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1868

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BVN-1868,1

An Erwin Rohde in Kiel

Naumburg 1—3 Febr. 1868.


Mein lieber Freund,

Sonnabend ist es und zwar neigt sich der Tag seinem Ende zu. Für einen Soldaten liegt ein Zauber in dem Wort „Sonnabend“, ein Gefühl der Beruhigung und des Friedens, das ich als Student nicht kannte. Ruhig schlafen und träumen zu können, ohne daß das Schreckensbild des andern Morgens die Seele umschwebt, wiederum 7 Tage jener uniformirten Aufregung, die man Militärjahr nennt, überwunden und abgethan zu haben — was giebt das für einfache und starke Vergnügungen, eines Cynikers würdig und fast zu billig und zu bequem von uns erworben! Ich verstehe jetzt jene erste und größte Sonnabendnachmittagstimmung, in der das behagliche Wort erscholl πάντα λίαν καλά, in der der Kaffe und die Pfeife erfunden wurde und der erste Optimist ins Leben trat. Jedenfalls waren die Ebräer, die jene schöne Geschichte erdachten und glaubten, Kriegsleute oder Fabrikarbeiter, aber gewiß keine Studenten; denn diese hätten 6 Feiertage und einen Werkeltag zum Vorschlag gebracht und würden in der Praxis auch jenen einen Tag den übrigen gleich gemacht haben. Wenigstens war dies meine Praxis: und ich fühle augenblicklich den Gegensatz zwischen meinem jetzigen Leben und meiner früheren wissenschaftlichen Müssiggängerei sehr stark. Könnte man nur einmal die Philologen von 10 Jahren zusammen holen und sie zur Dienstleistung in ihrer Wissenschaft so drillen, wie es beim Militär Mode ist: nach 10 Jahren wäre eine Philologie nicht mehr nöthig, weil alle Hauptarbeit gethan wäre, sie wäre aber auch nicht mehr möglich, weil kein Mensch freiwillig unter diese Fahne treten würde, eine Fahne, bei der der Begriff des „Einjährigen-Freiwilligen“ ganz wegfällt.
     So ein Sonnabend macht geschwätzig, wie Du merken wirst; da wir die übrige Woche zu viel zu schweigen haben und alle unsre Seelenfähigkeiten nach dem Kommandowort des Vorgesetzten zu regeln pflegen, so quillt an den unbewachten Momenten des Sonnabends das Wort aus der Lippe und die Zeile aus dem Tintefaß, zumal wenn das Feuer im Ofen knistert und draußen der frühlingschwangere Februarsturm braust. Sonnabend, Sturm und Zimmerwärme, das sind die besten Ingredienzen, aus denen der Punsch der „Briefstimmung“ gebraut wird.
     Mein lieber Freund, dies mein Leben ist jetzt wirklich sehr einsam und freundelos. Da ist nichts von Anregungen, das ich mir nicht selbst gäbe, nichts von jenem harmonischen Zusammenklang der Seelen, wie es manche gute Stunde in Leipzig mit sich brachte. Vielmehr Entfremdung der Seele von sich selbst, Übergewicht eines herrschenden Einflusses, der den Geist zu straffer Furcht zusammenrafft und ihn die Dinge mit einem Ernste zu betrachten lehrt, dessen sie nicht werth sind. Dies ist die Kehrseite meiner jetzigen Existenz, wie Du sie mir gewiß nachfühlen kannst. Drehen wir aber die Münze um. Dies Leben ist zwar unbequem, aber, als Zwischengericht genossen, unbedingt nützlich. Es ist ein fortwährender Appell an die Energie eines Menschen und mundet besonders als ἀντίδοτον gegen die lähmende Skepsis, über deren Wirkung wir manches miteinander beobachtet haben. Dabei lernt man seine Natur kennen, wie sie sich unter fremden, meist rohen Menschen, ohne Beihülfe der Wissenschaft und ohne jene traditionelle fama, die unsern Werth für unsre Freunde und für die Gesellschaft bestimmt, zu offenbaren pflegt. Ich habe bis jetzt bemerkt, daß man mir wohl will, so Hauptmann wie Kanonier; andernseits thue ich, was mir obliegt, mit Eifer und eignem Interesse. Darf man darauf nicht stolz sein, wenn man als der beste Reiter unter 30 Rekruten gilt? Wahrhaftig, lieber Freund, das ist mehr als eine philologische Prämie: obwohl ich auch gegen derartige Lobsprüche nicht unempfänglich bin, wie sie mir die Leipziger Fakultät zu Theil werden ließ. Darf ich Dir, ohne in den Ruf eines ekeln Narren zu kommen, jenes ἐγκώμιον, wie es im Programm S. 22 steht, abschreiben?
     Philosophorum denique Ordini unus traditus libellus est et ex classe quidem prima: ,De fontibus Laertii Diogenis hac inscriptione‘γένοι᾽οἷος ἐσσί Pind. Pyth. II. v.73. (Denkst Du noch an unser Nirwanaplätzchen im Rosenthal?) Eius libelli scriptor, quum res, quae ad eam quaestionem pertinerent et litteras quae huc facerent penitus cognovisset earumque momenta acri ingenio examinasset, rem, quam explanandam susceperat persecutus ita est, ut, quum summo acumine in singulis locis cognoscendis atque iudicandis uteretur summaque sagacitate in vero indagando, inveniendo, e tenebris eruendo versaretur ingenioque in colligendo plurimum valeret atque ea, quae explorate perceperat, dilucide exponeret, vix quidquam reliquerit in ea quaestione, quod aut addi aut demi posse videretur, summamque et ingenii et doctrinae laudem ab ordine amplissumo consecutus sit. e. q. s.
     Nicht wahr, lieber Freund, tant de bruit pour une omelette? Aber so sind wir, wir machen uns lustig über solch ein Lob und wissen nur zu gut, was es auf sich resp. hinter sich hat, aber trotzdem verzieht sich das Gesicht zu einem wohlgefälligen Grinsen. Bei solchen Dingen ist unser alter Ritschl ein Kuppler, his laudibus splendidissimis sucht er uns im Netz der Dame Philologie festzuhalten. Ich habe erstaunliche Lust, in meinem nächsten in honorem Ritscheli geschriebenen Aufsatz (über Demokrits Schriftstellerei) den Philologen eine Anzahl bittrer Wahrheiten zu sagen. Bis jetzt habe ich für denselben die schönste Hoffnung: er hat einen philosophischen Hintergrund bekommen, was mir bis jetzt bei keiner meiner Arbeiten gelungen war. Außerdem bekommen alle meine Arbeiten ohne meine Absicht, aber gerade deshalb zu meinem Vergnügen eine ganz bestimmte Richtung; sie weisen alle wie Telegraphenstangen auf ein Ziel meiner Studien, das ich nächstens auch fest ins Auge fassen werde. Es ist dies eine Geschichte der litterarischen Studien im Althertum und in der Neuzeit. Es kommt mir zunächst wenig auf die Details an; jetzt zieht mich das Allgemein-Menschliche an, wie das Bedürfniß einer literarhistorischen Forschung sich bildet und wie es unter den formenden Händen der Philosophen Gestalt bekommt. Daß wir alle aufklärenden Gedanken in der Literaturgeschichte von jenen wenigen großen Genien empfangen haben, die im Munde der Gebildeten leben und daß alle guten und fördernden Leistungen auf dem besagten Gebiete nichts als praktische Anwendungen jener typischen Ideen waren, daß mithin das Schöpferische in der litterarischen Forschung von solchen stammt, die selbst derartige Studien nicht oder wenig trieben, daß dagegen die gerühmten Werke des Gebietes von solchen verfaßt wurden, die des schöpferischen Funkens bar waren — diese stark pessimistischen Anschauungen, in sich einen neuen Kultus des Genius bergend, beschäftigen mich anhaltend und machen mich geneigt, einmal die Geschichte darauf hin zu prüfen. An mir selbst stimmt die Probe; denn mir ist es so, als ob Du bei den niedergeschrieben[en] Zeilen den Duft von Schopenhauerscher Küche riechen müßtest.
     Von diesen Luftschlössern ist der Abfall zur Wirklichkeit recht bitter. Denke lieber Freund, daß ich, der ich in den angedeuteten Aussichten gelegentlich schwelge, trotzdem nicht im Stande bin, das Allernächste zu beendigen. Es ist mir rein unmöglich, den versprochnen Beitrag zum Ritschlbuche zur rechten Zeit zu liefern. So sehr die Materie mir im Kopfe und am Herzen liegt, so fern ist doch die Ausarbeitung: da fehlt es an Hundert Dingen, an Zeit, Büchern, guten Freunden, Momenten der Sättigung und der Erhebung: und zu jedem dieser Mängel muß ich hinzu fügen, daß jeder einzelne schon die Kraft hat, mich an einer Ausarbeitung zu hindern. Glückliche Menschen, sagt Ritschl von den Studenten, ihr habt 14 Stunden des Tages für euch und eure Studien! Elender Mensch, sage ich zu mir, Du hast nicht zwei Stunden des Tages; und selbst diese mußt Du dem Mavors opfern, der dir sonst das Lieutnantpatent verweigert. Ach lieber Freund was ist so ein reitender und fahrender Artilleriste für ein Unglücksthier, wenn er litterarische Triebe hat! Unser alter Kriegsgott hatte eben die jungen Weiber, nicht alte verschrumpelte Musen gern. Ein Kanonier, der über Demokritische Probleme oft genug in der Kasernenstube nachdenkt, auf einem schmutzigen Schemel kauernd, indem ihm die Stiebein gewichst werden, ist nun einmal ein παράδοξον, auf das die Götter mit Hohn blicken.
     Wenn Ihr also noch bis November dieses Jahres warten wollt, so macht Ihr mir eine große Freude. Wir sammeln im Frühjahr und Sommer die Aufsätze unsrer Freunde, besprechen und beurtheilen sie, verhandeln mit dem Buchhändler, lassen lustig drucken — und dann kommt mein Aufsatz, zuletzt und spät zwar, aber doch zur rechten Zeit. Übrigens fand auch Clemm, den bisherigen Termin als zu kurz gesteckt. Bitte, theile mir doch Deine Meinung über diesen Punkt mit!
     Wenn ich Dir sage, daß ich täglich von morgens 7 Uhr bis Abends um 5 im Dienst bin, außerdem noch bei einem Lieutenant und bei einem Thierarzte Vorträge höre, so kannst Du ermessen, wie schlimm ich daran bin. Abends ist der Leib schlaff und müde und sucht zeitig sein Nest. Und so geht es ohne Rast und Ruh aus einem Tag in den andern. Wo bleibt da die für wissenschaftliche Ausarbeitungen nöthige Sammlung und Contemplation!
     Ach sogar für Dinge, die mir näher stehen als meine litterarischen Bedürfnisse, die χάριτες eines freundschaftlichen Briefwechsels und der Kunst, fällt so selten eine Stunde ab! Laß mich nur erst wieder im Vollgenuß meiner Zeit und Kräfte sein —
          si male nunc, non olim sie erit.
     Und im nächsten Jahre gehe ich nach Paris. Beinahe bin ich überzeugt, daß Du auf denselben Gedanken kommen wirst. Bekanntlich muß ja ein Biedermann lustig, guter Dinge sein, wenn anders Sankt Offenbach Recht hat.
     Dir, also, Poesie der Zukunft, und dir, Freundschaft der besten Vergangenheit, den letzten Federzug, den letzten Tintenklecks!

fulsere quondam candidi tibi soles!


F Nietzsche
in treuer
Freundschaft.


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babrak

BVN-1868,2

An Friedrich Ritschl in Leipzig

Naumburg Donnerstag 13 Febr. 1868.


Hochverehrter Herr Geheimrath,

diesmal habe ich recht lange und dazu recht unnützer Weise warten lassen und warten müssen; und schließlich nach diesem langen Zeiträume kommt nicht einmal die versprochne Volkmannsche Abhandlung in Ihre Hände. Es ist mein Trost, daß außer mir niemand einen Schaden von diesem langweiligen Zaudern hat: aber ich brauche auch nicht zu verschweigen, daß ich keine Schuld daran habe.
     Genug, Freund Volkmann will nicht mehr, daß ich auf ihn warte, da er noch lange nicht mit seinem Aufsatze fertig ist. Offenbar hat er sich arg in der Zeit verrechnet: doch das darf man einem preußischen, speziell einem pförtnerischen Schulmanne nicht übel nehmen.
     Während dieser ganzen Zeit ist auch mein Laertianum draußen in Pforte gewesen: seit gestern habe ich das Ding ein paar Mal durch gelesen und durch corrigiert, so weit mir Ihre vortrefflichen Censurstrichlein dazu Anleitung gaben.
     Eine Vorrede, hochverehrter Herr Geheimrath, habe ich nicht geschrieben und bitte Sie deshalb um Verzeihung. Erstens wollte ich nicht gleich auf der ersten Seite dem Publikum gestehen, daß dies eine prämiirte Arbeit ist: wodurch die Stellung des betreffenden Publikums zu dem unscheinbaren opus sogleich verändert wird, und alle möglichen persönlichen Rücksichten, Neigungen und Abneigungen bei dem Leser aufzutauchen pflegen. Noch weniger aber habe ich Lust sogleich selber auszusprechen, was an der Arbeit mangelhaft sei und einer weiteren Ausführung bedürfe: was dann für Gründe einer Umarbeitung augenblicklich entgegenstehen. Es drängt mich ja niemand, daß das Werkchen jetzt schon öffentlich werde: warum sollte es nicht noch ein Jahr liegen und der Verbesserung entgegenreifen? Wenn ich trotzdem selber froh bin, daß es nun bald gedruckt wird, so liegt das in Gründen, mit denen das Publikum gar nichts zu thun hat. Vor allem habe ich dadurch wieder eine Arbeit vom Gewissen und darf mich wieder frei nach andern schönen Dingen umsehn usw. Wenn ich später einmal genöthigt sein werde Nachträge zu schreiben, so ist das eine Gelegenheit, mich über Ursprung, nächsten Zweck der Arbeit und andre persönliche Dinge auszulassen.
     Wie die Arbeit nun ist, wird sie, denke ich druckfertig sein; sie mag ungefähr 60—70 Seiten einnehmen, wenn man solche Lettern und solche Spatien anwendet, wie sie beispielsweise zu Brambachs Aufsatz de Romanorum re militari Band XX p. 599 ss. gebraucht worden sind: und wie sie mir recht gefallen. —
     Wenn ich zum Schluß noch erwähne, daß ich den ganzen Tag von Morgen bis Abend durch meine militärischen Aufgaben und Dienstleistungen beschäftigt bin, so geschieht es nur, um einen neidischen Blick auf jene Zeit zu werfen, wo es mir öfter freistand, eine behagliche Mittagsstunde mit Ihnen durchzusprechen und dabei meine Wünsche und Absichten Ihnen auszubreiten: während jetzt mir nur vergönnt ist, mit kalter Tinte auf kaltes Papier zu schreiben, daß ich in warmer Verehrung verharre

Ihr treuer Schüler
Friedrich Nietzsche.


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BVN-1868,3

An Hermann Mushacke in Berlin

Naumburg 13 Febr. 1868.


Mein lieber Freund,

ein Viertel Jahr ist nun seit jenen Tagen vergangen, wo ich mit bestürzten Mienen und unruhigem Gemüthe vor Dir erschien, eine plötzliche Wendung meines Schicksals halb abwendend, halb gutheißend. Denn das wirst Du mir recht wohl angemerkt haben, daß ich mit einer Art Behagen mich selbst in einen Zustand hineindachte, der zwar mancherlei Unbequemlichkeiten in sich schloß, zugleich aber auch von einer Sphaere umgeben war, die Muth, Entschlossenheit und Männlichkeit athmete. Immerhin war das pikante Gericht mir an der Tafel meines Lebens einmal angeboten, und ich war nicht mehr in der Lage es zurückzuweisen; genug ich kostete und ich fand es nicht einmal so übelschmeckend. Besonders schmeckte es nach der Verweichlichung, die die Lebensweise und die Studienmanier eines Studenten im Gefolge hat. Und so habe ich mich denn gewöhnt, das Militärjahr als eine jener Hülfen zu betrachten, durch die wir einer einseitigen Ausbildung aus dem Wege gehen, vornehmlich aber in ihm ein entschiedenes Gegengift gegen eine steife pedantische engbrüstige Gelehrsamkeit zu finden, wider die ich immer im Kampfe liege, wo ich sie nur auch aufdecken kann.
     Nach diesen allgemeineren Ansichten möchte ich gern von diesem Punkte schweigen; denn da mich jetzt jede Stunde an den Dienst erinnert, so will ich wenigstens in den Plaudereien mit meinen Freunden ihn momentan aus dem Sinn verlieren. Sehr gern nun möchte ich wissen, womit Du, mein lieber Freund, Dich herum schlägst und bis zu welcher Entfernung Du dem drohenden Ungeheuer [ἐξάμην] auf den Leib gerückt bist: was für Arbeiten Du ihm als Köder vorwerfen willst und dergl. Von mir wirst Du über diese Sache nichts zu hören verlangen. Eine größere Arbeit „über Demokrits Schriftstellerei“ klebt seit einem Viertel Jahr zwischen meinen Fingern: und doch kann ich die schöne Form nicht finden, nach der ich suche. Ich bemerke mit Freuden, wie alle meine Studien mit festgewebten Fäden unter einander zusammenhängen; und das geschieht vornehmlich deshalb, weil ich bei jeder einzelnen Untersuchung die Perspektive so weit als möglich aufstelle. Übrigens hat man mir in Leipzig die Ehre angethan meine Abhandlung de Laertii Diogenis fontibus zu krönen und zwar auf eine glänzende Weise; jetzt wird sie im rhein. Museum gedruckt. Ich lebte gerade in jener rauhsten Zeit meines Militärjahres, mußte Pferde schaben, reinigen und putzen, als mir die Nachricht wie ein angenehmer Nachklang einer schöneren Periode von Leipzig herüberkam. Von dort her höre ich überhaupt nur Gutes. Meine Freunde leben ihr harmloses Leben fort, Ritschl ist gesund und erfreut mich öfter durch heitere Briefe, unser Verein wuchert fröhlich weiter, Kintschy lebt noch usw.
     Wenn ich nur erst wieder frei über meine Zukunft verfügen kann! Dann komme ich gewiß auch ein paar Monate nach Berlin, wenngleich meine Wünsche jetzt gewöhnlich noch weiter eilen, nach dem alles verschlingenden Paris. Immerhin aber ist es doch wahrscheinlich, daß ich zu allen möglichen examinösen Zwecken nach Berlin muß. Sollte es aber für Dich nicht eher eine Gelegenheit geben, nach Naumburg zu kommen? Frühling, Universitätsferien, Gott!, was für schöne Dinge, von denen ein Kanonier nichts wissen darf! Du findest immer das fröhlichste Willkommen! Heute aber bitte ich nur noch, meine besten Empfehlungen Deinen verehrten Angehörigen sowohl meinerseits als seitens meiner Mutter und Schwester auszurichten.

In treuer Freundschaft
Dein Fr. Nietzsche.


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BVN-1868,4

An Carl von Gersdorff in Berlin

Naumburg am 16 Febr. 1868.


Lieber Freund,

durch Deine beiden mich hocherfreuenden Briefe habe ich einen deutlichen Einblick in Dein gegenwärtiges Arbeiten und Denken gewonnen: ich fühle den ruhigen Genuß heraus, mit dem Du Dich nach straffem, einengendem Dienste wieder in dem schönen Garten der Wissenschaften ergehst. Wollte das Schicksal, daß auch mir dieser Genuß bald wieder winkte! Aber meine Zeit, ja mein bestes Theil geistiger Kraft und Regsamkeit verbraucht sich in dem ewigen Kreislauf militärischer Übungen. Ich habe mich darüber jetzt vollkommen resignirt, während ich in den ersten Monaten einen ungestümen Anlauf nahm, auch bei den jetzigen Verhältnissen meine Studien fortzusetzen. Es lag mir vornehmlich eine Arbeit am Herzen, zu der ich eine Menge schönes Material gesammelt hatte und täglich sammelte, eine Arbeit, an die mich philologisches und philosophisches Interesse knüpfte: über Demokrits Schriftstellerei. Die ungeheuren Angaben über dieselbe hatten mir Mißtrauen eingeflößt; ich gieng dem Begriff einer großartigen litterarischen Falschmünzerei nach und fand auf den verschlungenen Wegen der Kombination eine Fülle interessanter Punkte. Am Schlüsse aber, als meine skeptische Betrachtung alle Folgerungen übersehn konnte, drehte sich mir allmählich unter den Händen das Bild herum; ich gewann ein neues Gesammtbild der bedeutenden Persönlichkeit Demokrits und von dieser höchsten Warte der Beobachtung gewann die Tradition ihr Recht wieder. Diesen ganzen Prozeß, die Rettung der Negation durch die Negation, habe ich mir nun zu schildern vorgenommen, so daß ich bei dem Leser dieselbe Folge von Gedanken zu erwecken suche, die mir sich ungesucht und kräftig aufdrangen. Dazu gehört aber Muße und frische Gesundheit des Denkens und Dichtens.
     Nicht besonderes Glück habe ich bis jetzt mit meiner Arbeit de fontibus Laertii Diogenis gehabt, die längst gedruckt sein sollte, aber durch eine kleine Bummelei eines Bekannten erst in voriger Woche zum Druck nach Leipzig wanderte. Sie erscheint, wie meine Theognisstudie, im rheinischen Museum. Sie ist schon ihres Stoffes wegen angethan ein paar Philologen mehr zu fesseln resp. zu reizen als mein erstes opusculum. Es war nicht zu umgehen, daß ich hier und da einem Philologen einen Klaps versetzte. Nun wir werden sehn, wie es mir bekommt. Glücklicher Weise habe ich den größten Theil von Material gerade für wichtige Punkte noch gar nicht gegeben, so daß ich bei einer etwaigen Polemik immer noch mit vollen Händen werfen kann.
     Später wenn ich mich von der Demokritarbeit frei gemacht habe, und eine Dissertation de Homero Hesiodoque aequalibus glücklich vom Stapel gelaufen ist: soll es mit frischen Sinnen an ein Hauptwerk gehen, an eine Darstellung der litterarischen Studien der Alten, wobei sich die Entwicklung dessen, was man jetzt Literaturgeschichte nennt, ergeben wird. Später will ich Dir einmal erzählen, wie ich im Hintergrunde einige stark pessimistische Sätze aufstelle, so daß das Ganze stark von einem Schopenhauerschen Dufte umschwommen sein wird.
     Verzeihe mir, wenn ich Dich mit lauter Aussichten und Absichten, jedenfalls mit unrealen Dingen unterhalte. Aber denke, wie stark im Menschen das Bedürfniß ist seine Wünsche auszusprechen, und wie wenig meine Umgebung darnach angethan ist, gerade derartige Dinge aufzunehmen. Im Grunde ist das gerade, was mich am meisten in Naumburg bedrückt, die ἐρημία τῶν φίλων, während ich andernseits mich glücklich schätzen muß, durch die Gegenwart der Angehörigen der Sorgen für das Dasein enthoben zu sein, ja eines bequemen Lebens mich erfreuen zu können.
     Meine Dienstangelegenheiten nehmen, wie ich Dir sagte, viel Zeit weg, sind aber im Ganzen erträglich. Besonders ist es immer noch das Reiten, für das man meinen Eifer durch mancherlei Lob rege erhält. Ich höre von den Offizieren, daß ich einen guten Sitz habe und mich dadurch vortheilhaft auszeichne. Wahrhaftig, lieber Freund, ich habe nie gedacht, daß ich auch in diesen Regionen noch Gelegenheit haben würde eitel zu werden. Genug, mein Trieb, mich in dieser schönen, aber schweren Kunst möglichst auszubilden, ist ziemlich stark. Wenn Du einmal, etwa bei Gelegenheit des Pförtner Schulfestes nach Naumburg kommst, wirst Du meine Leistungen leicht abschätzen können; ich glaube Du wirst tüchtig lachen, wenn Du mich kommandiren hörst. Übrigens habe ich noch viel zu lernen, um ein anständiges Offizierexamen zu machen.
     Daß Du Dich mit viel Vergnügen auf nationalökonomische Studien geworfen hast, ist mir sehr begreiflich; ich selbst bedaure nichts mehr, als bis jetzt eines tüchtigen Pfadzeigers ermangelt zu haben. Denn über Roschers Stellung und Werth haben wir zu meiner Überraschung genau dieselbe Meinung. Sowohl im Gespräch mit Freund Kleinpaul, der die Schwäche der philosophischen Natur Roschers völlig durchschaute, als in der Unterhaltung mit der geistvollen Gattin Ritschls, die auch die prikkelnde Ungründlichkeit des witzigen Mannes herausfühlte, habe ich mich in dem angedeuteten Sinne ausgesprochen. Übrigens ist nur ein nicht geringer Beleg für die Richtigkeit dieser Meinung das Naturell seines Sohnes, das ich kennen zu lernen Gelegenheit hatte, und das vollständig die Züge des Urbildes aufweist.
     Ein Büchlein, aus dem ich über den Stand der social-politischen Parteien manches mir angeeignet habe, obgleich es eine bedenkliche Lektüre ist und scharf säuerlich nach Reaktion und Katholicismus schmeckt, ist Dir vielleicht auch bekannt: Geschichte der social-politischen Parteien in Deutschland, von Jos. Edm. Jörg (Freiburg im Breisgau 1867) Auch aus ihm leuchtet die irrationale Größe Lassalles hervor. Leider sehe ich keine Möglichkeit ab, wie ich dessen Schriften in meine Hände bekommen könnte, und ich muß mich daher auf spätere Zeiten vertrösten.
     An dieser Stelle muß ich nochmals das Verdienst eines Mannes rühmen, von dem ich Dir schon früher einmal geschrieben habe. Wenn Du Lust hast Dich vollständig über die materialistische Bewegung unsrer Tage, über die Naturwissenschaften mit ihren Darwinschen Theorien, ihren kosmischen Systemen, ihrer belebten camera obscura etc. zu unterrichten, zugleich auch über den ethischen Materialismus, über die Manchester-Theorie etc. so weiß ich Dir immer nichts Ausgezeichneteres zu empfehlen als „die Geschichte des Materialismus“ von Friedr. Alb. Lange (Iserlohn 1866), ein Buch, das unendlich mehr giebt als der Titel verspricht und das man als einen wahren Schatz wieder und wieder anschauen und durchlesen mag. Bei Deiner Richtung der Studien weiß ich Dir nichts Würdigeres zu nennen. Ich habe mir schlechterdings vorgenommen mit diesem Manne bekannt zu werden und will ihm meine Demokritabhandlung als ein Zeichen meiner Dankbarkeit schicken.
     Übrigens gehört auch Spielhagen zu denen, mit welchen ich ein persönliches Verhältniß wünsche. Nun vielleicht giebt sich in Berlin einmal eine Annäherung. Ich wundre mich, daß Du nicht einmal dem ausgezeichneten Manne einen Besuch abstattest. Wir müssen uns unsre philosophischen Freunde etwas zusammensuchen. Auch Bahnsen, der Verfasser der „charakterologischen Studien“ steht auf der Liste. Da ist ja auch Eugen Dühring in Berlin, der immer schöne Collegien gelesen hat zB. über Schopenhauer und Byron, über Pessimismus etc. Endlich ist dort wohl auch Frauenstädt, der Protagonist des Kultus, aufzutreiben. Wenn wir doch nur ein Organ für die Bestrebungen vom Standpunkte Schopenhauers hätten, eine philosophische Zeitschrift, redigirt von jungen talentvollen Männern usw.
     Aber, wirst Du sagen, es ist jetzt nicht die Zeit zu philosophieren. Und Du hast Recht. Politik ist jetzt das Organ des Gesammtdenkens. Ich staune über die Ereignisse und kann sie mir nur dadurch näher bringen, daß ich mir die Wirksamkeit bestimmter Männer aus dem Flusse des Ganzen herausscheide und einzeln betrachte. Unmäßiges Vergnügen bereitet mir Bismark. Ich lese seine Reden als ob ich starken Wein trinke: ich halte die Zunge an, daß sie nicht zu schnell trinkt und daß ich den Genuß recht lange habe. Was Du mir von Machinationen seiner Gegner schreibst, glaube ich Dir sehr gern; denn es ist eine Nothwendigkeit, daß sich gegen solche Naturen alles Kleinliche, Engherzige, Parteiische, Bornirte aufbäumt und zum unversöhnlichen Kriege rüstet.
     Heute lieber Freund ein herzliches Lebewohl! Entschuldige, daß ich nicht mehr von meiner Zeit diesem liebsten meiner Geschäfte zuwenden darf, im geistigen Verkehr mit meinen Freunden zu weilen. Indem ich Dir noch die Grüße meiner Angehörigen ausrichte, verbleibe ich in treuer Anhänglichkeit

Dein Freund
Friedrich Nietzsche


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BVN-1868,5

An Friedrich Ritschl in Leipzig

Naumburg den 17 Febr. 1868.


