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de:nietzsche:briefe:1864:bvn-1864_44

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 +====== BVN-1864,44 ======
 +==== An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg ====
  
 +<WRAP right>​Oberdreis am 8t. Oct. 1864.\\
 +Vormittag.</​WRAP>​\\
 +
 +Liebe Mamma und Lisbeth,
 +
 +Gar zu gern möchte ich Euch Nachricht von mir vor meinem Geburtstage geben, den ich leider nicht in Bonn verleben kann; vielmehr werde ich, da an demselben Tage die Frau Pastorin D[eussen] ihren Geburtstag hat, ihn hier feiern, soweit dies möglich ist, und am 16 Ot. früh nach Bonn abreisen. An diesem Tage reisen nämlich alle die Deussenschen Söhne, ab, der eine nach Berlin, der andre nach Halle, der andre nach Bonn. Weder Briefe noch Geschenke darf ich also dies mal an meinem Geburtstage erwarten. Der Transport ist so nach diesen Gegenden zu sehr schwer.\\
 +<​tab>​Wie soll ich Euch nun mein bisheriges Leben beschreiben?​ Die Eindrücke sind stark, bunt, höchst mannigfaltig. In Elberfeld machte ich noch am letzt[en] Abende eine höchst interessante Bekanntschaft,​ nämlich die eines sehr reichen Pariser Kaufmanns, Ingelbach, der mit Deussens verwandt ist. Wir d. h. Paul und Friedrich Deussen und ich waren mit ihm in einem Hotel bis spät in die Nacht zusammen, speisten ausnehmend fein und tranken Bordeauxweine,​ unterhielten uns über seine Lieblingsmaterien,​ religiöse Sachen und waren recht vergnügt; nächstes Jahr wird er uns auf ein paar Tage in Bonn besuchen. Er stand übrigens in Verbindung mit dem Leipziger Nitzsche, der mir von meheren Kaufleuten als „ein großer Mann“ dh. Kaufmann bezeichnet wurde.\\
 +<​tab>​Unsre Rheinreise war kostbar, nimm das Wort, wie Du willst, es trifft immer. Ich habe diese Tage schon wieder Sehnsucht empfunden nach diesem grünwogigen prachtvollen Strom und freue mich sehr auf Bonn. Genaueres theile ich Euch einmal mündlich mit. Wir kommen jetzt nach Oberdreis.\\
 +<​tab>​Ihr könnt Euch das hiesige Leben nicht gemüthlich genug vorstellen. Insbesondre wünschte ich, daß ihr die Frau Pastorin kennen lerntet, eine Frau von solcher Bildung, Feinheit des Gefühls, der Rede, solcher Arbeitskraft,​ wie es selten andre geben mag. Menschen der verschiedensten Charaktere vereinigen sich zum Lobe dieser Frau. Der Pastor D[eussen] tritt gegen sie sehr zurück, es ist ein braver, guter, großer Mann, der indessen nicht immer consequent ist. Die Deussenschen Söhne sind sämmtlich tüchtige Menschen, am meisten gefällt mir der Maschinenbauer. Marie Deussen ist trotz ihrer Jugend ein ganz prächtiges,​ sehr geistiges Mädchen, die wirklich, liebe Lisbeth, mich gelegentlich an dich erinnert, weshalb ich ihr natürlich meine besondre Gunst nicht versagen kann. Dabei ist sie ganz fabelhaft thätig, wie sie überhaupt ihrer Mutter Abbild ist. Das Pensionat kann ich zusammenfassen als einen Verein von jungen, nicht schönen, gutmüthigen Mädchen, die aber alle sehr fleißig zu sein scheinen. Die sehr große Wirthschaft macht dies auch nöthig. Die Wohngebäude sind ziemlich großartig. Ueberhaupt ist das Leben hier eine seltne Vereinigung von Einfachheit und Luxus. Ihr werdet Euch jedenfalls eine falsche Vorstellung davon machen. Wir machen täglich ein oder zwei Parthien in benachbarte schöne Gegenden, nämlich wir jungen Menschen, mitunter in Begleitung des Pensionats. Das Leben gefällt mir durchaus, die Luft ist äußerst kräftig, aber gesund, durch die Gegend gehn noch alte Römerstraßen;​ auf einem Trümmerhaufen eines uralten römisch[en] Castells haben wir gestern Abend auf der Rückkehr von einem befreundeten Pächterhofe im Mondenschein „integer vitae“ gesungen. Meine Anschauungen über Volksleben und Sitten bereichern sich täglich. Ich merke auf alles, auf Eigenthümlichkeit des Essens, der Beschäftigung,​ der Feldwirthschaft usw.\\
 +<​tab>​Indessen mein Stoff ist ohne Ende. Ich muß noch einiges Praktische berühren. Ein Logis habe ich noch nicht, und ich will froh sein, wenn ich mich erst eingewohnt habe. Schreibt mir doch, unter welcher Addresse ich in Bonn meine Sachen finde. Habt ihr einiges über Stipendien erfahren? Vielleicht durch Pred. Kletschke? — Ich wünsche sehr, daß alles da ist, wenn ich in Bonn eintreffe. Die Anfangskosten werden bedeutend sein. In Neuwied werde ich mir ein Pianoforte miethen und mir per Dampfschiff nach Bonn transportieren lassen. — Willst Du nicht an die Frau Pastorin zum Geburtstag schreiben? — Die Immatrikulation — Miethe — Speiseabonnement kosten! Das kostet alles leidig viel Geld!\\
 +<​tab>​Nun,​ liebe Mamma und liebe Lisbeth, ich habe eigentlich täglich von Euch einmal ein Paar Zeilen erwartet. Wenn ich in Bonn angekommen bin und mich eingerichtet habe, schreibe ich Euch. Am 14 Ot. ist Kuttigs Geburtstag. Ich werde aber erst von Bonn aus schreiben, es ist hier mir zu unbequem. Das seht ihr an der Feder. — Nun lebt recht wohl und wünscht mir rechtes Glück zu den bevorstehenden Tagen! Ich denke Eurer, so wie auch der lieben Tanten und meiner Freunde oft und gern!
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 +<WRAP right>​Euer Fritz.</​WRAP>​
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 +===== Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches =====
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 +===== Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen =====
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 +===== Wissenschaftliche Auslegungen =====
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 +===== Weitere Verbindungen =====
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de/nietzsche/briefe/1864/bvn-1864_44.txt · Last modified: 2015/09/02 18:23 (external edit)