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de:nietzsche:briefe:1864:bvn-1864_50

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de:nietzsche:briefe:1864:bvn-1864_50 [2015/09/02 18:23] (current)
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 +====== BVN-1864,50 ======
 +==== An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg ====
  
 +<WRAP right>​[Bonn,​ 10.—17. November 1864]</​WRAP>​\\
 +
 +Liebe Mamma und liebe Lisbeth,
 +
 +ob es Euch wohl lieb gewesen ist, von mir auf Euren ausdrücklichen Wunsch seit ein paar Wochen keine Nachricht bekommen zu haben? Ich habe gewartet, daß etwas von der Post ankäme, es kommt aber nichts, und ich ziehe es vor, selbst in der Voraussetzung,​ Euch damit zu mißfallen, wieder, einen Brief nach Naumburg zu entsenden.\\
 +<​tab>​Es ist eine behagliche Abendstunde,​ die Kinder auf den Straßen singen, seitdem es dämmert, immer dieselbe Melodie vom „Märten, der Aepfel und Nüsse bringt.“ Es ist in meiner Stube angenehm warm; es fehlt mir nichts, als daß ich mich mit Euch unterhalte, und das thue ich denn auch. Im Geiste stelle ich mir vor, wie heute die liebe Tante Rosalie ein Hörnchen weniger zu schenken hatte, aber sie wird sicherlich, so wie auch Ihr, an mich freundlichst gedacht haben.\\
 +<​tab>​Und wenn Ihr an mich denkt, so braucht Ihr Euch immer nur das angenehmste Bild von meinem Leben und Treiben zu machen. Denn es ist mir immer recht wohl gegangen. Womit soll ich aber zu erzählen anfangen? Jedenfalls mit der Schilderung meiner Studien, um damit ein gewisses Vorurtheil zu bekämpfen, über dessen Entstehen ich, gerade ich, mich nicht genug wundern kann. Ich besuche natürlich mit großem Interesse meine Collegien, von denen Euch eines speziell genannt sein soll, das des Prof. v. Sybel über Politik. Besucht wird es von 2—300 Menschen, in einem der größten Auditorien; doch müssen immer noch eine Anzahl stehen. Natürlich ist der recht wissenschaftliche Vortrag des Sybel gewürzt mit mancher politischen Anspielung. — Daß Männer wie Ritschl, der mir eine Rede über Philologie und Theologie hielt, wie Otto Jahn, der, ähnlich wie ich, Philologie und Musik treibt, ohne eins von beiden zur Nebensache zu machen, einen großen Einfluß auf mich üben, wird sich jeder vorstellen können, der diese Heroen der Wissenschaft kennt. Prof. Schaarschmidt ein alter Pförtner, hat uns mit der ausnehmendsten Freundlichkeit bedacht und sich im Voraus als unsern Studiengenossen und Freund erklärt. Das muß ich den warmen Empfehlungen des Prof. Steinhart danken. Mehr Empfehlungen kann ich übrigens kaum mehr brauchen, wenn es nicht eine an eine liebenswürdige Familie ist. Prof. Krafft, bei dem ich Kirchengeschichte höre, hat mich zu einem Montäglichen Thee und Abendbrot mit obligater theolog. Unterhaltung eingeladen. Am meisten freut es mich, daß ich mit Prof. Springer in nähere Verbindung gekommen bin; ich bin Mitglied des Seminars für Kunstgeschichte. Ein junger, schöner, höchst geistreicher,​ künstlerhafter Mann, dessen Vorlesungen mit zu den besuchtesten gehören, ist Springer.\\
 +<​tab>​Dir,​ liebe Lisbeth, noch zur Nachricht, daß ich die Marie Niemann-Seebach als Pietra gesehn habe, natürlich „entzückend!!“,​ daß ich dann den Oberon gehört habe, der mir ziemlich mißfallen hat trotz des „Ozeans des Ungeheuers“ und der glänzenden Dekorationen;​ endlich, daß ich ein paar Häuser von Beethovens Geburtshause wohne mit der Aussicht auf eine alte Jesuitenkirche.\\