Hochverehrter Herr Geheimrath,

in diesen Tagen, wo mich ein Unwohlsein an das Zimmer fesselte, richteten sich meine Blicke vorwärts, über das Militärjahr hinweg; und dabei ist mir eingefallen, daß ich Ihnen noch eine Bitte vorzulegen habe. Vielleicht erzählte ich Ihnen schon, daß ich früher die Materialien zu einer Doktordissertation gesammelt habe, welche sich mit der Frage nach Homers und Hesiods ἰσοχρονία befassen soll. Erwarten Sie nicht, daß ich hierin einen anachronistischen Standpunkt der Wissenschaft vertreten werde: zunächst will ich nur untersuchen, worauf jener Glaube sich stützt und wie er sich im Verlaufe der Zeit ausgebildet hat. Dabei kommt übrigens wiederum einmal der epische Cyclus und die Zeit seiner Entstehung zur Sprache und hoffentlich nicht ohne einige neue Gesichtspunkte.
     Was mir nun zu dieser Arbeit die wesentlichste Unterstützung böte, das wäre eine neue Collation der kleinen Schrift περὶ Ὁμήρου καὶ Ἡσιόδου καὶ τοῦ γένους καὶ ἀγῶνος αὐτῶν, die zwar unzählige Male abgedruckt ist, aber niemals wieder, seitdem Heinrich Stephanus 1553 in Florenz sich aufhielt, mit dem einzigen codex, der sie enthält, verglichen worden ist.
     Diesen codex bomb[ycinus] saec. XIII hat kürzlich Valentin Rose in den Anecdotis Graecis et Graecolatinis auf das sorgfältigste beschrieben und ihm mehrfachen Nutzen abgewonnen. Er enthält z.B. den Archetypus unsrer sämmtlichen Polyänhandschriften. In ihm also — seine Nummer finde ich schlechterdings nicht in meinen Papieren — steht der bezeichnete Traktat auf fol 16v. Außerdem ist mir noch von Nutzen die kleine Epigrammensammlung, welche auf fol 20 unter diesem Titel anhebt ποῦ ἕκαστος τῶν Ἑλλήνων τέθαπται καὶ τί ἐπιγέγραπται ἐν τῷ τάφῳ.
     Wenn Sie nun in der bezeichneten Angelegenheit etwas auswirken können, wenn Sie mir z. B. einen jungen, jetzt in Florenz weilenden Deutschen namhaft machen könnten, der eine derartige Arbeit gegen entsprechende Entschädigung unternehmen würde, so würden Sie mich hochverehrter Herr Geheimrath, zu neuem Danke verpflichten. Für heute habe ich nur noch Ihre Verzeihung dafür anzusprechen, daß ich so oft mit meinen Briefen und Anliegen in die Fülle Ihrer Geschäfte und Studien störend hineinfahre. Aber Kanoniere sind nun einmal aus gröberem Stoffe als andere Menschen gearbeitet. Verzeihung also dem rohen Krieger

Friedrich Nietzsche


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BVN-1868,6

An Friedrich Ritschl in Leipzig (Entwurf)

[Naumburg, Frühjahr 1868]


     Als ich Ihre letzten Beiträge zum rhein. Mus. las, wurde mir nicht deutlich, ob Ihnen eine Laertiusstelle in Erinnerung ist, die recht ausdrücklich die Doppelbedeutung des ἀντ[ίσιγμα] περιε-[δτιγμένον] ausspricht Laert. III 66


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BVN-1868,7

An Erwin Rohde in Hamburg

[Naumburg, 3. April 1868 und kurz davor]


Mein lieber Freund,

dieser Brief ist schlecht geschrieben und enthält Krakelfüße; dafür ist es der Brief eines Kranken, der seinen Arm noch nicht ohne Schmerzen bewegen kann.
     Denn siehe, lieber Freund ich bin seit 3 Wochen schon schwer leidend gewesen: und die Veranlassung war eine bagatelle. Da zerreiße ich mir beim Reiten ein Paar Muskeln der Brust und hatte dadurch Schmerzen, die am ersten Abend gleich ein paar Ohnmachten hervorriefen. Nun lag ich 10 Tage fest in der schlimmen Bedeutung des Wortes dh. unbeweglich, wie aufgespannt und mit Stricken gebunden, unter schrecklichen Schmerzen, fortwährendem Fieber, ruhelos Tag und Nacht, mit Eisumschlägen. Dazu kam noch als schlimmer Gesell ein hartnäckiger Magenkatarrh. Endlich nach diesen zehn Tagen wurden Schnitte in die Brust gemacht, und ich habe seit jener Zeit das philokteteische Vergnügen einer starken Eiterung. Bei der Zerreißung jener Muskeln hat sich viel Blut im Innern der Brust versetzt: und dies ist nun in Eiterung übergegangen. Ich sage zu wenig, wenn ich sage daß schon 4, 5 Tassen von Eiter aus jener Wunde hervorgequollen sind. Seit jener Zeit bin ich wieder vom Bette aufgestanden; aber der Zustand ist noch kläglich: matt wie eine Fliege, angegriffen wie eine alte Jungfer mager wie ein Storch.
     Dabei muß ich mich aus einer liegenden Stellung immer noch empor heben lassen; die ganze Brust ist wie eingeschnürt, und alle Bänder Muskeln und Sehnen schmerzen. Vorgestern bin ich auch einmal im Freien gewesen und ich schleppte Bein hinter Bein wie ein Invalide und wurde nach einer Viertelstunde müde.
     Dies das ärztliche Bulletin. Die Moral: Zerreiße keine Muskel nicht!
     Nun lieber Freund will ich Dir erzählen, wie unter den vielen abscheulichen Medizinen auch eine sehr angenehme war, die mir mehr genützt hat als jene abscheulichen. Das war Dein Brief und Deine Sendung. Da wachte ich eines Morgens auf, erquickt durch den Schlaf — ich nahm alle Abende Morphium — und bekam wie ein Geschenk des jungen Tages Deinen Brief auf das Bett. Ach bekämen doch alle Kranken solche Briefe; in denen Lebenskraft, Freundschaft, Hoffnung, Erinnerung, kurz alle guten Dämonen stecken.
     Zugleich war es Deine mitgeschickte Arbeit, die mich zum ersten Male wieder zum geordneten wissenschaftlichen Denken reizte, deren Lektüre mich einen Vormittag meine Schmerzen vergessen ließ. Aber heilger Buddha, Du verlangst nun Kritik von mir; ich weiß nicht, was ich Dir als Gesunder darauf antworten würde, als homo miser sage ich nur, daß ich οὐχ ἱκανῶς τοῦ κρίνειν; wie es einmal vom Kallimachus heißt; was mich immer sehr gefreut hat. Doch habe ich für unsre lanx satura nur den einen Wunsch: daß die andern 8 Aufsätze nicht allzu tief unter das von Dir angenommene Niveau steigen mögen. Ich selbst empfand wirkliche Gewissensbisse: und die Folge war, daß seit jenem Tage ich mich immer mit meinem Demokrit schleppe wie eine schwangre Frau; doch ohne Aussicht sobald zu gebären. Der ganze Handel ist etwas bedenklich geworden, und vor meinem leidlich rigorosen philologischen Gewissen zerbrödtelt immer mehr.
     Du kannst wirklich in puncto Deiner Abhandlung gutes Muthes sein; der Stoff hat doch viel Würze in sich, und Deine ganze Fassung des Problems hat gesunde frische Glieder und rothe Backen. Insbesondre ist jener Zug im Ganzen, der den Leser zwingt erst am Ende Halt zu machen: womit viel gesagt ist. Ein paar Mal hast Du mich etwas erschreckt: obwohl ich mich gleich wieder beruhigte. Aber warum soll der Leser erschrecken? Wenn Du zB. S. 30 gegen Teuffel sag[s]t „um so mehr als ja der Lucianische Ursprung des Ὄνος durchaus nicht unbestritten ist“, so erschrickt der Leser, den man sich ja als ein wenig dumm vorstellen muß: weil er in dem Glauben stand, es stehe jener Ursprung fest, da Du ohne ein Wort anzudeuten auf jenen Ursprung hin Deine Hypothese behauptet und andre bestritten hast. Liest der dumme Leser nun weiter, so bekommt er die ganze Sachlage später vor Gericht [Gesicht] und entscheidet sich mit Dir, daß der ὄνος aus dem Stalle Lucians ist. Aber das angeführte Sätzchen muß fort, damit es bei den Nervenschwachen keinen plötzlichen Schrecken macht.
     Wo Du später die Frage nach der Autorschaft Lucians zu untersuchen beginnst, da hast Du mich zum zweiten Male erschreckt „Nun könnte es scheinen, sagst Du als ob die ganze Frage sich am kürzesten so erledigen lasse, daß man dem Lucian zwar die Autorschaft der Schrift abspräche, dann sich aber usw. — was die Ansicht eines gewissen Hoffmann ist. Dieser Satz erregt sogar unser Grausen, weil er so leichthin gegen all die schönen Ausführungen der ersten Kapitel streitet: besonders aber sprichst Du zu kaltblütig von dieser ganzen Auffassung; dies „es könnte scheinen“, dies „am kürzesten so erledigen lasse“ berührt mich peinlich. Willst Du nicht den Hoffmann bei Seite lassen oder in eine Anmerkung werfen?
     Schließlich kann ich Dir kaum einen Satz der nächsten Seite zugeben „und alles bisher Vorgetragne könnte richtig sein, auch wenn Lucian nicht der Verfasser unsres ovo? wäre“; was in dieser Allgemeinheit gesagt schnell den Widerspruch weckt.
     So habe ich mich doch noch zu einigen Äußerungen verlocken lassen, die ganz von ferne an das von Dir gewünschte munus critici erinnern. Na, verzeih, daß sie überhaupt geschrieben sind.
     Denke Dir , daß man mir in diesen Tagen feierlich durch den Unteroffizier du jour im Namen des Hauptman[n]s und der Avancirten gratulirte, daß ich auf Regimentsbefehl „Gefreiter“ geworden sei. Ach, beim Hund, daß ich doch erst „Befreiter“ wäre!
     Das erinnert mich an jene Pariser-Reiseaussichten, die Du wie einen schönen bunten Ball mir zugeworfen hast. Ich stimme bei, ich bin überzeugt, ich hoffe, ich arrangiere; der Gedanke ist bei mir schon fest in mein nächstes Zukunftsgewebe eingewoben. Aber lieber Freund nicht vor Sommer nächsten Jahres! Denn Schreckliches verlangen die Himmlischen vorher noch von mir: sie haben vor jene Reise ἱδρῶτα gestellt. Doktordissertation, Ritschl-satura, Museumsindex — „Brich nicht Steg“
     Übrigens möchte ich nicht in Paris leben, wenn es nicht möglich wäre, etwas mit für seinen Broderwerb zu sorgen. Man ist dort so fleißig und man bezahlt den Arbeiter gut. Seien wir Arbeiter! Auf die Dauer kann ich nicht auf mein Restchen Vermögen hin leben, besonders nach Pariser Fuß.
     Jedenfalls wird dort großartig gearbeitet, die Bibliothek zerwühlt, eine Revolution mitgemacht, der Tod des Kaisers erlebt und Französisch gelernt.
     Ach lieber Freund was für Aussichten für einen Philoktet, der wieder sein ῥάκος voll νοσηλεία — sind das wirklich die richtigen griechischen Worte: ich verlerne γεράσκων αἰεί — etc. —

     Da liegt wieder eine Reihe von Tagen. Daß man nicht einmal an seine Freunde ungestraft schreiben darf. Ja die Götter sind böse und neidisch von Jugend auf.
     Dies Bischen Briefschreiben hat mir so geschadet, wie ich nicht vermuthen konnte. Ich mußte wieder zu Bett liegen bleiben und bin seit der Zeit steifer als ein Bock. Du hast keinen Begriff, was für vorsichtige Anstalten ich heute bei dem Schreiben dieser Zeilen treffen muß, um zB. mit der Feder Tinte zu fangen. Und trotzdem alle Augenblicke dieser krampfartige Schmerz. Die Wunde eitert fort. Der Arzt ist zu einer andern Garnison versetzt. Ja ich weiß es die Götter können die Cynismen, das Proletariat des Witzes nicht vertragen; sie zürnen mir, weil ich Dir von νοσηλεία und ῥάκος geschrieben habe.
     Nun zwei Erlebnisse. Gestern kam Kohls Dissertation an und zwar mit dem Titel „I. Kants Ansicht von der Willensfreiheit“ Denke Dir , eine philosophische Dissertation von Kohl! In der der Name Schopenhauer lustig herumschwimmt. Ohne Unbescheidenheit sei es gesagt: ich roch so etwas von unsrer Athmosphaere heraus. So recht innerlich ist die Aneignung Schopenhauers nicht: er wird mitunter mißgedeutet; und am Schluß geht es ihm schlecht als einem, dessen Lehre von der Unveranderlichkeit des Charakters im Grunde daher stamme, daß er seinen eignen selbst nicht habe im Zaume halten können.
     Übrigens hat mich dies auf den Einfall gebracht, auch einmal philosophisch zu promovieren und so meiner Studentenkarte in Bonn und Leipzig noch nachträglich zu ihrem Rechte zu verhelfen; ich bin nämlich immer als stud. philos. spazieren gegangen.
     Jetzt das zweite Erlebniß. Am selbigen Tage bekomme ich einen verführerisch liebenswürdigen Brief von Zarnke, in dem er mir die Mitarbeiterschaft am litter. Centralblatt anträgt und zugleich für selbiges eine Anzeige der eben erschienenen Theogonieausgabe von Schümann wünscht: als welches Buch er mitschickt. So tauft man mich gebrechliches Menschenkind erst zum Gefreiten und dann zum Recensenten!
     Gestern erzählte Volkmann, Curt Wachsmuth habe eine große Entdeckung gemacht. Mehr wußte er nicht. Einen zweiten Sohn hat er auch gezeugt.
     Lieber Freund, ein Wort nach und aus meinem Herzen hast Du geschrieben: der Instinkt ist das Beste am Intellekt. Besagter Instinkt sagt mir jetzt wie ein δαιμόνιον „Denke noch etwas an Deinen fernen Freund, aber schreibe nicht mehr.“

Und damit Lebwohl!
F.N.


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BVN-1868,8

An Friedrich Zarncke in Leipzig

Naumburg d. 15 April. [1868]


Hochverehrter Herr Professor,

daß ich so spät erst antworte, ist nicht meine Schuld: der Geist war willig, aber der Arm war schwach. Denken Sie, daß ich bereits seit sechs Wochen außer Dienst bin und dafür von einem sehr schmerzhaften, langsam weichenden Übel heimgesucht werde. Beim Reiten habe ich mir ein paar Brustmuskeln zerrissen, eine Menge Blut hat sich dadurch versetzt; und eine großartige Eiterung nebst krampfhaften Anspannungen aller Brust-Rücken- und Armbänder ist die leidige Folge.
     Doch was unterhalte ich Sie mit so häßlichen Dingen? Nur glauben Sie mir, daß ich augenblicklich noch sehnlicher wünsche, meinen Balduin selbst wieder satteln und besteigen zu können, als so schöne laudes wirklich zu verdienen, deren Sie freundlichst in den ersten Zeilen Ihres geehrten Briefes gedachten. Es giebt Gelegenheiten, wo „competente Seiten“ zwar sehr liebenswürdig, aber sehr incompetent sein können.
     Im Übrigen sehen Sie mich durch die That bereit, auf Ihren sehr gefälligen Vorschlag betreffs des litt. Centralbl. einzugehn. Anbei folgt eine kurze Anzeige des Schömannschen Buches. — Das Gebiet, in dem ich glaube leidlich bewandert zu sein, ist das einer Quellenkunde und Methodik der griechischen Literaturgeschichte; um außerdem noch einige Namen zu nennen, die mir näher stehen, so mögen hier außer Hesiod noch Plato, Theognis sammt den Elegikern, Demokrit, Epikur, Laertius Diogenes, Stobäus, Suidas, Athenäus eine Stelle finden.

In dankbarer Ergebenheit
Friedrich Nietzsche
Gefreiter (noch nicht Befreiter)
von der 2ten reit. Batterie
des Magdeburgschen Feldartill.reg. Nr 4.


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BVN-1868,9

An Friedrich Ritschl in Leipzig

Naumburg 29 April. 1868.


Hochverehrter Herr Geheimrath,

Ob Freund Windisch Ihnen schon erzählt hat, daß ich längere Zeit erheblich krank gewesen bin und daß ich auch jetzt noch der vollständigen Genesung entgegenharre, weiß ich nicht, doch wünsche ich es. Ich habe nämlich so lange nichts von mir hören lassen, daß ich mich diesmal ausdrücklich entschuldigen muß: nur deshalb erwähne ich die fatale Krankheit, die als Folge der Zerreißung zweier Brustmuskeln mir auf längere Zeit alles Schreiben untersagt hat. Ich war so sehr heruntergekommen, daß ich allmählich erst wieder gehen lernen mußte. Auch jetzt ist die eiternde Wunde am Brustbein noch offen, auch jetzt dh. nach 8 Wochen.
     Heute bringe ich Ihnen, so zu sagen, eine Art Epilog zu meiner Laertiusarbeit, ein Aufsätzchen, das sich ein Winkelchen des rhein. Mus. ausbittet, und dem ich Hoffnung gemacht habe, daß es nicht umsonst bittet.

Hochachtungsvollst
Friedr. Nietzsche
Gefreiter der 2 reit. Batt.
des Magdeb. Feldart.-
reg. Nr. 4.


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BVN-1868,10

An Paul Deussen in Berlin

[Naumburg, Ende April/Anfang Mai 1868]


Mein lieber Freund,

Deinen letzten Brief empfieng ich unter den heftigsten Schmerzen; ein paar Stunden darnach war meine Besinnung weg. Beides war nicht etwa Folge eines verborgenen Giftes, das aus Deinem Briefe auf mich übergieng und mich betäubte; zu meinem Glücke habe ich ja keine so gefährlichen Freunde (oder meinst Du, daß Schopenhauer zu dieser Gattung freundschaftlicher Giftmischer gehört? —)
     Aus Deinen Briefen kann ich eigentlich nicht ersehn, ob ich Dir jemals mitgetheilt habe, daß ich seit Oktober Soldat und zwar Artillerist bin. Sollte ich vergessen haben es zu erwähnen, so entschuldige dies mit der sonderbar philosophischen Manier unsres Briefwechsels.
     In diesem Dienste des Mars also habe ich mir einige Brustmuskeln zerrissen und dadurch eine längere und schwerere Krankheit herbeigeführt, die auch jetzt noch nicht gehoben ist. Ich habe keine Lust, Dich mit den Details einer ungeheuren Eiterung, krampfhafter Ausdehnung der Brust- und Rückenbänder usw. zu belästigen. Genug, ich war durch Krankenlager und Schmerz sehr elend geworden; allmählich komme ich wieder zu Kräften.
     Genau im Anfang dieser unterbrechenden Krankheit empfieng ich Deinen Brief; und ich las ihn erfreut, aber mit klappernden Zähnen. Wenn Du berechnest, wann Dein letzter Brief geschrieben wurde, so weißt Du auch, wie lange schon ich leidend bin.
     Was mir nun in Deinem Sendschreiben am meisten gefallen hat, ist der heitere, selbstvergnügte Ton, der sehr vortheilhaft gegen das düstere Colorit Deiner Bonner und Tübinger Ergüsse absticht. Das „Greisenhafte“ schwindet: so ist Dein Ausdruck dafür, der sehr charakteristisch ist. Andere Leute würden sagen „das Jugendliche schwindet“ Nun darüber kein Streit.
     In Bezug auf diesen heitern Ton erlaube ich mir nun einen Vorschlag zu machen. Sollten wir nicht endlich genug haben an den philosophischen Quertreibereien, deren Scene bisjetzt unsre Briefe waren. Ein Zusammenklang ist bis jetzt nicht erfolgt: warum sollen wir ewig auf den nicht zusammenstimmenden Saiten spielen? Dein letzter Brief z.B. verwirft meinen Standpunkt der Resignation als unjugendlich scil. greisenhaft: dagegen habe ich keine Waffe. Was Du aber hinzufügst, daß Resignation nur dann berechtigt sein wird, wo sie sich — wie bei Kant — auf eine feste Überzeugung über den Umfang unsres Erkenntnißvermögens etc. gründet, ist eine sehr gute Äußerung. Wer aber den Gang der einschlägigen Untersuchungen, vornehmlich der physiologischen seit Kant, im Auge hat, der kann gar keinen Zweifel darüber haben, daß jene Grenzen so sicher und unfehlbar ermittelt sind, daß außer den Theologen, einigen Philosophieprofessoren und dem vulgus niemand sich hier mehr Einbildungen macht. Das Reich der Metaphysik, somit die Provinz der „absoluten“ Wahrheit ist unweigerlich in eine Reihe mit Poesie und Religion gerückt worden. Wer etwas wissen will, begnügt sich jetzt mit einer bewußten Relativität des Wissens — wie z. B. alle namhaften Naturforscher. Metaphysik gehört also bei einigen Menschen ins Gebiet der Gemüthsbedürfnisse, ist wesentlich Erbauung: andernseits ist sie Kunst, nämlich die der Begriffsdichtung; festzuhalten aber ist, daß Metaphysik weder als Religion noch als Kunst etwas mit dem sogenannten „An sich Wahren oder Seienden“ zu thun hat.
     Wenn Du übrigens Ende dieses Jahres meine Doktordissertation bekommst, so wird Dir mehreres aufstoßen, was diesen Punkt der Erkenntnißgrenzen erläutert. Mein Thema ist „der Begriff des Organischen seit Kant“ halb philosophisch, halb naturwissenschaftlich. Meine Vorarbeiten sind ziemlich fertig.
     Also, lieber Freund, lassen wir fürderhin dies philosophische πάθος unsrer Briefe bei Seite. Du hast selbst den rechten Ton angeschlagen, indem Du mir einen recht philologischen Brief geschrieben hast: wofür ich Dir dankbar bin. Zugleich aber kann ich nicht umhin, mich über die seltsame Methode zu wundern, mit der Du Dir ein Thema zur Behandlung bestimmst. Andre Leute finden ein Problem, entweder von andern schon aufgedeckt, oder durch eignen Scharfsinn aufgespürt und machen sich jetzt dran eine Lösung zu suchen. Du aber schreibst mir, daß das Objekt Deiner Untersuchungen der

Euthydemos

sei: gut, das ist ein Arbeitsfeld, aber kein Problem. Nun machst Du zwar die Andeutung, daß Dich vornehmlich die Echtheitsfrage beschäftigen werde. Und hier ist der zweite Punkt, wo ich meine Verwunderung aussprechen muß. Beim Zeus, ich bin ein Freund der Kühnheit, wenn es nicht bloß eine Unteroffiziertugend ist, wenn es Kühnheit mit Bewußtsein ist. Die platonische Frage ist augenblicklich ein großartiger Komplex, ein innerlich verwachsenes Gewebe, ein Organismus. Solche Fragen wollen groß behandelt sein; was nützt es da, an einem der äußeren Punkt[e], förmlich an der Haut der Frage sich anzunagen! Was nützt es Schaarschmidt einiger Leichtfertigkeiten und Übertreibungen zu zeihen! Die Untersuchungen sind jetzt schon auf dem höchsten Punkte angelangt: es handelt sich um psychologische Einsichten, es gilt Platos Seelen- und Geistesgang zu reconstruiren und nicht in der verschwommenen Weise von Schleiermacher oder vom alten Steinhart.
     Was die Autorität der Überlieferung betrifft, so bitte ich Dich so freisinnig wie möglich zu sein. Vielleicht habe ich augenblicklich ein besonderes Anrecht darauf, sagen zu dürfen: es giebt keine Autorität für die Verzeichnisse der alexandrinischen Bibliothek; denn ich habe zufällig meine Hauptinteressen in diesen Überlieferungsfragen stecken. Ein jeder der platonischen Dialogen muß nach seinem Verfasser gefragt werden; und wenn er nicht selbst für Plato spricht, so helfen alle Zeugnisse nichts, selbst die des Aristoteles nicht: mit diesen kann es nämlich die fürchterliche Bewandniß haben, daß sie erst viel später hinzugeschrieben sind zB. bei der Redaktion des Andronikus. Ja es giebt bestimmte Beispiele solcher eingeschobenen Zeugnisse bei Aristoteles.
     Nun erzähle ich Dir in Kürze von meinen Arbeiten und Absichten. Meinen Aufsatz über Demokrits Schriftstellerei habe ich noch nicht geschrieben: ich will die ganze Frage erst wieder aufnehmen, wenn ich einige anschließende Punkte zB. über die διαδοχαί der Philosophen, über die Titelmethoden der Alten, über die Väternamen der Philosophen, über die Todesarten der Philosophen erledigt habe, also etwa im nächsten Jahre. Einstweilen habe ich alles vorbereitet, um einen wunderlichen größeren Aufsatz Ende dieses Jahres fertig zu machen, über Homers und Hesiods Gleichzeitigkeit. Hier kommen zum ersten Male meine homerischen παράδοξα zu Tage; ein θαῦμα βροτοῖσιν, das sage ich Dir. Im Ganzen bin ich glücklich über eine Fülle von schönen Combinationen: und ich wünsche nur, sie darstellen zu können.
     Unterdessen dh. während meiner Krankheit bin ich auch durch einen sehr gefälligen Brief von Prof Zarncke aufgefordert worden, am litterarischen Centralblatt mitzuarbeiten. Das habe ich denn angenommen, und Du kannst zB. eine kurze Anzeige über Schömanns Theogonie von mir in seiner neusten Nummer finden. —
     Zum Schluß meinen Dank betreffend die angenehme Nachricht von Ernst Schnabels Verheirathung. Wenn Du ihm auch in meinem Namen einmal Glück wünschen willst, so machst Du mir eine besondre Freude. Insgleichen, wenn Du Deinen verehrten Angehörigen meine Grüße schickst: endlich wenn Du bald antwortest

Deinem Freunde
Friedrich Nietzsche


NB. Laß doch ja die militärische Addresse weg.


