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Aphorisms -- in context.

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de:nietzsche:briefe:1864:bvn-1864_29

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 +====== BVN-1864,29 ======
 +==== An Wilhelm Pinder in Heidelberg ====
  
 +<WRAP right>​[Naumburg,​ 4. Juli 1864]</​WRAP>​\\
 +
 +Lieber Wilhelm,
 +
 +Gustavs und meinen Geburtstag haben wir in den letzten Jahren nie zusammen in unsrer Dreiheit gefeiert, den Deinigen noch am häufigsten,​ ja fast immer. Das ist nun auch vorüber. Ein Blatt muß nun aussprechen,​ was sonst der Mund sagte; und sagte es der Mund nicht, so der Blick; und sagte es der Blick nicht, so Dein eigner Gedanke.\\
 +<​tab>​Wir wissen ein jeder von uns, was er sich von seinen Freunden gewünscht haben will. Und vielleicht dürfte ich gerade das, was Du auf Deinem Wunschzettel von mir wünschtest,​ dir nicht erfüllen können. Hab ich es nicht schon auf dem letzten Blatt, das ich dir zusandte ausgesprochen?​ Man spricht häufig, wenn man von südlichen Universitäten spricht, von Bonn und Heidelberg mit einem Mund; und ob sie schon so nahe zusammen zu gehören scheinen, sind sie doch weit genug von einander entfernt, um uns ebenso zu trennen wie wir jetzt getrennt sind. Man sieht den Andern, gebens die Himmlischen günstig, im Jahr ein-zweimal,​ sonst liegt eine Kluft dazwischen, die der Gedanke häufig, das Papier und das Porto selten überspringt. Sonst, sei überzeugt, was Du sonst von mir wünscht, sei es eine Million, natürlich à la Falstaff in Liebe ausgezahlt, Du erhältst es. Und Du wirst mir zugeben, daß das nicht so viel ist, als es zu sein scheint. Und doch wieder viel mehr, als man glauben sollte.\\
 +<​tab>​Ich habe eben eine Mittagsmahlzeit vollbracht und trinke eben, wie meine Gewohnheit, nach Tische warmes Wasser. Und Du fürchtest nun, daß mein Brief recht lauwarm werden wird; denn es ist richtig, die Zeit nach Tische ist nicht die empfindungsreichste. Indessen danke Gott, daß Du auf diese Weise noch den vernünftigsten Brief erhälst. Gestern Abend hätte ich einen sehr phantastischen tollen, heute Morgen einen langweilig gelehrten geschrieben. Meine Theognisarbeit habe ich heute morgen begonnen, fünf Bogenspalten sind fertig, die Latinität ist scherzhaft, ich habe heute schon einige male gelacht über die vielen kurzen Fragen.\\
 +<​tab>​Daß Du das Buch zu bekommen gesucht hast, ist mir sehr lieb und ich danke dir recht schön; lieber wäre mirs, Du hättest es auch bekommen, aber mehr danken hätte ich dir doch nicht können.\\
 +<​tab>​Nun ich muß auch ohne das Buch auskommen.\\
 +<​tab>​Die Ferien haben begonnen zu schleichen, und Arbeit früh und Arbeit spät ist meine Lieblingsmelodie. Wohlverstanden,​ ich esse außerdem, ich schlafe, ich gehe mitunter spazieren, ich rühre die Tasten, aber doch — Arbeit hier und dort, jetzt und dann, heute und morgen!\\
 +<​tab>​Und aus der Ferne grinst wie ein anmuthig Gespenst, vor ihm Graun und Qual, und dahinter schöne Gefilde wie sie Hannibal seinen Soldaten nach dem Uebergang über den Mont Cenis zeigte — das Examen. —\\
 +<​tab>​Der alte Ortlepp ist übrigens todt. Zwischen Pforta und Almrich fiel er in einen Graben und brach den Nacken. In Pforta wurde er früh morgends bei düsterem Regen begraben; vier Arbeiter trugen den rohen Sarg; Prof. Keil folgte mit einem Regenschirm. Kein Geistlicher.\\
 +<​tab>​Wir sprachen ihn am Todestag in Almrich. Er sagte, er gienge sich ein Logis im Saalthale zu miethen.\\
 +<​tab>​Wir wollen ihm einen kleinen Denkstein setzen; wir haben gesammelt; wir haben an 40 Thl.\\
 +<​tab>​Nun lebe recht wohl, lieber Wilhelm, grüße Gustav recht herzlich von mir und bleibe gesund, fröhlich und mein Freund, wie immer!
 +
 +<WRAP right>​Dein Fritz.</​WRAP>​
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 +===== Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches =====
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 +===== Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen =====
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 +===== Wissenschaftliche Auslegungen =====
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 +===== Weitere Verbindungen =====
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de/nietzsche/briefe/1864/bvn-1864_29.txt · Last modified: 2015/09/02 18:23 (external edit)