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Aphorisms -- in context.

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1866

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BVN-1866,1

An Rosalie Nietzsche in Naumburg

Leipzig am 12 Jan. 1866.


Meine liebe Tante,

ich habe nicht nöthig in den Familienkalender zu sehn, um daran erinnert zu werden, daß der 13 Januar einen Brief von mir verlangt. Es ist heute heller blauer Himmel, und das neue Jahr läßt sich an, als ob es die Frühlingstage den Wintermonaten voraus nehmen wollte. Wie ganz anders, wenn die feuchten lastenden Nebel uns den Athem und die Aussicht nehmen; da kriecht man leicht mit hypochondrischen Stimmungen in seine Stube und gedenkt des Kommenden mit beklemmtem Herzen. Heute also, liebe Tante, wo der Himmel rein und blau ist, schreibe ich Dir meine besten Geburtstagswünsche. Es macht sich unwillkürlich, daß ich frohe Hoffnungen und heitere Aussichten aus dem Wetter prophezeie; ist es doch als ob das neue Jahr Dich gleichsam mit einem herzlichen Handdruck seiner Huld und Gewogenheit versichern wolle. Möge es auch in allen Deinen Verhältnissen Dir freundlich entgegenkommen und Dich glücklich durch alle Arbeit, Mühe und böse Tage hindurchführen.
     Mir, meine liebe Tante, ist es bis jetzt wohl ergangen. Ich zehre noch immer an der erquicklichen Erinnerung der Weihnachtstage, die diesmal mir besonders behagt haben. Hier nahm mich sogleich volle Arbeit in Beschlag; nach allen Seiten hin drängt es. Das bringt nun einmal die ungemeine Breite und Ausdehnung unsres Studiums mit sich. Unser philologischer Verein hat gestern Abend seine erste offizielle Sitzung gehalten, die zu allgemeiner Zufriedenheit ausgefallen ist. Nächsten Donnerstag werde ich meinen Vortrag halten. Wir haben ein hübsches Zimmer und zählen jetzt 10 Mann. Von einer andern Nachricht, die uns hier interessirte, wirst Du in den Zeitungen gelesen haben. Es war von einem Besuch des Königs die Rede, die Kniehosen der Professoren waren gerüstet und hatten Schrecken und Beängstigung unter den Facultäten hervorgerufen, es war unter anderem angekündigt, daß der König auch ein Colleg bei Ritschl hören wolle. Das ist nun freilich durch die Reise des Königs nach München unterbrochen worden. Vielleicht wird es Dir auch nicht mehr neu sein, auf welche Weise die philologische Facultät in Bonn ergänzt worden ist. Usener aus Greifswald und Bernais in Breslau sind die auserwählten, sehr tüchtige, höchst renommirte Leute aber — Wunder über Wunder! so ziemlich die extremsten Ritschelianer, die es jetzt giebt. Sie treiben den Meister fort, suchen ihn nachher zu halten und rufen endlich zwei seiner Schüler an seine Stelle.
     Ich überlege mir jetzt vielfach, auf welcher preußischen Universität ich mein Examen mache. Die Frage ist schwerer als Du glaubst, und ich bin noch sehr unentschieden.
     Sicher bleibt einstweilen, daß ich noch bis Michaeli in Leipzig bleibe, wo es mir ganz besonders wohl geht.
     Weiteres habe ich Dir nicht mitzutheilen, liebe Tante; ich bitte noch mich bestens an Tante Riekchen zu empfehlen. Indem ich nochmals meine besten Wünsche Dir ausspreche und Dich auch um fernere Liebe und Theilnahme an meinem Leben und meinen Studien ersuche, verbleibe ich

Dein Friedrich Nietzsche.


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BVN-1866,2

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Leipzig, 12. Januar 1866]


Meine liebe Mama und Lisbeth,

Das ist doch recht schlimm, daß ich so lange gezögert habe, und Ihr wahrscheinlich lange schon Nachricht von mir erwartet habt. Ich kann nicht helfen, ich hatte keine Zeit. Aber heute will ich das Verabsäumte nachholen.
     Zuerst glaube ich, daß uns allen die Weihnachtsferien recht behagt haben und daß ihre Kürze ihr einziger Mangel war. So danke ich Euch denn noch für die vielfachen Bezeigungen Eurer Liebe, die sich bis zum Pfefferkuchen und zur wollnen Socke ausgedehnt hat. Zugleich giebt mir der Pfefferkuchen die tröstliche Sicherheit, daß das Lama doch noch im Laufe dieses Jahres in den gefräßigen Besitz ihrer Pfefferkuchen gekommen ist: also vorläufig noch keine pessimistischen Lebensansichten braucht.
     Die Kiste ist regelmäßig angekommen, nur war sie etwas schwer, was ich recht fühlte, als ich sie von der Post in meine Wohnung trug. So bin ich auch selbst mit dem Gepäck richtig eingetroffen und hatte in Corbetha nicht umzusteigen; als ich in meiner Wohnung ankam, fand ich den kräftigen Geruch neuangestrichner Fenster; meine Wirthsleute hatten mich ein paar Tage später erwartet. Das gilt auch von meinen Freunden, die alle erst Sonntag kamen, so daß ich den Sonnabend Abend einsam in Begleitung von Stolle und Schopenhauer verleben mußte. Erstere hat sich so empfohlen, daß sie bereits von der Tagesordnung verschwunden ist. Am Dienstag Abend hörte ich in einer Volksversammlung die geistreiche Rede eines Frankfurters, des Dr. Leopold Stein, die für die Masse leider zu geistreich war. Gestern war Sitzung unsres philologischen Vereins.
     Etwas habe ich doch noch in Naumburg vergessen, das sind die Ueberschuhe. Ich werde sie mir zu Deinem Geburtstag mitnehmen. Das Kissen empfiehlt sich sehr durch seine lebhaften Farben auf meines Sophas Grün. Ich habe einen recht kräftigen Schnupfen, das ist freilich sehr ungemüthlich. Es folgt anbei der Brief an die Tante Rosalchen.
     Wenn ich recht vermuthe, so ist diese Tage die liebe Großmama bei Euch. Sie hat es sehr glücklich mit der Zeit getroffen, falls Ihr auch so schöne Tage habt wie wir. Da könnt Ihr vielfach zusammen ausgehn. Hier hört man immer noch recht eigentlich die Nachklänge der Leipziger Neujahrsmesse. In meinem Zimmer höre ichs von der Ferne her den ganzen Tag über tönen. Man kann in keine Restauration gehn, ohne Gesang und Spiel, man kann nicht zu Mittag essen, ohne nicht durch sehr schlechte Musik gestört zu werden.
     In meiner Wohnung gefällt mirs ganz gut. Zwar schreien die Säuglinge immer noch fabelhaft. Und ich glaube nicht, daß diesem Hauptschaden abgeholfen werden kann. Aber anderweitig scheine ich jetzt besser daran zu sein.
     Die Butter ist schmackhaft und gut.
     Ich habe Euch in den Ferien erzählt, daß ich nach Breslau gehen wollte. Das ist zum Theil etwas erschüttert, dadurch daß einer der Professoren, derentwegen ich nach Breslau gehn wollte, Breslau verlassen hat.
     Der Vetter Schenkel läßt Euch bestens grüßen. Er ist nach wie vor derselbe.
     Mushacke zieht in wenig Tagen aus, so daß ich jetzt auf einem einsamen Posten etwas einsam wohne. Mit Gersdorff haben wir sonnabendliche Zusammenkünfte verabredet.
     Für den Riedelschen Verein habe ich kaum mehr Zeit. Denn ich bin jetzt sehr in Anspruch genommen.
     Das Essen schmeckt mir jetzt erstaunlich schlecht, was theils vom Schnupfen herrührt, theils eine Schmeichelei gegen die Weihnachtsküche sein soll.
     Nachdem ich so mein Füllhorn von Intelligenz- und Käsenachrichten ausgegossen habe, behalte ich durchaus meine Fassung

als Euer
FriedrichWilhelm weiland
Nietzsche.


     Bitte schicke mir die Wäsche, besonders den Bettüberzug mit telegraphischer Schnelligkeit


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BVN-1866,3

An Edmund Oehler in Gorenzen

Leipzig 15 Jan. 1866.


Mein lieber Onkel,

Du hast lange keine Nachricht von mir bekommen und bist daher durchaus nicht im Unrecht, wenn Du deshalb mit mir etwas unzufrieden bist. Nun ist heute die Gelegenheit vortrefflich, ein Wenig meiner alten Schuld abzutragen; nämlich an einem Tage, wo jeder mit einem verzeihenden Herzen begabt zu sein scheint und besonders kleine Nachlässigkeiten gern bei Entgegennahme herzlicher Wünsche und Gefühle zu vergessen bereit ist. So ein Tag ist ja der Geburtstag. Also hoffentlich auch Dein Geburtstag.
     Zum ersten Male, daß Du an demselben meine schriftlichen Glückwünsche empfängst; Dank einem vortrefflichen Familienkalender der Tante Rosalie, der mich in Stand setzt auch die Lebensabschnitte meiner lieben nächsten Verwandten gebührend zu ehren.
     Ich bin sicher, Dein Gefühl zu treffen, wenn ich meine besten Wünsche für das, was Dir am nächsten liegt, für Deine Familie ausspreche: die jetzt schon ganz normal auftritt (wenn nämlich die jüngern Mitglieder schon auftreten können) und ein vollkommnes Gleichgewicht erhalten hat. Wie ja auch die einzelnen Kinder Normalmenschen geworden sind, bis jetzt, so weit ich beurtheilen kann, leiblich, für die Eltern sicherlich auch jetzt schon seelisch und geistig. Also lieber Onkel, mögen sie Dir immer viel Freude bereiten.
     Ich habe mich manchmal, besonders vor Weihnachten in Dein Gorenzen versetzt und mir das Bild jener Tage zurückgerufen, die ich einmal in winterlicher Behaglichkeit dort zubrachte. Damals warst Du noch einsamer Junggesell im Besitz von sehr viel Fräcken, die die wetterwendischen Launen der Zeit und der Schneider repräsentirten. Aber schon war der Bisam erschienen, der das bevorstehende Ende des Junggesellenthums ankündigte. Du mußt denken ich sei selber Schneider geworden, aber der Connex der Gedanken ist ein anderer. Ich schrieb eben noch in Hemdeärmeln, zog, da das Feuer ausgegangen war, den Schlafrock an, jenen Schlafrock grau und roth, den dasselbe Fest mir bot und versank jetzt in Erinnerungen. Von meiner Gegenwart sollst Du auch einiges hören, zum Schluß sogar von meiner Zukunft, nämlich vom Examen, wobei ja auch der Frack eine Hauptrolle spielt, so daß ich, um in der Bilderreihe zu bleiben, für die Gegenwart nur das Symbol des Ueberrocks habe. Dieser nämlich schützt uns vor Sturm und scharfer Kälte. Das ist meine Leipziger Gegenwart, im Ganzen etwas abgeschlossen „zugeknöpft“ arbeitsam und geschützt vor äußeren Stürmen. Vollkommen verschieden allerdings von den Bonner Verhältnissen, die ich herzlich satt bekommen habe. Bis Michaelis werde ich noch hier bleiben, denn Du glaubst nicht, wie gewaltig uns die bedeutende Persönlichkeit Ritschls fesselt und wie schwer, ja kaum erträglich die Trennung von ihm sein wird. Dann gehe ich auf eine der preußischen Universitäten, nicht nach Berlin, weil dort unverständige Gegner Ritschls sind, kleine unartige Kläffer, nicht nach Halle, weil die dortige Philologie sich nicht des besten Rufs erfreut, auch nicht nach Bonn aus sehr begreiflichen Gründen, auch nicht nach Greifswald, weil es dort 5 Philologen giebt, also auf eine der übrig bleibenden. Dann beginnt nach 1—2 Jahren die Periode des „Fracks“ mit obligater Begleitung des Doktorhutes — falls ich der letzten Eitelkeit noch fähig sein sollte.
     Damit sei es heute genug, lieber Onkel. Indem ich mich bestens der lieben Tante zu empfehlen bitte und meine Wünsche für Dein und Deiner Familie Wohl wiederhole, schließe ich.

Dein Friedrich Nietzsche.


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BVN-1866,4

An Franziska Nietzsche in Naumburg

[Leipzig, 31. Januar 1866]


Liebe Mama,

obwohl Du mich Sonntag sehn wirst und also meine persönlichen Glückwünsche entgegennehmen kannst, so würde es mir doch leid thun, wenn Dein Geburtstagstisch am Freitag kein Lebenszeichen von mir aufwiese. Darum kommt heute meine musikalische Gabe, die Dir meine herzlichen Empfindungen und Wünsche in einer hörbaren Form vorführen soll. Ich halte es nun einmal für würdiger, ja für Dich sicher auch Angenehmer, wenn Du etwas von meinen geistigen Erzeugnissen bekommst. Dafür ist dieses heutige Kyrie auch eine seltne Erscheinung, da ich nun bereits über ein Jahr nicht mehr componiert habe und nur in Hinblick auf Deinen Geburtstag mich wieder in die fast aufgegebne Thätigkeit hineinversetzte. Nimm es deshalb einstweilen freundlich hin. Sonntag werde ich es Dir genau erklären und vorspielen.
     Wie es zu vermuthen ist, wird an Deinem Geburtstag das Wetter so schön und frühlingsartig sein, daß Du mit einer fröhlichen und heiteren Vorbedeutung in das neue Jahr eintreten kannst. Einen großen Theil desselben werden wir also noch in dieser Nähe zusammenverleben, aber am Schluß desselben können wir wieder räumlich sehr getrennt von einander sein. Und so werden die nächsten Jahre fortfahren, unser Zusammenkommen immer seltner zu machen. Woraus denn nur folgt, daß wir die jetzige Zeit noch benutzen müssen. Und so hoffe ich denn, daß wir miteinander einen recht vergnügten Sonntag verleben; ist niemand eingeladen, so ist es mir am liebsten. Denn wir brauchen keine Gäste, um uns unter einander wohlzufühlen.
     Mir geht es ganz wohl, ich habe Freude an unserm philologischen Verein, der uns alle Donnerstag zusammenführt; es sind sehr liebenswürdige Menschen darunter. Meinen Vortrag über die Theognideische Redaktion habe ich gehalten, und er hat viel Interesse erregt. Nächsten Donnerstag werden wir den Dr. Kinkel über die Anfänge griechischer Kunst hören; wir haben uns etwas näher kennen gelernt. In den letzten Tagen war der König in Leipzig und besuchte von früh bis Abend in Begleitung eines Minister und eines Generals die Vorlesungen, natürlich auch Ritschl. Er gefällt mir ganz ausnehmend, es ist ein feiner gelehrter Kopf, der etwas Herzliches und Mildes in seinem Wesen hat, gar nichts Unteroffizierartiges, wie andere Könige.
     Es ist das Gerücht verbreitet, daß die Verlobung von Ritschls Tochter Ida in diesen Tagen publizirt sei, angeblich, mit Doktor Löning, der in dem Jahn-Ritschlstreite sich hervorgethan hat.
     Mit Gersdorff habe ich jetzt allwöchentlich einen Abend verabredet, wo wir zusammen griechisch lesen; mit ihm und Mushacke alle vierzehn Tage einmal, wo geschopenhauert wird. Dieser Philosoph nimmt eine sehr bedeutende Stellung in meinen Gedanken und meinen Studien ein, und mein Respekt vor ihm nimmt unvergleichlich zu. Ich mache auch Propaganda für ihn und weise einzelne Menschen, wie z. B. den Vetter geradezu mit der Nase auf ihn hin. Was aber noch wenig genutzt hat. Denn bei dem echten Sachsen heißt es immer „primum vivere, deinde philosophari“ „zuerst leben, dann philosophiren“.
     Damit will ich schließen und auf den Sonntag versparen, was sonst noch zu sagen wäre. Alles Gute und Erquickliche möge Dir im neuen Jahre nahe sein!

Dein Fritz.


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BVN-1866,5

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Leipzig, 31. Januar 1866]


Liebe Mama und Lisbeth,

Hier folgt eine Menge schmutzige Wäsche, und ich bitte Euch bestens mir es bis Sonntag zu besorgen, daß ich es da gleich mitnehmen kann. Das in das Papier Eingewickelte bitte ich auf den Geburtstagstisch der Mama zu legen, es aber nicht mit in die schmutzige Wäsche zu geben.
     Für die letzte Kiste sage ich Euch vielfältigen Dank. Sonntag Vormittag werde ich erscheinen. Natürlich allein, wie ich auch bitte, daß niemand weiter eingeladen wird. In dem Papier liegt ein Brief, der Euch Freitag einiges mehr erzählen wird. Für heute lebt herzlich wohl!

Euer Fritz.


     Mittwoch früh.


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BVN-1866,6

An Franziska Nietzsche in Naumburg

[Leipzig, vermutlich 6. Februar 1866]


Liebe Mama,

ich schreibe aus meheren Gründen eiligst. 1) habe ich schon seit einer Woche keine reine Wäsche mehr und bin verhindert auszugehen. Ihr habt doch die schmutzige Wäsche erhalten? Dabei leide ich schon seit Sonnabend an einem sehr schweren Husten; endlich heute scheint er sich etwas lösen zu wollen. Sprechen kann ich kaum mehr. 2) will ich gern nächsten Sonntag kommen und Montag und Dienstag dableiben, um das Pförtner Fastnachten mit zu erleben, besonders die Aufführungen der Primaner und Secundaner. Schreibe mir doch ja, ob es Euch paßt und was Ihr dagegen habt, ob ich logiren kann usw.
     Bitte antworte mir doch sogleich und sende mir Wäsche zu.
     Erlebt habe ich natürlich nichts, ich sitze auf meiner Stube und trinke Brustthee. Sonntag Abend war Gersdorff bei mir. Gestern hat mich der Vetter, Kinkel und Röscher besucht und heute Abend ist Kinkel eingeladen. Leider kann ich nicht so arbeiten, wie ich wollte, da der Kopf sehr eingenommen ist. Auch an Deussen habe ich geschrieben, der mich nun auch einmal mit einem Brief beehren dürfte.
     Gersdorff reist übrigens auch für die besagten Tage nach Pforte. Der Himmel mag sich für diese Tage ausregnen und ausstürmen, damit ich ein schönes Reisewetter habe.
     Damit lebt recht wohl und gebt wie gesagt, recht schnell Nachricht

Euer Fritz.


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BVN-1866,7

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Leipzig, 23. Februar 1866]


Liebe Mama und Lisbeth,

Schon zu lange habt Ihr auf Nachricht von mir warten müssen. Um zuerst meinen Gesundheitszustand zu erwähnen, so hat sich der Husten auf eine erfreuliche Weise festgesetzt; ich nehme mich möglichst in Acht, was aber nicht viel sagen will. Ich muß doch ausgehn und Collegien besuchen. Dann unterstützt mich die höchst wechselnde Witterung gar nicht. Ich werde mich nun wohl bis zu einer wärmeren Jahreszeit an den Husten gewöhnen müssen. Darum sendet mir einige Erleichterungsmittel, da er sehr heftig, aber selten ist und mir den Athem benimmt.
     Neulich bin ich bequem wieder nach Leipzig gekommen, indem ich der anmuthigen Fastnachtstage gern gedachte und zugleich Lisbeth viel Glück für ihre strapaziösen Vergnügungen wünschte (die man auch als ein ziemlich schlechtes Ersatzmittel des Turnens ansehn kann, indem die Beine zu einseitig bedacht werden, und der Geist entschieden auf den Hund gebracht wird, zu geschweigen, von andern Einflüssen, die ich mit Vorliebe schon in Naumburg entwickelt habe)
     Ich habe den Abend, wie ich Euch sagte, bei Kinkel zugebracht. Zu Hause fand ich eine Einladung zu Prof. Ritschls, die ich aber zu spät in die Hände bekam. Am nächsten Tage bin ich Mittags dort gewesen und habe eine möglichst formelle Visite gemacht.
     Große Neuigkeiten habe ich nicht erlebt. Das Kindergeschrei ist tödtlich. Ich habe auch gekündigt. Dazu ist einer der Säuglinge jetzt von der Mutter mit heißem Wasser übergossen worden: was denn Brandwunden und viel Geschrei veranlaßt hat und noch veranlaßt.
     Unser Verein hat seit der Zeit zwei Sitzungen gehabt. Es geht alles ganz vortrefflich. Nächstens wollen wir Stiftungsfest feiern und uns gemeinsam photographisch verewigen, natürlich in charakteristischen Stellungen, mit bezeichnenden Attributen, womöglich ganz antik — indessen in moderner Tracht. Ihr braucht nicht an antike Gewänder zu denken, noch weniger an antike Nacktheit.
     Von Euch zurückkommend fand [ich] einen erfreulichen Brief von Deussen, in dem viel Verständiges ist, 13 Seiten lang. Ich habe Euch von ihm zu grüßen. Vielleicht kommt er Ostern.
     Heute ist große Orchesterprobe des Riedelschen Vereins. Heute (also Freitag über 8 Tage) ist die große Aufführung. Zu der ich Euch natürlich angelegentlichst einlade. Aber schreibt es mir etwas zeitig, ob Ihr kommen wollt, damit ich über die Billete verfügen kann.
     Ihr bekommt heute schmutzige Wäsche; ich wünschte sehr, recht bald mit Wäsche und einigen Nahrungsmitteln versehn zu werden.
     Damit sage ich Euch ein herzliches Lebewohl!

Euer Fritz.