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BVN-1868,11

An Erwin Rohde in Hamburg

[Naumburg, 3. oder 4. Mai 1868]


Mein lieber Freund,

ich antworte bald: daraus entnimm, wie mich Dein Brief erfreut hat; noch mehr, wie sehr mich die darin berührten Dinge beschäftigen. Dazu kommt, daß heute morgen ein Schreiben von Windisch an mich einlief, ein Schreiben, dem ich eine entschiedene Tragweite für unsre Zukunftspläne zuspreche, obwohl der Schreiber — der Dir übrigens seinen herzlichen Gruß entbietet — davon nichts ahnt. Bevor ich aber Deine Spannung löse, sei erwähnt, was sonst allzuleicht unerwähnt bliebe, daß meine Genesung nur mit hinkendem Fuße vorwärtsschreitet, daß auch jetzt noch die eiternde Wunde am Brustbein offen ist, und daß mir immer noch die Kraft fehlt, rüstig wieder meine militärischen Studien aufzunehmen. Mögen sich Deine theilnehmenden Wünsche, dem Incubus vergleichbar, Nachts auf die Wunde legen: jedenfalls nützen sie mir mehr als Zinksalbe und Pflaster, ja es liegt in ihnen, wie überhaupt in Deinen brieflichen Lebensäußerungen für mich eine stärkende und heilende Magie, eine wirklich medizinische κάθαρσις τῶν παθημάτων.
     Lieber Freund, unser Ritschl-sacellum ist über Nacht ins Wasser gefallen: weshalb? weil wir zu nah ans Wasser gebaut haben. Unsre Aktiengesellschaft löst sich auf, bevor das Kapital zusammen ist, unsre Schlacht ist verloren, bevor sie geliefert ist, da unsre Verbündeten davonlaufen. Ich hatte also kürzlich an Windisch geschrieben und ein wenig den Ernst der einmal angenommnen Commissionsmitgliedschaft betont dh. ihn um einen Brief mit genaueren Auskünften über unsre Mitarbeiter gebeten, auch unter anderem von dem Einzigen erzählt, der seiner Verpflichtung vor dem angesetzten Termine nachgekommen ist. Heute bekam ich die Antwort auf meine Anfragen, eine Antwort mit so vielen Details, daß ich unser Unternehmen als gescheitert betrachte. Urtheile selbst: Windisch selbst, an dessen Arbeit uns begreiflicher Weise viel liegen muß, schildert seine Lage als die jenes bekannten auf dem Dache sitzenden Greises: und sie ist auch darnach. Er ist Lehrer, will sich habilitieren, schreibt zwei Sanskritschriften zu diesem Zwecke, erzieht zwei Kinder, ordnet die verwirrten Angelegenheiten seines kürzlich gestorbenen Vaters und hat schließlich noch einen delikaten Grund, sich gegenwärtig nicht an unserm Projekt zu betheiligen. Dem armen Clemm geht es so schlecht mit seinen Augen, daß wir hier billiger weise nur bemitleiden, nicht Forderungen stellen können. Nun kommt Roscher, ein Menschenkind, das, ganz ins Ohr gesagt, mir immer etwas unzuverlässig erschienen ist: er hat, wie Windisch schreibt, zum Zweck seiner Dissertation, alles Fett aus seinen Klauen gesogen und denkt frecher Weise daran, seine abgestandenen Conjekturen uns resp. Ritschl vorzuwerfen. Windisch dankt, ich auch und zugleich in Deinem Namen. Wie mit Roscher, so steht es auch mit Dreßler, nur daß letzterer gar nichts mehr auszugeben hat, nicht einmal die Scheidemünze einer Conjektur. Es ist eine Misère: diese Menschen! Wie kann man so impotent sein und sich nicht einmal schämen, es einzugestehen! Hier hast Du eine Anzahl Romantitel: „kraftlose Lenden oder der lächelnde Sächser“ „der Conjekturenritt im Lexikon oder Barnum in der Westentasche“ „der kleine Lügner oder die Tapetenfabrik“, der geschickte Aspirant oder der H-Doktor in Leipzig etc.
     Also, lieber Freund, nochmals: unsre Aussichten sind zu nichte: denn auch Kohl hatte, wie ich ihn sprach, noch gar keine Anstalten getroffen, ist überdies Lehrer in Barmen und arbeitet zu langsam. Von Andresen hört man nichts: aber er ist vergleichweise sicher. Windisch räth schließlich, die ganze Angelegenheit ein Paar Jahr ruhen zu lassen: dann würden sich schon mehr Teilnehmer finden. So mag sie denn einschlafen, die gute Sache, für die ich mich sehr interessirt habe und die ich mit Schmerz fahren lasse. Man rechne nur einmal auf die menschliche Uneigennützigkeit, ja nur auf die simple Klugheit: man verrechnet sich. Das will alles mit Stöcken getrieben sein, selbst zu einer Handlung, die ebensosehr dem eignen Ruhm als dem des Lehrers zu Statten kommt.
     Nun also die Folgerungen für uns, lieber Freund!
     Zunächst also darf ich Dir wohl den Vorschlag machen, doch noch einmal eine neue Zukunftskarte zu entwerfen. Ich bin jetzt nämlich nicht mehr daran gebunden, die für Ritschl bestimmte Arbeit zu schreiben: wodurch ich Zeit gewinne. Vielleicht, ja hoffentlich bin ich Weihnachten mit Promotion und Museumsindex fertig; und dann können wir ja unsre Fittige aufheben, um noch Neujahr in Paris zu sein. Nach diesem Plane wäre es nun allerdings gerathen, Deine Promotion bis zu diesem Zeitpunkt ebenfalls ins Werk zu setzen: und Du kannst ja als Dissertation eben jene Quellenstudie verwerthen, die Du jetzt unter den Händen hast.
     Ich selbst fühle mich, was diesen Punkt betrifft, recht unbequem. Im Grunde sind mir sowohl meine Democritea als meine Homerica zu gut zu diesem Zwecke: dh ich möchte sie mir aufsparen zu einer recht gemächlichen Darstellung, die ich vielleicht im Quartier latin vollende, nicht aber diese schönen Stoffe dadurch verwüsten, daß ich sie zerreiße. Zu einer Dissertation sind nämlich beide Themata zu langathmig und zu — deutsch. Nun habe ich zwar eine Zeitlang sogar ein philosophisches Projekt gehabt,ὡς κωλίζων’ (nämlich „über den Begriff des Organischen seit Kant“ zu schreiben) und hiezu auch genug Stoff gesammelt; im Ganzen aber paßt dies Thema gar nicht für den bewußten Zweck, wenn man nicht leichtsinniger als eine Fliege zu Werke gehen will. Schließlich werde ich also eine enger begrenzte philologische Frage behandeln, nämlich die verschiedenen Papas, die die griech. Litterarhistoriker den Dichtern, Philosophen, Rednern usw. zuschreiben, etwas näher beleuchten, nämlich ob sie γόνῳ oder θέσει Papas sind, ob es fingirte Papas sind etc etc. Wenn Dir übrigens Deine Polluxarbeit ebenfalls zu gut zu jener Komödie ist, so empfehle ich Dir noch ein Thema gleichen Ranges: woher es kommt, daß jene Dichter, Philos. etc. bald dieser, bald jener Heimat entsprossen sein sollen. Man macht Rubriken und langweilt sich und andre — womit ja der Zweck erreicht ist.
     Es versteht sich von selbst, daß Deine schöne für Ritschl bestimmte Arbeit unter keinem Preise diesem blödsinnigen Götzen, der Dea Promotio vorgeworfen werden darf. Wenn Du mir erlaubst Dir einen Vorschlag zu machen, so sendest Du mir nächstens als Einlage eines Briefes ein paar Zeilen an Ritschl, in denen Du ihm die bewußte Arbeit für das rhein. Mus. anbietest. Diese Zeilen sammt opus schicke ich dann an Ritschl, mit dem ich nun einmal in „Geschäftsverkehr“ bin. So bleibt es doch immer noch ein Zeichen der Dankbarkeit.
     Übrigens, lieber Freund, bitte ich Dich aufrichtig, Deine Augen fest auf eine einmal einzuschlagende akademische Carrière zu richten: worüber Du allerdings einmal einen festen Beschluß fassen mußt. Hier ist eine ängstliche Selbstprüfung gar nicht an der Stelle: wir müssen einfach, weil wir nicht anders können, weil wir keine entsprechendere Lebenslaufbahn vor uns haben, weil wir uns zu anderen nützlicheren Stellungen einfach den Weg verrannt haben, weil wir gar kein anderes Mittel haben, unsre Constellation von Kräften und Ansichten unsern Mitmenschen nutzbar zu machen als eben den angedeuteten Weg. Schließlich dürfen wir doch nicht für uns leben.
     Sorgen wir nach unserm Theil dafür, daß die jungen Philologen mit der nöthigen Skepsis, frei von Pedanterie und Überschätzung ihres Fachs, als wahre Förderer humanistischer Studien sich gebärden. Soyons de notre siècle, wie die Franzen sagen: ein Standpunkt, den niemand leichter vergißt als der zünftige Philolog.
     Übrigens sei so gefällig, nicht wieder in Verbindung mit Deinem Namen die Herrn Forchhammer Ritter etc zu erwähnen.
     Als zukünftige Universitätsritter müssen wir einiges thun ὥστε γνωρίζεσθαι, also von Zeit zu Zeit unsere Namen in die Zeitschriften bringen, von Paris aus Anekdota in die Welt setzen usw. Nach 1½—2 Jahren habilitieren wir uns in Berlin oder sonstwo und überstehn die Zeit der „destillirten Hoffnungslosigkeit“ das Privatdocententhum σὺν ἐρχομένω. Beiläufig hat mir Ritschl einmal gesagt, daß an philolog. Dozenten jetzt immer Mangel sei. Daß es so sein muß, beweisen die schnellen Beförderungen zB. von Reifferscheid und kürzlich von Riese in Heidelberg.
     Jedenfalls aber gehen wir beide dieser akademischen Zukunft ohne übertriebene Hoffnungen entgegen. Aber ich halte es für möglich, daß in der Stellung eines Professors erstens eine anständige Muße zu selbsteignen Studien, zweitens ein nützlicher Wirkungskreis, endlich eine so wohl politisch als gesellschaftlich leidlich unabhängige Lage gewonnen und behauptet werden kann. Den zuletzt angedeuteten Vortheil haben wir vor jeder Staatscarrière voraus, sei es nun als Jurist oder als Schulmeister.
     Wozu übrigens brauchen wir das sogenannte und übel berüchtigte Staatsexamen zu machen? Ich habe einen zähneklappernden Schauder vor dieser Abnutzung des Gedächtnisses, der Produktionskraft, des eigenartigen Entwicklungstriebes, vor dieser Maschine einer veralteten, alles nivellirenden Regierungsmaxime; ja ich bin überzeugt, daß ich dies Examen nicht machen kann, weil ich nie es können will. Also streichen wir dies Ding auch aus dem Programm unsrer Zukunftsmusik: ist es doch zu unsrer akademischen Laufbahn nicht nöthig.— —
     Nun habe ich alle Punkte erwähnt, auf die mich der Brief Windischs (den ich Dir beilege) geführt hat. Hoffentlich nicht zu Deinem Verdruß. Denn ich habe jetzt keinen sehnlicheren Wunsch als die schönen Bilder eines Pariser Zusammenlebens in die Wirklichkeit übersetzt zu sehn. Wie in Leipzigs Einöden unser Naturgefühl wuchs, so in Naumburg mein Bedürfniß zu freundschaftlichem Austausch.
     Deshalb, lieber Freund, sage mir recht bald einmal, wie Dir meine Zukunftspläne behagen. Für heute ein herzliches Lebewohl.

Fr Nietzsche


Sprich doch Deiner Frau Mutter meine ergebnen Grüße aus.


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BVN-1868,12

An S. Heynemann in Berlin

Naumburg 9 Mai 1868.


Lieber Herr Heynemann,

Sie sollten es doch nicht nöthig haben, sich so förmlich und tot ceremoniis an einen alten guten Leipziger Bekannten zu wenden. Hoffentlich haben Sie diese Leipziger Vergangenheit mit ihrer schönen Gemeinsamkeit wissenschaftlicher Interessen in guter Erinnerung, wie wir sie alle haben; und eben unsre symbola sollte zwischen den also Verbundenen noch ein engeres Band knüpfen.
     Sie sollte es: denn ich darf Ihnen zu meiner eignen Betrübniß nicht verschweigen, daß der schöne Plan, den ich mit solcher Liebe gepflegt habe, nahe daran ist, in alle Winde zu zerstieben.
     Wie ich nämlich aus einem kürzlich eingegangnen Briefe von Windisch ersehe, so löst sich das Gewebe unsres Plans dort zuerst auf, wo es am wenigstens zu erwarten war: nämlich in Leipzig selbst. Es gehört freilich zu allen derartigen Unternehmungen etwas Energie und Selbstverleugnung, andernseits auch Zuverlässigkeit, wenn man einmal sich verpflichtet hat. An diesen drei Eigenschaften scheint es den Sachsen — in unserm Falle sowohl als in der deutschen Politik — zu fehlen.
     Genug, lieber Herr Heynemann; wozu sollte ich Ihnen die unerfreulichen Details mittheilen, wozu sollte ich gar einzelne Namen nennen? Jedenfalls ist jetzt die Zahl der wirklichen Mitarbeiter so gering, daß wir, um uns und unsern Lehrer nicht zu compromittieren, einstweilen unser Unternehmen aufgeben müssen.
     Einstweilen: denn ich werde nicht verfehlen, wenn einige Jahre über das Land gegangen sind, und die Zahl der Leipziger Schüler quantitativ und qualitativ sich vermehrt hat, meinen Plan von Neuem aufzunehmen; und ich hoffe dann bei Ihnen dieselbe schöne Bereitwilligkeit zu finden, die gegenwärtig so vortheilhaft gegen das Benehmen der Leipziger absticht.
     Was nun Ihre fast fertige Arbeit betrifft, so erlaube ich mir Ihnen dasselbe vorzuschlagen, was ich Freund Rohde vorgeschlagen habe: senden Sie selbige Arbeit an Ritschl für das rheinische Museum ein: so machen Sie ihm damit doch wenigstens einen Theil der Freude, die wir verbündeten Symboliker ihm bereiten wollten.
     Ich wünschte wohl Ihnen erfreulichere Dinge melden zu können: aber es steht leider nicht in meiner Hand. Somit bleibt mir nichts übrig, als Ihnen meinen Dank für Ihren Brief auszusprechen, in der Hoffnung, daß eine gefälligere Zukunft die Brücke wieder bauen hilft, deren Zerstörung wir jetzt bedauern.

Freundschaftlichst
Friedrich Nietzsche

z. Z. Gefreiter der 2t. reit.
Batt. des Magdeb. Feldartill.
reg. N. 4.


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BVN-1868,13

An Friedrich Ritschl in Leipzig

Naumburg d. 12 Mai 1868.


Hochverehrter Herr Geheimrath,

die beste Arzenei bleibt doch ein guter und theilnahmevoller Brief: was ist Pflaster und Salbe gegen das stärkende Gefühl des Wohlbehagens, wie es z.B. Ihre gütigen Zeilen in mir hervorriefen. Und so nehmen Sie denn diesmal meinen besonderen Dank für diesen quasi-ärztlichen Beistand, ja für eine momentane κάθαρσις τῶν παθημάτων.
     Übrigens sind diese παθήματα langwierig und langweilig: bei diesem vollkommnen Frühlingswetter sehne ich mich nach meinem Pferde und dem soldatischen Dienste, aber die Wunde thut mir nicht den Gefallen, sich zu schließen.
     Was man bei solcher unfreiwilliger (wenn auch nicht ganz unwillkommner) Muße anfängt, davon bekommen Sie heute wieder einen Beweis. Es hat mir seit meiner Schulzeit jenes schöne Danaelied des Simonides wie eine unvergeßliche Melodie im Kopfe gelegen; was kann man also bei solchem Maiwetter thun, als etwas „lyrisch“ zu werden? (Wenn Sie nur nicht gar diesmal auch eine „lyrische“ Conjektur in meinem Hefte entdecken!)
     Die Danae ist beiläufig ein bescheidnes Kind: in ihrem Kasten sitzend, ist sie nicht an große Räumlichkeiten gewöhnt und bittet deshalb für sich nur um etwa 11—12 Seiten Ihres Museums. Auch kann sie warten. —

In treuer Verehrung
Friedrich Nietzsche


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BVN-1868,14

An Friedrich Ritschl in Leipzig

Naumburg am 26t. Mai 1868.


Hochverehrter Herr Geheimrath,

was Himmel, werden Sie heute sagen, soll das dicke Manuscript? Eine üble Angewohnheit des jungen Mannes, keinen Brief ohne solch einen Begleiter abschicken zu können! — Und doch würde ich mich sehr betrüben, wenn die mitfolgende Arbeit auch nur einen einzigen mißgünstigen Blick deshalb abbekäme, weil ich gerade der Absender bin. In der That ist der Verfasser derselben ganz unschuldig daran, daß ich neuerdings Sie mit meinen Manuscripten bombardiere — was Sie vielleicht dem depravierenden Einflüsse des Feldartilleriedienstes zuzuschreiben haben. Diesmal sind Verfasser und Absender verschiedne Personen: und gerade dem Ersteren wünsche ich für seine litterarische Schiffahrt die günstigsten Winde und die freundlichsten Sonnenblicke. Das beiliegende Blatt wird Ihnen den Namen des Bekannten-Unbekannten verrathen: auf den übrigens Horaz anspielt, wenn er sagt hie Rhodus, hie salta.
     Ich selbst habe heute nur zweierlei noch auf dem Herzen. Zuerst habe ich meine Dankbarkeit Ihnen auszudrücken für die fabelhafte Geschwindigkeit, mit der Sie die Danae unter Dach und Fach gebracht haben. Zu zweit bin ich Ihnen einen Bericht über meine Gesundheit schuldig: und ich möchte wohl über diesen Punkt etwas Besseres schreiben dürfen, als ich darf. Die Wunde am Brustbein ist immer noch offen, und die Eiterung hat auch angefangen, den Knochen zu infiltriren, so daß neulich zu meinem Erstaunen ein Stück meines Gebeines, ein Knöchelchen, zum Vorschein kam. Nun beschieße ich die innere Eiterungshöhle eifrig mit Kamillenthee und Höllensteinauflösung, bade auch wöchentlich dreimal in warmem Wasser. Mitunter geht mir etwas die Geduld aus; im Ganzen aber hält mich eine starke philologische und philosophische Beschäftigung stramm und aufrecht. Auch vertröste ich mich mit der Zukunft, zB. mit der Aussieht auf eine Pariser Reise, die ich im nächsten Jahre antreten will. Oder ich denke an die schöne Zeit, die mir hoffentlich der Herbst bringt, eine Zeit, in der es mir vergönnt sein wird, wieder in der Nähe des Mannes zu leben, als dessen treuen Anhänger sich unterschreibt

Friedrich Nietzsche.


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BVN-1868,15

An Paul Deussen in Oberdreis

Naumburg 2 Juni 1868.


Mein lieber Freund,

ich setze voraus, daß es Dich weniger Zeit kosten wird, einen Brief zu lesen als zu schreiben und gestatte mir deshalb, Deine tiefe Arbeit auf eine harmlose und vielleicht erquickliche Weise zu unterbrechen. Im Grunde hole ich nur nach was ich kürzlich versäumt habe, als das Pförtner Schulfest lebhafter als je in mir die Hoffnung rege machte, Dich einmal wieder von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Damals lag der Stoff zu den schönsten Unterhaltungen auf meinen Lippen; im festlichen Gewände wartete ich, daß ein wohl bekannter Schritt die Treppe herauf poltern werde — und wartete vergebens. Keiner aus der Schaar meiner Pförtner Bekannten (excepto Schenkio) hat jenes Fest der Beachtung werth gefunden — wie ich es selbst nicht geachtet habe, ja sogar weder beim Empfang der Gäste, noch im Turnsaal oder auf dem Bergtage zugegen gewesen bin. Nun hielt mich zwar vor allem mein durchaus noch nicht gehobenes Leiden zurück, das ich mit allen möglichen Maschinen bekämpfe und das doch hartnäckiger ist als es auch der Laune eines geduldigen Mannes erträglich ist. Im Ganzen ist aber auch die gegenwärtige Pforte für mich kein Gegenstand der Sympathie: wir denken wohl noch gerne an sie wie an eine ehemalige Geliebte, aber mögen doch nicht vergnügt zusehn, wie sich die Abtrünnige mit ihrem neuen Liebhaber amüsirt. Dazu ist dieser Liebhaber auch zu schäbig, vor allem zu schwarz.
     Aus dem Munde des Volkes vernahm ich, daß Du in Deiner Heimat lebtest — und dies erklärte mir hinreichend, weshalb Du nicht gekommen warst. Was dieser Mund hinzufügte „Du seist in Aristoteles versenkt“ wird wohl ebenfalls mutato nomine seine Richtigkeit haben. Jedenfalls aber war ich sehr ärgerlich, daß eine so schöne Hoffnung mir zwischen den Fingern zerlaufen war; denn ich hatte mir vorgenommen, Dich auf gewaltsame Weise in Naumburg festzuhalten, um uns gegenseitig die „wichtigen“ Ergebnisse und Erfahrungen mitzutheilen, wie sie junge Leute die am Schlüsse des ersten Drittels ihres Daseins stehen auf dem Herzen zu haben pflegen. Da ist zum Beispiel die große Thatsache eines Bartes und die kleine einer Lebensphilosophie, da ist der erhabene Standpunkt eines Cylinders usw. —
     Übrigens fällt mir eben ein, daß es ein böser Dämon vielleicht verhindert hat, daß mein letzter Brief überhaupt in Deine Hände kam. Ich habe ihn nach Berlin unter Deiner alten Addresse geschickt. Er enthielt die Nachricht über meine Erkrankung und etwas Philologie, wenn ich mich recht erinnre. Es ärgert mich immer, wenn ein Brief an meine Freunde verlorengeht: denn ich kann es nicht über das Herz bringen, dieselbe Sache zweimal zu besprechen.
     Wenn Du übrigens Deine Heimat wieder verläßt, um in Berlin die Tortur zu erleiden, so zwinge Dich einmal, über Naumburg zu reisen. Hier will ich Dir alle möglichen schönen Zauberformeln ins Ohr sagen, damit Dich der Teufel nicht verschlinge. Einstweilen wünsche ich Dir die hellsten Blicke und die frohste Ausdauer zum Vollbringen Deiner Arbeit. Meine Lebenspläne (an denen freilich das Schicksal, der große Censor, noch viel herumcorrigieren wird) sind zunächst diese. Im nächsten Jahre ist eine Reise nach Paris beabsichtigt, wo ich nicht unter einem Jahre zu bleiben gedenke. Meine Freunde Rohde und Dr Kleinpaul begleiten mich. Nachher werde ich mich wahrscheinlich in Leipzig habilitieren, wo eben ein andrer Freund Dr Windisch sich für Sanskritbedürfnisse etablirt, und wo ich immer noch durch den blühenden philolog. Verein in einem Verhältniß zur Philologenschaft stehe.
     Nächstens werde ich Dir hoffentlich mein Laertianum und einen andern Aufsatz zuschicken können, die beide im rhein. Mus. gedruckt sind. Letzterer behandelt jenes allerliebste Danaelied, dessen Wohlgeschmack mir noch von Bonn her auf der Zunge liegt. Größere litterarische Absichten wachsen in mir von Tag zu Tag, und ebenso rüste ich mich geistig zu dem Berufe eines Universitätslehrers, indem ich viel für mich über die rechte Methode des Lehrens und Lernens, über das Maß und die Bedürfnisse jetziger Philologie nachdenke.
     Soviel über mich. Gestern noch habe ich aber jemand gesprochen, der Dich häufiger getroffen hatte und mir einige Einzelheiten über Deine Studien etc mittheilte. Dies ist Stedtefeld, gegenwärtig Lehrer in Schulpforte. Er klagte etwas über Deinen allzu leicht erregten Enthusiasmus, über die Schnelligkeit und Umfänglichkeit Deiner Pläne, denen die nöthige Ausdauer nicht entspräche. Nun, lieber Freund, solche Dinge verzeihe ich am allerersten; ja ich lobe diese Fähigkeit, weil sie Dich verhindern wird, in den Sumpf zu fallen, in den so viele junge Philologen gerathen. Sie werden durch das ängstliche Bestreben beunruhigt, möglichst bald auch einmal eine wissenschaftliche That aufweisen zu können und stürzen deshalb wie Wüthende auf einen Schriftsteller, der ihnen Gelegenheit und Stoff zu solchen Thaten geben soll. Auch bei diesen armen Ehrgeizigen stat pro ratione voluntas: sie plagt nicht sowohl ein schöpferischer Trieb, als der Wille schöpferisch zu sein. Und wehe der ratio, die erst vom Willen ins Schlepptau genommen wird: Beiläufig sind diese Naturen gerade die prätentiösesten.
     Überhaupt wirst Du finden, daß den meisten Philologen irgendwo eine moralische Verschrobenheit anhaftet. Zum Theil erklärt sich dies sogar physisch, insofern sie gezwungen sind ein Leben gegen die Natur zu führen, ihren Geist mit unsinniger Zufuhr zu überfüttern, ihre seelische Entwicklung auf Kosten des Gedächtnisses und des Urtheils zu vernachlässigen. Gerade die schöne Fähigkeit der Begeisterung ist am seltensten unter den jetzigen Philologen: als trauriges Surrogat derselben zeigt sich Selbstüberschätzung und Eitelkeit. Es hat mich geradezu geschmerzt, dies auch von Bernays zu hören, den ich im Ganzen doch als den glänzendsten Vertreter einer Philologie der Zukunft (dh. der nächsten Generation nach Ritschl Haupt Lehrs Bergk Mommsen usw) aufzufassen gewohnt bin. Ähnliches gilt von Lucian Müller, dem begabtesten Gassenjungen unsrer Philologie. Ja man nenne einen beliebigen Namen, man denke an V.Rose oder Ribbeck, oder Bücheier, oder Wachsmuth etc.; überall zeigt sich eine wunderliche Hochachtung des eignen Naturells und Mangel an ächter Begeisterung.
     Wo diese Leute warm werden, wo ihr Wesen, ihre Sprache, ihr Denken in Fluß und Schwung kommt, da ist es das Gefühl ihrer Zeugungskraft: sie erwärmen sich als Künstler, nicht als Ethiker. Nur der Ethiker aber kennt die wahre Begeisterung, die durch und durch selbstlos ist.
     Nun, mein lieber Freund, will ich Dich noch bitten, mir einmal einen recht ausführlichen Brief über Deine Arbeit zu schreiben; ja ich habe gar nichts dagegen, daß Du mir dieselbe zuschickst. Du sollst dann von mir hören, was ein freimüthiger Freund theils zu loben, theils zu tadeln hat. Insbesondere, wenn Deine Arbeit etwa die Echtheitsfrage berühren sollte, würde mein Interesse für dieselbe das doppelte sein. Nur verschone mich mit einer Conjekturensammlung.
     Eine musterhafte Arbeit eines Freundes ist noch kürzlich in meinen Händen gewesen, verfaßt von meinem Freunde E. Rohde in Kiel. Mit niemandem in der Welt bin ich so eins sowohl über philosophisch ethische Dinge als über philologische Anforderungen und Wünsche als mit diesem. Seine Abhandlung über „Lucians ὄνος im Verhältniß zu Lucius v[on] Paträ und Apulejus“, ist in diesen Tagen an das rheinische Museum abgegangen.
     Übrigens gehört auch Rohde zu den Verführten, die in Schopenhauer ihr geistiges Centrum gefunden haben. Meine größte Freude in der letzten Zeit ist die gewesen, hier und da begeisterte Anhänger für diesen Namen geworben zu haben. Was wirst Du sagen, daß zu diesen auch der eminente Oberpfarrer Wenkel gehört, der mit flatternden Fahnen in jenes Lager übergegangen ist? Er gestand mir kürzlich, daß er erst jetzt erfahren habe, was Philosophie ist, und daß was Philosophen außer Kant und Schopenhauer geleistet haben, im Grunde gleich Null ist. Ich erwärme mich förmlich an diesen Flammen der Begeisterung, die mich an meine „erste Liebe“ erinnern. Selbst die von Wenkel so hochgeschätzten Männer wie Schleiermacher und Strauß sind für ihn jetzt blaß und farblos geworden.
     Doch wozu erzähle ich Dir das? Gewiß nicht, um Dich ärgerlich zu machen. Im Grunde nur, um Dir zu beweisen, daß mein Geschmack auch in diesem Punkte nicht so paradox ist, wie es mitunter erscheinen mag meinem Freunde

