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de:nietzsche:briefe:1864:bvn-1864_31

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 +====== BVN-1864,31 ======
 +==== An Paul Deussen in Oberdreis ====
  
 +<WRAP right>​[Naumburg,​ 8. Juli 1864]</​WRAP>​\\
 +
 +Mein sehr lieber Deussen,
 +
 +Es ist Freitag 5 Uhr Nachmittag, und ich habe so eben meiner Theognisarbeit letztes Blatt geschrieben,​ das Ganze zusammen gelegt und es in der Hand gewogen. Darauf zog ich das erste, beste Stück Papier heraus, um dir Nachricht von mir zu geben.\\
 +<​tab>​Wenn je, so hätte ich dich jetzt recht nöthig; vielleicht hast Du eine ähnliche Empfindung.\\
 +<​tab>​Montag früh begann ich meine Arbeit zweifelhaften Sinnes und schrieb an diesem Tag 7 große Bogenspalten:​ am zweiten Tag Abends hatte ich 16 Seiten, am dritten 27; ist da nicht eine schöne Progression in diesen Zahlen 1.7, 2.8, 3.9? Donnerstag und heute schrieb ich den Rest; es sind 42 große, enge Seiten, die ins Reine geschrieben recht bequem 60 geben werden, wahrscheinlich mehr. Eine Einleitung von einer Seite, 3 Capitel.\\
 +|    I. | De Megarensium Theog. aetate rebus. De Theog. vita. |
 +|   II. | De Theogn. scriptis. |
 +|  III. | Theogn. de deis, de moribus, de rebus publicis opiniones examinantur. |
 +|  Ein | kurzer Schluß. |
 +<​tab>​Ob ich damit zufrieden bin? Nein, nein. Aber ich hätte kaum etwas besseres, selbst wenn ich mich noch mehr angestrengt,​ sagen können. Einige Parthien sind langweilig. Andre sprachlich unbeholfen. Hier und da einiges überspannt,​ wie ein Vergleich des Th[eognis] mit Marquis Posa! Meine vorher angefertigten Collektaneen über Theognis habe ich zum größten Theil ausgeschrieben. Aergerlich ist mir, daß ich sehr oft habe Stellen abschreiben müssen. Citirt habe ich Theognis so oft, daß sicher der größere Theil der Fragmente von mir citiert ist.\\
 +<​tab>​Nun vernimm von meinem Leben. Früh, nicht allzufrüh stehe ich auf und trinke dann Kaffee. Nach demselben begebe ich mich in meine Stube, ein großer Tisch steht hier, ganz bedeckt mit zum Theil aufgeschlagnen Büchern; ein gemüthlicher Großvaterstuhl;​ ich selbst bekleidet mit meinem schönen Schlafrock. Ich schreibe nun. Ungefähr um 1 esse ich mit Mutter und Schwester zu Tisch, trinke mein heißes Wasser, spiele ein geringes Klavier und trinke Kaffee. Dann schreibe ich wieder. Um sechs wird mir der Thee und mein Abendbrot auf meine Stube gebracht; ich trinke und esse und schreibe. Es wird dunkel. Ich raffe mich auf, sehe nach der Uhr: halb Neun. Ich ziehe mich schleunigst an, verlasse unsre Wohnung und eile in dem Düster der hereinbrechenden Nacht in die Saale. Diese ist kühl, kalt, darum erquickend; der Fluß rauscht, alles ist still, der Nebel und ich ruhen auf dem Wasser. Der Wind bläst, wenn ich zurückgehe. Ich bin guter Dinge durchweg. Bis jetzt greift mich auch meine etwas anstrengende Lebensweise noch nicht sehr an.\\
 +<​tab>​Morgen kommt unser Schenkel und bleibt bis Dienstag. Diese Tage sind der Erholung geweiht. Ich freue mich auf ihn. Und will ihn von Dir grüßen.\\
 +<​tab>​Jetzt weißt Du von meiner Arbeit und meinem Leben, was beides so ziemlich in einander, aufgeht.\\
 +<​tab>​Die nächste Zeit lasse ich die Arbeit ruhn. Nun kommen die andern Studien, die ebenso drängen. —\\
 +<​tab>​Ei daß wir uns nicht wieder gesehn haben am Tage der Abreise! Indessen bist Du mir noch wohl erinnerlich in Deiner letzten Handlung: Du kauftest dir Cigarren; ich bilde mir ein, es geht Dir wohl, denn Du hast ja Taback.\\
 +<​tab>​Wenn mir nun alles sogleich einfiele, was ich Dir noch mitzutheilen oder von Dir zu fragen hätte! Halt! Dies, was Dir lieb sein wird. Die Aussichten für Bonn sind gut und werden von meiner Mutter durchaus protegirt. Desgleichen die der Rheinreise, was Dir gewiß von Interesse.\\
 +<​tab>​Ich ergreife gerade diese Gelegenheit,​ Dich zu bitten, mich Deinen verehrten Eltern auf das Beste zu empfehlen.\\
 +<​tab>​Sonnabend war ich bei Kletschke, er ist nun abgereist. Corssen ist abgereist und am andern Tage zurückgekommen. Echt corssenhaft!\\
 +<​tab>​Was ich bis jetzt allein von Musik treibe: Ich übe mir „Gretchen“ den zweiten Theil der Faustsinfonie,​ ein (von Liszt natürlich.) Zauberhaft gut und wohlthuend ist dies Gretchen. Dagegen ist mir „Faust“ zu großartig und „Mephist.“ zu grotesk und schrullenhaft.\\
 +<​tab>​Melodien kommen in den Kopf und gehen; denn ich habe keine Zeit, sie zu verarbeiten. Verschen habe ich auch machen wollen. Aber es wurde nichts. Dann und wann singt mir meine Schwester ein schönes Lied vor.\\
 +<​tab>​Ich bin übrigens so ungestört und wohl aufgehoben und meiner Zeit eigner souveräner Herr, daß ich meinen Wunsch des Alleinseins in die Rumpelkammer der Schrullen verweise. Es geschieht mir so manches Liebe und Erheiternde. Das erweitert den Geist ungemein. Viel mehr als brütendes Alleinsein.\\
 +<​tab>​Lebe recht wohl, mein lieber Deussen! Theile mir in Kürze vieles Spezielle mit. Ich interessiere mich für alles. Meine Dissertation von Rintelen habe ich nicht bekommen können. Vielleicht siehst Du zu. Ich denke oft und gern an Dich.
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 +<WRAP right>​Dein Fritz. N.</​WRAP>​
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 +===== Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches =====
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 +===== Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen =====
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 +===== Wissenschaftliche Auslegungen =====
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 +===== Weitere Verbindungen =====
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de/nietzsche/briefe/1864/bvn-1864_31.txt · Last modified: 2015/09/02 18:23 (external edit)