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BVN-1866,8

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

Leipzig Sonnabend [3. März 1866]


Liebe Mama und Lisbeth,

Die Zeit unsres Wiedersehens ist wieder so nah, daß es Euch verwunderlich erscheinen wird. Ich habe nämlich die Absicht, im Laufe nächster Woche einzutreffen: und ich bitte, einestheils nicht ängstlich Tag und Stunden zu zählen, andrerseits nicht zu überrascht zu sein, wenn ich schon in der ersten Hälfte kommen sollte. Ich kann es wirklich nicht genau bestimmen, da noch viele und nicht unwichtige Geschäfte erledigt werden müssen und ich auch dann noch von unvorhergesehenen Zwischenfällen abhänge.
     Dagegen ist es sehr wünschenswerth, daß Ihr mir die Stube recht hübsch zurichtet, denn ich habe für die Ferien viel zu thun, und schwerlich habe ich schon so arbeitsreiche Ferien gehabt, wie diese sein werden. Der Grund davon ist: — und das Folgende betrachtet als strenges Geheimniß, vor allen Tanten und Verwandten und Bekannten, kurz vor allen Menschen — es soll nach den Osterferien ein Buch von mir erscheinen, dessen Manuscript ich in den nächsten 6 Wochen druckfertig ausarbeiten will. Es ist eine Theognisausgabe mit großen Einleitungen. Die Sache ist mir sehr schnell auf den Hals gekommen, ich selbst hatte nicht daran gedacht. Aber Ritschl, der meine letzte Arbeit gelesen hat, hält die Veröffentlichung meiner Untersuchungen für nothwendig, und so habe ich mich denn dieser Arbeit unterzogen. Ich habe nach Rom, Venedig und Paris deshalb noch zu schreiben und kann erst, wenn ich die Antworten von dort bekomme, an die volle Arbeit gehen. Die Stube wird sich wohl allmählich mit Büchern füllen. Die Geheimhaltung dieser Geschichte lege ich Euch nochmals ans Herz, den Grund dafür will ich Euch persönlich sagen.
     Wäsche und dergleichen erwarte ich nicht mehr, da ich nur alles wieder zurückbringen müßte. Hat sich bei der letzten Sendung nicht alles auf das angenehmste gekreuzt? Meine Kiste stand fertig gepackt und der geschriebene Brief lag darin: da kam die Eurige. Für die Wurst sage ich Euch meinen besten Dank. Mein Husten ist beiläufig immer noch da und hat einen eigentümlichen Charakter, er kommt nämlich selten, aber beklemmt mich dann sehr. Das hoffentlich immer wärmer werdende Wetter wird ihn schon vertreiben.
     Gestern wurde die Missa solennis vom Riedelschen Vereine aufgeführt, ich konnte noch nicht mitwirken und habe zugehört. Eine große Menschenmenge und viele Fremde darunter füllten die Kirche. Das Sopransolo sang die Jauner Krall, die Du liebe Lisbeth, noch von Dresden aus kennst. Die Aufführung war vortrefflich und höchst erhebend, es war einer meiner schönsten musikalischen Genüsse. Ich hatte doch noch gedacht, daß Ihr Euch einmal einfinden würdet. Aber vergebens. Dieses mein Logis lernt Ihr nun nicht kennen.
     Wißt Ihr vielleicht, ob der Onkel Bernhard krank oder verreist ist, so schreibt es mir doch auf der Stelle. Ich erwarte mindestens seit 1½ Woche Geld und besitze jetzt gerade noch 1 Pfennig, da ich zu Mittag für ein Dreierbrod mein letztes Geld ausgegeben habe.
     Vorigen Dienstag haben wir eine Art Stiftungsfest unsres Vereins gefeiert und zwar auf der Stube eines der Mitglieder. Wir kamen erst gegen 3 Uhr nach Hause — „und Ihr hattet doch keinen Ball“ wird Lisbeth sagen.
     So. Alles übrige hoffe ich Euch bald persönlich zu sagen.
     Ich weiß gar nicht recht, wo ich mein Gepäck hinthue während der Ferien. Denn ich will mir natürlich erst nachher ein Logis miethen.
     Damit lebt recht wohl und richtet mir alles hübsch ein

Euer Fritz.


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BVN-1866,9

An Hermann Mushacke in Berlin

[Naumburg, 14. März 1866]


Mein lieber Freund,

Sind es auch heute einige geschäftliche Dinge, die mich zum Briefschreiben nöthigen, so sind es doch nicht diese allein; hier in Naumburg verlangt es mich „abgetrennt von jedem Freunde“ sehr darnach mit Dir einige Gedanken brieflich auszutauschen, die noch vor einer Woche persönlich ausgesprochen wären.
     Ich bin thatsächlich etwas einsam, denn Du weißt, daß an solchen Sorgen, wie sie mich jetzt festhalten, viel weniger die Familie als befreundete Studiengenossen theilnehmen können. Dazu ist es mir eine bittre Empfindung, daß wir vorigen Montag, wer weiß, auf wie lange Zeit, von einander geschieden sind: während ich doch fast ein Jahr lang Dir alle meine Kümmernisse und Erquickungen mitgetheilt habe: als welcher Gedanke mich elegisch stimmen kann.
     elegisch — Elegie — Theognideische Elegie — so, jetzt bin ich bei meinem abgebrauchten Thema und zwar recht „stichwortmäßig“.
     Laß es Dich nicht verdrießen, wenn ich, einstweilen von dieser Monomanie besessen, Dich von diesen Sorgen unterhalte. Also Corssen ist in das Geheimniß gezogen, war sehr erfreut und sehr thätig; wir kletterten stundenlang in der Bibliothek herum. Am andern Tage wurde eine große Kiste von Büchern nach Naumburg geschafft: aber wie viel mir immer noch fehlt, das soll mein heutiger höchst unbescheidner Brief an Dich — und nachher noch einer an Roscher — beweisen. Ich muß Dich wirklich einmal um einen recht mühvollen Weg nach Eurer großen Bibliothek bitten und denke, daß Du Verbindungen hast, um auch einmal mit eignen Augen Dich nach den Dingen umzusehen, die mir so nöthig sind.
     Es handelt sich nur um Theognisausgaben; ich gehe von der Voraussetzung aus, daß die Berliner Bibliothek sich durch Vollständigkeit auszeichnet.
     Ich bitte also um folgende Ausgaben:
               γνωμολογίαι παλαιοτάτων ποιητῶν ed. Turnebus 1553.
               Theognis ed. Camerarius c. 1550 mit griechischem Commentar
               Theognis ed. Seberus, edit. II, 1620.
               Theognidis, Phocylid. etc. gnomica ed. Vinetus
                    entweder 1543 oder 1569.
               Theognis ed. H. Stephanus

Das Jahr weiß ich nicht.


     Dann bitte ich Dich mir die Ausgaben zu verzeichnen, die in die Zeit von 1495—1543 fallen; und von einer ,ab Aleandro curata 1512’, wenn es möglich ist, mir das etwaige Vorwort, so weit es sich auf die benutzten Quellen bezieht, abzuschreiben nebst folgenden Stellen v. 122 ψεδνὸς? v. 143 κἀσφέτερον 193 οὖσαν 198 γὰρ μόνιμον, 236 λύειν ὡς πόλεως τείχοι ἁλωσομένης, 284 συνημοσύνη, 285 ἐτέλει, 308 ἕτοιμα.
     Um dasselbe bitte ich Dich bei einer editio Iuntina. Ziehe doch den Engelmann zu Rathe, der mir leider nicht zu Gebote steht. Schließlich sieh doch zu, ob Du nicht Kallii specimen novae editionis Theogn. 1766 bekommen kannst, wo am Schluß der Praefatio ein Verzeichniß früherer Ausgaben stehen soll.
     Diese Bitten sind, mild bezeichnet, naiv, und doch bin ich in rechter Noth, wenn Du sie mir nicht erfüllst. Ich bin überhaupt in rechten Sorgen, ich benehme mich sicherlich bei diesem ersten opus recht ungeschickt. Aber ich habe keine Uebung in solchen Dingen, ich kann den tiro nicht verleugnen. Einstweilen arbeite ich von früh bis Abend, wie ein Handlanger; wie fern bin ich noch von der wirklichen Ausarbeitung.
     Nach dieser elegischen lamentatio versinke ich wieder in die stupide Gefühllosigkeit, an der ich jetzt in Folge meiner philologischen Holzhackerei leide. Von Erholung ist keine Rede, die nächste, auf die ich mich jetzt schon freue, ist — Dein Brief.
Damit grüße ich Dich herzlich

als dein Freund
Fr. W. Nietzsche.


     Meine Mutter war erstaunt, daß Du schon Leipzig verlassen hast und hätte Dich gern noch einmal in Naumburg gesehn. Sie läßt Dich bestens grüßen. Sage Deinen lieben Eltern und Deiner Frau Großmutter meine besten Empfehlungen.


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BVN-1866,10

An Carl Dilthey in Berlin

Naumburg a./S. am 2t. Apr. 1866.


Hochgeehrter Herr,

nachdem ich mich längere Zeit angelegentlich mit Theognis beschäftigt habe, bin ich kürzlich durch Hr. Prof. Ritschl aufgefordert worden, meine Untersuchungen für den Druck vorzubereiten.
     Indem ich mich nun nach einem Gelehrten umsah, mit dem ich einige Ansichten über Theognis austauschen könnte, war Hr. Dr. Volckmann in Schulpforte so freundlich, mich auf Sie, hochgeehrter Herr, hinzuweisen als einen, der dem Theognis eine besondre Aufmerksamkeit geschenkt habe: was ich schon aus dem Specimen Ihrer Theognisstudien im Rhein. Mus. 18 schließen konnte. Zugleich ermuthigte er mich dazu, Ihnen ohne Rückhalt meine Resultate vorzulegen; dies werde ich jetzt thun, und ich bitte Sie, mir diese Freiheit nicht übel zu deuten.
     Ich habe zwei Punkte der Theognisfrage ins Auge gefaßt, die Wiederherstellung der letzten Redaktion und das richtige Verständniß der Suidasnotiz. Ich bin ausgegangen von einer genauen Feststellung der codd. fam., habe erwiesen, daß die Wiederholungen von den jüngsten Handschriften nach den ältesten zu fortwährend zahlreicher werden, und daß darin sich eine bestimmte Absicht des Redaktors verberge und glaube endlich das Princip dieser Redaktion, das auch die Wiederholungen erklärt, gefunden zu haben. Die einzelnen Fragmente sind durch Stichwörter aneinandergereiht, was schon Welcker an einer Anzahl Stellen bemerkt hat. Ich habe diese aber als durchgehendes Princip aufgefaßt und mit Hülfe der Annahme, daß auch in den älteren, vor dem Mutinensis liegenden codd. Wiederholungen weggelassen sind, die letzte Redaktion wiederherzustellen gesucht. Dies gilt auch für den Anhang der μοῦσα παιδικὴ. Mit diesem Moment und dem andern, daß Stobaeus unsre Stichwortredaktion benützt hat, habe ich als die Entstehungszeit dieser Redaktion den Zeitraum zwischen Julian und Stobaeus bezeichnet.
     Bei der zweiten Frage ist es unzweifelhaft nöthig, von den Theognisnotizen der Eudocia auszugehen, nicht von der Suidasnotiz: wenn anders Eudocia den Hesychius (oder dessen verlorengegangene Epitome) excerpirt hat, ebenso wie Suidas. Dies steht für mich sicher. Hiernach haben wir zwei Theognisnotizen, von denen, wie ich vermuthe, die eine einer Dichtergeschichte (etwa der ἱστορία μουσικὴ des Dion. v. Halic), die andre einer Philosophengeschichte entnommen ist. Daß Theognis als Philosoph behandelt werden konnte, werden Sie sogleich zugeben, daß er es bei Suidas oder vielmehr bei Hesychius worden ist, scheint Phocylides φιλόσοφος zu verbürgen. Bei Phocylides steht auch die Zeitbestimmung für beide, die deshalb in der Philosophennotiz fehlt. Ich bemerke, daß ich Ihre vortreffliche Conjectur ἠθικῶς mit Freude annehme und für mich gelten lasse. Noch verschiedenes Einzelne spricht für diese Auffassung. Die zwei Artikel über Theognis würden nach meiner Vorstellung bei Hesychius so lauten: (denn bei der Eudocia hat der eine Artikel immer etwas aus dem andern geborgt)
     I. ποιητ. Θέογνις Μεγαρεὺς τῶν ἐν Σικελία Μεγάρων γεγονῶς ἐν τῇ νθ᾽ὀλ. ἔγραψεν ἐλεγείαν εἰς τοὺς σωθέντας τῶν Συρακοσίων ἐν τῇ πολιορκίᾳ. γνώμας δι᾽ἐλεγείας εἰς ἔπη βώ.
     II. φιλος. Θέογνις Μεγαρεὺς [ἐκ Σικελίας?] ἔγραψε πρὸς Κύρνον τὸν αὐτοῦ ἐρώμενον γνωμολογίαν δι᾽ἐλεγείων καὶ ἑτέρας ὑποθήκας παραινετικὰς. τὰ πάντα ἠθικῶς.
     Sie sehen jetzt, wie ich mir die Suidasnotiz entstanden denke. Die Schlußbemerkung ὅτι μὲν παραινέσεις κτἑ ist nachweislich von Suidas selbst, wobei ich auf die Worte μιαρίαι und ἐνάρετος zu achten bitte. Der Worte wegen ἐν μέσῳ τούτων müssen wir annehmen, daß Suidas einen Theognis ohne μοῦσα παιδικὴ las.
     Das ist der Umriß meiner Untersuchungen, den Sie vielleicht für zu dürftig und mager halten mögen.
     Nach dem Wunsche von Ritschl soll der Text angefügt werden, in der Art, daß die Stichwörter durch größere Schrift hervorgehoben werden. Daß die Scheidung der Fragmente nur auf einer Gruppe inferiorer Handschriften beruht, wissen Sie selbst. Ob nicht vielleicht doch die drei Hauptcodd. Anzeichen solcher Scheidung haben, darüber erwarte ich noch genaue Antwort auf drei Briefe, die Ritschl freundlicher Weise nach Paris, Rom und Venedig entsandt hat. Der cod. Mutinensis, der nach Bekker 1827 verloren war, scheint wiedergefunden zu sein, wenn ich eine Bemerkung Bergks in der Vorrede zu den Po. Ly. Gr. III Aufl. 1866 recht verstehe. Er hat nämlich von H. Nolte eine Collation des Phocylides ’ex codice antiquissimo Parisino’ erhalten und gefunden, daß dieser cod. kein andrer als der Mutinensis B[ekker]s ist.
     Ich werde, hochgeehrter Herr, sehr empfänglich und dankbar für jegliche Notiz sein, die Sie mir vielleicht mittheilen werden. Ich werde jegliches Anzeichen von Theilnahme um so höher schätzen, als ich einstweilen noch Student bin — was ich Ihnen nicht verschweigen darf — und deshalb mit einiger Unruhe dem Wunsche meines ausgezeichneten Lehrers Ritschl nachkomme.
     Zum Schluß überbringe ich Ihnen die herzlichen Grüße von Herrn Dr. Volckmann und zeichne

hochachtungsvoll
Friedrich Nietzsche.
stud. phil.


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BVN-1866,11

An Carl von Gersdorff in Görlitz

7 Apr. 1866. Naumburg.


Lieber Freund,

gelegentlich kommen Stunden jener ruhigen Betrachtung, wo man in Freude und Trauer gemischt über seinem Leben steht, ähnlich jenen schönen Sommertagen, die sich breit und behaglich über die Hügel hinlagern, wie Emerson sie so vortrefflich beschreibt: dann wird die Natur vollkommen, wie er sagt, und wir: dann sind frei wir vom Banne des immer wachenden Willens, dann sind wir reines, anschauendes, interesseloses Auge. In dieser vor allem anderen zu ersehnenden Stimmung nehme ich die Feder zur Hand, um Dir auf Deinen freundlichen und gedankenreichen Brief zu antworten. Unsre gemeinsamen Besorgnisse sind bis zu einem kleinen Reste zusammengeschmolzen: wir haben wieder gesehen, wie von ein paar Federstrichen, schließlich vielleicht sogar von zufälligen Launen Einzelner die Geschicke unzähliger bestimmt werden und überlassen es gern den Frommen, für diese zufälligen Launen ihrem Gotte Dank zu wissen. Es mag sein, daß uns diese Reflexion zum Lachen stimmt, wenn wir uns in Leipzig wiedersehen.
     Von dem individuellsten Gesichtspunkte aus hatte ich mich bereits mit dem militärischen Gedanken vertraut gemacht. Ich wünschte mich öfter herausgerissen aus meinen gleichförmigen Arbeiten, ich war nach den Gegensätzen der Aufregung, des stürmischen Lebensdranges, der Begeisterung begierig. Denn so sehr ich mich auch angestrengt habe, so ist es mir doch täglich deutlicher geworden, daß man eine solche Arbeit nicht aus den Aermeln schüttelt. Ich habe die Ferien sehr viel — relativ — gelernt, und mein Theognis findet mich nach den Ferien mindestens um ein Semester fortgeschrittner. Dabei habe ich manche einleuchtende Dinge gefunden, die eine Bereicherung meiner quaestiones Theogn. werden sollen. Eingemauert bin ich in Bücher — durch Corssens ungemeine Gefälligkeit. Ebenso muß ich mich über Volckmann äußern, der mich redlich unterstützt hat, besonders mit der ganzen Suidaslitteratur, deren Hauptkenner er ist. Ich habe mich so gut in dies Gebiet hineingelebt, daß ich es auch selbstständig angebaut habe, indem ich kürzlich den Nachweis fand, warum das Violarium der Eudocia nicht auf Suidas, sondern auf die Hauptquelle des Suidas, eine epitome des Hesychius Milesius (natürlich verloren) zurückgeht: dies giebt für meinen Theognis ein überraschendes Resultat, das ich Dir später einmal darlegen will. Ich erwarte übrigens täglich einen Brief von Dr. Dilthey aus Berlin, einem Schüler Ritschl[s], der in Theognisfragen mehr wie ein andrer bewandert ist. Ich habe mich ihm ganz geöffnet und ihm weder meine Ergebnisse noch meinen Studentenstand verschwiegen. Ich hoffe, daß ich in Leipzig angelangt rüstig an das Niederschreiben gehen kann; ich habe mein Material ziemlich zusammen. Zu leugnen ist es übrigens nicht, daß ich mitunter kaum diese mir selbst aufgelegte Sorge verstehe, die mich von mir selbst abzieht, (dazu von Schopenhauer — was oftmals eins ist) mich in ihren Folgen dem Urtheile der Leute aussetzt und womöglich gar mich zur Maske einer Gelehrsamkeit zwingt, die ich nicht habe. Man verliert jedenfalls etwas dadurch, daß man gedruckt wird. Manche Aufhaltungen und Verdrießlichkeiten sind nicht ausgeblieben. Die Berliner Bibliothek wollte die Theognisausgaben des 16 und 17 Jh. nicht herausrücken. Eine Anzahl sehr nöthiger Bücher hatte ich mir von der Leipziger Bibliothek ausgebeten durch Roschers Vermittlung. Roscher aber schrieb mir, daß seine Gewissenhaftigkeit nicht zuließe, Bücher, die auf seinen Namen geschrieben wären, aus der Hand zu geben. Welche Gewissenhaftigkeit zu tadeln mir nicht einfällt, nur kam sie mir unbequem genug.
     Drei Dinge sind meine Erholungen, aber seltne Erholungen, mein Schopenhauer, Schumannsche Musik, endlich einsame Spaziergänge. Gestern stand ein stattliches Gewitter am Himmel, ich eilte auf einen benachbarten Berg, „Leusch“ genannt (vielleicht kannst Du mir dies Wort deuten) fand oben eine Hütte, einen Mann, der zwei Zicklein schlachtete, und seinen Jungen. Das Gewitter entlud sich höchst gewaltig mit Sturm und Hagel, ich empfand einen unvergleichlichen Aufschwung und ich erkannte recht, wie wir erst dann die Natur recht verstehen, wenn wir zu ihr aus unsern Sorgen und Bedrängnissen heraus flüchten müssen. Was war mir der Mensch und sein unruhiges Wollen! Was war mir das ewige „Du sollst“ „Du sollst nicht“! Wie anders der Blitz, der Sturm, der Hagel, freie Mächte, ohne Ethik! Wie glücklich, wie kräftig sind sie, reiner Wille, ohne Trübungen durch den Intellekt!
     Dagegen habe ich Beispiele genug erfahren, wie trübe oftmals der Intellekt bei den Menschen ist. Neulich sprach ich einen, der als Missionair in Kürze ausgehen wollte — nach Indien. Ich fragte ihn etwas aus; er hatte kein indisches Buch gelesen, kannte den Oupnekhat nicht dem Namen nach und hatte sich vorgenommen, mit den Bramanen sich nicht einzulassen — weil sie philosophisch durchgebildet wären. Heiliger Ganges!
     Heute hörte ich eine geistreiche Predigt Wenkels über das Christenthum „der Glaube, der die Welt überwunden hat“ unerträglich hochmüthig gegen alle Völker, die nicht Christen sind, und doch wieder sehr schlau. Alle Augenblicke nämlich substituirte er dem Worte Christenthum etwas anderes, was immer einen richtigen Sinn gab, auch für unsre Auffassung. Wenn der Satz „das Christenthum hat die Welt überwunden“ mit dem Satz „das Gefühl der Sünde, kurz, ein metaphysisches Bedürfniß hat die Welt überwunden“ vertauscht wird, so hat das für uns nichts anstößiges, man muß nur consequent sein und sagen, „die wahren Inder sind Christen“ und auch: „die wahren Christen sind Inder“. Im Grunde aber ist die Vertauschung solcher Worte und Begriffe, die einmal fixirt sind, nicht recht ehrlich; es werden nämlich die Schwachen im Geiste vollends verwirrt. Heißt Christenthum „Glaube an ein geschichtliches Ereigniß oder an eine geschichtliche Person“ so habe ich mit diesem Christenthum nichts zu thun. Heißt es aber kurz Erlösungsbedürftigkeit, so kann ich es höchst schätzen und nehme ihm selbst das nicht übel, daß es die Philosophen zu discipliniren sucht: als welche zu wenige sind gegen die ungeheure Masse der Erlösungsbedürftigen, zudem aus gleichem Stoffe gemacht. Ja und wären alle, die Philosophie treiben, Anhänger Schopenhauers! Aber nur zu oft steckt hinter der Maske des Philosophen die hohe Majestät des „Willens“, der seine Selbstverherrlichung ins Werk zu setzen sucht. Herrschen die Philosophen, so wäre τὸ πλῆθος verloren, herrscht diese Masse, wie jetzt, so steht es dem Philosophen, raro in gurgite vasto, immer noch zu, θίχα ἄλλων wie Aeschylus, φρονέειν.
     Dabei ist es für uns allerdings höchst lästig, unsre noch jungen und kräftigen Schopenhauergedanken so halbausgesprochen zurück zu halten und im Ganzen diese unglückliche Differenz zwischen Theorie und Praxis immer auf dem Herzen lasten zu haben. Wofür ich gar keinen Trost weiß, im Gegentheil Trostes bedürftig bin. Mir ist es so, als müßten wir den Kern milder beurtheilen. Er steckt auch in dieser Collission.
     Damit lebe wohl, lieber Freund, empfiehl mich Deinen Angehörigen, wie die meinen Dich bestens grüßen lassen; und es bleibt dabei, wenn wir uns wiedersehen, so lächeln wir — mit Recht.

Dein Freund

Friedrich Nietzsche.


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BVN-1866,12

An die Redaktion des „Leipziger Tageblatts“

[Naumburg, vor dem 13. April 1866]


Verehrliche Redaktion,

Sie werden ersucht, folgende zwei Annoncen in Ihre Spalten aufzunehmen:
     Ein Herr sucht eine angenehme Parterrewohnung, kühl und ruhig, in einer geschäftslosen Gegend. Annoncen abzugeben unter der Chiffre F. N. 246 bei der Expedition d. Bl.
     Ein anständiger Herr (Student) sucht eine freundliche Wohnung bei anständigen Leuten. Annoncen unter der Chiffre P. D. 357 bei der Expedition d. Bl.