Paul Deussen

.

     Empfiehl mich bestens Deinen verehrten Angehörigen; ich denke mitunter mit großem Behagen an Deine Heimat. — Im Übrigen schreib mir bald einmal, addressire nur nach Naumburg: der Brief erreicht mich schon, wenn ich noch das Leben habe. Aber auch dies Flackerding kann einmal auslöschen.


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BVN-1868,16

An Erwin Rohde in Kiel

Naumburg, [6.] Juni. [1868]


Mein lieber Freund,

gerade die eben verlebten Pfingsttage haben mich auf das lebhafteste und angenehmste an Dich erinnert: der Du um dieselbe Zeit im vorigen Jahre Naumburg besuchtest und mit mir jenes berühmte Problem über die geraden Beine usw auf das eifrigste zu lösen bemüht warst. Wenn ein günstiges Geschick es erlaubt hätte und Du auch dieses Pfingsten in dem stillen Naumburg eingekehrt wärest, so würde ich die Freude gehabt haben, Dir zwei neue und schöne Dinge zeigen zu können: ein gutes Buch und einen neuen Schopenhauerfreund. Außerdem würdest Du auch den vortrefflichen Windisch vorgefunden haben und in ihm eine lebendige Mnemonik unsrer Leipziger Vorzeit. Außerdem brachte letzterer einen direkten Bericht von Fridericus, der sich ebenso lobend über Deinen Aufsatz ausgesprochen hat, wie ich es voraussetzte und selbigen mit Freuden seinem Museum einverleiben wird, so bald es irgend angeht. Der gute Mann soll sich recht wohl befinden: und sein letztes litterarisches Stück, ein plautinisches Glaubensbekenntniß, das die Vorrede zum zweiten Opuskelbande bildet und mir in diesen Tagen von ihm zugeschickt wurde, ist in einem sieghaften und sicheren Tone geschrieben. Unser Windisch selbst hat mir in diesen Tagen sehr gefallen; es ist eine von den Naturen, die sich voll und breit entwickeln, deren Streben merkwürdig ganz und unangenagt ist und die anzusehn dasselbe Vergnügen macht wie ein kräftig wachsender Baum. Michaeli wird er sich habilitieren und mit einer Vorlesung über Sanskritgrammatik anfangen, da Brockhaus ihm dies Colleg freundlicher Weise abgetreten hat. Wie aber diese Studien in Leipzig getrieben werden, das beweist am besten das Faktum, daß augenblicklich 66 Studenten dies Colleg hören. Seine Heliandschrift ist allseitig sehr gut beurtheilt worden: seine Stellung in Leipzig muß eine sehr angenehme sein. Übrigens hat er mir viel Lust gemacht, mich ebenfalls einmal in Leipzig zu habilitieren; und ich gebe zu, daß die Existenz in der Nähe Ritschls und an der Stätte unsrer besten Erinnerungen mir sehr gefallen will.
     In Leipzig sind auch zu meinem Erstaunen zwei Naturen wieder aufgetaucht, die sich früher gerade dort durchaus nicht wohl fühlten, nämlich Wisser und Romundt, ersterer augenscheinlich sehr niedergeschlagen. Ich hoffe bald von beiden näheres zu erfahren. Der Verein besteht noch und zählt 10 Mitglieder, wird aber auch von Nichtmitgliedern stark besucht. Roscher und Dreßler (über den ich völlig Deine Meinung theile) leiten ihn; mein Namensvetter hat kürzlich einen Vortrag über Eudocia gehalten. Hervorgehoben wird ein gewisser Stürenburg. Übrigens ist der Verein mehrere Mal bei öffentlichen Gelegenheiten als Vertreter der philologischen Studentenschaft anerkannt worden. Ein akademisches Lesezimmer steht auch zu erwarten. Der Religionseid ist Dank den Bemühungen Windisch’ und Comp, beseitigt. Auch eine studentische Kranken- und Darlehnkasse wird angestrebt. Die Angelegenheit der Universitätsgerichte hat zu großen studentischen Aufzügen, Prügeleien und Demonstrationen Anlaß gegeben. Alles in Allem: der Gesammtgeist der Leipziger Studentenschaft hebt sich. Der frühere, auch uns noch hinreichend bemerkbar gewordene Mikrokosmos kleinstaatlichen Denkens und Treibens scheint auch in den Universitäten abzusterben.
     Der Zustand Leipzigs führt mich begreiflicher Weise auf den Zustand Bonns, über den ich so eben einige interessante Einzelheiten durch Dr. Stedefeld, einen jungen Pförtner Lehrer und ehemaligen Verbindungsbruder, gehört habe. Die Philologie soll arg darniederliegen: die Studentenschaft bekommt einen provinziell rheinischen Charakter. Usener ist ein wohlmeinender Biedermann ohne hervorragendes Talent. Bernays verdirbt alles durch seine maßlose und inepte Eitelkeit; er betrachtet sich als ein Schulhaupt und quält alles, was in seine Nähe kommt, so daß er auf dem besten Wege ist, nie einen Schüler zu haben. Dabei ist er im Vortrag unerträglich weitschweifig. Müller erregt die Freude und das Gelächter der jüngeren Studirenden. Das Seminar ist vollständig herabgesunken. Philosophie lebt nicht in Bonns Mauern.
     Aber beim Himmel, lieber Freund, es wird mir lästig einen Ärmel voll Notizen auszuschütten, gleich als ob ich an irgend jemand Anderes und nicht an Dich schriebe. Darum will ich auch nicht länger mit dem angekündigten Buche hinter dem Berge halten und eben so wenig mit dem neuen Gesinnungsgenossen. Denn wenn ich Dir diese beiden angenehmen Dinge vorgesetzt habe, muß ich ein ernstes, fast trauriges Lied anstimmen. Aber alle diese Sachen, die ich noch erwähnen will, haben doch einen gemeinsamen Horizont und dürfen Dich an manche Minuten erinnern, wo uns selbst ein Staunen über den gleichen Mollakkord überkam, der aus unsern Seelen zu einer Zeit ertönte. Das Buch erstens heißt „die drei Pfade“ und ist von einem Engländer Herbert Grey geschrieben. Der neue Schopenhauerfreund ist der auch Dir bekannt gewordne Oberpfarrer Wenkel. Ich freue mich erstaunlich über diese Um- und Einkehr und erlebe in der Begeisterungsflamme dieses Mannes von neuem den ersten Rausch der „jungen Liebe“, jene Leipziger Herbsttage, in denen zum ersten Male jene wundersame Schopenhauersche Musik mir das Herz im Tiefsten löste. Wenkel selbst gestand mir, daß er jetzt erst erfahren habe, was Philosophie sei, daß jetzt erst das Leben sich ihm zu erschließen anfange und daß er früher wie im Traume gewandelt sei. Was außer Kant und Schopenhauer die Philosophen geleistet hätten, das schätze er jetzt keinen Deut. Selbst Schleiermacher und seine geliebten Tübinger erscheinen ihm jetzt matt und farblos. Auch er hat jetzt das Bild Schopenhauers in seiner Studirstube aufgehängt. Seine Gespräche haben gar kein anderes und lieberes Objekt als ethische Probleme; wärst Du in Naumburg, so hättest Du das Vergnügen Schopenhauer von der Kanzel herab zu hören. Was mir noch besonders werth ist: Wenkel hat einen mächtigen Respekt vor der Persönlichkeit, auch vor der moralischen Sch.’s. Dieser Zuwachs zu unsrer Gemeine ist wirklich ein bedeutender, besonders da Wenkel die Fähigkeit hat Begeisterung zu wecken und überall jetzt mit dem Eifer eines Neubekehrten die Leute auf jenen Mann hinweist, dessen Name ihm selbst, als er noch ein Saulus war, gründlich und innerlich mißfiel. —
     Um nun zum Schluß auch von mir zu reden dh. zunächst von meinem Befinden, so ist es mir selbst in trauriger Weise klar geworden, wie arg man lange Zeit in Selbsttäuschung leben kann. Nicht daß meine Krankheit vorüber ist, kann ich Dir melden, sondern daß der schlimmste Stoß wahrscheinlich noch zu erwarten ist. Die Eiterung dauert fort, der Brustbeinknochen ist angegriffen, und heute hat mir sogar der Arzt eine Operation in kaum zweifelhafte Nähe gestellt. Es handelt sich nämlich um die Abstoßung eines ganzen Knochenstücks; dazu wird man die Weichtheile aufschneiden müssen und dann den angegriffnen Knochen, nämlich das Brustbein „reduzieren“, wie sich der Arzt ausdrückte, scilicet „absägen“. Ist man aber erst unter dem Messer und der Säge der Operateure, so weißt Du auch, an wie einem dünnen Faden das Ding hängt, so man Leben nennt. Da kommt ein Eiterfieberchen — verloschen ist das kleine Licht. Wunderlich war meine Empfindung, als das erste Knöchlein meines Gebeines plötzlich aus einem Eiterkanal hervorgeschwommen kam, und mir allmählich klar wurde, daß die Pläne der Pariser Reise und der Habilitation möglicherweise unmögliche Dinge sind. Nie wird einem die Hinfälligkeit des Daseins so ad oculos demonstrirt, als wenn man so ein Stückchen aus seinem Skelett zu sehen bekommt.
     Übrigens arbeite ich „so lange es Tag ist“ eifrig an philologicis, habe zB. kürzlich Ritschl meinen Aufsatz über das Danaelied überschickt und bereite jetzt eben eine Dissertation über quaestiones pinacographicae vor. Überhaupt habe ich die unfreiwillige Muße zu einer größeren Concentration und Aufräumung meiner Studien verwendet; bestimmte Absichten sind in eine bestimmtere Form gegossen worden, überall sprießt es von halb gefühlten Erkenntnissen. Nein, lieber Freund, man rottet mich so schnell noch nicht aus; sollte es aber wider Erwarten geschehn, so schicke ich Dir meine Dissertation „über den Acheron“ direkt aus dem Hades, mit Briefmarken des norddeutschen Bundes. Ja, wie der persische Dichter singt

Hast Du gerade Beine? —
So hab ich bald keine? —

FN.


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BVN-1868,17

An Paul Deussen in Oberdreis

Naumburg 22 Juni. [1868]


Hab Dank, lieber Freund, für die treue Gesinnung, die aus Deinem Briefe spricht, für die Wärme, mit der Du an das Wohl und Wehe meines Lebens denkst, für das schöne Anerbieten, das, wenn es auch abgelehnt werden muß, doch „in seinem eignen Glanze“ strahlt und Deinen herzlichen Willen mir zu helfen und meine Gesundheit zu fördern, hell und deutlich wiederspiegelt. Es geht mir im Ganzen immer noch schlecht genug: ein Knöchelchen nach dem andern kommt aus dem Eiterkanal heraus und zeigt an, daß das Brustbein arg beschädigt ist. Nächsten Donnerstag will ich in Halle den berühmten Operateur Volkmann consultieren und wir wollen hoffen, daß er befriedigende Auskunft giebt.
     Übrigens Anerbieten gegen Anerbieten: Du mußt unweigerlich es so einrichten, daß Du Deine Rückkehr nach Berlin über Naumburg nimmst. Im Grunde wäre es fast Deine Pflicht, Deinen kranken Freund einmal zu besuchen: ja es würde gerade zu abscheulich sein, wenn Du es nicht thätest; und selbst der göttliche Plato würde Dir keine Absolution von dieser Sünde gewähren.
     Was Deine Platostudien betrifft, so unterschätze ich keinen Augenblick die ausgezeichnete bildende Kraft derselben: verzeihe aber dem Philologen, der gelernt hat, daß dort, wo er etwas leisten und schaffen kann, selten gerade die duftigsten Blüthen und die höchsten Genüsse für Geist und Gemüth zu pflücken sind — der die ἄσκησις und die Resignation als unerläßliche Formen im strengen Dienste der „Dame Wissenschaft“ anerkennt — verzeihe mir also, wenn ich zu Deinem Versuche, Dich in die Tiefen der Ideenbildung und zugleich des platonischen Entwicklungsganges zu stürzen, kein fröhliches Gesicht mache. Für Deine Bildung wähle Dir die schwersten und schönsten Probleme, zum Zweck einer Dissertation aber eine ganz bescheidne abgelegne Ecke, nichts mehr. Denkst Du denn, daß mir bei meinen Laertius- und Suidasarbeiten so voll und wohl zu Muthe wird, wie etwa bei der Lektüre des Faust oder Schopenhauers? Wer dienen will, muß mit dem strengsten Dienste anfangen (oft schon deshalb, weil er zunächst nur dem niedrigsten Dienste genügen kann) Wähle Dir ein Untersuchungsfeld mit Resignation, bearbeite es mit Hingebung.
     Da fällt mir ein, daß Du mir aus Deiner reichen Platobibliothek eine kleine Frage beantworten kannst, die mir in diesen Tagen aufstieß. Quinctil. sagt III 1, 10 quem Palameden Plato appellat, Alcidamas Elaites. Dies bezieht sich natürlich auf Phaedr. p. 261 D., aber zugleich ist auch deutlich, daß Quinctil. an dieser Platostelle Ελαΐτικον, nicht Ἐλεάτικον las: das letztere geben die Hdschr.; die Scholien beziehn es auf Zeno. Die Sache ist schon bemerkt, nicht wahr?
     Heute kann ich leider nicht länger schreiben: sage Deiner verehrten Familie alles Gute und bleib selbst was Du immer warst, ein treuer Freund

Deines Freundes
F. N.


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BVN-1868,18

An Carl von Gersdorff in Berlin

Naumburg a. 22 Juni. 1868


Mein lieber Freund,

heute haben mich meine militärischen Kameraden sammt und sonders verlassen; sie sind auf dem Wege nach Magdeburg um sich dort im Schießen zu üben. Somit bin ich ziemlich der einzige bunte Rock in Naumburgs Mauern, ein übrig gebliebener flügellahmer Storch, der mit Neid seine kräftigeren Gefährten von dannen ziehen sieht. Ja, lieber Freund, was auf mannichfach verschlungenem Wege das Gerücht Dir schon zu Ohren gebracht hat, ist zum besten (dh. zum schlechtesten) Theile wahr: meine Kriegerlaufbahn ist nicht gerade glücklich von mir in Scene gesetzt worden.
     Ich hatte den Winter und mit ihm die schwerste und unerquicklichste Hälfte des Dienstes überstanden; man hatte mich zum Gefreiten gemacht und war wohl auch mit meinem Gebühren, zufrieden. Ich selbst athmete auf, als die schöneren Tage kamen und ich das Pferd auf dem weiten Exercirplatze tummeln konnte. Zuletzt ritt ich das feurigste und unruhigste Thier der Batterie. Eines Tages mißlingt mir in der Reitstunde ein schnell ausgeführter Sprung aufs Pferd; ich traf mit der Brust hart auf den Vorderzwiesel und spürte in der linken Seite einen zuckenden Riß. Ich ritt ruhig weiter und hielt auch noch anderthalb Tage den wachsenden Schmerz aus. Am zweiten Tage abends aber kamen zwei Ohnmachten und am dritten lag ich fest und wie angenagelt unter den heftigsten Schmerzen und starkem Fieber zu Bett. Er ergab sich durch ärztliche Untersuchung, daß ich mir zwei Brustmuskeln zersprengt hatte. Die Folge war ein entzündlicher Zustand des ganzen Muskel- und Bändersystems im Oberkörper und eine mächtige Eiterung, durch die Blutversetzung bei der Zerreißung herbeigeführt. Als etwa nach 8 Tagen ein Schnitt in die Brust gemacht wurde, kamen mehere Tassenköpfe voll Eiter hervorgestürzt. Seit jener Zeit dh. seit einem Vierteljahr hat die Eiterung nicht aufgehört; natürlich war ich, als ich vom Bett wieder aufstand, so erschöpft, daß ich erst wieder gehen lernen mußte. Der Zustand war kläglich; ich brauchte zum Aufrichten, Gehen, Niederlegen fremde Hülfe und konnte nicht schreiben. Allmählich wurde mein Befinden besser; ich genoß eine stärkende Diät, gieng viel Spazieren und kam wieder zu Kräften. Aber die Wunde blieb offen und die Eiterung nahm kaum ab. Endlich ergab sich, daß der Brustknochen verletzt war, und daß hierin das impedimentum der Genesung liege. Eines Abends erschien auch der erste sichere Bote dieser Thatsache, ein Knöchelchen, das der Eiter mit herausgeschwemmt hatte. Das hat sich seitdem wiederholt und steht nach der Aussage der Ärzte noch öfter zu erwarten. Löst sich ein größeres Stück Knochen ab, so muß auch eine leichte Operation vorgenommen werden. Die Sache ist durchaus nicht gefährlich, aber langwierig; die Ärzte haben nichts zu thun als die Natur in ihrem Ausscheidungs- und Ergänzungsprozeß zu unterstützen. Dazu mache ich öfter des Tages Einspritzungen mit Kamillenthee und Höllensteinauflösung und bade täglich in warmem Wasser. Von unserm Stabsarzte werde ich in einiger Zeit für „zeitig unbrauchbar“ erklärt werden; und es ist möglich, daß ich eine Schwäche an der betroffnen Stelle immer behalte.
     In nächster Woche will ich einmal nach Halle reisen, um den berühmten Operateur Volkmann zu consultieren. Diese Gelegenheit benutze ich, um das geliebte Leipzig sammt seinen Insassen heimzusuchen. Ich freue mich außerordentlich darauf, den vortrefflichen Ritschl wiederzusehn, der, seitdem ich von Leipzig weg bin, immer die liebenswürdigsten Beweise seiner Theilnahme und seines Wohlwollens mir gegeben hat: so daß ein ziemlich regelmäßiges Herüber- und Hinüberschreiben entstanden ist, und nie ein Monat vergeht, wo ich im Ungewissen über sein Befinden bin. Auch, was ich sonst von Leipzig höre, ist für mich voller Genuß: z. B. daß der philologische Verein kräftig zunimmt, daß meine guten philologischen Kameraden sich mit Doktorhüten oder gelehrten Arbeiten schmücken, daß der wunderliche Kauz Romundt mit einer Tragödie schwanger geht, die er im Leipziger Theater aufzuführen hofft, daß Freund Windisch sich unter glänzenden Auspicien in Leipzig habilitieren wird usw.
     Sobald ich wieder die Feder führen konnte, habe ich mich wieder in meine Studien gestürzt, von denen ich Dir durch das zugesandte Danaeliedchen eine Probe gegeben habe. Auf Arbeiten war ich angewiesen, da ich aus begreiflichen Gründen wenig Umgang in Naumburg habe und nur selten einmal Besuch von Volkmann oder Dr Blass (einem Philologen vom Domgymnasio) oder von Stedtefeld bekomme, welcher letztere in Pforte die Stellung eines Adjunkten einnimmt. Auch erfreue ich mich mitunter an dem geistreichen Wenkel, von dem ich Dir auch erzählt habe. Wir sprachen früher viel zusammen über Philosophie etc. und ich konnte ihm, obschon er Hegeling war, meine vollste Hochschätzung nie versagen. Kürzlich, als ich wieder mit ihm zusammentreffe, erfahre ich, daß er seit jener Zeit mit vollen flatternden Fahnen in Schopenhauers Lager übergegangen ist und daß er mit begeisterter Wärme allseits und überall auf diesen Genius hinweist. Dies ist ein glänzender Zuwachs zu jener stillen Ketzergemeinde, welche Haym die „wunderbaren Heiligen“ zu nennen pflegt. — In Kürze bekommst Du weitere Nachrichten von mir, theurer Freund!

F.N.


