aphil.org

Aphorisms -- in context.

User Tools

Site Tools


1865

Inhalt

BVN-1865,1

An Rosalie Nietzsche in Naumburg

Bonn, 11 Januar 1865.


Meine liebe Tante,

dieser Brief, der erste, den ich im neuen Jahre schreibe, soll Dir meine herzlichen Glückwünsche überbringen, die ich gar zu gern mündlich ausrichten möchte. Die Weihnachtsferien sind nun vorüber, und ich bin wieder darin im gewöhnlichen Gleise der Arbeit, ja ich kann sagen, ich freue mich, daß ich wieder darin bin und daß die Zeit, wo ich besonders Euch vermißte, überwunden ist. Zwar habt Ihr mir Eure Liebe, die auch in der Ferne mich begleitet, so schön in Wort und That ausgesprochen, und ich nehme heute auch Gelegenheit, meinen Dank und meine Freude Euch darzulegen; aber umso mehr wächst natürlich das Verlangen, mit Euch wieder einmal zusammen zu sein, und Gesehenes und Erlebtes in fröhlicher Unterhaltung auszutauschen. Sei überzeugt, meine liebe Tante, daß ich an Deinem Geburtstag Deiner viel gedenken werde, daß ich überhaupt oft an Dich denke, zumal jetzt, wo die schöne, täglich durchgespielte Manfredmusik mich so lebhaft an Deine Güte erinnert.
     Heute sollst Du denn auch die Originaldepeschen über mein Leben seit Neujahr bekommen; denn der Mama und Lisbeth habe ich seitdem noch nicht geschrieben. Um mit dem zuletzt Erlebten anzufangen, so war ich gestern Abend zu Prof. Schaarschmidts eingeladen, und zwar zusammen mit allen Pförtnern, die mit in der Frankonia sind. Es war höchst lustig daselbst, Schaarschmidt ist ein sehr witziger, auch sarkastischer Gesellschafter, und unsre Unterhaltung berührte im Fluge so ziemlich alles, was es überhaupt giebt. Nach einem sehr feinen Abendessen blieben wir bei einer Pfirsichbowle noch bis 12 zusammen. Hierbei bemerke ich, daß ich seit dem neuen Jahre mich daran gewöhnt habe, um 6 Uhr morgens aufzustehn. Worüber Du Dich wundern wirst. Vor Weihnachten allerdings nie vor 8 Uhr. In den ersten Tagen des neuen Jahres war ich in dem benachharten Köln, und hatte das Glück, Karl Devrient als Wallenstein zu sehn. Ueberhaupt macht diese Stadt mit ihrem erhabnen Dom und den unzähligen Kirchen einen bedeutenden Eindruck. Der Rhein hat ungemein wenig Wasser und treibt viel Eis, an einigen Stellen hat es sich gelagert. Ich hoffe auf den Frühling und den Sommer. Des Winters Kraft scheint seit den letzten gewaltigen Stürmen mit tüchtigem Gewitter gebrochen. Zu Weihnachten und Neujahr haben wir eine sehr tüchtige Kälte und mäßig viel Schnee gehabt. Neujahr bekam ich außer von zu Hause noch Briefe von meinem ehemal. Untern Redtel und von der Räthin Redtel, natürlich voll von Dank. Von ihr und von Anna soll ich Mutter und Schwester herzlich grüßen. Zugleich fällt mir ein, daß auch Deussen mir Glückwünsche zu Deinem Geburtstag aufgetragen hat. Meine Zahnschmerzen sind seit den letzten Tagen fort, und ich befinde mich recht wohl, nur, daß mir die Kost nicht schmeckt. Ich freue mich sehr auf die Osterferien, und ich möchte gar zu gern über Plauen zurückreisen, damit ich mich dort einmal den Tanten vorstellen könnte.
     Nun, ist das nicht alles im Depeschenstil, kurz und bündig, Wetter, Zahnschmerzen und Kost durcheinander, abgefaßt? Ja, ich muß fürchten, daß, wenn der Brief nicht gleich fortkommt, er Dich nicht mehr an Deinem Geburtstag trifft. Verlebe ihn recht vergnügt und grüße die liebe Tante Riekchen nochmals herzlich dankend von mir.
     Lebe recht, recht wohl, meine liebe Tante und behalte lieb

Deinen
Friedrich Wilhelm Nietzsche.

[Unterschrift]


     Grüße Mama und Lisbeth recht vielmal von mir! Ich habe mich recht über ihre Neujahrsbriefe und Nachrichten gefreut. Aber von der lieben Elisabeth erwarte ich alltäglich einen etwas ausführlichen Brief.

Adieu!


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1865,2

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Bonn, 2. Februar 1865]


Meine liebe Mamma,

ich möchte vor allen Dingen eine gute Feder haben, um Dir einen recht hübschen Brief schreiben zu können. Denn diese hier kritzelt mir viel zu sehr. Sodann möchte ich Dir eine frische blühende Hyacinthe schicken, denn keine Blume erinnert mich so lebhaft an Deinen lieben Geburtstag als diese. Endlich möchte ich so viel Vermögen haben, um Dir einen kleinen Morgenbesuch zu machen und meine besten, herzlichsten Wünsche in persona auszusprechen.
                    „Da’s aber nicht kann sein,
                    Bleib ich allhier allein.“
     Das ist traurig, nicht wahr? Aber in zwei Monaten ist auch diese Zeit der Trennung überwunden. Heute aber werden wir recht, recht lebhaft an einander denken, und wenn Ihr zu Mittag Karpfen eßt, so werde ich einen Wohlgeschmack davon auf der Zunge haben.
     Wie sehr habe ich mich über Deinen letzten recht ausführlichen Brief gefreut. Hatte ich doch seit Neujahr noch keinen Brief bekommen. Vor ein paar Tagen habe ich nun freilich vom Onkel Edmund vielerlei über sein Befinden und über Familienverhältnisse gehört. Dagegen vermisse ich immer noch Nachricht von Gustav und Wilhelm, denen ich vor und nach Weihnachten geschrieben habe. Hat Euch Gersdorff und Kuttig einmal wieder besucht? Beide sind an der Reihe mir wieder zu schreiben, aber Gersd. wird wenig Zeit des bevorstehenden Examens wegen haben.
     Von meinem Leben kann ich Dir mancherlei erzählen. Viele, ungewöhnlich viele Kunstgenüsse. Donnerstag ein Gesangvereinsconzert von einer Vortrefflichkeit, wie ich noch keines gehört. Freitag die Friederike Goßmann in meheren reizenden kleinen Lustspielen. Von ihr muß ich Euch noch viel erzählen, Du liebe Lisbeth würdest fabelhaft „enchantirt“ sein, wenn Du sie gesehn. Sie trat auf in der Grille, in der Widerspenstgen Zähmung, in „Feuer in der Mädchenschule“ und „Sie schreibt an sich selbst“, zuletzt „Sie hat ihr Herz entdeckt.“ Wir waren natürlich sammt und sonders in sie verliebt, heulten auf dem Kneipabend die Lieder, die sie gesungen und rieben auf ihr Wohl einen Salamander. In Köln habe ich Sonntag die Bürde-Ney gehört als Valentine in Meierbers Hugenotten. Nicht wahr, das ist sehr viel hintereinander? Was meine Ferien betrifft, so kann ich noch nichts Bestimmteres schreiben, als daß ich Anfangs April kommen werde. Das ist nun sicher, daß wir für die Zeit unsres Zusammenseins ein Festprogramm entwerfen müssen. Länger als ein Jahr kann ich übrigens bestimmt nicht in Bonn bleiben, das ist mir deutlich. Daß ich den nöthigen Nutzen von Bonn ziehe, das hoffe ich. Daß der Aufenthalt viel Geld kostet, das weiß ich. Ich lebe durchaus in keiner Beziehung verschwenderisch, aber die Hausrechnungen sind immer sehr hoch. Ich will Dir nur schreiben, was ich augenblicklich alles bezahlen muß — alles das, was noch tüchtig warten kann, ungerechnet — noch 30 Thl. an meinen Wirth, 10 Th. an einen Freund, anfangs Januar entliehen, und mindestens 15 Thl. an Handwerker, Kneipwirthe usw. Das ist doch recht böse. Ich erzürne mich oft darüber, daß Geld und Metall so wenig Stand hält. Spätere Semester werden gewiß viel billiger werden. Aber, Maman, wenn Du glaubst, daß ich mit 30 Thl. pr. Mon. auskommen kann, so ist das leider sehr unrichtig.
     Das ist indessen alles weniger angenehm als abstoßend. Deshalb gehe ich darüber hinweg und spreche bloß den Wunsch aus, möglichst viel Geld möglichst bald zu bekommen, da es eine unangenehme Empfindung ist, alle Morgen einige Philister an die Thür klopfen zu hören, ohne Geld zu haben.
     Daß Euch die Lieder im Allgemeinen gefallen, freut mich recht sehr. Ich habe über dieselben mit dem hiesigen Direktor Brambach ausführlich gesprochen. Nun habe ich mir zwar fest vorgenommen, in diesem Jahre nichts zu componieren. Er rieth mir sehr an, Unterricht im Contrapunkt zu nehmen. Aber ich habe kein Vermögen dazu. Meine Gründe, nichts zu componieren, will ich Euch mündlich mittheilen. Weißt Du nicht ein hübsches Geschenk, das ich dem Manne machen könnte? Ich nehme nicht gern Gefälligkeiten an, wenn ich nicht wieder welche erweisen kann.
     Noch dies: ich bin für den hiesigen Gustav-Adolfsverein thätig. Nächstens werde ich darin einen Vortrag halten.
     Noch dies: meine Wendung zur Philologie ist entschieden. Beides zu studieren ist etwas Halbes.
     Und zum Schluß, liebe Mama, wende ich mich wieder zu Dir, um Dir noch einmal das Beste und Schönste zu wünschen, was ich nur kann. Wir wollen alle drei recht angelegentlich wünschen, daß Dir das folgende Jahr ohne Störungen und Betrübnisse vorübergehe, und wir, meine liebe Lisbeth und ich, wollen mit besten Kräften dazu beitragen. Daß Du mich auf allen meinen Wegen mit den herzlichsten Gedanken begleitest, weiß ich, liebe Mama. Und daß selbst das Leben auf der Universität reich an unangenehmen Erfahrungen und inneren Mißstimmungen ist, das ist leider wahr. Drum wollen wir mit liebevollem Thun und Denken unsre Lebensbahnen uns gegenseitig ausschmücken.

Lebe recht, recht wohl, liebe Mama.
     Grüße an die lieben Tanten!

Dein Fritz.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1865,3

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

Bonn, am Sonnabend.
[18. Februar 1865]


Meine liebe Mama und Lisbeth,

immer näher kommt nun die angenehme Zeit der Ferien; und ich muß gestehn, daß auch von Tag zu Tage meine Sehnsucht wächst, Euch endlich einmal wieder zu sehn. Ihr könnt doch nun nächstens die Vorbereitungen zu meiner Ankunft machen, denn nach der Mitte nächsten Monates werde ich kommen. Je unfreundlicher jetzt die Witterung ist, um so lieber denke ich an die schönen Ostertage, und billigerweise habe ich mich noch nie so auf die Ferien gefreut als es gegenwärtig der Fall ist. Wie wohlthuend wird mir das Leben in eurer freundlichen Mitte sein im Gegensatze zu meinem alles Familienlebens baren Dasein. Dazu kommt die Nähe so vieler bekannter und lieber Menschen, die Nähe der alten guten Pforte, an der wir Pförtner hier in einer lächerlichen Weise hängen.
     Dieser ganze Passus wird Euch, wie ich vermuthe, mit einer stillen Wehmut erfüllen, ich muß diese aber leider vernichten, indem ich daran den unvermeidlichen leidigen Geldpunkt anknüpfe. Ich mache jetzt mitunter ganz verzweifelte Ansätze, um das Soll und Haben auszugleichen, und wie im Ministerium berechne ich mein Budget für dies Jahr und finde recht trostlose Resultate. Zu meinen großen finanziellen Coups gehört auch der Vorsatz, im neuen Semester auszuziehen, kein Klavier mehr zu miethen, alles um auf gut Deutsch Geld zu schinden. Man lernt in einem Semester recht viel, auch in diesen materiellen Beziehungen; schade, daß man diese Studien recht theuer bezahlen muß. Jetzt aber kommt der Schluß zu diesen schmerzhaft scherzhaften Auseinandersetzungen: ich ersuche Dich nämlich liebe Mama mir für nächste beide Monate das Geld zusammen zu schicken und zwar nicht unter 80 Thl. das Reisegeld mit eingerechnet. Ueberhaupt bin ich kein Freund der monatlichen Geldsendungen; es verleitet unvermeidlich zum Schuldenmachen, ich habe bis jetzt mit der Monatssendung immer nur die nothwendigsten Schulden des vergangnen Monates decken können, und fast nie baares Geld gehabt. Ueberhaupt ist kein Gedanke daran, daß ich mit weniger als 400 Thl von Bonn wegkomme, denn soviel hat mir der Vormund zu Anfang meines Universitätsleben versprochen. Wenn Du genau wüßtest, wie man hier lebt, so würdest Du das auch billigen. Es ist das Mindeste für diese Verhältnisse. —
     So, nun habe ich mich darüber ausgesprochen, ob ich gleich weiß, daß es Euch keine Freude machen wird. Mir auch nicht. Warum kann ich das nicht alles mit dem Vormund abmachen, es verdirbt meine schönen Briefe. Uebrigens bitte ich Dich nochmals, mich nicht durch Nichterfüllung meines Wunsches in unglückliche Umstände zu stürzen, aus denen ich mich dann nur dadurch retten könnte und müßte, daß ich auf irgend eine Weise die gleiche Summe pumpte. —
     Nun wollen wir unsre Stirnen wieder in freundliche Falten glätten und uns anmuthig unterhalten. Mein Stoff, Euch allerlei zu erzählen wächst natürlich von Tag zu Tag. Ich freue mich ungemein auf den Moment, wo ich mein altes Naumburg wiedersehe. Ich glaube, ich werde mich sehr wenig verändert haben. Ein klein wenig dicker bin ich geworden, wie das vorauszusetzen war. Es thut mir sehr leid, daß ich Gersdorff jetzt nicht sehen werde. Er geht nach Leipzig und will nicht in ein Corps einspringen. Könnte er nicht ein paar Tage in den Osterferien bei uns logieren? Wilhelm und Gustav laden mich auf das freundlichste ein, sie in Heidelberg zu besuchen. Sie haben mir endlich geschrieben. Ich bekomme sehr wenig Briefe. Das ist recht böse.
     Meine Erlebnisse beschränken sich in der letzten Zeit auf Kunstgenüsse. So viel und so bedeutendes habe ich in kurzer Zeit gehört, daß ich es selbst kaum glauben mag. Innerhalb weniger Wochen besuchten die bedeutendsten Künstlerinnen Köln und Bonn. Dein Wunsch, liebe Lisbeth, daß ich die Patti hören möchte, ist erfüllt. Was kann ich Euch alles von dem prachtvollen Patticonzert erzählen. Die geniale Niemann-Seebach habe ich kürzlich in den Nibelungen von Fr. Hebbel als Kriemhild gesehn. Die allerliebste Friederike Gossmann Liebling des Bonner Publikums und unser aller insbesondre habe ich dreimal gesehn in allerliebsten Backfischrollen. Die Bürde Ney, die Du ja kennst, liebe Lisbeth, habe ich in den Hugenotten und im Fidelio gehört. Gar nicht zu reden von den schönen Conzerten, die der Bonner Gesangverein giebt.
     Ich gelte hier in studentischen Kreisen etwas als musikalische Autorität und außerdem als sonderbarer Kauz, wie übrigens alle Pförtner, die der Franconia angehören. Ich bin durchaus nicht unbeliebt, ob ich gleich etwas moquant bin und für satyrisch gelte. Diese Selbstcharakteristik aus dem Urtheile andrer Leute wird Euch nicht uninteressant sein. Als eignes Urtheil kann ich hinzufügen, daß ich das erste nicht gelten lasse, daß ich oft nicht glücklich bin, zu viel Launen habe und gern ein wenig Quälgeist bin, nicht nur für mich selbst, sondern auch für andre.
     Nun lebt recht wohl, schickt mir das Geld um alles in der Welt zur genauen Zeit, grüßt die lieben Verwandten, habt recht freundlichen Dank für Eure liebenswürdigen Briefe und behaltet mich lieb

trotz dieses Briefes.
Friedrich Wilhelm Nietzsche.


