieber Luppe,

Du würdest mir einen Gefallen erweisen, wenn Du mir einmal mit Gelegenheit meine Ermanarichabhandlung zuschicktest.

Friedrich Nietzsche,
stud. philos.


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BVN-1864,50

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Bonn, 10.—17. November 1864]


Liebe Mamma und liebe Lisbeth,

ob es Euch wohl lieb gewesen ist, von mir auf Euren ausdrücklichen Wunsch seit ein paar Wochen keine Nachricht bekommen zu haben? Ich habe gewartet, daß etwas von der Post ankäme, es kommt aber nichts, und ich ziehe es vor, selbst in der Voraussetzung, Euch damit zu mißfallen, wieder, einen Brief nach Naumburg zu entsenden.
     Es ist eine behagliche Abendstunde, die Kinder auf den Straßen singen, seitdem es dämmert, immer dieselbe Melodie vom „Märten, der Aepfel und Nüsse bringt.“ Es ist in meiner Stube angenehm warm; es fehlt mir nichts, als daß ich mich mit Euch unterhalte, und das thue ich denn auch. Im Geiste stelle ich mir vor, wie heute die liebe Tante Rosalie ein Hörnchen weniger zu schenken hatte, aber sie wird sicherlich, so wie auch Ihr, an mich freundlichst gedacht haben.
     Und wenn Ihr an mich denkt, so braucht Ihr Euch immer nur das angenehmste Bild von meinem Leben und Treiben zu machen. Denn es ist mir immer recht wohl gegangen. Womit soll ich aber zu erzählen anfangen? Jedenfalls mit der Schilderung meiner Studien, um damit ein gewisses Vorurtheil zu bekämpfen, über dessen Entstehen ich, gerade ich, mich nicht genug wundern kann. Ich besuche natürlich mit großem Interesse meine Collegien, von denen Euch eines speziell genannt sein soll, das des Prof. v. Sybel über Politik. Besucht wird es von 2—300 Menschen, in einem der größten Auditorien; doch müssen immer noch eine Anzahl stehen. Natürlich ist der recht wissenschaftliche Vortrag des Sybel gewürzt mit mancher politischen Anspielung. — Daß Männer wie Ritschl, der mir eine Rede über Philologie und Theologie hielt, wie Otto Jahn, der, ähnlich wie ich, Philologie und Musik treibt, ohne eins von beiden zur Nebensache zu machen, einen großen Einfluß auf mich üben, wird sich jeder vorstellen können, der diese Heroen der Wissenschaft kennt. Prof. Schaarschmidt ein alter Pförtner, hat uns mit der ausnehmendsten Freundlichkeit bedacht und sich im Voraus als unsern Studiengenossen und Freund erklärt. Das muß ich den warmen Empfehlungen des Prof. Steinhart danken. Mehr Empfehlungen kann ich übrigens kaum mehr brauchen, wenn es nicht eine an eine liebenswürdige Familie ist. Prof. Krafft, bei dem ich Kirchengeschichte höre, hat mich zu einem Montäglichen Thee und Abendbrot mit obligater theolog. Unterhaltung eingeladen. Am meisten freut es mich, daß ich mit Prof. Springer in nähere Verbindung gekommen bin; ich bin Mitglied des Seminars für Kunstgeschichte. Ein junger, schöner, höchst geistreicher, künstlerhafter Mann, dessen Vorlesungen mit zu den besuchtesten gehören, ist Springer.
     Dir, liebe Lisbeth, noch zur Nachricht, daß ich die Marie Niemann-Seebach als Pietra gesehn habe, natürlich „entzückend!!“, daß ich dann den Oberon gehört habe, der mir ziemlich mißfallen hat trotz des „Ozeans des Ungeheuers“ und der glänzenden Dekorationen; endlich, daß ich ein paar Häuser von Beethovens Geburtshause wohne mit der Aussicht auf eine alte Jesuitenkirche.
     Mit Frankenstein bin ich öfter zusammen getroffen, und er hat mich auch besucht, ebenso wie Gropius und Kindler und Hachtmann. Ueberhaupt ist Naumburg, aber speziell Pforta „auf dem Damm“ in Bonn. —
     Der Brief hat sich ein wenig ausgeruht, und dazwischen sind Eure angenehmen Briefe angekommen, so daß manche schon gemachte Bemerkung dadurch überflüssig wird.
     Auf einige Deiner Worte, liebe Mamma, muß ich noch eingehen. Weißt Du, was man in Bonn am allermeisten meiden muß? Das Allzuvertrautwerden mit den Wirthsleuten; die meinigen sind ehrenwerthe Leute, aber Handwerker. An sie zu schreiben, fände ich, offen gesagt, im höchsten Grade unpassend und geradezu unerhört. Ich würde auf der Stelle ausziehn.
     Außerdem muß ich jetzt gestehen, daß die rheinische Kost mir auf die Dauer gar nicht behagen will. Mein Appetit für dieselbe nimmt bedeutend ab. Beiläufig lebe ich, was das Essen betrifft, so billig, wie man unter keiner Bedingung sonst in Bonn leben kann. — Das Bedürftigkeitszeugniß kommt genau drei Wochen zu spät. —
     Ueber die freudige Nachricht aus Gorenzen habe ich mich herzlich gefreut und werde an den Onkel und zugleich an die Großmamma schreiben. — Der Buchbinder Jacobi ist im vollen Rechte, ich habe ihn selbst beauftragt. — Die Frau P[astor] Deussen schickt Dir ein Briefchen mit; sie hat eine Klavierdecke bekommen. Deussen hat noch kein Album, ich bin aber überzeugt, daß er von Hause eins bekommt. —
     Dir, liebe Lisbeth, schreibe ich nächstens ausführlich, der Brief wird zu dick sonst. Daß Du entzündete Augen gehabt hast, ist ein rechtes Malheur. Aber Du wirst es hoffentlich schnell überstanden haben und Dich tüchtig todtgelacht haben über entzündete Augen und „leichtherzige Studenten“ und verschiedne „händeringende Gespenster.“ Also ich soll doch nicht so „furchtbar klug“ handeln?
     Sonntag waren wir en masse in Siegburg, zogen mit Juchheirassasa durch die Stadt, tanzten und kamen etwas spät zurück. Vor einer Stunde war ich in einem höchst noblen Konzert, fabelhafter Luxus, alles Weibsvolk feuerroth, immer englisch gesprochen no speak inglich. Billet 1 Thl. d.h. ich bin mitwirkendes Mitglied, kostet also nichts. Dafür bin ich auch höchst patent mit weißer Weste und Glacés angetreten. — Ich schreibe fabelhaft viel Briefe und bekomme doch keine als von Euch. Ist Gersdorf und Kuttig bei Euch gewesen? Grüßt sie von mir. Ebenso die lieben Naumburger Tanten