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BVN-1868,19

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Wittekind, 1. Juli 1868]


Da ich zunächst weder Tinte noch Feder habe und in Wittekind selbst nichts zu haben ist, so muß heute einmal der mitgeschickte Bleistift seinen Dienst thun.
     Als ich gestern gegen 2 Uhr in Wittekind eintraf, wurde ich auf das Unangenehmste überrascht, als der p. p. Friedrich mich in die völlig öde, klägliche Stube führte. Dazu war das Wetter regnerisch und kalt, und die theilnahmslose Einsamkeit nach Naumburger und Leipziger Leben doppelt einsam.
     Kaum hatte ich Platz genommen, so kam auch schon ein Besuch, der mich noch verdrießlicher machte. Ernst nämlich, der wieder einige Tage in Halle ist und nach Leipzig will pour éprouver sa fortune, erschien nämlich mit gewohnter commishafter Dreistigkeit; ich habe ihn so lange als Gast behandelt, als seine Anforderungen nicht allzu zudringlich wurden; weitere Besuche habe ich mir am Ende mit etwas energischer Höflichkeit verbeten.
     Ich brachte ihn spaziergangsweise nach Halle, traf auf dem Wege auch den Briefträger, so daß ich wenigstens mit Bett, Wäsche und Geld augenblicklich versehn bin. In Halle speisten wir zu Abend.
     Es fehlen mir wesentlich Kleider, Stiefeln, Bücher. (Von letzteren schicke mir, liebe Lisbeth, Ueberweg, Geschichte der Philosophie, Bernhardy römische Litterat.gesch., Bernhardy griech. Litterat.gesch. (noch uneingebunden.) Krüger griech. Grammatik. Bergk Poetae lyrici Graeci. Schopenhauer, Parerga (W. Pinder hat sie) Die Bücher von Pforte schickt nur wieder zurück, (der Name „Volkmann“ oder das Zeichen der Pförtner Bibliothek ist darin)
     Ebenso die Bücher von Domrich mit Ausnahme der Bücher, die ich bestellt haben sollte. Er hat mir die meisten zur Ansicht geschickt.
     Briefe, die an mich addressirt sind, schickt doch ja nach Wittekind. —
     Was nun die Gesundheit betrifft, so habe ich an Volkmann meine Ankunft gemeldet. Die Röthe und die Entzündung ist jetzt viel geringer, aber die Eiterung geht fort. Es fehlt mir an Leinwand zu Umschlägen.
     In Leipzig hat es mir außerordentlich gefallen. Bei Roscher habe ich eine Nacht zugebracht, aber nicht mehr, da die schrecklichsten Wanzen mir keine Minute Schlaf gegönnt haben. Im Hotel Dresden habe ich zwei Nächte zugebracht, bei Romundt endlich auch zwei. Überall habe ich Erinnerungen gefeiert. Die größte Theilnahme fand ich aber bei Ritschls, insbesondre bei meiner „treuen Freundin“, der Frau Ritschl. Bei ihnen habe ich Sonntags zu Mittag gegessen, und mich bis Nachmittag um 6 sehr wohl gefühlt.
     Windisch, der fabelhaft beschäftigt ist, läßt Euch bestens grüßen. Er wird mich in Wittekind besuchen. Im neuen Theater war ich drei mal, in Ritschls Colleg eben so oft. Den philolog. Verein habe ich auch besucht. Den alten Kintschy gleichfalls.
     Heute Mittag habe ich im Kurhause table d’hôte gegessen: vielerlei, aber erstaunlich wenig. Monatlich 12½ Thlr. Bei Tisch war auch Volkmann da, ein sehr heiterer, ja burschikoser Mann, der mir bald nach Tisch seinen ersten Besuch machte. Ich soll also Soole baden, vermischt mit Kreuznacher Mutterlauge; und eben damit mache ich meine Umschläge feucht. Essen und Trinken darf ich nach Belieben.
     Ich wünschte nur, daß das Wetter freundlicher wäre und daß ich ein paar Bücher hätte. Ebenso fehlt mir Papier: Kauft es von Jakobi. Schickt mir doch meine componirten Lieder im Lilahefte, sowie das Notenpapier mit, das, so viel ich weiß, im Kasten des Tisches, auf dem die Bücher stehen, zu finden ist. Dazu Goethes Gedichte und den Faust.
     Menschen zum Umgang scheinen nach einer vorläufigen Musterung nicht hier zu sein. Bei Tische saß ein taubstummer Herr zu meiner Rechten und gräßliche weibliche Mißgeburten zu links und vis à vis. Auch bin ich nicht recht in der Stimmung, mit Jedermanns Unterhaltung vorlieb zu nehmen. Wenn man mich nur von Halle aus in Ruhe läßt. Leute mit denen ich nur Gleichgültiges reden, oder mich zanken muß, sind nie nach meinem Geschmack, jetzt am wenigsten.
     Den alten Steinhart werde ich gelegentlich aufsuchen. Auch ein paar jüngere Dozenten, die mir empfohlen sind. Aber ich muß jetzt sehr wählerisch sein, weil ich doch sehr leicht angegriffen werde. Ernst war mir geradezu eine Marter; er wollte auf einige Tage zu mir herausziehn!
     So, nun denke ich zunächst Auskunft gegeben zu haben, wie Ihr sie verlangt. Schickt mir nur die gewünschten Dinge auf das Schleunigste.
     Sonnabend schicke ich die Wäsche. —
     Heute Morgen habe ich gebadet. Ihr könnt mir das Plaid und den Strohhut mitschicken; man kann beides brauchen.
     Lebt wohl und denkt freundlichst

an Euren
FN.


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BVN-1868,20

An Sophie Ritschl in Leipzig

[Wittekind, 2. Juli 1868]


Hochverehrte Frau Geheimräthin,

auch wenn ich das entliehene Buch nicht zurückzuschicken hätte, würden Sie doch heute einen Brief von mir bekommen haben. Dennn [Denn] allzusehr hat mich dieser letzte Sonntag verpflichtet, ein Tag von solcher Anmuth und Sonne, daß die Erinnerung an ihn das Beste ist, was ich aus Leipzig mit in mein einsames Bad gebracht habe. Wenn Sie aber einmal, ich weiß nicht durch welchen Genius geleitet, mir Ihre auszeichnende Theilnahme geschenkt haben, so müssen Sie auch geduldig die Folgen tragen, deren erste dieser heutige Brief sein mag.
     Vorgestern Mittag bin ich in dem anmaßlichen Badedorf, das sich Wittekind nennt, eingetroffen; es regnete stark, und die Fahnen, die man zum Brunnenfeste aufgesteckt hatte, hingen schlaff und schmutzig herab. Mein Wirth, ein unzweideutiger Gauner mit blauer undurchsichtiger Brille kam mir entgegen und führte mich in das vor 6 Tagen gemiethete Logis, das bis auf ein völlig verschimmeltes Sopha öde war wie ein Gefängnis. Alsbald wurde mir auch deutlich, daß derselbe Wirth für zwei Häuser voller Gäste, also vielleicht für 20—40 Personen, nur ein Dienstmädchen im Sold habe. Die nächste Stunde brachte mir schon einen Besuch, aber einen so unangenehmen, daß ich ihn nur durch energische Höflichkeit von mir abschütteln konnte. Kurz die ganze Atmosphäre, in die ich trat, war frostig, regnerisch und verdrießlich.
     Gestern habe ich etwas die Natur und die Menschheit des Ortes recognoscirt. Bei Tisch wurde mir das Glück zu Theil, in der Nähe eines taubstummen Herrn und einiger wunderbar geformter Frauengestalten zu sitzen. Die Gegend scheint nicht übel; aber vor Regen und Feuchtigkeit kann man keinen Schritt vorwärtsgehen und sehen.
     Volkmann hat mich besucht und mir die hiesigen Bäder verordnet, im Übrigen eine Operation in nahe Aussicht gestellt. —
     Wie danke ich Ihnen, daß Sie mir das Buch Ehlerts mitgaben, ein Buch, das ich am ersten Abend, bei kläglicher Beleuchtung, auf dem Schimmelsopha las und mit Vergnügen und innerer Erwärmung las. Böse Menschen könnten sagen, daß das Buch aufgeregt und schlecht geschrieben sei. Aber das Buch eines Musikers ist eben nicht das Buch eines Augenmenschen; im Grunde ist es Musik, die zufällig nicht mit Noten, sondern mit Worten geschrieben ist. Ein Maler muß die peinlichste Empfindung bei diesem Bildertrödel haben, der ohne jede Methode zusammengeschleppt ist. Aber ich habe leider Neigung für das pariser Feuilleton, für Heines Reisebilder usw. und esse ein Ragout lieber als einen Rinderbraten. Was hat es mich für Mühe gekostet, ein wissenschaftliches Gesicht zu machen um nüchterne Gedankenfolgen mit der nöthigen Dezenz und alla breve niederzuschreiben. Davon weiß Ihr Herr Gemahl auch ein Lied zu singen (nicht nach der Melodie „Ach lieber Franz, noch“ u.s.w.), der sich sehr über den völligen Mangel an „Stil“ gewundert hat. Schließlich ging es mir wie dem Seemann, der auf dem Lande sich unsichrer fühlt als im bewegten Schiff. Vielleicht finde ich aber einmal einen philologischen Stoff, der sich musikalisch behanden läßt, und dann werde ich stammeln wie ein Säugling und Bilder häufen, wie ein Barbar, der vor einem antiken Venuskopfe einschläft, und trotz der „blühenden Eile“ der Darstellung — Recht haben.
     Und Recht hat Ehlert fast allerwärts. Aber vielen Menschen ist die Wahrheit in dieser Harlekinjacke unkenntlich. Uns nicht, die wir kein Blatt dieses Lebens für so ernst halten, in das wir nicht den Scherz als flüchtige Arabeske hineinzeichnen dürften. Und welcher Gott darf sich wundern, wenn wir uns gelegentlich wie Satyrn geberden und ein Leben parodiren, das immer so ernst und pathetisch blickt und den Kothurn am Fuße trägt?
     Daß es mir doch nicht gelingt, meine Neigung zum Mißklang vor Ihnen zu bergen! Nicht wahr, Sie haben davon schon eine erschreckliche Probe? Hier haben Sie die zweite. Die Pferdefüße Wagners und Schopenhauers lassen sich schlecht verstecken. Doch ich werde mich bessern. Und wenn Sie mir wieder einmal etwas zu spielen erlauben sollten, so werde ich meine Erinnerung an den schönen Sonntag in Töne formen und Sie sollen hören, wie Sie es heute lesen, wie hoch diese Erinnerung gilt

einem schlechten Musikanten u.s.w.
Friedrich Nietzsche.


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BVN-1868,21

An Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Wittekind, 10.Juli 1868]


Liebe Lisbeth,

da ich also nicht persönlich zu Deinem Geburtstage erscheinen soll, ja auch kaum erscheinen könnte, so bleibt nichts anderes übrig als die Feder zu nehmen und Dir brieflich anzudeuten, was sich bei derartigen Gelegenheiten mündlich weit besser, ausdrucksvoller und schneller abmacht. Im Übrigen enthält das mitfolgende Buch schon im Titel eine Art Wunsch, den am heutigen Tage zu wiederholen ich nicht für unanständig halte: „Ordnung und Schönheit am häuslichen Herd!“ (wobei es dem Philologen erlaubt ist zu fragen, ob nicht am Ende dies „am“ bloß ein Druckfehler für „und“ ist)
     Hoffentlich ist dies alles vernehmlich genug geredet, so daß ich nicht mit Fibelversen und Kleinkinderstammelanstalten aushelfen muß. Ja es ist auch das, was ich geschrieben habe, schon unnütz, da schon die Thatsache, daß ich am 10t. Juli an Dich schreibe, deutlich ausdrückt, daß ich ein „evviva“ schreien will.
     Seit vorigem Sonntag ist hier alles wesentlich unverändert. Heute feiern wir wieder einmal Brunnenfest. Gestern hatte ich einen überraschenden, sehr angenehmen Besuch; als ich gerade aus dem Bade kam, sah ich plötzlich den Dr Klemm (jetzigen Privatdocenten in Gießen) vor mir, der auf einer Reise Leipzig berührt und dort von meinem Aufenthalt in Wittekind durch Ritschls gehört hatte und herüber gekommen war.
     Ich bin die letzten Tage gewöhnlich Vormittags in Halle bei Volkmann gewesen, der sich ein überraschend schönes Haus gebaut hat. Dort bin ich zweimal mit dieser Jodtinktur angepinselt worden: was beiläufig sehr peinliche Schmerzen macht. Doch scheint schon jetzt die Knochenauftreibung geringer zu werden.
     Übrigens bin ich nun auch im Besitz der Kiste und freue mich ihres Inhaltes, auch Deines freundlichen Briefes. Die Bücher freilich, die Domrich zur Ansicht geschickt hat, wäre ich gerne wieder los. Am besten ists, wenn Ihr bald einmal wieder her kommt und sie mitnehmt.
     Heute muß ich aber noch mit besonderen Nachdruck um Geld bitten, ja ich hoffe, daß die betreffende Summe schon auf der Post ist. Bekanntlich bezahlen wir Mittag Sonnabends, und ich habe fast nichts mehr. Zahlt doch das Geld auf der Post ein, es ist dies doch der einfachste Weg.
     Doch muß ich schließen, da die „Mittagsglocke ruft.“ In der Hoffnung daß Du an Deinem Geburtstage mit einem fröhlichen Magen aufstehst, und Dir von der Mamma recht schöne Dinge schenken läßt, verbleibe ich in Wittekind.

FW.


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BVN-1868,22

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Wittekind, 29. Juli 1868]


M. l. A.

Gestern bin ich wieder von meiner Leipzig-Altenburger Vergnügungsfahrt zurückgekehrt; ich fuhr gleich vom Bahnhof zu Volkmann, der sehr zufrieden war und mich benachrichtigte, daß ich in wenigen Tagen Wittekind verlassen könnte. Sonnabend will ich also, falls nichts dazwischen kommt, wieder in Naumburg eintreffen.
     Die Leipziger und Altenburger Tage waren sehr interessant; näheres mündlich.
     Heute habe ich Dich nur noch zu bitten an die Tante Ehrenberg zu schreiben und ihr mitzutheilen, daß ich nächsten Sonntag nicht mehr in Wittekind sein werde. Sie hatte nämlich vor, falls Ihr von Naumburg aus an demselben Tage hinkommen wolltet, ebenfalls zu erscheinen und mir ihren Besuch zu machen. Mir liegt aber aus einem schon mitgetheilten Grunde daran die Sonntage nicht in Wittekind zu verleben. Überdies bin ich froh wenn ich dies Nest wieder verlassen kann, und jede Stunde würde mich dauern, die ich in dieser schwitzenden Einöde zubringe. Also schreibe dankbar-ablehnend.
     Wie aber bringe ich meine Sachen fort? —
     Heute erwarte ich stündlich die Wäsche aus Naumburg, da ich keinen reinen Lappen etc. in Besitz habe und in arger Verlegenheit bin, in der ich verbleibe als

Euer F. N.


Mittwoch früh.


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BVN-1868,23

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Wittekind 30/31 Juli 1868]


Liebe Mamma und Lisbeth,

endlich definitive Antwort! —
     Ich ersuche Dich also Sonntag morgen nach Wittekind zu kommen; wir wollen zusammen packen und vielleicht um 11 Uhr wieder abreisen. Vor allem aber bitte ich Dich mir Geld mitzubringen: ich habe diesmal nicht an Dächsel geschrieben, weil, so viel ich weiß, in Naumburg für mich Geld liegen muß. Wenigstens habt Ihr mir so etwas erzählt. Ungefähr 30—40 Thl. werden wohl noch nöthig sein.
     Die letzten Wochen haben wir auf das Heiterste verlebt und keinen Tag unbenutzt gelassen; so daß ich doch von Wittekind mit keinen unangenehmen Empfindungen abziehe.
     Heute habe ich Eile. Auf glückliches Wiedersehn!

FN.


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BVN-1868,24

An Friedrich Ritschl in Leipzig

Naumburg am 2t. August 1868.


Hochverehrter Herr Geheimrath,

nein, so wetterwendisch bin ich nicht. Die Indifikation ist fest in das Gewebe meiner Zukunftspläne eingefügt und kommt an erster und nächster Stelle daran. Ich bin diesem Unternehmen, zu dem ich mich freiwillig und mit einiger Vorliebe entschlossen habe, noch niemals, auch nicht in Gedanken, untreu geworden und ärgere mich, durch mein zufälliges Stillschweigen während meines letzten Aufenthaltes in Leipzig Anlaß zu einem Verdachte gegeben zu haben, den ich πύξ καὶ λάξ von mir abwehren werde.
     Glücklicherweise liegt jetzt in dem Stande meiner Gesundheit nichts, was mich von jener Arbeit zurückhielte. Volkmann hat mich als völlig geheilt entlassen und mir im Ganzen keinerlei Vorsichtsmaßregeln anempfohlen, nur, daß ich mich nicht auf Faustkämpfe einlassen soll. Also bitte, Herr Geheimrath, nehmen Sie Ihren Verdacht zurück; sonst muß ich gleich von vorn herein gegen die einzige Vorschrift des Arztes sündigen.
     Mit dem Wunsche, Ihren verehrten Angehörigen bestens empfohlen zu werden, bin ich

Ihr treu ergebener
Friedrich Nietzsche.


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BVN-1868,25

An Erwin Rohde in Kiel

Naumburg 6 Aug. 1868.


Mein lieber Freund,

heute darf ich Dir und mir gratulieren, Dir als dem glücklichen und vielbewunderten Sieger im akademischen Wettkampfe, mir als dem endlich Genesenen, von dem die Engel singen:

Gerettet ist das edle Glied
Das Brustbein, nun vom Bösen,
Das immer strebend sich bemüht
Sich eiternd abzulösen.

     In Leipzig war das Gerücht Deiner Krönung allseitig verbreitet, zugleich mit einem stereotypen Refrain, daß Du Dich in Kiel habilitieren würdest, und daß dies der spezielle Wunsch Ribbecks sei. Vielleicht ist der Ursprung dieses Gerüchtes in dem bekannten Plauderstübchen (Lehmanns Garten N. 2 Mittags 12—1) zu suchen: wo ich wenigstens einem ähnlichen Gerede auf die Spur kam, das mich als den zukünftigen und erwarteten Leipziger Privatdocenten bezeichnet. Trösten wir uns mit einander; man traut’s uns doch wenigstens zu. Aber nichts darf uns abhalten, erst noch ein Jahr in Paris zusammen zu verleben: nachher sei es jedem von uns gestattet, auf einer beliebigen Universität beliebige Irrlehren in beliebige „milchsaugende“ Seelen zu streuen. Vorher aber lernen wir noch die göttliche Kraft des Cancan und üben uns „gelbes Gift“ zu trinken, um später würdig an der Spitze der Civilisation marschiren zu können.
     Beiläufig die Nachricht, daß der Lucianische ὄνος schon einen zweiten Reiter gefunden hat. Da kommt mir ein Schreiben zu von dem kleinen Doktor Roscher, der mir eine Nachricht „von der höchsten Wichtigkeit“ ankündigt, so daß ich sofort (nach meiner neuen leidigen Gewohnheit) blaß werde und mir den Angstschweiß von der Stirne wische. Man höre: es cirkulirt eine Dissertation eines gewissen Knauth in der philologischen Sektion für Doktorexamina in Leipzig, die den von Dir occupirten Stoff ebenfalls behandelt und von Klotz und Ritschl glänzend beurtheilt ist! Roscher stößt einen Hülfsschrei aus, als ob irgend jemand im Begriffe stände ins Wasser zu fallen und zu ertrinken und als ob alle guten Freunde und getreuen Nachbarn heranstürzen müßten, um zu retten. — Glücklicher Mensch, Du hast einen Concurrenten, einen leibhaftigen Concurrenten von Fleisch und Bein, während mir kürzlich das Vergnügen zu Theil wurde Bergks Colleg über Theognis zu hören und dabei todtgeschwiegen zu werden, obschon ich mit gezückten Ohren lauschte und Deinem verehrten ὄνος sehr ähnlich ausgesehn haben muß.
     Was Du an dem simonideischen Eiapopeia aussetzest, ist aus meiner Seele geschrieben: thue mir nun noch den Gefallen und mache die entsprechende Conjektur (-u), die ich obwohl ich schon seit Jahren darnach suche, nicht auftreiben kann. Sobald sie da ist, werfe ich das ἐμάνη zum Fenster hinaus und schreibe ein Zusätzchen an das rhein. Museum.
     Etwa ὁτε λάρνακα δαιδαλέαν
     ἄνεμός θ᾽ᾗκε πνέων oder τεῖρε πνέων oder τέμνε πνέων?
     Ich merke eben, daß mein Brief bereits außer Rand und Band ist; aber es wäre wirklich ein Kunststück, wenn ich alles das in eine logische Folge bringen wollte, was ich mir vorgenommen habe heute noch zu erwähnen. Gestatte mir, mich der Ziffern zu bedienen.
     1) ein neuer aber echter Schopenhauerfreund
     2) Romundt ὁ τραγῳδός
     3) Clemm in Gießen besuchte mich
     4) und zwar in Wittekind
     5) wohin mich der große Operateur Prof. Volkmann schickte
     6) und das ich seit 3 Tagen gesund verlassen habe.
     7) Frau Ritschl meine intime „Freundin“.
     8) Tonkünstlerversammlung in Altenburg, von mir besucht.
          Excurs über Wagners Meistersinger.
     9) ich habe wieder componirt: weibliche Einflüsse.
     10) Wittekinder Badekur und -cour.
     11) Ich erwarte täglich Deinen Besuch.
     Zu 1) Mein Freund Gersdorff (Leutnant a.D. eifriger Nationalökonom) berichtet mir folgendes. In Plaue an der Havel, unweit Brandenburg, lebt ein Rittergutsbesitzer Wisecke, ein wirklicher Freund Schopenhauers, der Einzige, der ein wohlgelungenes Porträt in Öl von dem großen Manne besitzt. Ein echter Schüler, ein vielgebildeter Mann, ein genialer Landwirth, der eine elende Sandscholle in fruchtbares Land umgewandelt hat (Gersdorff berichtet ausführlich über die Methode; Kavalleriemist aus den Berliner Ställen spielt dabei die Hauptrolle) ist er jetzt reich und seines Reichthums würdig; für seine Armen hält er einen eignen Arzt mit 800 Thl. Gehalt etc. Er hat ein gastfreies Haus, einen vorzüglichen Weinkeller, dessen feinste Weine immer nur in einem Pokale kreisen, der dem Manne gehört hat, dessen Genius in diesem Hause waltet. Jeder Besucher empfängt zum Abschiede ein Porträt Schopenhauers und ein Bild von seinem Wohnhause in Frankfurt, wohin Herr Wieseke alljährlich ein[e] Wallfahrt angetreten hat. Seine Charakterschilderungen Schopenhauers entsprechen im Ganzen wenig denen seiner unbedeutenden Freunde, zu denen Wieseke namentlich Frauenstädt „den flachen wässerigen Kopf“ rechnet.
     Zu 2) Der vortreffliche, anziehend organisirte Romundt tauchte wieder in Leipzig auf und zwar mit einer Tragödie Mariamne und Herodes, als in welcher ein echauffirtes Frauenzimmer diverse Malheurs anrichtet, ohne unsre affection dabei zu lukrieren. Der poetische Funke in unserem Freunde ist nicht stark genug um Ochsen zu tödten, aber zur Betäubung eines Menschen ausreichend, so daß ich ihn inständig gebeten habe seine gefährliche Feuerwerkerei einzustellen. Er ist also zunächst wieder Philologe, schwimmt, so viel ich weiß, in den Gewässern Demokrits (um hier einen Fisch zum Doktorschmause zu fangen) und schwelgt in der Hoffnung, einmal die Regie eines Theaters zu übernehmen.
     Zu 3) Eines Morgens, als ich in Wittekind eine Stunde in Salzlake gesessen hatte und mit der Munterkeit eines neueingesalznen Härings an das Tageslicht sprang, kam mir in der Höhe meines halben Leibes ein freundliches Gesicht entgegen, das dem liebenswerthen Clemm aus Gießen angehörte. Er trägt sein mißliches Geschick und seinen Fuß mit einer rührenden Sanftmuth. Eine lobende Recension seiner Habilitationsschr. wirst Du im Centralblatt gelesen haben. Sie rührt von Georg Curtius her.
     Ich springe gleich zu 11). Ich erinnre mich, da Du im August eine größere Reise machen wolltest, die Dich auch über Naumburg führt. Rechne ein paar Tage auf Naumburg; ich wäre sonst im Stande Dich hier mit Hülfe meiner braven Kanoniere festzuhalten. Hier an Ort und Stelle sollst Du die weiteren Ausführungen der übersprungnen Paragraphen hören. Und was haben wir alles mit einander abzumachen, zu verabreden, zu hoffen etc.
     Heute folgt eine Photographie, die mich in einer etwas gewagten Situation darstellt. Im Grunde ist es eine Unhöflichkeit mit gezogenem Säbel vor seine Freunde zu treten und dazu mit einem so saueren bitterbösen Gesicht. Es ist etwas Rohes um so einen Krieger. Aber warum ärgert uns der schlechte Photograph, warum ärgert uns der ganze Lebensplunder so, daß wir nicht mehr aussehn wie frische neugewaschne junge Mädchen? Warum müssen wir immer mit dem Säbel bereit stehn? Und wenn wir nun energisch dem schlechten Photographen zu Leibe wollen, was macht er? Er kriecht hinter seine Kappe und ruft „Jetzt!“
     Adieu, lieber Freund! Sage Deiner verehrten Frau Mutter meinen besten Gruß und besuche mich so bald als möglich!

In alter Treue
Friedrich Nietzsche


Auch meine Angehörigen lassen Dich grüßen und freuen sich auf Deinen Besuch.


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BVN-1868,26

An Carl von Gersdorff in Berlin

Naumburg 8 Aug. 1868.


Lieber Freund,

endlich bekommst Du unbedingt sichere Nachricht über mein Befinden und zwar die beste, die Du wünschen kannst. Ich bin vor wenig Tagen völlig genesen aus dem Bade Wittekind zurückgekehrt, wohin ich gereist war, um die Geschicklichkeit und Erfahrung eines ausgezeichneten Operateurs, des Prof. Volkmann in Halle, in Anspruch zu nehmen. Meine Militärärzte waren gefällig und unbefangen genug, mich an diese Autorität zu weisen; schon nach drei Wochen meiner Wittekinder Kur wendete sich der (ziemlich schmerzhafte) Heilungsprozeß so günstig, daß Volkmann mir zur baldigen Genesung gratulieren konnte. Schließlich ist nicht einmal eine Operation nöthig gewesen, obwohl sie lange Zeit als fast unvermeidlich drohte. Lieber Freund, 5 Monate Krankheit, viele langwierige Schmerzen, tiefe Herabstimmungen des Körpers und des Geistes, peinliche Aussichten auf die Zukunft — alles dies ist überwunden; eine einzige tiefe mit dem Knochen verwachsene Narbe mitten auf der Brust erinnert mich daran, wie schlimm, ja wie gefährlich mein Zustand war. Wenigstens sagte mir Volkmann, daß, falls die Eiterung noch länger — sie dauerte ein Vierteljahr — angehalten hätte, voraussichtlich Herz oder Lunge ergriffen worden wären.
     Es versteht sich, daß ich jetzt meinen Militärdienst nicht fortsetzen kann; zunächst werde ich für „zeitig unbrauchbar“ erklärt, ja ich wünsche nachgerade, nachdem es mir doch nun einmal unmöglich geworden ist, Landwehroffizier zu werden, langsam aus den Listen der Wehrpflichtigen zu verschwinden.
     So ist es mir denn wieder erlaubt, über meine Zukunft frei zu disponieren: und von diesen Arrrangements [Arrangements] darf ich wohl einem treuen und zuverlässigen Freunde Einiges erzählen. Daß ich mich einmal habilitieren will, wirst Du bereits wissen; die Frage nach dem „Wo?“ ist schnell beantwortet, nämlich: in Leipzig, dessen akademische und studentische Zustände mir penitus vertraut sind. Dort stehen die Dinge für mich nicht ungünstig, weil die zunächst von mir vertretenen Fächer bei der gegenwärtigen Constellation Leipziger Professoren fast ganz brach liegen, weil aber andernseits ein Interesse für dieselben unter einer regen philologischen Studentenschaft nie aussterben kann. (Ich meine vor allem griechische Literaturgeschichte und griech. Philosophie) Die andre Frage nach dem Wann? kann ich noch nicht beantworten. Sicherer nämlich als die Habilitation — sicherer, weil näher — ist ein andrer Plan, der sich dazwischen schiebt. Ich will nämlich das nächste Jahr in Paris zubringen, natürlich ebensowohl aus Humanitätsrücksichten als aus ganz speziell philologischen Gründen.
     Hier kommt nun eine Anfrage an Dich, die ich schon lange im Geiste wälze. Solltest Du nicht ebenfalls im Geiste die Absicht haben, eine längere Zeit an jener Hochschule des Daseins zu studieren? Es ist wahrhaftig eine meiner erquicklichsten Vorstellungen, wie wir beide, zusammen mit anderen guten Freunden (wie Rohde, Kleinpaul, Romundt) in Paris das Deutschthum und Schopenhauer repräsentieren. Ich bitte Dich sehr darum, diesen Plan recht sorgfältig zu überlegen; zunächst ist es meine Absicht innerhalb der drei ersten Monate des nächsten Jahres abzureisen.
     Jetzt drängt noch eine Menge von Arbeiten, die erst erledigt werden müssen, ehe ich Deutschland verlassen kann. Größere litterarische Pläne wachsen wie Pilze über Nacht. Ich bin übrigens neuerdings durch freundliche Schreiben der Herausgeber sowohl Mitarbeiter der „Jahrbücher für Philologie“ als des litterarischen Centralblattes geworden; daß ich mich an dem rheinischen Museum für Phil. betheilige, wirst Du aus den zugeschickten Proben gesehen haben. —
     Mit größtem Vergnügen habe ich von dem Herrn Wieseke gehört, den kennen zu lernen für Dich von stärkstem Interesse sein wird. Wie urtheilt er übrigens über den Menschen Schopenhauer? Gewiß anders, als seine bornirten Nachtreten Solche Schüler wie Frauenstädt sind im Grunde eine beleidigende Grobheit gegen den Meister. Auch Wenkel hat von Anfang an von diesen Schülerköpfen und ihren Charakteristiken ihres Lehrers nichts wissen wollen. —
     Hoffentlich bekomme ich bald eine günstige Antwort auf die Hauptfrage meines heutigen Briefes. In diesem Falle öffnet sich für mich ein weiter und schöner Horizont.
     So lebe denn wohl und denke freundlichst

Deines treuen
Freundes
Friedrich Nietzsche.