[Unterschrift]


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1865,4

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Bonn, Ende Februar 1865]


Liebe Mama und Lisbeth,

die Wirkung Eurer letzten Briefe und der Geldsendung war unleugbar eine bittersüße. Einestheils muß ich natürlich froh sein, meine Geldangelegenheiten jetzt ordnen zu können und mit freierem Blick das nächste Semester herankommen zu sehn. Dann aber war durch Deinen so wohlmeinenden Brief, liebe Mama, in diese Freude so viel Wermuth gemischt, daß ich erschrocken und entrüstet, ohne recht zu wissen worüber, Geld und Brief von mir schob und in Gedanken versank.
     Die Resultate dieser Gedanken will ich durchaus nicht verhehlen. Ich muß mir allerdings Schuld geben, nicht ganz meinen Verhältnissen nach gelebt zu haben. Sondern ich habe in dem Style und der Gewöhnung fortgelebt, in der ich mich vordem befand dh. ohne viel Aufwand, aber auch nicht beschränkt und kärglich. Das ist richtig, daß ich wohl nie den Eindruck eines armen Menschen gemacht haben werde.
     Dies ist vielleicht eine Verkennung unseres Standpunktes. Es wird mir recht schmerzlich vorkommen, anders leben zu müssen.
     Dazu kommt, daß ich vielleicht nicht in allen Fällen möglichst praktisch gehandelt habe. Aber ich habe viel gelernt, wie man sich einrichten kann.
     Endlich sind meine Neigungen für Musik und Theater etwas kostspielig, während ich bedeutend weniger als andre durch Kneipen und Essen verbraucht.
     Aus diesen drei Gesichtspunkten betrachte jetzt meinen Aufwand. Als weiter[er] kommt noch einer hinzu, den ich leider anerkennen muß; und Du magst hieran die Wahrheit meiner Auseinandersetzungen prüfen. Die Verbindung kostet unleugbar viel Geld. Trotzdem wird sie mir von Tag zu Tage lieber. Die Pförtner haben sie jetzt in den Händen, und unser Geist ist so ziemlich der allgemeine.
     Endlich bedenke, daß das Leben in Bonn nachweisbar viel theurer ist als auf andern Universitäten. Länger als bis Michaeli kann ich es hier nicht aushalten. Dann gehe ich, wenn es Euch gefällt, eben so wie Deussen, nach Berlin, um dort zu dienen. Ich habe darüber die genausten Erkundigungen eingezogen, und es ist die größte Eile nöthig. Ich werde in den nächsten Tagen an das Commando des 2 t. Garderegiments schreiben. Es ist aber zu befürchten, daß dies Regiment schon voll ist. Bei diesem Regiment ist nämlich der Dienst am leichtesten. Was den Geldpunkt betrifft, so dient man in Berlin entschieden billiger als in Halle, wo überdies die Behandlung der Freiwilligen seitens der Unteroffiziere viel unnobler ist. Es wird mir allgemein gerathen ja nicht zu zögern. Vielleicht war es doch unschlau daß ich nicht gleich das erste Jahr gedient habe. Aber erst Pforte — und dann Unteroffiziere! Nein, „Freiheit liebt das Thier der Wüste!“
     Dazu bin ich hier ordentlich in philologisches Fahrwasser gekommen.
     D. Sommer kommt übrigens die Großfürstin von Rußland nach Goslar auf längere Zeit. Ich hätte Lust mich ihr bei Gelegenheit vorzustellen. —
     Das waren alles geschäftliche Notizen, ich beginne jetzt ein neues Blatt und beschließe die Debatte über das Budget und die Militärnovelle.

gez.
Fritz.


N. B. Sendet mir ja noch vor meiner Abreise eine vom Gericht bestätigte Abschrift des Paupertätszeugnisses. Ich muß das Zeugniß noch einreichen wegen der Stundung der Collegiengelder.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1865,5

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Bonn, Ende Februar 1865.]


Liebe Mama und Lisbeth,

ich erzähle Euch nun einiges über meine letzten Erlebnisse. Das, was seit einigen Wochen alle Köpfe in den Rheinlanden beunruhigt hat, ist der große kölnische Carneval, an dem ich mich aber durchaus nicht betheiligt habe, und zwar aus allen möglichen Gründen, jedenfalls zum größten Erstaunen meiner Bekannten und Freunde. Ich bin vielmehr während dieser Tage bei Deussens gewesen, wo ich doch das fand, was man ein Semester lang entbehrt hat, nämlich Familienleben. Wir sind viel zu Fuß gegangen, was bei dem unergründlichen Schmutze etwas sagen will. Die Rückreise machten wir über Koblenz, das sich uns mit dem düstern stark befestigten Ehrenbreitstein, den unzähligen Lichtern, dem mächtigen Rheinstrom Abends um 10 Uhr sehr schön präsentirte. Bis zu meiner Abreise habe ich noch sehr viel zu thun; eine philologische Arbeit will ich noch Prof. Jahn abgeben, einen Vortrag über die kirchlichen Zustände der Deutschen in Nordamerika will ich im Gustav Adolfsverein halten, und noch manches Kleinere wartet auf mich.
     Besonders hat mich in der letzten Zeit noch erfreut, daß ich durch Prof. Schaarschmidt Zutritt zu der nobelsten Gesellschaft Bonns erlangt habe, zu der Réunion, die zumeist aus den Professorenfamilien besteht.
     Was meine Abreise betrifft, so kann ich darüber durchaus noch nichts festsetzen. Vor dem 18ten braucht ihr mich nicht zu erwarten. Ich schreibe aber nicht wieder vorher. Wenn ich überraschend komme, so ist es um so schöner. Aber einen Tag zu bestimmen ist mir der Arbeiten wegen unmöglich. Alles was Ihr schreibt zieht mich unglaublich hin nach Naumburg. Außerdem glaube ich sogar noch die Pförtner Abiturienten zu treffen, ein Gedanke, der mich besonders ergötzt. Ich nehme natürlich nicht zu viel Gepäck mit. Denn das ist auf den hessischen Bahnen sehr theuer.
     Ob die Quittungen richtig ausgestellt sind, das weiß ich nicht. Vielleicht hättest Du mir etwas Genaueres darüber schreiben können. Auch den Brief von Caro hätte ich eher haben mögen. Es kommt alles recht spät.
     Nun lebt recht, recht wohl! Wir werden uns wiedersehn, froh und heiter nach sechsmonatlicher Trennung. Bereitet alles recht hübsch vor. Wie schön, den Frühling in Naumburg erwachen zu sehn. Gestern war hier der erste schöne Sonnentag. Der Rhein und das Siebengebirge grüßen Euch!

Lebt recht wohl!
Auf Wiedersehn!

Euer Fritz.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1865,6

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Bonn, Mitte März 1865]


Liebe Mamma und liebe Lisbeth!

Dies ist das letzte Blatt, was Ihr von mir in die Hände bekommt; das nächste Mal habt Ihr mich selbst in den Händen.
     Neues Erlebt — nur wenig; heute Abend halte ich meinen Vortrag über die kirchlichen Zustände der Deutschen in Nordamerika. Leider bin ich sehr heiser.
     Ein Schema für die Anhalteschreiben habe ich auf der Universität nicht bekommen können, da es keine gab. Ich habe mich bei solchen, die öfter angehalten haben, erkundigt, und sie haben die gewählte Form als richtig befunden.
     Ich freue mich ungemein auf unser Zusammensein. Es ist mir aber unmöglich Zeit und Stunde zu bestimmen, wann ich kommen werde. Ich habe nämlich einem Bekannten versprochen, mit ihm zu reisen. Wahrscheinlich komme ich nächsten Montag oder Dienstag an. Um so schöner ist übrigens die Ueberraschung.
     Was das Gepäck betrifft, so werde ich morgen den Koffer als Frachtgut besorgen lassen, was am billigsten ist. In das kleine Kistchen geht nicht alles hinein. Das Mitschleppen des Gepäckes von Bahnhof zu Bahnhof ist das theuerste und das unbequemste. Ich kann ja leider nicht in einem Tage von hier nach Naumburg kommen.
     Ich habe stud. philologiae nicht darauf geschrieben, weil ich nur in die theologische Fakultät eingeschrieben bin. Mag ich noch so viel Philologie treiben, das Anrecht auf den Titel bekomme ich dadurch nicht. Wohl aber kann ich noch dazusetzen stud. philos. —
     So, das waren die kleine[n] Angelegenheiten. Nun lebt recht wohl, meine liebe Mama und Lisbeth! Grüßt die Tanten freundlichst und alle, die mich gern wiedersehn werden. Ihr habt mir in Euren letzten Briefen nie etwas über Pforte, über Fastnachten und dergl. geschrieben. Ich bin, denke ich, noch da, wenn die Abiturienten abgehn.
     Zu der betreffenden Soirée werde ich wahrscheinlich wenig Lust haben, da ich vielleicht an diesem Tage erst ankomme. Indeß es käme darauf an, ob Ihr gerne hingeht und wer hinkommt?
     Aber sonst, denke ich besuchen wir alle möglichen Gesellschaften. Ich bleibe etwa bis zum 23 April bei Euch.
     Jetzt habe ich noch collossal zu arbeiten an einer philologischen Arbeit für Prof. Jahn.

Nun lebt recht wohl!
Euer Fritz.
Auf fröhliches Wiedersehn!


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1865,7

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

Bonn am dritten Mai. [1865]


Liebe Mama und Lisbeth,

vielleicht habt Ihr schon einige Tage lang auf einen Brief von mir gewartet. Nicht sowohl, um viel Neues von mir zu hören, als um einige allgemeine Bemerkungen über die verflossne Zeit des Zusammenlebens zu vernehmen.
     Es kam mir darauf an, die Gegensätze des Naumburger und des Bonner Lebens recht scharf einmal neben einander zu stellen. Zudem macht die Verbindung im Beginn des Semesters größere Ansprüche, denen man auch gern willfahrtet, da man alte liebe Menschen nach längerer Trennung wieder zu genießen wünscht, neue in reichlicher Fülle kennen lernt. Dabei stärkt man sich in der „Verführungskunst“, obgleich man anderseits ebenfalls verführt wird und muthig seine Zeit zumeist im Freien und in der Kneipe verbringt.
     Die Collegien haben erst spärlich begonnen. Wir haben uns auf vieles Interessante zu freuen. Der Streit Ritschl’s und Jahns ist in ein neues und äußerstes Stadium getreten, und Ritschl ist beim Ministerium um seine Entlassung eingekommen. Niemand kann sich der Sache freuen, vielleicht mit Ausnahme der hiesigen Theologen, denen ein Skandal dieser Art unter den Philosophen, den Vertretern der Humanität, gar nicht unangenehm sein mag.
     Es ist ein wunderschöner Frühlingsmorgen; wir haben ein gleichmäßiges Wetter mit heißen Mittagen, schönen Abendsonnen und mäßig kühlen Nächten, wie es wohl zusammenstimmt mit den Blüthenbäumen und dem grünwogenden hellen Rheine. Wir benutzen häufig die Dampfschiffe, die jetzt schon bunte Rheinreisende Fremde in reicher Anzahl auf und nieder führen. Für ein nicht zu blödes Gemüth findet sich Gelegenheit Bekanntschaften zu knüpfen, allerdings so flüchtig wie die Stromwelle. Noch mehr muthen mir Kahnpartien zu, wir haben ein paar Flaschen Wein mit darin, die Sonne ist untergegangen, und der Abendstern tritt hell an dem klaren Himmel herauf. Dann denken wir oft an das liebe Saalthal und singen „An der Saale kühlem Strande“
     Dir, liebe Lisbeth, werden offenbar diese sentimentalen Züge gefallen, und ich hätte fast noch Lust, Dir einiges von der Poesie meiner Kaffemaschine, von meinen „saure Milch- und Fischmahlzeiten“ mitzutheilen. Weniger angenehm ist die Schwüle meines Zimmers, das trotz der drei Rouleaux nur am Morgen bewohnbar ist. Ebenso unlieb ist mir der Mangel eines Klaviers. Mein neuer Anzug wird heute ankommen. Ich habe mir einen hübschen Stoff gewählt und den modernsten Schnitt bestellt. Das Thier kostet 17 Thl., einen Thaler habe ich abgehandelt. Das Geld vergeht „wie die Blume des Feldes oder wie die Welle des Stroms.“
     Die Ferien sind mir trotz einzelner Punkte eine sehr liebe Erinnerung, und ich bin Euch recht herzlichen Dank schuldig für die wohlthuende Liebe, die Ihr mir immer gezeigt habt. Wie sehr vermisse ich jetzt das gemüthliche Familienleben. Meine Reise war theuer, aber bequem und schnell. In Weimar war ich mit Bormann zusammen im Adler, sein Onkel war krank, und darum wollte ich die Familie nicht belästigen. Auf dem Bahnhofe lernte ich noch den Staatsanwalt Keil kennen, den Verfasser der Geschichte „der jenenser Burschenschaft“. Auf der Reise habe ich viel geschlafen.
     Erwacht jetzt nicht auch in Euch die Reiselust? Ich wünschte Euch wohl einmal heran an den Rhein. Meine Pläne für das Zukünftige reifen allmählich. Seit gestern habe ich erst das rechte philologische Bewußtsein, da ich nun unwiderruflich der philos. Fakultät angehöre. Diesen Sommer will ich vor allem noch etwas Französisch sprechen lernen. Ueber die Herbstferien und das nächste Semester schreibe ich Euch nächstens einmal.
     In jeder Beziehung habe ich jetzt das Bestreben mich zu centralisiren.
     In meinen Stiefeln sind wieder schreckliche Unebenheiten und Hügel. Sie können es nicht vertragen mit Füßen getreten zu werden.
     Nun, liebe Lisbeth, ist Dir die tiefe Idee des Gleichnisses klar? Denke nur darüber nach und vertiefe Dich andächtig in den — Stiefel.
     — Es ist wieder ein schöner Morgen, meine Arbeit ist vor kurzem vollständig fertig geworden, und heute wird sie abgegeben. Um 7 Uhr werde ich in das Colleg gehn.
     Das ist sicher, daß wir jetzt noch schönere Ferien mitsammen verleben würden. Denkt an Morgenspaziergänge.
     Die Entfernung bis zu den Herbstferien kommt mir erstaunlich gering vor. Aber es soll viel in der Zeit geschehn. Schreibt mir recht bald einmal.
     Aufrichtig, wenn ich Euch immer Geschichten und äußere Erlebnisse mittheilen soll, da wird das Brief schreiben oft recht schwer. Spritzfahrten sehen sich auf ein Haar äußerlich ähnlich und mit einem „Schön und Reizend“ ist niemandem gedient. Erkiesen wir uns andre Briefgegenstände.
     Nun meine liebe liebe Mamma sammt der guten Elisabeth und den freundlichen Tanten

denkt meiner recht oft.
Fritz.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1865,8

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Bonn, 10. Mai 1865]
Mittwoch.


