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Aphorisms -- in context.

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de:nietzsche:briefe:1864:bvn-1864_43

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 +====== BVN-1864,43 ======
 +==== An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg ====
  
 +<WRAP right>​Elberfeld,​ 27 Sept. 64.</​WRAP>​\\
 +
 +Liebe Mama und Lisbeth,
 +
 +Die Federzüge mögen Euch zunächst bedeuten, daß ich in einem kaufmännischen Hause schreibe. Ich denke mir, wie Ihr Euch freuen werdet, wenn Ihr nach wenig Tagen schon Nachrichten von mir bekommt. Und besonders, da ich Euch nur Gutes und Angenehmes schreiben kann.\\
 +<​tab>​Es ist wahr, am liebsten möchte ich Euch ausführlich mündlich erzählen, aber die Stunden sind ferne, wo dieser Wunsch befriedigt werden kann.\\
 +<​tab>​Die Reise selbst bot des Schönen und Interessanten nicht zuviel, zuerst verschlafene,​ schnarchende Reisegenossen,​ dann sehr geschwätzige,​ lärmende, gewöhnliche,​ dann Fabrikarbeiter und Kaufleute oder auch anspruchsvolle alte Damen; und ich könnte zu jeder dieser Bezeichnungen eine Geschichte zum Besten geben.\\
 +<​tab>​Wir kamen Abends verschlafen,​ etwas unwirsch gegen 11 Uhr an; Ihr könnt glauben, daß eine solche Tagesreise fabelhaft abspannt. Wir logirten bei Brünings uns ein, zwei nicht sehr alten Damen und ihrem Bruder, der zu Bett liegt und ein gastrisches Fieber hat. Wir erquickten uns hier durch Wein und Brod und begaben uns zur Ruhe, schliefen vorzüglich,​ standen spät auf, frühstückten — hier wie überall schönes Gebäck mit Pumpernickelschnitten — machten dann einen Besuch bei Röhrs, wo Johanna und Marie zu Hause waren, nette Mädchen, indeß nicht meine Art, etwas geschmacklos in ihrer Kleidung, allerdings unter der Obhut einer alten, sehr pietistischen Dame, mit der ich am Tage darauf in ein längeres Disput über das Theater „das Werk des Teufels“ mich verwickelte,​ mich auch sehr gut hielt, aber wegen meiner Ansichten von ihr bemitleidet wurde. Heute sind wir zu ihr zum Kaffe eingeladen. Also Sonntag lernte ich noch Ernst Schnabel kennen, einen jungen, äußerst liebenswürdgen Kaufmann; er ist Deussens bekannter und begünstigter Nebenbuhler,​ wie Ihr wißt; dann auch Friedrich Deussen, der hier in einem Geschäft ist. Nachmittag war[en] wir zusammen auf den Höhen die Elberfeld umschließen. Stellt Euch ein langes schönes Thal vor, das Wupperthal, durch das sich eine Anzahl Städte ohne bestimmte Abgrenzung wie eine lange, mächtige Kette von Fabriken hinstreckt, von denen eine Elberfeld ist, so habt Ihr die hiesige Gegend. Die Stadt ist äußerst kaufmännisch,​ die Häuser meistens von außen mit Schiefer bekleidet. An den Frauen, die man sieht, bemerkte ich besonders Vorliebe für frommes Kopfhängen. Die jungen tragen sich sehr elegant mit Mäntelchen mit scharfer Taille wie jene Kösener Polin. Die Herren alle Havannafarben an Hut, Hosen usw. Nachdem wir Sonntag Nachmittag in meheren Restaurations gewesen, waren wir Abends bis 11 Uhr bei Ernst Schnabel, höchst gemüthlich bei einem äußerst feinen Moselwein „Pastors Moselkens“,​ wie Ernst ihn nannte. Mein Klavierphantasieren macht einen nicht geringen Effekt; ich wurde feierlichst mit einem Toaste leben gelassen. Ernst ist vollständig,​ wie Lisbeth sagen würde, enchantirt; wo ich bin, muß ich spielen, es wird bravo gerufen, es ist lächerlich. Gestern Nachmittag fuhren wir nach Schwelm, einem benachbarten Badeort, besuchten die rothen Berge, eine bekannte Stätte der alten Vehme und knippen überall herum. In einem Wirth[s]haus spielte ich Abends, wider Wissen in Gegenwart eines renommirten Musikdirektors,​ der nachher mit aufgesperrtem Rachen dastand und alles Schöne sagte und mich beschwor, Abends an seinem Gesangverein Theil zu nehmen. Was ich nicht that. Sondern ich fuhr zurück, und war zum Abendessen in Schnabels Familie eingeladen. Nette, gute Menschen, famose Frau, guter, frommer, conservat. Kaufmann. Man ißt hier gut und trinkt noch besser, aber man ißt andere Gerichte als bei uns. Schweizerkäse und Pumpernickel den Tag dreimal.\\
 +<​tab>​Morgen früh beginnen wir das Rheinreischen und wollen übermorgen Abend in Oberdreis sein. Ernst Schnabel reist mit uns. Von dort bekommt Ihr bald wieder Nachricht.\\
 +<​tab>​Sendet mir doch mein Zeugniß einzeln und bevor Ihr meine übrigen Sachen sendet. Ich habe sonst nichts womit ich mich als F. N. legitimieren kann, um mein Gepäck herauszubekommen. Vergeßt ja nicht mein Gepäck bald zu besorgen; es muß jetzt fortgehn. Uebergebt es Spediteur Otto.\\
 +<​tab>​Deussen läßt vielemals grüßen; es hat ihm offenbar recht gefallen.\\
 +<​tab>​Nun liebe Mama und Lisbeth, lebt recht wohl, ich weiß daß Ihr oft an mich denkt; glaubt immer, daß es mir wohl geht. Habe ich doch bis jetzt noch nichts unangenehmes erlebt. Morgen werde ich nun schon Bonn sehn. Macht es Euch nicht zu schwer, schreibt mir bald einmal! per adr. P. Deussen in Oberdreis post rest. Altenkirchen am Sieg. Nun lebt wohl, lebt wohl! Grüßt Tante Rosalie herzlichst!
 + 
 +<WRAP right>​Euer\\
 +Fritz.</​WRAP>​
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 +===== Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches =====
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 +===== Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen =====
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 +===== Wissenschaftliche Auslegungen =====
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 +===== Weitere Verbindungen =====
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de/nietzsche/briefe/1864/bvn-1864_43.txt · Last modified: 2015/09/02 18:23 (external edit)