In alter Ergebenheit und Liebe
Euer Fritz.


     Liebe Lisbeth! Was „Daheim“ betrifft, so erinnere ich Dich an folgendes:
                    Der König redigirt Daheim
                    Der Kriegsminister stellt anheim
                    Darauf zu abonnieren;
                    Bei so vornehmen Redakteur,
                    Bei so vornehmen Kolporteur
                    Da muß es reussiren!


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BVN-1864,51

An Franziska Nietzsche in Naumburg

[Bonn, 7. und 9. Dezember 1864]


Liebe Mamma,

Endlich kann ich Dir heute bestimmte Nachricht geben über mein Verbleiben während der Weihnachtsferien. Ich muß leider in Bonn bleiben, da ich zu Deussens nicht gehen kann. Sie haben sich diesmal speziell entschuldigen lassen, da ihr Haus Weihnachten zu voll wäre. Neulich war der alte Pastor Deussen hier und hat bei mir zu Tisch gegessen; es gefiel ihm recht wohl. Es thut mir eigentlich leid, daß ich Weihnachten nicht in einem Familienkreis zubringen kann. Ebenso kann ich es nur billigen, wenn ihr Weihnachten zu Verwandten verreist, damit ihr nicht etwa durch meine Abwesenheit traurig würdet. Lieb wäre mir aber zu wissen, wo also in den Weihnachtstagen ein Brief von mir euch träfe.
     Ueber Deinen Brief, den ich Sonntag Abend zurückkehrend von einem Spaziergang fand, habe ich mich ungemein gefreut, da er mir ein anschauliches und eingehendes Bild eurer gegenwärtigen Verhältnisse entwarf. Also eine Sonntagfreude habt ihr mir gemacht, und ich muß doch heute so wohl Dir liebe Mamma als der freundlichen und höchst gelehrt schreibenden Elisabeth einzeln antworten. Daß das böse Augenübel vorüber ist, freut mich recht, habe doch auch ich indirekt davon zu leiden gehabt. Die Betrübnisse von wegen der Bälle und Freundschaften habe ich doch nicht ohne Lächeln lesen können, und Du wirst mir dies nicht übelnehmen, liebe Mamma. Gebe Gott, daß es nie größere Sorgen giebt.
     Was nun das bevorstehende Fest betrifft, so ist es in der Ordnung, einige Wünsche zu äußern, besonders da ihr mich darnach fragt. Da würde ich denn einen musikalischen und einen philologischen Wunsch äußern

Musik zu Manfred von Robert Schumann
Klavierauszug.
Aeschylos. ed. Godofredus Hermannus.