Kannst Du nicht einmal nach Naumburg kommen? Vielleicht auf Deiner Reise in die Heimat?


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BVN-1868,27

An Carl von Gersdorff in Berlin

Naumburg 21 August. [1868]


Mein lieber Freund,

da fällt mir heute zu meinem Schrecken ein, daß Du nur noch bis zum 22t. in Berlin bleiben willst, und daß es daher für mich die höchste Zeit ist, wenn ich Dir vorher noch meinen Dank für Deinen freundschaftlich warmen und interessereichen Brief brieflich kundgeben will. Die Nachrichten über Wieseke habe ich, wogegen Du hoffentlich nichts einzuwenden hast, zween andern Anhängern unseres Meisters mitgetheilt, nämlich Rohde, der seit einigen Tagen mein Gast ist, und Wenkel, dem unermüdlichen Forscher und Vorkämpfer für Schopenhauers Sache und Lehre.
     Deiner freundlichen Einladung zu folgen verbietet mir nicht nur mein noch nicht gelöstes Militärverhältniß; sondern vor allem der Haufen von Arbeiten, die in nächster Zeit zu erledigen sind, und die durch meine Krankheit ungeziemend hinausgeschoben und verzögert sind. Im Übrigen bin ich auch noch genöthigt, Soole zu baden und sehr vorsichtig Anstrengungen und Erkältungen aus dem Wege zu gehn: da mir mein Arzt etwas Angst vor einem Rückfall gemacht hat.
     Im Anfange des Oktober denke ich in Leipzig zu sein: vielleicht können wir eine Zusammenkunft verabreden, indem wir einen Mittelort bestimmen: da für Dich ein Besuch in Naumburg mit all zu großen Schwierigkeiten, Versäumnissen und Umwegen verbunden ist. — Nach Paris reise ich nicht vor Ostern nächsten Jahres: ich gebe die Hoffnung nicht auf, daß wir dort eine längere Zeit zusammenleben: jedenfalls kommt ein ganzer Club von Schopenhauerfreunden dort zusammen, und ich denke, wir werden eine Art von litterarischer Mission zu erfüllen haben.
     Verzeih, daß ich heute schon schließen muß, um den Brief noch rechtzeitig in Deine Hände zu befördern. Mit dem Wunsche, daß Du Dich in der schönen Luft Deiner heimatlichen Berge und in dem Glücke des vertrauten Familienkreises nach Berliner Staub, Schweiß und Studium erquickest, und mit der Bitte, Deinen verehrten Angehörigen bestens empfohlen zu werden, bleibe ich

Dein treuer Freund
Friedrich Nietzsche


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BVN-1868,28

An Hermann Mushacke in Berlin

Naumburg. [August 1868]


Lieber Freund

recht lange hast Du gar keine Nachricht von mir bekommen, und so hast Du wahrscheinlich gar nichts davon erfahren, daß mein Militärdienst ein unangenehmes Zwischenspiel gehabt hat, in Gestalt einer langwierigen, schmerzhaften und nicht ungefährlichen Krankheit.
     Jetzt, wo alles überwunden ist, denke ich mit herzlichem Schauder an jene Märztage, wo das Übel anhob, das auch in der Mitte des vorigen Monates noch nicht gehoben war. Im Grunde waren es zwei Leiden, jedes einzeln schmerzhaft genug, um einem das Leben zu verleiden, 1. eine Zerreißung zweier Brustmuskeln 2. Beschädigung des Brustbeins, von dem sich ein Knöchelchen nach dem anderen durch die Eiterkanäle entfernte. Die verschiedenen Ärzte die ich gebrauchte, waren nicht im Stande die Eiterung zu hemmen, so daß ich mich endlich dh. nach Verlauf eines Vierteljahrs an eine Autorität ersten Ranges in chirurgischen und operatorischen Angelegenheiten wandte, an den Prof. Volckmann in Halle. Dieser bestimmte mich in seine Nähe zu ziehn, und so habe ich denn 5 Wochen in Bad Wittekind zugebracht. Der Heilungsprozeß war wiederum reich an Schmerzen: aber der Erfolg war glänzend, und in seiner Schnelligkeit selbst für Volkmann überraschend.
     Und was hast Du, mein lieber Freund, gemacht? Ich werde dreist auf das Couvert „Herrn cand. phil. H. Mushacke“ schreiben und hiermit zugleich den Wunsch aussprechen, daß Du candide aus dieser Misère hervorgegangen seist. Wenn Du nach diesen Überspannungen der Körper- Denk- und Gedächtnißkräfte Neigung fühlst, im traulichen Gespräch mit einem Freunde auszuruhn, mit lächelnder Zuversicht Zukunftspläne auszumalen, neue Hoffnungsfäden zu spinnen und alte vergangne Tage und Freuden wiederzukäuen — dann komm entweder nach Naumburg oder (wenn Du noch bis Oktober warten willst) nach Leipzig oder (wenn Du noch bis Neujahr warten magst) nach Paris. Denn dorthin richten sich seit längerer Zeit schon meine Augen: ein Jahr werde ich jedenfalls dort arbeiten: und wie glücklich wäre ich, wenn ich es im Verein mit guten Freunden thun könnte. Dies ist auch wirklich nicht unwahrscheinlich: Rohde z. B. begleitet mich jedenfalls, vielleicht auch Kleinpaul und Romundt. Also überlege Dir bestens diesen Plan und vergegenwärtige Dir, welchen Effekt so eine ganze Kolonie deutscher Gelehrten machen muß.
     Im Übrigen habe ich noch eine Bitte an Dich. Kannst Du mir nicht den Wortlaut des philologischen Preisthemas, das die Akademie gestellt hat, anführen? Es betrifft eine Sammlung der Fragmente der älteren Peripatetiker. Ist zB. Theophrast mit eingeschlossen? Ich bitte Dich herzlich, Dich für diese Sache ein wenig zu interessieren und mir eine gefällige Mittheilung zu machen. —
     Es fällt mir eben ein, daß ein längerer Aufenthalt in Paris für Deine romanischen Sprachstudien sehr wesentlich, ja unerläßlich sein wird. Ich bin fest überzeugt, daß Dein verehrter Herr Vater mit Freuden zu diesem Plane Ja sagen wird. Grüße doch Deine hochgeschätzten Angehörigen auf das Angelegentlich[s]te von

Deinem
treuen Freunde
Friedr Nietzsche.


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BVN-1868,29

An Friedrich Ritschl in Leipzig

Naumburg Mittwoch. [9. September 1868]


Hochverehrter Herr Geheimrath,

sobald ich meiner militärischen Fesseln ledig bin, komme ich nach Leipzig und bringe Ihnen den index mit, von dem gegenwärtig zwei Drittel fertig sind. Die Naumburger ἐρημία τῶν βιβλίων ist mir recht peinlich, und ich lechze nach einer großen Stadt und Bibliothek, wie jener biblische Hirsch.
     Der eigentliche Grund meines Briefes ist aber nicht, von dem index zu erzählen; ja ich hatte sogar den Wunsch, Sie erst mit der „vollendeten Thatsache“ zu überraschen. Ein eben erhaltener Brief aber bestimmt mich, Ihren gütigen Beistand in einer Sache zu erbitten, in der ich selbst wenig oder nichts thun kann. Lesen Sie gefälligst dies Schreiben, welches ich beilege. Es stammt von einem sehr angenehmen, talentvollen Menschen, von dem ich mit Freuden das Beste und Vortheilhafteste sage, weil es wahr ist. Er ist plötzlich in Noth gerathen und wünscht eine anspruchslose Stellung in Leipzig. Dabei habe ich an zweierlei gedacht. Erstens gelingt es Ihnen vielleicht, eine Correktorenstellung an einer Leipziger Verlagsbuchhandlung oder eine Beschäftigung in einem Redaktionsbüreau ausfindig zu machen. Zweitens giebt es vielleicht litterarische Arbeiten, auch in unserer Wissenschaft, die diesem gut unterrichteten und vielseitig gebildeten Manne zuzuweisen wären: wobei freilich vorauszusetzen ist, daß sie pekuniär einträglich sein müssen.
     Mit der herzlichen Bitte, daß Sie diese meine Anfrage nicht unbescheiden, und wenn auch das, doch erklärlich und berücksicht[ig]ungswerth finden, verbleibe ich

Ihr ergebenster
Friedrich Nietzsche


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BVN-1868,30

An Paul Deussen in Oberdreis

[Naumburg, September 1868]


Mein lieber Freund,

ich, der ich mich seit einiger Zeit mit der mulomedicina und Veterinärkunde befasse, will Dir heute zwo junge mulos empfohlen haben, die nach den vada caerula Rheni wandern und von Dir zu erfahren wünschen, wie man am besten, zum Wohl des Herzens und des Beutels, wandert: die Herren Redtel und Fritsch, bekanntlich angenehme junge Männer, als welche Dir viel von Pforte und auch einiges von mir zu erzählen haben werden. —
     Laß ihnen ja nicht entgelten, daß ich im Verlaufe des Briefes etwas räsonnieren werde und denke, daß was Du ihnen sagst und thust, Du mir sagst und thust. —
     Aber, lieber Freund, wer wird solch Zeug schreiben! Und fortschicken! An einen Freund wie mich! Dazu nicht einmal in schönem Latein! Wozu also? Ich war wirklich verdrießlich, weil durch solche Briefe der gute Ton zwischen uns verletzt wird. Wer wird seine pudenda zeigen? Wer wird Stunden der Erschlaffung zum Briefschreiben an Freunde verwenden? An einen Freund, wie zB. ich bin! Dazu nicht einmal in schönem Latein! Wozu also? — Da capo und mit Indignation in infinitum! —
     Dagegen traf mich Dein früherer Brief in einem fast beweglichen Momente. Als nach fünfwöchentlicher Abwesenheit von Naumburg ich wieder aus meinem Bade zurückkehrte, als Genesener in meiner Heimat einzog und meine schön bekränzte Stube unter unzweifelhafter Rührung meiner Angehörigen betrat, da lag Dein Brief auf dem Tische als besondere Festgabe, Aufschlüsse bringend über den dummen Alcidamas, Fragen vorlegend über Christenthum und Platonische Inconsequenz (dies meine Antwort, wie Du sie verlangst, in einem Worte) und im Übrigen geschrieben mit dem Accent treuer Freundschaft und dem spiritus asper, den wir nun einmal als in unserem Deussenkopfe hausend kennen gelernt haben.
     Darf ich gleich hier mit der Wahrheit herausrücken? Dir fehlt gerade so ein Mann, wie Ritschl, der Dein ingenium dorthin weist, wo es sich fruchtbar erzeigen kann. Es thut mir leid, daß Du so selten die Freude hast, einen tüchtigen Fund zu thun. Ein klein wenig Bär? Ungeschickt? Giebt sich mit Plato ab — nun, Du wirst eine Wolke umarmen.
     Glaube mir nur, daß die Fähigkeiten, die dazu gehören, um mit Ehren philologisch zu produzieren, unglaublich gering sind, und daß ein Jeder, an den richtigen Platz gestellt, seine Schraube machen lernt. Fleiß vor allem, Kenntnisse zu zweit, Methode zu dritt — dies ist das ABC jedes produzierenden Philologen: vorausgesetzt, daß ihn jemand dirigirt und ihm eine Stelle anweist. Denn das gerade können nur Wenige von selbst. Es giebt eben Arbeitsgeber und Fabrikarbeiter — in diesem Vergleich soll aber nichts Geringschätziges liegen. Denn auch unsre größten philolog. Talente sind nur relativ Arbeitsgeber: stellt man sich noch höher und nimmt einen kulturgeschichtlichen Ausblick, so sieht man, daß auch diese Ingenien schließlich nur Fabrikarbeiter sind, nämlich für irgend einen großen philosophischen Halbgott (deren größter in dem ganzen letzten Jahrtausend Schopenhauer ist)
     Verzeih mir diese Parenthesis, für die Du gar keine Mitempfindung hast. Aber andre Leute, Wenkel, ich und mein Freund Rohde sind über jene Parenthesis übereingekommen und fühlen eine teuflische Freude, dies allen die es nicht hören mögen, ins Gesicht zu sagen.
     Übrigens habe ich auch den wahren Heiligen der Philologie entdeckt, einen echten und wirklichen Philologen, schließlich Märtyrer (jeder dumme Litteratur[historiker] glaubt ein Recht zu haben, auf ihn zu pissen: dies das Martyrium) Weißt Du, wie er heißt? Wagner, Wagner, Wagner! Ach, ist das ein gefährliches Buch, der Göthische Faust!
     Ich grüße Dich: gedenke meiner, schreibe mir, besuche mich, o Freund Deussen!
     Dies die Casuslehre Deines treuen

F Nietzsche


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BVN-1868,31

An Friedrich Ritschl in Leipzig

Naumburg Sonnabend. [19. September 1868]


Hochverehrter Herr Geheimrath,

glücklicherweise haben Sie mir doch schon einmal (vielleicht vor anderthalb Jahren) angedeutet, in welcher Form die Anfertigung des index vor sich gehen solle; denn ohne diese Andeutung wäre es ja meinerseits dreist und unbesonnen gewesen, an das Werk heranzugehn, das, wenn man erst über die Hälfte hinaus ist, im Ganzen und Großen beinahe unverbesserlich ist: stat mole sua. Ich habe also, Ihrer Angabe gemäß, folgende Rubriken gemacht

               Aa Griechische Autoren } Schriftsteller
               Ab Lateinische Autoren register
               B Grammatisches
Metrisches
Historisches
Archaeologisches Fachregister
Topographisches
Zur lat. Epigraphik
Zur griech. Epigraphik
               Ca griechisches Wortregister
               Cb lateinisches Wortregister
               Da Stellenregister für griechische Autoren
               Db Stellenregister für lateinische Autoren

     In wie weit ich nun Ihren Absichten nachgekommen bin, bitte ich aus der mitgesandten Probe zu beurtheilen; es ist dies ein Auszug des 15ten Bd., nach den angegebnen Rubriken. Wenn sämmtliche Bände in dieser Art fertig sind, werden sie in abertausend Stückchen zerschnitten, nach den vorgeschriebnen Orientierungslettern sortirt und endlich in der gewonnenen Ordnung eingeklebt: eine Methode, die mir nach einigem Nachdenken als zeit- und mühesparend erschienen ist und die den Vortheil hat, daß sie das Umschreiben des ganzen index unnöthig macht, durch welches Umschreiben viele Fehler entstehen würden, mindestens entstehen könnten: dem vorzubeugen wäre.
     In der bezeichneten Art sind fertig Band 1—13. 15—21. Noch nicht in meinen Besitz gelangt ist Heft 4 vom Jahrgang 1867 und alles, was dieses Jahr erschienen ist.
     Wenn der index fertig aufgeklebt vor mir liegt, läßt sich noch vieles im Einzelnen nachbessern, besonders um eine größere Uniformität zu erzielen. (Z.B. ist es mir bei mehreren Autoren nicht möglich gewesen, aus zeitweiligem Mangel an Büchern, alle Citate nach einer Ausgabe zu regulieren.)
     Soweit über den index. Im Oktober siedle ich wieder auf ein halbes Jahr nach Leipzig über; vielleicht kommt dann auch eine Gelegenheit zur Promotion, für die ich eine commentatio altera de Laertii Diogenis fontibus im Sinn habe. — Oder, wenn Sie wollen, de Aristotelis librorum indice Laertiano oder Analecta Democritea oder quaestiones Cynicae oder de fontibus Latinorum artis veterinariae scriptorum!! usw. mit Grazie in infinitum.
     Was schließlich den Candidaten Volck betrifft (der übrigens älter als ich ist), so bin ich betrübt, ihm bis jetzt noch nichts Günstiges mittheilen zu können. Jedenfalls aber bin ich Ihnen für Ihre Bereitwilligkeit zu helfen und zu nützen von Herzen dankbar. Und Sie verzeihn mir, daß ich mich so ungestüm an Sie wandte? Ich war wirklich etwas desperat, so dringlich angegangen zu werden, ohne einen andern Weg zu wissen, auf dem dem armen Manne zu helfen sei.
     Mit den ergebensten Empfehlungen an Ihre verehrte Familie

verbleibe ich
Ihr treuer Schüler
Friedr. Nietzsche.


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BVN-1868,32

An Paul Deussen in Oberdreis (Fragment)

[Naumburg, September/Oktober 1868]


Mein lieber Freund,

ich schreibe, um nicht den Schein einer dreifachen Undankbarkeit auf mich zu laden: und man muß bekanntlich auch den Schein meiden. Es wäre in der That unverzeihlich gewesen, wenn es dreier Briefe bedurft hätte, um mich an eine — sonst wohl treu geübte — Freundespflicht zu erinnern. So lasterhaft bin ich nun allerdings nicht. Denn Deinem zweiten Briefe zuvorzukommen wäre ziemlich schwierig gewesen, da er dem ersten so schnell auf dem Fuße folgte als ich nimmer mehr voraussetzen konnte. Meinen darauf geschriebenen Brief übergab ich zween jungen Menschen, denen er zugleich eine Art Empfehlungsbrief an Dich sein sollte; und ich will hoffen, daß sie sich ihres Auftrags — der ihnen recht dringlich gegeben wurde — gut entledigt haben. Als Du nun Deine dritte Epistel (als προτρεπτικόν) schicktest, ersah ich deutlich, daß meine zwei Apostel noch nicht bei Dir angelangt seien; aber ich setzte voraus, daß der schreckliche Argwohn Deines letzten Briefes durch ihre Ankunft recht bald zerstört werden würde.
     Sollte nun gar auch das letzte Unglück eingetroffen sein, sollten jene zwei MVLI, wer weiß aus welchen Gründen, Absichten oder Verlegenheiten, überhaupt nicht das glückliche Oberdreis und seine Inwohner erreicht haben, sollte somit mein Brief, hoffentlich ungelesen, in ihren Reisetaschen schlummern — nun, so wird wenigstens mein heutiger Brief den Verdacht abwehren, als ob ich etwa inzwischen zu den Seligen versammelt sei und mich meinen freundschaftlichen Verpflichtungen durch eine urplötzliche Hadesfahrt entzogen habe. So weit sind wir noch nicht: meine Knochen stehen wieder fest begründet auf der Erde, und morgen werde ich vielleicht wieder mein Pferd besteigen und in der Umgebung Naumburgs mich tummeln.
     Inzwischen bist Du unermüdlich thätig gewesen; ja in Deinen letzten Zeilen fährst Du Dir gleichsam mit theatralischem Pathos an die erhitzte Stirn und staunst Dich selbst ob Deiner Geburt und der überstandenen Wehen an. Lieber Freund, ich mache das gemüthlicher, und zugegeben, daß bis jetzt meinerseits nur „lächerliche Mäuse“ geboren sind und ein großer Lärm um selbige bekanntlich nicht anständig sein soll: so hoffe ich doch auch allmählich Größeres zu vollbringen, ohne cyklopische Verwunderung vor mir selber: zu der hercule auch kein Grund vorhanden ist. Überhaupt scheint es mir, als ob gerade philologische Werke am aller seltensten freudige Bewunderung, Anerkennung des Genialischen etc. verdienten; man rechne nur immer ab 1) was der Sammeleifer an solchen Büchern zu thun pflegt, 2) wie weit die betreffenden Fragen schon erwogen und behandelt waren, als der und der hinzukam, 3) was alles unser Staunen erregt, nur weil es uns fremd ist. Viele Bücher haben das Verdienst, welches man an Reisenden anerkennt, die zum ersten Male in eine unbekannte Region kommen und sie nun beschreiben: wobei sie doch noch Plattköpfe sein können. An andern Büchern bewundern wir die Fülle der Ideen etc: die aber nicht dem Autor sondern seinen Vorgängern angehören. An den meisten aber anerkennen wir nur den grausamen Fleiß und die unverächtliche Energie, die an unbedeutende Dinge verwandt ist: wobei wir die Empfindung haben, als ob wir etwas Asketisches, eine herbe Verleugnung vor uns sähen: während im Grunde nur ein ganz gemeiner Intellekt die Ursache dieser fleißigen Werke ist, ein Intellekt, der höhere werthvollere Ideenkreise nicht kennt, mindestens sie nicht fruchtbar behandeln kann und darüber zum Kleinkrämer wird. — Die besten philologischen Bücher gehören allen drei Klassen zugleich an.


