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de:nietzsche:briefe:1864:bvn-1864_46

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de:nietzsche:briefe:1864:bvn-1864_46 [2015/09/02 18:23] (current)
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 +====== BVN-1864,46 ======
 +==== An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg ====
  
 +<WRAP right>//​Bonn//,​ am 17t. [und 18.] October.\\
 +1864.</​WRAP>​\\
 +
 +Meine liebe Mamma und Lisbeth,
 +
 +von Bonn aus, von meiner Wohnung aus bekommt ihr zum ersten Male Nachricht; und ich gebe sie euch, heiter und froher Hoffnungen voll, zugleich aber mit dem dankbarsten Herzen; denn eure Hände waren es, die auf das angenehmste gleich meine ersten Stunden in einer neuen Welt ausschmückten,​ eure lieben Wünsche und Gebete waren es, die meinen Eingang in ein selbstständigeres Leben weihten.\\
 +<​tab>​Ueber meinen Geburtstag kann ich schneller hinweggehn; früh morgens sangen wir vor dem Schlafzimmer der Frau P[astor] D[eussen] einen vierstimmigen Choral „Lobe den Herrn, o meine Seele“, den ich mit den Damen und Herren eingeübt hatte. Bei der Bescheerung bekam ich von der P[astorin] einen Theil der Monod’schen Schriften. Sie freute sich über deinen Brief und will dir bald einmal antworten. Abends waren wir auf der Wiese und spielten Gesellschaftsspiele und tanzten etwas. Wir verlebten den Tag ruhig und angenehm, indeß war ich gerade nicht heiter, was leicht zu erklären ist. Den andern Morgen früh machten wir uns auf den Weg nach Neuwied, 6 Stunden lang, der Abschied war sehr rührend. Ich habe einen Thl. Trinkgeld gegeben, in den sich 3 Personen theilen müssen. Wir kamen ein wenig müde auf dem Dampfschiff an und landeten an Bonn gegen 4 Uhr. (Zeitbestimmungen sind bei mir immer ungenau, denn ich habe keine Uhr) Hier fanden wir denn bald einen mir wohl anstehenden Stiefelfuchs,​ der als Sachverständiger und Mitinteressirter immer von Studenten beim Miethen benutzt wird. Nun haben wir uns gegen 10, 12 Wohnungen angesehn. Mit dem Zusammenwohnen ist kein Profit: die Wohnungen dieser Art, Stube und Schlafzimmer stehen 10 bis 12 Thl. monatlich. So entschlossen wir uns endlich spät Abends, benachbarte,​ aber Separatwohnungen uns zu miethen. Ich glaube sehr zufrieden sein zu können; monatlich 5 Thl. Miethe. Sehr schönes Haus, Ecke zweier lebhafter Straßen mit Balkon, angenehme äußerst reinliche Wirthleute, die ein großes Geschäft haben; ich lege Dir  ihre Karte bei. Der Mann ist Holsteiner. Mein Zimmer wird erst eingerichtet,​ zwei Treppen hoch, geräumig, mit drei großen Fenstern, alles sehr nobel und reinlich, mit Sopha. Ich wohne während der Einrichtung,​ die ein paar Tage dauern wird, das Zimmer darunter Belletage mit Balkon, Schlafkabinet,​ äußerst angenehme Wohnung; kostet aber 7 Thl. weshalb mir zu theuer. Das Essen kostet in allen Restaurationen 7 Srg. im Abonnement, sehr theuer. Deshalb ist es mir sehr lieb, bei meinen Wirthsleuten essen zu können für 5 Srg. sehr gute Hausmannskost,​ Suppe Gemüse und Fleisch. Ich esse auf meiner Stube. Das ist eine Ersparniß von monatl. 2 Thl. Abends esse ich eben so bei den Wirthsleuten für 3 Srg. Auf diese Weise bin ich sehr von dem lästigen Kneipenlaufen zurückgehalten. Ein Pianino habe ich mir gemiethet, so billig ich es nur haben konnte, für 3 Thl. monatlich. Die Wäsche lasse ich auch durch die Wirthin an eine Wäscherin befördern, die billiger und besser wäscht, als die Frauen der Stiefelfuchse,​ die gewöhnlich die Wäsche der Studenten besorgen. Der Stiefelfuchs bekommt für Kleiderreinigen,​ Stiefelputzen und Ausgänge monatlich 20 Srg. Jetzt berechne den Monat.\\
 +<​tab><​tab><​tab>​5 Miethe\\
 +<​tab><​tab><​tab>​5 Mittag\\
 +<​tab><​tab><​tab>​3 Abend\\
 +<​tab><​tab><​tab>​2 Frühstück (Butter, Milch, Schwarzbrod,​ Weck)\\
 +<​tab><​tab><​tab>​3 Klavier\\
 +<​tab><​tab> ​ c. 2 Wäsche\\
 +<​tab><​tab><​tab>​3 Heizung (nach Tagesberechnung 3 Srg. der halbe Tag 2 Srg)\\
 +<​tab><​tab><​tab><​tab>​20 Stiefelfuchs\\
 +<​tab><​tab><​tab>​__<​tab><​tab><​tab><​tab><​tab><​tab><​tab>​__\\
 +<​tab><​tab><​tab>​23 Th. 20 S.\\
 +ohne Bücher, Hefte und die vielen Nebenausgaben für Oel, Spiritus, eine Lampe usw. Kein Pfennig für eine Vergnügung. Wie gesagt, ohne 30 Th. monatlich ist kein Auskommen.\\
 +<​tab>​Ich kann hier gar nichts machen, bevor ich nicht das Geld bekommen habe, nicht einmal mich immatrikulieren lassen. Heute war es noch nicht auf der Post. Auch meine andren Sachen vermisse ich sehr; ich kann kaum ausgehn, da ich keine reine Wäsche habe, meine Stiefeln mannigfach zerrissen sind. Natürlich habe ich auch noch keine Visiten machen können. Das Photograph. album hat mir ungemeine Freude gemacht, insgleichen die Kaffeemaschine,​ wenn gleich der Kaffee mir noch nicht daraus geschmeckt hat. Es macht [machte] mir besonderen Spaß, die Kiste mit all ihren reichen Inhalte auszupacken,​ nachher die schönen Briefe zu lesen und endlich zu Bett zu gehn.\\
 +<​tab>​Paul und ich essen zusammen und zwar heute sehr gute Suppe mit Zunge darin, Kalbscotellets mit Rübchensalat und Kartoffeln, frisch. Obst. —\\
 +<​tab>​Der lieben Tante Rosalie sprich meinen herzlichsten Dank aus; ich werde ihr bald einmal schreiben. Wie viel habt ihr mir nicht geschenkt! Ueber das Bild der selg. Großmama habe ich mich besonders gefreut. Schreibt mir recht bald wieder! Meine Addresse „Bonn, Bonn- und Gudenauergassenecke 518“\\
 +<​tab>​Nun lebt recht, recht wohl!
 +
 +<WRAP right>​Euer Fritz.</​WRAP>​
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 +----
 +
 +<​tab>​Auch heute, Dienstag früh, ist mein //Geld// noch nicht da. Ich kann mich also nicht immatrikulieren lassen, da dies über 7 Thl. kostet. Das //​Paupertätszeugniß//​ brauche ich noch bis Ende dieser Woche spätestens! Vergeßt das ja nicht!
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 +===== Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches =====
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 +===== Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen =====
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 +===== Wissenschaftliche Auslegungen =====
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 +===== Weitere Verbindungen =====
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de/nietzsche/briefe/1864/bvn-1864_46.txt · Last modified: 2015/09/02 18:23 (external edit)