Liebe Mama,

Du wirst Dich wundern, daß ich so bald schon wieder schreibe. Es ist aber eine dringende Angelegenheit. Die Sache ist einfach folgende.
     Du weißt, daß ich nach unsrer Uebereinkunft um Stundung der Collegiengelder eingekommen bin. Erst gestern erfuhr ich die Antwort, nämlich, daß es zurückgewiesen worden ist. Gründe wurden mir gar nicht mitgetheilt. Wahrscheinlich fanden die Herren die Stundung nicht nöthig. Nun aber bin ich dadurch in die äußerste Verlegenheit gekommen. Natürlich kann ich nicht eher Collegien annehmen, bevor ich Geld habe. Der Termin aber, wo es überhaupt noch möglich ist, Collegien anzunehmen, ist in ein paar Tagen abgelaufen. Geld habe ich nicht. Nicht einmal das von Pforte, weil ich das nicht eher bekommen kann, als bis ich ein Zeugniß als actu studens mir geholt habe. Dies Zeugniß kann ich nicht bekommen, bevor ich Collegien nicht angenommen habe.
     Ich denke, daß ich alles möglichst deutlich dargestellt habe. Ich brauche also auf der Stelle 25 Thl. wodurch das Semester allerdings um 25 Thl. theurer wird. Ich bin ärgerlich mich in diese Stundungsgeschichte überhaupt eingelassen zu haben. Wozu sich Vergünstigungen erbitten, die eigentlich keine Vergünstigungen sind, und die etwas Beschämendes haben, wenn man sie nicht einmal erlangt!
     Entschuldige also, liebe Mama, wenn ich Dich um die möglichste Eile bitte; die Sache ist mir unangenehm genug. Alles, was mich mit dem leidigen Geld beschäftigt, ist mir ein Greuel. Wozu giebt es überhaupt dies Gewächs!
     Ich suche in eine mildere Stimmung zu gerathen.
     Das Leben fließt hier ziemlich gleichmäßig dahin. Die Collegien sind sehr interessant, die Hitze sehr bedeutend, die Gegenden wunderschön. Mein Appetit ist möglichst gering. Die Nächte werden mir häufig durch Straßenunruhen gestört. Mittags esse ich allein auf meiner Stube. Mein Kaffe, den ich mir selbst bereite, ist meistens gut.
     Meine Absicht, Michaeli in Berlin als Militär einzutreten, habe ich ganz aufgegeben. Ebenso bestimmt habe ich mir aber vorgenommen, Bonn, Michaeli zu verlassen, weil ich länger als ein Jahr doch nicht in der Verbindung sein kann und mag. Zeit und Geld rathen dazu. Ich muß gestehn, daß ich über die nächste Universität schwankend bin. Zweierlei soll mich bestimmen, abgesehn von der Güte der Fakultät. Ich möchte das Süddeutsche Leben kennen lernen oder auch eine ausländische Universität besuchen. Sodann würde ich mir den Ort wählen, wo ich nicht zu viel Bekannte hätte, durch die man gleich in bestimmte Kreise gezogen wird. Berlin zu besuchen habe ich, wenn ich nicht dort dienen will, durchaus keine Lust.
     Du siehst, daß ich noch unentschlossen bin. Ich bitte Dich aber, nicht mit anderen Menschen über diesen Punkt zu sprechen. Es würde mir sehr lieb sein, freie Wahl darin zu haben. Was den Geldpunkt betrifft, so gehe ich von der Ansicht aus, daß an Orten, wo ich nicht durch Verbindungen und Freunde zu einer Art von Conventionellen Luxus genöthigt bin, ich wenig brauche, um anständig auszukommen. Ich meine also, daß dieser Punkt bei der Wahl der Universität nur wenig in Betracht kommen kann.
     Immerhin spreche ich meine große Freude darüber aus, daß ich gerade mein erstes Jahr in Bonn zugebracht habe. Es kommt ja wesentlich darauf an, als Philologe Methode zu lernen; und wo besser als hier? Gerade der Anfang des Studium, die Gewöhnung an eine bestimmte Richtung ist das Wesentliche. Und ich hoffe, mit dem Gefühl von Bonn fortgehen zu können, das, was es darbietet, reichlich genossen zu haben. Mein Plan ist es, hier auch mein Examen zu machen.
     Nun, meine liebe Lisbeth, Du hast heute von mir noch kein freundliches Wort gehört. Du wirst Dich wundern über das verdrießlich ernste Wesen Deines Bruders. Ich werde Dir nächstens einmal lauter schöne Dinge schreiben. Heute grüße ich Dich herzlich, wie auch die lieben Tanten.
     Lebe recht, recht wohl, liebe Mama.

Dein Fritz.


Bonn, Bonngasse 518.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1865,9

An Carl von Gersdorff in Göttingen

Bonn am Tage der Himmelfahrt [25. Mai] 1865.


Lieber Freund,

ich muß es Dir im Voraus gestehn, daß ich Deinen ersten Brief aus Göttingen mit einer ganz besonderen Sehnsucht erwartet habe; denn ich hatte dabei außer dem freundschaftlichen noch ein psychologisches Interesse. Ich hoffte, daß er den Eindruck wiederspiegeln werde, den gerade auf Dein Gemüth das Corpsleben mache und ich war versichert, daß Du Dich offen darüber aussprechen würdest.
     Das hast Du denn auch gethan, und ich sage Dir meinen herzlichsten Dank dafür. Wenn Du also jetzt in Bezug auf das Corpsleben die Ansicht Deines verehrten Bruders theilst, so kann ich nur die sittliche Kraft bewundern, mit der Du, um im Strome des Lebens schwimmen zu lernen, Dich sogar in ein beinahe schlammiges, trübes Wasser stürzt und darin Deine Uebungen machst. Verzeihe die Härte des Bildes, aber ich glaube, es ist treffend.
     Indessen kommt noch etwas Wichtiges hinzu. Wer als Studirender seine Zeit und sein Volk kennen lernen will, muß Farbenstudent werden; die Verbindungen und ihre Richtungen stellen meist den Typus der nächsten Generation von Männern möglichst scharf dar. Zudem sind die Fragen über eine Neuorganisation studentischer Verhältnisse brennend genug, um nicht den Einzelnen zu veranlassen, die Zustände aus eigner Anschauung kennen zu lernen und zu beurtheilen.
     Freilich müssen wir uns hüten, daß wir dabei nicht selbst zu sehr beeinflußt werden. Die Gewöhnung ist eine ungeheure Macht. Man hat schon sehr viel verloren, wenn man die sittliche Entrüstung über etwas Schlechtes verliert, das in unserm Kreise täglich geschieht. Das gilt z. B. in Betreff des Trinkens und der Trunkenheit, aber auch in der Mißachtung und Verhöhnung andrer Menschen, andrer Meinungen.
     Ich gestehe Dir sehr gern, daß ähnliche Erfahrungen wie Du sie gemacht hast, bis zu einem gewissen Grade sich auch mir aufdrängten, daß mir der Ausdruck der Geselligkeit auf den Kneipabenden oft im hohen Maße mißbehagte, daß ich einzelne Individuen ihres Biermaterialismus wegen kaum ausstehn konnte; ebenfalls daß mit unerhörter Anmaßung über Menschen und Meinungen en masse zu meinem größten Aerger abgeurtheilt wurde. Trotzdem hielt ich gern in der Verbindung aus, da ich viel dadurch lernte und im Allgemeinen auch das geistige Leben darin anerkennen mußte. Allerdings ist mir engerer Umgang mit einem oder zwei Freunden eine Notwendigkeit; hat man diese, so nimmt man die übrigen als eine Art Zukost mit, die einen als Pfeffer und Salz, die andern als Zucker, die andern als nichts.
     Nochmals versichere ich, daß alles, was Du mir über Deine Kämpfe und Unruhen geschrieben hast, meine Achtung und Liebe zu Dir nur steigern kann.
     Deine Gedanken über Deinen Beruf habe ich mit dem größten Behagen gelesen. Es war mir, als ob wir uns noch einen Schritt näher hiedurch treten müßten. Ueber das jus habe ich keine Ansicht. Von Dir aber weiß und glaube ich, daß Du, um deutsche Sprache und Literatur zu studieren, Neigung und Fähigkeit hast, ja daß Du, was das Wichtigste ist, auch den Willen haben wirst, die bedeutenden und nicht immer interessanten Arbeitsmassen auf diesem Gebiet zu bewältigen. Wir haben im Allgemeinen eine gute Vorbereitung in Pforta dazu genossen, wir haben ein ausgezeichnetes Vorbild in Koberstein, den hier unser geistvoller Prof. Springer für den bei weitem bedeutendsten Literarhistoriker unsrer Zeit erklärt hat. Du wirst in Leipzig Curtius, wichtig für Sprachvergleichung, finden, sodann Zarnke, dessen Nibelungenausgabe ich kenne und schätze, dann den eitlen Minkwitz, den Aesthetiker Flathe, den Nationaloekonomiker Röscher, den Du natürlich hören wirst. Du wirst sodann mit aller größter Wahrscheinlichkeit dort finden: unsern großen Ritschl, wie Du in den Zeitungen gelesen haben wirst. Damit ist die philosoph. Fakultät Leipzigs die bedeutendste Deutschlands. Und nun kommt noch etwas Angenehmes. Sobald Du mir schriebst, daß Du nach Leipzig gehen wolltest, habe ich es auch fest beschlossen. So werden wir uns wiederfinden. Nachdem ich diesen Entschluß gefaßt hatte, hörte ich auch von Ritschl’s Abgang, und das bestärkte mich darin. Ich will in Leipzig womöglich gleich in das philologische Seminar kommen und muß tüchtig arbeiten. Musik und Theater können wir reichlich genießen. Natürlich bleibe ich Kameel.
     Hier in Bonn herrscht immer noch die größte Aufregung, die größte Gehässigkeit wegen des Jahn-Ritschlstreites. Ich gebe Jahn unbedingt Recht. Es thut mir sehr leid, ihn Michaeli verlassen zu müssen. Er ist ungemein liebenswürdig. Meine Danaëarbeit ist längst abgegeben und ich bin außerordentl. Mitglied des Seminars geworden. Denke Dir, daß drei Pförtner jetzt ordentl. Mitglieder geworden sind, während bloß vier Stellen offen waren. Haushalter, Michael, Stedtefeld. Das ist ein besondrer Triumph für die alte Pforta. Zum Schulfest haben die hiesigen sämmtlichen Pförtner dem Lehrercollegium ein Telegramm zugeschickt und eine sehr freundliche Antwort erhalten. Gräfe, Bodenstein und Lauer sind in die Frankonia eingesprungen, das wirst Du wohl schon gehört haben.
     Für dies Semester habe ich zunächst eine archäologische Arbeit für das Seminar zu machen. Sodann für den wissenschaftlichen Abend unsrer Burschenschaft eine größere Arbeit über die politischen Dichter Deutschlands, bei der ich viel zu lernen hoffe, aber auch gewaltig viel lesen und Material sammeln muß. Vor allem aber muß ich an einer größern philol. Arbeit, über deren Thema ich noch nicht klar bin, arbeiten, um durch sie in das Leipziger Seminar zu kommen.
     Als Nebensache treibe ich jetzt Beethovens Leben nach dem Werk von Marx. Vielleicht componiere ich auch wieder einmal, was ich bis jetzt in diesem Jahre ängstlich vermieden habe. Ebenso wird nicht mehr gedichtet. Pfingsten ist in Köln das rheinische Musikfest, bitte komm herüber von Göttingen. Zur Aufführung kommen vornehmlich Israel in Aegypten von Händel, Faustmusik von Schumann, Jahreszeiten von Haydn und vieles andre. Ich bin ausübendes Mitglied. Gleich darauf beginnt die internationale Ausstellung in Köln. Alles Nähere findest Du in den Zeitungen.
     Zum Schluß freue ich mich sehr, daß Du die problematischen Naturen gelesen hast. Es ist bedauerlich, daß Spielhagen in seinem neusten Roman „die von Hohenstein“ keine Fortschritte zeigt. Es ist ein wüstes Parteigemälde. Seine adelfeindliche Richtung in den Probl. Nat. ist hier zum ausgesprochnen Hasse geworden.
     — Ich bin außer mir über Feder und Tinte, schon seit vier Seiten hat mich alle Gemüthlichkeit verlassen, ich referire bloß noch auf das trockenste einige Fakta. —
     Einige Kapitel in den Probl. Nat. habe ich bewundert. Sie haben wirklich Goethesche Kraft und Anschaulichkeit. So sind gleich die ersten Kapitel Meisterstücke. Du hast doch auch die Fortsetzung „durch Nacht zum Licht“ gelesen?
     Die schwächste Partie ist die Romantik im Hineinspielen der Zigeuner.
     Du kennst doch Freitags „verlorne Handschrift?“ —
     Ich hoffe Spielhagen diesen Sommer kennen zu lernen.
     So, lieber Freund, lebe recht wohl und denke meiner freundlichst. Ich freue mich auf unser Wiedersehn. Ich wünsche Dir Heiterkeit und Frohsinn, vor allem einen Menschen, dem Du Dich näher stellen kannst. Verzeihe mir meine unausstehliche Schrift und meinen Mißmuth darüber, Du weißt, wie sehr ich mich darüber ärgere, und wie meine Gedanken dabei aufhören.

Dein treuer Freund Fr. Nietzsche.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1865,10

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

Bonn Montag früh am 29. Mai 1865.


Liebe Mamma,

Da ich einen Brief von Euch wohl nicht eher erwarten kann als mit dem Beginn des nächsten Monates, so wird es Euch nicht unlieb sein, noch einiges Neues, bevor Ihr mir schreibt, zu erfahren und dann gleich darauf antworten zu können.
     Zuerst also bin ich über die Wahl der Universität für nächstes Jahr (v. Michaeli an) entschieden, und ich denke Euch damit eine Freude zu machen. Ich gedenke nämlich nach Leipzig zu gehn und habe alle andern Pläne aufgegeben. Ich weiß nicht, ob Ihr davon gehört habt, daß unser Ritschl nach Leipzig gehen wird; das ist der Hauptgrund. Sodann aber behagt mir Leipzig überhaupt ganz wohl, ich habe Naumburg in der Nähe, ich habe meine Freunde dort. So ist es mir besonders angenehm, daß wahrscheinlich Gersdorff nach Leipzig gehen wird, um dort Literatur und Philologie zu studiren (er schrieb mir einen Brief voller Entrüstung über das Corpsleben und sagte, er betrachte die Existenz darin als eine gewaltige Prüfung, sodann langweilt ihn sein juristisches Studium und drittens, liebe Lisbeth, schwärmt er für problematische Naturen und findet die Zeichnung des Adels vorzüglich) Ich bitte aber über Gersdorff einstweilen Stillschweigen zu halten, weil es noch vom Willen seines Vaters abhängt, ob er Göttingen verlassen darf. Endlich freue ich mich auf die Leipziger Musik und Kunst, wie es mir auch behagen wird, etwas in Familienumgang leben zu können. Was hier total fehlt. Gestern bekam ich einen liebenswürdigen Brief von Rudolf Schenkel; ich danke schön für die Grüße, die ich auf diesem Wege von Dir, liebe Mamma, und von Dir, langumtroddeltes Lama, erhalten habe. Du letzteres Wesen und ich werden also voraussichtlich eine Reise ins Voigtland machen.
     Ich habe jetzt viel zu thun, und das wird sich steigern bis zum Semesterschluß. Früh um 7 Uhr besuche ich täglich schon ein philosophisches Collegium. Es ist schön jetzt in Bonn, aber wahnsinnig heiß. Mein Zimmer ist von Mittag an nicht bewohnbar. Ich esse allein und kann jetzt ziemlich zufrieden sein. Nun kommt aber ein sehr wichtiger Punkt und eine alte Klage. Hilf mir hier mit Deinem Rathe, liebe Mamma. Ich halte es jetzt geradezu für unmöglich, das Semester schuldenfrei zu enden, und es giebt nur ein Par-forcemittel, nämlich aus der Verbindung auszuspringen, ein Schritt, der vor der Arndtfeier, dem Stiftungscommers und dem Jenenser Jubiläum geradezu etwas Wahnsinniges wäre. Bitte schreibe mir erstens einmal, wie viel ich in dem Semester im äußersten Falle noch bekommen kann. Ich richte mich so ein, wie es geht. Aber ich habe einestheils noch viel rückständig zu bezahlen, besonders das Klavier vom vorigen Semester und dann macht die Verbindung nicht geringe Ansprüche gerade dieser Feste halber. Ich bitte Dich, so sehr ich kann, mir in der Verbindung zu bleiben die Mittel zu verschaffen, wenn es angeht. Wenn nicht, muß ich mich fügen. Ich habe ja für nächstes Semester die Aussicht, nicht so viel zu verbrauchen.
     Dann schicke mir doch diesmal das bestimmte Geld so recht genau zur rechten Zeit, da ich den Termin einhalten muß, also am letzten Mai oder spätestens 1 Juni. Vor allem aber schicke es in preußischen Kassenanweisungen. Du glaubst nicht, was für Unannehmlichkeiten ich mit dem letzt. Gelde hat[te], erstens fehlte ein Thaler, zweitens wollte es niemand nehmen und beinahe hätte ich noch Strafe zahlen müssen solches Geld zu verbreiten.
     Damit der Brief noch fortkommt, endige ich und grüße Euch auf das herzlichste. Schreibt mir recht bald und ausführlich!

Euer Fritz.


