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1867

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BVN-1867,1

An Hermann Mushacke in Berlin

Naumburg am 4t. Januar 1867.


Lieber Freund,

recht wohl weiß ich, daß in einem meiner Kästchen in Leipzig ein fertiger Brief an Dich liegt: doch fühle ich heute ein solches Bedürfniß, mich mit einem meiner Freunde zu unterhalten und mich im Briefschreiben aufzuheitern, daß ich lieber noch einen neuen Brief schreibe. Und dazu ist ja auch Anlaß reichster Fülle da. Zunächst sind es die üblichen Neujahrswünsche, die erledigt werden sollen. Aber wahrlich, es ist mehr als Gewohnheit, wenn ich Dir heute meine herzlichen Wünsche darbringe. Denn Du hast dieses Jahr einen wichtigen Schritt vor, bei dem das Herz eines Freundes nie gleichgültig bleiben kann. Ich bitte, daß Du auch Deinem verehrten Vater, Deiner lieben Frau Mutter und Großmutter meine Gratulationen aussprichst.
     Zweitens schicke ich Dir endlich die Programme wieder und habe leider nichts anderes als ἀντίδοτον zu senden als den schon erwähnten schriftlichen Aufsatz von Lachmann, der für einen Lachmannomanen allerdings mehr Werth hat als für Dich; er ist nämlich, bei Seite gesagt, nicht viel werth, wenn Du den subjektiven und (allenfalls) den culturhistorischen Werth abrechnest. Wie er in meine Hände gekommen ist „auf mannigfach verschlungenen Wegen“, wie er aus Rußlands Innerem und aus dem Nachlasse eines Selbstmörders stammt, erzähle ich Dir ein anderes Mal.
     Drittens hätte ich Dir etwas Angenehmes mitzutheilen, falls Du jetzt in Leipzig studirtest. Ritschl hat mir nämlich 2 Themata höchst gefälliger Weise zu Gebote gestellt, um ein paar Freunde für deren Bearbeitung ausfindig zu machen; leider nur unter der schon angegebnen Bedingung. Natürlich dachte ich zuerst an Dich, aber sah zugleich ein, daß es vergeblich sei. Also möglicherweise hätte ich Dir einen kleinen Dienst erweisen können, „doch das Schicksal will es nicht“. Jedes dieser Themata ist hinreichend für eine Doktordissertation, und veranlaßt darauf eine Herausgabe. Es nützt nichts, Dir die Themata zu nennen.
     Viertens bin ich Dir noch Näheres schuldig über einen Stoff, für den Du Interesse hast, über eine systematische Behandlung der Interpolationen, mit denen die griechischen Tragiker versetzt sind. Es war ursprünglich meine Absicht, darüber meinen nächsten Vortrag im Verein zu halten. Doch habe ich mich in diesen Ferien anders besonnen und einen Aufsatz über die πίνακες der aristotelischen Schriften ausgearbeitet, der z. Th. einen Nachtrag zu meinem letzten Vortrag über die biographischen Quellen des Suidas bildet. Wenn es Dir aber recht ist, so schreibe ich hier flüchtig das Gerippe jener Interpol.theorie nieder, was Dir übrigens sehr alltäglich und ruppig vorkommen wird.
     Einleitung. Drei Zeiten und drei Arten der Interpolation:
               1. der Schauspieler
               2. der Gelehrten
               3. der Schreiber (also aus Irrthum)
     1. Hauptstück. 3 Tendenzen der schauspielerischen interpolatio.
               a) etwas Mißfälliges am Dichter,
                              1) aesthetisch
                                                             mißfällig
                              2 ethisch
                    soll weggeschafft werden. Oder das veränderte Bühnenwesen verlangt eine Änderung des Stückes.
               b) es sollen zeitgemäße Anspielungen hineingebracht werden
               c) der Schauspieler will seine Rolle verstärken und will Glanzparthien und Effektstellen sich schaffen.
     2. Tendenz der gelehrten Interpolation
               a) sie will etwas dunkles erklären
               b) etwas Lückenhaftes ausfüllen
     3. Tendenz der Abschreiberinterpolation.
               Ist nicht, vielmehr zieht er aus Irrthum γλωσσήματα in den Text.
     Methode, die verschiednen Interpolationen zu erkennen.
     zu 1. a und b) Es müssen ἀναχρονισμοὶ nachgewiesen werden.
     zu 1. c.) Alles Überflüssige muß (zB. bei Euripides) zusammengestellt werden nach verschiednen generibus. Der Schluß ist hier immer ziemlich unsicher.
     zu 2.) und 3) ist Heimsoeth lehrreich, aber übertrieben.
Hülfsmittel zur Erkenntniß von Interpolationen
     1) zB. die Scholien. Welchen Werth das athenische Staatsexemplar hat, das nach Alexandria gekommen ist, setzt sehr schön auseinander Korn, de publico Aeschyli Sophoclis Euripidis fabularum exemplari, Bonnae 1863, das ich Dich ja zu lesen bitte. Bei dessen Lektüre fallen einem viele Gesichtspunkte ein zB. sind die scenischen Bemerkungen der Scholien auf wirklicher Tradition beruhend oder verdanken wir sie nur der ratio einiger Grammatiker? (Wahrscheinlich beides: es werden sich unter den Beispielen einzelne genera unterscheiden lassen.)
     2) Beobachtung moderner Schauspieler und der Regisseure.

     Sei mir über diesen langweiligen Abriß, den jeder besser machen kann, nicht böse.
     In diesen Ferien habe ich auch die Grundzüge meiner Laert. Diog.arbeit niedergeschrieben, die noch sehr der doctrina, stellenweise der ratio ermangeln. Doch ist es sehr nützlich, sich auf diese Art die Lücken klar zu machen, und deshalb bin ich damit zufrieden.
     Auch habe ich das leidige Vergnügen gehabt, die letzte Revision der Druckbogen vorzunehmen. Es sind 40 Seiten, also herzlich wenig. Daß jemand recht gründlich und geringschätzig widerspräche, wäre mir nicht zu erwünscht, aber doch noch erträglich. Es giebt noch schlimmere Möglichkeiten, aber auch noch bessere.
     Von meinen anderen Freunden höre ich nichts mehr. Gersdorff ist auf das eifrigste beschäftigt und wird oder hat sein Offizierexamen gemacht. Sicherlich hat er genügende Gründe, warum er nicht schreibt.
     Deussen hüllt sich seit meinem letzten Briefe im September oder August in tiefes Schweigen, ja in Nacht und Finsterniß, so daß mir sein Aufenthaltsort, sein Studium, selbst seine Existenz fraglich geworden ist. Doch will ich in diesen Tagen einmal an seine Eltern schreiben.
     Schließlich habe ich keinen Grund, Dir zu verhehlen, daß ich heute sehr traurig gestimmt bin. Gestern um diese Zeit nämlich stand ich am Sterbebette meiner Tante Rosalie, die, um es kurz zu sagen, nächst meiner Mutter und Schwester die bei weitem intimste und nächste Verwandte von mir war, und mit der ein großes Stück meiner Vergangenheit, besonders meiner Kindheit von mir gegangen ist, ja, in der unsre ganze Familiengeschichte, unsre Verwandtschaftlichen Beziehungen so lebendig und gegenwärtig waren, so daß nach dieser Seite hin der Verlust unersetzlich ist.
     Dazu ein überaus schmerzliches Krankenlager, einige Stunden vor ihrem Tode noch ein Blutsturz. Es war in der Dämmerung, draußen wirbelten die Flocken, sie saß im Bette ganz aufgerichtet, und allmählich kam der Tod mit all den traurigen Anzeichen: was einmal mit vollem Bewußtsein mit angesehn zu haben, eine eigenthümliche Erfahrung ist, die sich nicht so schnell aus dem Kopf verliert.
     Wenn darum mein heutiger Brief etwas morose und traurig ist, so verzeih es den Umständen, unter denen er geschrieben ward.

Dein Freund
Friedrich Nietzsche.


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BVN-1867,2

An Carl von Gersdorff in Spandau

Leipzig Mittwoch. [16. Januar 1867]


Mein lieber Freund,

es war ebenfalls in den ersten Tagen des Januars, wo auch ich in Naumburg an einem Sterbebette stand, an dem einer nahen Verwandten, die nächst Mutter und Schwester die nächsten Anrechte auf meine Liebe und Verehrung hatte, die treulich an meinem Lebenswege Antheil genommen hatte, und mit der ein ganzes Stück meiner Vergangenheit und vornehmlich meiner Kindheit von uns gewichen ist. Und doch, als ich Deinen Brief empfieng, mein lieber, armer, schwergetroffner Freund, ergriff mich ein viel heftigerer Schmerz: war doch auch der Unterschied der beiden Sterbefälle so groß. Dort war ein Leben vollbracht, mit guten Handlungen ausgenützt, mit schwachem Körper bis zum Alter getragen: wir hatten alle die Empfindung, daß die Kräfte des Körpers und Geistes verzehrt waren und daß der Tod nur für unsre Liebe zu früh komme. Aber was schied mit Deinem auch von mir stets bewunderten und verehrten Bruder.
     Es schied von uns eine jener seltnen, edlen Römernaturen, auf die Rom in seiner besten Zeit stolz gewesen wäre, auf die Du als Bruder noch viel mehr Anrecht hast stolz zu sein. Denn wie selten bringt unsre erbärmliche Zeit solche Heldengestalten hervor. Aber Du weißt es ja, wie die Alten darüber denken: „der Götter Lieblinge sterben früh.“
     Was hätte eine solche Kraft noch thun können. Wie hätte sie als Vorbild eines selbsteignen, rühmlichen Strebens, als Beispiel eines entschiedenen, in sich klaren, um Welt und Weltmeinung unbekümmerten Charakters Tausenden in des Lebens Wirren Stärkung und Trost sein können. Wohl weiß ich, daß dieser vir bonus im schönsten Sinne Dir noch mehr war, daß er Dein anzustrebendes Ideal, wie Du mir oft früher sagtest, Dein sicherer Leitstern für die wechselvollen und durchaus nicht bequemen Bahnen des Lebens war. Vielleicht war dieser Tod der größte Schmerz, der Dich überhaupt treffen konnte.
     Nun, lieber Freund, Du hast jetzt — das merke ich an dem Tone Deines Briefes — jetzt selbst an Dir erfahren, warum unser Schopenhauer das Leiden und die Trübsale als ein herrliches Geschick, als den δεύτερος πλοῦς zur Verneinung des Willens preist. Du hast auch die läuternde, innerlich beruhigende und festigende Kraft des Schmerzes erfahren und empfunden. Es ist eine Zeit, in der Du selbst erproben kannst, was wahr ist an der Lehre Schopenhauers. Wenn das vierte Buch seines Hauptwerkes jetzt auf Dich einen häßlichen, trüben, lästigen Eindruck macht, wenn es nicht die Kraft hat, Dich zu erheben und Dich aus dem äußeren heftigen Schmerze hindurchzuführen zu jener wehmüthigen, aber glücklichen Stimmung, die uns auch beim Anhören edler Musik ergreift, zu jener Stimmung, in der man die irdischen Hüllen von sich abfallen sieht: dann mag auch ich nichts mehr mit dieser Philosophie zu thun haben. Der Schmerzerfüllte kann und darf allein über solche Dinge ein entscheidendes Wort sagen: wir anderen mitten im Strome der Dinge und des Lebens stehend, jene Verneinung des Willens nur ersehnend als ein glückseliges Eiland, wir können es nicht beurtheilen, ob der Trost solcher Philosophie auch für die Zeiten tiefer Trauer ausreicht.
     Es wird mir schwer, auf etwas Anderes überzugehen: denn ich weiß nicht, ob Dich nicht Erzählungen über mein Geschick und Ergehen in dieser Stimmung verdrießen. Doch wird Dir lieb sein zu hören, daß Einsiedel und ich in Folge gemeinsamen Schmerzes jetzt öfter zusammengekommen sind und auf Mittel und Wege sinnen, wie wir Dir eine kleine Freude und Erholung verschaffen können. Überhaupt hast Du an Einsiedel einen sehr theilnehmenden und mitfühlenden Freund; so eben habe ich ihm Deinen schönen, ausführlichen und mit herzlichster Liebe geschriebenen Brief vorgelesen. Wir wünschen Beide nichts sehnlicher als Dich einmal sehen und sprechen zu können.
     Mir geht es wohl. Die Arbeit ist groß, aber fruchtbringend, darum erfreuend. Ich schätze ein stetiges und concent[r]irtes Arbeiten von Tag zu Tage mehr. Augenblicklich versuche ich meine Kräfte an einer Preisaufgabe der hiesigen Universität „de fontibus Diogenis Laertii“; ich habe dabei die wohlthuende Empfindung, nicht erst durch Anlockung von Ehre und Geld auf dies Thema gekommen zu sein, sondern es mir selbst gestellt zu haben. Das wußte Ritschl und war so gefällig, nachher dies Thema als Preisaufgabe vorzuschlagen. Ich habe einige Mitstreiter, wenn ich recht berichtet bin: doch habe ich in diesem Falle nicht geringes Selbstvertrauen, da ich bis jetzt lauter sehr schöne Resultate gefunden habe. Schließlich kommt es allein auf Förderung der Wissenschaft an: sollte ein Anderer noch mehr gefunden haben, so soll mich dies nicht sehr kränken.
     Von Deussen habe ich im neuen Jahre Nachricht: er ist wieder Philolog, bravo: und empfindet, wie er selbst schreibt, wieder festen Boden unter sich. Er studirt in Bonn und scheint allmählich in das Fahrwasser zu kommen. Er schickte mir seine Übersetzung eines französ. Buches „Theodor Parkers Biographie“ mit, mit der er sich Geld verdient hat.
     Zum Schluß, lieber Freund, bitte ich Dich um eins: belästige Dich nicht mit Briefschreiben. In kurzer Zeit bekommst Du von mir wieder Nachricht in einem recht ausführlichen Briefe, den heute zu schreiben mir nicht möglich ist. Dasselbe läßt Dir auch Einsiedel sagen.
     Ich schließe mit einem warmen Lebewohl und einem Spruch des Aristoteles:
          τί γάρ ἐστιν ἄνθρωπος; ἀσθενείας ὑπόδειγμα,
          καιροῦ λάφυρον, τύχης παίγνιον, μεταπτώσεως
          εἰκών, φθόνου καὶ συμφορᾶς πλάστιγξ.