     Gerade diesmal, wo ich das Fest allein verlebe, werde ich wie ich glaube, Geschenke um so höher zu schätzen wissen, und ich freue mich sehr darauf, Deine wohlthuende Sorgfalt und Sorglichkeit auch im Einzelnen und Kleinen zu erkennen.
     Nun muß ich Dir doch einiges aus meinem Leben erzählen. Morgen Abend bin ich zu Prof. Schaarschmidt eingeladen und übermorgen beginnt unser dreitägiger Stiftungscommers, der ziemlich großartig werden wird. Das Leben in der Verbindung ist ein durchaus straffes und lebendiges. Parlamentarischer Ton wird streng gehandhabt; es sind sehr tüchtige Elemente darin. Du solltest nur unsre lebhaften Debatten in unseren Conventen hören. Wiederum zieht mich das Verbindungsleben nicht zu sehr vom Arbeiten ab, im Gegentheil ist der Umstand, daß meistens Philologen zusammen sind, recht fördernd. Wir besuchen im Allgemeinen die Collegien sehr fleißig. Zu unserm Stiftungscommers sind auch Schaarschmidt, Jahn, Springer eingeladen.
     Nun, ich hoffe, wenn wir uns Ostern sehn, wird unsre gegenseitige Freude eine sehr große sein.
     In den Weihnachtstagen bleiben die Meisten der Unsern hier, da die Ueberzahl aus den nördlichen und oestl. Provinzen Preußens ist. An einem Tage wollen wir einen großen Musikabend veranstalten, da wir fast sämmtlich musikalisch sind. Als Kneipnamen oder wie ihr sagt, Spitznamen habe ich jetzt den Namen „Gluck“ bekommen. Du kannst daraus sehn, daß ich musikalisch „auf dem Damm bin.“
     Wie überhaupt. Das läßt sich gar nicht ableugnen. Gestern Abend saßen Deussen und [ich] lange lange bei Thee zusammen und lasen eine griechische Tragoedie. Heute Nachmittag ist Fuchskränzchen, heute Abend Kneipabend.
     Nun ist der Brief doch noch etwas liegen geblieben. So kann ich Dir denn noch vom Abend bei Prof. Schaarschmidt erzählen. Seine Frau ist eine Holländerin, und wir haben beide zusammen über rheinisches Essen und rheinische Unreinlichkeit geschimpft; sie will mich nächstens einmal zu Holländisch[er] Küche einladen. Der Prof. ist urgemüthlich, Berlinerkind; wir haben ebenso angenehm uns unterhalten als gegessen.
     Unsre Commersgäste treffen ein, ich habe eben noch für heute Abend Bierzeitung geschrieben, fabelhaften Unsinn.
     An Marie Deussen habe ich zu ihrem morgenden Geburtstag einige eigne Lieder geschickt, ich finde das sehr artig von mir, es ist das Beste, wodurch ich meine Erkenntlichkeit beweisen kann.
     Nun, liebe Mamma, lebe recht wohl und denke viel an mich. Vergeßt mir den Manfred nicht und auch nicht

mich.


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BVN-1864,52

An Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Bonn, 11. und 12. Dezember 1864]


