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de:nietzsche:briefe:1864:bvn-1864_56

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 +====== BVN-1864,56 ======
 +==== An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg ====
  
 +<WRAP right>​[Bonn,​ Weihnachten 1864]</​WRAP>​\\
 +
 +Meine liebe Mamma und Lisbeth,
 +
 +ich erzähle Euch jetzt der Reihe nach. —\\
 +<​tab>​Sonnabend war herangekommen;​ ich hatte zu Mittag gegessen und blieb zu Hause, denn ich dachte, daß möglicher Weise etwas ankäme. Wenn die Thür des Hauses gieng, wenn die Treppe herauf jemand gieng, so steigerte sich meine Erwartung. Es wurde dunkel; noch war nichts da. Ich setzte mich auf das Sopha, zündete die Lampe nicht an und stellte mir vor, daß um diese Zeit Ihr Euch bescheeren würdet. Ich aß etwas zu Abend, es war sieben Uhr. Ich gieng auf unsre Kneipe, auf dem Wege sah ich viel hell erleuchtete Fenster. Dort fand ich die andern Frankonen und einen schönen Christbaum. Dann bescheerten wir uns kleine lächerliche Sachen, z.B. bekam einer, der viele Pumpe hat, eine Sparbüchse,​ ich erhielt wegen meiner Vorliebe für Hektor Berlioz einen Halbmond. Wir tranken mehere schöne Bowlen, die der Wirth setzte und waren heiter. Gegen 11 kam ich nach Hause, aber ich fand nichts.\\
 +<​tab>​Morgens wurde ich zur Bescheerung des Wirths hinuntergeladen,​ ich bekam ein höchst elegantes Portemonais. Dann war ich ein Stündchen bei dem Russen, der unter mir wohnt. Wir giengen dann zusammen in die Kirche und wieder heraus. Noch war nichts da. Es wurde Mittag. Da aber brachte man mir zu meiner größten Freude die Kiste. Der Postbote hatte gestern den ganzen Nachmittag herumgesucht,​ wem die Kiste gehören möchte. Die Addresse war falsch; ich wohne ja Bonngasse 518.\\
 +<​tab>​Nun gieng ich eifrig ans Werk mit Hammer und Zange. Und was fand ich alles!\\
 +<​tab>​Auf meinem Tisch baute ich alles auf das Schönste auf und setzte mich davor und las zuerst die allerliebsten Briefe. Und was hast Du, liebe Lisbeth, für ein niedliches Gedicht gemacht mit der burschikosen Mischung studentischer Phrasen und mädchenhafter Empfindung! Wie hübsch sieht der weißrothgoldne Uhrhalter aus! Und ebenfalls wie schön passen die schwarzrothgoldnen Schuhe, die ordentlich unheimlich mir vorkommen! Daß ich all die schönen Eßsachen mit großer Sympathie aufgenommen habe, versteht sich von selbst. Wie hübsch habt Ihr doch an alles gedacht!\\
 +<​tab>​Nach Tische und nach einer guten Mahlzeit, wie sie eines Festtags würdig ist, machte ich mich denn an meinen Manfred, den ich mit Herzklopfen aus der Kiste hob, und der von dem Notenpult bis jetzt noch nicht fortgekommen ist. Alle, die etwas daraus gehört haben, sind davon entzückt. Bitte, sprecht der lieben Tante meinen großen Dank aus, in denke Neujahr an sie zu schreiben.\\
 +<​tab>​Nachmittag kam Gaßmann zu mir, die andern Frankonen waren in Köln. Wir haben zusammen gesungen und Manfred gespielt und Thee getrunken und von der schönen Stolle gegessen. Um 8 gieng ich dann mit ihm in seine Wohnung und aßen dort Spickgans und tranken feurigen Walporzheimer;​ er las mir seine eignen Novellen vor. Es war ein höchst befriedigender,​ genußreicher Tag, und wir waren beide in gehobener Stimmung.\\
 +<​tab>​Ueber alles, was Ihr mir geschrieben habt, habe ich mich sehr gefreut. Sehr leid thut mir nur der arme Zerboni, ich werde wahrscheinlich bald an ihn einmal schreiben, er wird es zwar nicht erwarten.\\
 +<​tab>​Gersdorff schrieb mir einen langen, sehr interessanten Brief und erzählt auch, daß er bei Euch gewesen\\
 +<​tab>​„Ich habe dort, schreibt er, aus Deinen Briefen und durch Erzählungen viel von Deinen Reiseerlebnissen von Deiner Einrichtung gehört und mich über alles herzlich gefreut, woraus ich sah, daß es Dir  wohlgeht, daß Du allerhand Beobachtungen machtest, die Dir die Deinige [Deinigen] gar nicht zugetraut hätten. (So!!) Die Stunde, die ich dort zugebracht, war mir eine sehr angenehme und erheiternde,​ wie ich sie in einem solchen letzten Winter brauchen kann —“\\
 +<​tab>​Ueber den Entschluß des Onkel Theobald bin ich recht froh. Ostern werde ich ihn besuchen.\\
 +<​tab>​Ihr werdet euch offenbar über meine großartige Correspondenz jetzt wundern, wenn Ihr die eingelegten Briefe gefunden habt. Ein paar Tage vorher hatte ich zwei Briefe nach Pforte an Redtel und Kuttig abgesandt. Das ist aber wahr, ich werde nächstens müde, man braucht zu viel Zeit dazu, und schreibt auch nicht jeden Brief mit gleichem Interesse. Ich habe in diesem Quartal außer an Euch geschrieben an den Vormund, an Gustav und Wilhelm, an Gersdorff, an Schenkel, an Redtel, an Kuttig, an Bormann nach Weimar, an den Onkel Edmund, an die Großmama, an die Tanten, an die meisten hiervon zwei oder dreimal. C’est trop! —\\
 +<​tab>​Der Kalender der Tante Rosalie mit den Notizen darin hat einem längst gefühlten Bedürfniß abgeholfen —\\
 +<​tab>​Ich weiß immer noch nicht recht, wie lang ein Brief gehen muß um zu Euch zu kommen. Schreibt mir das doch!\\
 +<​tab>​Und nun lebt recht, recht wohl und verlebt den Rest des alten Jahres anmuthig und träumt in den Nächten die schönsten Träume. Mögen sie in Erfüllung gehn!
 +
 +<WRAP centre>​Meinen herzlichsten Dank!</​WRAP>​
 +
 +<WRAP right>​Euer\\
 +Fritz.</​WRAP>​
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 +===== Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches =====
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 +===== Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen =====
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 +===== Wissenschaftliche Auslegungen =====
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 +===== Weitere Verbindungen =====
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de/nietzsche/briefe/1864/bvn-1864_56.txt · Last modified: 2015/09/02 18:23 (external edit)