Dein treuer, gleich-
falls tief getroffner
Freund
Friedrich Nietzsche.


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BVN-1867,3

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Leipzig, 31. Januar 1867]
3 Nov. (wenn ich nämlich
meinem Stubenkalender
folgen wollte)




Liebe Mama und Lisbeth,

nächsten Sonntag also werde ich unsrer Verabredung gemäß in Naumburg eintreffen und zwar ohne den Vetter, der durch einen Juristenball verhindert ist, sich aber allseitig bestens empfehlen läßt. Ich selbst schwankte noch in den letzten Tagen, ob ich kommen könnte, da mich ein sehr heftiger Magen und Halskatharr an die Stube, ja sogar an das Bett fesselte. Das ist nun wieder besser und wird, da die Luft mild ist, wohl ganz vorübergehn.
     Eine traurige Nachricht kann ich Euch nicht ersparen, nämlich daß Gersdorffs ältester Bruder in den ersten Tagen des Januar seinen Wunden, besonders den Folgen einer schweren Operation erlegen ist. Unser Gersdorff hat mir schon zwei sehr ausführliche Briefe seitdem geschrieben.
     Schließlich sage ich meinen besten Dank fü [für] die Briefe und die Zusendungen: auch über Deussen bin ich recht erfreut. Er ist doch wenigstens Philolog. Also ein fröhliches Wiedersehn zur Geburstagsfeier!

Euer Fr.


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BVN-1867,4

An Carl von Gersdorff in Spandau

[Leipzig, 20. Februar 1867]


Lieber Freund,

wenn Du nicht in der Stimmung bist, eine Anzahl von seltsamen Dingen anhören zu können, so lege den Brief bei Seite und verspare ihn Dir für eine andere Stunde.
     Heute war nämlich die große Leipziger Wahlschlacht, die Entscheidung eines mit allen Mitteln geführten Parteienkampfes, heute ist das Schlußwort in der Sache Stephani gegen v. Wächter gesprochen worden. Wie es ausfiel, will ich noch nicht verrathen.
     Du kennst das Ergebniß der ersten Wahl: unser Vertreter, der vortreffliche, makellose vir strenuus Stephani (neuerdings St. Stephan in den Inseraten des Tageblattes genannt) siegte mit 1000 Stimmen über den Hort des sächsischen Particularismus Herrn v. Wächter: jedoch war dieser Sieg nicht ausreichend, es fehlte an c. 200 Stimmen an einer absoluten Majorität. Also mußte eine engere Wahl vorgenommen werden, bei der die Kämpen einer dritten und einer vierten Partei Würkert und Wuttke gar nicht mehr in Betracht kamen. Diese beiden sind also recht jämmerlich durchgefallen, am meisten Wuttke, genannt „das Reichswiesel“, der von einer sogenannten Volkspartei, im Grunde von den tollsten Preußenfressern auf den Schild gehoben war und mit c. 300 Stimmzetteln von demselben wieder herunterfiel. Das Organ dieser schwarzgelben Färbung ist die „Sächsische Zeitung“, ehedem „Abendpost“.
     Würkert, groß, wie das Tageblatt sagt, als Bierwirth, Mensch, Gefangener, Dichter, Redner, wurde von den Lasalleanern in der 12ten Stunde aufgestellt und mit einer solchen Fluth von Reklame aufgeschwemmt, daß er selbst an seiner Wahl nicht zweifelte. Ihm zu Ehren wurde eines Sonntags um 11 Uhr eine Volksversammlung unter freiem Himmel veranstaltet, die nach mäßiger Berechnung von 12000—15000 Menschen besucht wurde. Er hielt mit vortrefflichem weit tönenden Organ, mit antiker Schwenkung seines Kutschermantels eine Wahlrede, mit kräftigen Worten über höchst unkräftige und unreale Dinge zB. über einen europäischen Arbeiterstaat, ließ sodann über seine Wahl abstimmen und erklärte, daß er gegen 4 Stimmen von der ganzen Versammlung gewählt sei. Dies war eine optische Täuschung: denn am Tage der Wahl hatte er c. 900 Stimmen für sich.
     Jetzt kam alles auf die durchgefallnen Parteien und ihre neue Stellung an. Die Agitation wurde wirklich großartig, wo man gieng oder stand, drückte einem ein Dienstmann ein Programm, ein Pamphlet, eine Ermahnung in die Hand, selbst in das Haus wurden die Zettel getragen: das Tageblatt und die Nachrichten strotzten von Annoncen.
     Ich glaube nicht, daß ein Gesichtspunkt noch übrig ist, aus dem Agitationsblei noch zu schmelzen wäre. An Übertreibungen fehlte es nicht z.B. wurde Wächter ein alter Mann genannt, dessen Gehirn nach Bock einen Stoffwechsel durchgemacht habe und der deshalb nicht mehr politisch fähig sei. Oder man benutzte eine Rede Stephanis, worin er versprach, als Vicebürgermeister seinen Verpflichtungen nachzukommen, aber eine Wahl, wenn sie auf ihn ohne sein Zuthun fallen würde, annehmen zu wollen, und ließ den 2ten Satz weg, so daß es scheinen mochte als ob Stephani eine Wahl ablehne. Kurz moralische und unmoralische Mittel, Stempel, Dienstmänner, Verleumdungen, riesige Maueranschläge, Fahnen mit den betreffenden Namen, alles war in Bewegung gesetzt — für den heutigen Tag.
     Dieser war trübe und nebelig. An den Wahlstätten lagerten müssige Volksschichten, flatterten die Fahnen, knarrten die Stempelpressen, strahlten in bunten Farben die Plakate. Nachmittags giengen wir zu drei in das Rosenthal und kamen auf den Einfall, das Orakel über den Ausgang zu befragen. Nach allen nur denkbaren Versuchen gab es immer ein Resultat: wenn ein Rabe krächzend flog, wenn wir fragten, ob Mann oder Weib zuerst uns begegnen würden, ob eine aufrecht geworfne Münze die Bildseite zeige u.s.w. immer antwortete uns der „Zufall“ ..„Wächter“; was uns in heitre Stimmung brachte, so daß wir einen jungen Philologen, der uns begegnete, mit unsrer Orakelweisheit zu bethören suchten und ihm sagten, daß Wächter gewählt sei.
     „Weiß schon, sagte das Unglückskind, mit 1000 Stimmen Majorität.“
     Und so ist es. Inzwischen hat sich die Wächtersche Partei um 2000 Stimmen vermehrt. Wir sind unterlegen. Der Vetter triumphirt, der Particularismus schwingt die Fahne des Siegs.
     Nun einiges Persönliche. Denn politische Dinge möchte ich nicht berühren — aus begreiflichen Gründen. Einstweilen also bleibe ich noch hier und zwar denke ich dabei sowohl an das nächste als das nächstfolgende Semester. Im Grunde bin ich sehr wenig genirt, (wenn mich nur der Kriegsstand nicht noch genirt!) lebe ein behagliches Dasein, so weit dies in einer solchen Welt möglich ist, habe gute Freunde und getreue Nachbarn und gute Lehrer, sitze täglich bei Kintschy mit Kohl und Rohde zusammen, die jetzt meinen nächsten Umgang bilden, bin für unsern philologischen Verein nach Kräften thätig, kaufe mir sehr viel philologische Bücher, finde ab und zu einen leidlichen Gedanken und arbeite etwas unruhig. Thematen, die mich beschäftigen, sind
          „de Laertii Diogenis fontibus“
     „über die Büchertitel bei den Alten,“
im Hintergrunde schwebt ein Plan zu einer kritischen Geschichte der griech. Litteratur. Wenn ich Dir eine Lektüre empfehlen darf, die Dich zugleich an das Alterthum fesselt und an Schopenhauer erinnert, so nimm einmal die epistulae morales des Seneca vor.
     Schließlich kommt das, was den Anfang meines Briefes hätte machen sollen, mein Dank für Deinen lieben Brief, den ich aus meheren Gründen ganz besonders schätze. Erstens weil weder ich, noch irgend Jemand von Dir jetzt Briefe erwartet, da wir vielmehr erfreut und dankbar sind, wenn Du nur Lust und Stimmung hast, unsere Briefe zu lesen. Zweitens aber war mir besonders Dein Bekenntniß zu unserm Philosophen lieb und werth, da es in einer Zeit ernster und schwerer Erfahrungen, entscheidender Schicksalsschläge gesprochen worden ist.
     Fromme Menschen glauben, daß alle Leiden und Unfälle, die sie treffen, mit genauester Absichtlichkeit auf sie berechnet sind, so daß der und jener Gedanke, dieser gute Vorsatz, diese Erkenntniß in ihnen geweckt werden sollte. Uns fehlen zu einem solchen Glauben die Voraussetzungen. Wohl aber steht es in unsrer Gewalt, jedes Ereigniß, kleine und große Unfälle für unsre Besserung und Tüchtigung zu benutzen und gleichsam auszusaugen. Die Absichtlichkeit des Schicksals des Einzelnen ist keine Fabel, wenn wir sie also verstehen. Wir haben das Schicksal absichtlich auszunützen: denn an und für sich sind Ereignisse leere Hülsen. Auf unsre Verfassung kommt es dabei an: den Werth, den wir einem Ereigniß beilegen, hat es für uns. Gedankenlose und unmoralische Menschen wissen nichts von einer solchen Absichtlichkeit des Schicksals. An ihnen haften eben Ereignisse nicht. Wir aber wollen aus ihnen lernen: und jemehr sich unser Wissen in sittlichen Dingen mehrt und vervollständigt, um so mehr werden auch die Ereignisse, die uns getroffen haben, einen festgeschlossnen Kreis bilden oder vielmehr zu bilden scheinen. Du weißt, lieber Freund, was diese Reflexion soll.
     Heute nehme ich von Dir Abschied, indem ich noch Einsiedels, meines Vetters, sowie auch meiner Mutter theilnehmende Grüße verzeichne.

Dein treuer Freund Friedrich N.


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BVN-1867,5

An Paul Deussen in Bonn

[Naumburg,] 4 April 1867.