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BVN-1866,13

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

Leipzig [22. April 1866]


Liebe Mama und Lisbeth,

mein erster Brief aus meiner neuen Wohnung. Der Mittwoch war ein mühseliger Tag; ich fand bei Rohn gegen 20 Adressen und begann sogleich herumzulaufen, lange Zeit ohne eine Spur von Erfolg. Dazu war es warm, ja heiß und sehr staubig. Endlich nach der Mittagsstunde fand ich ein Logis, das mir geeignet schien. Es war aber erst Donnerstag Abend zu beziehn, weil neue Möbel hineinkommen sollten. Dies nahm ich denn, es liegt ‘rue de Lama’ oder deutsch Elisenstraße Nr. 7 parterre, und zeichnet sich mehrfach aus. Allerdings bloß eine Stube, aber eine sehr hohe, kühl und ruhig — soweit ich ermessen kann — schöner Teppich, großer Spiegel, großes Oelgemälde in Goldrahmen einen alten Mann darstellend, als welches das Zimmer sehr ziert. Außerdem Sekretär, Waschtisch, Tisch, Ofen, Bett, Bücherbrett und 2 Stühle. Der Besitzer ist ein Maschinenfabrikant, Leute, die sehr elegant wohnen und offenbar wohlhabend sind. Das Haus selbst ist schön und durchaus nicht alt. Ich denke daß Ihr mich einmal besuchen werdet. Ich zahle monatlich mit Bedienung 4½ Thl. was nicht zu viel ist. Morgens trinke ich Milch, 2 Glas mit 2 Brödchen, die vorzüglich ist und gar nicht der Vorstellung entspricht, die ich mir gemacht hatte. Die Wirthsfamilie trinkt nämlich ebenfalls Milch, und so werde ich es wohl gut getroffen haben. Etwas was mir noch fehlt, ist eine Decke über das Bett. Ich werde recht oft überziehn lassen, denn sonst ist aus dem Zimmer der Bettgeruch gar nicht zu vertreiben.
     Der erste Brief, den ich in der Wohnung bekam, war von einem total fremden Menschen, der mich Du anredet und mir anzeigt, daß er in den Ferien gebummelt und geraucht hätte, große Neuigkeiten, als welche ich durchaus nicht zu schätzen verstehe. Der Mensch hieß Thalheim und war aus Öls in Schlesien.
     Meine Freunde und Bekannten habe ich hier glücklich angetroffen. Wir gehen oft zusammen durch die Meßbuden und waren bei Renz, sowie in einem vortrefflichen Conzert im Hotel de Pologne. Um an die Ausarbeitung meines Büchleins zu gehen, muß erst die Messe vorüber sein, die allzusehr die Ruhe des Denkens stört. Zudem erhole ich mich etwas, besonders durch weitere Spaziergänge. Kaum genießbar sind jetzt die Speisen, die man in den Restaurationen bekommt. Dazu wimmelt alles von abscheulichen geistlosen Affen und anderen Kaufleuten. So daß ich mich herzlich nach Beseitigung dieses Intermezzos sehne. Endlich habe ich mit Gersdorff eine Kneipe gefunden, wo man nicht Schmelzbutter und Judenfratzen zu genießen hat, sondern wo wir regelmäßig die einzigen Gäste sind. Das ist die Postrestauration, die mir schon vom alten Mushacke bestens empfohlen war.
     Ich bekomme wieder Massen von der Bibliothek. Der Transport meiner Habseligkeiten war mehr als bequem, 2 Dienstleute, für 15 gr. zusammen, haben alles eingepackt und sehr gut transportirt, die Bücher in einem großen Bücherkorb.
     Deussen ist noch nicht erschienen, dagegen ein andrer, eine Art Vorläufer von ihm, ein gewisser Eyffert, der in mein altes Logis zu Rohn gezogen ist. (Das übrigens neu tapezirt ist und neu gestrichen, sodaß daran Hoffnungen anzuknüpfen sind)
     Mushacke hat mir von Berlin geschrieben, gestern habe ich auch den Diltheybrief bekommen, ich will mich bei Ritschl nach der Adresse erkundigen. Jedenfalls ist die Verzögerung ärgerlich, παππάξ! Ich bin aber froh, daß in meinem Briefe keine militärisch kriegerischen, sondern nur philologisch friedliche Auseinandersetzungen standen. Denn ein Kriegsrath ist ein greuliches Thier.
     Fünf Wochen sind also vorübergejagt.
     Damit lebt heute wohl und denkt meiner freundlich

Grüßt alle die Bekannten
Mit einem Gruß von mir
Und sagt den alten Tanten,
Ich kam’ einmal abhanden
Als preußscher Grenadier.

Einer der kriegsbereit ist.
Fr. W. N.

Sonntag früh. Datum ist mir nicht bekannt.


     Leipzig Elisenstraße Nr. 7 Parterre. (nämlich erhöhtes Parterre)


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BVN-1866,14

An Carl Riedel in Leipzig (Entwurf)

[Leipzig, nach dem 24. April 1866]


Hochgeehrter Herr Direktor,

Ihre Mittheilung über das Merseburger Conzert ist mir eine große Freude gewesen. Es versteht sich von selbst, daß Sie auf mich rechnen dürfen


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BVN-1866,15

An Hermann Mushacke in Berlin

[Leipzig, 27. April 1866]


Lieber Freund,

Du hast Grund meiner Lässigkeit zu zürnen, um so mehr als Du in der aufopferndsten Weise große Mühen für mich auf Deine Schultern genommen hast. Ich bedaure es herzlich, daß ich Dir diese Unruhen gemacht habe; dieser Brief soll Dich vollkommen davon befreien; darum will ich diese Dinge gleich zu Anfang erwähnen, damit Du den andern Theil des Briefes ohne Besorgnisse lesen kannst.
     Ich habe eingesehen, daß über die Geschichte der Theognideischen Drucke ich einstweilen schweigen muß, weil ich darin keine zusammenhängenden Studien gemacht habe. Dazu kann ich jetzt auch von der Besprechung dieser Fragen absehn, da in den Ferien mein Stoff nach einer andern Seite hin sich erweitert hat. Sogar die Antworten auf meine Briefe (die noch nicht eingelaufen sind) sind mir jetzt ziemlich unwesentlich. So kann ich Dir denn meinen besten Dank für Deine Gefälligkeit sagen und bitte Dich mir dies „Lärmen um Nichts“ nicht übel zu deuten.
     Ich habe diese Ferien sehr regelmäßig und beinahe unausgesetzt gearbeitet, trefflich im Allgemeinen von der Pförtner Bibliothek und von Dr. Volkmann unterstützt. Allerdings bin ich jetzt immer noch nicht weiter als daß mein Material sich vollkommen zusammengefunden hat. Von der Arbeit selbst ist kein Wort geschrieben. Jetzt glaube ich aber schon eher die Untersuchungen veröffentlichen zu können als vor den Ferien. Die letzte Woche dh. solange ich in Leipzig bin, habe ich fast gar nichts mehr gethan, habe auch momentan kein rechtes Interesse daran. In einigen Wochen will ich die Arbeit in einem Zuge niederschreiben. Falls ich nicht etwa mit Ritschl auseinandergerathe, was sehr leicht einmal geschehen kann. Er hat mir damals die Verweigerung des Seminareintritts sehr übel genommen. Solche Leute sind doch gewaltig übermüthig.
     Ich glaube Du kannst Dich freuen diesen Sommer fern von der Leipziger Universität zu sein. Denn es ist sehr langweilig, Curtius abscheulich, Ritschl nicht mehr neu, Voigt altbacken; ich muß nur den guten Zarncke ausnehmen, der deutsche Litteratur recht angenehm und gelehrt vorträgt. Dazu ist es heiß, daß ich schmelzen möchte, Leipziger Meßtrubel fortwährend, an dem ich zuerst mein Vergnügen hatte. Dann ist Deussen ärgerlicher Weise nicht gekommen, und Gott weiß, wo er stecken mag. Unser philologischer Verein ist sehr geschmolzen. Das Essen ist überall sehr schlecht und ebenso theuer, im Theater fortwährende Afrikanerin, und wo man hinsieht Juden und Judengenossen. Mit Gersdorff bin ich sehr viel zusammen und ich wäre übel daran, wenn der nicht in Leipzig wäre. Wir gehen öfter zu Renz oder in die Bilseschen Conzerte und essen Abends öfter in der Postrestauration, als wo es vortrefflich ist und ich schon Stammgast bin. Ich mache alle meine Bekannten auf dieses tiefe Lokal aufmerksam. Der Wirth hat mir übrigens Grüße an Deinen lieben Vater aufgetragen. Gestern hat sich unser philologischer Verein darin versammelt.
     Sehr zu unsrer dh. Gersdorffs und meiner Verstimmtheit haben noch zwei Schriften beigetragen, nämlich „Arthur Schopenhauer“ von Haym und „der Pessimismus und Schopenhauer“ von Kyi. Nicht als ob sie überzeugend wären: aber sie sind, besonders die erste, sehr bösartiger Natur.
     Eyffert ist auch da und kam an den ersten Tagen halbtäglich zu mir und hat sich sogar Schopenhauer ausgebeten („Mushacke hat es mir gerathen“) Ueber das Kind! Er hat sich auch gar nicht geändert, er läuft in Leipzig eben noch so blöde herum, wie in Bonn.
     Da fällt mir ein, daß Rohn mir in Betreff des Hahnschen Lesebuchs etwas aufgetragen hat. Es kostet Dir 25 Srg. (eigentlich einen Thaler) und Du könntest es an Calvary bezahlen, der dahingehende Aufträge hätte.
     (Als Intermezzo muß ich mich über die schlechte Feder oder Tinte beschweren, die Dir meinen Brief sehr sauer machen wird. Dazu bin ich nicht im Stande, eine geordnete Gedankenfolge zu Papier zu bringen.)
     Ich wohne hübsch. Elisenstraße 7 parterre. Bei dem Besitzer einer Maschinenfabrik. Ein angenehmes Zimmer 4½ Thl., dreimal anständiger als mein letztes Logis, in das übrigens Eyffert gezogen ist. Das Zimmer ist kühl und ruhig. Ein schöner Teppich ist darin. Ganz neue Möbel, die ich mir selbst bestimmen mußte.
     Der „Kater“ bei Kintschy hat sich als Schopenhauerianer entpuppt. Gersdorff kommt jetzt täglich hin. Neulich brachte der Dichter Stolle seinen Jungen, der in Leipzig Philologie studieren soll, zum alten Kintschy, als welches eine rührende Scene gab.
     Vielleicht komme ich nächstes Semester doch nach Berlin. Das Studium so ins Blaue hinein ist höchst langweilig, dagegen habe ich in den 5 Wochen Ferien mehr gelernt als in Jahren.
     Jetzt thue ich gar nichts mehr. Ich stehe spät auf und trinke dann 2 Glas vorzügliche Milch und lese dabei Schopenhauer oder Westphals Metrik. Dann schlendere ich in die Universität, komme gewöhnlich um 2 Stunden zu frühe, denn ich habe keine Uhr und höre nichts in meiner Einsamkeit. Bei Curtius schlafe ich fast ein, esse dann bei Mahn und gehe zu Kintschy, wo ich mich aus[ruhe,] bis ich um 3 bei Roscher anlange, um 4 bei Voigt um 5 bei Ritschl, um 6 usw. dann essen wir und gehen zu Renz. Es ist sehr langweilig, und wenn ich es zu Stande bringe, noch eine Woche oder gar 2 so zuzubringen, so wird hoffentlich das gewaltsam zurückgestauchte wissenschaftliche Bedürfniß die Stärke haben, so daß ich an Ausarbeitung meines opusculi gehen kann.
     Lieber Freund, nimm mir diesen abscheulichen Brief nicht übel; wenn ich erst wieder arbeite, wirst Du sobald auch einen besseren Brief bekommen.
     Dabei ist es ganz dunkel geworden. Es ist schwül draußen. Ich will noch etwas auf den baierischen Bahnhof gehen.
     Grüße nur Deine lieben Eltern angelegentlich und gedenke nicht ungern

Deines Dich
vermissenden
Freundes F W N.


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BVN-1866,16

An Julie Opitz in Plauen (Entwurf)

[Leipzig, Mitte Mai 1866]


Ich habe das schätzenswerthe Glück gehabt, viele vortreffliche Menschen als meine Verwandten kennen zu lernen: und deshalb [ist] meine Liebe zu ihnen nicht bloß die Folge des zufälligen Umstands daß sie durch Verwandtschaft an mich gekettet sind. Ich habe sie zu verehren als Vorbilder eines rüstigen arbeitsvollen Lebens und Strebens; ich erkenne in ihnen dasselbe liebevolle Herz, dieselben schönen menschlichen Züge, mit denen das Bild meines seligen Vater[s] geschmückt ist; so daß ich ihn gleichsam in seinen Angehörigen fortleben sehe und fortlieben kann.
     Aber dieser Kreis vortrefflicher Menschen lichtet sich. Eben jetzt haben wir wieder das Scheiden einer solchen edlen Persönlichkeit zu beklagen; wir alle sind gleichmäßig dadurch bewegt, mehr als alle jedoch Du, meine liebe Tante, die Du mit ihr in der engsten Gemeinschaft lebtest und ihre letzten kleinen Freuden, ihre vielen Schmerzen und Seufzer mit empfunden hast. Ein Stück Deiner Seele ist von Dir geschieden: die Erde hat das Liebste, das Du besaßest, nicht mehr.
     Wir haben uns in Ihrem Leben Ihrer herzlichen Gesinnung gegen uns zu erfreuen gehabt; und noch über ihr Grab hinaus hat sie nicht aufgehört, uns mit den unverdientesten Beweisen ihrer Güte auszuzeichnen. (Nimm Du liebe Tante den Dank dafür, da Du das nächste Anrecht auf unsre Dankbarkeit hast.)
     So ist ihr Andenken ein gesegnetes überall, wo ihr[e] Hand gewaltet, wo ihre Liebe gesorgt hat: und wer wollte es ihrer edlen Seele verargen, daß sie von hinnen gieng, nachdem sie das Leid und die Mühe des Daseins in Fülle durchgekostet hatte.
     Wir aber die Zurückbleibenden wollen uns stärken durch den Hinblick — — —


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BVN-1866,17

An Edmund Oehler in Gorenzen? (Entwürfe)

[Ende Mai 1866?]


Lieber Onkel,
Deinen letzten Brief sammt, uns ebenso angenehm als — — —


Mein lieber Onkel,
Wohl hast Du schon Nachricht von mir erwartet: denn in unsrer stürmischen Zeit kann man sich — — —


Lieber Onkel,
Du wirst wohl öfter schon Nachricht von mir erwartet haben: daß ich noch nicht Soldat bin, wirst Du Dir denken.


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BVN-1866,18

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

am 29t. Mai, geschr. in Leipzig. [1866]


Liebe Mama und Lisbeth,

Ihr habt fabelhaft lange keine Nachricht bekommen. Wäre etwas Wichtiges passirt, so hättet Ihr sie. Soldat bin ich noch nicht. Es hat Aussicht als ob wir überhaupt verschont bleiben sollten.
     Die Pfingsttage bin ich in Leipzig geblieben, wie ich Euch gesagt hatte. Mit Eilenburg haben wir es vortrefflich getroffen. Dies war mir eine Freude. Ich habe Zeit zum Arbeiten gefunden und kann auch im Allgemeinen mit den Resultaten zufrieden sein. Nachrichten aus Italien sind noch nicht da. Die Sache schiebt sich auf die lange Bank hinaus, was mir auch ganz recht ist. Nächsten Freitag habe ich in unserem Verein wieder ein[en] Vortrag zu halten.
     Ich habe die Ferientage sehr einfach verlebt, bin frühmorgens öfter zu einem Frühconzert im Rosenthal gewesen und habe mich Abends an Wachtel als Troubadour und Tell ergötzt. Gersdorff ist auch die Ferien dageblieben. Der Vetter war in Colditz und ist Sonnabend wieder gekommen. Er zieht mit nächstem Monat in die Stube neben der meinigen.
     Werdet Ihr denn nicht einmal nach Leipzig kommen? So doch jedenfalls nach Merseburg zu dem Orgelconzert, wo der Riedelsche Verein singt. Es ist auf die erste Hälfte des Juni verschoben worden.
     Ich fange den Brief noch einmal von neuem an: denn er ist wieder ein Paar Tage liegen geblieben. Dazwischen ist denn Dein Brief mit Geld, liebe Mamma, eingelaufen, für beides sage ich Dir besten Dank. Ich bedaure nur, daß letzteres viel zu wenig ist, und daß ich deshalb in Kürze genöthigt sein werde Geldbriefe zu schreiben: was immer eine Verschwendung von Tinte und Zeit und sehr langweilig ist.
     Ihr habt mich in Naumburg erwartet. Aber so hatten wir es nicht ausgemacht. Heute schicke ich denn nun eine scheußliche Menge von Schmutz und Wäsche. Ich bitte aber um eine rapide Beschleunigung des Wäschprozesses. Denn in Leipzig ist es ebenso staubig wie heiß: und es scheint mir als ob aus Schweiß und Staub die Wäsche ihre dunkle Färbung und ihren schlechten Geruch erhielte.
     Im Grunde kann ich keinen Grund ergründen, weshalb ich noch länger schreiben sollte. Denn Neuigkeiten weiß ich nicht, meine philologischen Ergebnisse interessiren Euch nicht, philosophische Erörterungen liebt Ihr nicht, Brief, Geld und Wäsche sind schon abgehandelt und es fehlt nur noch ein Gruß und ein Schluß.
     Die Afrikanerin (à propos Wäsche) habe ich auch gesehen, die Musik ist bedauerlich schlecht, die Personen sehen abscheulich aus, und man glaubt nach Beendigung des Stückes lebhaft an die Abstammung des Menschen vom Affen. Für diesen Kunstgenuß sagt der Tante Rosalie meinen Dank: wenn man mir Freibillete schenkt, ich gehe nicht wieder hinein. Devrient habe ich als Hamlet und Graf v. Strahl bewundert. Nächstens kommt auch Fräul. Gallmeyer aus Wien, die tollste Persönlichkeit der deutschen Bühne.
     Damit hat es zum zehnten Male geschnappt. Alle unsre Hoffnung steht bei einem deutschen Parlament. Dem Kongreß in Paris wünsche ich einen gesegneten Stuhlgang.
     Damit lebt heute und immerdar bestens wohl. Vielleicht komme ich einmal Sonnabends. Aber wenn Ihr mich erwarten wollt, so werdet Ihr häufig genug durch mein Nichtkommen überrascht werden.
     Die Kiste packt mit Vorsicht aus. Es ist nicht alles Wäsche, was stinkt.
     Damit empfehle ich mich mit Neigung und Krümmung des Rückenwirbels

als Euer Fritz.


     Elisenstr. 7 wohne ich jetzt.


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BVN-1866,19

An Hedwig Raabe in Leipzig (Entwurf)

<WRAP right>[Leipzig, Juni 1866.]

Mein erster Wunsch ist, daß Sie die unbedeutende Widmung unbedeutender Lieder mir nicht übeldeuten. Es liegt mir nichts ferner als Sie etwa durch diese Widmung auf meine Persönlichkeit aufmerksam machen zu wollen. Wenn andre Leute durch Hand und Mund im Theater ihr Entzücken kundgeben, thue ich es durch ein paar Lieder; andre mögen in Gedichten noch besser sich verständigen. Alle aber haben nur ein Gefühl: Ihnen anzudeuten, wie glücklich sie auf eine kurze Strecke ihres Daseins gewesen sind, wie herzlich sie die Erinnerung an solche sonnige Blicke eines vollkommnen Lebens in sich hegen.
     Sie dürfen nicht meinen, als ob diese Huldigungen Ihrer sicher höchst edlen und liebenswürdigen Natur dargebracht würden. Im Grunde verehre ich und sicherlich alle mit mir Ihre Darstellungen: mit der Süßigkeit und dem Schmerz, mit dem meine eigne Kindheit mir vor die Seele tritt als ein Verlorenes aber doch einmal Dagewesenes, denke ich auch an Ihre ursprünglichen und immer lebenswahren herzensguten Gestalten: Mögen diese Gestalten mir auf meinem Lebensweg auch noch so selten begegnen — und noch vor kurzem glaubte ich gar nicht mehr an ihre Wirklichkeit — so ist mein Glaube an sie jetzt wieder festgewurzelt. Dies verdanke ich wirklich Ihnen allein; nach diesem Bekenntniß werden Sie mir auch die Freiheit dieses Briefes nicht übelnehmen. Was kann Ihnen an augenblicklichen Erfolgen, an dem stürmischen Beifall einer aufgeregten Menge liegen. Aber zu wissen, daß viele aus dieser Menge eine heilbringende Erinnerung mit sich forttragen, daß viele, die das Leben und die Menschen trübe genug anblickten, jetzt mit hellerem Gesicht und freundlicher Hoffnung weitergehen — dies muß ein überaus beglückendes Gefühl sein.
     Es ist schließlich mein Wunsch, daß Sie auch aus den Tönen der beiliegenden Lieder diese warmen und dankbaren Empfindungen heraushören mögen.


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BVN-1866,20

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Leipzig, Anfang Juli 1866]


Liebe Mama und Lisbeth,

ich hoffe, daß Ihr Euch eine Zeitung haltet, so daß Ihr mit Eifer verfolgt habt, was die letzten Wochen für entscheidende Ereignisse gebracht haben. Die Gefahr, in der Preußen steckt, ist ungeheuer groß: daß es gar durch einen vollkommnen Sieg im Stande wäre, sei [sein] Programm durchzusetzen, ist ganz unmöglich. Auf diese revolutionaire Weise den deutschen Einheitsstaat zu gründen, ist ein starkes Stück Bismarks: Muth und rücksichtslose Consequenz besitzt er, aber er unterschätzt die moralischen Kräfte im Volke. Immerhin sind aber die letzten Schachzüge vorzüglich: vor allem hat er es verstanden, auf Östreich einen gewaltigen, wenn nicht den größten Theil der Schuld zu wälzen.
     Unsre Lage ist sehr einfach. Wenn ein Haus brennt, fragt man nicht zuerst, wer den Brand verschuldet hat, sondern löscht. Preußen steht in Brand. Jetzt gilt es zu retten. Das ist das allgemeine Gefühl.
     Mit dem Moment, wo der Krieg begann, traten alle nebensächlichen Rücksichten zurück. Ich bin ein ebenso enragirter Preuße, wie z. B. der Vetter ein Sachse ist. Für alle Sachsen ist es aber eine besonders schwere Zeit. Ihr Land vollkommen in Feindeshand. Ihre Armee ruhig und unthätig. Ihr König fern von den Seinen. Einem andern König und einem Kurfürsten hat man einfach das Garaus gemacht. Das ist die neuste Erklärung des Fürstenthums „von Gottes Gnaden.“ Da begreift man es, wenn der alte Gerlach mit einigen westphälischen Borneos gegen den Bund mit der gekrönten (Victor Eman[uel]) und nicht gekrönten Demokratie schimpft.
     Am Ende ist diese preußische Art, die Fürsten loszuwerden, die bequemste von der Welt. Es ist geradezu ein Glück, daß sich Hannover und Kurhessen nicht an Preußen anschlossen: sonst wären wir in Ewigkeit nicht von diesen Herren losgekommen.
     Wir leben also in der preußischen Stadt Leipzig. Heute ist der Kriegsstand für ganz Sachsen erklärt worden. Allmählich lebt man wie auf einer Insel, weil die telegraph. Nachrichten und die Postverbindung und die Eisenbahnen in fortwährender Störung sind. Nach Naumburg natürlich wie überhaupt nach Preußen geht alles wie sonst. Aber z. B. einen Brief an Deussen nach Tübingen zu befördern ist kaum eine Möglichkeit.
     Dabei dauern die Vorlesungen ungestört fort. Wie ich neulich von Naumburg zurückkam, fand ich einen Brief von Ritschl vor, worin er mir die Ankunft der römischen Collation anzeigt. Die Pariser kommt Ende dieser Woche.
     Trotzdem bin ich mir immer bewußt daß der Tag sehr nahe ist, wo ich einberufen werde. Dazu ist es nachgerade unehrenhaft zu Hause zu sitzen, wo das Vaterland einen Kampf um Leben oder Tod beginnt.
     Erkundigt Euch einmal ganz genau auf dem Landamte, wann die Einberufung der Einjährigen-Freiwilligen stattfindet und gebt mir in Kürze Nachricht.
     Das Erfreulichste, was noch Leipzig bietet, ist die Hedwig Raabe, als welche fortfährt vor ausverkauften Häusern zu spielen, in einer Zeit, wo das Dresdner Theater z.B. eines Tages 6 Thaler einnahm.
     Lebt heute recht wohl und laßt mir bald wieder Wäsche und Nachrichten zutheil werden. Ich grüße Euch herzlich.