     Wir haben jetzt unsre Mützenfarben geändert wider meinen Willen. Wir tragen rothe Stürmer.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1865,11

An Elisabeth Nietzsche in Colditz

Bonn, am Sonntag nach Pfingsten.
[11. Juni 1865]


Liebe Lisbeth,

nach einem so anmuthigen, mit mädchenhaften Dichtungen durchflochtenen Brief, wie ich ihn zuletzt von Dir empfieng, würde es Unrecht und Undank sein, Dich noch länger auf Antwort warten zu lassen, besonders da ich diesmal über ein reiches Material zu verfügen habe und ich nur mit großem Behagen die genossenen Freuden im Geiste „wiederkäue“.
     Zuvor muß ich jedoch eine Stelle Deines Briefes berühren, die mit eben so pastoraler Färbung als lamaartiger Herzlichkeit geschrieben ist. Mache Dir keine Sorgen, liebe Lisbeth. Wenn der Wille so gut und entschieden ist, wie Du schreibst, werden die lieben Onkels nicht zu viel Mühe haben. Was Deinen Grundsatz betrifft, daß das Wahre immer auf der Seite des Schwereren ist, so gebe ich Dir dies zum Theil zu. Indessen, es ist schwer zu begreifen, daß 2 X 2 nicht 4 ist; ist es deshalb wahrer?
     Andrerseits, ist es wirklich so schwer, das alles, worin man erzogen ist, was allmählich sich tief eingewurzelt hat, was in den Kreisen der Verwandten und vieler guten Menschen als Wahrheit gilt, was außerdem auch wirklich den Menschen tröstet und erhebt, das alles einfach anzunehmen, ist das schwerer, als im Kampf mit Gewöhnung, in der Unsicherheit des selbständigen Gehens, unter häufigen Schwankungen des Gemüths, ja des Gewissens, oft trostlos, aber immer mit dem ewigen Ziel des Wahren, des Schönen, des Guten neue Bahnen zu gehn?
     Kommt es denn darauf an, die Anschauung über Gott, Welt und Versöhnung zu bekommen, bei der man sich am bequemsten befindet, ist nicht viel mehr für den wahren Forscher das Resultat seiner Forschung geradezu etwas Gleichgültiges? Suchen wir denn bei unserem Forschen Ruhe, Friede, Glück? Nein, nur die Wahrheit, und wäre sie höchst abschreckend und häßlich.
     Noch eine letzte Frage: Wenn wir von Jugend an geglaubt hätten, daß alles Seelenheil von einem Anderen als Jesus ist, ausfließe, etwa von Muhamed, ist es nicht sicher, daß wir derselben Segnungen theilhaftig geworden wären? Gewiß, der Glaube allein segnet, nicht das Objektive, was hinter dem Glauben steht. Dies schreibe ich Dir nur, liebe Lisbeth, um dem gewöhnlichsten Beweismittel gläubiger Menschen damit zu begegnen, die sich auf ihre inneren Erfahrungen berufen und daraus die Untrüglichkeit ihres Glaubens herleiten. Jeder wahre Glaube ist auch untrüglich, er leistet das, was die betreffende gläubige Person darin zu finden hofft, er bietet aber nicht den geringsten Anhalt zur Begründung einer objektiven Wahrheit.
     Hier scheiden sich nun die Wege der Menschen; willst Du Seelenruhe und Glück erstreben, nun so glaube, willst Du ein Jünger der Wahrheit sein, so forsche.
     Dazwischen giebt es eine Menge halber Standpunkte. Es kommt aber auf das Hauptziel an.
     Verzeihe mir diese langweilige und nicht gerade gedankenreiche Auseinandersetzung. Du wirst Dir dies Alles schon oftmals und immer besser und schöner gesagt haben.
     Auf diesen ernsten Grundstock will ich aber nun ein um so lustigeres Gebäude aufführen. Ich kann Dir diesmal von wunderschönen Tagen erzählen.
     Am Freitag den 2t. Juni reiste ich nach Köln herüber zum niederrheinischen Musikfest. An demselben Tage wurde dort die internationale Ausstellung eröffnet. Köln machte in diesen Tagen einen weltstädtischen Eindruck. Ein unendliches Sprachen- und Trachtengewirr — ungeheuer viel Taschendiebe und andre Schwindler — alle Hotels bis in die entlegensten Räume gefüllt — die Stadt auf das Anmuthigste mit Fahnen geschmückt — das war der äußere Eindruck. Als Sänger bekam ich meine weißrothe seidne Schleife auf die Brust und begab mich in die Probe. Du kennst leider den Gürzenichsaal nicht, ich habe Dir aber in den letzten Ferien eine fabelhafte Vorstellung erweckt durch den Vergleich mit dem Naumburger Börsensaal. Unser Chor bestand aus 182 Sopranen, 154 Alten, 113 Tenören und 172 Bässen. Dazu ein Orchester aus Künstlern bestehend von etwa 160 Mann, darunter 52 Violinen, 20 Violen, 21 Cellis und 14 Contrebässe. Sieben der besten Solosänger und Sängerinnen waren herangezogen worden. Das Ganze wurde von Hiller dirigirt. Von den Damen zeichneten sich viele durch Jugend und Schönheit aus. Bei den 3 Hauptconzerten erschienen sie alle in Weiß, mit blauen Achselschleifen und natürlichen oder gemachten Blumen im Haar. Eine Jede hielt ein schönes Bouquet in der Hand. Wir Herren alle in Frack und weißer Weste. Am ersten Abend saßen wir noch bis tief in die Nacht hinein zusammen und ich schlief endlich bei einem alten Frankonen auf dem Lehnstuhl und war den Morgen ganz taschenmesserartig zusammengeknickt. Dazu leide ich, beiläufig bemerkt, seit den letzten Ferien an starkem Rheumatismus in dem linken Arm. Die nächste Nacht schlief ich wieder in Bonn. Den Sonntag war das erste große Conzert. „Israel in Aegypten von Händel“. Wir sangen mit unnachahmlicher Begeisterung bei 50 Grad Reaumur. Der Gürzenich war für alle drei Tage ausgekauft. Das Billet für das Einzelconzert kostete 2—3 Thaler. Die Ausführung war nach aller Urtheil eine vollkommene. Es kam zu Scenen, die ich nie vergessen werde. Als Staegemann und Julius Stockhausen „der König aller Bässe“ ihr berühmtes Heldenduett sangen, brach ein unerhörter Sturm des Jubels aus, achtfache Bravos, Tusche der Trompeten, Dacapogeheul, sämmtliche 300 Damen schleuderten ihre 300 Bouquets den Sängern ins Gesicht, sie waren im eigentlichsten Sinne von einer Blumenwolke umhüllt. Die Scene wiederholte sich, als das Duett da capo gesungen war.
     Am Abend begannen wir Bonner Herren alle zusammen zu kneipen, wurden aber von dem Kölner Männergesangverein in die Gürzenichrestauration eingeladen und blieben hier unter carnevalistischen Toasten und Liedern, worin der Kölner blüht, unter vierstimmigem Gesänge und steigender Begeisterung beisammen. Um 3 Uhr Morgens machte ich mich mit 2 Bekannten fort; und wir durchzogen die Stadt, klingelten an den Häusern, fanden nirgends ein Unterkommen, auch die Post nahm uns nicht auf — wir wollten in den Postwägen schlafen — bis endlich nach anderthalb Stunde ein Nachtwächter uns das Hotel du Dome aufschloß. Wir sanken auf die Bänke des Speisesaals hin und waren in 2 Sek. entschlafen. Draußen graute der Morgen. Nach 1½ Stunde kam der Hausknecht und weckte uns, da der Saal gereinigt werden mußte. Wir brachen in humoristisch verzweifelter Stimmung auf, giengen über den Bahnhof nach Deutz herüber, genossen ein Frühstück und begaben uns mit höchst gedämpfter Stimme in die Probe. Wo ich mit großem Enthusiasmus einschlief (mit obligaten Posaunen und Pauken.) Um so aufgeweckter war ich in der Aufführung am Nachmittag von 6—11 Uhr. Kamen darin doch meine liebsten Sachen vor, die Faustmusik von Schumann und die a dur Symph. v. Beethov. Am Abend sehnte ich mich sehr nach einer Ruhestätte und irrte etwa in 13 Hotels herum, wo alles voll und übervoll war. Endlich im 14ten, nachdem auch hier der Wirth mir versicherte, daß alle Zimmer besetzt sein, erklärte ich ihm kaltblütig, daß ich hier bleiben würde, er möchte für ein Bett sorgen. Das geschah denn auch, in einem Restaurationszimmer wurden Feldbetten aufgeschlagen, für eine Nacht mit 20 Gr. zu bezahlen.
     Am dritten Tage endlich fand das letzte Conzert statt, worin eine größere Anzahl von kleineren Sachen zur Aufführung kam. Der schönste Moment daraus war die Aufführung der Sinfonie von Hiller mit dem Motto „es muß doch Frühling werden“, die Musiker waren in seltner Begeisterung, denn wir alle verehrten Hiller höchlichst, nach jedem Theile ungeheurer Jubel und nach dem letzten eine ähnliche Scene nur noch gesteigert. Sein Thron wurde bedeckt mit Kränzen und Bouquet einer der Künstler setzte ihm den Lorberkranz auf, das Orchester stimmte einen 3fachen Tusch an, und der alte Mann bedeckte sein Gesicht und weinte. Was die Damen unendlich rührte.
     Noch besonders will ich Dir eine Dame nennen, Frau Szarvadi aus Paris, die Klaviervirtuosin. Denke Dir eine kleine noch junge Persönlichkeit, ganz Feuer, unschön, interessant, schwarze Locken.
     Die letzte Nacht habe ich aus gänzlichem Mangel an dem nervus rerum wieder bei dem alten Frankonen verbracht und zwar auf der Erde. Was nicht sehr schön war. Morgens fuhr ich wieder nach Bonn zurück.
     „Es war eine rein künstlerische Existenz“, wie eine Dame zu mir sagte.
     Man kehrt mit förmlicher Ironie zu seinen Büchern, zu Textcritik und and[erem] Zeug zurück.
     Daß ich nach Leipzig gehe, ist sicher. Der Jahn Ritschl Streit wüthet fort. Beide Parteien drohen sich mit vernichtenden Publikationen. Deussen wird wahrscheinlich auch nach Leipzig gehn.
     Zum Schulfest (21 Mai) sandten wir Bonner Pförtner ein Telegramm an das Lehrercollegium und bekamen eine sehr freundliche Antwort.
     Heute machen wir eine Pförtnerspritze nach Königswinter. — Unsere rothen Stürmer mit goldner Litze sehen vorzüglich aus.
     Ich werde nächstens an den lieben Rudolf schreiben, der mir einen so liebenswürdigen Brief geschickt hat. Sage der lieben Tante und dem lieben Onkel meine herzlichsten Empfehlungen

Fritz.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1865,12

An Franziska Nietzsche in Naumburg

Bonn, Freitag Morgen
[Zweite Junihälfte 1865]


Liebe Mama,

Du hast mir durch Deinen letzten Brief eine ganz besondere Freude gemacht. Er erweckte in mir Sehnsucht nach Dir und nach Naumburg, ich fühlte mich so heimisch beim Lesen aller dieser kleinen liebenswürdigen Erlebnisse, und zugleich überkam mich dieselbe Stimmung, aus der heraus jener Brief geschrieben worden ist, jene stille ruhige freudige Stimmung, die im lebhaften Gegensatze zu der Vielgeschäftigkeit und Ueberfülle meiner gegenwärtigen Interessen steht.
     Und trotzdem bekommst Du so spät darauf Antwort!
     Ohne mich aber weiter zu entschuldigen will ich sogleich anfangen, Dir einiges zu erzählen. An Lisbeth habe ich auf ihren Wunsch nach Colditz geschrieben, vielleicht ist sie wieder zurückgekehrt. In diesem Briefe habe ich einige meiner Musikfesterlebnisse mitgetheilt. Mündlich will ich Dir noch manches davon weiter ausführen. Sicherlich war es das Schönste, was ich in diesem Jahr erlebt habe.
     Wir haben hier ein höchst vortreffliches Wetter und benutzen es auch. Bonn ist aber, wie ich Dir schon geklagt habe, eine durchaus ungesellige Stadt. Man ist auf den Umgang mit Studenten angewiesen, die Familienkreise sind streng exclusiv gegen alles, was nicht auf das förmlichste eingeführt ist. Selbst unter den Studirenden herrscht ein kalter, vornehmer Ton. Ich freue mich sehr auf die total andre Lebensweise in Leipzig, wo ich mich, umgeben von lieben Freunden, in der Nähe von Naumburg und mitten in einer Fülle von Musikanregungen, überhaupt recht wohl fühlen werde. Dazu kommt, daß ich dort sicherlich einige Familien kennen lernen werde.
     Sehr stößt mich hier ab die bigotte katholische Bevölkerung. Ich wundre mich oftmals, daß ich wirklich im 19t. Jahrhundert lebe. Neulich war das Frohnleichnamfest. Prozessionen nach der Art der Kirschfestaufzüge, alles sehr geputzt und daher eitel, und trotzdem krampfhaft fromm thuend, quäkende und krächzende alte Weiber, sehr große Verschwendung mit Weihrauch, Wachskerzen und Blumenguirlanden. Am Nachmittag desselben Tages gab eine echte Tyrolergesellschaft ein Conzert, mit der gewöhnlichen gemachten Natürlichkeit, mit der Stereotypen Rührung beim Andreas-Hoferlied.
     Ihr werdet in den Zeitungen von dem Feste in den Rheinlanden gelesen haben. Bekanntlich wurden vor 50 Jahren die Rheinlande mit Preußen vereinigt. Zur Feier war der König mit dem Generalstab und etzlichen Ministern erschienen. Die Zeitungen sprechen von dem Jubel und der Begeisterung des Volks. Ich bin selbst in Köln gewesen und kann diesen Jubel beurtheilen. Ich war beinahe erstaunt über eine derartige Kälte der Massen. Ich begreife aber auch wirklich nicht, woher jetzt gerade der Enthusiasmus für König und Minister kommen soll. Trotzdem war die Feier äußerlich höchst imposant. Der Rhein und die Rheinbrücke, die unzähligen Hotels am Rhein, die Thürme und der mächtige Dom buntfarbig erleuchtet, fortwährendes betäubendes Schießen mit Kanonen und Flinten, unendliche Massen von Feuerwerk an allen Punkten zugleich angezündet — alles das, vom gegenüberliegenden Ufer aus gesehen, gab einen Eindruck, der an das Zauberische grenzte; man kann sich keinen schönern Operneffekt ersinnen. Der König fuhr auf einem Dampfschiff dazwischen auf und nieder, die kölnische Jugend machte Enthusiasmus, indem sie den Düppelmarsch sang, und die Menge jauchzte beim Anblick so schöner Dinge — und der Monarch freute sich.
     Schöne Uniformen, liebe Lisbeth, habe ich da gesehn. Aber die alten Herren Generale, die so schöne Uniformen trugen, führten sich gutmüthig lachend durch die Straßen Köln[s]; denn sie hatten das große Düppelgefecht eines Diners glücklich überstanden und waren alle sehr siegestrunken.
     Neulich haben wir, dh. die Frankonen mit den zwei andern Burschenschaften Helvetia und Marchia einen gemeinschaftlichen Commers gefeiert. Hei! Welche Beseligung! Hei! Was hat nicht alles die Burschenschaft gethan! Hei! Sind wir nicht die Zukunft Deutschlands, die Pflanzstätte deutscher Parlamente! —
     Es ist mitunter schwer, sagt Juvenal, keine Satyre zu schreiben. —
     Daß wir unsre Mützenfarben gewechselt haben, habe ich Dir schon geschrieben. Wir tragen jetzt schöne rothe Stürmer mit goldner Litze und schwarzem breiten Sturmband.
     Ich werde in den nächsten Tagen mich brieflich an den Onkel Schenk in Jena wenden und ihn um Quartier für mich bitten. Die große Feier scheint sehr weitgreifend und großartig zu werden.
     Für die Ferien mache ich mir allerlei hübsche Pläne. Nach Plauen möchte ich sehr gern. Von dort nach Klingenthal. Vielleicht mit Lisbeth zusammen.
     Nun will ich schließen. Denn ich habe Colleg bei Springer.
     Schicke mir ja recht pünktlich die 40 Thl. für den Juli.
     Mit Geldsachen will ich den Brief nicht verderben. Denke recht freundlich an mich, liebe Mama, und schreib mir bald einmal einen so angenehmen Brief. Grüße die liebe Lisbeth und alle Verwandte und Bekannte herzlich von

Deinem Fritz.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1865,13

An Oskar Wunderlich in Pforta

Bonn Dienstag.
[Ende Juni 1865]


Mein lieber Freund,

Ich hoffe, daß Du noch nicht die bekränzte Stube verlassen hast und in die freie Welt hinaus geschlüpft bist. Wie glücklich müßt Ihr doch sein, so eidechsenhaft aus der dunkeln Höhle hinauskriechen zu können in den Sonnenschein.
     Wir beneiden Euch hier beinahe ein wenig. Wie sehr täuscht doch die Freiheit. Der Mensch muß Zwang haben, um die Freiheit in wenigen dem Augenblick geraubten Zügen schlürfen zu können. Wir schlafen mit der guten Freiheit sozusagen im trägen Ehebett, was Wunder, wenn sie uns bisweilen etwas schaal und langweilig vorkommt.
     Für Euch ist diese gute Dame noch eine feurige Geliebte.
     Lieber Wunderlich, ist keine Möglichkeit, daß wir uns in den Ferien sehen können? Ich habe in diesem Semester fast nichts aus der alten Pforta vernommen, vermuthlich weil ich selbst so träg im Schreiben war. Aber eifrig haben wir Eurer gedacht. Wir Pförtner in der Frankonia bilden eine Art von engern Ausschuß. Wir haben öfter zusammen sogenannte Pförtnerspritzen gemacht mit der ausgesprochnen Absicht, recht viel Pforta zu „simpeln“. Dazu tranken wir schöne Erdbeerbowlen und wünschten Euch herbei [ + ] heißt in unserm Pförtneridiom Herr Rättnitz, Gräfe Herr Braune, Töpelmann ist Herr Uz und so sind die Aufwärterrollen auf das schönste vertheilt.
     Mündlich werde ich Dir viel gerade über die Thätigkeit der Pförtner in der Verbindung erzählen. Nächstes Semester gehe ich ganz sicher nach Leipzig, da es seit wenig Tagen außer allem Zweifel ist, daß Ritschl dorthin geht. Dann bin ich doch dem lieben Thüringen wieder näher. Daß Gersdorff vielleicht auch nach L. gehen wird, weißt Du schon; es würde für mich eine ganz ungeheure Freude sein. Er schrieb im letzten Brief ganz entzückt über Dich und Deine liebenswürdigen Briefe, so daß ich ein klein wenig neidisch auf ihn war. Denn es ist ein großes Glück schöne Briefe zu empfangen. Meine Correspondenten scheinen für diesen Sommer eingeschlafen zu sein. Von Hause und von Gersdorff habe ich allein Nachricht bekommen.
     Ich bin beinahe zu träge, um Dir eine Schilderung meines Lebens zu entwerfen. Es genüge, einige Feste zu nennen, die ich mit gefeiert habe oder noch feiern werde. In erster Reihe das große Kölner Musikfest, für mich ein Genuß höchsten Ranges. Dann das Fest der Vereinigung der Rheinlande mit Preußen, Abends prachtvolle Erleuchtung des Rheins und der Ufer. Dann ein gemeinschaftlicher Commers der drei Bonner Burschenschaften. Dann eine Mensur, wo ich mir einen Schmiß holte. Dann in nächster Nähe die nationale Arndtfeier. Ende des Semesters unser 20jähriger Stiftungscommers. Auf der Heimreise in Jena Jubiläum der deutschen Burschenschaft. Und dann Wiedersehen meiner alten Pforta und meiner jungen lieben Freunde. Das ist einstweilen das Festprogramm des Sommers, auf dessen Abschluß ich mich wohl am meisten freue.
     Was macht denn mein lieber Kuttig? Ich fürchte, er ist vergraben in Bücher und Arbeit, daß er nicht herausgucken kann. Wenn er in den Ferien Zeit haben sollte, so bekomme ich vielleicht einige Zeilen von ihm. Oder kommt er vielleicht an den Rhein? Lieber Wunderlich, ich nehme Abschied von Dir, denke mitunter an mich und grüße alle meine Bekannten herzlich von mir.
     Lebewohl!