Mein lieber Freund,

als ich Deinen vorletzten Brief von Naumburg aus geschickt bekam, hatte ich sehr angenehme Empfindungen. An demselben Morgen hatte ich schon andre Briefe bekommen und sonst Dinge erlebt, ich weiß nicht mehr was, die mich sehr glücklich stimmten. Ich hatte einen glücklichen Tag, aber das Hauptereigniß war für mich Dein Brief oder vielmehr die Nachrichten, der Ton, die Hoffnungen, die Entschlüsse Deines Briefes. Allerdings lachte ich mich im Stillen aus, daß ich noch vor wenig Tagen an eben denselben Menschen, der so zuversichtlich, sicher und auf festen Boden gestellt an mich schreibt, eine lange Epistel voller Wünsche und Aufforderungen geschickt hatte. Dieser Brief war an ein Phantom gerichtet: mein heutiger gilt endlich wieder dem Menschen, dem lieben Freunde und Philologen, der sich selbst und sein Studium wiedergefunden hat, der aus dem Irrgarten theologischer Scrupel zurückgekehrt ist, um seine Hochzeit mit der Philologia zu feiern. Jener liebe Freund hat mir auch schon in seinem letzten Briefe die glückliche Entbindung seiner Frau mitgetheilt, so daß über das Glück jener Ehe gar kein Zweifel sein kann.
     Wirklich, lieber Paul, selbst wenn Deine Briefe nicht so viel Verführungen und Lockungen meiner Eitelkeit enthielten, wenn ihr ganzer Inhalt in den Satz zusammengefaßt wäre „ich bin Philologe, arbeite das und das und bin zufriedner als je“ so würden sie für mich auch dann die liebsten Genüsse und erhebendsten Freuden sein, die ich kenne. Der Gedanke ist mir all zu wohlthuend, nicht mehr zwischen uns hebräische Nebel zu haben, die uns verhindern, in rechter Gedankengemeinsamkeit mit einander durch das Leben zu gehen.
     Heute nun erfülle ich zunächst Deinen Wunsch und schreibe ein philologisches Billet. Das Lexicon von W. Bötticher ist für Dich unentbehrlich, weil es 1 Artikel besitzt über den Ablativus mit sehr schätzbaren und reichen Zusammenstellungen; wenn man auch die Citate immer erst prüfen muß, da die Collationen, denen Böttiger folgte, nichts taugten. Aber es muß auch noch Spezialarbeiten über den Taciteischen Ablativ geben, Gott weiß aber wo. Ich habe leider keine bibliographischen Handbücher. Über den Genetiv hat gut gehandelt ein gewisser Zernial. Sehr nützlich soll eine Arbeit von Dräger sein „die taciteische Syntax.“ Auch vom Dr. Schmidt in Jena, dem Schildknappen Lucian Müllers, ist ganz kürzlich eine Schrift über syntaktische Eigenheiten des Tacitus erschienen, die sehr gerühmt wird. Autorität in solchen Fragen scheint übrigens E. Wölflin in Winterthur zu sein, der vor Kurzem im Philologus einen Jahresbericht über derartige Fragen gab. Darin hat mir besonders der Nachweis gefallen, daß derartige Sammlungen streng nach der chronologischen Folge der Taciteischen Schriften angelegt werden müssen, weil der usus des Tacitus sich in vielen kleinen Dingen verändert hat. Jedenfalls stehst Du, lieber Freund, mit solchen Untersuchungen auf einem gefährlichen Terrain, weil Du nach sehr viel Anstrengung plötzlich die Entdeckung machen kannst, daß Deine Mühe unnütz, wenigstens für die Wissenschaft, war. Wenn ich Dir aber einen Schriftsteller nennen darf, wo derartige schätzenswerthe Einzeluntersuchungen noch nicht einmal begonnen sind, so meine ich Ammian Marcellin. Ebenso ergebnißreich, denke ich, werden Ablativstudien im Apuleius sein. Welche Erweiterungen des Ablativgebrauchs verschaffte sich doch die afrikanische Latinität? Ich weiß nichts davon und kenne auch niemanden, der dieses Gebiet irgendwie innehat.
     Da Du zu Deinen andern Studien auch den Photius benutzt hast, so wird bei Dir wohl etwas Interesse für dessen βιβλιοθήκη hängen geblieben sein. Hier haben wir wirklich eine vernachlässigte Provinz. Ich weiß nicht ob die Textkritik hier noch viel zu thun hat, aber ich glaube es (vielleicht ist in eben jenem cod. 176 statt τἠν τε ἕκτην καὶ ἑβδόμην καὶ δὴ καὶ τὴν ἐνάτην scil. διαπεπτωκέναι ἔφησάν τινες zu schreiben ἑβδόμην καὶ ὀγδόην καὶ κτλ. Es ist wohl ein τεῦχος von 4 Büchern verloren gegangen) Doch das meine ich nicht. Es läßt sich aber sehr viel aus den bibliographischen Angaben des Photius schließen und lernen. Die Gelehrsamkeit, die er mitunter zeigt, wird entweder aus den Prologen der Bücher selbst stammen oder sie ist nachweisbar aus einem früher beschriebenen Buche entnommen. So mache ich Dich auf eine Stelle aus der Beschreibung der ἐκλογαὶ Sopaters aufmerksam cod. 161 p. 177 H. Hier scheint die Quelle zu sein für seine Kenntnisse über Lebensumstände der Redner die zumeist wörtlich mit der pseudoplutarch. Schrift de decem orat. vit. stimmen. Daraus ist nur zu lernen, daß schon Sopater nicht mehr den Verfasser jener Schrift kannte, die Schäfer mit Sicherheit dem Plutarch abspricht.
     Doch wir haben Wichtigeres zu thun als über Photios zu sprechen. Zunächst vernimm, daß ich nicht von Leipzig fortgehe, daß also ein gemeinsamer Berliner Aufenthalt einstweilen zu den Unwahrscheinlichkeiten gehört.
     Du glaubst nicht, wie persönlich ich an Ritschl gekettet bin, so daß ich mich nicht losreißen kann und mag. Dazu habe ich immer die traurige Empfindung, daß allzu lange sein Leben nicht mehr hingesponnen wird; ich fürchte es geht einmal schnell zu Ende. Du kannst nicht ahnen, wie dieser Mann für jeden Einzelnen, den er lieb hat, denkt, sorgt und arbeitet, wie er meine Wünsche, die ich oft kaum auszusprechen wage, zu erfüllen weiß und wie wiederum sein Umgang so frei von jenem zopfigen Hochmuth und jener vorsichtigen Zurückhaltung ist, die so vielen Gelehrten eigen ist. Ja, er giebt sich sehr frei und unbefangen, und ich weiß, daß solche Naturen sehr oft anstoßen müssen. Es ist der einzige Mensch, dessen Tadel ich gern höre, weil alle seine Urtheile so gesund und kräftig, von solchem Takte für die Wahrheit sind, daß er eine Art wissenschaftliches Gewissen für mich ist.
     Also: ich bleibe noch etwas in seiner Nähe. Meine Aussichten in die Zukunft sind unbestimmt, somit ziemlich günstig. Denn nur die Gewißheit ist schrecklich. Mein Bestreben geht dahin mir jährlich auf eine ehrenhafte und wenig Zeit raubende Weise ein paar hundert Th. zu erwerben, damit mir aber für eine Reihe von Jahren die Freiheit meiner Existenz zu wahren. Z. B. will ich gern etwa im Anfang nächsten Jahres nach Paris gehen und dort ein Jahr an der Bibliothek arbeiten. Doch das wird Dich nicht interessiren, mehr vielleicht, was und wie ich jetzt arbeite. Denn daß man in Briefen an Freunde von sich und seinen Erfahrungen spricht, ist nicht nur zulässig, sondern auch wünschenswerth. Briefe sind eben subjektive Stimmungsbilder.
     Meine Laertiusarbeit wird in diesen Wochen niedergeschrieben. Mein Bestreben ist diesmal, das logische Grundgerippe nicht so sichtbar durchblicken zu lassen, wie dies in meiner mitfolgenden Theognisstudie der Fall ist. Dies ist übrigens sehr schwer. Wenigstens für mich. Ich möchte derartigen Dingen ein etwas künstlerisches Kleid geben. Du wirst meinen Eifer lächerlich finden, mit dem ich Farben reibe, überhaupt mich anstrenge, einen leidlichen Stil zu schreiben. Aber es ist nöthig, nach dem ich mich so lange vernachlässigt habe. Sodann vermeide ich möglichst streng die Gelehrsamkeit, die nicht nöthig ist. Das kostet auch manche Selbstüberwindung. Denn manches superfluum muß hinweggeschnitten werden, das uns gerade sehr gefällt. Eine strenge Exposition der Beweise, in leichter und gefälliger Darstellung, womöglich ohne jeden morosen Ernst und jene citatenreiche Gelehrsamkeit, die so billig ist: das sind meine Wünsche. Das Schwerste ist immer, den Gesammtconnex von Gründen, kurz den Riß des Gebäudes zu finden. Dies ist eine Arbeit, die im Bett und auf Spaziergängen sich oft besser macht als am Studirtisch. Das grobe Material zusammen zu schaffen ist eine freundliche Arbeit, ob sie gleich oft etwas Handwerkmäßiges hat. Aber die Erwartung des endlich sich enthüllenden Zauberbildes hält uns munter. Am peinlichsten ist mir die Ausarbeitung, und hier reißt mir sehr oft die Geduld.
     Jede größere Arbeit, das wirst Du auch empfunden haben, hat einen ethischen Einfluß. Das Bemühen, einen Stoff zu concentriren und harmonisch zu gestalten, ist ein Stein, der in unser Seelenleben fällt: aus dem engen Kreise werden viele weitere.
     Kannst Du mir nicht einmal ganz offen schreiben, lieber Freund, wie viel Du zu Deiner jährlichen Existenz brauchst? Willst Du wirklich so schnell wie möglich und mit beiden Füßen zugleich in das Schulamt hineinspringen? Ich habe den entgegengesetzten Wunsch: möglichst lange von solchen äußeren Fesseln frei zu sein. Überhaupt bin ich sehr abgeneigt, mich wie eine Maschine mit Kenntnissen zu überladen. Vielleicht studirst Du auch etwas zu viel. Das Liebste ist mir einen neuen Gesichtspunkt zu finden und mehere und für diese Stoff zu sammeln. Mein Gehirnsmagen ist ärgerlich über jede Überfüllung. Vieles Lesen stumpft den Kopf entsetzlich ab. Die meisten unsrer Gelehrten würden auch als Gelehrte mehr werth sein, wenn sie nicht zu gelehrt wären. Speise nicht zu starke Mahlzeiten.
     Das Berliner Seminar taugt wenig. Ich habe über dasselbe genaue Mittheilungen von einem unsrer ehemaligen Vereinsmitglieder, der diesem Seminar jetzt angehört. Die Behandlung der Studenten ist sehr grob.
     Lieber Freund, überlege Dir einmal folgendes. Du willst nach Berlin gehen und kommst also über Naumburg. Hier besuchst Du mich und theilst mir Deine Gedanken über folgenden Vorschlag mit. Ich kann Dir eine Arbeit, die nebenbei, täglich etwa 2 Stunden gethan werden kann, zuweisen, die Dir einige Hunderte Thl. erwirbt. Bedingung ist, daß sie in Leipzig gemacht wird. Sie beschäftigt Dich ein halbes Jahr. Du lernst mancherlei dabei. Was Dich sonst in Leipzig erwartet, weißt Du. Ein Jahr in Berlin des Examens wegen zuzubringen ist ganz unnöthig. Wenn Du darauf eingehst, Du wirst mir’s einmal noch danken. Denke nur an Ritschl. Sage niemandem, selbst Deinen verehrten Eltern und Geschwistern nichts von diesem Vorschlag. Laß nur alle in dem Glauben, daß Du nach Berlin gehest. In Naumburg besprechen wir alles Nähere. Ich reise von hier am 31. dieses Mon[ates] ab. Also lieber Freund sei verschwiegen, aber folge mir. Grüße alle, die sich meiner erinnern und erfreue durch Deinen Besuch Deinen treuen Freund

F. W. N.


     Meine Mutter hat sich sehr über Deinen lieben und heiteren Brief gefreut und sagt Dir ihren besten Dank.
     Gersdorff, der mir immer sehr nahe steht, ist jetzt Offizier in Spandau. Vom Tode seines ältesten, auch von Dir besungenen Bruders weißt Du. Von Mushacke habe ich immer nur gute Nachrichten. Unser philol. Verein in Leipzig blüht.


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BVN-1867,6

An Carl von Gersdorff in Spandau

Naumburg den 6t. April [1867]


Mein lieber Freund,

mein langes Stillschweigen hat Gott weiß worin seine Ursache. Denn nie bin ich dankbarer und freudiger gestimmt, als wenn Deine Briefe ankommen und mir von Deinen Erlebnissen und Stimmungen treue Kunde geben. Sehr oft kommt die Gelegenheit, von Dir zu sprechen; als welche ich nie vorübergehen lasse. Noch häufiger läuft mein Gedanke zu Dir, wenn ich gerade mitten drin in Büchern stecke und an alle möglichen gelehrten Dinge denken sollte, die Dir mit Recht etwas abschmeckend sind. Und trotzdem schreibe ich nicht. Mitunter wundere ich mich selbst darüber. Jetzt eben fällt mir ein, was der Grund sein wird. Die Hand, die den ganzen Tag schreibt, das Auge, das von früh bis Abend weißes Papier schwarz werden sieht, verlangt nach Abwechslung oder Ruhe. Heute aber am ganzen Nachmittag mußten Suidas und Laertius warten, weil ich Besuch hatte: darum werden sie auch heute Abend warten müssen. Warum geben sie ihr Regiment aus den Händen? Mögen sie nun den Nachtheil haben, ich habe wenigstens einen Vortheil dabei, ich kann mich mit meinem lieben Freunde brieflich unterhalten und brauche nicht die beiden alten Knaben zu beaufsichtigen, deren Thorheiten mich für gewöhnlich beschäftigen.
     In diesen Ferien nämlich will ich meine Arbeit über die Quellen des Laertius zu Papier bringen und stehe jetzt noch ziemlich in den Anfängen. Ich will zu Deiner Belustigung gestehen, was mir die meiste Mühe und Sorge macht: mein deutscher Stil (vom lateinischen nicht zu reden: habe ich mich mit der Muttersprache auseinandergesetzt, so sollen auch fremde Sprache[n] daran kommen) Mir fallen die Schuppen von den Augen: ich lebte allzulange in einer stilistischen Unschuld. Der kategorische Imperativ „Du sollst und mußt schreiben“ hat mich aufgeweckt. Ich suchte nämlich, was ich nie gesucht hatte außer auf dem Gymnasium: gut zu schreiben, und plötzlich erlahmte die Feder in der Hand. Ich konnte es nicht und ärgerte mich. Dazu dröhnten mir die Ohren von Lessingschen, Lichtenbergschen, Schopenhauerschen Stilvorschriften. Ein Trost war mir immer, daß diese drei Auktoritäten einstimmig behaupten es sei schwer gut zu schreiben, von Natur habe kein Mensch einen guten Stil, man müsse arbeiten und hartes Holz bohren, ihn zu erwerben. Ich möchte wahrhaftig nicht wieder so hölzern und trocken, nach der logischen Schnürbrust schreiben, wie ich es z.B. in meinem Theognisaufsatz gethan habe: an dessen Wiege keine Grazien gesessen haben (vielmehr brummte es aus der Ferne wie von Königsgrätz her). Es wäre sehr unglücklich nicht besser schreiben zu können und es doch warm zu wünschen. Vor allem müssen wieder einige munteren Geister in meinem Stile entfesselt werden, ich muß darauf wie auf einer Klaviatur spielen lernen, aber nicht nur eingelernte Stücke, sondern freie Phantasieen, so frei wie möglich, aber doch immer logisch und schön.
     Zweitens beunruhigt mich ein andrer Wunsch. Einer meiner ältesten Freunde Wilhelm Pinder aus Naumburg steht jetzt dicht vor seinem ersten juristischen Examen; die wohlbekannten Ängste in solchen Zeitläuften kennen wir auch. Aber was mir gefällt, ja mich zur Nachahmung anstachelt, liegt nicht im Examen, sondern in der Vorbereitung dazu. Wie nützlich, ja wie erhebend muß es sein etwa in einem Semester alle Disciplinen seiner Wissenschaft an sich vorüber marschiren zu lassen und somit wirklich einmal eine Gesammtanschauung über dieselbe zu bekommen. Ist es nicht ebenso, als ob ein Offizier, stets nur gewöhnt seine Compagnie einzuexercieren, plötzlich in einer Schlacht zum Begriffe dessen kommt, was seine kleinen Bemühungen für große Früchte zeitigen können. Denn wir wollen es nicht leugnen, jene erhebende Gesammtanschauung des Alterthums fehlt den meisten Philologen, weil sie sich zu nahe vor das Bild stellen und einen Oelfleck untersuchen anstatt die großen und kühnen Züge des ganzen Gemäldes zu bewundern und — was mehr ist — zu genießen. Wann, frage ich, haben wir doch einmal jenen reinen Genuß unsrer Alterthumsstudien, von dem wir leider oft genug reden.
     Drittens ist überhaupt unsre ganze Art zu arbeiten entsetzlich. Die 100 Bücher vor mir auf dem Tische sind eben so viele Zangen, die den Nerv des selbständigen Denkens ausglühen. Ich glaube, lieber Freund, Du hast mit kühnem Griff das allerbeste Loos erwählt. Nämlich einen wirksamen Contrast, eine umgedrehte Anschauungsweise, eine entgegengesetzte Stellung zum Leben, zum Menschen, zur Arbeit, zur Pflicht. Ich lobe wahrhaftig damit nicht Deinen jetzigen Beruf als solchen, sondern nur, soweit er Negation Deines vorigen Lebens, Strebens, Denkens war. Unter solchen Contrasten bleibt Seele und Leib gesund und bringt nicht jene notwendigen Krankheitsformen hervor, die sowohl das Übergewicht gelehrter Thätigkeit, als das übermäßige Vorherrschen der körperlichen erzeugen, die der Gelehrte so gut als der Bauerntölpel hat. Nur daß bei diesem diese Krankheiten anders sich zeigen als bei jenem. Die Griechen waren keine Gelehrten, sie waren aber auch nicht geistlose Turner. Müssen wir denn so nothwendig eine Wahl zwischen der einen oder andern Seite treffen, ist vielleicht hier auch durch das „Christenthum“ ein Riß in die Menschennatur gekommen, den das Volk der Harmonie nicht kannte? Sollte nicht das Bild eines Sophokles jeden „Gelehrten“ beschämen, der so elegant zu tanzen und Ball zu schlagen verstand und dabei doch auch einige Geistesfertigkeiten aufzeigte.
     Doch es geht uns in diesen Dingen, wie es uns im ganzen Leben geht: wir bringen es schon zur Erkennung eines Uebelstandes, aber damit ist auch noch kein Finger gerührt ihn zu beseitigen. Und hier könnte ich wirklich ein viertes Lamento beginnen: als welches ich vor meinem militärischen Freunde zurückhalte. Denn einem Krieger müssen solche Klagen viel mehr zuwider sein als einem Stubenhocker als ich jetzt bin.
     Da fällt mir eine jüngst erlebte Geschichte ein, die zwar eine Illustration der gelehrten Krankheitsformen ist und als solche verschwiegen werden dürfte, die Dich aber amüsiren wird, weil sie nur die Übersetzung des Schopenhauerschen Aufsatzes „über die Philosophieprofessoren“ in die Wirklichkeit zu sein scheint.
     Es giebt eine Stadt, in der ein junger Mann, mit besonderen Denkfähigkeiten ausgerüstet und besonders zu philosophischer Spekulation befähigt, den Plan faßt, sich die Doktorwürde zu erwerben. Zu diesem Zwecke stellt er sein in einigen Jahren mühsam zusammengedachtes System „über die Grundschemen der Vorstellung“ zusammen und ist glücklich und stolz es gethan zu haben. Mit solchen Gefühlen überreicht er es der philosophischen Fakultät jenes Ortes, an dem sich zufällig eine Universität befindet. Zwei Philosophieprofessoren haben ihr Gutachten abzugeben und geben es dahin ab, daß der eine äußert, die Arbeit zeige Geist, aber vertrete Anschauungen, die hier gar nicht gelehrt würden, der andre aber erklärt, die Ansichten entsprächen nicht dem gemeinen Menschenverstand und wären paradox. Somit wurde die Arbeit zurückgewiesen, und dem Betreffenden der Doktorhut nicht aufgesetzt. Glücklicherweise ist der Betroffene nicht demüthig genug, in diesem Urtheil die Stimme der Weisheit zu hören, ja ist so übermüthig zu behaupten, daß eine gewisse philosophische Fakultät die philosophische facultas vermissen lasse.
     Kurzum, lieber Freund, man kann nicht selbständig genug seine Bahnen gehn. Die Wahrheit wohnt selten dort, wo man ihr Tempel gebaut und Priester ordinirt hat. Was wir gut oder dumm machen, das haben wir auszubaden, nicht diejenigen, die uns den guten oder dummen Rath ertheilen. Man lasse uns doch wenigstens das Vergnügen eine Dummheit aus freien Stücken zu begehen. Ein allgemeines Recept, wie jedem Menschen zu helfen ist, giebt es nicht. Man muß an sich selbst sein Arzt sein, zugleich aber auch an sich die ärztlichen Erfahrungen sammeln.
     Wir denken wirklich an unser Wohl zu wenig, unser Egoismus ist nicht klug genug, unsre Vernunft nicht egoistisch genug.
     Damit, lieber Freund, sei es heute genug. Leider habe ich Dir gar nichts „Solides“ „Reelles“ oder wie sonst die Schlagwörter der jungen Kaufleute heißen, zu berichten, aber Du wirst auch nicht darnach verlangen. Daß ich mich mit Dir freue, wenn Du einen unsrer Gesinnungsgenossen entdeckst und dazu noch so einen tüchtigen und liebenswerthen, wie Krüger — das versteht sich. Unsre Freimaurerei mehrt sich und breitet sich aus, obschon ohne Abzeichen, Mysterien und Bekenntnißformeln.
     Es ist späte Nacht, und draußen heult der Wind. Du weißt, daß ich in Leipzig auch im nächsten Semester bleiben werde. Meine Wünsche tragen mich, den Philologen nach Paris in die kaiserliche Bibliothek, wohin ich vielleicht im nächsten Jahre abgehe, wenn bis dahin der Vulkan nicht ausgebrochen ist. Mich, den Menschen, aber tragen meine Gedanken oft genug und so auch heute Nacht zu Dir, dem ich hiermit von Herzen „Gute Nacht“ sage.