Meine liebe Lisbeth,

gar gerne möchte ich als Motto meines Briefes darüber schreiben „interessant und geistreich“, ich gehe nämlich von der Ansicht aus, daß ein Brief immer so ist, wie er aufgenommen wird, und vielleicht darf ich in dieser Beziehung die besten Hoffnungen haben.
     Das war ein Posaunenstoß zur Einleitung. Jetzt kommt Schilderung der Situation.
     Ich schreibe jetzt, morgens, eben des Bettes mich entwunden habend, zur direkten Widerlegung der Ansicht, daß ich Kater hätte. Du wirst diese geschwänzten Thiere nicht kennen. Gestern war großer Commersabend mit dem feierlichen Landesvater und unendlichen Bowlenströmen; Gäste aus Heidelberg und Göttingen; mehere Professoren, darunter Schaarschmidt waren eingeladen und haben sehr nette Reden geredet. Deussen hielt eine famose Fuchsrede; unendliche Telegramms von allen Weltenden und Burschenschaften, von Wien, Königsberg, Berlin usw. Wir waren über 40 Mann zusammen, die Kneipe war prächtig geschmückt. Ich habe eine sehr angenehme Bekanntschaft gemacht, die des Doktor Deiders, der fabelhafter Schumann-freund ist; wir haben uns unsre gegenseitigen Besuche versprochen; nun habe ich doch endlich einen tüchtigen Musikkenner gefunden. Die gestrige Gemüthlichkeit war eine herrliche, erhebende. Weißt Du, an solchen Commersabenden herrscht ein allgemeiner Seelenschwung, da giebt es keine Biergemüthlichkeit. Heute Mittag ist großer Auszug durch die Hauptstraßen mit Paradeanzügen und fabelhafter Rennomage. Dann fahren wir mit Schiff nach Rolandseck, dort ist großes Diner in Hotel Croyen, und was weiter folgt, das steht im subjektiven Belieben. — Vorgestern Abend fieng der Commers an, wir tranken bis gegen 2 Nachts, sammelten uns gestern um 11 morgens zu einem Frühschoppen, machten dann einen Markttrottoirbummel, aßen zu Mittag und tranken bei Kley gemeinsam Kaffe. Du siehst, die Thätigkeit und die Anstrengung ist groß — und ich habe Recht, mit erhobenem Bewußtsein sagen zu können: ich habe keinen Kater.
     Dies Schilderung der Situation. Jetzt kommt der literarische Briefkasten.
     Viele von den Büchern, die Du beschreibst, sind mir nicht ganz unbekannt, die Lebensräthsel habe ich wohl auch einmal gelesen. Ich dächte, mehr noch als die Altejungferstube müßte Dir der junge Professor, der gegen Schluß antritt, gefallen haben. — In Daheim lies doch „Marie und Maria.“ Hausse und Baisse, das Du mir vielleicht nicht zu übersetzen brauchst, scheint mir vom philosophischen Katheder herab geschrieben. Durch Kreuz zur Krone und Gott ist mein Heil, wie Morgen und Abend verschieden, wird von der Kreuzzeitung gelobt. Die Problematischen Naturen habe ich auch noch nicht ausgelesen. Wie ich überhaupt in diesem Semester noch keinen Roman gelesen habe. —
     Heute morgen setze ich den Brief fort, und Du bekommst auf diese Weise eine vollständige Schilderung unsres Commerses. Wir haben ein wunderschönes Wetter gehabt, der Auszug mit schöner Husarenmusik machte großes Aufsehen, der Rhein hatte die schönste blaue Farbe, wir hatten Wein mit auf das Dampfschiff genommen. Wie wir nach Rolandseck kamen, wurden Böller zu unserm Empfang gelöst. Wir tafelten nachher bis gegen 6 Uhr, waren ausnehmend vergnügt und sangen viele selbstverfaßte unsinnreiche Lieder. Draußen war es Dämmrung geworden, der Mondschein lag auf dem Rhein und beleuchtete die Gipfel des Siebengebirgs, die aus dem bläulichen Nebel hervortraten. Nach Tische saß ich mit Gaßmann, vielleicht dem interessantsten Menschen der Frankonia und Bierzeitungsredakteur und Kneipwart zusammen; wir blieben bei einem edlen Rheinwein, während die andern Champagnerbowlen tranken. Die Gegend ist dort wirklich dreier Ausrufezeichen werth, besonders die reizende Insel Nonnenwörth, auf der ein Mädchenpensionat ist; darüber ragt der Drachenfels, diese mächtige steile Felswand. Der Ort macht den Eindruck der tiefsten Ruhe. —
     Nachher bin ich mit wenigen nach Bonn zurück gefahren, während die andern die Nacht dort geblieben sind und wahrscheinlich heute morgen eine Spritze in das Siebengebirge machen.
     Heute morgen bin ich denn sehr froh und munter aufgestanden, denke zuerst an Dich und beendige den Brief, damit er noch zeitig genug eintrifft.
     So hast Du denn ein Bild meiner letzten Tage, wunderschönen Tage, die Du Dir mit aller Phantasie ausmalen darfst. Allerdings habe ich bei dieser Ueberfülle des Stoffs Dir nur einiges Thatsächliche mitgetheilt und keine Gelegenheit gehabt, schöne und feine Bemerkungen zu machen. Lebe nun recht wohl und grüße die liebe Tante Rosalie, sowie alle, die sich meiner gern erinnern. Adieu, liebe Lisbeth

Dein Fritz.


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BVN-1864,53

An Friederike Daechsel und Rosalie Nietzsche in Naumburg

[Bonn,] im Dezember 1864.


