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de:nietzsche:briefe:1864:bvn-1864_45

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 +====== BVN-1864,45 ======
 +==== An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg ====
  
 +<WRAP right>​[Oberdreis,​ 12. Oktober 1864]\\
 +Mittwoch, Mittag.</​WRAP>​\\
 +
 +Liebe Mama und Lisbeth,
 +
 +Eurem Wunsche gemäß schreibe ich jetzt gleich, nachdem ich vor einer Stunde erst von Altenkirchen in furchtbarem Wetter angekommen bin. Ich beabsichtigte dort nämlich mit Ernst Schnabel zusammen ein Geburtstagsgeschenk für die Frau Pastorin einzukaufen,​ und zwar eine Klavierdecke,​ da wir einmal einen derartigen Wunsch zufällig ihr abgelauscht hatten. Leider bot das kleine Städtchen durchaus nichts und wir haben also auch nichts zu bringen als unsren guten Willen.\\
 +<​tab>​Dagegen habe ich wenigstens die lieben Briefe mir mitgebracht und so den Weg nicht umsonst gemacht. Meinen vielfachen Dank für die ausführlichen Nachrichten. Dabei ist mir der Zweifel aufgestiegen,​ ob mein erster Brief von Elberfeld richtig angekommen. Indessen heute kann ich keinen „amüsanten“ Brief schreiben; ich muß die vielen, sehr massiv-praktischen Fragen beantworten. Was meinen Geburtstag betrifft, so ist es das beste, ihr schreibt mir bloß, schickt mir indeß nichts nach Oberdreis. Jeder Transport hier ist außerordentlich schwierig. Altenkirchen ist gegen 2 Stunden entfernt. Den Schlüssel zum Kistchen habe ich nicht. Um einen Kuchen bitte ich absichtlich nicht. In Bonn könnte ich ihn gebrauchen, in Oberdreis nicht, die Menschenmenge ist zu groß. Sonntag früh reisen wir unwiderruflich allesammt ab. Wenn die Kiste nur einen halben Tag zu spät käme, träfe sie mich nicht mehr.\\
 +<​tab>​Der Geldpunkt. Natürlich wie ich schon geschrieben habe, brauche ich zu Anfang sehr viel Geld. Ich hoffe indessen zunächst auszukommen,​ wenn Du mir 50 Thl. schickst. Dann benachrichtige ich Dich, wie es sich macht. Mit dem Monatsgeld muß ichs auch erst probieren, aber wohlverstanden,​ mit 20 Thl. monatlich kann ich nicht auskommen. Thun wir uns tüchtig nach Stipendien um. Ich rechne, daß ich nothwendig monatlich mindestens 30 Thl. brauche. Diese 50 Thl. mußt Du mir aber noch nach Oberdreis schicken, damit ich mit diesem Geld nach Bonn gehe.\\
 +<​tab>​Weihnachten,​ denke ich, machst Du Frau Pastor Deussen ein Geschenk. Sie läßt sich Dir empfehlen. — An Onkel Bernhard schreibe ich, so bald ich mich eingerichtet habe und meine Lage übersehn kann. An Pastor Kletschke schreibe ich zu seinem Geburtstag zum 1 Nov. Ich dächte, ihr müßtet mir ein klein wenig dankbar sein, daß ich euch auf verzeihliche Weise manche Unannehmlichkeiten ersparte. Oder denkt ihr anders? — Grüße und gratuliere den lieben Breslaus. Insgleichen überbringe Tante Rosalie, der Frau v. Busch meine herzlichst. Grüße. — Daß Wunderlich des kl. Rabe Oberer ist, freut mich recht. Grüßt ihn von mir.\\
 +<​tab>​Wir leben hier höchst gemüthlich. Gestern war bei der Pfarre das sogenannte „Schlör“,​ bei dem der Flachs gebrochen und geschwungen wird. Es waren über 30 Leute, die alle auf der Pfarre festlich bewirthet wurden. Dazu war eine Pastorin mit Tochter zum Besuch. Du kannst Dir denken, welche Mühe für die Frau Pastorin, die aber immer ihre heitre Ruhe bewahrt, ob sie gleich unglaublich viel thut und keinen Augenblick sich Ruhe gönnt.\\
 +<​tab>​Der Sonnabend ist für die Pfarre und die Umgegend einer der größten Festtage. Die Pastorin, die Elisab. Deussen und ich haben zusammen Geburtstag.\\
 +<​tab>​Neulich bin ich auch bei einer Bauernkindtaufe gewesen, wo es wie immer Kaffe und Kartoffeln gab. Davon leben die Leute überhaupt hier. Im Hause lebt hier noch ein stummer Schuster und ein lahmer Schneider. Meine Stiefeln sind zerbrochen stellenweis,​ aber sie werden hoffentlich gemacht. Gestern war großer Viehmarkt in Steimel; wir giengen dahin. Man geht täglich mindestens 4 Stunden, mitunter auch 7. Ich erhole mich also ordentlich. Um so tüchtiger kann ich dann zu arbeiten anfangen. Wie steht es mit meinem Empfehlungsschreiben?​ Frage doch Dr. Volkmann einmal, so wie auch Benndorf (an Professor Perthes). Nun will ich Halt machen. Ich fürchte, es ist keine Briefgelegenheit mehr. Der Postbote ist längst fort. Adieu ihr Lieben! Von dir, liebe Lisbeth, erwarte ich einen ausführlichen schönen Brief über Ball und andre Affairen.\\
 +<​tab>​Denkt meiner freundlichst und schreibt mir bald!
 +
 +<WRAP right>​Euer Fritz.</​WRAP>​
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 +===== Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches =====
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 +===== Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen =====
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 +===== Wissenschaftliche Auslegungen =====
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 +===== Weitere Verbindungen =====
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de/nietzsche/briefe/1864/bvn-1864_45.txt · Last modified: 2015/09/02 18:23 (external edit)