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de:nietzsche:briefe:1864:bvn-1864_48

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 +====== BVN-1864,48 ======
 +==== An Hermann Kletschke in Pforta ====
  
 +<WRAP right>​Bonn,​ am 31 Okt. 1864</​WRAP>​\\
 +
 +Hochgeehrter Herr Prediger,
 +
 +es ist mir eine besondere Freude, mit den Worten des Dankes, den ich Ihnen immer und vornehmlich jetzt wieder schulde, meine herzlichen Glückwünsche für Ihren bevorstehenden Geburtstag zu vereinigen. Das Andenken, das, geleitet von den freundlichsten Zeilen, Sie mir nach Bonn übersandten,​ wird mich dem lieben Geber ganz besonders verbinden, zumal wenn es, wie sie hoffend aussprachen,​ eine schöne und segensreiche Wirkung auf mich äußern sollte. Um so mehr bedaure ich, Ihnen heute nichts andres entgegenbringen zu können, als eben nur Wünsche für Ihr ferneres Wohlergehen und einige Nachrichten über mein gegenwärtiges Leben, an dem Sie, wie ich durch Ihren Brief versichert bin, so lebhaft Antheil nehmen.\\
 +<​tab>​Vielleicht macht es Ihnen Vergnügen zu erfahren, was ich an dem heutigen Tage gethan habe und noch thun werde. Um acht Uhr früh hörte ich bei Krafft Kirchengeschichte;​ ich bin nämlich auf Theologie und Philosophie eingeschrieben,​ worin ich, wie ich glaube, Ihrem Rathe gefolgt bin. Indessen bin ich gerade mit diesem Kolleg nicht sehr zufrieden, es enthält wenig Anregendes. Nachher habe ich auf dem Fechtboden den Körper etwas angestrengt,​ bin etwas spazieren gegangen, um um zehn Uhr Springer über deutsche Kunstgeschichte zu hören. Ich freue mich sehr diesem geistvollen Manne dadurch näher gerückt zu sein, daß ich Mitglied in einem von ihm
 +jetzt neu gegründeten Kunstseminar geworden bin. Um 12 Uhr habe ich Jahn gehört, der heute seine Vorlesungen über das platonische Symposion begann. Sie stellen sich gewiß vor, wie erfreut ich sein muß, einen vorzüglichen Philologen über ein mir besonders liebes Werk des Alterthums sprechen zu hören. Heute Nachmittag liest auch Ritschl zum ersten Male über miles gloriosus; sobald ich diesen Brief beendigt habe, werde ich in seine Vorlesung gehen. Donnerstag wird auch v. Sybel seine Vorträge über Politik beginnen, an denen sich die hiesigen Studenten sehr lebhaft betheiligen werden. Heute abend gedenke ich einer Probe des städtischen Gesangvereins beizuwohnen,​ in den ich aufgenommen bin, und nachher werden wir in einem Fuchskränzchen zusammentreffen,​ um uns über politische und burschenschaftliche Fragen zu unterhalten. Vielleicht werden sie schon gehört haben, daß ich in die Franconia eingetreten bin, zusammen mit einer größern Anzahl von Pförtnern, die sich jetzt zufällig in Bonn zusammenfanden;​ wie lebhaft wir der Pforte in unsern Gesprächen gedenken, können Sie sich vorstellen.\\
 +<​tab>​Man sollte nicht, wie ich es gethan, vorgefaßte Meinungen über derartige Korporationen mit auf die Universität bringen, sondern jeder sollte seiner Persönlichkeit dabei Rechnung tragen. Ich hoffe, reichlichen Nutzen für mich aus einem solchen Leben zu ziehen, wie ich mir auf der andern Seite durchaus nicht meine wissenschaftliche Thätigkeit verkümmern lassen will.\\
 +<​tab>​Letztere will ich in diesem Semester besonders auf Hebräisch richten, sodann auf Kunstgeschichte und Geschichte der Philosophie seit Kant, die ich mit Hülfe einiger Werke privatim treibe.\\
 +<​tab>​Wie die Zeit dehnbar ist, das empfinde ich stündlich, und ich hoffe nach einem Jahre des Bonner Aufenthalts auf wirkliche Früchte in der Entwicklung meines Wissens und meines Wesens sehen zu können. Daß auch Sie, lieber Herr Prediger, um diese zu reifen, mir Ihre Mitwirkung nicht versagen werden, haben Sie selbst schon ausgesprochen,​ und ich kann nur auch hier für Sie meines herzlichen Dankes versichern. Indem ich Sie bitte mich dem Hr. Dr. Volkmann noch besonders zu empfehlen, zeichne ich
 +
 +<WRAP right>​Ihr dankbarer Fr. Nietzsche</​WRAP>​
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 +===== Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches =====
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 +===== Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen =====
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 +===== Wissenschaftliche Auslegungen =====
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 +===== Weitere Verbindungen =====
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de/nietzsche/briefe/1864/bvn-1864_48.txt · Last modified: 2015/09/02 18:23 (external edit)