Meine lieben Tanten,

soeben komme ich aus dem Beethovenverein zurück; draußen regnet es ziemlich stark. Um so gemüthlicher ist es in der warmen Stube, um so angenehmer ist es auch, mit meinen Gedanken heimwärts zu schweifen und Euch, meine lieben Tanten, einmal zu besuchen.
     Dazu ladet vornehmlich auch die Nähe der Weihnachtszeit ein, die wir bis jetzt fast immer zusammen erlebt haben, und die überhaupt die in der Ferne lebenden Familienglieder mit aller Kraft nach Hause zieht. Ihr wißt, weshalb ich diesmal diesem inneren Wunsche nicht Folge leisten kann, und Ihr werdet es deshalb nicht ungern sehn, wenn ich Euch als kleine Weihnachtsgabe meine Photographie übersende, die mich darstellt, wie ich eine Woche jünger war als in diesem Augenblick; und ich denke, daß ich mich seitdem nicht viel verändert habe.
     Mama und Lisbeth werden Euch wohl fleißig von meinem Leben erzählt haben, und ich denke, ich habe auch viel und mancherlei und oft geschrieben. Darum erzähle ich Euch, meine lieben Tanten, was Euch besonders interessiren wird, wie ich es ja nach Deinem lieben Geburtstagsbrief, meine Tante Rosalie, erwarten muß. Nämlich über die religiösen Zustände in Bonn. Ihr könnt Euch denken, daß bei der Nähe von Köln der Katholicismus in Bonn vorherrschend ist, ja leider auch der Jesuit[i]smus. Die Jesuiten haben dicht bei Bonn ein Kloster auf dem Kreuzberg, jetzt bauen sie eine Kirche „zum Herzen Jesu“; unter den Studierenden haben sie, wie es scheint großen Einfluß durch die sogenannten marianischen Sodalitäten, die die Ausbreitung des Katholicismus und Vernichtung des Protestantismus bezwecken. Nun sollte man erwarten, daß der Gustav-Adolfsverein als Gegenwehr hier ein besonderes Leben entfalten sollte. Ich besuchte neulich als Mitglied eine von dessen Hauptversammlungen, bei denen Prof. Krafft den Vorsitz führt. Wir waren zehn Mann, dies gilt als beschlußfähig und vollzählig. Man freute sich über diese Betheiligung. Viel besser sind die Geldbeiträge. Die drei Geistlichen der evangel. Gemeinde sind Plitt, Wolters und Krabb, die mir übrigens sämmtlich nicht besonders zusagen. Wir haben in Naumburg unbedingt bessere Prediger. Die Kirche ist klein und erscheint mehr als großer Saal. Daß sie regelmäßig voll ist, verdankt sie dieser Kleinheit. Getrennt davon ist noch die englische prot. Kirche, wo englisch gepredigt wird; das heißt, das Lokal ist dasselbe, aber die Zeit des Gottesdienstes ist eine verschiedene. In den Kirchen entfaltet die Bonner Noblesse ihren Luxus, man fährt in die Kirche und läßt die Kutschen warten. Es soll übrigens der Bau einer neuen prot. Kirche nächstens in Angriff genommen werden.
     Das äußere Leben richtet sich nach dem katholischen Typus. Die kathol. Feiertage sind auch Freitage für die Universität, während unser Reformationsfest von der Universität nicht berücksichtigt wird. So wurde neulich Mariae Empfängniß gefeiert. Von dem Allerheilgentag und der Feier auf dem Gottesacker habe ich wohl geschrieben.
     Das sind so äußerliche Notizen, mit denen Ihr, meine lieben Tanten, vorläufig fürlieb nehmen müßt.
     Zuletzt muß ich, wenn gleich etwas spät, noch meinen Dank für Eure herzlichen Geburtstagswünsche nachholen, und vor allem für das Liebe Bild der selgen Großmama, über das ich mich ausnehmend gefreut habe. Das Bild vom selgen Vater hängt über meinem Pianino unter einem Farbendruckgemälde, das die Kreuzesabnahme darstellt.
     Verlebt ein recht vergnügtes Fest mit einander und segelt mit frischen Segeln und unter günstigen Winden aus dem alten Jahr hinüber in das neue. Und in dem neuen Jahre werden wir uns ja wiedersehn!

Euer
Friedrich Wilhelm Nietzsche.


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BVN-1864,54

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Bonn,] im Dezember 1864.


Meine liebe Mama und Lisbeth,

mein Wunsch ist, daß Ihr das kleine Paketchen erst am Weihnachtsabende aufschnürt, damit Ihr doch eine kleine Ueberraschung habt, vielleicht auch nur eine Enttäuschung. Meine Bitte ist: nehmt fürlieb, ich gebe Euch von dem Besten, was ich vermag, aber das ist nicht viel. Ihr werdet meine Mühe und meinen Fleiß daran erkennen; immer dachte ich dabei an Euch, und wünschte den Moment bei Euch zu sein, wo Ihr Euch vielleicht darüber freut.
     „Und solche liebliche Gedanken laben
     „Die Arbeit selbst; ich bin am müßigsten,
     „Wenn ich sie thue“

so heißt es in Shaksperes Sturm und so heißt es auch bei mir; müßige Arbeit und arbeitsvolle Muße!
     Was sollte ich Euch auch geben, wenn nicht etwas eigenes, etwas, worin Ihr mich im Bilde wiederseht. Darum habe ich auch noch den Schattenriß meines jetzigen Äußern vorankleben lassen, damit Ihr meine Gabe gern in die Hand nehmt, und vielleicht auch oft.
     Ihr merkt es schon, daß ich mit einer gewissen Eitelkeit von meinem Werkchen spreche, und es hat doch seinen ganzen Zweck verfehlt, wenn es Euch nicht gefallen sollte. Wenn Ihr nur einen Christbaum mit Lichtern habt! Denn es muß sich hübsch ausnehmen im Lichterglanz. Ich werde an dem Christabende natürlich lebhaft an Euch denken, und Ihr jedenfalls auch an mich. Es ist zwar recht gemüthlich in meiner Wohnung, und ich will auch jenen Abend sehr angenehm verleben. Auch wir werden uns auf der Kneipe einen Lichterbaum anzünden, auch wir werden uns gegenseitig kleine Geschenke machen. Aber freilich, das ist nur eine matte Nachahmung einer heimathlichen Gewöhnung, an der eben die Hauptsache, die Familie, der Kreis der Verwandten fehlt.
     Bonn ist doch ziemlich leer an Studenten geworden, da alles, was Flügel hatte, natürlich ausgeflogen ist. Deussen ist gestern nach Hause abgezogen, schwer bepackt mit Büchern und einem alten Reisesack. Er sah nicht schön aus. Wilhelm und Gustav werden wohl auch Naumburg aufgesucht haben. Saget ihnen doch, daß sie ihre Rückreise ja über Bonn nehmen möchten; sie möchten mir aber vorher Nachricht davon geben. Gustav könnt Ihr bitten, daß er Euch die Noten einmal vorspielt, was er sehr gern thun wird.
     Wißt Ihr noch, wie gemüthlich wir zusammen das vorige Weihnachten in Gorenzen verlebt haben! Sagte ich nicht damals, daß wir über ein Jahr wahrscheinlich nicht beisammen sein würden? Das ist nun eingetroffen. Es war schön in Gorenzen: das Haus und das Dorf im Schneefall, die Abendkirchen, die Melodienfülle in meinem Kopf, der Onkel Oskar, das Bisamfell, die Hochzeit und ich im Schlafrock, die Kälte und vieles Lustige und Ernste. Alles zusammen giebt eine angenehme Stimmung. Wenn ich meine Sylvesternacht spiele, höre ich diese Stimmung aus den Tönen heraus.
     Und so sollt Ihr auch aus meinen jetzigen Compositionen die Stimmungen dieses Vierteljahrs heraus hören. Sie sind sehr mannigfaltig, und ich freue mich, daß meine Seele mehr und häufiger musikalischen und lyrischen Schwung hat als früher. Darum stellt mich auch meine Photographie dar, wie ich componiere, und ich glaube, daß sie deshalb besser geworden; denn ich dachte und empfand doch etwas in den Augenblicken der Aufnahme.
     Nun lebt für heute recht wohl, genießt das schöne Fest und denkt meiner immer und besonders am Festabende gern und oft! Die mitgeschickten Briefe befördert Ihr wohl gefälligst! Grüße nach allen Seiten hin, auch an Frau von Busch, an Breslaus, an die Geheimräthin Lepsius, an Pinders und Krugs und die Frau Pastorinnen Haarseim, Gromann und Caro!
     Adieu!