 +<​tab>​Mit Frankenstein bin ich öfter zusammen getroffen, und er hat mich auch besucht, ebenso wie Gropius und Kindler und Hachtmann. Ueberhaupt ist Naumburg, aber speziell Pforta „auf dem Damm“ in Bonn. —\\
 +<​tab>​Der Brief hat sich ein wenig ausgeruht, und dazwischen sind Eure angenehmen Briefe angekommen, so daß manche schon gemachte Bemerkung dadurch überflüssig wird.\\
 +<​tab>​Auf einige Deiner Worte, liebe Mamma, muß ich noch eingehen. Weißt Du, was man in Bonn am allermeisten meiden muß? Das Allzuvertrautwerden mit den Wirthsleuten;​ die meinigen sind ehrenwerthe Leute, aber Handwerker. An sie zu schreiben, fände ich, offen gesagt, im höchsten Grade unpassend und geradezu unerhört. Ich würde auf der Stelle ausziehn.\\
 +<​tab>​Außerdem muß ich jetzt gestehen, daß die rheinische Kost mir auf die Dauer gar nicht behagen will. Mein Appetit für dieselbe nimmt bedeutend ab. Beiläufig lebe ich, was das Essen betrifft, so billig, wie man unter keiner Bedingung sonst in Bonn leben kann. — Das Bedürftigkeitszeugniß kommt genau drei Wochen zu spät. —\\
 +<​tab>​Ueber die freudige Nachricht aus Gorenzen habe ich mich herzlich gefreut und werde an den Onkel und zugleich an die Großmamma schreiben. — Der Buchbinder Jacobi ist im vollen Rechte, ich habe ihn selbst beauftragt. — Die Frau P[astor] Deussen schickt Dir ein Briefchen mit; sie hat eine Klavierdecke bekommen. Deussen hat noch kein Album, ich bin aber überzeugt, daß er von Hause eins bekommt. —\\
 +<​tab>​Dir,​ liebe Lisbeth, schreibe ich nächstens ausführlich,​ der Brief wird zu dick sonst. Daß Du entzündete Augen gehabt hast, ist ein rechtes Malheur. Aber Du wirst es hoffentlich schnell überstanden haben und Dich tüchtig todtgelacht haben über entzündete Augen und „leichtherzige Studenten“ und verschiedne „händeringende Gespenster.“ Also ich soll doch nicht so „furchtbar klug“ handeln?\\
 +<​tab>​Sonntag waren wir en masse in Siegburg, zogen mit Juchheirassasa durch die Stadt, tanzten und kamen etwas spät zurück. Vor einer Stunde war ich in einem höchst noblen Konzert, fabelhafter Luxus, alles Weibsvolk feuerroth, immer englisch gesprochen no speak inglich. Billet 1 Thl. d.h. ich bin mitwirkendes Mitglied, kostet also nichts. Dafür bin ich auch höchst patent mit weißer Weste und Glacés angetreten. — Ich schreibe fabelhaft viel Briefe und bekomme doch keine als von Euch. Ist Gersdorf und Kuttig bei Euch gewesen? Grüßt sie von mir. Ebenso die lieben Naumburger Tanten
 +
 +<WRAP right>In alter Ergebenheit und Liebe\\
 +Euer Fritz.</​WRAP>​
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 +----
 +
 +<​tab>​Liebe Lisbeth! Was „Daheim“ betrifft, so erinnere ich Dich an folgendes:​\\
 +<​tab><​tab><​tab><​tab>​Der König redigirt Daheim\\
 +<​tab><​tab><​tab><​tab>​Der Kriegsminister stellt anheim\\
 +<​tab><​tab><​tab><​tab>​Darauf zu abonnieren;​\\
 +<​tab><​tab><​tab><​tab>​Bei so vornehmen Redakteur,​\\
 +<​tab><​tab><​tab><​tab>​Bei so vornehmen Kolporteur\\
 +<​tab><​tab><​tab><​tab>​Da muß es reussiren!
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 +===== Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches =====
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 +===== Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen =====
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 +===== Wissenschaftliche Auslegungen =====
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 +===== Weitere Verbindungen =====
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de/nietzsche/briefe/1864/bvn-1864_50.txt · Last modified: 2015/09/02 18:23 (external edit)