Friedrich Nietzsche.
in treuer Freundschaft.


Naumburg den 6t. April:
als welchen Ort ich am 30 April
          verlassen werde. Meine
          neue Wohnung in Leipzig
          Weststraße 59, 2 Etage.


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BVN-1867,7

An Hermann Mushacke in Berlin

Naumburg zwischen Charfreitag und Ostern.
[20. April 1867]


Mein lieber Freund,

ich habe immer gemeint, daß eine Freundschaft auch ohne einen regelmäßigen Briefwechsel bestehen kann: vorausgesetzt daß es eine wahre und echte ist. Denn so lange man fest empfindet, daß man seinen Freund nicht vergessen hat und nicht vergessen wird, ist es eigentlich unnöthig ihm dies zu schreiben. Somit schreiben Freunde unter einander sich nicht deshalb Briefe, um das Gewächs ihrer Herzensverbindung mit frischem Wasser zu begießen, sondern zunächst zu einem viel äußerlicheren Zwecke: sie erzählen von ihren Schicksalen, ihren Arbeiten, ihren Aussichten, sie verändern also nur die Coulissen, während sie wissen, daß auch im Wechsel der äußeren Umgebung ihre Freundschaft fortdauert. Wer nun zufällig ohne wichtige Veränderungen eine Strecke Lebenszeit dahinlebt, hat auch keinen Zwang und keine Aufforderung an seine Freunde darüber zu schreiben.
     Es thut mir herzlich leid, daß Du Dir einen Augenblick eine so ungünstige Meinung von meiner Freundschaft gebildet hast, als ob ohne einen Brief von Deiner Seite im Zeitraum von zwei, drei Monaten dieselbe erloschen wäre. Ich habe mir eine Nachlässigkeit ganz andrer Art zu Schulden kommen lassen: ich hatte Dir von Brief zu Brief die Lachmannsche Abhandlung versprochen und durch eine mir unbegreifliche Zerstreutheit beim Abschicken des Briefes immer vergessen, was ich versprochen hatte, so daß ich mir ernstliche Vorwürfe machte und mir wiederholt sagte, „das Nichtschreiben Deines Freundes Mushacke ist eine gerechte und gesunde Strafe für diese Zerstreutheit.“ Wenn also einer von uns beiden eine Veranlassung hat, sich zu entschuldigen, so bin ich es: als was ich auch hiermit aus vollem Herzen thue.
     So hoffe ich denn, daß hiermit, lieber Freund, jede Spur einer unbequemen Empfindung gegen mich in Dir getilgt ist und wende mich zur Aufzählung meiner „Schicksale, Arbeiten und Aussichten“, mit denen ich Dich, vielleicht über Gebühr, in so manchem Briefe in Ermangelung besseren und edleren Stoffes abgespeist habe.
     Ich sitze hier im behaglichen Neste Naumburg und bin nicht unbeschäftigt. Aber mein Wunsch zu arbeiten ist in diesen Wochen größer gewesen als mein Vermögen, kurz ich bin bis jetzt unzufrieden mit den Ergebnissen der letzten Wochen. Was ich beabsichtige meine Arbeit de fontibus Laertii niederzuschreiben, liegt noch im weiten Felde; alles was fertig ist umfaßt noch nicht drei Druckbogen. Ich stolpere nämlich am allermeisten über ein kaum früher beachtetes Hinderniß; ich habe nämlich im Deutschen schlechterdings keinen Stil, obgleich den lebhaften Wunsch einen zu bekommen. Da ich mir nun vorgenommen habe meine Laert.studien mit aller Sorgfalt erst deutsch auszuarbeiten, bevor ich den lateinischen Auszug daraus mache, bin ich auch genöthigt auf diese Stilfragen einzugehen. Als Gymnasiast schreibt man bekanntlich keinen Stil; als Student hat man nirgends Übung; was man schreibt, sind Briefe, somit subjektive Ergüsse, die keinen Anspruch auf künstlerische Form machen. Also kommt einmal eine Zeit, wo uns die tabula rasa unsrer stilistischen Künste ins Gewissen steigt. So ergeht mirs jetzt und daher kommt es, daß ich sehr langsam arbeiten muß.
     Den nächsten Sommer werde ich wieder in Leipzig zubringen, da ich mich jetzt kaum noch von Ritschl losreißen kann. Das wirst Du einigermaßen nachfühlen können. Dazu quält mich immer der Gedanke, daß es in Kurzem einmal zu Ende sein kann; er ist in letzterer Zeit öfter und schwerer krank gewesen. Ich kann Dir nicht ausdrücken, was ich an ihm verlieren würde.
     Im Herbst möchte ich mir den Titel eines Doktors aneignen; ich denke mit einer Abhandlung de Homero Hesiodoque coaetaneis. Wenn Du bei dieser Überschrift lächelst, so hast Du ein Recht dazu. Über alle meine persönlichen Verhältnisse bitte ich Dich vor meinen etwaigen Bekannten, mit denen Du zusammentriffst, Stillschweigen zu bewahren; es ist nichts lästiger als Hoffnungen zu erregen und schließlich Lügen zu strafen. Wer aber bürgt für seine nächste Zukunft? Ich habe noch so viel abenteuerliche Pläne, daß ein ganzer Theil derselben ins Wasser fallen muß.
     Jetzt kommt etwas worüber Du Dich freuen wirst. Ich habe die besten Nachrichten von Freund Deussen, der in Bonn seit vorigem Herbst seinen philologischen Studien mit gutem Erfolge obliegt und der sich dabei auf festem Boden fühlt. Alles was er über seine Arbeiten schreibt macht einen gesunden und frischen Eindruck: wie weit er anders geworden ist, wirst Du am besten beurtheilen können, wenn er in einigen Wochen Dich in Berlin heimsucht. Dort nämlich gedenkt er ein Jahr lang zuzubringen.
     Wenn Du einmal an mich nach Leipzig einen Brief schreibst, wohin ich am 30 dieses Monats wieder abgehe, so bemerke als Addresse „Weststraße“ Nr. 59, 2 Treppe. Du hast ja in demselben Hause, nur etwas höher gewohnt. Du kannst Dir also recht lebhaft vorstellen, wo ich diesen Sommer zubringen werde. Ich wohne in der Stube, die früher der „Baron“ Gott weiß welches Namens inne hatte.
     Sonst geht alles in Leipzig vortrefflich. Vor allem gefällt mir unser philologischer Verein, der übrigens von Semester zu Semester einige Mitglieder verliert, die dann nach Berlin gehen. Unsre Zuhörerzahl ist immer größer geworden, unsre Debatten haben einen strengeren Charakter erhalten, unsre Ansprüche an die Aufzunehmenden sind immer gewachsen. Wir haben jetzt auch zwei Sprachvergleicher und sind froh, von dieser species zwei gute Exemplare für unsre Menagerie bekommen zu haben. Wenn Du Bekannte hast, die es riskieren einmal auf ein Semester als Philologen nach Leipzig zu kommen, so gieb ihnen meine Addresse; denn ich bin allmählich genug in Leipzig eingebürgert, um Neuankommenden gute Auskunft geben zu können.
     Soviel ich weiß, willst Du in der nächsten Zeit Dein Staatsexamen machen. Kannst Du mir nicht einmal die Anforderungen, die Du zu diesem Zwecke an Dich selber stellst, kurz notieren, damit ich daran einen Maßstab habe, wenn ich auf den Gedanken käme mir irgendwann ein ähnliches „Vergnügen“ zu gestatten? Heute lebe recht wohl und sei sammt Deinen verehrten Angehörigen auf das herzlichste gegrüßt

von Deinem alten Freunde
F. N.


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BVN-1867,8

An Otto Kohl in Leipzig

[Naumburg,] Donnerstag [25. April 1867]


Meine Lieben,

[+ + +] machte es Ihnen vielleicht Vergnügen, das Conzert des Riedelschen Vereins zu besuchen? [+ + +] Ich selbst habe leider nicht die Zeit, nach Leipzig kommen zu können und in der Nikolaikirche mit zu wirken [+ + +]
     Ich werde mich sehr freuen, wenn ich nächsten Dienstag oder Mittwoch in Leipzig wieder einziehe und wenn ich höre, daß [+ + +] Ihre Arbeiten einen fröhlichen Verlauf genommen haben [+ + +]


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BVN-1867,9

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Leipzig, 27. Mai und 3. Juni 1867]


Liebe Mama und Lisbeth,

endlich bekommt Ihr wieder Nachricht und wie ich denke eine angenehme Nachricht von mir. Ich werde nämlich meine Pfingstferien diesmal etwas eher beginnen und deshalb in größter Kürze wieder bei Euch in Naumburg sein.
     An weitere Vergnügungsreisen kann ich diesmal nicht denken, da ich mit meiner Arbeit sehr im Rückstande bin. Diese aber hoffe ich in Eurer Nähe, im Übrigen aber in möglichster Abgeschiedenheit zu vollenden. Daß Ihr mir alles hübsch vorrichten werdet, kann ich wohl hoffen.
     Ich werde also nächsten Mittwoch in Naumburg eintreffen.
     Hier geht alles leidlich. Unser Ritschl war wieder krank und hatte eine Rose am Fuße. Gestern hat er das erste Colleg wieder gehalten, mußte aber in einer Porte-chaise bis an die Tür des Auditoriums getragen werden.
     Die Messe mit ihrem aufregenden Getöse ist nun überstanden. Meine Behausung gefällt mir, doch habe ich das beneidenswerthe Bewußtsein, von meinen Wirthsleuten als Citrone behandelt zu werden, aus der möglichst viel Saft dh. Geld herauszupressen ist.
     In unserm Verein sind wir wie immer thätig.
     Das Wetter ist so schlecht wie es in voriger Woche in Petersburg [war]. Ich fürchte, auch das Wetter ist sehr anhänglich an unsern Petersburger Gast, der wieder in Leipzig weilt, Hedwig Raabe.
     Unseren Reitcursus haben wir bis nach Pfingsten verschoben, weil wir Übertheuerung zur Meßzeit fürchteten.
     Sonntag waren wir, Rhode, Koch und ich, in dem überaus angenehmen Muldethale hinter Grimma. Es giebt kaum erquicklichere Gegenden.
     Das Militärzeugniß habe ich wieder gefunden. Ich war noch nicht in Halle. Vielleicht bei der Rückkehr aus den Pfingstferien. Meine Promotion zum Doktor muß ich doch aus praktischen Gesichtspunkten auf einer preußischen Universität vornehmen. Wo, weiß ich noch nicht.
     Also auf schönes Wiedersehen! Ihr merkt, daß Naumburg und Leipzig ziemlich nahe bei einander sind.