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BVN-1868,33

An Erwin Rohde in Hamburg

[Naumburg, 8. Oktober 1868]


Mein lieber Freund,

jetzt wo ich über ein sehr wechselvolles Jahr zu recapitulieren habe, über ein Jahr voll gemüthlicher und ungemüthlicher Emotionen, voll asketischer und eudämonistischer Erfahrungen, ein Jahr begonnen im Pferdestall, fortgesetzt im Krankenbett, beendet in indicifikatorischer Sclavenarbeit: jetzt wo ich zusammenrechne, was dies Jahr an guten Momenten, an schönen Hoffnungen, an stillen Gedenkstunden gebracht hat, da käue ich auch mit innigstem Behagen die Empfindung jener erquicklichen Tage wieder, die uns im August zusammenführten, und wie eine beglückte Kuh wälze ich mich im Sonnenscheine dieser Erinnerungen.
     Seit dem wir uns damals über Himmel und Erde ausgesprochen haben, ist mir kaum etwas Wichtiges passirt; ich schrieb auf der Veranda an meinem index: „dort saß ich unter falben Blättern ein frommer Mann.“ Der freundliche Spätsommer mit halbverkühltem Sonnenscheine und Müßiggang läuft nun ab, in Leipzig erwartet man mich, und ein Inserat im Tageblatte sucht ein „feines“ Garçonlogis für einen unverheiratheten Gelehrten. Unsre guten dortigen Bekannten haben alle schon Staffeln des Ruhms erklommen: ich armer homo litteratus muß auch nächstens dran denken, einen akademischen Grad zu erwerben, um nicht zum pecus der „Literaten“ gerechnet zu werden. Im Übrigen nehme ich mir vor, etwas mehr Gesellschaftsmensch zu werden: insbesondre habe ich eine Frau aufs Korn genommen, von der mir Wunderdinge erzählt sind, die Frau des Professor Brockhaus, Schwester Richard Wagners: über deren Capacitäten Freund Windisch (der mich besucht hat) eine erstaunliche Meinung hat. Mir gefällt dabei die Bestätigung der Schopenhauerschen Erblichkeitstheorie; auch die andre Schwester Wagners (in Dresden ehemals Schauspielerin) soll ein bedeutendes Weib sein. Ritschls gehen fast nur mit Familie Brockhaus um.
     Kürzlich las ich auch (und zwar primum) die Jahnschen Aufsätze über Musik, auch die über Wagner. Es gehört etwas Enthusiasmus dazu, um einem solchen Menschen gerecht zu werden: während Jahn einen instinktiven Widerwillen hat und nur mit halbverklebten Ohren hört. Ich gebe ihm trotzdem vielfach Recht, insbesondre darin, daß er Wagner für den Repräsentanten eines modernen, alle Kunstinteressen in sich aufsaugenden und verdauenden Dilettantismus hält: aber gerade von diesem Standpunkte aus kann man nicht genug staunen, wie bedeutend jede einzelne Kunstanlage in diesem Menschen ist, welche unverwüstliche Energie hier mit vielseitigen künstlerischen Talenten gepaart ist: während die „Bildung“, je bunter und umfassender sie zu sein pflegt, gewöhnlich mit mattem Blicke, schwachen Beinen und entnervten Lenden auftritt.
     Außerdem aber hat Wagner eine Gefühlssphaere, die O. Jahn ganz verborgen bleibt: Jahn bleibt eben ein Grenzbotenheld, ein Gesunder, dem Tannhäusersage und Lohengrinathmosphaere eine verschlossene Welt sind. Mir behagt an Wagner, was mir an Schopenhauer behagt, die ethische Luft, der faustische Duft, Kreuz, Tod und Gruft etc.
     Der einzige Mensch, den ich hier in Naumburg mit immer neuem Genuß aufgesucht habe, ist Wenkel, unser unermüdlicher Forscher in Kant und Schopenhauer, der in dieser Ausschließlichkeit seines Studiums eine bedeutende Willenskraft zeigt. Die stete Beschäftigung mit philosophischen Gedanken macht ihn zu einem bösen Kritiker unsrer Philologie: ich habe ihm öfter etwas hingebracht, um eine Meinung von ihm zu hören z.B. Bernaysische und Ritschlsche Aufsätze. An Ritschl anerkannte er einen gewissen genialen Zug, lachte aber über das Pathos bei solchen Kleinigkeiten; Bernays behagte ihm gar nicht. Er denkt auch im Stillen an eine spätere akademische Thätigkeit und will auch nächstens den Doktorhut haben.
     Denke Dir, daß ich durchaus noch nicht endgültig mit dem Militärdienst abgeschlossen habe, ja daß sich sichre Aussicht auf spätere artilleristische Thätigkeit eröffnet. Mein Hauptmann hat mir freundlicher Weise in meinem Zeugniß die Qualifikation zum Landwehrlieutnant ausgesprochen: falls ich einen Monat im Frühjahr Dienst thue um mir die nöthigen Kenntnisse zum Gespanntexercieren zu erwerben. Da ein Krieg über kurz oder lang doch eine Unvermeidlichkeit ist, und sich keine Aussicht bietet, ganz aus den militärischen Fesseln erlöst zu werden, so ist ein Avancement zum Landwehrlieutnant von äußerstem Werthe.
     Schließlich, lieber Freund, habe ich noch einiges über Deine sehr gelungene Polluxarbeit zu sagen. Durchgelesen habe ich sie; der ganze Complex von Combinationen hat für mich etwas sehr Einleuchtendes, obwohl ich damit durchaus kein „Urtheil“ gesprochen haben will, zu dem ich ganz incompetent bin, auch aus Büchermangel nicht competenter werden kann. Das erste Capitel hat einen recht propädeutischen Werth, insofern es eine Anzahl von Einzelergebnissen zu einem Gesammtbilde vereinigt, dabei nirgends allzu spezielle Kenntnisse voraussetzt, sondern hübsch ex ovo erzählt. Die akademische Fragstellung ist übrigens ungeschickt. (Das erste stemma stimmt nicht völlig mit dem Texte z.B. benutzt nach ihm Eustathius des Diogenian Περιεργοπένητες, während im Text er den Hesych benutzt. Dann fehlt im stemma die Bezeichnung, daß Photius direkt die Περιεργοπένητες benutzt hat: dies steht für mich übrigens nicht fest. Dionys hat so wohl die Epitome Pamphilea als die Περιεργοπένητες verwertet.) Ist Dir die Auseinandersetzung von M. Schmidt über die Quellen des Suidas (Fleckeis. Jahrbüch. 1855) bekannt? — Westphal, Geschichte der alten Musik p. 167 nennt übrigens Tryphon als Hauptquelle für den musikalischen Abschnitt des vierten Polluxbuches. —
     Die zwei ersten Capitel meiner Laertiana sind in dem letzten Hefte des rhein. Mus. gedruckt und werden Dir in einem Einzelabzug nächstens zugehn. Ach wie widerwärtig mich diese ganze Arbeit berührt! Nonum prematur in annum! Sonst ists nichts! Diese eben ausgeheckte Weisheit gleich drucken zu lassen ist allzu thöricht, und ich habe nichts als Ärger davon. So vielerlei ist geradezu falsch, nochmehr verwegne Stammelei, und das Ganze unmündig ausgedrückt. Zu meiner Entschuldigung dient nur, daß ich erst am 15 Okt. d. Jahres mündig werde: an welchem Tage ich auch den militärischen Rock ausziehe.
     Was ich zunächst noch für Laertianische Eier ausbrüte, das hebe ich mir auf, bis ein anständiges Körbchen damit voll ist. Meine Dissertation will ich über Homer und Hesiod als coaetanei machen. Kürzlich habe ich Val. Roses Anacreonteen für [das] Centralblatt angezeigt — mit einigen Bemerkungen über Roses Unarten und Stachelschweinstil.
     Doch was habe ich schon unnützer Weise geplaudert! Wer wird aber auch gleich nach Tische Briefe schreiben, Briefe an solche Freunde, Briefe, an denen man wenig Gedanken und viel Verdauung merkt. O Hund, du Hund, du bist nicht gesund, solche Briefe zu schreiben!

Mit diesem pensionsmädchenhaften Knix
verbleibe ich Dein Freund
Friedrich Nietzsche
preußischer Kanonier


Meine Angehörigen grüßen bestens.


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BVN-1868,34

An Diederich Volkmann in Pforta (Visitenkarte)

Naumb. 14 Oct. 1868.


Lieber Herr Doctor, ich wäre so gern noch einmal nach Pforte gekommen, um Abschied zu nehmen, aber meine Entlassung aus den militärischen Fesseln hat sich so ungebührlich verzögert, daß es schließlich zu spät geworden ist, und ich mich begnügen muß Ihnen schriftlich Lebewohl zu sagen. Übermorgen (am 16ten) segle ich also wieder nach Leipzig ab: wo ich endlich einmal, ohne durch die Uniform beengt zu sein, frei aufathmen kann. Machen Sie mir das Vergnügen und besuchen Sie mich dort einmal, im Laufe des Winters: wir werden uns mancherlei zu erzählen haben.
     Heute nehmen Sie noch meinen besten Dank für alle Freundlichkeiten, die Sie mir im Laufe eines Jahres, eines für mich bunten und Wechsel vollen Jahres, erwiesen haben: denken Sie immer freundschaftlichst an Ihren

Friedr. Nietzsche
Reservist.


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BVN-1868,35

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Leipzig, 18. Oktober 1868]


Liebe Mutter und Schwester,

bis jetzt ist alles, wie es scheint, gut abgelaufen; aber ich will mich hüten, zu frühzeitig darüber abzuurtheilen. Wirklich habe ich es so gemacht, wie Freund Windisch es mir vorschlug: ich habe mich gewissermaßen bei Prof. Biedermanns in Pension gegeben, weder zu einem billigen, noch zu einem übermäßigen Preise. Wenn diese Manier zu wohnen nur den einen Vortheil hat, mir Zeit zu sparen und mich an das Haus festzuhalten — so ist dies schon nicht wenig; immerhin aber ist mir ein derartiges Verhältniß zu fremd, um bestimmt behaupten zu können, daß es mir auf die Dauer gefallen werde. — Die Familie, in der ich Mittag und Abend esse, ist erträglich, die Küche, um nach den wenigen Proben zu urtheilen, die mir vorliegen, nicht schlecht, mein Zimmer groß, etwas öde, aber mit sehr hübscher Aussicht, die Gegend sehr ruhig, Schlafkammer hübsch geräumig und hell; dabei wohne ich an der Promenade, in einem Garten, im zweiten Stock. Das ist die Aufzählung der Vortheile und Vorzüge. Die monatliche Pension für Logis, Frühstück, Mittag, Abend, Bedienung, Beleuchtung beträgt 25 Thaler. Wie denkt Ihr über einen derartigen Preis? Meine Freunde finden ihn annehmbar — daran zweifle ich auch nicht; es fragt sich aber, ob er ausgebbar ist.
     Meine Bücherkiste ist noch nicht angekommen: ein Beispiel der Bummelei, das mir sehr verdrießlich kommt. Was fällt denn diesen Naumburger Packknechten ein? — Um so billiger und schneller war der Transport meines Bettballens und der zwei Kisten, die ich als Passagiergut mitnahm: ich habe 8 Srgr zu zahlen gehabt.
     Die zwei ersten Tage habe ich in Stadt Dresden gewohnt. Von Seiten Ritschls freundliche Aufnahme. Roscher, Windisch und Romundt sind die einzigen vorräthigen Bekannten. Das Wetter ist heute, am Tage meines Einzugs (18 Oktob.) recht sonnig und mild; für Heizung habe ich monatl. 2 Thal. zu zahlen. Mit dem heutigen Tage ist die Messe zu Ende gegangen; und damit sind wir von dem Fettgeruch und den vielen Juden glücklich erlöst. Bei Tisch übrigens ist auch ein Franzose, ein Monsieur Flaxland, zugegen, von dessen Sprache ich eigentlich nichts verstehe.
     Nun, wünschen wir, daß diese Existenz sich erträglich macht; ich erwarte nicht viel und fordere noch weniger: also!
     Meine Adresse wird sein Hr Dr Nietzsche, Leipzig Lessingstraße 22, 2 Trepp.
     So lebt denn bestens wohl und denkt vergnügt Eures Sohnes und Bruders, weiland Kanoniers und Scheusals

F. N.


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BVN-1868,36

An Friedrich Zarncke in Leipzig

Leipzig Montag. [Zweite Oktoberhälfte 1868]


Verehrtester Herr Professor,

wenn ich gleich, militärisch ausgedrückt, bereits „zur Disposition“ gestellt bin, so wird es mir doch hoffentlich hier und da erlaubt sein, im Dienste des Centralblattes eine gut gezogene Kanone zu lösen: besonders wenn es einen Salutschuß gilt, wie im vorliegenden Falle.

Mit herzlichem Gruße
Friedrich Nietzsche


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BVN-1868,37

An Paul Deussen in Oberdreis

[Leipzig, zweite Oktoberhälfte 1868]


Mein lieber Freund,

Deine Briefe kommen neuerdings immer bei besonders feierlichen Gelegenheiten an: so, als ich vor kurzem in meine neue Leipziger Wohnung einzog, lag Dein Brief auf dem Tisch, den Freund Roscher bereits richtig expedirt hatte. Bald darauf habe ich denn auch den ersten Theil meines Laertianum an Dich addressiert, damit ich nicht wieder dem Vorwurfe verfalle, undankbar gegen Freunde zu sein und durch anhaltendes Stillschweigen den Eindruck eines Todten zu machen. Nein, ich lebe und, was mehr sagen will, ich lebe gut und wünsche, daß Du Dich einmal persönlich davon überzeugst: besonders um die Einsicht zu gewinnen, daß φιλοσοφεῖν und Kranksein, doch nicht identische Begriffe sind; daß es aber allerdings eine gewisse „Gesundheit“ giebt, die ewige Feindin tieferer Philosophie, die bekanntlich neuerdings zum Spitznamen für bestimmte Sorten von Grenzbotenhelden und Historikern geworden ist.
     Indem ich so an den Schluß Deines Briefes anknüpfe, erledige ich zugleich den dort mir zugemutheten Vorschlag. Lieber Freund, „gut schreiben“ (wenn anders ich dies Lob verdiene: nego ac pernego) berechtigt doch wahrhaftig nicht, eine Kritik des Schopenhauerschen Systems zu schreiben: im Übrigen kannst Du Dir von dem Respekt, den ich vor diesem „Genius ersten Ranges“ habe, gar keine Vorstellung machen, wenn Du mir (i. e. homini pusillullullo!) die Fähigkeiten zutraust, jenen besagten Riesen über den Haufen zu werfen: denn hoffentlich verstehst Du unter einer Kritik seines Systems nicht nur die Hervorhebung irgend welcher schadhaften Stellen, mißlungner Beweisführungen, taktischer Ungeschicktheiten: womit allerdings gewisse überverwegne Überwege und in der Philosophie nicht heimische Hayme alles gethan zu haben glauben. Man schreibt überhaupt nicht die Kritik einer Weltanschauung: sondern man begreift sie oder begreift sie eben nicht, ein dritter Standpunkt ist mir unergründlich. Jemand, der den Duft einer Rose nicht riecht, wird doch wahrhaftig nicht darüber kritisieren dürfen: und riecht er ihn: à la bonheur! Dann wird ihm die Lust vergehn, zu kritisieren.
     — Wir verstehn uns einfach nicht: erlaube mir über die besagten Dinge zu schweigen: was ich mich erinnre, Dir schon einmal vorgeschlagen zu haben.
     Mit Deiner Ablehnung einer Apologie bin ich auch nicht sehr zufrieden, insbesondre nicht, damit, daß ich Dir zugemuthet habe, die „Philologie“ zu vertheidigen. Daran liegt mir gar nichts: ich möchte aber wissen, was Du über den gegenwärtigen Stand der Philologie, über die herrschenden Methoden, über die Entwicklung der jetzigen Philologen, über ihre Stellung zu den Schulen usw. denkst und zwar im Gegensatz zu meinen etwas derb ausgesprochnen Ansichten. Denn deutlich (oder „martialisch“) zu reden hat in Briefen den besonderen Vortheil, seinen Halbpart aus schwebenden, vermittelnden Standpunkten zu drängen und ihm ein direktes Ja! und Nein! zu erpressen. Natürlich mit Gründen; aber Deine mythologische Auffassung der Philologie als Tochter (sage Tochter! heu heu!) der Philosophie, die als solche jeder Controle und Gerichtsbarkeit entzogen sei, enthält doch keinen auch nur leise angedeuteten Grund. Soll ich mythologisch reden, so betrachte ich Philologie als Mißgeburt der Göttin Philosophie, erzeugt mit einem Idioten oder Cretin. Schade, daß Plato nicht schon denselben μῦθος erdacht hat: dem würdest Du eher glauben — und mit Recht. — Allerdings frage ich jede einzelne Wissenschaft nach ihrem Freipaß; und wenn sie nicht nachweisen kann, daß irgend welche großen Kulturzwecke in ihrem Horizont liegen: so lasse ich sie zwar immer noch passieren, da die Käuze im Reich des Wissens eben so ihr Recht haben als im Reich des Lebens, lache aber, wenn besagte Kauzwissenschaften sich pathetisch gebärden und den Kothurn am Fuße führen. Insgleichen werden einige Wissenschaften einmal senil: und der Anblick ist betrübend, wenn diese, abgezehrten Leibes, mit vertrockneten Adern, welkem Munde das Blut junger und blühender Naturen aufsuchen und vampyrartig aussaugen: ja, es ist die Pflicht eines Pädagogen, die frischen Kräfte fern zu halten von den Umschlingungen jener greisen Scheusale: die vom Standpunkt des Historikers Ehrerbietung, von dem der Gegenwart Widerwillen, von dem der Zukunft Vernichtung zu erwarten haben.
     Ἀλλὰ ταῦτα μὲν τροπικῶς. Ἡμεῖς δέ, lieber Freund, sind Jünger der Gegenwart: soyons de notre siècle! —
     Schließlich einige persönliche Allotrien. Erstens bitte ich Dich, mir einige Worte über das Laertianum zu schreiben: weil ich wissen möchte, was derartige Arbeiten in Deinem ingenium für eine Werthstellung einnehmen. Zweitens bin ich Dir zu erzählen schuldig, wie wo und warum ich hier lebe. Vor allem nicht als Student: und es ist bereits über ein Jahr her, daß ich diesen unerträglichen Zustand abgelegt habe. Vielmehr bin ich hier der zukünftige Privatdocent Leipzigs und richte nach dieser Intention mein Leben ein. Die Familie, in der ich meine schöne Behausung aufgeschlagen habe, ist die des Prof. Biedermann, ehemal. Parlamentlers und jetzigen Redakteurs der Deutschen Allgemeinen: durch den es mir möglich ist, eine Anzahl interessanter Bekanntschaften zu machen (als da sind: geistreiche Frauen, hübsche Schauspielerinnen, bedeutende Litteraten und Politiker etc) Eine Anzahl größerer Aufsätze wartet der glücklichen Stunde, über die ich Dir später einmal schreibe. Ritschl, mein verehrter Lehrer und seine mir sehr nahe stehende Gattin erweisen mir manches Angenehme: dazu blühe ich im Kreise strebender Freunde und Genossen und bedaure nur, nicht zur Hand zu haben den vortrefflichen Paul Deußen

Adr.: Herrn F. Nietzsche
Leipzig
                                                            Lessingstr. 22, 2 Treppen.


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BVN-1868,38

An Erwin Rohde in Hamburg

[Leipzig, 27. Oktober 1868]


Mein lieber Freund,

daß ich lebe, wird Dir wohl das kürzlich zugesandte Laertianum angedeutet haben; daß ich gut lebe, wird Deine Combinationsgabe wahrscheinlich aus der Ort und Wohnungsanzeige am untern Ende des Widmungsblattes eruirt haben.
     Ich bin nach Leipzig übergesiedelt, mit total veränderten Ansprüchen, und gänzlicher Ausziehung der Studentenhose und auch des damit verbundenen Lebens. Ein freundlicher Dämon, unter Vermittlung des vortrefflichen Windisch hat mich eine Behausung finden lassen, die bis jetzt jenen Ansprüchen genügt und das Zurückfallen in die studentische inquies, sammt Restaurations- und Theaterfieber, unmöglich macht.
     Meine Wohnung liegt am Eingang der Lessingstraße, in einem Garten, hat eine wirklich anmuthige und mannichfaltige Aussicht und erlaubt es mir, mit Vergnügen in meinen vier Pfählen zu sitzen, Abende zu durchschwitzen und mich an Philologie zu erhitzen: das ist etwas für Fritzen, der früher die Neigung hatte, alle Abende ins Theater zu flitzen. Nun bin ich freilich genöthigt, mich etwas näher mit der Familie des Prof. Biedermann einzulassen, z. B. Mittag und Abend mit ihnen zu essen, überhaupt mich zu geberden, wie ein Jungferchen, das in die Pension kommt. Das kann, was die Götter nicht wollen, mir aber die Frau Ritschl, meine erfahrene Freundin, prophezeit hat, entsetzlich langweilig werden, ist es aber noch nicht: und schließlich kann ein Biedermann, wie ich, der schon Pferde gestriegelt hat, im schlimmsten Falle Askese üben. Lieber Gott, was erträgt nicht ein Philolog, dessen Existenz auf geistigem und körperlichem Hungerleiden beruht!
     Übrigens ist der alte Biedermann der Mann seines Namens, ein guter Hausvater, Ehegatte, kurz alles, was man in einem Nekrolog zu rühmen pflegt: seine Gattin ist die Biederfrau: wo mit wiederum alles gesagt ist. Und so fort, bis zu Biederfräulein I und II. Nun hat die Familie viel erlebt und steckt immer noch mitten drin, im Getreibe politischer Interessen: zu meinem Tröste aber wird von Politik fast nicht gesprochen, da ich kein ζῶον πολιτικόν bin, und gegen derartige Dinge eine Stachelschweinnatur habe. Im Übrigen ist Biedermann der natürliche Bruder von Beust: dessen Charakter mir jetzt recht klar geworden ist, durch Anwendung der Schopenhauerischen Erblichkeitstheorie. Die Frau ist die Schwester vom Bürgermeister Koch. Unser Tisch- und Hausgenosse ist sodann noch ein Franzose Mr. Flaxland (größte Musikverlagshdl. in Paris), ein possirliches Kerlchen, der für Gelächter wie ein Bajazzo sorgt, und von dem ich etwas Französisch lerne resp. lernen werde. Gelegentlich gehe ich jetzt als Vertreter der Deutschen Allgemeinen in Conzerte und Vorlesungen; ja sogar die Kritik der Oper ist mir offerirt — nego ac pernego.
     Natürlich muß ich auch mit den etwaigen Gästen des Hauses fürlieb nehmen; und mitunter braucht man nicht einmal fürlieb zu nehmen: z. B. wenn unsere Freundin und häufige Gästin Γλαυκίδιον bei uns ist, als welche neulich nach Hause zu begleiten, eine angenehme Pflicht war. Hoffentlich ist Dir noch in Erinnerung, wen wir also getauft haben: wenn nicht, so schreibe es und ich werde auf photographischem Wege Dein Gedächtniß auffrischen.
     In den nächsten Tagen wird Laube bei uns eintreffen, als definitiver Übernehmer des thèâtres: und ich werde mich freuen, ihn kennen zu lernen. Heute Abend war ich in der Euterpe, die ihre Winterconzerte begann und mich sowohl mit der Einleitung zu Tristan und Isolde, als auch mit der Ouvertüre zu den Meistersingern erquickte. Ich bringe es nicht übers Herz, mich dieser Musik gegenüber kritisch kühl zu verhalten; jede Faser, jeder Nerv zuckt an mir, und ich habe lange nicht ein solches andauerndes Gefühl der Entrücktheit gehabt als bei letztgenannter Ouvertüre. Sonst ist mein Abonnementsplatz umlagert von kritischen Geistern: unmittelbar vor mir sitzt Bernsdorf, jenes signalisirte Scheusal, links neben mir Dr. Paul, jetzt Tageblattheld, 2 Plätze rechts mein Freund Stade, der für die Brendelsche Musikzeitung kritische Gefühle produzirt: es ist eine scharfe Ecke: und wenn wir Vier einmüthig mit dem Kopfe schütteln, so bedeutet es ein Unglück.
     Lieber Freund, Vater Ritschl fragt, ob Du nicht einen kleinen Nachtrag über die Knauthsche Dissertation einschicken willst: selbige wird Dir durch Ribbeck zugekommen sein. Deine Arbeit (deren Vorzüge vor der Kn. Abhandlung sogar den Maulwürfen einleuchten müssen) kommt bald zum Abdruck.
     Und so nimm einen freundlichen Leipziger gemüthlichen biedermännischen Händedruck von

Deinem treuen Freunde
F.N.


Privatgel. zu Leipzig Lessingstr. 22, 2 Tr.


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BVN-1868,39

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

Leipzig am 30 Okt. 1868.


Liebe Mutter und Schwester,

zunächst einige praktische Dinge. Mit der übersandten Wäsche hin ich wohl einverstanden, doch erscheint es mir, als ob die Hemden noch recht grau aussehn: im Übrigen passen sie gut, und es schadet nichts, wenn Du noch einige hinzukaufst. Meine Wäsche lasse ich in einer Dampfwäscherei in meiner Nähe waschen: und dies nach dem Rathe der Prof Biedermann, die übrigens eine Biederfrau ist. — Ist die Majorennitätsangelegenheit immer noch nicht geordnet? Die Herren am Gericht bummeln gewaltig. Freund Wilhelm gratulirt übrigens bestens in meinem Namen und erinnert ihn an sein Versprechen. —
     Ich selbst glaube bis jetzt zufrieden sein zu können. Wirklich bringt es die größere Häuslichkeit meiner Wohnung und meiner Tageseinrichtungen mit sich, daß ich viel zu Hause bin: was ja allein schon ein großer Vortheil ist. Mein Zimmer ist, besonders seitdem die Bücher aufgestellt sind, recht behaglich, obwohl es ziemlich groß ist und keinen Überfluß an Möbeln enthält. Auch mit dem Mittags- und Abendtisch bin ich zufrieden; ich merke doch, daß ich gar nicht so schrecklich verwöhnt bin. Die Familie hat mancherlei erlebt und in Folge mancherlei zu erzählen: sie besteht, außer den beiden Alten, aus einem Sohne, der Chemiker ist und in Möckern auf der Versuchsstation arbeitet, der also nur Sonnabend und Sonntag im elterlichen Hause zubringt; dann aus einem zweiten Sohn, der die Schule besucht, endlich aus zwei Töchtern, die eine etwa 15, die andre etwa 19 (über welchen Zeitpunkt man sich leicht täuschen kann, wie unser häusliches Exempel zeigt) Unser Tischgenosse ist dann ein kleiner Pariser, der deutsch lernt und sehr drôle ist: sein Französisch zu verstehn ist mir auch jetzt noch eine Unmöglichkeit, da er eine ganz unglaubliche Schnelligkeit der Zunge hat.
     Schließlich hat der Umgang mit dieser Familie den Vortheil, interessante Leute kennen zu lernen; so erwarten wir in diesen Tagen unsern definitiven Theaterdirektor Heinrich Laube aus Wien, der zu den intimeren Freunden des Biedermannschen Hauses gehört.
     Die Frau Biedermann ist übrigens die Schwester des sehr angesehenen Leipziger Oberbürgermeisters Koch, und er, der Professor und Redakteur, ist, im Vertrauen gesagt, der natürliche Bruder des Minister Beust: seine Persönlichkeit und sein Charakter genießt in Leipzig die allseitigste Achtung, besonders auch deswegen, weil jene verwandtschaftlichen Bezüge ihn nie vermocht haben, dem Ministerium Beust eine Concession zum Schaden seiner politischen Überzeugung zu machen. — Übrigens hat er eine große politische Vergangenheit hinter sich: als deutscher Reichspräsident etc.
     Doch ich will jetzt den Kasten fertig machen: sonst überrumpelt mich noch die Botenfrau.

Somit lebt bestens wohl und
denkt gern an
Euren
F. N.


     Der Buchbinder Jacobi hat noch, so viel ich weiß, zwei Bände des rhein.Mus.: schickt sie mir gelegentlich.

     Adr. Leipzig, Lessingstr. 22, 2 Tr.


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BVN-1868,40

An W.G. Pluygers, Bibliothekar, Universtitätsbibliothek Leiden

[30. Oktober 1868]


Hochverehrter Herr,

zunächst bin ich beauftragt, Ihnen die Grüße meines ausgezeichneten Lehrers und Freundes Ritschl in Leipzig zu überbringen: der Sie zugleich angelegentlich ersucht, meinem Anliegen, das ich Ihnen vorzutragen mir erlauben werde, ein geneigtes Ohr zu schenken.
     In Ihrer Bibliothek findet sich auch (nach dem Catal. bibl. publ. Lugd. codd. Voss an. p. 396, 18) eine Abschrift des Kleinen Tractats, der unter dem Titel ,certamen Hesiodi et Homeri‘ bekannt ist. Ich habe Grund zu vermuthen, daß diese Abschrift dieselbe ist, welche Henricus Stephanus, der erste Herausgeber des ,certamen' aus dem einzigen codex, der das ,certamen‘ enthält (cod. Laurent, plut. 56 cod. i.) im Jahre 1553 zu Florenz gemacht hat. Dies sagt sogar ausdrücklich Valentin Rose in der neuen Ausgabe der Anacreontea p. IV und XIII.
     Da ich nun damit beschäftigt bin, das ,certamen' neu herauszugeben, mit Hülfe einer Collation des bezeichneten Laurentianus, so wäre mir von hohem Werte, jenen Codex Vossianus selbst einsehen zu können. Für meine Zuverlässigkeit und Sorgsamkeit leistet Ritschl jede Art von Bürgschaft: so daß Sie wohl es wagen dürfen, jene Handschrift auf ganz kurze Zeit meinen Händen anzuvertrauen.
     Zugleich erlaube ich mir, Ihnen den ersten Theil meiner Abhandlung über die Quellen des Laertius Diogenes zu übersenden: mit dem Wunsche, Ihnen damit einen Ausdruck meiner besonderen Hochachtung gegeben zu haben.