F W N.


Fortsetzung.

     Da der Brief liegen geblieben ist, so wird es Euch schwerlich wüthend stimmen, wenn Ihr noch einen Nachtrag bekommt. Ich bin 3 Tage krank gewesen, aber heute geht es wieder. Die Hitze muß mir geschadet haben. Das ist aber gleichgültig. Wichtig ist aber, daß unsre Soldaten ihren ersten größern Sieg erfochten haben. Vorgestern Abend wurde es durch unsern Stadtkommandanten bekannt gemacht, der sogleich eine immense schwarzweiße Flagge an seinem Hotel aufhissen ließ. Die Stimmung der Bevölkerung ist sehr getheilt. Man glaubt den armseligen Wiener Lügen, nach denen alle diese letzten Treffen eben so viele Verluste für die Preußen sind, man erzählt sich von einer Gefangennahme von 15 000 Mann Preußen. Das glaube der Teufel. In Wien werden ja zur Ermuthigung der Massen alle Depeschen gefälscht und umgedreht.
     Ich bin beiläufig äußerst ergötzt über den glänzenden Durchfall (παππαξ) der Naumburg-Zeitzer Conservativen bei den letzten Wahlen. Wir wünschen keine Egoisten in der Kammer, die um sich zu fördern, schön thun, nach dem Mund reden, sclavisch wedeln und vor lauter Ergebenheit platzen wie die Boviste. Und es gab einen großen Gestank.
     Euren Brief mit dem Gersdorffs bekam ich und kann Euch der Angst entledigen. Als ob Ihr so viel sicherer wäret als ich in Leipzig. Jetzt bleibe ich hier und möchte in diesen Zeiten wirklich nicht gern in einem etwas schläfrigen, zeitungslosen und kreuzzeitungsdunstaushauchenden Neste stecken.
     Ich habe für Gersdorffs ersten Bruder rechte Besorgnisse. Die Ziethenschen Husaren waren die ersten im Feuer und sollen stark gelitten haben. Unser Gersdorff hofft in frühstens 3 Monaten Offizier zu werden, wenn nicht etwa alberne Kadetten ihm vorgezogen werden.
     Hiemit gehabt Euch wohl; wenn das Lama Geburtstag feiert, dürfte ich nach Naumburg kommen. Ich bitte aber vorher um einen Brief wegen der Aushebungsgeschichte.

F W N.


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BVN-1866,21

An Wilhelm Pinder in Berlin

Leipzig Elisenstraße 7 Parterre.
[5. Juli 1866]


Lieber Wilhelm,

wenn ich genau berichtet bin, so wirst Du Deinen Geburtstag nicht im Feldlager oder in der Garnison, sondern bescheidentlich in Deiner Berliner Studirstube feiern. Einstweilen scheint es mir als ob unsre beiderseitigen Kräfte noch wenig vermißt würden; denn bis jetzt schlagen sich unsre Soldaten eben so tapfer als glücklich; sollte aber das Kriegsglück eine Schwenkung machen, so sind wir beide schwerlich im Stande, es in seinem Willen aufzuhalten. Sodann dienen wir ja auch in unsern Studien dem Vaterlande, das von den Seinen bald dies, bald jenes verlangt, körperliche oder geistige Leistungen. Jeder aber gebe sein Bestes: „denn liebend“ wie Hölderlin sagt, „giebt der Sterbliche vom Besten“. Ergo: ärgern wir uns nicht darüber, daß wir zu Hause hocken, während die waffenfähigen jungen Leute blutbespritzte Ehrenzeichen einhandeln.
     Im Ganzen ist das Zuschaun zu solchem Spektakel interessant genug: besonders nachdem die erste Zeit drückender Besorgnisse vorbei ist, nachdem der Krieg Zugwasser bekommen hat und sich mit „affenartiger Schnelligkeit“ wie die Wiener Presse sagt, vorwärtsbewegt. Mein Leben in der preußischen Stadt Leipzig bietet Stoff zu vielen psychologischen Bemerkungen. Die gebildeteren [gebildeten] Sachsen sind fast unerträglicher als die Masse. Jene nämlich sind im Grunde zu feige, um Partei zu ergreifen mit ihren Sympathien. Sie stellen sich gern auf preußischen Standpunkt, zeigen gern eine gewisse Aufklärung darin, daß sie die Preußen als die unvermeidlichen einstigen Besitzer Sachsens darstellen: denn diese Nothwendigkeit begreifen sie alle. Um so mehr aber reizt sie ihr kleinlicher Geist zu fortwährenden mißgünstigen Blicken auf unsre Erfolge, zu kleinen Verdächtigungen und Detrektationen. Dies Benehmen habe ich schon sehr satt bekommen.
     Dagegen haben wir in Leipzig lebenden Preußen alle mit herzlicher Freude empfunden, daß die Schritte unsrer Regierung seit etwa den letzten 6 Wochen unsren unbedingten Beifall haben. Wie ist es zu beklagen, daß dieser so begabte und thatkräftige Minister seiner Vergangenheit viel zu sehr obligirt ist; diese Vergangenheit aber ist eine unmoralische. Daran zweifelt jetzt auch kein Mensch mehr. Man kann nicht das Beste mit schlechten Mitteln erreichen. Das Richtige haben die französischen Zeitungen erkannt, die ihn einen Revolutionär nennen.
     Man kann sehr viel in solchen Zeiten lernen. Der Boden, der fest und unerschütterlich schien, wankt; die Masken fallen von den Gesichtern ab. Die selbstsüchtigen Neigungen zeigen unverhüllt ihr häßliches Antlitz. Vor allem aber bemerkt man, wie gering die Macht des Gedankens ist.
     Schließlich willst Du vielleicht wissen, was meine Studien machen. Die Collation des römischen codex ist in meinen Händen. Die Pariser wird jeden Tag erwartet. Ich nehme mir sehr viel Zeit. Denn vor Erledigung des Kriegs ist an keine Herausgabe zu denken. Viel Freude erlebe ich an unserem philolog. Verein.
     Nun noch eine Anfrage, lieber Wilhelm. Ich habe für meinen Theognis noch manches auf der Berliner Bibliothek zu thun. Dazu wäre es mein Wunsch etwa die letzte Woche des Semesters in Berlin zuzubringen. Könntest Du mich vielleicht logiren? Schreibe mir doch einmal ganz offen Deine Meinung. Ich würde mich sehr darauf freuen mit Dir zusammen einmal eine Woche lang leben zu können: ein Vergnügen, was mir lange nicht mehr zu Theil geworden ist.
     Unser Gustav also ist auch Krieger. Gersdorff steht in Spandau als Avantageur. Deussen ist horribile dictu: Theolog in Tübingen.
     Bewahre mir auch fernerhin Deine Liebe

Dein treuer Freund F W. N.


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BVN-1866,22

An Hermann Mushacke in Berlin

[Leipzig, 11. Juli 1866]


Lieber Freund,

mit besonders herzlicher Empfindung schicke ich diesen Brief nach Berlin, der Dich an Deinem Geburtstage von mir grüßen soll. Im Ganzen bin ich jetzt in Leipzig trotz meiner vielen Bekanntschaften etwas vereinsamt; nachdem Du um Ostern uns verlassen hast, hat auch Gersdorff Lebewohl gesagt und läßt sich in Spandau zu dem gefährlichen Kriegshandwerk abrichten. Nun wohnt zwar mein Vetter ganz in meiner Nähe, nämlich in der Stube nebenan; aber wir haben nicht viele gemeinsame Interessen. Du kennst ja meinen herzensguten Vetter. Am meisten gehe ich mit Hüffer und Rohde um, die Dir noch von Bonn her bekannt sein mögen. Sodann natürlich mit meinen älteren Bekannten Roscher, Kleinpaul und Wisser. Nichts wünschte ich aber mehr als wieder einmal längere Zeit persönlich mit Dir Gedanken und Erlebnisse austauschen zu können: denn seitdem Schopenhauer uns die Binde des Optimismus vom Auge genommen, sieht man schärfer. Das Leben ist interessanter, wenn auch häßlicher.
     Zudem bietet unsre Zeit besonderen Stoff zu Erfahrungen, ja zu außerordentlichen Erfahrungen. Wir werden uns viel zu erzählen haben, denn wir haben, trotz der Entfernung, das Meiste gemeinsam erlebt, ja sogar mit denselben Empfindungen erlebt. Wer wäre nicht stolz in dieser Zeit ein Preuße zu sein. Hat man nicht das seltsame Gefühl, als ob ein Erdbeben den Boden, den unerschütterlich geglaubten, unsicher machte, als ob die Geschichte nach jahrelanger Stockung plötzlich ins Rollen gekommen sei und unzählige Verhältnisse mit ihrer Wucht niederwürfe. Und sollte wirklich bloß der Kopf des einzelnen jedenfalls bedeutenden Mannes die Maschine in Bewegung gebracht haben. Sehen wir rückwärts, so empfindet man, daß jahrelang das kommende Gewitter uns in den Gliedern lag. Ich meine ja nicht, daß höhere Spukgewalten ihre Hand im Spiele haben. Vielmehr brechen morsche Gebäude mit Geprassel zusammen, wenn auch nur ein Kind an einem Pfeiler rüttelt. Jedenfalls muß man sich hüten, bei diesem Sturz nicht selbst zu verunglücken.
     Dies alles könnte man reiner empfinden, wenn man nicht außerdem durch persönliches dh. vaterländisches Interesse gezwungen wäre, in athemloser Spannung dem gegenwärtigen Schauspiel zuzusehn. Wie glücklich sind wir, die wir bis jetzt bravo rufen und klatschen konnten. Ich bin indessen nicht sicher, ob sich nicht das Drama für uns in eine Tragödie verwandeln könnte. Auch könnten wir beide aufgefordert werden, dabei eine der unzähligen Statistenrollen zu übernehmen.
     Immerhin scheint es fast lächerlich, wenn ich Dir bei den wichtigen Tagesinteressen von meinem Studium erzähle. Aber ich weiß, daß Du auch auf meine kleinen Erlebnisse freundschaftlich achtest. Heute nämlich bin ich endlich im Stande genau zu sagen, was mit meinen Theognisarbeiten wird. Gestern Nachts, als ich von Naumburg von einem Geburtstage zurückkam, fand ich einen Brief Ritschls vor mit dem kurzen Bemerk ‚Theognidea Parisina praesto sunt teque expectant‘. Die römische Collation habe ich schon vor meheren Wochen erhalten. Mittags war ich dann bei Ritschl, der mir wichtige Mittheilungen machte. Vor allem, daß zwei Gelehrte eine Theognisherausgabe in nächster Zeit beabsichtigten, die einen vollständigen Apparat neu gesammelt hätten. Also periculum in mora. R[itschl] empfahl mir meine Ergebnisse kurz zu einer Abhandlung zusammen zu stellen, wofür er mir das rheinische Museum offerierte. Zugleich sagte er mir, daß meine Aufstellung der familiae codicum auch nach diesen neuesten Untersuchungen sich durchaus bestätige.
     So weiß ich denn endlich, was zu thun ist, und bin sehr froh darüber. Woher hätte ich auch in dieser Zeit einen Verleger bekommen. Ueberdies lerne ich von Tag zu Tag mehr, daß um einen Schriftsteller herauszugeben ganz andre Kenntnisse nöthig sind, als ich habe. So hatte ich den ganzen Gedanken an die Herausgabe in das Ungewisse hin verschoben. Heute aber kann ich nicht mehr mich weiter bedenken.
     Für nächstes Semester weiß ich nichts Sicheres. Schreibe mir doch einmal über Haupts und Boekhs Collegien im Winter. Heute bringe ich Dir meine warmen Glückwünsche für Dein körperliches und geistiges Wohl, für Dein Studium, endlich für unsre Freundschaft. Grüße Deine verehrten Angehörigen auf das Beste von Deinem Freunde

Friedr. Nietzsche.


     Elisenstr. 7. parterre.
     Mit Deussen, der Dir seine Grüße aus Tübingen schickt, habe ich eifrig correspondirt. Er ist wieder theologus und zwar unverbesserlich (nämlich trotz Kant und Schopenhauer). Das thut mir geradezu wehe.


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BVN-1866,23

An Carl von Gersdorff in Spandau

[Leipzig, 12. Juli 1866]


Lieber Freund,

Du hast wohl eine schleunigere Beantwortung Deines Briefes und auch mit Recht erwartet. Aber ich war ein paar Tage verreist und komme also erst heute dazu, Dir meinen Dank und meine Freude über Deinen Brief auszusprechen. Wie schnell laufen jetzt die Ereignisse. Was liegt zwischen dem Tage Deines Schreibens und dem heutigen für eine Fülle von Erlebnissen, von großen freudigen Erlebnissen. Ich kann nicht abstreiten, daß ich in den Wochen der böhmischen Aktion mit der lebhaftesten Besorgniß Deiner Brüder gedachte; nun habe ich jetzt von Deinem ältesten Bruder Nachricht. Er ist verwundet, am Kopf, aber nicht schwer. Dagegen ist mir von einem Soldaten, der hier im Lazareth liegt, über seine massive Tapferkeit berichtet worden, daß ich mich auch in Deine Seele hinein sehr gefreut habe. Der Soldat sagte, sie hätten seinem Ungestüm gar nicht nachkommen können; er sei immer vorweg gewesen und sei im Kampfe mit Dreien durch einen Säbelhieb verwundet worden. Das wird für Dich eine schwere Zeit der Aufregung gewesen sein. Aber stolz müssen wir sein, eine solche Armee zu haben, ja sogar — horribile dictu — eine solche Regierung zu besitzen, die das nationale Programm nicht bloß auf dem Papiere hat, sondern mit der größten Energie, mit ungeheurem Aufwand an Geld und Blut, sogar gegenüber dem französischen großen Versucher Louis le diable, aufrecht erhält. Im Grunde ist jede Partei, die diese Ziele der Politik gutheißt, eine liberale, und so vermag ich auch in der bedeutenden conservativen Masse des Abgeordnetenhauses nur eine neue Schattirung des Liberalismus zu sehen. Denn ich vermag nicht zu glauben, daß diese Männer sämmtlich nur Regierungsmänner sind, Leute, die blindlings jeder regierenden Gewalt sich anschmiegen und etwa 6 Monate vorher in Östreich den Hort der conservativen Interessen erblicken, 6 Monate später aber einem nationalen Krieg gegen dasselbe die Mittel bewilligen. Es schadet aber gar nichts, wenn der Name „conservativ“ für unsre Regierungsform beibehalten wird. Für die Einsichtigen ist es ein Name, für die Vorsichtigen ein Versteck, endlich für unsern vortrefflichen König eine Art Tarnkappe, die ihm selbst seine Augen verhüllt und ihn auf seinen freisinnigen und erstaunlich kühnen Pfaden ruhig weiter gehen läßt.
     Immerhin kommt jetzt erst, wo das Ausland sich auf das bedenklichste einzumischen beginnt, die große Prüfezeit, die Feuerprobe für den Ernst des nationalen Programms. Jetzt muß man erkennen, wie viel unter dieser Firma sich an rein dynastischen Interessen verbirgt. Ein Krieg gegen Frankreich muß ja eine Gesinnungseinheit in Deutschland hervorrufen; und wenn die Bevölkerungen eins sind, dann mag sich Hr. v. Beust sammt allen mittelstaatlichen Fürsten einbalsamiren lassen. Denn ihre Zeit ist vorbei.
     Niemals seit 50 Jahren sind wir der Erfüllung unsrer deutschen Hoffnungen so nahe gewesen. Ich beginne allmählich zu begreifen, daß es doch wohl keinen andern, milderen Weg gab, als den entsetzlichen eines Vernichtungskrieges. Die Zeit ist noch nicht fern, wo die Ansicht von Corssen „daß nur auf Oestreichs Trümmern sich die deutsche Zukunft erbaue“ für entsetzlich roth galt. Nun zertrümmert sich aber so ein altes Gebäude nicht so leicht. Mag es noch so baufällig sein, so wird es doch immer „gute und getreue“ Nachbarn geben, welche es stützen; es könnten ja ihre eignen Häuser bei seinem Sturz einen Schaden erleiden. Dies angewandt auf unsre europäischen Zustände ist die napoleonische Lehre vom Gleichgewicht, einem Gleichgewicht, wo das Centrum in Paris liegen soll. An dieses Centrum appelirt das bedrängte Östreich. Und so lange in Paris das Centrum ist, wird es in Europa im Ganzen beim Alten bleiben. Es wird also unsern nationalen Bestrebungen nicht erspart bleiben, europäische Zustände umzuwälzen, jedenfalls ihre Umwälzung zu versuchen. Mißlingt es, so haben wir beide hoffentlich die Ehre, von einer französischen Kugel getroffen auf dem Kampfplatz zu fallen.
     Nach diesen allgemeinen Betrachtungen, die jetzt übrigens ein Jeder anstellt, komme ich auf die Leipziger und schließlich auf meine Zustände. Du hast hoffentlich im Daheim die zwei ausgezeichneten Bilder gesehen „preußische Kriegsknechte mit den Töchtern des Landes verkehrend“, Scenen aus dem Pleißenburghofe, wie sie die Wirklichkeit jeden Abend bietet. Das ist eine Illustration unsrer Leipziger Verhältnisse. Man ist nun einmal hier eines lebhaften Hasses wie einer lebhaften Zuneigung nicht recht fähig. Aber gemüthlich ist man unter allen Umständen und man fügt sich. Ich habe mich bei einem Soldaten Deines Regiments nach Deinem Herrn Schwager erkundigt und mir von Spandau erzählen lassen.
     Eine Erholung seltner Art haben wir hier inmitten der aufregendsten Ereignisse gehabt, das ungewöhnlich lange Gastspiel der Hedwig Raabe, die vom Leipziger Publikum als „blonder Engel“ förmlich angebetet wird. Ihren Gipfelpunkt erreichte die Freude, als sie mit Devrient zusammen in der Waise von Lowood auftrat. Sie lebt übrigens seit einiger Zeit bei einer ihr befreundeten Familie in Gohlis und zwar bei niemand anderem als meinem Onkel. Ich ärgere mich gewaltig, daß ich im vorigen Winter diese Familie so vernachlässigt habe. Ich ertrage es jetzt als eine Strafe meiner ungeselligen Gesinnung.
     Nun wirst Du auch wissen wollen, was mein Theognis macht. Vor 2 Wochen bekam ich die römische Collation, vorgestern kam ich Nachts von einer Reise zurück und fand einen Brief von Ritschl vor mit der Notiz: „Theognidea Parisina praesto sunt teque expectant.“ Ich holte sie mir denn am folgenden Mittag ab und erfuhr dabei Wichtiges. Zwei Gelehrte nämlich beabsichtigen eine neue Ausgabe des Theognis, dessen gesammte codd. sie neu verglichen haben. Also periculum in mora. Ritschl empfahl mir also einstweilen von einer Ausgabe abzustehn und meine Ergebnisse möglichst schnell in Form eines Aufsatzes drucken zu lassen. Er bot mir dazu das rheinische Museum für Phil[ologie] an. Ich bin über diese Wendung sehr glücklich. Denn ich hatte schon den ganzen Plan aufgegeben und wußte doch nicht recht, wie ich mich meiner Verpflichtungen gegen Ritschl entledigen sollte. So ist es vortrefflich. In 3 Wochen muß der Aufsatz fertig sein. Dann wird er, wie Ritschl versprochen hat, sehr schnell gedruckt. Dann habe ich die Hand für nächstes Semester frei und brauche nicht in Leipzig zu bleiben. Uebrigens ist Ritschl jetzt liebenswürdiger als je und hat mir auch z.B. im Vertrauen mitgetheilt, daß meine Aufstellung der codicesgruppen auch nach den neuesten Untersuchungen sich durchaus bestätige.
     Jetzt will ich Dir noch von Papa Deussen einiges mittheilen, der Dir seine Grüße sendet. Woher? aus Tübingen. Als was? Als theologus und zwar als unwiderruflicher. Ich schrieb ihm einen Brief mit den triftigsten Gründen. Aber es scheint bei ihm Sache des Willens zu sein, da wirken die Gründe nicht mehr. Er schrieb mir z. B. „ich sollte ihm folgende Möglichkeiten widerlegen: es könnte ja doch einen Gott geben, dieser Gott könnte sich doch offenbart haben, diese Offenbarung könnte ja in der Bibel enthalten sein.“ Heiliger Brama! Wenn man seinen Lebenslauf bestimmen soll auf drei solche Möglichkeiten hin! Und die soll ich noch widerlegen!
     Nun lebe recht wohl. Niemals habe ich so viel Deiner gedacht wie jetzt — schon weil ich trotz meiner vielen Bekanntschaften etwas vereinsamt bin — aber ich fürchte, daß ich die nächste Zeit fortwährende Besorgnisse für Dich haben muß. Mich will man nicht zum Soldat haben. Theile mir doch, wenn Du zur Armee abgehst, es ganz kurz mit. Meine Adresse ist, wie immer, Elisenstr. 7.
     Ich soll Dir auch noch von Brockhaus viele herzliche Grüße sagen, ebenso vom Vetter.

Zum Schluß unser beiderseitiges Motto:

κάλλιστον τὸ δικαιότατον, λῷστον δ᾽ὑγιαίνειν,
πρῆγμα δὲ τερπνότατον τοῦ τις ἐρᾷ τὸ τυχεῖν.

Dein Freund F W. N.
philologischer Lumpensammler.