Euer Fritz.


Im November — Mai 1867.
     NB. Der Brief ist etwas liegen geblieben. Es bleibt aber so wie ich schrieb.
     Übermorgen komme ich. Gestern (Sonntag) war ich zu Tisch bei Ritschls. Von Gersdorff bekam ich auch einen Brief, er fühlt sich in seinem Militärstande sehr unglücklich; besonders nachdem der sehnlichst erwartete Krieg zu Wasser geworden ist.
     Vor einigen Tagen habe ich auch den Vormund in Leipzig getroffen; er hat auch mein Logis besucht.


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BVN-1867,10

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

Leipzig Dienstag
[Ende Juni 1867]


Liebe Mama und Lisbeth,

daß es mir nicht gut möglich war Halle zu besuchen und daß auch meine Lust darnach sehr gering war, könnt Ihr Euch denken. Auch wüßte ich keinen meiner Bekannten, der nach diesem Feste eine Sehnsucht getragen hätte. Um so besser ist es, daß Ihr Euch dabei ergötzt habt, Ihr, die noch der romantische Schimmer, der um Studenten und Professorenkomödien liegt, anziehen kann, weil Ihr nicht hinter die Coulissen dieser Welt zu sehen braucht.
     Daß Sonntags der Vetter nicht kam, hatte seinen Grund in einer Schrulle des Vetters, die mir nicht deutlich geworden ist. Kurz, er wollte nicht allein nach Naumburg und gab meinen dringenden Vorstellungen nicht nach. Ob ihm das Vergnügen, mit mir zusammen nach Naumburg zu reisen, so unentbehrlich ist, weiß ich nicht. Später will er schon einmal kommen, aber mit mir. Kleiner Sachse, immer Anschluß an Norddeutschen Bund! Das war doch sonst Deine Leidenschaft nicht.
     Unsre Reiter sind sämmtlich abgefallen, das heißt, bevor sie auf dem Pferde saßen. Nur Rohde hat ausgehalten. Wir beide also tummeln Nachmittags von 4—5 kräftiglich unsre Rosse und fühlen uns dabei und darnach sehr wohl. Die Erschütterung ist für den Unterleib sehr wohlthätig. Man hat Durst und Hunger und tiefen Schlaf in höherem Grade als andere Menschen. Meine dicke Hose bei einer Hitze von 30 Grad zu tragen, ist mir nicht schwer geworden.
     Was nun nächstes Semester betrifft, so gedenke ich es in Berlin zuzubringen: als wohin ein Brief an Mushacke abgeht, der mir ein Logis besorgen wird. Und zwar werde ich gleich Ende August dahin absegeln. Mein ganzes Gepäck schicke ich als Frachtgut von hier aus hin. Für den Fall, daß ich Militärdienste thun will, habe ich dies doch in Berlin am Besten. Bevor ich dorthin abreise, komme ich noch einmal eine Woche nach Naumburg. Ich werde Euch auch das Bild unsres philologischen Vereins mitbringen, das besser geworden ist als das letzte und auch Ritschl sehr gefallen hat.
     Bei meinen Wirthsleuten werde ich heute oder morgen kündigen. Die Rechnungen sind mir unbequem. Ich komme dabei und bei meinen sonstigen Ausgaben ins Trockne. In Berlin muß ich einmal einen bescheidenen Versuch machen Geld zu erwerben.
     Heute habe ich nichts weiter zu schreiben als daß ich für weiße Wäsche und Briefe bestens danke, insgleichen mich mit Behagen der Pfingstferien erinnre. Somit lebt recht wohl!

Euer Fritz.


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BVN-1867,11

An Hermann Mushacke in Berlin

[Leipzig, einige Tage vor dem 15. Juli 1867]


Mein lieber Freund,

ich weiß recht wohl, daß dieser mein Brief diesmal ein paar Tage zu zeitig kommt, um Dir meine Geburtstagswünsche zu bringen. Doch was thut dies? Immerhin sind verfrühte Wünsche noch etwas besser als verspätete. Zugleich ersuche ich Dich meine kleine mitfolgende Arbeit freundlich anzunehmen, die offenbar viel zu spät zu Dir gelangt: so mögen denn der verfrühte Brief und die verspätete Gabe sich unter einander compensieren.
     Endlich, lieber Freund, ist Aussicht vorhanden, uns wieder öfter zu sehn und zu sprechen: so gewiß ich nämlich nächstes Semester in Berlin zu verleben gedenke. Das freundliche Leipzig, der vir incomparabilis Ritschelius müssen mich doch endlich ziehn lassen, damit ich mir die nöthigen staatsdienstlichen Prädicate in Preußen erwerben kann. Wenn ich momentan meine hiesigen 4 Semester überschaue und zwar mit der Stimmung des Abschiedes und mit dem Auge der Erinnerung: so nehmen sie sich nicht nur sehr interessant aus, sondern auch höchst entscheidungsvoll für mein Leben. Immerhin ist doch hier meine philologische Ader durchgeschlagen, die in Bonn durch das Geröll und Geschlamm des Verbindungsleben arg zurückgehalten war. Dazu nehme ich das Andenken an einen wirklich großen Mann von hier mit, der mich mit Liebe und väterlicher Sorgfalt beachtet hat. Schließlich habe ich das wohlthuende Gefühl, etwas zur Erzeugung und zur Lebensfähigkeit unsres Vereins gethan zu haben. Um nicht der vielen vortrefflichen Leute zu gedenken, die ich hier kennen lernte und von denen zwei, nämlich Rohde und Kleinpaul mir besonders nahe stehn. Und auch jetzt bin ich noch lange nicht fertig mit der Aufzählung Leipziger Vortrefflichkeiten: z.B. wie könnte ich Schopenhauer vergessen, der mir hier an die Seele gewachsen ist. Selbst das Vergnügen, mich zum ersten Male gedruckt zu sehn, ist auf diesem Boden entsprungen. etc. etc.
     Nach dieser laudatio ante acti temporis werfen wir einige Blicke auf die Zukunft. Und hier bin ich sogleich genöthigt, Dich mit einer Bitte zu belästigen. Ich möchte nämlich mein Gepäck nicht erst nach Naumburg und von dort aus nach Berlin transportiren lassen, sondern nach Berlin direkt. Entweder nun lasse ich es dort auf dem Bahnhof restante stehen oder einer meiner Freunde, vielleicht Deussen, ist so gefällig, es einstweilen in seiner Behausung liegen zu lassen. Wärst Du nun wohl so freundlich, mir bis zum Ende dieses Monates Juli einmal ein paar Zeilen über diesen Punkt zu schicken, ob es Deussen paßt etc. Ich selbst gedenke Ende August in Berlin einzutreffen. Mein Gepäck aber muß noch am letzten dieses Monates fort, da ich ausziehe. Ich habe spekulative und rücksichtslose Wirthsleute — sapristi.
     Was wollen wir alles zusammen in Berlin machen? Unter anderem bilden wir zu unserm Vergnügen und Nutzen einen neuen philologischen Verein; ich will doch sehen, ob ein derartiges Institut in Berlin, in der Stadt der Intelligenz und der logischen Thatsachen, dort nicht doppelt wirken und leben kann als hier, wo man immer mit sächsischer Langsamkeit und Ungewecktheit zu rechnen hat. Sodann reiten wir zusammen: denn auch dies gehört jetzt zu meinen Studien. Zufällig ist es wirklich gekommen, daß wir dh. Rohde und ich Ritschls Colleg nur mit Reitpeitschen besuchen: zufällig, sonst wären wir ja πίθηκοι ' Ερμάννου. Schließlich machen wir Examina und ähnliche Wintervergnügungen uns gemeinsam.
     Kurz, ich wünsche, daß wir uns glücklich wiedersehen und wohl befinden mögen. Die Hälfte dieses Wunsches gilt Dir, dem Geburtstagskind, die andre Hälfte mir. Aber die beiden Hälften sind Zwillinge: stirbt der eine, so auch der andre. Darum ein Hoch darauf, daß sie zusammen leben und gedeihen!
     Mit den herzlichsten und verbindlichsten Empfehlungen an Deine Angehörigen

Dein Friedrich Nietzsche.


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BVN-1867,12

An Paul Deussen in Oberdreis

Leipzig 1 August. [1867]


Mein lieber Freund,

Dein Vorschlag ist so freundschaftlich und so weit abliegend von jener breiten Straße des Egoismus, daß ich ihn nicht annehmen kann.
     Zudem werde ich die Ferien doch wohl in Naumburg verleben, nachdem ich eine längere Reise in die bayrischen Alpen und Salzburg mit meinem Freunde Rohde gemacht haben werde.
     Ich lese, daß es Dir gut geht und fühle den zufriednen Ton Deines Briefes. Du wirst mir viel zu erzählen haben. Kürzlich dachte ich gerade an Dich lebhaft, als in mir der Gedanke aufstieg, in Berlin einen philologischen Verein zu gründen. Dieser Plan wird von Stapel laufen, so sicher mich der Sklave, der hinter mir mein Hab und Gut einpackt, bestiehlt.
     Leb wohl, lieber Freund. Sage allen, die mich kennen, meine Grüße und genieße Deinen Plato, wie ein Mann, dem das Alterthum trotz der Philologie noch nicht verleidet ist.

Dein Fritz Nietzsche.


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BVN-1867,13

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Leipzig, 6. August 1867]


Liebe Mama und Lisbeth,

es ist sehr leicht möglich, daß dieser Brief in Naumburg etwas warten wird, bis Ihr wieder in unsre stille Klause eingekehrt seid. Wenn es so kommt, so findet Ihr außer dem Brief auch noch ungeheure Kisten und Kasten vor, alles Zeichen meiner Existenz, Vorboten meiner Ankunft. Es ist sehr unrathsam, diese besagten Kisten aufzumachen, bis ich ankomme. Also bitte laßt sie stehen, wie sie sind.
     Morgen oder in den nächsten Tagen reisen wir ab. Wir machen uns auf tüchtige Fußtouren gefaßt. Seltsamer Weise kann ich noch nicht einmal heute genau sagen, wohin uns die Reise führt. Es hängt von einer seltsamen Verkettung von Rücksichten und Neigungen ab, ob wir nach Salzburg und München oder in den böhmischen Wald gelangen. Schließlich kommt nicht sehr viel darauf an.
     Ich nehme nichts weiter mit als zwo (oder 3) Hemden, 2 Paar Strümpfe, meinen dunklen Anzug, das Plaid. Sodann habe ich mir massive doppelsohlige Stiefeln und einen Ziegenhainer angeschafft. Es verlangt mich sehr nach Wald und Berg, nachdem derartige Bedürfnisse durch einen 2jährigen Aufenthalt in Leipzig künstlich aufgestaucht und somit sehr stark geworden sind.
     Sehr angenehm soll dann unser Zusammenleben in Naumburg werden. Sicherlich werde ich Euch manches zu erzählen haben. Richtet Euch nur ungefähr darauf ein, daß ich in den letzten Tagen des Monates August bei Euch eintreffe.
     Wenn wir nur einen Weg finden, die Militärangelegenheit günstig abzuwickeln. Ich habe dazu zunächst keine Zeit.
     Meine betr. Arbeit ist am letzten des vorigen Monates abgegeben. Sie hat mir in der letzten Zeit rechte Mühe gemacht. Stoff für neue habe ich in reicher Fülle.
     Die letzten Tage waren sehr angenehm. Lauter Abschiedsfeste und alle ebenso heiter als ernst. Leipzig verklingt allmählich in unsern Ohren. Ich verlasse es mit ganz andern Empfindungen als z. B. Bonn. Aus begreiflichen Gründen.

Adieu! Auf ein fröhliches Wiedersehn!
Euer Fritz.


     Dienstag.
     In den Naumburger Ferien werdet Ihr mir wohl ein Roß pumpen, daß ich meinen Reitstudien obliegen kann.


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BVN-1867,14

An Friedrich Ritschl in Leipzig

Naumburg 26 Sept. 1867.


Hochverehrter Herr Geheimerath,

Ihre ausgezeichneten Bemühungen haben wiederum alles durchgesetzt, was meinen Arbeiten irgendwie nützlich sein kann. Direktor Förtsch ist sogleich mit großer Gefälligkeit bereit gewesen, mir das fast vollständige Exemplar des rheinischen Museum einzuhändigen: und aus Ihrem letzten verehrten Schreiben entnehme ich, daß auch Sauerländer auf den für mich so günstigen Vorschlag eingegangen ist. Falls es für Sie mit keinen Mühen verbunden ist, so wäre ich erfreut jenes Exemplar in Naumburg zu sehen. Doch steht dies schlechterdings in Ihrer Hand, da ich ja augenblicklich auf das Beste versorgt bin und recht gut bis Ende Oktober warten kann; wo ich mir dann erlauben würde, in Leipzig persönlich bei Ihnen vorzufragen.
     Übrigens kann ich nicht gerade sagen, daß ich in der Indexanfertigung schon weiter vorgerückt wäre, da mich gegenwärtig lebhaft eine andre Untersuchung („über die unechten Schriften Demokrits“) gefangen hält. Doch wüßte ich keinen Grund, der mich bei jener Arbeit besonders zur Eile anspornte.
     Schließlich freut es mich, den Ursprung jener räthselhaften Adresse „Lindenstr. 57“ endlich errathen zu haben. Als ich im vorigen Herbste in Kosen wohnte, erkundigten Sie sich nach meiner Wohnung, um mir die Theognispapiere schicken zu können. Darauf schrieb ich Ihnen jene bezeichnete Adresse. Im Übrigen ist auch eine falsche Adresse für die Naumburger Briefträger ein ἀδιάφορον.
     Somit habe ich nur noch den Wunsch auszusprechen, daß diese schönen Herbstestage Ihrer Gesundheit recht ersprießlich sein mögen, und die Versicherung hinzuzufügen, daß ich mich am Ende des Oktober persönlich nach Ihrem Befinden erkundigen werde.