Friedrich Nietzsche.

[Unterschrift]


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1865,14

An Wilhelm Pinder in Heidelberg

Bonn, am 6t. Juli 1865.


Lieber Wilhelm,

unser Briefwechsel hat eine Unterbrechung erlitten. Wir haben uns eine lange, fast jährige Zeit hindurch nicht gesehn und gesprochen. Deinen Geburtstag kann ich aber doch nicht lautlos vorüber gehen lassen. Zu sehr mahnt mich gerade heute die Erinnerung. Wie deutlich steht doch der 6t Juli aus verschiedenen Jahrgängen in meiner Erinnerung. Als ich vor einem Jahr an Dich schrieb, war ich noch von den Banden der Schule umklaftert. Ich schrieb gerade über Theognis. Ein ander Mal hatte ich intensive Leibschmerzen und konnte Dir nicht persönlich gratuliren. Immer aber fühlte ich mich um diese Zeit glücklich im Genuß der Natur, der Familie, der Ferien. Rechnen wir einige Jahre zurück, so existirten noch unsre wissenschaftlichen Synoden, am 25t. Juli feierten wir auf der Schönburg die Stiftung unsres Vereins. In den Hundstagen machten wir unsre gemeinsamen Irrfahrten. In denselben Zeiten sind wir einige Tage zusammen gewesen bei meinem Onkel in Gorenzen. Wo ich hinsehe, sind Punkte der angenehmsten Vergangenheit.
     Es ist sicher, das Universitätsleben trennt; die Interessen ziehen nach verschiedenen Seiten auseinander. Wir haben ein jeder selbst eigne Erfahrungen gemacht und sind nicht mehr im Stande gewesen unsre beiderseitige Entwicklung zu überwachen. Es ist vorläufig auch keine Aussicht, daß wir wieder längere Zeit zusammen leben könnten. Nächste Semester gehe ich nach Leipzig, Du wirst wahrscheinlich nach Berlin übersiedeln.
     Nach diesen sentimentalen Vorerinnerungen — es ist übrigens drückend heiß — bringe ich Dir meine herzlichsten Glückwünsche dar. Ich brauche nicht weiter zu wünschen, daß es Dir immer gut gehen möge. Denn so wie ich Dich kenne, wäre es schreiender Undank von allen Göttern wenn es Dir nicht immer auf das beste gienge. Ich kann also nur wünschen, daß Du derselbe bleiben magst als der Du in meiner Erinnerung stehst. In diesem Wunsch ist auch die Bitte um Deine fernere Freundschaft mit eingeschlossen. —
     Was macht Dein juristisches Studium? Kürzlich schrieb mir einer, daß er die höchste Unlust daran empfinde, nämlich Gersdorff, den Du ja kennen gelernt hast. G. wird wahrscheinlich nach Leipzig gehn, um dort deutsche Literatur und Sprache zu treiben. Er beabsichtigt die akademische Carriere. Noch erfreulicher war mir seine Mittheilung, daß er sich im Corps (Saxonia) höchst unglücklich fühle; er betrachte es nur als eine Prüfung für den Charakter, hält sich sehr von den andern zurück und zürnt über deren Treiben und Richtungen. Er ist durch sein Einspringen in große Käm[pfe] gerathen und wird es nicht länger als ein halbes Jahr darin aushalten. Das ist alles höchst charakteristisch sowohl für Gersdorfif als das Corpsleben.
     Was meine Frankonia betrifft, so haben wir wieder einige Entwicklungsstadien hinter uns. Wir Pförtner haben jetzt eine wissenschaftliche Richtung durchgebracht, ein Kneipabend ist ihr zum Opfer gefallen. Seit Ostern ist v. Gräfe unter uns, den Du vielleicht namentlich kennst. Neulich habe ich einen größeren Vortrag gehalten über Deutschlands politische Dichter. Unser Ziel ist: Bekämpfung aller Anachronismen in der Verbindung. So ist jeglicher Kneipcomment schon beseitigt.
     Unendliches fällt mir ein, was ich Dir noch mündlich erzählen werde. Jetzt lebe wohl, grüße Gustav auf das freundlichste von mir und macht es irgendwie möglich, daß wir unsre Heimreise wenigstens zusammen verleben.

Dein Friedrich Wilhelm Nietzsche.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1865,15

An Elisabeth Nietzsche in Naumburg

Bonn am 10t. Juli früh. [1865]


Meine liebe Lisbeth,

was ich vor wenig Tagen an W. Pinder schrieb, das ist auch für Deinen Geburtstag wahr: früher ein Tag des genußreichsten Zusammenlebens, gemeinsamer Heiterkeit und Freude, jetzt nur ein Tag der Erinnerung, der liebevollsten Erinnerung an jene schöne Vergangenheit.
     Solche Stunden sind es, an denen Mädchen sentimental werden können, ich mich zum Componiren angeregt fühle und dabei in alten Blättern Papieren und Gedichten umherwühle.
     Da fällt mir denn Dein liebenswürdiger Brief in die Hände, in dem zwei schöne Verse eines Mendelsohnschen Liedes stehn; ich weiß auch nichts besseres, als auf jene lieben Worte zu verweisen: „Wir sind dieselben doch geblieben“
     Oder um doch etwas an Deinem Geburtstag Dir zu wünschen, was nicht gerade schon in den bekannten Knittelvers eingezwängt ist: „Möge jeder von uns immer so gut und glücklich sein, wie der andre es nur immer wünschen kann, möge das Bild, das liebenswerthe Bild, was ein jeder von dem andern im Herzen trägt, möglichst mit der Wahrheit gleiche Züge haben.“
     Denn es ist ja richtig, ganz als Ideale Persönlichkeit wirst Du mich ja wohl nicht auffassen, was ja doch ein haarsträubender Irrthum wäre. Aber doch werde ich im Ganzen und Großen mit recht hübschen Linien und weichen Tinten in Deinem Herzen verzeichnet stehn. Und Du kannst auf etwas Ähnliches auch bei mir rechnen, ob gleich meine Malertalente nicht groß sind und ich leicht einmal etwas zu schwarze Farben anwende, auch wohl in einigen mißvergnügten Momenten alles, Sachen und Personen, Engel und Menschen und Teufel sehr dunkel und durchaus unschön vor mir sehe. Immer bleibt es ja wahr, daß ein jeder nicht so gut ist, als er in den Augen liebender Menschen erscheint. Aber gerade darin liegt ein Antrieb zum Guten; denn wir wollen nicht, daß die, die uns die liebsten sind, sich über uns täuschen.
     Zu dieser liebevollen Täuschung trägt noch etwas anderes bei, das ist die weite Entfernung von einander. Ihr bekommt nur Fragmente aus meinem Leben zu Gesicht, das sind die Briefe. Und Briefe als Erzeugnisse einer gehobenen Stunde werfen zumeist — wenn sie nicht gerade von Geldsachen [handeln] — einen [+ + +]bende Persönlichkeit. So kommt es dann, daß Du in den Ferien Deine Verwunderung aussprichst, ich sei doch lange nicht so gut und liebenswürdig als Du Dir vorgestellt hättest. Das ist recht schmerzlich, aber ich habe es Dir psychologisch erklärt.
     Nun die Nutzanwendung meiner „langweiligen“ Zeilen: Meine liebe Lisbeth, ich habe Dich heute ganz besonders lieb und wünsche, daß Du Dich weder in mir, noch ich mich in Dir allzusehr täusche. Wir sind einander ziemlich strenge Richter, weil jedes Unangenehme, was wir von einem von uns hören, das schöne Bild in der Seele alterirt.
     Seien wir besonders in dem, was uns gemeinsam eine freudenreiche Pflicht ist, so gewissenhaft wie möglich, und nicht nur in Worten und Briefen, sondern in Thaten, in unserer Liebe zu [+ + +]
     Von dem Buchbinder, der mir das kleine gedankenreiche Dir dargebrachte Buch [einbinden] sollte, habe ich ein recht schwarzes Bild mir gemacht; denn er hat den Term[in auf] das schöndeste [schnödeste] vergessen, und so kommt Brief und Buch vielleicht gar zu spät.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1865,16

An Friederike Daechsel in Naumburg (Disposition)

[Bonn, kurz nach dem 10. Juli 1865]


A[n] T[ante] R[iekchen]

Wetter.
Glückwünsche.
Aussicht auf Zusammentreffen! Plauen
Leipzig.
Jenaer Fest.
Meine Gesundheit.
Abhängigkeit von der Natur.
Wetter.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1865,17

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Bonn, kurz nach dem 10. Juli 1865]


Liebe Mama und Lisbeth,

Da ist mir ja eingefallen, daß am Tage nach Deinem Geburtstag, liebe Lisbeth, die Tante Riekchen ihren Geburtstag zu feiern pflegt.
     Mein Glückwunsch kommt nun ein bischen spät, aber doch nicht zu spät.
     An Deinem Geburtstag, den Du wahrscheinlich durch einen großen Jungfrauenkaffé gefeiert hast, habe ich am Nachmittage zum ersten Male in diesem Jahre wieder componiert. Und zwar mit energischer Wuth, gleich alles fertig. Da Dein Geburtstag doch die Ursache sein muß, so sei die Composition Dir noch nachträglich dedizirt. Es ist ein Lied im höchsten Zukunftsstile mit einem natürlichen Aufschrei und dergleichen Ingredienzen einer stillen Narrheit. Zu Grunde liegt ein Gedicht, das ich als Untersecundaner gemacht habe und zwar in Gorenzen. Ein Fischermädchen, das sich nach ihrem Schatz sehnt — voilà le sujet!
     Sonntags war ich in Koblenz, und besuchte Kuttig, der bei Frau Generalsuperintendent Schmidtborn wohnt, die mich zu Mittag einlud und eine schöne Tochter hat, die aber sehr groß ist, was nicht mein Geschmack ist, da ich mehr die Pusselchen liebe, was eine Schmeichelei für meine Lisbeth sein soll, die ja ein Pusselchen ist.
     Entschuldige diesen nicht gerade geistreichen Satz.
     Heute wird wahrscheinlich Kuttig seinen Gegenbesuch machen.
     Es ist draußen ein immenses Regenwetter. Es war scheußlich heiß. Man hätte eigentlich eine Prämie dafür ausgezahlt bekommen müssen, daß man überhaupt noch lebte. — Besonders bei meiner Korpulenz. —
     Ich leide heftig an Rheumatismus.
     Ich habe fabelhafte Reiselust. Ein sehr guter Bekannter hat mir eine Reise proponirt, die er nur in meiner Begleitung machen will. — über Ostende nach Paris und über Lüttich zurück. Mit 100 Thaler läßt sich alles herrlich machen.
     Was sagt Ihr denn dazu?

Euer Fritz.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1865,18

An Carl von Gersdorff in Göttingen

[Bonn,] 4 August 1865.


Mein lieber Freund,

Wie spät bekommst Du Nachricht von mir. Ich will mich auch mit keinem Wort entschuldigen, sondern einfach mein Vergehen eingestehen. So bekommst Du denn den Nachklang meines ganzen Bonner Lebens, das ich wirklich schon als abgeschlossen betrachte. In einer Woche werde ich nicht mehr hier sein.
     Ich habe die Hoffnung, daß wir uns sicher in Leipzig treffen. Ritschl hat mir gestern erzählt, daß er sein Wort den Leipzigern gegeben habe und daß er sehr gern dahin gienge. Er freut sich nach den Wirren einer vielseitigen amtlichen Thätigkeit wieder einfacher simpler Professor zu werden. Er wird als Privatum die Geschichte der griech. Tragoedie und die Sieben gegen Theben lesen, als Publikum lateinische Epigraphik und zwar als Interpretationscolleg; er läßt zu diesem Behufe von jedem epigr. Monument 50 Platten abnehmen. Es wird eine kleine Bonner Colonie nach Leipzig übersiedeln.
     Ich gehe nun zwar nicht nach Leipzig, um dort nur Philologie zu treiben, sondern ich will mich wesentlich in der Musik ausbilden. Dazu habe ich in Bonn schlechterdings keine Gelegenheit. Vielleicht schrieb ich Dir um Neujahr, daß ich in diesem Jahre weder dichten noch componieren wollte. Das Erstere habe ich bisjetzt durchgesetzt — genug Grund, um zu glauben, daß diese Ader erschöpft ist — gegen das Zweite habe ich erst ganz kürzlich verstoßen, indem ich wieder ein Lied gemacht habe. Ich werde ein wenig zu kritisch, um mich noch länger über etwaige Begabung täuschen zu können. Darum suche ich mein kritisches Vermögen überhaupt zu entwickeln.
     Mein lieber Freund, wie schaal und langweilig sind alle diese Notizen. Ebenso nüchtern zähle ich einige Feste auf, an denen ich schöne und glückliche Augenblicke — und das Glück zählt nach Augenblicken — genossen habe. So nenne ich in erster Reihe das Kölner Musikfest. Sodann das Arndtfest, über das Du das Genauere aus den Zeitungen wissen wirst. Das Beste daran war die Rede von Sybel am 2t. Tage.
     Einige recht ruhige schöne Tage habe ich in letzter Zeit in Bad Ems erlebt. Ich bin die letzten Wochn immer krank gewesen und habe viel zu Bett gelegen, sogar in jenen glühenden Tagen; mein Leiden ist ein heftiger Rheumatismus der aus den Armen in den Hals kroch, von da in die Backe und in die Zähne und gegenwärtig mir täglich die stechendsten Kopfschmerzen verursacht. Ich bin durch diese fortwährenden Schmerzen sehr abgemattet, und meistens ganz apathisch gegen Außendinge. An einigen Tagen, wo ich mich besser fühlte, war ich in Ems. Du kannst Dir vorstellen, wie wohlthuend dies stille rücksichtsvolle, diäte Leben, diese immer frische und erhebende Natur, diese frohen geputzten Menschen auf mich wirkten.
     Für die letzte Zeit meines Aufenthalts in Bonn habe ich fabelhaft zu thun besonders für den studentischen Gustav-Adolfverein, dessen Schriftführer ich bin. Dann harren eine große Menge Briefe der Beantwortung.
     Eben denke ich daran, daß heute die Pförtner wieder in ihre Mauern einziehen. O über die Armen, die mit kaltschauerlichen Empfindungen zum ersten Male wieder in den neuangestrichnen ungemüthlichen Betsaal hinuntersteigen!
     Kuttig und Schmidtborn, so wie auch Ammon haben uns öfter in der letzten Zeit besucht.
     Was den Leipziger Aufenthalt betrifft, so habe ich die freudige Aussicht, daß meine Mutter und Schwester mit mir ein Jahr nach Leipzig übersiedeln werden.