Euer
Friedrich Wilhelm Nietzsche.


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BVN-1864,55

An Elisabeth Nietzsche in Naumburg

Bonn im Dezember 1864.


Liebe Elisabeth,

Dieses Blatt soll Dir blos noch einige Fingerzeige geben für den Fall, daß Du die Lieder selbst spielen und singen willst. Du kannst daran Deine Studien machen. Das leichteste zum Vortragen ist „das Kind an die erloschene Kerze“, so innig, einfach und harmlos wie möglich zu singen.
     Ähnlich das letzte Lied, das, ebenfalls einfach, indessen getragen von großartiger Resignation, Dir gewiß gefallen wird. Vergiß nicht die Stellen „in eine wilde schöne Waldeinsamkeit“ und „und endlich selber mit ihr untergehen“ voll, erhoben und groß zu singen. Das Ständchen liegt sehr tief, die Begleitung ist ein wenig schwerer, die Melodie ist sehr leicht zu singen. Es kommt darauf an, die letzte Zeile jedes Verses hervorzuheben. Das „Ungewitter“ von Chamisso wird Dir gefallen; spiele und singe es ernst, düster und entschlossen, bis auf den mittelsten Vers, der den Contrast nach beiden Seiten hin bildet. „Es winkt und neigt“ erfordert die Fähigkeit, vollgrirfige Akkorde anschwellen zu lassen, und der Stimme alle Nüancen des Tons zu geben. „Verwelkt“ ist ähnlich, aber leichter. Der Schluß ist „erfroren“, sieh einmal, ob Du das nicht bemerkst. Die besten, aber auch schwersten Lieder sind „Gern und Gerner“ und „Unendlich!“ Das erste muß sehr schwungvoll, keck und graziös ausgeführt werden, das andre mit voller Leidenschaft. Nimm den Mittelvers langsamer. Besonders muß die Begleitung vorzüglich eingeübt sein, wenn das Lied gefallen soll.
     Das ist es, was ich Dir noch schreiben wollte, liebe Lisbeth! Mögen Dir die Lieder gefallen! Denke dabei gern an

Deinen Bruder.


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BVN-1864,56

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Bonn, Weihnachten 1864]