Ihr getreuer Schüler
Friedrich Nietzsche.


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BVN-1867,15

An Hermann Mushacke in Berlin

Naumburg Freitag [4. Oktober 1867]


Mein lieber Freund,

wir sind selten des Schicksals Herren, aber glauben es zu sein, wenn es lange Zeit uns günstig war. Dies soll keine Einleitung zu einer Tragödie, sondern nur die Vorbemerkung zu einer Zwischenaktsmusik sein, die ich in diesem Leben nicht mehr zu hören hoffte. Trommeln und Pfeifen, kriegerischer Klang! Das Schwert schwebt nicht über meinem Haupte, sondern an meiner Seite, diese Feder in meiner Hand wird in Kürze ein Mordgewehr sein, diese mit Notizen und Entwürfen bedeckten Papiere werden wahrscheinlich etwas Modergeruch annehmen. Der Kriegsgott hat mein begehrt. d. h. man hat mich für tauglich zum Freiwilligendienst befunden, während ich noch bei meiner Abreise nach Halle zur Philologenversammlung im Glauben stand, daß dieser Kelch an mir vorüber gegangen sei. Mit großer Mühe habe ich durchgesetzt, daß ich wenigstens einen Versuch machen darf, ob man mich in einem andern Orte als Naumburg ist und bei einer andren Truppengattung als Artillerie annehmen will. Mißlingt der Versuch, so beginne ich am nächsten Mittwoch die hiesigen Kanonen zu umarmen — mit mehr Ingrimm als Zärtlichkeit. Inzwischen aber gilt es einen Versuch.
     Vielleicht kann ich in Berlin bei dem 2ten Gardeinfant.regiment ankommen. Zu diesem Behufe werde ich also morgen d. h. Sonnabend ¾12 Uhr von Naumburg abreisen und Abends in Berlin eintreffen. Daß ich bei dieser Gelegenheit Dir sehr dankbar wäre, wenn ich Dich auf dem Bahnhofe träfe, wage ich hier anzudeuten. Denn Du kennst mein [meine] Ungeschicktheit in einer fremden und großen Stadt. Auf diese unerwartete Weise ist unser Zusammentreffen viel näher gerückt als es mir noch gestern denkbar war; und es ist dies so ziemlich das Einzig Angenehme, das mir der plötzliche Eingriff des Mavors in meine Absichten verschafft. Dagegen sind meine Wünsche für die nächste Zukunft völlig durchkreuzt.
     In wiefern, werde ich Dir persönlich erzählen.
     Somit, lieber Freund, habe ich meine Ankunft in Berlin angemeldet und Dich um eine große Gefälligkeit ersucht. Wenn Du nicht kommen kannst, so werde ich mir trotzdem gestatten, bei Dir einmal vorzufragen. Einstweilen sage Deinen verehrten Angehörigen meine herzlichsten Grüße!
     — Und wie viel Schönes brachten nicht gerade die letzten Wochen! Welche Genüsse bei dieser Philologenversammlung, bei der ich eine Unzahl alte Bekannte traf. Als am ersten Abende in den weiten Sälen des Schießgrabens die angekommnen Gäste — c. 500 — durcheinanderflutheten, da stand ich da, wie Elisabeth im Tannhäuser, als die Pilger aus Rom zurückkommen und sie in jedem Gesichte die bekannten Züge Heinrichs zu finden hofft. Sie täuscht sich, und ich täuschte mich auch. Freund Mushacke war nicht unter den philologischen Pilgern.

Addio a rivederla
Fritz Nietzsche.


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BVN-1867,16

An Friedrich Ritschl in Leipzig

Naumburg 25 Okt. 1867.


Hochverehrter Herr Geheimrath,

Durch einen raschen Griff des Schicksals bin ich außer Stand gesetzt, Ende dieses Monates in Leipzig zu erscheinen; womit zugleich auch meine Promotion in das weite Feld geschoben wird. Was ich nämlich nie erwartet habe, hat sich im Umlauf weniger Tage entschieden; ich bin trotz meiner Kurzsichtigkeit dem Kriegsgotte verfallen und habe jetzt den ganzen Tag vom Grauen des Morgens an bis in die späte Abendstunde bald in den Pferdeställen, bald in der Reitbahn, bald in der Kaserne, bald am Geschütz stark und anstrengend zu arbeiten. Das ist freilich eine neue fremde Speise, deren Bissen mir manchmal zwischen den Zähnen hängen bleiben: besonders wenn ich an die Mahlzeiten gedenke, die ich am Tische der Philologie einzunehmen gewohnt war. Wenn ich aber an diese denke, so fühle ich auch, wem ich allezeit den wärmsten Dank und die herzlichste Verehrung schulde, wessen Vorbild mich für immer auf jener Bahn festhält, von der mich gegenwärtig Unteroffiziere und gezogene Geschütze verscheuchen wollen.
     Es versteht sich also, daß ich die indexabfassung, so bald die ersten schwersten Wochen überwunden sind, mit Freuden wieder in die Hand nehmen werde; zu welchem Behufe ich das Museumexemplar gern in Naumburg sehen würde, da ich auf die Dauer das der Domschule angehörige nicht zurückhalten kann noch darf.
     So kann ich heute nur mit dem Wunsche schließen, daß Sie Sich so wohl, heiter und kräftig fühlen mögen, als ich Sie nach meinem ersten Plane in Leipzig persönlich zu finden hoffte. Jetzt ist es mir leider durch die harte Ungunst des Mavors, richtiger durch die ἄχαριν χάριν desselben, auf längere Zeit versagt, das Antlitz des Mannes zu sehn, als dessen Schüler ich mich

ergebenst zeichne
Friedrich Nietzsche
Kanonier


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BVN-1867,17

An Paul Deussen in Berlin (Fragment)

[Naumburg, Oktober/November 1867]


Mein lieber Freund,

eine Fluth von Gründen bestimmt mich Dir zu schreiben, Pflichten der Dankbarkeit für gastfreundliche Aufnahme und für einen warm empfundenen und inhaltsreichen Brief, vor allem aber der eigne Wunsch, Dich nicht länger im Unklaren zu lassen über mein Befinden in einem Stande, der meinem sonstigen Denken und Treiben fremdartig genug ist.
     Du wirst ja durch Mushackes Freundlichkeit gehört haben, daß ich nach einem kraftlosen Versuche an den Wänden des Schicksals hinan und drüber weg zu klettern mich ergab und fortan Kanonier war. Insgleichen wird Dir deutlich sein, daß der Dienst bei der reitenden Artillerie als der schwerste Soldatendienst gilt und daß dem wirklich so ist. Wir müssen zu Fuß, zu Pferde und am Geschütz ausgebildet werden; und um Dir recht einfach vor die Seele zu führen, was dies für Zeit verlangt, so wisse, daß ich jeden Tag durchschnittlich von 7 Uhr morgens bis c. 6 Abends dienstlich beschäftigt bin, eine halbe Stunde des Mittags abgerechnet. Die andre Zeit dh. den Morgen von ¾5 bis 7 und Abends verwende ich zur Aneignung der militärischen Kenntnisse, die ein Offizierexamen in so reichem Maaße beansprucht und zum Weitertreiben derjenigen philologischen Arbeit, deren Vollendung ich bis zu einem naheliegenden Termine versprochen habe.
     Also Arbeiten mit vollen Segeln, körperlich und geistig, in der Reitbahn und im Turnier der Gedanken, am Geschütz und mit den Geschossen der Logik, auf dem Exercierplatz und in der Denkschule der Alten.
     Mein lieber Freund, um eine Apologie Schopenhauers zu schreiben, die Du durch Deinen Brief herausforderst, habe ich nur das Faktum mitzutheilen, daß ich diesem Leben frei und muthvoll ins Antlitz schaue, nachdem meine Füße einen Grund gefunden haben. „Die Wasser der Trübsal“ um in Bildern zu Reden, bringen mich nicht von meinem Pfade ab, denn sie gehen mir nicht mehr über den Kopf.
     Das ist natürlich nichts als eine ganz individuelle Apologie. Aber so stehen wir nun einmal. Wer mir Schopenhauer durch Gründe widerlegen will, dem raune ich ins Ohr: „Aber, lieber Mann, Weltanschauungen werden weder durch Logik geschaffen, noch vernichtet. Ich fühle mich heimisch in jenem Dunstkreis, Du in jenem. Laß mir doch meine eigne Nase, wie ich Dir die Deinige nicht nehmen werde.“
     Mitunter zwar werde ich ärgerlich, wenn ich zeitgenössische Philosophen höre oder lese und ihren Ruf bemerke und frage eindringlich wie jener bekannte Hamlet seine Mutter fragte „Habt ihr Augen? Habt ihr Augen?“ Ich meine, sie haben keine, aber ich kann mich irren und die meinigen sind vielleicht zu kurzsichtig, daß ich einen Esel und ein Pferd verwechsle. Aber sei es so: wenn ein Sklave im Gefängniß träumt, er sei frei und entbunden seiner Knechtschaft, wer wird so hartherzig sein, ihn zu wecken und ihm zu sagen, daß es ein Traum sei. Wer wird es sein? Nur ein Büttel, und weder ich, noch Du werden Lust haben, dessen Rolle zu spielen.
     Das Beste, was wir haben, sich eins zu fühlen mit einem großen Geiste, sympathisch auf seine Ideengänge eingehen zu können, eine Heimat des Gedankens, eine Zufluchtsstätte für trübe Stunden gefunden zu haben — wir werden dies andern nicht rauben wollen, wir werden es uns selbst nicht rauben lassen. Sei es ein Irrthum, sei es eine Lüge — — —


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BVN-1867,18

An Erwin Rohde in Hamburg

Naumburg d. 3 November 1867.