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BVN-1866,24

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Leipzig, nach dem 18. Juli 1866]


Liebe Mama und Lisbeth,

ich will meinen Brief heute mit betrübenden Nachrichten beginnen. Zuerst melde ich Euch den Tod von unserm Krämer, der im Kampf bei Sadowa gefallen ist. Ein vortrefflicher Mensch, ein sehr intellegenter Offizier, dessen Tod nicht mit dem von 8 Östreichern compensirt wird, ist in ihm von uns gegangen.
     Sodann ist der älteste Bruder Gersdorffs in demselben Gefechte verwundet worden durch einen Säbelhieb auf den Kopf. Ein Ziethenscher Husar, der hier im Lazareth liegt, beschrieb sein ungestümes Vordringen, dem sie nicht hätten folgen können. Im Kampf mit dreien, von denen er zwei niederhieb bekam er die Wunde und soll aber mit dieser weiter vorgegangen [sein] bis zur Erschöpfung. Von Geest, den Ihr wohl auch noch als einen alten Bekannten von mir kennt, höre ich auch, daß er verwundet ist. Er soll ein sehr tüchtiger Leutnant sein.
     Endlich ist der eine Zwilling von Riedigs gestorben. Hierbei fällt mir ein, daß Hr. Riedig sich heute im Namen einer Verwandten, einer Fr. Häring aus Dresden bei mir erkundigte, ob mein Vater Erzieher der Prinzess., Pastor etc. gewesen sei; sie beansprucht nämlich mit uns verwandt zu sein. Kannst Du mir nicht etwas über diesen Häring mittheilen? — Am Abend oder vielmehr um 1 Uhr oder etwas früher als ich von dem angenehmen Ausflug vom Lamaischen Feste zurückkehrte, fand ich zwei Briefe, die ich im Bette liegend las, zuerst von W. Pinder, der sich sehr auf meinen Besuch freut; obgleich ich diesen Gedanken wieder aufgegeben habe. Der andre Brief enthielt nämlich Ritschls latein. Anzeige, daß die Pariser Collation dasei. Am andern Tage bekam ich diese und wichtige Nachrichten. Nämlich daß eine Theognisausgabe zweier Gelehrten vor der Thür sei, und daß deshalb Gefahr im Verzug sei. Er rieth mir meine Ergebnisse in Form eines größern Aufsatzes schleunigst zu veröffentlichen und bot mir auf das freundlichste das rheinische Museum für Philol[ogie] an. Diese Wendung erfüllt mich mit großer Freude. Die Sache erledigt sich auf ungeahnt schnelle Weise, nachdem ich eigentlich sie aufgegeben hatte. Morgen beginne ich. In Folge dessen ist meine Berlinerreise einstweilen nicht nöthig.
     Da das zweite Aufgebot mobil gemacht wird, so ist es unzweifelhaft nöthig, daß Ihr Euch auf dem Landamte erkundigt (wörtlich) „ob die einjährigen Freiwilligen jetzt einberufen werden.“ Darauf erbitte ich mir baldige und genaue Antwort.
     Hedwig Raabe ist übrigens nicht wieder aufgetreten, ist indeß noch nicht nach Petersburg zurückgekehrt, sondern weilt noch mehere Wochen bei einer ihr befreundeten Familie in Gohlis, nämlich bei unsern Nitzschens. Man sieht sie häufig mit ihm und den beiden Töchtern.
     Vorigen Sonnabend haben wir eine vortreffliche Kahnfahrt nach Connewitz in der Nacht gemacht, die ganz angenehm ablief. Wir hatten ein Windlicht und waren des Steuerns und Rudern nicht zu kundig, so daß wir oft strandeten.
     In diesen Tagen versammeln sich in und um Leipzig 30 000 Mann darunter die Meckelnburger; an der Spitze des Armeecorps steht der Herzog von Meckelnburg, der im Hotel de Prusse logirt. Ich werde wohl auch einen Viertel Mann bekommen.
     Damit ist mein Notizenkram gegliedert, der sehr Trauriges und Freudiges in buntem Wechsel enthält.
     Ich kann Euch heute nur für Eure freundliche Bewirthung danken und Euch bitten, den Gedanken an eine Leipzigreise nicht aus den Augen zu verlieren. Ich brauche nicht zu sagen, daß die vielen Offiziere und Uniformen ein besondrer Genuß für das Lama ist.
     Somit gehabt Euch wohl. Heute Abend ist Gesellschaft bei mir. Butterbrod, Kirschen, Eier, Schinken, Wein und Konfekt.

<WRAP right>Lebt recht wohl.
Euer Fritz.</WRAP >


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BVN-1866,25

An Friederike Daechsel in Naumburg (Entwurf)

[Leipzig, August 1866]


Liebe Tante.

Gern hätte ich mündlich Dir meinen Schmerz über das zwar nicht unzeitige aber doch unerwartete Hinscheiden unser[er] lieben Julie ausgedrückt; leider aber kann ich nicht so schnell wie ich wohl wünschte nach Naumburg kommen und bin hier noch eine Reihe von Tagen durch Arbeiten, die beendet sein wollen zurückgehalten. So sehe ich mich denn genöthigt zur Feder zu greifen und dem Papier meine Worte der Trauer und der Betrübniß anzuvertrauen. Die lieben Plauenschen Tanten sind nun alle hingegangen, ein Ort, wo ich gern weilte, wo ich an meinen seligen Vater fortwährend erinnert wurde wo Milde und Liebe, treues Wirken und Schaffen aus allen Augen blickte, ist nun für mich leer geworden. Wo sind noch die Stätten, wo wir uns heimisch fühlen können? Wo sind sie jetzt außer in Naumburg? Röcken ist uns genommen, Pobles ist für uns fremd geworden auch Plauen lebt nur noch in der Erinnerung. Du weißt es, wie ich mich immer freute, wenn ich einmal hinaufreisen konnte, um die alten treuen Gesichter zu sehen, um von ihnen gute und schöne Worte zu hören, um aus ihrem reichen wechselvollen Leben, aus ihrem Schatz von Erfahrungen zu lernen. Das ist nun vorüber. Immer einsamer stehen wir jungen Menschen in der Gegenwart, die treuen Hüterinnen der Vergangenheit verlassen uns allmählich.
     Du freilich sammt die liebe Tante Rosalie bist noch ganz anders durch diesen Tod getroffen. Es ist von Euch die liebste und nächste Lebensgefährtin geschieden. Aber sie ist schön und sanft geschieden. Der lebensmüde Leib sank dahin. Ihre letzten Gedanken waren sicher bei Euch und segneten Euch.


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BVN-1866,26

An Carl von Gersdorff, nach Nürnberg gerichtet

Leipzig am 15 Aug. 1866.


Lieber Freund,

da ich schlechterdings nichts Bestimmtes weiß, ob Du noch in Spandau weilst oder glücklich mit dem größten Theile Deines Regiments in Nürnberg angelangt bist: so will ich annehmen, was ich Dir wünsche, nämlich das Letztere und meinen Brief ruhig nach Nürnberg transportiren lassen. Findet er Dich dort nicht auf, so mag er eine Rückreise nach Leipzig und von hier nach Spandau antreten. Der Brief wird eben so wenig wie Du selbst darüber unglücklich sein, daß er das liebenswürdige Nürnberg gesehen und kennen gelernt hat.
     Im Grunde muß Deine Lage jetzt beneidenswerth sein; Du hast es vortrefflich erreicht, zwar nicht Heldenthaten zu verüben — soweit die Zeitungen darüber richtig melden — aber doch eine kräftige militärische Spritzfahrt in ein feindliches, außerordentlich angenehmes Land mit zu machen. Zudem sollt Ihr Euch in Nürnberg sehr wohl fühlen, die Bevölkerung soll zuvorkommend sein, die Zeitungen berichten von Conzerten, die Euer Regiment giebt, mit abscheulichen, aber wenigstens recht preußischen Programmen, wie ich deren eins im Schützenhause gehört habe; als bei welchem ich Dich zu treffen hoffte.
     Gleich zu Anfang meines Briefes will ich Dich nun einladen, nächstes Semester doch ja wieder in Leipzig zu verleben. Du kannst ja als preußischer Soldat „zum Staunen der Bürger und Bürgerfrauen“ auch hier fortdienen; ich hoffe wenigstens, daß das in Deiner Hand stehen wird. Daß es sich in Leipzig behaglich leben läßt, hast Du auch erfahren; für ein besseres, von gewissen Schrecknissen freies Logis würden wir zusammen sorgen. Ich für meinen Theil bleibe noch hier aus allen möglichen Gründen, die Dir am Schlusse des Briefes ganz deutlich sein werden.
     Die reinen Sachsen beginnen schon wieder recht üppig zu werden; man weiß leider Gottes, daß die Integrität der Landesgrenzen gewahrt wird und beginnt mit voller Lunge auf Preußen zu schimpfen. Unerträglich ist mir besonders das leise Verdächtigen, das ironische Bezweifeln preußischer Bestrebungen. Die Menschen können eben so wenig hassen wie lieben; aber „Beust ist ein großer Mann!“ Was man von preußischen Sympathien in Sachsen spricht, gilt doch sehr ausschließlich nur von einer politischen Partei, die Biedermann mit seiner deutschen Allgemeinen und Freitag mit den Grenzboten vertreten. Die Landescommission hat wirklich das Land hinter sich; was ich zuerst nicht glauben wollte. Sie hat jetzt die Treitzschkesche Schrift verboten trotz des entschiedenen Widerstandes von Seiten des preußischen Civilcommissars. Ein Buchhändler brüstet sich damit, daß eines Tages Hr. von Glycinsky, der Stadtcommandant, in Civilkleidung bei ihm erscheint, die Schrift verlangt und recht gründlich abfällt. Bei Kintschy ist jetzt ein förmliches preußisches Heerlager alle Nachmittage; der alte Kintschy immer voran. Aber anderswo z. B. bei Mahn hört man die abscheulichste sächsische Kannegießerei, besonders von solchen, die unpartheiisch erscheinen wollen und doch mit wahrer Gier alles irgendwie Preußen Nachtheilige zusammenscharren.
     Deshalb komme nur her als preußischer Leutnant; dann sind wir doch wenigstens in unserem Dunstkreis vor solchen Gesprächen sicher.
     Zum Besten für die Verwundeten usw. hat der Riedelsche Verein ein großartiges Conzert in der Nikolaikirche gegeben, das über 1000 Thl. eingebracht hat. Frau Flinsch, Frau Krebs-Michalesi, Hr. Auer aus Düsseldorf, usw. waren die Solisten.
     In den Todtenlisten habe ich auch einen mir sehr lieben Namen wahrgenommen. Ich habe Dir wohl öfter von meinem ersten Obergesellen, dem ich sehr viel verdanke, erzählt, Krämer, der zuletzt Sek.leutnant und Adjutant im 72 Reg. war; er fiel bei Sadowa. Solche Verluste von so edelherzigen und intellegenten Menschen wiegen nicht 10 Oestreicher auf.
     Die napoleonischen Befürchtungen der letzten Tage haben überall eine, wie ich hoffe, unverdiente Aufregung hervorgerufen. Immerhin bleiben noch genug Nüsse übrig, die unser Minister mit seinem kräftigen Gebiß knacken mag. Befürchtungen von jener Seite könnten am Ende das begonnene Einigungswerk am schnellsten zu Stande bringen.
     Unsre Thronrede, die gerade in der Stunde vor dem Riedelschen Conzert erschien hat auf mich wie auf viele einen sehr wohlthuenden Eindruck gemacht. Ich war ganz entzückt, sang in der Kirche noch einmal so schön und dachte sehr optimistisch über Preußens und Deutschlands nächste Zukunft. Aber diese fürchterliche Kreuzzeitung hat mir den Magen verdorben, und dazu die Rede von Senfft-Pilsach. Jetzt soll gar das Wort „Indemnität“ so viel bedeuten wie „Erklärung der Continuität“; da sträuben sich meine moralischen so wie philologischen Haare.
     Lieber Freund, es ist zwar rein egoistisch, aber Du wirst es begreifen, wenn ich ganz besonders Dich bitte nach Leipzig wieder zu kommen. Mit wem in aller Welt soll ich mich jetzt aussprechen? Die Masse der Bekannten thuts wahrlich nicht; es sind viele liebenswürdige und verständige Menschen darunter, aus denen ich besonders Kleinpaul heraushebe. Aber die Zeit, wo man schnell Freundschaften — was doch viel mehr sagen will — schließt, ist für mich vorüber. Lieber lebe ich da etwas einsam und schreibe Briefe an meine wirklichen Freunde, in denen ich sie bitte nach Leipzig zu kommen.
     Auch auf Deussen will ich noch versuchen brieflich einzuwirken. Nach dem wir uns zweimal geschrieben hatten, brachte sein letztes Schreiben das Bekenntniß, „er habe einen dummen Streich gemacht“. Kant und Schopenhauer haben ihm zu dieser Einsicht verholfen. Wie vielen haben sie nicht schon geholfen! Trotzdem will er sein Joch bescheiden zu Ende tragen; was ich gar nicht verstehe. Er will nämlich nach seinem ersten theologischen Examen zur Philologie zurückkehren. Nein, nein. Er muß nächstes Semester nach Leipzig kommen und in unsern philologischen Verein eintreten.
     Dieser Verein nämlich gedeiht vortrefflich. Ich halte streng an dem Grundsatz, bei der Aufnahme neuer Mitglieder möglichst hart zu sein und auf keine äußeren Vorzüge, etwa Liebenswürdigkeit und dergl. Rücksicht zu nehmen. Die Leute sollen etwas wissen und besonders wissensbegierig sein. Zu unsern neuen Mitgliedern gehören Rhode, Heinemann, Cron, alle drei der Ritschlschen Societät angehörig. In dieser existirt jetzt mancher Schund, wie mir erzählt wird, unter anderen ein unverbesserlich dummer Namensvetter, mit dem verwechselt zu werden ich hier und da das Unglück habe. Unser Verein ist jetzt öffentlich anerkannt; neulich haben wir Ritschl, dem geistigen Erzeuger des Vereins, unser Gesammtbild zum Geschenk gemacht.
     Nun wirst Du wissen wollen, wie es mit meinem Theognis geht. Gut. Ich danke schön. Zwei Drittel der Arbeit sind fertig in Ritschls Händen, am letzten arbeite ich und denke in wenig Tagen fertig zu sein. Ritschl war sehr zufrieden mit dem, was ich ihm brachte, es hätte alles Hand und Fuß. Nach ihm will es auch W. Dindorf durchlesen, mit dem ich jetzt in Geschäftsverbindung trete. Jetzt kommt eine neue Geschichte, lieber Freund, die aber ganz geheim gehalten werden muß. Ritschl fragte mich neulich, ob ich wohl gewillt wäre auch einmal etwas für Honorar zu arbeiten. Ich antwortete: warum nicht, wenn es was ordentliches dabei zu lernen giebt. Es handelt sich also um ein Lexicon zum Aeschylos von dem Standpunkte der jetzigen Philologie aus. Lexica schreiben ist keine Wollust; aber denke, was man bei Aeschylos gerade lernen kann, wie man genöthigt ist den ungeheuren und höchst gediegenen Apparat durchzuarbeiten. Gestern Abend war ich also bei W. Dindorf, der die Sache arrangirt. Zunächst also soll ich eine Anzahl Probeseiten machen, wie Dindorf sagte, um zu sehn, wie groß ungefähr das Buch wird, in Wirklichkeit, um zu sehn, was ich kann, besonders ob ich methodisch verfahre. Das ist nun eine hübsche Probe, vor der ich mich nicht zu sehr fürchte. Vielleicht weil ich die Schwierigkeiten noch nicht kenne. Nach den Ferien bringe ich ihm die Paar Seiten, die ich recht mit Muße ausarbeite, und dann stellt er mir sein ganzes Material zu Gebote, damit ich dann aus vollem Zeuge arbeiten kann. Darunter sind, worüber ich ganz glücklich bin, auch die einzigen vollständigen Collationen des cod. Mediceus, um den sich die ganze Aeschyloskritik dreht.
     Was die Größe des Buches anbetrifft, so schätzte es W. Dindorf ungefähr auf 60 Bogen. Das würden also 2 Bände jeder zu c. 500 Seiten. Verleger ist Teubner. Ritschl meinte, daß die Arbeit sehr gut bezahlt würde. Doch das verstehe ich nicht, bevor ich nicht weiß, wie viel Zeit und Mühe dazu nöthig ist.
     Nicht wahr, das sind neue Aussichten? Im Grunde habe ich hier und da einmal Glück. Ritschl sorgt doch sehr liebenswürdig dafür, daß ich etwas lerne, und in einer Art, wie es mir wohl behagt. Die Bekanntschaft mit Dindorf ist ebenfalls sehr zu schätzen: er hat mir schon von codd. erzählt, die er besitzt und die er mir später zeigen will. Er ist ein großer Börsenspekulant und überhaupt ein schlauer Mann. In Geldgeschäften werde ich mich hüten selbständig zu verhandeln; das muß alles Ritschl besorgen. —
     Die theatralischen Genüsse Leipzigs dauern fort. Jetzt ist Frau Niemann-Seebach da. Ich habe sie schon als Gretchen gesehn und bin erschüttert worden, wie wohl nie; dann als Julie in Romeo usw., heute hoffe ich sie als Maria Stuart zu bewundern.
     Schließlich habe ich Dir zu sagen, was füglicher am Anfang gesagt sein würde. Ich sage Dir meinen herzlichsten Dank für Deinen letzten so inhaltsreichen und freundschaftlichen Brief. Mag alles was Du wünscht in Erfüllung gegangen sein!
     Wenn Du einmal etwas Zeit hast, so schreibe mir doch, aber sende den Brief nach Naumburg, wohin ich nach Beendigung meiner Theognisarbeit abreisen will

Lebe recht wohl und gedenke
Deines Freundes
Fr. Nietzsche.


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BVN-1866,27

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Leipzig,] Sonnabend früh. Das Datum: 18 Aug. 1866.


Liebe Mama und Lisbeth,

Ich schreibe sogleich, nach dem ich Euren Brief sammt der Leibbinde erhalten habe. Für beides sage ich meinen besten Dank. An der Cholera bin ich noch nicht krank gewesen. Zudem tritt sie in Leipzig ziemlich milde auf. Ganz anders wenigstens als in Halle.
     Ich will als den Tag meines Kommens den Mittwoch in nächster Woche bezeichnen, obwohl ich das nicht so sicher in der Hand habe. Ich denke mit meiner Arbeit bis dahin fertig sein zu können: aber, wie gesagt, die Wirklichkeit spottet oft über unsre Wünsche.
     Dann möchte ich allerdings zuerst noch eine Woche in Naumburg zubringen. Ich habe nichts gegen eine Reise, aber sie darf nicht augenblicklich beginnen und sie muß kurz sein. Rudolf ist schon längere Zeit fort, wie überhaupt die Studenten, die nicht hier ansässig sind. Er hat mich ebenfalls in seine Heimat eingeladen. Aber wie gesagt: nur nicht sobald. Wenn Lisbeth lieber in den Harz will, so soll mir das sehr recht sein, weil ich dann nicht reisen muß: andererseits ist es mir unwillkommen, wenn sie gerade Naumburg verläßt, sobald ich dort anlange.
     Was mich bestimmt, diese Ferien nicht in Reisen zu vergeuden, will ich Euch mündlich erzählen. Genug, daß es nichts Schlimmes ist; eher das Gegentheil. Ich habe wieder ganz angenehme Aussichten, nur muß ich etwas für sie thun. Zudem bin ich zunächst etwas müde, ich möchte mich in Naumburg etwas ausruhen, spazieren gehen, musiziren und dabei gemächlich arbeiten.
     Meinen Hut und die Sommerkleider möchte ich wohl waschen lassen: ich könnte doch nur in ihnen reisen. Ich will sie also ebenso wie die schmutzige Wäsche Mittwochs mitbringen.
     Heute Abend bin ich zu Riedigs eingeladen zu einer Tauffeierlichkeit. Vorgestern Abend zu Roscher mit einigen Bekannten. Das Wetter ist ungleichmäßig, aber fast immer kühl, deshalb mir nicht unangenehm.
     Zwei Drittel meiner Arbeit hat Ritschi schon in den Händen.
     Der dritte Theil will gar nicht vorwärts. Ich habe doch nie wieder so stätig gearbeitet, wie letzte Ferien.
     Darum will ich es jetzt ähnlich machen. Nur hat es jetzt keine solche Eile.
     Somit lebt recht wohl! Auf schönes Wiedersehn! Es nützt nichts, wenn ich noch mehr schreibe.

Euer Fritz N.


     Mushacke und Gersdorff lassen grüßen, ebenso Stöckhardt, der mich gestern anredete. Ein schrecklich langer Kerl!