     Verzeihe lieber Freund mir auch diesen ungemüthlichen Brief. Aber das heftige Stechen im Kopf hindert jeden Zusammenhang. Auf ein fröhliches Wiedersehn in Leipzig!

Dein Dich herzlich liebender

F. W. Nietzsche.

[Unterschrift]


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1865,19

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

Bonn am 5t. August [1865]


Meine liebe Mamma und liebe Lisbeth,

das sind nun die letzten Zeilen die Ihr überhaupt von mir aus Bonn erhaltet. Sie sollen mit einem herzlichen Danke beginnen; denn Euere lieben Briefe enthielten außer der werthvollen Beilage auch eine Nachricht, die mich auf das anmuthigste überrascht hat: daß Ihr mit mir in Leipzig zusammen sein wollt. Eine höchst glückliche Idee! Aber sehr kühn, wie ich es nicht geglaubt habe, besonders von dem bekannten Pusselchen, das einen Winter in Naumburg mit seinen Bällen und Soireen sicher sehr ungern aufgiebt. — Ich habe in diesen Tagen auch noch eine andre große Freude gehabt. Ich habe von dem Oberlehrer Dr. Mushacke in Berlin eine so überaus freundliche Einladung für den Oktober nach Berlin empfangen, daß ich sie nicht gut abschlagen kann, noch weniger abschlagen möchte. Sein Sohn studirt mit mir zusammen, ebenfalls ein Philolog und wird auch mit nach Leipzig gehn. So würde ich denn etwa am 1 Okt. abreisen und den 20 Okt. mit dem jungen Mushacke in Leipzig eintreffen, wo Ihr während dieser Zeit den Umzug besorgt habt und Euch ein wenig eingerichtet habt. Die ganze Sache ist sehr billig, die Familie sehr liebenswürdig.
     Dagegen werde ich voraussichtlich nicht an dem Jenenser Fest Theil nehmen können, und zwar bloß wegen meiner Gesundheit. Ich habe jetzt so viele und häufige Schmerzen, daß ich trotz der strengsten Diät und der größten Vorsicht jetzt eigentlich schlimmer daran bin als je. So ein Fest regt mich zu sehr auf und bringt im Gefolge kleine und größere Diätfehler. Es ist mir sehr schmerzlich, besonders nachdem mir von der Frankonia eine ehrenvolle Entlassung mit Band zu Theil geworden ist.
     So bald ich meine vielen und sich überstürzenden Geschäfte beseitigt habe, komme ich, denn ich sehne mich darnach in Eurer Pflege bald wieder mich wohlzufühlen. Jetzt ist mein Zimmer das reine Bureau; immer brennt das Licht, denn ich schreibe einen Brief nach dem andern, siegle und schicke ihn fort. Eine Unmasse Sachen sind zu regulieren insbesondre noch für den Gustav-Adolfverein. Dann treten Paquete an und Briefe und Rechnungen und glücklicher Weise regnet es draußen fortwährend.
     Ich denke, daß ich möglicherweise schon nächsten Mittwoch bei Euch ankommen kann. Richtet es doch mir zu Gefallen so ein, daß ich die erste Zeit recht eingezogen bei Euch leben kann und nicht mit unliebsamen Gesellschaften gequält werde. Wir werden uns ja so viel zu erzählen haben. Und nehmt es mir nicht übel, wenn ich ein bischen launisch sein sollte. Wirklich man wird leicht einmal bei diesem Zustand ärgerlich und moquant.
     Den Koffer mit Wäsche und den Büchern für die Ferien und den Kleidungsstücken schicke ich mit Post. Das Bett mit den Büchern als Fracht.
     Ich freue mich ungemein auf Euch, wir werden recht angenehme Tage mitsammen verleben.
     Auf Wiedersehn liebe Mamma und liebe Lisbeth! Schreibt ja nicht wieder, ich werde schon an alles denken und alles auf das Schönste besorgen.

Euer F. W. N.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1865,20

An Hermann Mushacke in Bonn

Naumburg Mittwoch. [30. August 1865]


Mein lieber Freund,

so sehr ich mich über alles und jedes Deines ausnehmend lieben Briefes gefreut habe, so ärgerlich ist es für mich, daß ich Deinen gerechten und billigen Wunsch nicht erfüllen kann. Stelle Dir meine Lage vor: ich habe mehr Geld gebraucht als ich sollte, viel mehr; ich muß die leiseste Andeutung vermeiden, daß ich noch Schulden habe, um nicht meine Stellung unhaltbar zu machen. Und so bin ich denn in der verzweifelten Lage, Dir — wahrhaftig, fast mit Beschämung — schreiben zu müssen: „ich kann nicht“. Und welche erbärmliche Summe!
     Und trotzdem kann ich nicht mit dem Gedanken fertig werden, daß ich hier unfreundschaftlich handele. Ich kann Dir keine Vorwürfe machen, wenn Du mir deshalb böse bist. Damit springe ich von diesem Thema ab.
     Du kannst es Dir vielleicht erklären, daß ich mit einem etwas unangenehmen Gefühl an Bonn zurückdenke. Den dort verlebten Dingen und Stimmungen stehe ich noch zu nahe, das ist richtig. Die bittre Schale der Gegenwart, der Wirklichkeit läßt mich noch nicht zum Genuß des Kerns kommen. Denn ich hoffe, daß ich auch dieses Jahr einstmals vom Standpunkte der Erinnerung aus freudig als ein nothwendiges Glied meiner Entwicklung einregistrieren kann. Augenblicklich ist es mir nicht möglich. Noch scheint es mir, als ob ich das Jahr in mancher Beziehung fehlerhaft vergeudet hätte. Mein Verweilen in der Burschenschaft erscheint mir — offen gesagt — als ein faux pas, nämlich für das letzte Sommersemester. Damit gieng ich über mein Princip hinaus, mich den Dingen und Menschen nicht länger hinzugeben, als bis ich sie kennen gelernt habe.
     So etwas straft sich selbst. Ich ärgere mich über mich. Diese Empfindung hat mir den Sommer etwas verdorben und sogar mein objektives Urtheil über die Burschenschaft getrübt. Ich bin keiner der unbedingten Parteigänger der Frankonia. Ich kann mir recht wohl eine liebenswürdigere Gesellschaft denken. Ich halte ihre politische Urtheilsfähigkeit für sehr gering, nur im Kopfe einiger Weniger beruhend. Ich finde ihr Auftreten nach außen plebejisch und abstoßend. Da ich mit meinen mißgünstigen Urtheilen nicht zu sehr zurückhaltend war, habe ich meine Stellung den Mitgliedern derselben gegenüber unbequem gemacht.
     Hier, lieber Freund, muß ich immer dankbar Deiner gedenken; wie oft habe ich bei Dir, nur bei Dir die verdrießliche Stimmung verloren, die mich für gewöhnlich beherrschte. Und deshalb sind die angenehmen Bilder von Bonner Vergnügungen für mich immer mit Deinem Bild verknüpft.
     Mit meinen Studien muß ich, im Grunde genommen, auch unzufrieden sein, wenn ich auch viel Schuld auf die Rechnung der Verbindung schreibe, die meine schönen Pläne durchkreuzt hat. Gerade in diesen Tagen merke ich, was für eine wohlthuende Beruhigung und Erhebung des Menschen in einer fortgesetzten eindringlichen Arbeit liegt. Diese Befriedigung habe ich in Bonn so selten gehabt. Ich muß höhnisch auf meine vollendeten Arbeiten aus der Bonner Zeit sehen, da ist ein Aufsatz für den Gustav-Adolfverein, einer für den burschenschaftlichen Abend und einer für das Seminar. Abscheulich! ich schäme mich, wenn ich an dies Zeug denke. Jede meiner Pennalarbeiten war besser.
     Aus den Collegien habe ich vereinzelte Dinge abgerechnet nichts gelernt. Ich bin Springer für Genüsse dankbar, ich könnte Ritschl dankbar sein, wenn ich ihn fleißig benutzt hätte. Im Allgemeinen bin ich darüber gar nicht unglücklich. Ich gebe viel auf eine Selbstentwicklung — und wie leicht kann man nicht von Männern wie Ritschl bestimmt werden, fortgerissen werden vielleicht gerade auf Bahnen, die der eignen Natur fern liegen.
     Daß ich für das Verständniß meines Selbst viel gelernt habe, rechne ich als den größten Gewinn dieses Jahres. Und daß ich einen herzlich theilnehmenden Freund gewonnen habe, für keinen geringeren.
     Das gehört nämlich für mich nothwendig zusammen. Daß ich mit meiner vielfachen Zerrissenheit, mit meinem wegwerfenden oft frivolen Urtheile noch einen solchen lieben Menschen an mich ziehen konnte, befremdet mich einestheils, doch hoffe ich aus demselben Grunde; und nur in Momenten, wo der Geist alles negirt, frage ich mich, ob nicht mein lieber Freund Mushacke mich nur zu wenig kennt —
     Hier will ich wieder einmal Athem schöpfen und von etwas Neuen beginnen. Ich arbeite jetzt tüchtig, wie schon gesagt. Theognis wird fürchterlich maltraitirt. Mit einer kritischen Schere, an einem langen methodischen Faden hängend, schneide ich ihm täglich einige aufgeflickten Flitter ab. Mitunter, wenn jeder Weg verschlossen scheint, möchte ich an der ganzen Untersuchung verzweifeln. Kommen Resultate heraus, — was ich kaum übersehen kann — werden sie in eine Arbeit für das Leipziger Seminar verwandelt. Für selbiges haben wir jetzt, falls Ritschl Direktor wird, Prioritätsaktien. Die Leipz. Philologen werden mir von Prof. Steinhart sehr ungünstig geschildert. Es fehlt das Leben für die Wissenschaft, die Leute wünschen baldiges Amt und Brod. Darum darf sich Ritschl keine Bonner Zustände mehr in Aussicht stellen. Die Tradition von G. Hermann soll spurlos in Leipzig verschwunden sein. Es fehlt alle Philosophie und alle Geschichte.
     Immer noch weiß ich nicht gewiß, ob Mutter und Schwester mit nach Leipzig ziehn. Sicher ist aber eins — daß ich Dich vom 1.ten Oktober an besuchen darf und es mit der größten Freude thun werde. Ich schreibe Dir noch einmal das Genauere, mit welchem Zuge ich ankommen werde usw.
     Meine Gesundheit ist augenblicklich eine bessere als in Bonn. Man fand, daß ich etwas elend aussah, darum werde ich jetzt quasi aufgefüttert. Vor Gesellschaften halte ich mich zurück. Die Reizbarkeit der Nerven ist noch nicht beschwichtigt.
     Ich spiele natürlich viel Klavier, genieße schon früh um 5 Uhr die klaren blauen Spätsommertage und sage mir oft im Stillen, daß ich recht glücklich sein könnte. Dazu lese ich schöne Bücher, wie Laube’s Reisenovellen und schöne Briefe, wie einer von meinem Freunde Mushacke aus Bonn kam und eine höchst humoristische Darstellung der dortigen Zustände enthielt.
     Doch es wird dunkel. Ich schicke Dir einen herzenswarmen Gruß ins schöne Rheinland und wünsche Dir frohe und zufriedne Tage und Nächte.

Dein Fritz Nietzsche.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1865,21

An Raimund Granier in Grünberg

[Naumburg, zweite Septemberhälfte 1865]


Mein lieber Granier,

Es geschah alles, wie Du vorausgesehen, ich sah den Brief höchst neugierig vorn und hinten an, las endlich die Unterschrift und war etwas überrascht. Nicht unangenehm, bewahre! Aber was der Mensch für ein schlechtes Gedächtniß hat — nämlich der gewöhnliche Mensch, homo vulgaris, an jeder Landstraße ohne Laterne zu finden — mir war es nämlich, als ob aus der Vergangenheit her immer noch ein kleiner Schatten zwischen uns stünde — umbra vulgaris ebenfalls sehr häufig, in jeder Seele zu finden — davon fand ich aber in dem Briefe nichts, kurz ich machte meinem Gedächtniß Vorwürfe und freute mich des Gegenwärtigen. Da Du nun auf eine so herzliche Weise mich zum Mitwisser Deiner Kümmernisse gemacht hast, so will ich versuchen auf Deinen Ton einzugehen und Dir meine eignen Erfahrungen auf dem betreffenden Gebiete erzählen. Ich habe einer Verbindung angehört, die sich Burschenschaft nannte und den Vorzug besaß ziemlich alle Bonner Pförtner in sich zu vereinigen. Offen gestanden war dies fast der einzige Vorzug — denn das was ich von einer Burschenschaft verlange, erfüllte sie nicht auch bei noch so bescheidnen Ansprüchen. Es scheint daß unsre Jugend wirklich zu wenig denkt. Das Verbindungsleben ist fortwährend in Gefahr an der Klippe von Äußerlichkeiten, von Formalitäten, von Gedankenlosigkeiten aller Art zu scheitern.
     Die „Gemüthlichkeit“ dieser Art ist mir in der Erinnerung unerträglich; die politische Gesinnung war in einzelnen Köpfen, Corporationsgefühl war das Entsprechende bei den Meisten, die eben im Saufen, Pauken und Rennommiren die schöne Jugendzeit zu genießen glaubten. Ueber die sittlichen Zustände schreibe ich nichts näheres, sie waren traurig genug.
     Es sitzt ein Kern von unerhörter Philistrosität in dieser Masse, darin behält Börne ewig Recht. Dieses Begeisterungslose, ernst Täppische, dies Gemeine, Alltägliche der Gesinnung, diese trockenste Nüchternheit, die sich am häßlichsten in der Trunkenheit offenbart, — Götter, wie froh bin ich, daß ich dieser schreienden Einöde, dieser hohlen Fülle, dieser greisenhaften Jugend entronnen bin!
     Mein lieber Granier, Du hast vollkommen recht, Menschen, die man lieben und achten kann, noch mehr, Menschen, die uns verstehen, sind lächerlich selten. Aber wir sind Schuld daran, wir sind um 20, 30 Jahre zu spät in die Welt gekommen — oder ist es auch wieder eine Täuschung, die uns jene geistesrege Zeit in hellem Lichte erscheinen läßt — denn wir armen Menschen täuschen uns immer, sobald wir etwas Vergangenes schön finden, unser Glück ist Täuschung und die Glücklichsten sind die, die sich am gründlichsten täuschen.
     Ich habe mich oft schon gefragt, ob wirklich das Glück für den Menschen das Erstrebenswürdigste ist, dann wäre ja der Dummkopf der schönste Vertreter der Menschheit, und unsre Helden des Geistes, „so wahr Denken Gram ist“ mindestens Narren, von der Gattung abfallende Affen oder Halbgötter, und das letztere wäre wahrlich das schlimmere Loos. Denn unsre Naturforscher leiten uns mit Vorliebe von Affen ab und vernichten alles, was überthierisch ist als unlogisch. Und beim Zeus, lieber Affe als unlogisch. Sieh jede Richtung der Wissenschaft, der Kunst an, der Affe zeigt sich in unsrer Zeit eclatant, aber wo bleibt der Gott? Nicht einmal weltschmerzlich darf man sein, wenn nicht Byron uns eine große Affenfratze schneiden soll, ja ich dürfte nicht einmal Deinen Brief in dieser schnöden Weise beantworten, wenn ich eben nicht Affe sein wollte oder etwas anderes sein könnte
     Nach diesem Wirrsal von unlogischen Äußerungen kommt die Wirklichkeit wie ein Tölpel nachgehinkt. Siehe, Du gehst gen Berlin, ich gen Leipzig. Schaafe werden wir genug finden.
     Unsre Ordnung ist in die größte Unordnung gerathen

          „und schwand ich erst, dann denkt wohl keiner mehr zuweilen an den fernen Freund zurück“

um einen Dichter der Neuzeit zu citiren.
     Briefe bekam ich nicht, Deussen sitzt in Büchern verschüttet, Bohr scalpirt, Rödiger renommirt, Krebel zieht auch nach Berlin, Oertzen ist Saxoborusse in Heidelberg, Gersdorff kommt mit mir nach Leipzig um germanistische Philologie zu treiben, in Pforta ist alles gut gegangen, Schmeisser und Pater haben gestern in Kösen Abschiedsfraß gefressen, ich selbst schreibe über meinen Codex des Theognis und reise nach Berlin wo ich bis zum 20t. Okt. bleibe. Dort sehen wir uns,

Du, lieber Granier und ich.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1865,22

An Hermann Mushacke in Berlin

Naumburg am 20 S. [1865]