Mein lieber Freund,

gestern bekam ich einen Brief von unserm Wilhelm Roscher aus Leipzig, mit Nachrichten, welche mit Deiner Erlaubniß den Eingang dieses Briefes bilden sollen. Voran die erfreuliche Kunde, daß es mit Vater Ritschls Gesundheit und Heiterkeit bestens steht; was ich mit Verwunderung höre, da das Benehmen der Berliner ihm sicherlich manche wunde Stelle aufgerissen hat. Sodann scheint der Verein, der sich auch einen feierlichen Stempel zugelegt hat, einer schönen Zukunft entgegenzugehn. Der Lesecirkel zählt 28 Mitglieder bis jetzt: das Café von Zaspel soll nach Roschers Intentionen eine Art Philologenbörse bilden. Auch ist ein Schrank gekauft worden, in dem die Zeitschriften aufbewahrt werden. Freitagszusammenkünfte haben wahrscheinlich noch nicht stattgefunden; wenigstens schreibt Wilhelm nichts davon. Zudem sind verschiedene Mitglieder noch nicht eingetroffen zB. Koch, der leider durch eine schwere Krankheit verhindert ist. Ebenso wenig der vortreffliche Kohl, der sich seltsamer Weise mehere Wochen bei einem Freunde auf dem Lande aufhalten will und somit die bedenklichen Scenen des Examens etwas hinaus geschoben hat. Schließlich will ich nicht verschweigen, daß Roschers Brief mir die angenehme Nachricht brachte, daß meine Laertiusarbeit am 31 Okt. in der Aula den Sieg im Wettkampf gegen Herrn Οὔτις gewonnen hat; was ich vor allem deshalb erzähle, weil ich dabei Deiner freundschaftlichen Bemühungen eingedenk bin, unter denen das besagte opusculum vom Stapel lief. Es kann lange dauern, ehe von diesen Angelegenheiten etwas gedruckt wird: alle früheren Pläne habe ich zurückgezogen und nur den einen festgehalten, in einem größeren Zusammenhange dies Gebiet, vereint mit Freund Volkmann, zu behandeln. Da wir aber beide stark anderweitig beschäftigt sind, so mögen die hübschen Fabeln von der Gelehrsamkeit des Laertius und Suidas sich noch eine Zeit lang ihres Daseins freuen. Der einzige Mensch, der ein wenig schneller über die wahrscheinliche Sachlage unterrichtet werden muß, ist Curt Wachsmuth: als welcher persönlich und mündlich davon hören will und wird, nachdem ich ihn in Halle bei der Philologenversammlung kennen gelernt habe. Er hat wirklich einen künstlerischen Anstrich, vor allem eine kräftige banditeske Häßlichkeit, die er mit Schwung und Stolz trägt.
     Jene Tage in Halle sind für mich einstweilen das lustige Finale, oder sagen wir die Coda, meiner philologischen Ouvertüre. Solche Lehrerbanden präsentieren sich doch besser als ich je erwartet hatte. Mag es sein, daß die alten Spinnen in ihren Netzen geblieben waren: kurz, die Kleidung war recht anständig und neumodisch, und die Schnurrbärte sind sehr beliebt. Greis Bernhardy zwar präsidirte so schlecht als möglich und Bergk langweilte durch einen unverständlichen dreistündigen Vortrag. Das Meiste war aber gut gelungen, vor allem das Diner (bei dem man dem alten Steinhart die goldne Uhr stahl: berechne darnach, welche Stimmung durchherrschte) und eine abendliche Zusammenkunft im Schützengraben. Hier lernte ich auch den klugblickenden Magister Sauppe aus Göttingen kennen, der mir als Protagonist der Naumburger Philologen von Interesse ist. Sein Vortrag über einige neue attische Inschriften war das pikanteste, was wir gehört haben; wenn ich nämlich Tischendorfs Rede über Paläographie ausnehme, der mit vollem Zeuge losfuhr dh. mit der Homerjungfrau, den Simonidesfälschungen, den Menander- und Euripidesfragmenten usw.; auch vermittelte er wiederum in reichster Fülle und kündigte schließlich sein paläogr. Werk an, mit naiver Preisangabe, nämlich im Werthe von ungefähr 5000 Thalern. Der Besuch war außerordentlich zahlreich, und Bekannte gab es in reicher Fülle. Beim Diner hatten wir eine Leipziger Ecke gebildet, bestehend aus Windisch, Angermann, Clemm, Fleischer usw. Sehr habe ich mich gefreut, in Clemm einen ganz besonders liebenswürdigen Menschen gefunden zu haben: während ich ihn in Leipzig kaum kennen gelernt habe, ja so gar in Folge der verteufelten Bonner Angewohnheit eine Art Abneigung gegen ihn empfand und ihn mit jenen schiefen Blicken zu betrachten pflegte, mit denen Burschenschafter die „Herren Chöre“ zu messen lieben. Natürlich erklärte er sich mit vollem Herzen bereit, an den Leipziger symbolis theilzunehmen. Doch fand er den Termin zu zeitig abgesteckt: und ich bin nahe daran sein Urtheil zu unterschreiben. Täglich, ja stündlich haben wir in Halle auf die Ankunft von Vater Ritschl gewartet, der sich angekündigt hatte und leider dem schlechten Wetter sich fügen mußte. Wir haben nach seiner Anwesenheit gelechzt, ich insbesondere, der ihm nach allen Seite [Seiten] hin Dank wissen muß. Seiner Vermittelung habe ich zuzuschreiben, daß ich jetzt im Besitz des vollständigen rhein. Museums bin, und zwar ohne bisher etwas dafür gethan zu haben, ja in der sichern Aussicht, eine längere Zeit für jenen index nichts thun zu können. Die nächsten Paar Wochen nach unsrer Reise habe ich nicht in dieser Frohnarbeit verschwendet, sondern auf die lustigste Weise meine Democritea zusammengestellt; als welche in honorem Ritscheli bestimmt sind. So ist doch wenigstens der Hauptwurf gethan: obschon für eine sorgsame Begründung meiner Tollheiten und eine stämmige Combinatorik nur zu viel noch zu thun übrig ist, viel zu viel für einen Mensch [Menschen], der „anderweitig stark beschäftigt ist.“
     Nun, wirst Du fragen, wenn er nicht raucht und spielt, wenn er nicht indicem fabrizirt, noch Democritea combinirt, Laertium et Suidam despektirt, was macht er denn?
     Er exercirt.
     Ja, mein lieber Freund, wenn Dich ein Dämon einmal in einer frühen Morgenstunde, sagen wir, zwischen fünf und sechs, nach Naumburg geleiten und gefälliger Weise die Absicht haben sollte, Deine Schritte in meine Nähe zu lenken: so erstarre nicht über das Schauspiel, das sich Deinen Sinnen darbietet. Plötzlich athmest Du die Athmosphaere eines Stalles. Im halben Laternenlichte erscheinen Gestalte[n]. Es scharrt, wiehert, bürstet, klopft um Dich herum. Und mitten drin, im Gewande eines Pferdeknechtes, heftig bemüht, mit den Händen Unaussprechliches, Unansehnliches weg zu tragen oder den Gaul mit der Striegel zu bearbeiten — mir graut es, wenn ich sein Antlitz sehe — es ist beim Hund meine eigne Gestalt.
     Ein paar Stunden später siehst Du zwei Rosse auf der Reitbahn herumstürmen, nicht ohne Reiter, von denen der eine Deinem Freunde sehr ähnlich ist. Er reitet seinen feurigen schwungvollen Balduin und hofft einmal gut reiten zu lernen, obschon oder vielmehr weil er jetzt immer noch auf der Decke reitet, mit Sporen und Schenkeln, aber ohne Reitgerte. Auch mußte er sich beeilen, alles zu verlernen, was er in der Leipziger Reitbahn gehört hatte und vor allem sich mit großer Anstrengung einen sicheren und reglementmäßigen Sitz aneignen.
     Zu andern Tageszeiten steht er, emsig und aufmerksam, am gezognen Geschütz und holt Granaten aus der Protze oder reinigt das Rohr mit dem Wischer oder richtet nach Zoll und Graden etc. Vor allem aber hat er sehr viel zu lernen.
     Ich versichere Dich bei dem schon erwähnten Hund, meine Philosophie hat jetzt Gelegenheit, mir praktisch zu nützen. Ich habe in keinem Augenblicke bis jetzt eine Erniedrigung verspürt, aber sehr oft wie über etwas Mährchenhaftes gelächelt. Mitunter auch raune ich unter dem Bauch des Pferdes versteckt „Schopenhauer hilf“; und wenn ich erschöpft und mit Schweiß bedeckt nach Hause komme, so beruhigt mich ein Blick auf das Bild an meinem Schreibtisch: oder ich schlage die Parerga auf, die mir jetzt, sammt Byron, sympathischer als je sind.
     Jetzt ist endlich der Punkt erreicht, wo ich das aussprechen kann, womit nach Deiner Erwartung der Brief hätte beginnen sollen. Mein lieber Freund, Du weißt jetzt den Grund, warum mein Brief so ungebührlich lange sich verspätet hat. Ich habe im strengsten Sinne keine Zeit gehabt. Aber auch oftmals keine Stimmung. Man schreibt eben Briefe an Freunde, die man so liebt, wie ich Dich liebe, nicht in jeder beliebigen Stimmung. Ebensowenig schreibt man in einem erhaschten Moment heute eine Zeile und morgen eine, sondern man sehnt sich nach einer vollen und breiten Stunde und Stimmung. Heute blickt der freundlichste Herbsttag zum Fenster herein. Heute habe ich den Nachmittag frei, wenigstens bis ½ 7 Uhr; als welche Stunde mich zur Abendfütterung und Tränkung in den Stall ruft. Heute feiere ich den Sonntag auf meine Weise, indem ich meines fernen Freundes und unsrer gemeinsamen Vergangenheit in Leipzig und im Böhmerwald und in Nirwana gedenke. Das Schicksal hat mit einem plötzlichen Ruck das Leipziger Blatt meines Lebens abgerissen, und das nächste, das ich jetzt in diesem sibyllinischen Buche sehe, ist mit einem Tintenklecks von oben bis unten bedeckt. Damals ein Leben in freister Selbstbestimmung, im epikureischen Genuß der Wissenschaft und der Künste, im Kreise von Mitstrebenden, in der Nähe eines liebenswerthen Lehrers und — was mir das Höchste bleibt, was ich von jenen Leipziger Tagen sagen kann — im steten Umgang mit einem Freunde, der nicht nur Studienkamerad ist oder etwa durch gemeinsame Erlebnisse mit mir verbunden ist, sondern dessen Lebensernst wirklich denselben Grad zeigt, wie mein eigner Sinn, dessen Werthschätzung der Dinge und der Menschen ungefähr denselben Gesetzen wie die meinige folgt, dessen ganzes Wesen schließlich auf mich eine kräftigende und stählende Wirkung hat. So vermisse ich auch jetzt nichts mehr als eben jenen Umgang; und ich wage selbst zu glauben, daß wenn wir zusammen verurtheilt wären unter diesem Joche zu ziehen, wir unsre Bürde heiter und würdevoll tragen würden: während ich augenblicklich nur auf den Trost der Erinnerung hingewiesen bin. In der ersten Zeit war ich fast verwundert, Dich als meinen Schicksalsgefährten nicht zu finden: und mitunter wenn ich reitend den Kopf umdrehe nach dem andern Freiwilligen, so meine ich Dich auf dem Pferde sitzen zu sehen.
     Ich bin in Naumburg ziemlich einsam; ich habe weder einen Philologen, noch einen Schopenhauerfreund im Kreise meiner Bekannten; und selbst diese kommen selten mit mir zusammen, weil der Dienst meine Zeit sehr beansprucht. Somit habe ich oft das Bedürfniß die Vergangenheit wiederzukäuen und die Gegenwart durch Beimischung jener Würze verdaulich zu machen. Als ich heute morgen im Regenmantel durch die schwarze kalte feuchte Nacht gieng, und der Wind unruhig um die dunklen Häusermassen blies, sang ich vor mich hin „ein Biedermann muß lustig, guter Dinge sein“ und dachte an unsere närrische Abschiedsfeier, an den hüpfenden Kleinpaul — dessen Existenz augenblicklich in Naumburg und Leipzig unbekannt, aber deshalb nicht fraglich ist — an Kochs dionysisches Gesicht, an unser Gedenkmal am Ufer jenes Leipziger Stromes, das wir Nirwana tauften und das meinerseits die festlichen Worte, die sich siegreich erwiesen haben, trägt γένοι᾽οἷος ἐσσί.
     Wenn ich zum Schluß diese Worte auch auf Dich anwende, theurer Freund, so sollen sie das Beste umschließen, was ich für Dich im Herzen trage. Wer weiß, wann das wechselnde Geschick unsre Bahnen wieder zusammenführen wird: möge es recht bald geschehn; wann es aber immer auch geschehe, ich werde mit Freude und Stolz auf eine Zeit zurückblicken, wo ich einen Freund gewann οἷος ἐσσί.

Friedrich Nietzsche.
Kanonier der 21. Batt. der reit. Abtheil, des Feldartilleriereg. Nr. 4.


     NB. Der Brief hat sich wieder einige Tage verzögert, weil ich gern ein Kistchen mit Weintrauben demselben folgen lassen wollte: schließlich erklärt die unselige Post, selbiges nicht annehmen zu wollen, weil die Weintrauben nur als Most ankommen würden.

Ignoscas.


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BVN-1867,19

An Rudolf Schenkel in Leipzig

Naumburg d. 5 Nov. 1867.


Mein lieber Vetter,

Du weißt, wie ich immer voller Pläne stecke und hast oft gelächelt, wenn ich Dir erzählte, auf welche neue Weise ich über das folgende Wintersemester disponirt habe. Diesmal hat mich das Schicksal völlig aus dem Sattel gehoben, oder richtiger, in den Sattel hinein, so daß ich unmöglich, wie es meine Absicht war, Ende Oktober nach Leipzig kommen konnte, um dort zu promovieren und alle die angenehmen Menschen und Orte wieder zu sehn, die mir meine Leipziger Vergangenheit so behaglich gemacht haben. Jetzt beim Lärm der tuba, beim Wiehern der Rosse, beim Rasseln des Geschützes erscheint mir mein damaliges Leben fast mährchenhaft; und fast wie ein Ton aus ferner, ferner Zeit kam zu mir die Nachricht von der akademischen Festlichkeit des 31ten Oktobers.
     Freund Roscher war so aufmerksam, mir mitzutheilen, daß Du, lieber Vetter, durch Deine Abhandlung den schönen Ehrenpreis der Universität errungen hast, und zwar nicht auf dem Wege des Wilddiebstahls, sondern auf die rühmlichste, rechtmäßigste Weise: ein Glück, zu dem ich Dir meine besten Glückwünsche darbringe. Möge dies Ereigniß der festliche Heroldsruf sein, auf den Du in die Arena des Examens galoppirst, kühn und muthig, des Gelingens gewiß.

Behalte Deinen Vetter in
freundlicher Erinnerung
Friedrich Nietzsche

Kanonier der 2 Batt. der reitenden Abtheil.
des Feldartill.reg. Nr. 4.


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BVN-1867,20

An Carl von Gersdorff in Berlin

Naumburg [24. November und] 1 Dez. 1867.