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BVN-1866,28

An Carl von Gersdorff im Feld

[Naumburg, Ende August 1866]


Lieber Freund,

„die Post hat keinen Brief für mich?“ wirst Du oft in Verwunderung gefragt haben. Aber sie hat einen von mir, die abscheuliche Post und hat ihn Dir nicht herausgerückt. „Sei still, mein Herz!“
     Je länger der Zeitraum ist, in dem Du von mir nichts erfahren hast, je größer Dir mein Undank erscheinen muß, als welcher auf Deinen vorletzten ebenso herzlichen wie gedankenreichen Brief keine Zeile der Antwort zurückerstattete — weil nämlich die Nürnberger Feldpost meinen Brief verschlungen hat, ohne ihn wieder von sich zu geben — um so mehr fühle ich das Bedürfniß, das, was die Post verschuldet hat, wieder gut zu machen und mich also von dem scheinbar sehr gerechten Vorwurfe des Undankes zu entlasten. Es ist sehr bitter, Dich im Felde zu wissen, verstimmt durch fehlgeschlagne Pläne, durch wenig behagliche Umgebung, durch geisttödtende Bewegungen und endlich gar durch die Nachlässigkeit eines Freundes. Denn nicht anders mußte es Dir erscheinen. Genug ich erröthe, wie man öfters erröthet, ohne sich schuldbewußt zu fühlen, in dem Gedanken, man könne irgendwodurch in der Meinung andrer, vorzüglich lieber Menschen sinken.
     Deine Briefe waren meinem subjektiven Gefühle nach mit das angenehmste, was der Sommerfeldzug erzeugt hat. Wie ganz anders nimmt sich ein von Freundeshand geschildertes Ereigniß, selbst kleiner Art, aus, als irgend welche Großthaten, über denen der häßliche Dunst des Zeitungspapiers sich lagert.
     Leider kann ich von meinen Erlebnissen nur weniges und dazu kleinliches mittheilen. Meine Arbeit ist fertig in Ritschls Händen: ich habe sie in drei Theilen zu Stande gebracht und bin so lange in Leipzig geblieben, bis ich den letzten Strich (meine Namensunterschrift) gemacht hatte. Nie habe ich mit solcher Unlust geschrieben; ich habe schließlich den Stoff in der einförmigsten Weise abgehaspelt: doch war Ritschl mit einem Theile, den er gelesen hatte, recht zufrieden. Im Oktober wird es wohl erscheinen. Ritschl will die Arbeit aufmerksam durchlesen, auch Wilhelm Dindorf hat sich die Erlaubniß ausgebeten. Mit letzterem trete ich wahrscheinlich in Geschäftsverbindung. Er hat mir durch Ritschl den Antrag machen lassen, ob ich ein Aeschyloslexicon nach dem neuesten Standpunkte der Aeschyloskritik ausarbeiten wolle. Natürlich für gutes Honorar. Ich habe mir überlegt, daß ich dabei viel lernen kann, daß ich mit Aeschylos recht intim vertraut werde, daß ich die Dindorfsche (unter Deutschen Gelehrten einzig vollständige) Collation des cod. Mediceus in die Hände bekomme, daß ich bequeme Gelegenheit, ja Nöthigung habe, mir ein Stück, etwa die Choephoren, zu einer zukünftigen Vorlesung vorzubereiten und bin nach allen diesen Ueberlegungen darauf eingegangen. Nur muß ich erst meine Befähigung dazu nachweisen, indem ich einen Probebogen in diesen Ferien auszuarbeiten habe. Uebrigens ist eine solche Arbeit bei Aeschylos gerade nicht uninteressant; man ist genöthigt fortwährend strengste Kritik zu üben gegen die Unzahl von Conjekturen. Dindorf veranschlagte das Buch mindestens auf 60 Bogen. Nach den Ferien trete ich mit Teubner — falls ich angenommen werde — in Geldunterhandlungen. Ritschl ist immer freundlicher gegen mich.
     Folglich bleibe ich auch nächstes Semester in Leipzig, wo es mir, alles gerechnet, vortrefflich behagt. Sollte es Dir nicht möglich sein, in Leipzig fortzudienen? Ich wäre darüber sehr glücklich, denn Du fehlst mir ganz besonders. Zwar habe ich jetzt viel Bekannte, aber keinen, mit dem ich so viel gemeinsame Vergangenheit und Gegenwart habe als mit Dir. Vielleicht kann ich auch den alten Deussen noch bewegen, nach Leipzig zu kommen; er schrieb mir neulich, er sehe jetzt vollkommen ein, daß er einen dummen Streich gemacht habe. „Spät kommst Du, doch Du kommst“ nämlich die Erkenntniß über das theologische Studium. Er will Tübingen verlassen die Wahl einer Universität ist ihm gleichgültig, weil er für seine Theologie, deren Joch er bis zu Ende (nicht dem aller Dinge, sondern bis zum ersten Examen) tragen will, nirgends viel zu finden hofft. Vielleicht ist er auch jetzt noch einmal zu einer „Umkehr“ zu bestimmen. Die Philologie wird sich immer freuen, wenn der lange verlorne Sohn, der sich mit den Träbern der Theologen gemästet hat, zurückkehrt, und die Sprachvergleichung besonders darf schon zu Deussens Ehren ein Kalb schlachten.
     Unser philologischer Verein blüht: neulich hat er sich photographieren lassen und Ritschl ein Bild verehrt zu dessen großer Freude. Rohde ist jetzt auch ordentliches Mitglied, ein sehr gescheuter, aber trotziger und eigensinniger Kopf. Bei der Aufnahme von neuen Mitgliedern wirke ich dafür, daß mit möglichster Strenge und Sichtung verfahren wird. Hr. v. Voigt hat nicht die Ehre gehabt, aufgenommen zu werden.
     Die letzten Wochen waren in Leipzig sehr interessant. Der Riedelsche Verein gab in der Nikolaikirche ein Conzert zum Besten der Verwundeten. Das Gedränge war an allen Kirchenthüren, wie am Theater, wenn die Hedwig Raabe spielte. Wir haben eine Einnahme von mehr als 1000 Thl. gehabt. Eine halbe Stunde vor Beginn des Conzertes kam das Telegramm der Thronrede nach Leipzig: ich bin nie über eine That unseres Königs so glücklich gewesen, wie über diese versöhnliche, unzweideutige Rede. Die alten Parteilager sind jetzt gänzlich verwüstet dh. die extremen Standpunkte. Männer wie Treitzschke und Roggenbach sind plötzlich die Vertreter der allgemeinen Meinung geworden. Ein großer Theil der sogenannten Conservativen z. B. der Rath Pinder in Naumburg schwimmt lustig in dem neuen Fahrwasser. Es ist auch für mich — offen gestanden — ein seltner und ganz neuer Genuß, sich ganz einmal im Einklang mit der zeitweiligen Regierung zu fühlen. Zwar muß man verschiedne Todte ruhen lassen, außerdem sich deutlich machen, daß das Bismarksche Spiel ein überaus kühnes war, daß eine Politik, welche va banque zu rufen wagt, je nach dem Erfolg ebenso verflucht wie angebetet werden kann. Aber der Erfolg ist diesmal da: was erreicht ist, ist groß. Minutenlang suche ich mich einmal von dem Zeitbewußtsein, von den subjektiv natürlichen Sympathien für Preußen loszumachen und dann habe ich das Schauspiel einer großen Haupt- und Staatsaktion, aus solchem Stoff, wie nun einmal die Geschichte gemacht ist, beileibe nicht moralisch, aber für den Beschauer ziemlich schön und erbaulich.
     Du wirst wohl die Schrift über die Zukunft der Mittelstaaten von Treitzschke gelesen haben. Mit großer Mühe habe ich sie mir in Leipzig verschafft, wo sie wie überhaupt in Sachsen — proh pudor — verboten war. Dagegen haben unsre Gesinnungsgenossen, die Freitage, die Biedermänner usw. ein Votum der sächsischen liberalnationalen Partei erzielt, das sich für unbedingte Annexion ausspricht. Dies würde auch meinen persönlichen Interessen das dienlichste sein. Hoffentlich ist König Johann starrköpfig genug, Preußen zur Annexion zu zwingen.
     Schließlich soll auch Schopenhauer noch erwähnt werden, an dem ich noch mit vollster Sympathie hänge. Was wir an ihm haben, hat mir kürzlich erst eine andere Schrift recht deutlich gemacht, die in ihrer Art vortrefflich und sehr belehrend ist: Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung für die Gegenwart von Fr. A. Lange. 1866. Wir haben hier einen höchst aufgeklärten Kantianer und Naturforscher vor uns. Sein Resultat ist in folgenden drei Sätzen zusammengefaßt:
     1) die Sinnenwelt ist das Produkt unsrer Organisation.
     2) unsre sichtbaren (körperlichen) Organe sind gleich allen andern Theilen der Erscheinungswelt nur Bilder eines unbekannten Gegenstandes.
     3) Unsre wirkliche Organisation bleibt uns daher ebenso unbekannt, wie die wirklichen Außendinge. Wir haben stets nur das Produkt von beiden vor uns.
     Also das wahre Wesen der Dinge, das Ding an sich, ist uns nicht nur unbekannt, sondern es ist auch der Begriff desselben nicht mehr und nicht weniger als die letzte Ausgeburt eines von unsrer Organisation bedingten Gegensatzes, von dem wir nicht wissen, ob er außerhalb unsrer Erfahrung irgend eine Bedeutung hat. Folglich, meint Lange, lasse man die Philosophen frei, vorausgesetzt, daß sie uns hinfüro erbauen. Die Kunst ist frei, auch auf dem Gebiet der Begriffe. Wer will einen Satz von Beethoven widerlegen, und wer will Raphaels Madonna eines Irrthums zeihen? —
     Du siehst, selbst bei diesem strengsten kritischen Standpunkte bleibt uns unser Schopenhauer, ja er wird uns fast noch mehr. Wenn die Philosophie Kunst ist, dann mag auch Haym sich vor Schopenhauer verkriechen; wenn die Philosophie erbauen soll, dann kenne ich wenigstens keinen Philosophen, der mehr erbaut als unser Schopenhauer.
     Damit lebe heute wohl, lieber Freund. Ueberlege Dirs, ob Du nicht nach Leipzig kommen kannst. Jedenfalls aber theile mir mit, wann und wo wir uns treffen können. Denn allzugern möchte ich Dich einmal sehen, was in Leipzig mir nicht zu theil wurde, da Ihr Euch so schnell wieder aus der Umgebung von Leipzig verzoget. Doch habe ich die Musik Deines Regiments gehört, etwas unklassisch, und besonders viel Afrikanerin.
     In Pforte bin ich noch nicht gewesen. Volkmann ist glücklich verheirathet. Deine Grüße werde ich treulich ausrichten. Meine Angehörigen lassen sich Dir bestens empfehlen und versichern Dich Ihrer Theilnahme. Adieu, lieber Freund,

Dein F W. Nietzsche.


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BVN-1866,29

An Franziska Nietzsche in Halle? (Disposition)

[Naumburg, Ende August 1866]


          Augen.
               Testament.
               Lisbeth.
               Arbeit.
               Ankunft in
                    Leipzig im Okt.


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BVN-1866,30

An Paul Deussen in Tübingen (Fragment)

[Naumburg, September 1866]


Lieber Freund,

wenn ich nur irgend etwas über Dein Geschick wüßte. Und wahrlich, es ist nicht meine Schuld. Ich muß annehmen, daß mein letzter Brief v. Ende August nicht an Dich gelangt ist: denn offen gestanden, ich würde es ebenso wenig verzeihen als begreifen können, wenn Du gerade diesen Brief unbeantwortet gelassen hättest. Also nehme ich den milderen Fall an, der mir allerdings sehr ungelegen gekommen ist: viele Briefe von mir könnten verloren gegangen sein an Stelle dieses einen, in dem ich Dich auf das angelegentlichste bat, Dein theologisches Bärenfell abzustreifen und Dich als jungen philologischen Löwen zu gebärden.
     ad vocem Bärenfell. Ich bitte mir dies nicht übel zu deuten. Gewiß wirst Du tüchtig gearbeitet haben, aber ich bin nicht mehr im Stande, diese Arbeit zu schätzen, wenn ich an eine Bedingung dabei nicht glaube: nämlich daß diese Art Arbeit Dein Beruf sei. Ich glaube daran nicht, weil Du nach Deinem eignen Zeugnisse nicht daran glaubst. Und selbst wenn Du jetzt anders darüber denken solltest, wie Du zur Zeit Deines letzten Briefes dachtest: ich fürwahr für meinen Theil werde mich nie überzeugen lassen, daß Du in Deinem Berufe arbeitest, so lange Du Dich für ein theologisches Examen vorbereitest.
     Lieber Paul, es ist wirklich keine Kleinigkeit, in den 20ger Jahren längere Zeit über seinen Beruf im Unklaren zu sein. Wir Menschen haben nur wenige wirklich produktive Jahre: diese sind unvermeidlich mit dem bezeichneten Lebensalter entflohen. Die originalen Ansichten, die unser ganzes späteres Leben ausführen, mit Beispielen und Erfahrungen belegen und bekräftigen soll, werden in diesen Jahren geboren: da aber unser Beruf uns unser Leben hindurch begleitet, so ist es nöthig, daß in ihm jene Ansichten und Einsichten gefunden werden. Unser philologisches Studium hat aber die Eigenart, daß, um in ihm etwas Neues zu erkennen, um eine bahnbrechende Methode zu finden, auch zugleich ein Grad von Gelehrsamkeit und Routine dh. Erfahrung und Übung nöthig ist. Also viel gelernt und viel verdaut, aber noch viel mehr gesucht, combinirt, erschlossen.
     Dazu gehört Zeit, viel Zeit. Ich beherzige immer die Klage Ritschls, der sich seine Studentenzeit wieder ersehnte, weil es die einzige Zeit des Lebens wäre, wo man viel und zusammenhängend arbeiten könnte. Nun, lieber Freund, Du weißt, wohin alles dies zielt. Es ist mir nicht bekannt, wie viel davon in Deiner Macht steht. Jedenfalls fürchte ich, daß Du nicht wie jeder andre Körper durch Deine eigne Schwere gefallen, (und ich kann Dein theologisches Studium nur als Deinen Fall bezeichnen) bist, sondern gezogen von Anderen. Wer diese sind, ist allerdings nicht gleichgültig, aber in Anbetracht der für das Leben entscheidenden Wichtigkeit dieses Schrittes dürfen diese „Anderen“ nicht in Betracht kommen.
     Du siehst, daß ich immer noch die Hoffnung auf Deinen philologischen „Flug“ nicht aufgegeben habe. Diese Hoffnung muß also sehr stark sein. Ich ärgere mich, wenn ich an Deine „Theologie“ denke, und deshalb verzeihe, wenn ich mich auch in diesem Briefe von ihr wegwende.
     Je mehr ich und je heller ich, in den Vorhöfen der Philologie stehend, in ihre Heiligthümer einblicke, um so mehr suche ich für sie Jünger zu gewinnen. Das ist ein Studium, bei dem es manchen Tropfen Schweißes kostet, das aber auch wirklich jede Mühe lohnt. Die kräftige und kräftigende Empfindung einer Lebensaufgabe stellt sich dem wirklichen Philologen bald genug ein. Es soll uns ja nicht, lieber Paul, auf eine Lebensversicherungsanstalt und zeitige Pfründe ankommen. Aber wohl ersehnen wir beide Vertreibung jenes melancholischen Zustandes, wo der junge Geist noch keine Bahn gefunden hat, auf der er gesund einhergehen kann, wohl ersehnen wir beide [ + + + ]


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BVN-1866,31

An Friedrich Ritschl in Leipzig (Entwurf)

[Bad Kösen, kurz nach dem 15. September 1866]


Allerdings hätte ich den Wunsch zum Zweck einer letzten Revision die betreffenden Papiere noch einmal in die Hände zu bekommen. Darum ersuche ich Sie mir selbige nach Kösen zu senden, wo ich mich seit kurzer Zeit, auf der Flucht vor der in Naumburg grass[ierenden] Cholera aufhalte. Hier bin ich auch mit den Aeschyleischen Studien beschäftigt, zu denen mein Material an Büchern und an Kenntnissen nicht reichen will. Ich fürchte deshalb Hr Prof. Dindorf durch den Probebogen kaum zufrieden stellen zu können.
     Daß der genannte Herr meine Arbeit durchgelesen hat, verpflichtet mich ihm zu besonderem Danke. Er wird ebenso wie Sie mancherlei Schwächen und Lücken bemerkt haben. Vielleicht gelingt es mir noch einige kleinere Verstöße zu beseitigen. Auch ist mir manches aus der dahin einschlägigen Litteratur entgangen: z. B. habe ich den Theognis von Härtung in der Ausgabe der griechischen Elegiker noch nicht gesehen. Bemerkenswerth aber von mir nicht bemerkt ist auch Bergks Versuch in den eben neu ersch. poet[ae] lyr[ici] Gr[aeci], in der Spruchsammlung die Fragmente aller möglicher Elegiker wieder zu erkennen, nicht nur des Solon und Tyrtäus und Mimnermus, sondern des Evenus, Thaletas, Archilochus usw. Gegen derartige Vermuthungen habe ich nichts einzuwenden, so lange sie nicht wieder zu Folgerungen über die Theognideische Tradition benutzt werden.
     Mit dem von Ihnen vorgeschlagnen Titel „zur Geschichte der Theognideischen Spruchsammlung“ bin ich durchaus einverstanden. Jetzt habe ich Ihnen nur noch Dank für Ihre geehrten Zeilen zu sagen und Ihnen zu versprechen, daß das Manuscript in Kürze wieder zurückgeschickt wird.

In besonderer Ergebenheit
Lindenstraße 57.


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BVN-1866,32

An Elisabeth Nietzsche in Oelsnitz

[Bad Kösen, kurz nach dem 15. September 1866]


Liebe Lisbeth,

Damit es nicht scheint, als ob ich der Einzige von uns beiden sei, der Deiner gar nicht gedenkt, benutze ich diesen unnützen Zettel, um ihn Dir als Weihgeschenk zu opfern: als worüber Du Dich freuen darfst. Denn er ist entsandt in Kösen, vollgeschrieben nach Tische, als ich gesättigt war, mit Kösener Dinte, gekauft bei Merzyn, beschmiert und bestimmt dazu ein Köder, zu sein, um nach Kosen Dich zu locken. Hast Du übrigens Lust, noch in der Ferne zu bleiben, so werde ich nicht wüthend sein.
     Ich arbeite hier, mit ziemlicher Lust, schlechter Dinte und genügender Einsamkeit. Ritschl schrieb gestern an mich meiner Theognidea halber, deren Loos zunächst ist, von mir noch einmal revidiert zu werden und dann in die Bonner Druckerei zu wandeln. Der Titel, den Ritschl vorschlägt ist Zur Geschichte der Theognideischen Spruchsammlung’. Er schrieb mir, daß auch Dindorf meine Arbeit gelesen habe und sie druckenswerth befinde. Ich habe wieder massenhaft Bücher aus Pforte um mich herum. Heute soll wieder eine neue Zufuhr bewerkstelligt werden.
     Das Wetter ist etwas kalt und wenn Du Schlitten fährst, so denke an mich und erkälte Dir den Magen nicht. Welchem Übel man leichter ausgesetzt ist als der Schlitten selbst.
     Jetzt ziehe ich mich bescheiden zurück und erkläre meinen mittheilbaren Stoff verbraucht zu haben. Uebrigens fühle ich mich als Philolog in Kösen ebenso wohl als ich mich als Mensch ärgere: das Alterthum ist nämlich hier fast einseitig vertreten.
     Die Mamma putzt sich gern und giebt nicht gern Geld für Conzerte, wohl aber für Kirchen aus. Hiermit lebe recht wohl

Dein F.


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BVN-1866,33

An Hermann Mushacke in Berlin

Kösen 10 Oktober. [1866]


Hiermit empfängst Du die erste Hälfte Deines Briefes, die durch ein abscheuliches Versehen liegen geblieben war. Vielleicht hast Du die Gefälligkeit beiliegenden Brief in der Calvaryschen Buchhandlung abzugeben.