Mein lieber Freund,

ich schreibe in der Voraussetzung, daß Du jetzt in Berlin weilst und die Bonner Ascese überstanden hast. Meine Zeilen sollen Dir Zeit und Stunde verkündigen, wann ich in Berlin eintreffen werde: am 1st Oktober Sonntag Nachmittag c. 6 Uhr.
     Um nicht gleich zuerst den Gefahren einer Irrfahrt in einem ganz unbekannten Terrain mich auszusetzen, ersuche ich Dich auf dem Bahnhof meine Ankunft zu erwarten, und ich hoffe daß Lokomotive und Lokomotivführer ihre Pflicht thun, damit Du nicht zu lange zu warten hast. Zudem kann ich mich in Addreßbüchern nur sehr schwer zurecht finden, besonders im Berliner, wo vielleicht auch die species Mushacke in wer weiß wie vielen Exemplaren vertreten ist.
     Mein jetziges Leben ist eine Vorbereitungszeit auf Berlin, wie unser irdisches Dasein auf zukünftige Himmel, ohne übrigens Berlin so ohne weiteres mit einem Himmel in Analogie zu setzen. Ich genieße die Stille und die Ausgeflogenheit einer Provincialstadt und schaue fleißig in die blaue reine Luft und in meinen höchst geistlosen Theognis. Zum Kaffe esse ich etwas Hegelsche Philosophie, und habe ich schlechten Appetit, so nehme ich Straußische Pillen ein, etwa „die Ganzen und die Halben.“ Mitunter habe ich Lust zu simpeln, dann gehe ich nach Pforte und hole mir Corssen nach Almrich, wo dann Bier und Ritschl geknippen wird, letzterer natürlich mit geistigen Fingern. Im Allgemeinen wird die Seele bei diesem ereignißlosen Vegetiren so innerlich, daß Berlin sehr kräftig auf mich wirken muß. Vorgestern war ich in einem Naumburger Liebhabertheater, ein ungeheures Ereigniß. Die Hauptrolle spielte eine Buchbindersfrau, sodann ein Schusterjunge als Landrath und ein alter Naumburger Domschüler als Pair von Frankreich oder vielmehr nach Thüringer Aussprache als „Bär“.
     Ich komme mir oft selbst so vor, wie so ein Herbstnachmittag, gleichmäßig still, aber auch beim Zeus! langweilig, indessen mit vollstem Behagen. An Berlin glaube ich; und der Glaube soll ja selig machen!
     Von Zeit zu Zeit stirbt jemand im Ort oder ein behagliches Gerücht zieht wie alter Weibersommer von Haus zu Haus. Ich habe übrigens eine Romanfigur entdeckt, in Gestalt eines Kön. Preuß. Appellationsraths. Die Katzen spinnen in der warmen Sonne und im röthlichen Laube spielt der Wind Verstecken. Die Pflaumen sind schön und groß, aber theuer, ebenso die Butter. Das macht, der König und das Manoevre haben Appetit, dafür bezahlt ersterer mit kleinen Sternchen und Vögelchen. Er hat auch nach Pforte kommen [wollen] und 15 Primaner haben sich Fracks machen lassen und siehe! die Fracks kamen, aber der König nicht. Naumburg hat ihm nach Merseburg Naumburger Wein geschickt, im Lande wird man sagen, aus Ironie, um saure Gesinnungen anzudeuten: au contraire der Naumburger ist stolz auf seinen Wein, wie der Philister auf seine Pfeife, oder wie ich auf meinen Theognis. Trotz dem bleiben Naumburger Wein, philiströse Pfeifen und der gute Theognis, was sie waren; es ist ein Glück, wenn man ersteren nicht kennt, es ist ein Glück, wenn man am zweiten nicht erkannt wird, es ist ein Glück, daß man den letzten nicht kennt. Kürzlich ist ein Conditor gestorben, der einzige, zu dem ich gern gieng, nun ist der Mann so unanständig gewesen zu sterben, und hat mir den Appetit verdorben. Glückliches Naumburg mit Deinem Conditor, mit Deinen Räthen, mit Deinen Katzen und Jungfrauen, Dich soll ich verlassen? —
     Allerdings, am 1ten Oktober, an dem ich meinen Freund H. Mushacke im Kreis seiner höchst werthen Angehörigen wiederfinden werde.

Theognis
antiker Kleinstädter außer
Dienst.


     Ich bitte Deine werthen Angehörigen auf das freundlichste zu grüßen.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1865,23

An Eduard Mushacke in Berlin

Leipzig den 19 Okt. 1865.


Hochgeschätzter Freund,

es ist mir einigermaßen schwer geworden, den Brief mit dieser Anrede zu beginnen; ich weiß nicht gewiß, ob es schicklich ist zu einem Manne, zu dem ich noch lieber „mein Vater“ sagen möchte, in dieser Weise zu reden. Aber die deutsche Sprache hilft mir nicht aus dieser Verlegenheit. Griechisch könnte ich beginnen „ὦ φίλε“, und das würde sich schon besser machen.
     Schließlich ist die Gesinnung das wesentliche, und die Worte, die ich wähle sind mehr oder weniger gleichgültig. Mein dankbares und herzliches Gefühl, das ich Dir gegenüber empfinde, bleibt sich dabei gleich. Ich habe das Glück erfahren, einen Freund auch in seinen Eltern lieben zu können.
     Diese Zeilen, die ich jetzt an Dich richte, sind die ersten in dem neuen Semester und in der neuen Wohnung. Mögen sie deshalb von guter Vorbedeutung sein.
     Wir haben beide, Hermann und ich, in Leipzig noch keine unangenehmen Erfahrungen gemacht. Mit den Wohnungen dürfen wir zufrieden sein. Sie liegen bei einander, das ist das Beste. Ich habe einen Antiquar zum Wirth, der außer Büchern leider auch kleine Kinder hat, die ziemlich viel schreien.
     Die Luft ist rein, Blumengärten liegen herum, es ist feierlich still, nur eine Geldschrankfabrik macht Getöse und die besagten kleinen Kinder.
     Die Leipziger Studenten mißfallen uns. Sie sind zumeist knirpsartig und scheinen dumm. Das ist ein Vorurtheil. Heute vor hundert Jahren wurde der Student Wolfgang Göthe immatrikulirt.
     Wir haben die bescheidne Hoffnung, daß man nach wieder hundert Jahren auch unsrer Immatrikulation gedenkt. Genug, daß Dein Name dadurch unsterblich wird, wenn er es bis dahin noch nicht geworden sein sollte.
     Und der Kalender wird ja schon für letzteres sorgen.
     Damit will ich heute schließen. Ich wünsche mir Gelegenheiten, wo ich die Liebe, die ich Dir und Deiner werthen Familie schulde, thätlich beweisen kann. Heute habe ich nichts als Worte.

Lebe wohl!

Friedrich Wilhelm Nietzsche.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1865,24

An den Convent der Burschenschaft Frankonia in Bonn

[Leipzig] Am 20. Okt. 1865.


Ich habe dem Convent der „Frankonia“ anzuzeigen, daß ich hiermit durch Einsendung meines Bandes meinen Austritt erkläre. Ich höre damit nicht auf, die Idee der Burschenschaft hochzuschätzen. Nur das will ich offen eingestehen, daß mir ihre gegenwärtige Erscheinungsform wenig behagt. Dies mag zum Theil an mir liegen. Es ist mir schwer geworden, ein Jahr hindurch in der Frankonia auszuhalten. Ich habe es aber für meine Pflicht gehalten, sie kennen zu lernen. Jetzt halten mich keine engeren Bande mit ihr zusammen. Darum sage ich ihr Lebewohl. Möge die Frankonia recht bald das Entwicklungsstadium überstehen, in dem sie sich jetzt befindet. Möge sie immer nur Mitglieder von tüchtiger Gesinnung und guter Sitte zählen.

Friedrich Nietzsche.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1865,25

An Franziska Nietzsche in Colditz

[Leipzig, 22. Oktober 1865]


Meine liebe Mama,

mein erster Wunsch ist, daß Dich dieser Brief richtig in Colditz antreffen möge. Denn vielleicht ist mein Brief ebenso unglücklich wie ich selbst und sucht Dich überall ohne Dich zu finden. Es ist ein sehr trüber Sonntagsnachmittag. Der Regen tropft leise auf das Zinkdach, das unter meinen zwei Fenstern hinläuft. Viele Menschen wohnen um mich herum und ich kann in ihre Wohnungen sehn. Lauter verdrießliche Gesichter! Und in den Gärten, die sich rechts und links von mir ausbreiten, ist alles gelb, mumienhaft, oede.
     Das ist nun meine Welt! Meine Wohnung scheint zuthunlich. Wenn ich viel drin gearbeitet habe, wird sie wohl gemüthlich werden. Jetzt ist sie mir noch ungewohnt wie ein neues Kleid.
     Aber ich habe schon viel Verdruß hier gehabt. Wo ist mein Gepäck geblieben? Wie hatte ich Euch seine Besorgung ans Herz gelegt. Aber nein! Ihr habt es besorgt, auf das beste besorgt. Aber irgend wer hat gebummelt. Die bösen Eisenbahnen, die bösen Spediteure! Ich werde auf die ganze Welt böse, denn wo bleiben meine Theognispapiere? Ach, der Tag ist vorüber, wo ich sie abgeben konnte, um einen Nutzen davon zu haben. Und ich hatte so schön gearbeitet und so hübsche Ergebnisse gefunden!
     Morgen fangen die Collegien an, ich habe mich noch gar nicht einrichten können. Aus Langeweile treibe ich mich den ganzen Tag in Leipzig herum, denn zu Hause schauen mich leere Wände, leere Schränke an. Denn auch Oldags, die bösen Oldags haben bis diesen Moment noch nichts geschickt.
     Und alles das hätte ich vergessen, wenn ich Dich getroffen hätte, liebe Mama. Den ganzen Tag bin ich von Bahnhof zur Post und von der Post zu dem Bahnhof gelaufen, aber ich fand niemand. Was hatte ich Dir nicht alles zu erzählen! Wie Dir zu danken für die angenehmen Geburtstagsgaben, die ich zum Theil erst gebrauchen kann, wenn mein Hausstand eingerichtet ist. Dabei muß ich doch bemerken, daß ich keine Handschuhe gefunden habe, ebenso wenig das, was Du als Ballschmuck bezeichnest. Außer der Wäsche war in dem Kistchen das Geld der Tante, der Kuchen, die Wurst, Zucker, Kaffe, wollne Jacke, Slips und die hübsche Tasse.
     Auch das Geld von [vom] Onkel Bernhard kam erst am dritten Tag an.
     Meine Wirthsleute scheinen reinlich und ordentlich, haben aber leider kleine schreiende Kinder. Der Mann ist Antiquar. Das Berliner Leben war ausnehmend freundlich und genußreich. Der alte Mushacke ist der liebenswürdigste Mann, den ich kennen gelernt habe. Wir nennen uns Du. An meinem Geburtstag haben wir Euer Wohl in Champagner getrunken.
     Nun adieu! Grüße mir den Onkel und die Tante, ich möchte beinahe schreiben, unbekannter Weise, so wenig haben wir uns in den letzten Jahren gesehn.

Fritz.


     „Blumengasse 4 im Garten.“


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1865,26

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Leipzig, 26. Oktober 1865]


Liebe Mama und Lisbeth,

auf Eure freundliche Einladung komme ich nächsten Sonntag zusammen mit Freund Mushacke. Um 5 Uhr werden wir natürlich nicht abfahren, um Euch nicht zu stören, wohl aber mit dem nächsten Zug; wozu ich mir schönes Wetter wünsche, da wir jetzt viel von seinen Schwankungen zu leiden haben und nur mit Mühe unter den Unannehmlichkeiten der Witterung und der Gegenwart die Heiterkeit des Gemüthes aufrechterhalten; aber nein, Heiterkeit ist mir fremd, sage ich lieber Ruhe.
     Ich mag nämlich diesen Brief nicht mit Klagen anheben, da Du denken könntest, ich wäre von solchen Unfällen ganz niedergebeugt. Die Wahrheit ist: der Koffer ist noch nicht da und die Eisenbahn- und Postexpeditionen haben keine Ahnung, obwohl sie nach Naumburg geschrieben haben. Ich muß also vielleicht meine besten Bücher und was mehr werth ist, meine Manuscripte und auch meine Kleider für verloren oder gestohlen achten. Denn so spät könnt Ihr ja den Koffer nicht aufgegeben haben, daß er heute am 26 nicht da wäre, selbst angenommen, Ihr hättet ihn später abgesandt, als es mein Wunsch war. Für meine Arbeit war der 21te der späteste Termin; das war also verfehlt. Doch ich kann mich über alles trösten, da die Zukunft manches wieder gut machen wird was die Gegenwart verdarb. Hätte ich nur erst Gewißheit. Ich bin überzeugt, daß Ihr gar keine Schuld an der Verzögerung habt. Ich glaubte zwar so eindringlich wie es nur möglich war, das Loos meiner Arbeit, das rechte Eintreffen derselben Euch und besonders meiner lieben und sorglichen Lisbeth ans Herz gelegt zu haben; aber vielleicht habe ichs undeutlich ausgedrückt oder sonst etwas. Schließlich bin ich doch an allem Schuld. Warum habe ich nicht den Koffer auf den Rücken genommen und ihn selbst nach Leipzig getragen.
     Nun ist es freilich etwas unbequem für mich. Die Collegien haben längst begonnen und mir fehlt immer eins oder das andre. Philologisches kann ich zu hause fast nichts treiben, da mir mein Handwerkzeug fehlt. Ich kann nicht kochen, wenn mir Rindfleisch zugleich und der Kochtopf fehlt. Den Oldagschen Pack bekam ich vor ein paar Tagen. Wir haben den Mann allerdings etwas mild behandelt; es soll aber gelten, verbrenne den Brief. Es war sehr schlecht gepackt. Die Bücher sind vielfach geschunden und auf der verrenkten Matratze ist schlecht liegen.
     Eine rechte Sorge hatte ich, wie ich gar keinen Brief bekam; ich dachte, Du wärst in Halle erkrankt und wußte nicht, wohin ich nun schreiben sollte.
     So sind mir denn heute die Weintrauben kaum süßer, als der sie begleitende Brief. Nun habe ich darüber nachgedacht, was ich neulich über Deine lieben Geburtstagsgeschenke geschrieben. Sollte es wirklich so wenig dankbar geklungen haben? Es ist schmerzlich daß ich dies glauben muß. Und ich kann doch betheuern, daß ich nie für Geschenke in dem Grade dankbar bin, wie sie mir gefallen, wie sie etwa meiner Laune zusagen. Wenn mir der König eine Provinz schenkte, so würde ich ihm nicht mehr Dank wissen als wenn Du mir einen wollnen Strumpf schenkst. Denn es kann mehr Liebe hineingestrickt sein, als z. B. eine ganze Provinz für Preußens König hegt. Eher möchte ich behaupten, daß wohl nichts mit so herzlichem Gefühle geschenkt wird, als was eine Mutter ihrem Sohne schenkt. Denn sie weiht alles durch ihre Liebe und möchte jede ihrer Gaben zu einem Amulete für ihren Sohn machen. Und man braucht auch Amulete in dieser wilden und durchaus feindlichen Welt. —
     Gersdorff ist da und wir kommen öfter zusammen. Wo bleibt aber Rudolf? — Ritschl hielt gestern seine Antrittsrede; wir haben uns gesprochen; er wird angestaunt wie einUnthier. „Ne! was der alte Mann für Feier hat!“ sagte ein alter Sächser.

Lebt wohl und denkt freundlich
an F. W. N.



     des Donnerstags Nacht.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1865,27

An Friederike Daechsel und Rosalie Nietzsche in Naumburg

[Leipzig, Ende Oktober — Anfang November 1865]


Meine lieben Tanten,

unsre Begegnung am vorigen Sonntage war so kurz, daß ich nicht einmal das aussprechen konnte, was doch am nächsten lag: nämlich meinen besten Dank für Eure lieben Geburtstagsgaben. Obschon ich diesen festlichen Tag nicht im Kreise von Verwandten zubrachte, so waren es doch sicherlich sehr liebe und ausgezeichnete Menschen, die ihn mit mir feierten. Und ich war ja sicher, daß auch Eure Gedanken, auch Eure Wünsche mir nahe waren. Es ist Euch bekannt, daß mit jedem 7ten Jahre der Mensch einen vollkommen neuen und andern Körper angezogen hat. Und deshalb ist das siebente, das vierzehnte und das einundzwanzigste so wichtig. Ich fange also jetzt an zum 4ten Male in einen neuen Leib einzugehn. Wie ist es nun mit unsrer Seele? Hat sich diese auch schon dreimal völlig geändert? Haben unsre Eigenschaften, unsre Fähigkeiten so wenig Stand, daß sie auch nach je 7 Jahren schwinden und neuen Platz machen? Nein, einem solchen Kreislaufe der Seele sind wir nicht unterworfen, wohl erweitert sie sich und gewinnt an Kraft, aber ihre Grundbestandtheile bleiben sich gleich, ewig gleich. Ist denn nicht unsre Liebe zu einander sich gleich geblieben, meine lieben Tanten?
     Aber was wird mir in diesem 4ten Kreise von sieben Jahren alles geschehen? Alles muß sich darin entscheiden; ist er vorbei, so muß der Mensch fertig sein, das ganze Baugerüst muß untadelhaft dastehn; wir können dann bloß noch ausschmücken, aber nicht mehr umbauen.
     Wie wichtig ist also das angetretne neue Jahr! Also, meine lieben Tanten, für Eure guten Wünsche meinen besten Dank, ebenso wie für die schönen Gaben, die Zeugen Eurer Liebe für mich. Lebt recht wohl!