Mein lieber Freund,

seltsam! Man besorgt Briefe über Geschäftsdinge und an gleichgültigere Personen weit pünktlicher als an seine vertrauten Freunde. Wie manche Zeile habe ich im Laufe dieses Sommers geschrieben, jede mit dem Bewußtsein, daß es jemanden giebt, der schon lange und suo iure einen ausführlichen Brief meinerseits erwartet. Wie viele Brieffragmente finde ich unter meinen Papieren, einige ganze Seiten, andre nur Überschriften enthaltend; nichts aber ist zu Ende gekommen, weil die Fülle von Arbeiten und Ereignissen das unfertige Blatt wieder durchstrich, und mir die Lust fehlte, Dir obsolete Dinge und Stimmungen zu schildern. Laß mich jetzt im raschen Überblick über jenen Sommer hinwegeilen, damit ich bei der Gegenwart verweilen kann, einer Gegenwart, in die Du Dich hineinfühlen wirst, da Du durchaus Ähnliches durchgelebt hast als ich jetzt erlebe.
     Dieser Sommer, der letzte, den ich in Leipzig verlebte — nämlich der zweite — nahm mich kräftig in Anspruch. Du weißt, daß ich mich um das gestellte Preisthema de fontibus Laerti[i] Diogenis bemühte. Dies ist mir auch nach Wunsch gelungen; eine Menge hübscher, zum Theil wichtiger — dh. nach unserm Maßstabe wichtiger — Ergebnisse ist herausgekommen, und zum Schluß kam auch das gehoffte Urtheil der Fakultät. Darf ich Dir einige Zeilen aus dem iudicium Ritschls darüber mittheilen; über die ich mich sehr freue, weil sie mich ermuthigen und auf einer Bahn forttreiben, von der ich mitunter aus Skepticismus abzuweichen in Versuchung bin. Also heißt es nach Angabe meines Namens und meines Mottos (γένοι᾽οἷος ἐσσί): ‚ita rem egit ut Ordinis expectationi non tantum satis fecerit, verum eam superaverit. Tanta enim in hac commentatione cum doctrinae e fontibus haustae copia tum sani maturique iudicii subtilitas enitet, coniuncta ea cum probabili et disserendi perspicuitate et dicendi genuina simplicitate, ut non modo insigniore laude scriptoris indoles et industria dignae videantur, sed plurimum emolumenti in ipsas litteras, philosophorum potissimum Graecorum historiam et plenius et rectius cognoscendam, ex illius opera redundare existimandum sit —‘; als welches Unheil vor dichtgedrängter Aula bekannt gemacht wurde. Leider konnte ich nicht anwesend sein; was mich um so mehr schmerzte als der philologische Verein mir, seinem Gründer und Expräsidenten, ein συμπόσιον bei Simmer veranstalten wollte, zu dem auch Vater Ritschl sein Kommen zugesagt hatte. — Jene Arbeit beschäftigte mich bis in den Anfang des August hinein; sobald ich los und ledig war, flog ich mit Freund Rohde in den böhmischen Wald, um in Natur, Berg und Wald die müde Seele zu baden. An dieser Stelle muß ich einiges über Rohde sagen, der ja auch Dir aus einer frühen Zeit her bekannt ist. Wir haben beide diesen Sommer fast immer zusammen gelebt und eine seltne Zusammengehörigkeit unter uns empfunden. Daß auch über diesem Freundschaftsbunde der Genius des Mannes schwebte, dessen Bild mir Rohde noch vor wenig Wochen aus Hamburg schickte, Schopenhauers, versteht sich von selbst. Du wirst, wie ich mir denke, darüber eine lebhafte Freude empfinden, daß gerade solche starke und gute Naturen, wie Rohde im besten Sinne ist, von jener Philosophie gepackt werden
     Wieder ist eine Woche vergangen, wieder ist es Sonntag, jetzt der einzige Tag, der mir zur Erfüllung meiner Briefpflichten übrig bleibt. Um aber ungefähr in dem Gedankenkreis zu bleiben, in dem ich mich vor 8 Tagen befand, erzähle ich Dir von anderem Einflusse Schopenhauers. Da sind es zwei schriftstellerische Leistungen, eine wissenschaftliche und ein Roman, die unter diesem Gestirn geboren sind. Vielleicht hast Du schon von dem Buche gehört, das sich also betitelt „Bahnsen, Beiträge zur Charakterologie.“ Dies ist ein Versuch, die Charakterkunde zur Wissenschaft umzubilden; da dies auf Schopenhauerscher Basis und mit viel Liebe zum „Meister“ geschieht, außerdem auch wirklich viel gute Gedanken und Beobachtungen in diesem zweibändigen Werke stecken: so empfehle ich es Dir sowie allen Eingeweihten jener offenbaren und doch verborgenen Weisheit. Am wenigsten bin ich mit der Form zufrieden: der Verfasser überhastet seine Gedanken und verdirbt dadurch die Linie der Schönheit. — Der Roman, von dem ich nun reden will, ist das erste Erzeugniß einer Dichtung in jenem tragischen, fast asketischen Sinne Schopenhauers, ein Buch, dessen Helden durch die rothe Flamme des Sansara hindurchgetrieben werden zu jenem Umschwung des Willens, dabei eine Dichtung voll des höchsten Kunstwerthes, einer großartigen Fülle von Gedanken und im schönsten liebenswürdigsten Stile geschrieben. Das ist der letzte Roman Spielhagens „in Reih und Glied“ betitelt; von dem man wenig liest, weil sein Verfasser zu stolz ist, einer Clique sich anzuschließen, wie sie zB. Freitag besitzt. Mein Lehrer Ritschl urtheilt, daß dieser letzte Roman zehnmal so viel werth sei wie der ganze Freitag.
     Zu dritt erzähle ich Dir von einem Ereigniß, mit dem Schopenhauer auch im fernen Zusammenhange steht, wenn er auch nicht, wie gutbesoldete Schulräthe behaupten, Ursache desselben ist. Es ist der unglückliche Selbstmord Kretzschmers in Schulpforte. Die Gründe sind thatsächlich nicht bekannt oder werden gut verschwiegen. Etwas Räthselhaftes liegt darin, daß der vortreffliche gewissenhafte Mensch sich ein Vierteljahr vorher noch verlobt hat und auf diese Weise noch ein junges Mädchen unglücklich macht. Daß er Anhänger Schopenhauers war, weißt Du: und noch das letzte Mal, als wir beide zusammen in Almrich waren, sprachen wir miteinander über Schopenhauers Auffassung des Selbstmordes.
     Doch jetzt kehre ich zurück zur Erzählung meiner Erlebnisse: die Nachricht von jenem Tode ereilte mich in Meiningen, wo ich die letzten Tage meiner Böhmerwaldreise zubrachte. Dort war nämlich ein großes viertägiges Musikfest von den Zukünftlern veranstaltet, die hier ihre seltsamen musikalischen Orgien feierten. Abbate Liszt präsidirte. Diese Schule hat sich jetzt mit Leidenschaft auf Schopenhauer geworfen. Eine symphonische Dichtung von Hans von Bülow, „Nirwana“ enthielt als Programm eine Zusammenstellung Schopenhauerscher Sätze; die Musik war aber fürchterlich. Dagegen hat Liszt selbst in einigen seiner Kirchencompositionen den Charakter jenes indischen Nirwana vortrefflich gefunden, vor allem in seinen „Seligkeiten“ „beati sunt qui etc.“
     Nach diesen Wochen der Erholung und des reinsten Naturgenusses trieb mich ein wohlmeinender Dämon dazu, mich in Naumburg mit Eifer über ein neues philologisches Thema herzumachen „über die unechten Schriften Demokrits“. Diese Arbeit ist bestimmt für einen Cyklus von Aufsätzen, welche zusammen im nächsten Jahre Ritschl dedicirt werden sollen. Ich habe nämlich in Leipzig noch in den letzten Tagen meines Dortseins die Idee angeregt, daß seine speziellen Leipziger Schüler — natürlich mit genauer Auswahl — ihrem Lehrer auf diese Weise ihre Verehrung ausdrücken. Dazu sind gewonnen Rohde, Roscher, Windisch, Clemm und noch 4 andre, die Du nicht kennst. Darauf feierte ich in Halle jene Philologenversammlung mit — und das Verhängniß kam.
     Jetzt bin ich nämlich Kanonier und zwar in der 2t. reitenden Abtheilung des Feldartill.Reg N. 4.
     Wie überraschend dieser Umschwung war, wie gewaltsam ich meinem gewöhnlichen Treiben und bequemen Dahinleben entfremdet wurde, wirst Du leicht nachfühlen. Trotzdem ertrage ich diese Veränderung gefaßten Muthes und empfinde sogar an diesem Streiche des Schicksals ein gewisses Behagen. Jetzt bin ich erst unserm Schopenhauer recht dankbar geworden, jetzt wo ich Gelegenheit habe, etwas aoxriat zu treiben. In den ersten 5 Wochen hatte ich auch noch den Stalldienst durchzumachen: morgens um 5½ Uhr war ich im Pferdestall, um Mist hinaus zu schaffen und das Pferd mit Striegel und Kardätsche zu putzen. Jetzt ist mein Dienst durchschnittlich derart, daß ich von 7—½ 11 und von ½ 12—6 Abends beschäftigt bin und zwar den größten Theil dieser Zeit mit Fußexercieren. Vier mal in der Woche haben wir beiden Einjährigen Vortrag bei einem Leutnant als Vorbereitung zum Landwehroffizierexamen. Du wirst wissen, daß man als reitender Artillerist erstaunlich viel zu lernen hat. Das meiste Vergnügen machen mir die Reitstunden. Ich habe ein sehr hübsches Pferd und soll auch Talent zum Reiten besitzen. Wenn ich mit meinem Balduin auf dem großen Exercirplatz herumsause, so bin ich mit meinem Geschick sehr zufriedengestellt. Die Behandlung, die mir zu Theil wird, ist im Ganzen eine vortreffliche. Vor allem haben wir einen angenehmen Hauptmann.
     Ich habe Dir von meinem Soldatenleben erzählt: hier liegt der Grund, weshalb ich so außerordentlich spät dazu komme, Dir Nachricht und Antwort auf Deinen letzten Brief zu geben. Unterdessen wirst Du wahrscheinlich, wie ich mir denke, der militärischen Fesseln ledig geworden sein. Weshalb ich es für bedenklich halte, meinen Brief nach Spandau zu adressieren.
     Schon aber ist meine Zeit vorüber; ein geschäftlicher Brief an Volkmann, sowie ein andrer an Ritschl haben uns schon Zeit geraubt. Jetzt muß ich schließen, um zum Appell mit vollem Zeug mich fertig zu machen.
     Also, lieber Freund, verzeih mir meine lange Fahrlässigkeit und schiebe dem Kriegsgotte den besten Theil der Schuld zu.

In treuer Gesinnung
Dein Freund
Friedrich Nietzsche
Kanonier.


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BVN-1867,21

An den Senat der Universität Leipzig (Entwurf)

[Naumburg, kurz nach dem 26. November 1867]


          An einen hohen akademischen Senat

Da nach S. 22 des Universitätsprogramms vom 31 Okt. 1867 dem Unterzeichneten der Preis zuerkannt ist, so erklärt derselbe, daß er diesen Preis in Geld ausgezahlt wünscht, sowie daß er den Hr St. j. Rud. Schenkel zur Entgegennahme des betreffenden Geldes autorisirt habe.


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BVN-1867,22

An Friedrich Ritschl in Leipzig

Naumburg 1 Dezember 1867.


Hochverehrter Herr Geheimrath,

täglich vom Anbruche des Morgens bis in die Winterabende hinein mit einfältigen Rekruten langsamen Schritt üben oder über Satteln und Honneur machen belehrt zu werden stumpft in seinem ewigen Einerlei so den Kopf ab, daß man für ein gutes Glas Wein und eine fröhliche Nachricht empfänglicher als je wird. Und eine fröhliche Nachricht war es, die ich Ihrem letzten Briefe verdanke, fröhlich wie keine in der letzten Zeit. Insbesondre hat das mitgeschickte iudicium mich über manche schwere Stunde der Gegenwart hinweggehoben: denn es kam wie aus meiner wahren Welt herüber und rief mir ins Gedächtniß, daß meine augenblickliche Existenz nur ein Intermezzo und ohne wesentliche Bedeutung für Leben und Lebensaufgabe sei.
     Daß diese zeitweilige Existenz aber langgehegte Pläne schonungslos durchkreuze, merke ich auch wieder bei dieser besondren Gelegenheit. Sollte ich Ihnen nicht schon einmal mitgetheilt haben, daß über das ganze Gebiet der Suidasfragen ich mich mit Dr. Volkmann in Schulpforte so weit geeinigt habe, daß wir daran dachten unitis viribus ein diesen Fragen gewidmetes Buch zu machen — das auch eine Herstellung des ὀνοματολόγος des wahren Hesychius Milesius enthalten sollte —. Daraus kann jetzt nichts werden. Vielmehr ist augenblicklich nur das Eine an der Stelle, was Sie gefälliger Weise mir auch vorschlagen: der Aufsatz erscheint baldigst im rheinischen Museum; als welches auch einer etwaigen Abhandlung Volkmanns sicherlich gern seine Spalten öffnen wird.
     Freilich muß nun das gelehrte Publikum mit meiner Arbeit, so wie sie ist, fürlieb nehmen dh. mit einem Entwurfe, der zwar den Gang der Hauptgedanken deutlich giebt, aber eine Menge Einzelbelege und sonstige Füllstücke bei Seite liegen läßt. Denn ich bin selbst mit jenem Satze des akademischen Urtheils, so schmeichelhaft er auch klingt, sehr wenig einverstanden: vix quidquam reliquerit in ea quaestione, quod aut addi aut demi posse videretur. Addere könnte ich viel, kann aber bei meiner augenblicklichen Lage gar nichts. Was aber das demere betrifft, so bitte ich darum, daß mir mein Manuscript, bevor es in die Druckerei wandert, noch einmal zugeschickt werde. Übrigens würde ich gern einige Andeutungen hören, ob vielleicht die eingestreuten polemischen Urtheile den Worten nach etwas zu mildern sind oder stehen bleiben können. Man gestattet sich im lateinischen Ausdruck nach leidiger Philologenmanier leicht ein derberes Wort als nöthig ist.
     Das ist es, hochverehrter Herr Geheimrath, was ich Ihnen heute zu schreiben habe: denn wozu das noch hinzufügen, was sich von selbst versteht und was den Grundbaß zu allem bildet, das Ihnen zu sagen und zu schreiben hat

Ihr getreuer und dankbarer
Friedrich Nietzsche


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BVN-1867,23

An Friedrich Ritschl in Leipzig

Naumburg am 29 Dez. 1867.


Hochverehrter Herr Geheimrath,

Sie werden Sich wiederholt gefragt haben, warum ich das Laertius-manuscript so lange in Naumburg zurückhalte. Hier meine Antwort darauf: es ist sogleich, als es durch Ihre Güte in meine Hände gelangte, an Dr. Volkmann nach Pforte adressirt worden, von dem es noch nicht wieder zurückgekommen ist. Ein paar Wochen aber nach Weihnachten wird es, begleitet von einem kleinen Aufsatze Volkmanns, seine Rückreise nach Leipzig antreten, um dort Ihrem Willen gehorsam zu sein.
     Mit jenem Aufsatze Volkmanns aber hat es folgende Bewandniß. Wir beide sind unabhängig von einander und auf verschiedenen Wegen zu der Einsicht gelangt, welche Bedeutung Demetrius Magnes für die Quellenkunde des Suidas habe. Nun möchte Volkmann gern seinen ihm eigentümlichen Weg dem Publikum vorlegen; mein Wunsch aber ist es, daß dies gleichzeitig mit der Veröffentlichung meiner Arbeit oder auch früher, aber ja nicht — wenn mir eine Bitte freisteht — später geschieht. Es hat eben keiner von uns die Priorität jenes εὕρημα für sich: aber peinlich und bei meiner Freundschaft mit dem vortrefflichen Volkmann geradezu beunruhigend würde mir sein, durch den früheren Druck meiner Arbeit eine scheinbare Priorität für mich zu gewinnen.
     Kurz, ich habe Volkmann gebeten, jenen Aufsatz zu schreiben und ihm aus freien Stücken versprochen, meine Abhandlung nicht eher fortzuschicken als bis die seinige — die wie er meint etwa 16 Druckseiten füllen wird — fertig und zum Absenden bereit ist. Das Weitere liegt dann in Ihren Händen, die manchen anderen und schwierigeren Knoten entwirrt haben, als diesen, den freundschaftliche Rücksicht und ein bischen Ehrgeiz geknüpft haben. —
     So läuft das alte Jahr zum Schluß, ein Jahr, dessen beste Stunden und Tage für mich immer in Beziehung zu Ihrem Namen stehn. Mag das fröhliche Gestirn dieses Namens auch fürderhin noch lange leuchten, zur Freude der philologischen Arbeiter, denen es Fruchtbarkeit ihrer Äcker und Gelingen ihrer mühevollen Bestrebungen verbürgt.

In treuer Verehrung und
Dankbarkeit und mit
den besten Neujahrs-
wünschen
Friedrich Nietzsche


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BVN-1867,24

An Diederich Volkmann in Pforta? (Visitenkarte)

Naumburg (vermutlich 1867/1868)


[+ + +] Ich freue mich, den ersten Band der Ritschl’schen Opuscul. gerade in Naumburg zu haben und Ihnen damit zu Diensten zu sein [+ + +]
     [Auf die Bitte um das indogermanische Programm von 1867 folgt:]
     [+ + +] Prof. Brockhaus in Leipzig möchte es gern haben. [+ + +]


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de/nietzsche/briefe/1867/1867.txt · Last modified: 2017/02/11 09:09 by babrak