Meine liebe Mamma und Lisbeth,

ich erzähle Euch jetzt der Reihe nach. —
     Sonnabend war herangekommen; ich hatte zu Mittag gegessen und blieb zu Hause, denn ich dachte, daß möglicher Weise etwas ankäme. Wenn die Thür des Hauses gieng, wenn die Treppe herauf jemand gieng, so steigerte sich meine Erwartung. Es wurde dunkel; noch war nichts da. Ich setzte mich auf das Sopha, zündete die Lampe nicht an und stellte mir vor, daß um diese Zeit Ihr Euch bescheeren würdet. Ich aß etwas zu Abend, es war sieben Uhr. Ich gieng auf unsre Kneipe, auf dem Wege sah ich viel hell erleuchtete Fenster. Dort fand ich die andern Frankonen und einen schönen Christbaum. Dann bescheerten wir uns kleine lächerliche Sachen, z.B. bekam einer, der viele Pumpe hat, eine Sparbüchse, ich erhielt wegen meiner Vorliebe für Hektor Berlioz einen Halbmond. Wir tranken mehere schöne Bowlen, die der Wirth setzte und waren heiter. Gegen 11 kam ich nach Hause, aber ich fand nichts.
     Morgens wurde ich zur Bescheerung des Wirths hinuntergeladen, ich bekam ein höchst elegantes Portemonais. Dann war ich ein Stündchen bei dem Russen, der unter mir wohnt. Wir giengen dann zusammen in die Kirche und wieder heraus. Noch war nichts da. Es wurde Mittag. Da aber brachte man mir zu meiner größten Freude die Kiste. Der Postbote hatte gestern den ganzen Nachmittag herumgesucht, wem die Kiste gehören möchte. Die Addresse war falsch; ich wohne ja Bonngasse 518.
     Nun gieng ich eifrig ans Werk mit Hammer und Zange. Und was fand ich alles!
     Auf meinem Tisch baute ich alles auf das Schönste auf und setzte mich davor und las zuerst die allerliebsten Briefe. Und was hast Du, liebe Lisbeth, für ein niedliches Gedicht gemacht mit der burschikosen Mischung studentischer Phrasen und mädchenhafter Empfindung! Wie hübsch sieht der weißrothgoldne Uhrhalter aus! Und ebenfalls wie schön passen die schwarzrothgoldnen Schuhe, die ordentlich unheimlich mir vorkommen! Daß ich all die schönen Eßsachen mit großer Sympathie aufgenommen habe, versteht sich von selbst. Wie hübsch habt Ihr doch an alles gedacht!
     Nach Tische und nach einer guten Mahlzeit, wie sie eines Festtags würdig ist, machte ich mich denn an meinen Manfred, den ich mit Herzklopfen aus der Kiste hob, und der von dem Notenpult bis jetzt noch nicht fortgekommen ist. Alle, die etwas daraus gehört haben, sind davon entzückt. Bitte, sprecht der lieben Tante meinen großen Dank aus, in denke Neujahr an sie zu schreiben.
     Nachmittag kam Gaßmann zu mir, die andern Frankonen waren in Köln. Wir haben zusammen gesungen und Manfred gespielt und Thee getrunken und von der schönen Stolle gegessen. Um 8 gieng ich dann mit ihm in seine Wohnung und aßen dort Spickgans und tranken feurigen Walporzheimer; er las mir seine eignen Novellen vor. Es war ein höchst befriedigender, genußreicher Tag, und wir waren beide in gehobener Stimmung.
     Ueber alles, was Ihr mir geschrieben habt, habe ich mich sehr gefreut. Sehr leid thut mir nur der arme Zerboni, ich werde wahrscheinlich bald an ihn einmal schreiben, er wird es zwar nicht erwarten.
     Gersdorff schrieb mir einen langen, sehr interessanten Brief und erzählt auch, daß er bei Euch gewesen
     „Ich habe dort, schreibt er, aus Deinen Briefen und durch Erzählungen viel von Deinen Reiseerlebnissen von Deiner Einrichtung gehört und mich über alles herzlich gefreut, woraus ich sah, daß es Dir wohlgeht, daß Du allerhand Beobachtungen machtest, die Dir die Deinige [Deinigen] gar nicht zugetraut hätten. (So!!) Die Stunde, die ich dort zugebracht, war mir eine sehr angenehme und erheiternde, wie ich sie in einem solchen letzten Winter brauchen kann —“
     Ueber den Entschluß des Onkel Theobald bin ich recht froh. Ostern werde ich ihn besuchen.
     Ihr werdet euch offenbar über meine großartige Correspondenz jetzt wundern, wenn Ihr die eingelegten Briefe gefunden habt. Ein paar Tage vorher hatte ich zwei Briefe nach Pforte an Redtel und Kuttig abgesandt. Das ist aber wahr, ich werde nächstens müde, man braucht zu viel Zeit dazu, und schreibt auch nicht jeden Brief mit gleichem Interesse. Ich habe in diesem Quartal außer an Euch geschrieben an den Vormund, an Gustav und Wilhelm, an Gersdorff, an Schenkel, an Redtel, an Kuttig, an Bormann nach Weimar, an den Onkel Edmund, an die Großmama, an die Tanten, an die meisten hiervon zwei oder dreimal. C’est trop! —
     Der Kalender der Tante Rosalie mit den Notizen darin hat einem längst gefühlten Bedürfniß abgeholfen —
     Ich weiß immer noch nicht recht, wie lang ein Brief gehen muß um zu Euch zu kommen. Schreibt mir das doch!
     Und nun lebt recht, recht wohl und verlebt den Rest des alten Jahres anmuthig und träumt in den Nächten die schönsten Träume. Mögen sie in Erfüllung gehn!

Meinen herzlichsten Dank!

Euer
Fritz.