Lieber Freund,

meine Ferien neigen sich ihrem Ende zu und zugleich mein Herbstaufenthalt in Kösen, das ich seit etwa 3 Wochen, flüchtend vor der selbst unser Haus nicht verschonenden Naumburger Cholera, in angenehmer Behaglichkeit mit meiner Mutter bewohne, während meine Schwester in der Ferne bei Verwandten weilt. Sehr lebhaft erinnern mich gerade diese Tage an Dich und Deine lieben Angehörigen, in deren Kreis ich voriges Jahr um dieselbe Zeit weilte, sehr deutlich tritt besonders das schöne Potsdam vor meine Seele, da mich Luft, Sonnenwärme und Waldfärbung unaufhörlich in vergangne Zeiten zurückführen, oft sogar nach Bonn und seinen Herbstschönheiten. Damals war ich eben aus den festen Pfortenmauern entlassen, nicht als Sträfling, sondern als studiosus liberalium artium, (zu denen ich kindlicher Weise auch die Theologie rechnete, ein starker Rechnungsfehler!) voller Hoffnungen in eine unsichere Zukunft blickend, leider aber auch zu unerfahren, um das Bonner Leben mir selbst zu eignem und eigenartigen Genuß und Gewinn zu bestimmen. Ebenfalls war sehr behaglich unser gemeinsamer Einzug in Leipzig, unsre vorsichtigen Versuche die Stadt, die gute Stadt kennen zu lernen, unsre Vergnügungen und Wirthschaftssorgen, unsre Bekanntschaft mit Schopenhauer. Ich bin recht gewöhnt an das alte Leipzig, so daß ich mit aufrichtigem Entzücken in einem hiesigen Gasthof das Leipziger Tageblatt entdeckte und dort täglich und fleißig die Theaternachrichten und Recensionen, die harmlosen Speiseanzeigen, Mockturtlesuppen u. a. die kleinstädtischen Streitigkeiten usw. studiere. Nächste Woche, den 16 oder 17 t. Oktober, will ich wieder abreisen, obwohl ich heute zufällig erfahre, daß die Leipziger Universität den Beginn ihrer Vorlesungen noch drei Wochen hinausgeschoben hat. Doch brauche ich die Leipziger Bibliothek, außerdem habe ich noch mein altes Logis in der Elisenstr. 7 mir reservirt, so daß ich mit wahrem Vergnügen den Tag der Abreise erwarte. Die Cholera hat in Leipzig arg gewüthet, auch Flathe ausgelöscht, ist aber jetzt im Abnehmen.
     Der Hauptgrund, der mich bestimmt, so bald wieder zurückzukehren, ist eine Verabredung mit Dindorf, der mit mir in eine Art von Geschäftsverbindung zu treten anfängt. Wenn ich mich recht erinnere, so habe ich Dir noch nichts davon geschrieben, da ich in höchst fahrlässiger Weise Deinen letzten freundschaftlichen Brief so lange Zeit unbeantwortet gelassen habe. Zwischen diesen Brief und zwischen meine Abreise im August fällt nämlich jenes angedeutete Ereigniß. Ritschl hat wieder das Hauptverdienst dabei. Es gilt ein Lexicon zum Aeschylus zu machen; der Plan geht von Dindorf aus, Ritschl hat mich dazu vorgeschlagen. Natürlich muß ich Dindorf ein Paar Seiten zur Probe machen. Das habe ich in diesen Ferien gethan. Es heißt Kernholz bohren. Man lernt viel dabei. Ritschl findet doch immer einen hübschen Weg, um mich zum Arbeiten zu bringen. Meine Theognisarbeit ist in der Druckerei. Mitunter fällt mir manche Lücke, manche Schwäche, manche Unwissenheit schwer aufs Herz. Doch ist nichts mehr zu machen, das Manuscript ist fort, schon seit Wochen. Wenn ich Freiexemplare erhalte — ich kenne den usus beim rhein. Museum nicht, — so bist Du einer der ersten, der eins erhält. Bios, damit Du Dich darüber amüsiren kannst.
     Meinen Probebogen muß ich nach meiner Verabredung um Mitte des Monates liefern. Ritschl hat mir ein sehr gutes Honorar garantiert. Doch verstehe ich davon nichts. Genug, daß die ganze Geschichte mich auch noch für nächstes Semester in Leipzig festhält. Schließlich komme ich doch nach Berlin, wohin mich mancherlei zieht. Dahin siedelt übrigens auch Prof. Corssen aus Schulpforte über, der besagte Anstalt verläßt, aus Mißmuth über die principielle Vernachlässigung der Schule seitens der Regierung, und sodann, um seine wissenschafll. Arbeiten inmitten seiner gelehrten Freunde, des reichsten Apparates an Kunstschätzen, an Inschriften usw. fortzusetzen. Es soll eine zweite umgearbeitete Ausgabe seines Vokalismus usw. erscheinen. Mit Corssen verliert Pforte seinen besten Lehrer. Wohin man blickt, sind jetzt junge Leute, ohne weiteren Ruf, ohne sichere Praxis, ohne pädagogische Festigkeit angestellt. Jedoch sind liebenswürdige und strebsame Menschen darunter. Mit Oberlehrer Volckmann verkehre ich viel, da wir in Suidasfragen uns treffen, ebenso mit Dr. Richter, dessen Senecaausgabe (trag.) in Kürze erscheint. Er hat das eurhythmische Princip in der Ausgabe durchgeführt und ist sehr von dessen Richtigkeit überzeugt. Indessen hat er einen gefährlichen Gegner an Lucian Müller und seinen Schildknappen.
     Unser philologischer Verein scheint zu gedeihen. Wir sind 10 ordentliche Mitglieder. Von Vorträgen will ich Dir nennen „über die Aspiration bei den Attikern“ von Roscher, „über Fremdwörter im Lateinischen“ von Kohlschütter, „über die sieben Weisen“ von Romundt, „über den Johannesprolog“ von Wisser, „zu Catull“ von Rhode, „die Quellen der biographischen Artikel im Suidas“ von mir. Dann haben wir öfter Abende, an denen ein „Allerlei“ von Conjekturen gebracht wird. Wisser wird die Notizen über Entstehung des Vereins, über die Mitglieder, die Vorträge zusammenstellen. Auch haben wir uns gemeinsam photographieren lassen und Ritschl ein Bild verehrt, der sich recht darüber gefreut hat. Vielleicht trete ich nächstes Semester in die Ritschlsche Societät. Wenigstens darf ich es nicht wieder ausschlagen, falls er es anbietet. Denn Ritschl hat wirklich Ansprüche auf meine volle Dankbarkeit. Ich habe immer die Empfindung, — das kann ich Dir ja, lieber Freund schreiben — als ob er meine Kenntnisse überschätzte. Immerhin ist sein Umgang sehr anspornend.
     Jetzt fällt mir ein, daß ich auch wieder eine Bitte an Dich und Deinen lieben Vater habe. Du siehst ein, daß ich mich zu der lexikalischen Arbeit mit den neuesten Äschylusarbeiten bekannt machen muß. Wäre es Dir nicht möglich, mir eine kleine Sammlung der Äschylusprogramme zuzusenden, die ich, nachdem ich mir meine Notizen und Auszüge gemacht habe, pünktlich wieder zurückschicken werde? Denn es ist für mich zu kostspielig, diesen ganzen Litteraturzweig eigens für besagten Zweck anzuschaffen. Du kennst ja die Preise und den zweifelhaften Werth solcher Schriften. Sollte es aus irgend einem Grunde nicht angehn, so nimm mir meine Anfrage nicht übel. Übrigens habe ich in den letzten Wochen häufig einen Herren gesprochen, der Dich gut kannte, nämlich einen Herrn Simon, der bei dem Verkauf der Keilschen Bücher täglicher und regelmäßiger Gast war. Auch ich habe einige größere Käufe gemacht; z. B. habe ich den Suidas von Bernhardy für 9 Thl. erworben. Ich habe übrigens zu der Calvaryschen Handlung rechtes Zutrauen gewonnen.
     Nun will ich Dir noch Nachricht über unsre gemeinsamen Freunde geben. Gersdorff ist, ich weiß nicht wo. Er hat mir sehr fleißig auf seinen Märschen nach und aus Baiern geschrieben und ist im Ganzen zufrieden, da er schnell genug avancirt ist. Er ist Fähndrich, trägt den Degen und thut Offizierdienste. Doch will er, wenn ein Jahr um ist und er Offizier geworden ist, wieder in den verlassenen Stand zurücktreten; er betrachtet sich nur als Kriegssoldat und ist von seinem Dienst, seiner Umgebung wenig erbaut. Sein ältester Bruder hat sich als Husarenoffizier hervorgethan, ist aber schwer verwundet und kommt erst allmählich wieder zu Kräften. Der Bruder Musikus hat in Hadersleben zu seiner Verzweiflung gestanden.
     Unser Deussen studierte im vorigen Semester in Tübingen die Evangelienfragen und war in Versuchung, Pastor zu werden. Ich weiß nicht, ob er jetzt noch in Versuchung ist. Auf meine etwas heftigen Briefe antwortete er mir endlich, daß er zu der Erkenntniß komme, einen dummen Streich gemacht zu haben. Der „Herr“ mag weiter helfen! Es ist etwas zu toll, daß Deussen so lange schwanken kann. Ich habe ihm nun einen langen letzten Brief geschrieben, um ihn zu bestimmen, nach Leipzig zu kommen. Aber er hat mich über 4 Wochen lang schon ohne Antwort gelassen. Nachgerade kommt er mir etwas ,irrational‘ vor, was Du ‚unberechenbar‘ oder ‚unvernünftig‘ übersetzen magst. Ich würde mich ungemein freuen, wenn er endlich den Pfad fände, der zur Philologie führt.
     Kinkel hat uns ohne Nachricht gelassen. Er wurde jüngst in den Zeitungen als der „jugendliche Doktor Gottfr. Kinkel“ bezeichnet. Seinem Vater wurde bei seinem Fortgange aus London ein Festdiner gegeben, wobei unser Dr. im Namen der Familie einen Toast gebracht hat. Ich werde ihm von Leipzig aus schreiben, um ihm ein Bild unsres Vereines zu überschicken. Ebenso sind wir ohne Nachricht von Arnoldt aus Gumbinnen. Wenn Du mir etwas schreiben könntest, so wäre es mir sehr lieb.
     Hierbei fällt mir ein, daß ich Dich im Auftrage von Romundt, der sich als strebsamer junger Mensch sehr hervorthut, um ein Programm bitten soll „Die sieben Weisen Griechenlands. Sorau 1864 von Dr. Bernhardt.“ Ich erinnere mich es auf Deiner Stube gesehen zu haben. Du thust mir einen großen Gefallen, wenn Du mir besagtes Programm überschickst.
     Hiermit empfehle ich mich Dir und Deinen lieben Eltern sammt meiner Mutter bestens und bitte Dich, mich im guten Angedenken zu behalten.

Dein treuer Freund

Fr. Nietzsche.


     Kösen 10 Oktober.
     Diesen Ort verlasse ich am 13 t. Oktober, wo ich nach Naumburg übersiedle.


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BVN-1866,34

An Carl von Gersdorff in Berlin

Kösen 11 Oktob 1866.


Lieber Freund,

Du bekommst heute Nachricht über mein einförmiges, zwar für mich durchaus nicht langweiliges, aber doch für das Auge des objektiven Beschauers herzlich trocknes und interesseloses Leben. Im Grunde ist nur der Mangel an mittheilbaren Stoff die Veranlassung, daß Dein letzter Brief, wie alle Deine Briefe für mich ein freudiges Ereigniß, so lange unbeantwortet blieb. Ich bin diese Ferien nicht verreist, sondern sitze in arbeitsamer Einsamkeit in Kösen, das meine Mutter und ich, um der Naumburger Cholera zu entgehen, seit vier Wochen bewohnen: während meine Schwester sächsischen Verwandten ihre Besuche macht. Zwar sind die letzten Tage schwer kalt; ich schreibe Dir im Überrock, mit einer Decke über meine Füße, da unser Zimmer keinen Ofen hat; doch hat dieser Zustand schon Sonnabend sein Ende, wo wir wieder nach Naumburg zurückkehren. Abgesehen von diesen letzten, kalten, nebeldichten Herbsttagen haben wir uns nur über liebenswürdig helles und warmes Wetter zu freuen. Einige Nachmittage waren so mild und sonnig, daß ich unaufhörlich jener einzigen und unwiederbringlichen Zeit gedenken mußte, wo ich, zum ersten Male vom Schulzwange frei, ohne die Fessel des nicht verbindenden Verbindungslebens, den Rhein mit dem freien stolzen Gefühl einer unerschöpflich reichen Zukunft sah. Wie schade, daß ich mich um diese wirkliche Poesie durch jene selbsteignen Qualen brachte, die dem unmündigen Studenten so leicht als Quellen der Freude erscheinen.
     Bei diesem Rückblick auf vergangne Zeiten bin ich übrigens nicht undankbar gegen die Gegenwart. Meine Wünsche sind im letzten Jahre durch die Wirklichkeit in meheren Punkten überholt worden. Wenn alsbald ein Umschlag eintritt, so darf ich nicht murren, sondern Unglück gegen Glück compensieren. Gerade durch den Gegensatz gegen das Bonnerleben ist mir das letzte Studienjahr in Leipzig so lieb. Während ich mich dort unverständigen Gesetzen und Formen fügen mußte, während mir Vergnügungen oktroyirt wurden, die mir widerstanden, während ein arbeitsloses Leben unter leidlich rohen Menschen mich mit tiefer Verstimmung erfüllte, hat sich in Leipzig unvermuteter Weise alles umgekehrt. Angenehme, liebe, freundschaftliche Beziehungen, unverdiente Bevorzugung von Seiten Ritschls, eine Anzahl mitstrebender Studiengenossen, gute Wirthsleute, gute Conzerte usw., wahrhaftig, hinreichend, um mir Leipzig zu einer sehr lieben Stadt zu machen! Daher kannst Du Dir mein Vergnügen vergegenwärtigen, als ich kürzlich im muthigen Ritter das Leipziger Tageblatt fand. Dies studiere ich täglich und eifrig, überlese die Speiselisten, die Conzertanzeigen, die Recensionen von Dr. E[mil] Kn[eschke], die Choleralisten, all’ die kleinen Zänkereien und Streitigkeiten, deren Organ jenes Blatt ist. Beiläufig erwähne ich, daß der Philosoph Leipzigs, Weiße, sowie der Aesthetiker, Flathe, auch jener Seuche zum Opfer gefallen sind, ebenso der Weinhändler Dähne. Vom alten Rohn bekam ich neulich einen längeren Brief, worin er mittheilte, daß er nicht zur Keuschen Auktion kommen könnte, weil er sein Geschäft in den Meßtagen „sauber pflegen müßte,“ außerdem „Vermehrung in nächsten Tagen!“ Womit er auf die zu erwartende Bereicherung seiner Familie in nächster Zeit hindeuten wollte. Die besagte Auktion ist auch glücklich ohne ihn vom Stapel gelaufen: die Preise waren sehr hoch, was den Bestrebungen der Calvaryschen Antiquariatshandlung und der Pförtner Lehrer zu danken ist. Letztere nämlich zahlten mitunter höher als der Ladenpreis war, indem sie in den Büchern des ehemaligen Collegen Keil sich selbst ehrten. Besonders kaufte Corssen für die Pförtner Bibliothek theuer genug. Der Coetus kaufte mit Begeisterung die Revolutionslitteratur des alten Keil auf und bot durchweg auf die unnützlichsten Bücher. Ich habe gegen 24 Thl. dabei ausgegeben, unter andern ist der Bernhardysche Suidas für 9 Thl. in meinen Besitz gekommen. Wichtiger ist mir diese Auktion dadurch geworden, daß ich einen Dr. Simon, den Socius der Calvaryschen Handlung kennen lernte und mit ihm wahrscheinlich ein großes Geschäft machen werde. Ich suche mir für mehere Hundert Thaler nach den umfassenden Catalogen Calvarys aus, und bezahle diese Summe in jährlichen Raten von 60 Thl. Auf diese Art komme ich in den Besitz einer hübschen Bibliothek. Du kannst es würdigen, wenn meine täglichen Gedanken sich längere Zeit auf den Erwerb einer Bibliothek gerichtet haben. Ohne eine solche ist nun einmal all unser philologisches Arbeiten Stückwerk.
     Mein Theognismanuscript habe ich noch einer letzten Revision unterworfen; seit zwei Wochen wird es in der Druckerei sein. Dindorf hat es auch durchgelesen. Der Titel ist: „Zur Geschichte der Theognideischen Spruchsammlung.“ Von Ritschl habe ich in diesen Ferien auch einen sehr freundlichen Brief bekommen. Meine lexikalischen Arbeiten habe ich mit sehr mangelhaftem Apparat begonnen; die Pförtner Bibliothek und Corssen haben mich unterstützt. Wenn ich nach Leipzig komme und Dindorf meinen Probebogen annimmt, so wird die Arbeit aus vollem Zeug begonnen. Doch lasse ich mich möglichst wenig in anderen Studien stören. Ich will mir vor allem noch die Hauptresultate der Sprachforschung aneignen, um mein Lexicon wirklich vom Standpunkte der modernen Philologie aus schreiben zu können. Es ist so, wie ich Dir neulich schrieb: Ritschl findet immer einen hübschen Weg, mich zum Arbeiten zu veranlassen.
     Du kennst den Dr. Richter; er gefällt mir sehr gut, und ich besuche in [ihn] gern. Der arme Mann hat litterarische Gegner, und darunter den höchst groben Lucian Müller. In Kürze erscheint eine Ausgabe der Tragödien Senekas von ihm, in denen er das bekannte eurhythmische Princip entdeckt zu haben glaubt. Die Urtheile Richters über Pförtner Zustände sind sehr richtig; lange haben wir uns neulich über das Pförtner Lügensystem unterhalten, das ihm die Pforte sehr verleidet und seinem aufrichtigen Wesen sehr zuwider sein muß.
     Wir können uns aber glücklich schätzen, daß wir noch in den Strahlen der untergehenden Sonne in Pforte gelebt haben. Die große Zeit dieser Anstalt ist völlig vorüber, die bestimmte Richtung einiger Regierungsbeamten, die Pforte zu dem Niveau andrer Gymnasien hinunterzudrücken, siegt vollkommen. Auch Peter wird es nicht mehr lange aushalten, nachdem jetzt nun auch der beste Lehrer der Anstalt, Corssen, seinen Abschied verlangt und erhalten hat. Vielleicht ist Dir dies eine Neuigkeit, jedenfalls eine schmerzliche. Denn das schöne Bild der Pforte lebt nur noch in unsrer Erinnrung. Was ist Pforte ohne Steinhart und Corssen. Letzterer geht nach Berlin, um dort seine großen Studien im Kreise von gelehrten Freunden fortsetzen zu können. Ich bitte Dich Jedem, der Corssen kennt, zu sagen, daß er nicht fortgeschickt worden ist, sondern daß man ihn sehr ungern fortgelassen hat, wenigstens von Seiten des Pförtner Collegiums. Schließlich hat man ihm noch die Herausgabe der Pförtner Alterthümer übertragen und ihm dazu 1500 Thl. bewilligt. Auch hat er die Absicht, einige Zeit nach Italien zu gehen. Ich freue mich, daß er sehr freudig in die Zukunft blickt. Wenn Du in Berlin sein solltest, so besuche ihn sicherlich. Seine Mutter wohnt Commandant.str. 40.
     Ueber Politik habe ich heute keine Lust zu sprechen, doch sage ich Dir meinen Dank für Deine Ergießungen im letzten Briefe, in denen Du genau meine Ansicht theilst. Übrigens sieht man Zeichen und Wunder allenthalben.
     Musik habe ich wenig getrieben, da ich in Kösen kein Klavier zur Verfügung habe. Dagegen hat mich der Klavierauszug der Walküre von Rich. Wagner begleitet, über die meine Empfindungen sehr gemischt sind, so daß ich kein Urtheil auszusprechen wage. Die großen Schönheiten und virtutes werden durch eben so große Häßlichkeiten und Mängel aufgewogen. +a+ (—a) giebt aber nach Riese und Buchbinder 0.
     Jetzt arbeitet derselbe Componist den Zeitungen nach an einer Hohenstaufenoper und läßt sich ab und zu vom König, „dem holden Schirmherr seines Lebens“, wie es in der Widmung heißt, besuchen. Es schadete übrigens nichts, wenn der „König mit dem Wagner gienge,“ (gehen in des Wortes verwegenster Bedeutung), natürlich aber mit anständiger Leibrente.
     Von Deussen höre ich nichts. Er schreibt nicht, deshalb hoffe ich, daß er noch nicht definitiv über nächstes Semester entschieden hat, folglich noch correktionsfähig ist. Der Kampf wider die Vorurtheile seiner Mutter mag nicht leicht sein. Ich werde mich sehr freuen, wenn er nach Leipzig kommt und ich ihm nach irgend einer Seite hin gefällig sein kann. Nächstes Semester höre ich griech. Grammatik bei Curtius, lateinische bei Ritschl, dann Paläographie bei Tischendorfs Gnaden (codd. lesen versteht er gründlich, und das ist abscheulich schwer). Im Theater ist der junge Wachtel als Tenor engagirt, also der Sohn des von uns bewunderten. Die Euterpedirektion ladet zum Abonnement ein und verspricht lauter bekannte Sachen.
     Die Universität hat den Anfang der Collegien drei Wochen lang hinausgeschoben. Was die Herren faul sind: Wie freudig sie sich hinter das Banner der Cholera stecken! Mich wird es nicht hindern, am 17 Oktober wieder in Leipzig einzuziehen. Am 13 verlasse ich Kösen und siedle nach Naumburg über.
     Damit ist heute meine karge Fülle an unbedeutenden Nachrichten bis zur Neige ausgeschöpft, und es bleibt mir nichts übrig als die Grüße zu referieren, die mir aufgetragen sind, die Grüße meiner Mutter, sowie der Pförtner Lehrer, Volckmann, Corssen, Peter, Koberstein usw.
     Über Deine glückliche Beförderung bin ich sehr erstaunt. Ich würde mich nicht wundern, wenn Du auch noch einen Orden erhalten hättest; denn ich kann mir denken, wie gern man Dich als Kriegsmann im Heere zurückhalten möchte.
     Zu Schluß ein solonisches Distichon, was sich zum Motto für Bismark eignet:
     ἔστην ἀμφιβαλὼν σάκος ἀμφοτέροισι,
          νικᾶν δ᾽οὐκ εἴασ᾽οὐδετέρους ἀδίκως.
„Hab einen mächtigen Schild vor beide Parteien gestellt: Steh ich und lass’ in Gewalt keiner von beiden den Sieg.“

Dein Freund
FW. Nietzsche


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BVN-1866,35

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Leipzig,] 31 OCTOBER 1866.


Liebe Mama und Lisbeth,

endlich kommt mein Brief und zwar ziemlich inhaltsarm; wenigstens giebt er Euch Gewißheit über mein Leben, wenn ich gleich hoffe, daß Ihr Euch darüber keine Zweifel gemacht habt. Sonst enthält er nichts als was meine Arbeiten betrifft, dergleichen Dinge Ihr zwar nebenbei mit in den Kauf nehmt, aber ungern genug.
     Unser Kösener Leben, sowie überhaupt dieses letzte in Eurer Nähe zugebrachte Vierteljahr, ist mir in seiner naiven Harmlosigkeit eine angenehme Erinnerung, vornehmlich deshalb, weil ich gemächlich arbeiten konnte und nicht zu oft mit den unvermeidlichen Vergnügungen der Städter belästigt wurde; als welche ich [in] zu engem oder gar gepumpten Fracke einherzugehen pflegen. Hier in Leipzig bin ich wieder in meine alte Ordnung eingetreten oder vielmehr in eine ordentlichere Ordnung als z.B. in diesem Sommersemester, das durch seine kriegerischen Aufregungen auch den Frieden der Studierstube recht unliebsam unterbrach und verwirrte. Besonders bin ich befriedigt darüber, eher hier eingetroffen zu sein als die ganze Schaar der „Musensöhne“ und die alltäglichen Collegien sich wieder bei einander eingefunden haben. Einige meiner näheren Bekannte, wie Windisch, Roscher, Romundt sind auch schon hier, und so vermisse ich auch den Umgang mit Freunden nicht.
     Dindorf habe ich einen, Ritschl zwei Besuche gemacht und bin von beiden mit sehr viel Freundlichkeit aufgenommen worden. Ich hoffe, daß die Aeschylusangelegenheit einen guten Gang nimmt und zwar so, daß ich mir nichts Übermäßiges aufbürde und nicht zu viel Verantwortung trage, dabei aber anständig honorirt werde. Wenn Du Dich erinnerst, liebe M., was ich nach Dr. Simons Vorstellung und nach der allgemeinen Sitte von einem Verleger bei dem ersten Werk fordern kann — nämlich gar nichts —, so wird Dir die Summe von c. 500 Thl. ziemlich beträchtlich vorkommen; diese will mir Dindorf bei Teubner durch seinen Einfluß auswirken. Also ungefähr ist der Bogen mit 10 Thl. bezahlt. Dabei ist die Arbeit eine viel leichtere als ich mir vorgestellt hatte und, wie gesagt, auch die Verantwortung ist eine geringere. Einige andre kleinere Arbeiten, wo ich aber mehr mit dem Kopfe leisten muß, als in der Aeschylusarbeit mit der Hand, zeigen sich auch wieder — Dank Ritschl — in der Ferne. Durch die Empfehlung des genannten Mannes habe ich auch jetzt Zutritt zu der Rathsbibliothek Leipzigs und zu ihren zahlreichen Handschriftlichen Schätzen. Dort bin ich oft in den Nachmittagsstunden und vergleiche eben einen Codex des 11ten Jahrhunderts.
     Auch die Universitätsbibliothek muß mir täglich Bücher ausspeien, und doch fehlt mir immer so viel. Dindorf verlangt, daß ich eine leidliche Bibliothek besitze dh. er hält es ebenso für nothwendig wie ich selbst. Von Simon habe ich nun Nachricht aus Berlin, werde aber doch nicht auf seine Propositionen eingehen. Nämlich: außer den besagten 60 Thl. jährlich sind immer noch die Zinsen der übrigbleibenden Summe nachzuzahlen, so daß ich zwar 500 Thl. Bücher sogleich bekomme, diese aber in 12 Jahren mit 720 Thl. c. bezahle: was mir doch zu unpraktisch vorkommt, wie ihm übrigens selbst. Dagegen wirst Du, sowie der Vormund nichts dagegen haben, wenn ich mir in Hinblick auf die zu erwerbenden 500 Thl. etwa für 60 Thl. die nötigsten Bücher zulege. Worüber ich nächstens an ihn schreiben werde.
     Aus Pforte habe ich noch keine Nachricht: Du wirst mir einen Gefallen thun und einmal an Schenk schreiben: „er möge zu dem Hausverwalter gehen, ihm sagen, daß mir kein Schreiben aus Pforte zugekommen wäre, daß ich zu wissen wünschte, was ich ihm zu schicken hätte, wenn ich das betreffende Stipendium bekommen sollte.“
     Zuletzt bitte ich Euch, in Betreff meiner Angelegenheiten gegen jedermann stumm zu sein; auch gegen solche, die zum Theil etwas davon wissen. Ich studiere in Leipzig, und es geht mir leidlich: dies beides ist kein Geheimniß, und Ihr dürft es sagen. Ebenso daß der grünweiße Patriotismus in Sachsen blüht, daß grünweiße und schwarzrothgoldne Fahnen an den Häusern flattern und neulich die ersten sächsischen Truppenzüge von vielen Tausenden auf dem Bahnhofe empfangen wurden. „Jetzt haben wir zwei Könige“ sagt der gemeine, aber aufgeklärte Mann, während andre gemeine ungeklärte Männer schon wieder wedeln und kriechen und Hymnen auf ihren Johann den Seifensieder singen.
     Wegen letzterer Äußerung könnte ich übrigens der Majestätsbeleidigung beschuldigt werden. Es lebe der Rautenkranz mit den preußischen Raupen darin!

Euer Friedrich Nietzsche, als Sohn
und Bruder.