Euer Fritz.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1865,28

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Leipzig,] Sonntag d. 5 Nov. 1865.


Meine liebe Mama und Lisbeth,

allerdings hatte ich auf die Kiste gewartet, und ich freute mich recht, daß sie endlich gestern Sonnabend eintraf. Schließlich aber that es nichts, daß sie etwas spät kam. Es dürfte ja immer Fälle geben, wo das genaue und präzise Abschicken einer Kiste wesentlicher und notwendiger wäre als eben bei der vorliegenden Sendung. Ich hatte noch genug Wäsche und vermißte blos Gabel und Messer und Schüssel recht, aber letztere vermisse ich ja noch immer.
     Schließlich ist dies alles ganz gleichgültig. Es ist mir aber lieb von Euch Gutes über meinen Freund zu hören. Wir haben uns den Sonntag recht wohl in Naumburg gefühlt und danken für Eure höchst freundliche Aufnahme.
     Also jetzt würden wir uns auf eine längere Zeit nicht mehr sehen? Ich hoffe doch, daß Ihr bei Eurer Durchreise durch Leipzig mich besucht. Ich bin auf meiner Stube bis ¾11 Vormittags anzutreffen. Solltet Ihr Mittags ankommen und vielleicht mit der 5 Uhr-Post weiter fahren wollen, so schickt mir doch eine Karte durch einen Dienstmann in die „gute Quelle“ auf dem Brühl.
     Vielleicht macht es sich doch, daß Ihr zur Aufführung der herrlichen Johannes-Passion von Bach herüber kommt: sie findet am Bußtage statt.
     Wir sind wieder in das Gleis der gewöhnlichen Arbeiten, Gedanken, Plackereien, Erholungen gerathen; wie wichtig ist mir jetzt der Tag, und wie vieles entscheidet sich oder muß sich entscheiden in den engen Hirnkammern? Tragt Ihr es nur wirklich so leicht, dieses ganze widerspruchsvolle Dasein, wo nichts klar ist als daß es unklar ist? Mir ist es immer, als ob Ihr im Scherze darüber hinwegkämt. Oder täusche ich mich? Wie glücklich müßt Ihr sein, wenn ich richtig sehe.
     Oder höre ich auch hierauf wieder Euren Witz: der Koffer ists, nur der Koffer ists, der ihn so verstimmt. Wie naiv! Unnachahmlich! Aber wie wenig verstünden wir uns!
     „Thue Deine Pflicht!“ Gut, meine Verehrten, ich thue sie oder strebe darnach sie zu thun, aber wo endet sie? Woher weiß ich denn das alles, was mir zu erfüllen Pflicht ist? Und setzen wir den Fall, ich lebte nach der Pflicht zur Genüge, ist denn das Lastthier mehr als der Mensch, wenn es genauer als dieser das erfüllt, was man von ihm fordert? Hat man damit seiner Menschheit genug gethan, wenn man die Forderungen der Verhältnisse, in die hinein wir geboren sind, befriedigt? Wer heißt uns denn uns von den Verhältnissen bestimmen zu lassen?
     Aber wenn wir dies nun nicht wollten, wenn wir uns entschlössen, nur auf uns zu achten und die Menschen zu zwingen uns wie wir nun sind anzuerkennen, was dann? Was wollen wir denn dann? Gilt es, ein möglichst erträgliches Dasein sich zu zimmern? Zwei Wege, meine Lieben: man bemüht sich und gewöhnt sich daran so beschränkt wie möglich zu sein und hat man dann seinen Geistesdocht so niedrig wie möglich geschraubt, so sucht man sich Reichthümer und lebt mit den Vergnügungen der Welt. Oder: man weiß daß das Leben elend ist, man weiß, daß wir die Sklaven des Lebens sind, je mehr wir es genießen wollen, also man entäußert sich der Güter des Lebens, man übt sich in der Enthaltsamkeit, man ist karg gegen sich und liebevoll gegen alle Anderen — deshalb weil wir mitleidig gegen die Genossen des Elends sind — kurz, man lebt nach den strengen Forderungen des ursprünglichen Christenthums, nicht des jetzigen, süßlichen, verschwommenen. Das Christentum läßt sich nicht „mitmachen“ so en passant oder weil es Mode ist.
     Und ist denn nun das Leben erträglich? Ja wohl, weil seine Last immer geringer wird und uns keine Bande an dasselbe mehr fesseln. Es ist erträglich, weil es dann ohne Schmerz abgeworfen werden kann.

Lebt wohl, meine Lieben
Fritz.


     Freund Mushacke empfiehlt sich Euch
     Das Stipendium will ich nicht, meine Gründe kennt Ihr. Ich bekäme es auch nicht, da es nur für peußische [preußische] Universitäten gültig ist. Macht Euch doch um solche Dinge keine Mühe. Komme ich nicht aus, so gebe ich Stunden.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1865,29

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Leipzig, nach dem 12. November 1865]


Meine liebe Mama und Lisbeth,

ich nehme an, daß Euch diese Zeilen noch in Naumburgs Mauern treffen und habe die Absicht Euch heute mit einem ragout meiner Erlebnisse zu unterhalten. Alles, was Ihr mir schreibt, ist mir recht angenehm gewesen, nur daß Ihr nicht über Leipzig reisen wollt, ist nicht hübsch. Schließlich seid Ihr nächsten Mittwoch noch in Naumburg und vielleicht gar in Leipzig, denn am sächsischen Bußtag findet unsre Aufführung statt.
     Den Vetter Schenkel habe ich schließlich auch noch gefunden, nachdem ich den Gedanken ganz aufgegeben hatte. Wir sind sehr oft schon beisammen gewesen. Mit ihm zusammen werde ich einmal in Naumburg erscheinen. Vorigen Sonntag war die erste Quartettsoirée des Riedelschen Vereins. Nächsten Sonntag höre ich die erste Zukunftsmusikmatinée, auf deren Konzertprogramm für sämmtliche 10 Matinéen nur die Namen Wagner, Liszt, Berlioz sich zeigen. Ich habe nichts neues erlebt. Mein Tageslauf ist einfach. Ich stehe ½ 7 auf, arbeite bis 11 Uhr, gehe ins Colleg, dann zu Tisch (nicht mehr in die gute Quelle, sondern zu Mahn), sodann nach Hause, sodann von drei bis 5 wieder ins Colleg und arbeite je nach Belieben von da an bis zum Schlafengehn. Mein Ofen heizt gut. Die Kinder nebenan machen abscheulichen Lärm. Ich habe Doppelfenster. Wie vertreibt man Wanzen? (Stoßseufzer!) Das Wetter ist schlecht, regnerisch, der Boden schmutzig. Darum gehe ich nie ohne Ueberschuhe aus. Ich bitte Dich übrigens, liebe Mama, mir bis zu Ende des Monates 10 Thl. zu pumpen, da ich gar kein Geld mehr habe, das durch Collegien, Immatrikulation, Bücherankäufe, und durch das unvermeidliche Vorausbezahlen bei Haus- und Speisewirth draufgegangen ist. Sobald ich vom Vormund Geld bekomme, so schicke ichs Dir wieder. Aber bitte, sogleich!
     Mein Umgang beschränkt sich bis jetzt noch auf Mushacke, Gersdorff, Rudolf und einige Bonner. Indessen mache ich doch ab und zu eine Bekanntschaft. Bei Nitzschens bin ich noch nicht gewesen, habe mir aber neulich Schloß Gohlis von innen und außen angesehen und auch die Töchter im Garten erblickt, mit einem photograph. Apparat beschäftigt. Auch in Altschönefeld und Abt-Naundorf war ich kürzlich auf einem meiner Spaziergänge. Mushacke hat es sehr wohl in Naumburg gefallen, habe ich das Euch nicht geschrieben? Den Kuchen haben wir beide zusammen vertilgt, wie Du angeordnet hast. Meine Vorräthe sind übrigens längst zu Ende. Was hat denn der alte Steinhart vor, wo will er denn hingehn? Daß mir Schenk schreiben will, freut mich. Stellt Euch nur vor, daß etwas über einen Monat ich wieder bei Euch in Naumburg bin. Jetzt wo wir uns so leicht besuchen können, verschwindet auch die Zeit erstaunlich schnell. Es wird also nächstens wieder nöthig sein, daß ich einen Wunschzettel für Weihnachten schreibe. Etwas Nachträgliches von meinem Geburtstag her habe ich Euch noch nicht gesagt. In Eurer großen Kiste war doch auch ein Paquet von Gersdorff; dies enthielt Grimms Festrede auf Schiller, eine meiner Lieblingsreden, schön gebunden, als Geburtstagsgabe. Briefe habe ich noch wenig bekommen. Ziemlich häufig aber Grüße von Pförtnern. Neulich war Almricher Kirmes! Habt Ihr denn Wunderlich eingeladen?
     Somit wäre der Beutel voller Fragen, Wünschen und Antworten einstweilen geleert und ich habe Euch nur noch um einen baldigen Brief zu bitten, besonders auch wegen Gorenzen, über die Dauer Eures Aufenthalts und eure Zurückkunft.
     Daß mir Lisbeth einen ausführlichen Brief schreiben wird, ist mir eine erfreuliche Aussicht. Was hat sie denn für ungeheure Dinge erlebt? Oder wird es ein Brief voll der schönsten Leihbibliotheksbücherrecensionen?

Adieu!

F W N.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1865,30

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Leipzig, vor dem 3. Dezember 1865]


Liebe Mama und liebe Lisbeth,

ich habe nicht nur für Eure freundlichen Briefe meinen besten Dank zu sagen, sondern auch in meinem und meiner Freunde Namen die Versicherung zu geben, daß wir der Einladung für den Nachmittag des nächsten Sonntags sehr gern Folge leisten. Wie wir es mit der Ankunft und der Zeit halten, weiß ich noch nicht. Jedenfalls treffen wir erst Nachmittag ½4 U. in Eurer Wohnung ein. Gersdorff will den Vormittag in Pforte zubringen. Ich möchte eine Matinee nicht versäumen.
     Sonstige Mittheilungen könnte ich augenblicklich nicht machen. Weihnachten in Gorenzen? — ein angenehmer Gedanke. Es ist mir lieber als wenn wir wieder in Naumburg die Ferien zusammen verbrächten. Ich wäre am Ende genöthigt der Convenienz mehr als mir lieb wäre Opfer zu bringen. Anderseits ist mir die Aussicht auf Kinderscenen, die Erwartung von unerquicklichen Quiktönen etwas sehr bedenkliches. Ich habe leider von diesem Vergnügen jetzt zu viel genossen.
     Ich sehe mir ab und zu neue Wohnungen an.
     Also nächsten Sonntag wollt Ihr die Naumburger Schönheiten an uns Parade passiren lassen?
     Ist es mir doch in der Erinnerung daß besonders Pinders, Fr. Wachsmuth und Hülsen, auch M. v. Zerboni vortreffliche Folien sind — aber für wen? Für Dich, meine liebe Lisbeth, die Du mir einen so fürtrefflichen Brief geschrieben hast, von dem am meisten mich eine Nachricht interessirte, daß Du nächstens Zeit haben würdest, über das Lebens Räthsel nachzudenken. Auf Deutsch: Dich zu langweilen?      Und folglich, weil ich über solche Dinge Dir geschrieben habe, so habe ich damit erreicht, daß ich Dich — usw.
     Lebt recht wohl! Ich habe durchaus keine Zeit. Möge der Kaffee gut und die Damen lustig sein.

Das wünscht von Herzen
F.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1865,31

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Leipzig, vermutlich 9. Dezember 1865]


Liebe Mama und Lisbeth,

Ich muß mich entschuldigen, daß ich so spät schreibe; aber es gieng nicht anders an. Weshalb, das wird Euch beim Ende des Briefes deutlich sein.
     Um zuerst den Sonntag zu berühren, so muß ich Euch für Eure schönen Vorbereitungen und für das Gelingen dieser angenehmen Zusammenkunft meinen besten Dank sagen. Wenn Ihr schreibt, daß die Damen sich dabei wohlbefunden haben, so kann ich dasselbe auch von meinen Freunden sagen. Sie haben mir dafür gedankt, obgleich ich dabei keinen Dank verdient hatte. Gersdorff hatte Clara Krug als verständig und gebildet, allerdings unschön gefallen. Der Vetter hatte sich natürlich amüsirt. Mushacke auch, der es aber nicht auszusprechen pflegt. Mir thut Ihr einen größeren Gefallen, wenn Ihr die vielen fremden, mir überaus gleichgültigen Wesen weglaßt, damit ich nicht zu Hause, wo man sich gemüthlich erholen will, zu einem kalten Conversationston genöthigt bin. Nehmt mir dies aber nicht übel; denn ich weiß, daß Ihr alles unternommen habt, um mir ein Vergnügen und eine Abwechslung zu gewähren. Dafür danke ich Euch denn herzlich.
     Ich fahre fort. Der Montag verlief bis zum Nachmittag regelmäßig. Da aber fand ich heimkehrend aus dem Colleg ein Billet von Geh. Rath Ritschl, das mich zum Thee einlud. Der Abend war genußreich und anregend. Die Frau Pr. ist eine höchst gelehrte Frau im besten Sinne des Wortes. Sehr gut hat mir sodann die Tochter, die Ida R. gefallen. Wichtig ist mir der Abend deshalb, weil der alte Ritschl uns zur Gründung einer philolog. Gesellschaft vermochte. Das beschäftigt uns gegenwärtig.
     Mittwoch Morgen bevor Euer Brief ankam, kam Rudolf zu mir und forderte mich auf Mittag mit ihm und Patzens nach Colditz zu fahren, wo Donnerstag früh Taufe sein sollte. Ich entschloß mich sogleich. Wir fuhren bis Grimma und dort blieben R[udolf] und ich, besichtigten die Schule und logierten in einem scheußlichen Gasthof. Am andern Morgen giengen wir die drei Stunden und trafen um 11 in dem Diakonat an. Kurz darauf kam Hr. v. Reißwitz und Frau. Das Kind wurde in der Kirche getauft, der Name ist Eva Maria. Die Rede war recht herzlich und beredt. Dann großes Festessen, zu dem noch der Pastor und der Kirchner kamen, Abends waren wir in der Gesellschaft und hörten ein abscheuliches Conzert. Rudolf tanzte. Am andern Morgen waren wir mehere Stunden auf der Irrenanstalt. Mittags fuhren wir zusammen wieder ab und kamen Abends in Leipzig an.
     Endlich habe ich also Zeit Euch Nachricht von mir zu geben. Also Ihr reist nicht zusammen nach Gorenzen. Sollte es wirklich in Gorenzen passen, wenn ich morgen über 8 Tage mit Lisbeth dahin reiste? Ich kann mirs nicht denken. Denn das Kind scheint ein Festgeschenk werden zu wollen. Also bitte, darüber genaue Nachricht! Vielleicht könnten Lisbeth und ich zusammen noch eine Zeit in Naumburg verweilen.
     Ich schreibe Euch sogleich, was ich mir zu Weihnachten wünsche. Damit ich selbst aber im Ungewissen bin, so schreibe ich meheres auf:
     Pindarus ed. Mommsen. II vol. Berol. 1864.—
     Bernhardy, Grundriß der römischen Literaturgeschichte. 4 te Bearbeitung 1865.
     Bernhardy, Grundriß der griech. Literaturgeschichte. Der zweite Theil in zwei Abtheilungen 1855 und 1859.
     A. Schopenhauer, Parerga und Paralipomena. Dazu: Heim, Schopenhauer und seine Philosophie 1865.
     alles wörtlich dem Buchhändler zu bezeichnen.
     Jetzt habt Ihr Auswahl. Das zweite und dritte kann man auch antiquarisch beziehn. Es müssen aber genau die Ausgaben vom angegebnen Jahre sein.
     Nun lebt recht wohl und schreibt bald einmal Eurem Fritz, der für Eure letzten Briefe seinen besten Dank sagt.
     Die Wäsche schickt doch sehr bald, da ich nichts mehr habe.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak
Back to top
de/nietzsche/briefe/1865/1865.txt · Last modified: 2017/02/11 09:09 by babrak