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BVN-1864,57

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Bonn, Ende Dezember 1864]


Liebe Mama und Lisbeth,

gar zu gern möchte ich Euch einen Neujahrswunsch in Versen zuschicken, da ich Eure Vorliebe dafür kenne, aber es geht halt nimmer! Sei es nun, daß meine Ansprüche an ein Gedicht sehr gestiegen sind, sei es daß ich um einige Prozent nüchterner und — praktischer geworden bin, was gar nichts schaden könnte — sei es endlich, daß die diabolischen Zahnschmerzen, die mich quälen, mir jede Begeisterung verjagen, fest steht, daß Verse mir heute nicht glücken. Darum wird nothgedrungen Prosa antreten müssen. Dies zur Erklärung der Form meines Briefs.
     Ich liebe die Sylvesternächte und die Geburtstage. Denn sie geben uns Stunden, wie man sie sich freilich oft machen kann, aber nur zu selten sich macht, wo die Seele stille steht und einen Abschnitt der eignen Entwicklung übersehen kann. In solchen Stunden werden entscheidende Vorsätze geboren. Ich pflege dann immer die Manuscripte und Briefe des verflossenen Jahres vorzunehmen und mir einige Notizen zu machen. Man ist für ein paar Stunden erhaben über die Zeit und tritt fast aus der eignen Entwicklung heraus. Man sichert und verbrieft sich die Vergangenheit und bekommt Muth und Entschlossenheit, wieder weiter seine Bahnen zu gehen. Es ist schön, wenn auf die Entschlüsse und Vorsätze der Seele — gleichsam die erste junge Saat der Zukunft — die Wünsche und Segnungen der Verwandten wie ein milder Regen fallen. Man sollte daraus nur keine Ceremonie machen, keine offizielle Nöthigung. Denn wenn schon ein pflichtmäßiger Dank mich unmuthig machen kann, wie viel mehr ein pflichtmäßiger Wunsch! Wo man überzeugt sein kann, daß die Seelen gegenseitig innigst zusammenstimmen, da wird der in Worte gefaßte Wunsch zu einer Höflichkeit. Und Höflichkeit geziemt sich für die Gesellschaft, aber nicht für verschlungene Seelen.
     Erspart es mir deshalb, die gewöhnliche Formel von Gesundheit, Glück usw. in einer mehr oder weniger neuen Weise auszusprechen. Daß wir uns lieb haben, sehr lieb haben, meine liebe Mama und Lisbeth, das muß uns genügen. Sagt das auch den lieben Tanten. Es ist mir unmöglich zu schreiben.
     Nun erzähle ich Euch, was ich erlebt habe. Eigentlich wenig. Ich bin sehr viel zu Hause gewesen und habe mich am Manfred erfreut. Am dritten Feiertag war ich in der Oper und hörte den Freischütz, der mir im Ganzen, ebenso wie der Oberon, mißfiel. Die Höllenschluchtscene machte auf mich einen lächerlichen Eindruck. Gestern besuchte ich Doktor Deiters, der mir viel Schumann vorspielte. Zum Neujahr werde ich, Gott sei Dank, nur eine Visite zu machen haben, zu Prof. Schaarschmidts. Die Sylvesternacht werde ich zu Hause verleben, wenn anders mich meine Zahnschmerzen nicht verlassen. Diese sind aber gegenwärtig so stark, daß ich während des Schreibens alle Augenblicke Halt machen muß und nur mit der größten Mühe Euch nicht meine Verstimmtheit zeige. Das Zahnfleisch rechts an den letzten Zähnen ist entzündet, und irgend ein Zahn hohl, so daß der Nerv incommodiert wird. Oder ich bekomme dahinten einen Weisheitszahn. Es wird auch nachgerade Zeit.
     Abends ist jetzt gewöhnlich einer meiner Bekannten bei mir zum Besuch. Die schöne Stolle ist leider schon aufgegessen. Wie habt Ihr denn Euer Weihnachten verlebt? Ich erwarte sehnlichst den ersten Brief, mit dem, wie ich hoffe, zugleich das Geld für das nächste Quartal ankommt. Das erste Quartal hat mir in summa 130 Thl. gekostet. Davon fällt nun freilich eine stattliche Portion für die nächsten Vierteljahre fort, da die Gelder für Immatrikulation, Collegien usw. bedeutend sind. Aber Du siehst, liebe Mama, daß ich mich in Bonn noch mehr einschränken muß. Länger als ein Jahr kann ich es des Geldpunktes halber hier nicht aushalten. Ich bin entschlossen nachher nach Halle zu gehn und dort zu dienen. Mach Dir nur ja keine Sorgen, ich muß durchkommen. Ueber Geldsachen schreibe ich nur an den Onkel Bernhard. Aber ich wollte Dir nach dem ersten Quartale doch Nachricht geben. Ich führe übrigens genaue Rechnungen. Der durchschnittliche Wechsel in Bonn ist 500—600. Das ist nun alles nicht sehr schön, nicht wahr? Aber ich hätte schon einen besseren Schluß des Briefes machen können, wenn nur die Zahnschmerzen nicht wären. Das schöne Tuch behagt meinem Halse wohl, ebenso die Hosenträger meinem Buckel!

Euer Fritz.


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de/nietzsche/briefe/1864/1864.txt · Last modified: 2017/02/11 09:09 by babrak