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BVN-1866,36

An Georg Curtius in Leipzig (Entwurf)

[Leipzig, November/Dezember 1866]


Hoch[verehrter Herr Professor,]

Was ich Ihnen neulich über Prof. Corssen mittheilte, muß ich dahin berichtigen, daß er bis Weihnachten ungefähr noch in Pforte bleiben wird. Er hat seinen früheren Entschluß wie ich höre inzwischen geändert; jedenfalls bitte ich Sie mir nicht die Unrichtigkeit meiner neulichen Angabe zur Last zu legen.
     Ich benutze diese Gelegenheit, um Ihnen auf diesem Wege ein paar Vermuthungen mitzutheilen, die das schöne, jedenfalls auch in Ihrem Colleg ausführlich behandelte Danaelied des Simonides betreffen.
     Der Anfang wird im cod. G[uelf.] so überliefert:
     ὅτε λάρν[ακι ἐν δαιδαλαίᾳ
     ἄνεμός τε μὴν πνέων κινηθεῖσα δὲ λίμνα
     δείματι ἔριπε]
     Es ist wirklich einmal übersetzt worden cum mare prae terrore concideret: was man nicht glauben sollte. δείματι ἤριπε kann natürlich nur von der Danae gesagt werden. Dann aber fehlt das von ὅτε abhängige Verbum;
     Wie wenn der Dichter geschrieben hätte:
     ὅτε λαρν[ακι δαιδαλέᾳ
     ἄνεμός τ᾽ἐμάνη πνέων
     κινηθεῖσά τε λίμνα,
     δείματι ἤριπεν]
     Vom „Rasen“ des Meeres zu sprechen ist gewiß nicht auffällig: von Beispielen ist mir nur zur Hand insanientem — Bosporum des Horaz od III. 4, 30 und ὥσπερ θάλασσα-μαίνεται Sim. Amorg. 7,37 ss. Bergk. Doch werden sich leicht mehrere finden lassen: ich übersetze also: als in dem kunstvollen Kasten der brausende Sturm raste und die bewegte See, da sank sie vor Furcht nieder usw.
     κνώσσεις ἐν ἀτερπεῖ δούρατι χαλκεογόμφῳ δὲ νυκτιλαμπεῖ κυανέῳ τε δνόφῳ κτλ. Es scheint als ob sich Bergk bei der Conjektur des alten Ilgen beruhigen wollte νυκτὶ ἀλαμπεῖ. Aber wer mag wohl dem Simonides ein Tautologie wie diese zutrauen νυκτὶ ἀλαμπεῖ κυανέῳ τε δνόφῳ. Würden Sie Sich aber nicht über den schönen, allerdings kühnen Ausdruck freuen wenn Sie fänden
                    — κνώσσεις ἐν ἀτερπεῖ δούρατι•
                    χαλκεογόμφῳ δὲ νυκτὶ λάμπεις
                    κυανέῳ τε δνόφῳ ταθείς

schlummerst du im freudlosen Kasten: du leuchtest aber in erzgefügter Nacht (den Kasten muß man sich geschlossen denken: es kann bloß von der Dunkelheit im Kasten die Rede sein. Der kleine Perseus ist für sie gleichsam ein Stern in dem Dunkel, [ihres Leides)

ergeben


     Über Theognis wird das nächste Heft des rhein. Mus. einen Aufsatz von mir bringen.


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BVN-1866,37

An Hermann Mushacke in Berlin

Leipzig im Novemb. 1866.


Lieber Freund,

Dein vortrefflicher letzter Brief, mit dem Du meinen Geburtstagstisch schmücktest, war der einzige, der meine Freunde vertrat und erinnerte mich recht lebhaft an die vielen Stunden der Anregung, der Erhebung und der innerlichen Freude, die ich ihnen so reichlich schulde: und wenn er mir gerade Dein Bild am deutlichsten vor die Seele rief, so liegt die Ursache dazu sehr nahe.
     Zugleich empfieng ich durch Deine Güte die erbetenen Programme, aus denen ich immerhin einiges gebrauchen kann: im Allgemeinen muß man ja diese aeschyleischen Arbeiten solcher Art sehr vorsichtig aufnehmen, da sich unter hundert κριτικοὶ kaum zwei γνήσιοι und 98 νόθοι befinden.
     Heute habe ich Dir etwas andres vorzulegen. Es wäre mir nämlich sehr interessant, über folgende Stellen des Properz sowohl Deine als Haupts Ansichten zu hören, und zwar wenn es Dir paßt, recht bald.
     III 25, 17 (nach der Hauptischen Ausgabe citirt)
     IV. 8, 26
     V. 9, 68.
     Worauf es ankommt, wirst Du wissen und ich füge deshalb kein Wort hinzu.
     Ich bin also seit Mitte Oktobers in Leipzig und habe eine Reihe von ruhigen und arbeitsamen Tagen durchlebt. Seit dem 5 t. November haben auch die Collegien wieder ihren Anfang genommen, die mir recht ersprießlich zu sein scheinen. Sowohl Ritschls lat. Grammat. obwohl von mir schon gehört, als auch Curtius’ griechische Grammat. und griech. Lyriker haben ihre anziehende Seite; wenn ich noch Tischendorfs Paläographie nenne, so weißt Du alles, was ich höre.
     Außerdem bin ich regelmäßig Montags Mittwochs und Sonnabends in den Nachmittagsstunden auf der Stadtbibliothek, wo ich durch Ritschls Verwendung Zutritt zu dem reichen Handschriftenschatze habe. Hier bin ich bis jetzt mit der Collation einer Orosiushdsch und eines Terenz aus dem 10t. Jh. beschäftigt gewesen. So beschränkt auch die guten Sachsen in politischer Beziehung sind, und so abscheulich auch die Anfeindungen unsrer Gesinnungsgenossen — der Biedermänner, Freitage — sich ausnehmen, freundliche und gefällige Bibliothekare bringt Sachsen hervor; der alte Naumann ist ein Muster von Zuvorkommenheit, wie ebenfalls auf der Universitätsbibliothek sich unser Pückert auszeichnet, den Du ja auch noch kennst. Der „Diskusschwinger“ ist zu meiner Freude dort nicht mehr sichtbar.
     Immer mehr gewöhne ich mich an das gute Leipzig und ich fürchte, daß ich nicht so schnell wieder von hier weggehe. Mit welchem Rechte ich das sage, wird Dir am Schlusse des Briefes deutlich sein.
     In diesem Winter soll alles Mögliche gethan werden. Insbesondere gedenken wir unserem Verein einen besonderen Schwung zu geben, so daß er, wie eine Kugel, noch über einige Semester hinaus fortläuft, die wir, die Gründer, vielleicht nicht mehr in ihm zubringen können. Ich denke viel über eine Erweiterung nach; unser Ziel soll sein „eine Vereinigung aller wirklich strebsamen Philologen in Leipzig“. Zu diesem Zwecke haben wir auch 12 Stellen für außerordentliche Mitglieder festgesetzt, und ich habe für meinen Theil besonders eine Anzahl Pförtner dafür in Aussicht. Mein nächster Vortrag soll sich auf eine „Theorie der Interpolationen in den Tragikern“ beziehen; es ist, wie ich meine, nützlich, sich über die einzelnen Species der Interpolation klar zu machen, über die Tragweite einer Jeden, besonders über einige Voraussetzungen, über die interpolatorische Thätigkeit der Schauspieler, über das vielbesprochne Staatsexemplar der Tragiker usw.
     Sodann habe ich mit Romundt und zwei Pförtner zusammen, die sich alle drei in dem bekannten philologischen Mauserzustande befinden, einen Abend verabredet, an dem wir gemeinsam die Choephor. des Aeschylus lesen und zwar möglichst κριτικῶς. Wir wissen ja aus eigner Erfahrung, wie lästig jener Zustand ist, wo die Endlosigkeit des Studiums und die augenblickliche Erfolglosigkeit des eignen Arbeitens einem zum Bewußtsein kommt: vielleicht kann man da durch gegenseitige Unterstützung sich etwas nützen.
     Endlich bin ich auch Mitglied der Ritschlschen Societät und zwar zusammen mit beinahe den meisten ordentlichen Mitgliedern unsres Vereines, so daß diese Institute jetzt mit einander fast Hand in Hand gehen. Dort werden wir die Thesmophoriazusen lesen, auf die ich mich recht freue. Der alte Ritschl ist jetzt wieder bei Kräften, nach dem er längere Zeit am Halse gelitten hat und auch einmal von der Bibliotheksleiter gefallen ist. Er giebt gegenwärtig eine Sammlung seiner Opuscula heraus, von denen der griechische Theil in Kürze erscheinen wird. Man ordnet seine Papiere, wenn man am Ende seines Lebens steht.
     Zum Schluß muß ich Dir noch eine besondere Liebenswürdigkeit von ihm erzählen. Du weißt, daß ich mich mit Laertius Diogenes beschäftigt habe und beschäftige, auch mit Ritschl hier und da einmal darüber gesprochen habe. Vor einigen Wochen fragte er mich ganz mysteriös, ob ich wohl, wenn von einer andren Seite eine Aufforderung käme, einmal über die Quellen des Diog. La. schreiben möchte: was ich natürlich mit Freuden bejahte. Vor einigen Tagen erschienen die Preisthematen der Universität, und das erste, auf das mein Auge fällt, lautet „De fontibus Diogenis Laertii.“
     Das ist also meine zweite größere Arbeit, die allerdings mehr Umfang hat und mehr Mühe macht als meine Theognisquisquiliae, die aber ungemein fruchtbar gemacht werden kann und alle möglichen Gebiete berührt. In dieser vortrefflichen Weise sorgt Ritschl für mich. Es ist jetzt dadurch wahrscheinlich geworden, daß ich etwa im nächsten Winter, also 1867 hier in Leipzig mein Doktorexamen mache und also erst nachher nach Deinem Berlin kommen kann, um dort auch Deine deliciae, Haupt vornehmlich, genießen zu können.
     Sehr dankbar muß ich auch Ritschl dafür sein, daß er mich mit W. Dindorf bekannt gemacht hat, der mich in der wohlwollendsten Weise, ja mit offenen Armen aufnimmt. Meine Aeschylusarbeit hat nach längerer Besprechung mit ihm und Ritschl und nach reiflicher Überlegung mit mir selbst diese Aussichten: die Arbeit erscheint auf Dindorfs consilium, also auch auf seine Verantwortung. Es gilt einen index zu machen, kein kritisches Wörterbuch, für das meine Kräfte schlechterdings nicht ausreichen. Teubner soll mir ungefähr 500— 600 Thl. dafür zahlen, wovon c. 200 in Büchern. Das würden die Bedingungen sein; nicht wahr, sie sind sehr günstig? Die Arbeit ist eine mechanische, aber ich erwarte mir trotzdem Kenntnisse, Bücher und Geld dafür, und vor allem Dindorfs Bekanntschaft und Teubners Verlag. Über alle diese Dinge bitte ich Dich um altum silentium.
     So viel ich höre, ist jetzt unser Gersdorff in Berlin und bereitet sich auf sein Offizierexamen vor. Da ich gar nicht weiß, ob er meinen letzten Brief von Anfang Oktober erhalten hat, es auch durch seinen Bruder der wieder in Leipzig ist, nicht erfahren kann, so bist Du wohl so freundlich, ihm meine besten Grüße zu sagen. Er mag allerdings sehr beschäftigt sein.
     Auch Du wirst wohl dieses Semester erstaunlich viel zu thun haben: ist es nicht Dein letztes? Für diese überaus peinliche Zeit der Vorbereitung zum Examen wünsche ich Dir Heiterkeit und Gesundheit, vor allem aber eine gewisse Verachtung derartiger Examina, von denen auch Schopenhauer möglichst schlecht denken würde. Wenn ich Dir nur die geringste Gefälligkeit erweisen könnte! Brauchst Du nicht ein Buch oder eine Collation oder irgend etwas? Vielleicht macht Dir ein langer, sehr interessanter Aufsatz von Lachmann geschrieben und nicht gedruckt ,Euphrons Gedanken über das Institut der Philhellenen‘ einigen Spaß, und ich werde mir erlauben, ihn Dir mit den Programmen usw. in Bälde zuzuschicken.
     Zum Schluß bitte ich Dich nur noch um recht schnelle Beantwortung der Fragen auf Seite 2., über deren Bedeutung ich Dir später schreibe. Mit den verbindlichsten Empfehlungen an Deine verehrten Eltern und Frau Großmutter verbleibe ich

Dein dankbarer Freund
F. W. N.


     NB. Das bedeutendste philosophische Werk, was in den letzten Jahrzehnten erschienen ist, ist unzweifelhaft Lange, Geschichte des Materialismus, über das ich eine bogenlange Lobrede schreiben könnte. Kant, Schopenhauer und dies Buch von Lange — mehr brauche ich nicht.


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BVN-1866,38

An Hermann Mushacke in Berlin (nicht abgeschickt)

[Leipzig, Dezember 1866]


Lieber Freund,

Es ist doch die vortrefflichste Zeit des Jahres, in der wir jetzt stehen: je älter wir werden — und man wird bedauerlicher Weise sehr schnell alt — um so ferner stellen wir uns zwar zu der sogenannten „Bedeutung“ dieser Zeit, aber die Erinnerung an die glücklichen Empfindungen der Kindheit sichert dieser Zeit auch in späteren Jahren ein herzliches Willkommen. Man sieht so viele hoffende, freundliche, kindlich erregte Gesichter, überall sieht man den geheimen Wunsch, jemanden zu erfreuen und glücklich zu machen, man giebt Geld aus für unnütze Dinge, man schenkt, während man sonst nur bezahlt — und nun verläumde einer noch die Zeit, in der ein ideales, willenverneinendes (speziell Geldbeutel-reinigendes) Moment waltet und wirkt und zwar mitten in den egoistischen Strömen des 19t. Jhds, und zwar durch den Einfluß — der Religion, wie mein orthodoxer Onkel dazuzusetzen sich nicht versagen würde.
     Doch meine Absicht ist keineswegs, diesen Päan noch länger fortzusetzen, dergleichen uns die Zeitungen täglich en masse darzubringen pflegen. Vielmehr wollte ich mich mit Dir etwas gemächlich unterhalten, und wenn da ein überflüssiges Wort von meiner Seite mit hinzufließt, so wirst Du es verzeihen, da Du an Ähnliches bei mir leider schon gewöhnt sein mußt. Außerdem weißt Du, daß „bejahrte Leute“ (nach meiner ersten Briefseite) auch das Recht haben, etwas geschwätzig zu sein.
     In den letzten Wochen habe ich nichts so sehr in Leipzig vermißt als eben Dich selbst, und zwar aus folgendem Grunde. Nach den vielen Gefälligkeiten, die Du mir erwiesen hast, lechze ich darnach, Dir mit einer Entgegnung zu gefallen zu suchen, und das Schicksal resp. Ritschl hatte eine Gelegenheit dazu in mein Garn getrieben, für den Fall, daß Du in Leipzig seist.
     Er hatte mir nämlich ein hübsches Thema für eine Doktordissertation gegeben, um einen Freund von mir für dasselbe ausfindig zu machen. Mein erster Gedanke warst Du natürlich: so höre denn, ob es Dir behagt.
     Wir haben in der Ausgabe des Stobäus von Meinecke alles Gnomologische zusammen, mit einer Ausnahme. Die Spruchsammlungen des Maximus Confessor und Antonius Melissa sind zum letzten Male, soviel ich weiß, im 17t Jhd. herausgegeben und zwar untereinandergemischt. Nun hat Ritschl die editio princeps sich verschafft; es wird wohl auch möglich sein, einen codex selbst sich kommen zu lassen oder auch eine Collation zu verschaffen. Also Stoff zur Doktordissertation: 1. Die Geschichte des Textes, also codd. und edd. 2. was ganz interessant und sehr belehrend ist, die Quellen nachzuweisen, die die besagten Mönche für ihre Sammlungen benutzt haben, also die älteren Gnomologien, Stobaeus an der Spitze, für den sich vielleicht textlich etwas gewinnen läßt. Darauf würde dann eine Herausgabe der Sammlungen (natürlich nur der profanen Bestandtheile: sie enthalten auch viel Kirchliches) folgen, unabhängig von der Dissertation.
     Gefiele Dir dies Thema, so wäre es am Ende auch möglich, daß Du in Berlin daran arbeitest: Ritschl kann ja nichts dagegen haben. Solltest Du also auf den Vorschlag eingehen — was ich nicht rathen, aber wohl freundschaftlich wünschen darf — so gieb mir eine kurze Notiz. Ich gehe dann direkt zu Ritschl, der sehr gern darauf eingehen muß; ich schreibe Dir wieder, Du bekommst, was Ritschl an Material hat und bist vielleicht im neuen Jahre einmal im Stande, Ritschl zu besuchen: was der alte Mann sehr gern hat. Vorbildlich für eine derartige Arbeit ist etwa Ritschls Aufsatz über das Gnomologium Vindobonense, Bonner indices vom Jahr 1839 und 40 (auch im demnächst erscheinenden fasciculus II seiner opuscula). Die besten Hdschr. für Maximus Confessor etc. sind Laurent. VII. 15 (sec. XI) und XI. 14 (sec. XII) cf. Rose Aristot. pseudepigr. p. 607. Nützlich: O. Bernhardt „zur Gnomologienlitteratur“. Sorau, aus den letzten Jahren.
     Dies empfehle ich somit Deiner Überlegung: gefällt Dir der Vorschlag, so machst Du niemandem eine größere Freude als mir.
     Wird es Dich nicht wundern, daß Deussen noch nicht — mein letzter Brief war aus Anfang September oder Ende August — es für gut hält, mir zu antworten? Ja daß ich selbst von Gersdorff seit Oktober keine Nachricht bekommen habe? Letztere[r] hat ebenso sicher dafür eine triftige Entschuldigung, wie ersterer keine hat. Ich würde längst an Deussen geschrieben haben, wenn ich nur wüßte, wo er lebte.


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BVN-1866,39

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Leipzig]: am 18 Dez.des Jahres 1866.


Liebe Mama und Lisbeth,

ich bin sehr erfreut darüber, bis diesen Moment noch keinen Brief von Euch bekommen zu haben; was mir für das Befinden der Tante Rosalie neue Hoffnungen giebt. Wenn Ihr irgend eine Erquickung ausfindig machen könnt, so überreicht sie ihr in meinem Namen und auf meine Rechnung.
     Heute sollt Ihr Nachricht über mein Kommen empfangen: es wird nicht eher möglich sein, als nächsten Sonntag um 11 Uhr, also um die Zeit, in der ich Sonntag vor 8 Tagen bei Euch eintraf. Sehr große Bedenken habe ich wegen des Büchertransportes, zu dem es mir einstweilen an einer passenden Kiste fehlt. Auch wird es hübsch theuer werden.
     Da Ihr mir meiner eignen Weihnachtsgeschenke halber ziemlich freie Hand gelassen habt, so habe ich mir für eine bescheidne Summe (etwa 4—5 Thl), die ich, wenn es nöthig ist, auch selbst decken kann, einige nützliche Bücher gekauft und werde sie, falls mich der Buchbinder nicht im Stich läßt, selber mitbringen, damit Ihr sie mir bescheeren könnt. Paulys Realencyklopädie, nach der ich verlangte und verlange, ist unter 27 Thaler nicht zu beschaffen, so daß ich mich hier einstweilen resigniert habe.
     Sonst wünsche ich uns allen erquickende und ungetrübte Weihnachtstage, mir persönlich aber Zeit und Lust und Erfolg in meinen Arbeiten.

Euer Fr.


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BVN-1866,40

An Friedrich Ritschl in Leipzig

Naumburg, am 28. Dec. 1866.


Hochverehrter Herr Geheimrath,

die Naumburger Briefträger haben mich noch nicht im Stich gelassen und auch heute morgen Ihre verehrten Zeilen pünktlich meinen Händen überliefert. Ueberhaupt scheinen sie nicht an genauere Adressen gewöhnt zu sein. So kommt es, daß ich selbst unsre Hausnummer nicht kannte und sie eben jetzt erst in Erfahrung gebracht habe: Weingarten 355.
     Ich bedaure vornehmlich, daß meine Nachlässigkeit zum Theil der Anlaß Ihres Briefes ist. Wenn auch die drei Bücher mit in meine Ferien gewandert sind, ohne hier gerade Ferien zu feiern, so haben sie doch mit meiner Schuld den viel wichtigeren Dienst verabsäumt, den sie Ihnen zu leisten haben. Wie ich hoffe, werden sie morgen wieder in Ihren Händen sein.
     Schließlich verspreche ich schleunige Besorgung der Revision und unterzeichne mich als dankbarer Schüler, der die wärmsten Wünsche für Ihr Wohl zugleich mit so vielen Andern im Herzen hegt,

Friedrich Nietzsche.


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BVN-1866,41

An Friedrich Ritschl in Leipzig (Entwurf)

[Naumburg, vermutlich 29. Dezember 1866]


Meine Lieben,

Mit den durchgesehenen Druckbogen kommen auch zwei Bitten zu Ihnen, die Ihnen vorzutragen ich mir nicht versagen darf. Am Ende der Seite 190 meiner Arbeit fehlen zwei Zahlen; da ich diese aus dem Gedächtniß unmöglich ergänzen kann, so ersuche ich Sie die Lücke auszufüllen, obwohl ich mich schäme Ihnen diese Zumuthung zu machen.
     Zweitens geschähe mir ein besonderer Gefalle, wenn ich einige Abzüge meines Aufsatzes bekommen könnte. Doch weiß ich nicht, was hierin Sitte ist und was ich billigerweise wünschen darf.
     Die zwei Programmbände sowie Wachsmuth de Timone Phliasio werden, wie ich voraussetze, heute bei Ihnen angelangt sein. Mit dem besten Dank für deren Benutzung empfiehlt sich Ihnen auf das Angelegentlichste — — —


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BVN-1866,42

An Unbekannt, fragmentarischer Entwurf (1866—1872)

Mein lieber Freund,

sind es heute auch einige Geschäfte und Bitten, die mich


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BVN-1866,43

An Unbekannt (fragmentarischer Entwurf)

1866—1867?


Lieber Freund,

an einem jener trüben, düstern, schneeigen Nachmittage, die den Engländer in die begeisterte Selbstmordmanie versetzen und uns je nach der Laune ebenso verstimmen als [+ + +]</WRAP>

[+ + +] gemütlich anheimeln können [+ + +]


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BVN-1866,44

An Unbekannt (fragmentarischer Entwurf)

1866—1867?


Geehrter Herr Dr.

Indem ich auf eine Unterredung bezug nehme — — —
— — —
Palimpsest
                    [Unterschrift]


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BVN-1866,45

An Unbekannt (fragmentarischer Entwurf)

1866—1867?


Lieber Freund,

hoffentlich irrt sich mein Gedächtniß über Deinen Geburtstag nicht — — —


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BVN-1866,46

An Unbekannt (fragmentarischer Entwurf)

1866—1867?


Hochverehrter Herr Professor,

daß Sie sich unserer noch freundlich erinnern, bezeugte mir noch jüngst — — —


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de/nietzsche/briefe/1866/1866.txt · Last modified: 2017/02/11 09:09 by babrak