Dr. Nietzsche


Leipzig, Lessingstraße 22, 2 Treppen.


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BVN-1868,41

An Friedrich Zarncke in Leipzig

[Leipzig, Anfang November 1868]


Hochverehrter Herr Professor,

ist es eigentlich erlaubt, Ihnen eine Recension für das Centralblatt zuzusenden, zu deren Abfassung ich keinen offiziellen Auftrag von Ihnen bekommen habe?
     In diesem Falle bitte ich um gelegentlichen Abdruck mitfolgender Recension, in der ich es mit einem Namensvetter zu thun habe. Im andern Falle bittet, unter dem Schutze der ignorantia legis, um Entschuldigung

Ihr ergebenster
Mitarbeiter
Friedrich Nietzsche


Lessingstr. 22, 2 Tr.


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BVN-1868,42

An Erwin Rohde in Hamburg

[Leipzig, 9. November 1868]


Mein lieber Freund,

heute habe ich die Absicht, Dir eine Reihe von heiteren Dingen zu erzählen, lustig in die Zukunft zu blicken und mich so idyllisch-behaglich zu geberden, daß Dein böser Geist, jenes katzenartige Fieber, einen krummen Buckel macht und sich ärgerlich von dannen trollt. Und damit jeder Mißton vermieden werde, will ich die bekannte res severa, die Deinen zweiten Brief veranlaßte, auf einem besonderen Blatt besprechen, das Du dann in besonderer Stimmung und auf besonderem Orte lesen magst. Die Akte meiner Komödie heißen: 1. Ein Vereinsabend oder der Unterprofessor, 2. der herausgeworfene Schneider. 3. ein Rendezvous mit +. Einige alte Weiber spielen mit.
     Am Donnerstag Abend verführte mich Romundt zum Theater, für das meine Gefühle sehr erkalten: wir wollten ein Stück von unserm Zukunftsdirektor Heinrich Laube sehn und saßen wie thronende Götter im Olymp zu Gericht über ein Machwerk, genannt Graf Essex. Natürlich schimpfte ich auf meinen Verführer, der sich auf die Empfindungen seiner zehnjährigen Kindheit berief und war glücklich einen Raum verlassen zu können, in dem sich nicht einmal ΓΛΑΥΚΙΔΙΟΝ vorfand: wie sich bei mikroscopischer Durchsuchung aller Winkel des Theaters erwies.
     Zu Hause fand ich zwei Briefe, den Deinigen und eine Einladung von Curtius, den jetzt näher zu kennen mir Vergnügen macht. Wenn sich zwei Freunde unserer Art Briefe schreiben, da freuen sich bekanntlich die Engelchen; und so freuten sie sich auch, als ich Deinen Brief las, ja sie kicherten sogar.
     Am andern Morgen zog ich festlich aus, um mich bei der Curtia für die Einladung zu bedanken, da ich sie leider nicht annehmen konnte. Ich weiß nicht, ob Du diese Dame kennst; mir hat sie sehr gefallen, und es entstand zwischen dem Ehepaar und mir eine unverwüstliche Heiterkeit. In dieser Stimmung gieng ich zu meinem Redakteur en chef Zarncke, fand herzliche Aufnahme, ordnete mit ihm unsre Verhältnisse — meine Recensionsprovinz ist jetzt unter anderem fast die gesammte griechische Philosophie, mit Ausnahme von Aristoteles, den Torstrik inne hat und eines anderen Theiles, in dem mein ehemaliger Lehrer Heinze (Hofrath und Prinzenerzieher in Oldenburg) thätig ist. Hast Du beiläufig meine Anzeige von Rose’s Symposiaca Anacreontea gelesen? Nächstens kommt auch mein Namensvetter dran, der an der Eudocia zum Ritter geworden ist — langweilige Dame, langweiliger Ritter!
     Zu Hause angelangt fand ich Deinen zweiten Brief, entrüstete mich und beschloß ein Attentat.
     Am Abend war der erste Vortrag unseres philologischen Vereines für dies Semester angesetzt: und man hatte mich sehr höflich ersucht, diesen zu übernehmen. Ich, der ich Gelegenheiten brauche, mich auf akademische Waffen einzupauken, war auch gleich bereit und hatte das Vergnügen, bei meinem Eintritt bei Zaspel eine schwarze Masse von 40 Zuhörern vorzufinden. Romundt war von mir beauftragt, recht persönlich aufzupassen, damit er mir sagen könne, wie die theatralische Seite, also Vortrag, Stimme, Stil, Disposition beschaffen sei und gewirkt habe. Ich habe ganz frei gesprochen, bloß mit Zuhülfenahme eines Deminutivzettels, und zwar über die Varronischen Satiren und den Cyniker Menippus: und siehe, es war alles καλὰ λίαν. Es wird schon gehn mit dieser akademischen Laufbahn!
     Hier nun ist zu erwähnen, daß ich beabsichtige bis Ostern mich hier aller Habilitationsscherereien zu entledigen und zugleich bei dieser Gelegenheit zu promovieren. Dies ist erlaubt: einen speziellen Dispens brauche ich nur, in sofern ich noch nicht das übliche quinquennium hinter mir habe. Nun ist sich habilitieren und lesen zweierlei: aber recht passend scheint es mir, nachdem ich mir die Hände frei gemacht habe, dann hinaus zu reisen in die Welt, zum letzten Male in nichtamtlicher Stellung! Ach lieber Freund, es wird die Empfindung eines Bräutigams sein, Freude und Ärger gemischt, Humor, γένος σπουδογέλοιον, Menippus!
     Im Bewußtsein eines guten Tagewerkes gieng ich zu Bett und überlegte mir die bewußte bei Ritschl aufzuführende Scene: als welche auch am andern Mittag aufgeführt wurde.
     Als ich nach Hause kam, fand ich einen Zettel, an mich addressirt, mit der kurzen Notiz: Willst Du Richard Wagner kennen lernen, so komme um ¾4 in das Café théâtre. Windisch.
     Diese Neuigkeit verwirrte mir etwas den Kopf, verzeih mir!, so daß ich die eben gehabte Scene ganz vergaß und in einen ziemlichen Wirbel gerieth.
     Ich lief natürlich hin, fand unsern Biederfreund, der mir neue Aufschlüsse gab. Wagner war im strengsten incognito in Leipzig bei seinen Verwandten: die Presse hatte keinen Wind, und alle Dienstboten Brockhausens waren stumm gemacht wie Gräber in Livree. Nun hatte die Schwester Wagners, die Prof. Brockhaus, jene bewußte gescheute Frau, auch ihre gute Freundin, die Ritschelin, ihrem Bruder vorgeführt: wobei sie den Stolz hatte, vor dem Bruder mit der Freundin und vor der Freundin mit dem Bruder zu renommiren, das glückliche Wesen! Wagner spielt in Gegenwart der Frau Ritschl das Meisterlied, das ja auch Dir bekannt ist: und die gute Frau sagt ihm, daß ihr dies Lied schon wohl bekannt sei, mea opera. Freude und Verwunderung Wagners: giebt allerhöchsten Willen kund, mich incognito kennen zu lernen. Ich sollte für Freitag Abend eingeladen werden: Windisch aber setzt auseinander, daß ich verhindert sei durch Amt, Pflicht, Versprechen: also schlägt man Sonnabend Nachmittag vor. Windisch und ich liefen also hin, fanden die Familie des Professors, aber Richard nicht, der mit einem ungeheuren Hute auf dem großen Schädel ausgegangen war. Hier lernte ich also besagte vortreffliche Familie kennen und bekam eine liebenswürdige Einladung für Sonntag Abend.
     Meine Stimmung war wirklich an diesen Tagen etwas romanhaft; gieb mir zu, daß Einleitung dieser Bekanntschaft, bei der großen Unnahbarkeit des Sonderlings, etwas an das Mährchen streifte.
     In der Meinung, daß eine große Gesellschaft geladen sei, beschloß ich große Toilette zu machen und war froh, daß gerade für den Sonntag mein Schneider mir einen fertigen Ballanzug versprochen hatte. Es war ein schrecklicher Regen- und Schneetag, man schauderte, ins Freie zu gehn, und so war ich denn zufrieden, daß mich Nachmittags Roscherchen besuchte, mir etwas von den Eleaten erzählte und von dem Gott in der Philosophie — denn er behandelt als candidandus den von Ahrens gegebnen Stoff „Entwicklung des Gottbegriffs bis Aristoteles“, während Romundt die Preisaufgabe der Universität „über den Willen“ zu lösen trachtet. — Es dämmerte, der Schneider kam nicht und Roscher gieng. Ich begleitete ihn, suchte den Schneider persönlich auf und fand seine Sclaven heftig mit meinem Anzüge beschäftigt: man versprach, in ¾ Stunden ihn zu schicken. Ich gieng vergnügter Dinge weg, streifte Kintschy, las den Kladderadatsch und fand mit Behagen die Zeitungsnotiz, daß Wagner in der Schweiz sei, daß man aber in München ein schönes Haus für ihn baue: während ich wußte, daß ich ihn heute Abend sehen würde und daß gestern ein Brief vom kleinen König an ihn angekommen sei, mit der Adr.: „an den großen deutschen Tondichter Richard Wagner.“
     Zu Hause fand ich zwar keinen Schneider, las in aller Gemächlichkeit noch die Dissertation über die Eudocia und wurde nur von Zeit zu Zeit durch gellendes, aber aus der Ferne kommendes Läuten beunruhigt. Endlich wurde mir zur Gewißheit, daß an dem altväterlichen eisernen Gitterthor jemand warte: es war verschlossen, eben so wie die Haustür. Ich schrie über den Garten weg dem Manne zu, er solle in das Naundörfchen kommen: unmöglich, sich bei dem Geplätscher des Regens verständlich zu machen. Das Haus gerieth in Aufregung, endlich wurde aufgeschlossen, und ein altes Männchen mit einem Paket kam zu mir. Es war halb 7 Uhr; es war Zeit meine Sachen anzuziehn und Toilette zu machen, da ich sehr weit ab wohne. Richtig, der Mann hat meine Sachen, ich probiere sie an, sie passen. Verdächtige Wendung! Er präsentirt die Rechnung. Ich acceptire höflich: er will bezahlt sein, gleich bei Empfang der Sachen. Ich bin erstaunt, setze ihm auseinander, daß ich gar nichts mit ihm als einem Arbeiter für meinen Schneider zu thun habe, sondern nur mit dem Schneider selbst, dem ich den Auftrag gegeben habe. Der Mann wird dringender, die Zeit wird dringender; ich ergreife die Sachen und beginne sie anzuziehn, der Mann ergreift die Sachen und hindert mich sie anzuziehn: Gewalt meiner Seite, Gewalt seiner Seite! Scene. Ich kämpfe im Hemde: denn ich will die neuen Hosen anziehn.
     Endlich Aufwand von Würde, feierliche Drohung, Verwünschung meines Schneiders und seines Helfershelfers, Racheschwur: während dem entfernt sich das Männchen mit meinen Sachen. Ende des 2ten Aktes: ich brüte im Hemde auf dem Sofa und betrachte einen schwarzen Rock, ob er für Richard gut genug ist.
     — Draußen gießt der Regen. —
     Ein viertel auf Acht: um halb acht, habe ich mit Windisch verabredet, wollen wir uns im Theatercafé treffen. Ich stürme in die finstre regnerische Nacht hinaus, auch ein schwarzes Männchen, ohne Frack, doch in gesteigerter Romanstimmung: das Glück ist günstig, selbst die Schneiderscene hat etwas Ungeheuerlich-Unalltägliches.
     Wir kommen in dem sehr behaglichen Salon Brockhaus an: es ist niemand weiter vorhanden als die engste Familie, Richard und wir beide. Ich werde Richard vorgestellt und rede zu ihm einige Worte der Verehrung: er erkundigt sich sehr genau, wie ich mit seiner Musik vertraut geworden sei, schimpft entsetzlich auf alle Aufführungen seiner Opern, mit Ausnahme der berühmten Münchener und macht sich über die Kapellmeister lustig, welche ihrem Orchester im gemüthlichen Tone zurufen: „meine Herren, jetzt wird’s leidenschaftlich“, „Meine Gutsten, noch ein bischen leidenschaftlicher!“ W. imitirt sehr gern den Leipziger Dialekt. —
     Nun will ich Dir in Kürze erzählen, was uns dieser Abend bot, wahrlich Genüße so eigenthümlich pikanter Art, daß ich auch heute noch nicht im alten Gleise bin, sondern eben nichts besseres thun kann, als mit Dir, mein theurer Freund, zu reden und „wundersame Mär“ zu künden. Vor und nach Tisch spielte Wagner und zwar alle wichtigen Stellen der Meistersinger, indem er alle Stimmen imitirte und dabei sehr ausgelassen war. Es ist nämlich ein fabelhaft lebhafter und feuriger Mann, der sehr schnell spricht, sehr witzig ist und eine Gesellschaft dieser privatesten Art ganz heiter macht. Inzwischen hatte ich ein längeres Gespräch mit ihm über Schopenhauer: ach, und Du begreifst es, welcher Genuß es für mich war, ihn mit ganz unbeschreiblicher Wärme von ihm reden zu hören, was er ihm verdanke, wie er der einzige Philosoph sei, der das Wesen der Musik erkannt habe: dann erkundigte er sich, wie sich jetzt die Professoren zu ihm verhalten, lachte sehr über den Philosophencongreß in Prag und sprach „von den philosophischen Dienstmännern.“ Nachher las er ein Stück aus seiner Biographie vor, die er jetzt schreibt, eine überaus ergötzliche Scene aus seinem Leipziger Studienleben, an die ich jetzt noch nicht ohne Gelächter denken kann; er schreibt übrigens außerordentlich gewandt und geistreich. — Am Schluß, als wir beide uns zum Fortgehen anschidtten, drückte er mir sehr warm die Hand und lud mich sehr freundlich ein, ihn zu besuchen, um Musik und Philosophie zu treiben, auch übertrug er mir, seine Schwester und seine Anverwandten mit seiner Musik bekannt zu machen: was ich denn feierlich übernommen habe. — Mehr sollst Du hören, wenn ich diesem Abende etwas objektiver und ferner gegenüberstehe. Heute ein herzliches Lebewohl und beste Wünsche für Deine Gesundheit.

FN.


          Res severa! Res severa! Res severa!

     Mein lieber Freund, ich bitte Dich, direkt an Dr. Klette nach Bonn zu schreiben und (ohne weitere Formen und Gründe) das Manuscript zurückzufordern. Wenigstens würde ich so handeln.
     Die Ritschl’sche Taktlosigkeit ist zu stark: und in der stattgehabten Unterredung trat sie deutlich hervor: so daß ich etwas kühl mit ihm gesprochen habe, was ihn stark choquirte.
     Das ist allerdings Wahrheit, daß das rhein. Mus. jetzt überhäuft ist: und das wird Dir das letzte Heft dieses Jahres bezeugen, das mit 4 Bogen über die gewöhnliche Seitenzahl hinausschießt.
     Daß ich persönlich noch besonders über die Geschichte ärgerlich bin, liegt nahe. War ich es doch, der in bester Absicht und freundschaftlichster Meinung Dir den Vorschlag machte, Dein Mscpt dem rhein. Mus. anzuvertrauen: dem ich damit etwas recht Angenehmes zu erweisen glaubte. Besonders wurmt es mich, wenn ich daran denke, zu welchem Zweck die schöne Abhdl. zunächst bestimmt war.
     Willst Du Dich rächen, so schicke die Schrift an den Hermes; doch bin ich selbst kein Freund einer derartigen Rache. Vom Philologus darf unter diesen Verhältnissen keine Rede sein: und mit Fleckeisens Jbh. steht es ähnlich wie mit dem rhein. Mus.
     Also lieber Freund, muß ein Verleger gesucht werden (und wenn ich Dir rathen darf, gieb zugleich mit den ὄνος heraus, nach dem von Dir erkannten Handschriftenverhältniß) Natürlich wirst Du einen Verleger am liebsten in Deinem Hamburg suchen: sonst vertraue, daß ich mich mit Eifer nach einem noblen Buchhändler umsehen werde, falls Du mich dazu beauftragst.
     Jedenfalls muß die Sache schnell gehn, ja in Monatsfrist muß das 3—4 Bogen starke Schriftchen gedruckt sein. —
     Liegt Dir nichts an dieser Eile, so läßt sich vielleicht unter uns beiden ein kleiner Plan arrangieren: wir machen ein Buch mitsammen, genannt „Beiträge zur griechischen Literaturgeschichte“ in dem wir einige größere Aufsätze vereinigen (von mir zB. über Demokrits Schriftstellerei, über den homerisch-hesiodischen ἀγὼν, über den Cyniker Menipp) und auch eine Anzahl Miscellen beigeben.
     Was denkst Du dazu?

In treuester Freundschaft und
Theilnahme in rebus secundis
et adversis
der Leipziger Eidylliker.


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BVN-1868,43

An Gustav Krug in Naumburg

Leipz. am 16 Nov. 1868.


Lieber Gustav,

es war schade, daß wir uns neulich nur im Vorüberfliegen und dazu in der feierlichen Athmosphaere eines Kreisgerichtes sehen und sprechen konnten: ein andrer Ort und eine minder amtliche Stimmung würden mir erlaubt haben, Dir von den schönsten Dingen zu erzählen: als zu welchen doch jener Knabe Richard sammt seinen Meistersingern zu rechnen ist.
     Heute nun, bei solenner Gelegenheit, erneuere ich, unter verschiedenen anderen Bitten, auch die, Dich bald einmal hier sehen zu dürfen. Und wenn ich auch augenblicklich von keinem bevorstehenden musikalischen Ereigniß in der Leipziger Welt zu melden habe, so kommen doch solche Ereignisse mit der Sicherheit des Schnees in der Wintersaison. Und Nachricht sollst Du zur rechten Zeit haben.
     In der Behaglichkeit meines jetzigen Lebens, das nichts von der Würde eines Staatsbeamten, noch von der unruhigen Unhäuslichkeit des Studenten an sich hat, empfinde ich den vollen Gegensatz des verflossenen Jahres. Wie anders war dirs, sage ich mir, als du noch voll Schauder in den Pferdestall tratst, aus dem dreckigen Lederranzen die Striegel nahmst, halb Schopenhauer, halb den Unteroffizier im Herzen?
     Scheusliche Erinnerung! Nachbarin euer Fläschchen!
     Wenn Du dagegen wissen willst, wie ich hier lebe, im Umgange mit (alten) Frauen, in der sicheren Empfindung eines zukünftigen Leipziger Dozenten, unter einer Anzahl von Gesinnungsgenossen und Schopenhauerfreunden, wenn Du genauere Wundermär meiner Wagner-bekanntschaft, über Meistersinger- und Tristaneinleitung usw. zu hören Lust hast — so komm zu Deinem alten Freunde, der Lessingstr. 22, 2 Tr. wohnt, Dir seine besten Geburtstagswünsche schickt und unsern glorreichen Freund Wilhelm zu grüßen bittet (ihn, der die betrübende, heilsam’ und übende Prüfung bestanden!)

F. N.


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BVN-1868,44

An Erwin Rohde in Hamburg

Leipzig, am Bußtag [20. November 1868]


Mein lieber Freund,

jetzt wo ich wieder das wimmelnde Philologengezücht unserer Tage aus der Nähe sehe, wo ich das ganze Maulwurfstreiben, die vollen Backentaschen und die blinden Augen, die Freude ob des erbeuteten Wurms und die Gleichgültigkeit gegen die wahren, ja aufdringlichen Probleme des Lebens täglich beobachten muß und nicht nur an der jungen Brut, sondern an den ausgewachsenen Alten: da kommt es mir immer begreiflicher vor, daß wir beide, falls wir nur sonst unserm Genius treu bleiben, nicht ohne mannichfache Anstöße und Quertreibereien unsern Lebensweg gehen werden. Wenn sich Philologe und Mensch nicht völlig decken, so staunt das erwähnte Gezücht erst das Mirakel an, dann ärgert es sich und endlich kratzt, bellt und beißt es: als wovon Du eben ein Beispiel erlebt hast. Denn das ist mir ganz ersichtlich, daß der Dir gespielte Streich durchaus nicht gegen Deine spezielle Leistung gerichtet ist, sondern gegen das Persönliche; und ich lebe der sicheren Hoffnung, bald auch einmal so einen Vorgeschmack von dem zu bekommen, was meiner noch in dieser höllischen Athmosphaere wartet. Aber, lieber Freund, was hat das mit Deinen und meinen Leistungen zu thun, was Andere über unsre Persönlichkeiten urtheilen? Denken wir an Schopenhauer und Richard Wagner, an die unverwüstliche Energie, mit der sie den Glauben an sich unter dem Halloh der ganzen „gebildeten“ Welt aufrecht erhielten; und wenn es nicht erlaubt ist, sich auf deos maximos zu berufen, so bleibt uns immer noch der Trost, daß den Käuzen das Recht zu existieren nicht versagt werden darf (auch dem Käuzchen nicht: cf. beifolg. Photogr.), und daß zwei sich verstehende und herzenseinige Käuze ein fröhliches Schauspiel für die Himmlischen sind.
     Schließlich ist nichts bedauerlicher, als daß gerade jetzt, wo wir anfangen, unsre Lebensanschauung praktisch zu bewähren und der Reihe nach alle Dinge und Verhältnisse, Menschen, Staaten, Studien, Weltgeschichten, Kirchen, Schulen usw. mit unsern Fühlhörnern betasten — daß gerade jetzt so viele Meilen zwischen uns liegen, und daß jeder von uns die halb vergnügliche halb schmerzliche Empfindung, seine Weltanschauung zu verdauen, für sich allein haben muß: eigentlich wäre nichts erquicklicher, als so, wie wir damals bei Kintschy unsre leiblichen Mahlzeiten gemeinsam verdauten, so jetzt zusammen symbolisch einen Nachmittagskaffe zu trinken und von der Mitte unsres Lebenstages aus rückwärts und vorwärts zu schauen.
     Nun, es wird dazu auch in Paris noch nicht zu spät sein: wo die große ἀναγνώρισις unsrer Komödie stattfindet und zwar auf der schönsten Scene der Welt, zwischen den buntesten Coulissen und einer Unzahl glänzender Statisten.
     Ach wie schön ist diese Luftspiegelung! —
     Darum bleibe fern commune Wirklichkeit, schändlich gemeine Empirie, Soll und Haben, Grenzbotennüchternheit — nein, dieser ganze Brief sei nun mit ganzer Seele

          als festlich hoher Gruß

          dem Freunde dargebracht!

          (Er trinkt das Tintefaß aus)

Chor der Asketen:
Selig der Liebende,
Der die betrübende,
Heilsam’ und übende
Prüfung bestanden.


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BVN-1868,45

An Erwin Rohde in Hamburg

[Leipzig, 25.November 1868]
Lessingstr. 22, 2 Tr.


Mein lieber Freund,

heute nur zwei kurze Notizen: erstens hat sich nämlich bereits ein Verleger für Deine Abhandlung gefunden und zwar der ausgezeichnete und wahrhaft dem Wohl der Wissenschaften dienende Dr. Engelmann: so daß Du resp. Dein Jüngstgebornes sich in guten Händen befindet.
     Wenn Du darüber einige Freude empfindest und diese etwa äußern willst, so geh zu Deinem Buchhändler und laß Dir Richard Wagners eben erschienene 2te Ausgabe von „Oper und Drama“ geben; dann setze Dich behaglich an den Ofen und denke, wenn Du schöne Stellen findest — und sie sind unzählig — daß ein guter Freund in Leipzig sich über genau dieselben Stellen ganz kindisch freut.

In steter Treue und
Liebe
Dein nach dem be-
wußten Manuscripte
täglich verlangender
Freund.


Näheres später: heute wenig, aber schnell und gut.


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BVN-1868,46

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Leipzig, Ende November/Anfang Dezember 1868]


Liebe Mutter und Schwester,

ei wie sträflich lange habe ich nichts von mir hören lassen; obwohl meine Schuld nicht so groß ist als sie scheint, da ich inzwischen einmal an Euch geschrieben habe, aber versehensweise den Brief, der fix und fertig war, nicht abgeschickt habe. Jetzt wo ich ihn noch einmal überlese, halte ich es nicht für nöthig, dies geistvolle Machwerk Euch zukommen zu lassen, aber im Auszug will ich mittheilen, was ich in ihm Euch zu erzählen hatte.
     Jener Brief gieng von der Annahme aus, daß meine speziellen Arbeiten resp. ihre Förderung Euch gerechtermaßen wenig Spaß machen könne, dagegen meine plaisirs und Ähnliches resp. ihre Erzählung billigen Anspruch auf Eure Theilnahme hätten. Zu diesen plaisirs rechne ich zB. auch den Empfang Eurer letzten Epistel sammt ihrem poetischen Nachspiel und ihrer prosaischen Beilage. Letztere habe ich, in voller Anerkennung der in ihr bekundeten Fähigkeiten, Wünsche und Absichten, doch ohne eine genauere Prüfung vorzunehmen, in den Kasten gesteckt, als wo sie noch jetzt ungelesen schlummert. Erstere könnte mich erst dann zur Nachahmung reizen, wenn es mir gelingen sollte, in ihren Sinn tiefer einzudringen, als es meinen bescheidenen Kräften bis jetzt möglich war.
     Zuerst will ich registrieren, was an sogenannten Gesellschaften der Winter mir bis jetzt vorgesetzt hat. Also ein Abend neuerdings bei Ritschls, gestern vor 8 Tagen bei Brockhausens mit viel Volk, Männchen und Weibchen; heute Einladung bekommen zum nächsten Professorium, wiederum von Brockhausens. Morgen angenehmes Mittagsessen mit den soeurs Klemm; in nächster Woche von mir arrangirter Herrenabend in meiner Wohnung, eingeladen werden alle, die mir Besuche gemacht haben. Vorigen Donnerstag war ich im Gewandhause, Billet bekommen von Brockhausens. Sonntag Nachmittag bin ich im Rosenthale herumgaloppirt; ich reite wieder, und ohne Beschwerde.
     Weihnachten also, wie ich schon neulich erwähnt habe, kann ich nur auf kurze Zeit nach Naumburg kommen, da ich in vielen Studien drin stecke. Was die Geschenke betrifft, so bitte ich um Entschuldigung, wenn ich unmöglich die gewünschten Lieder niederschreiben kann, weil mir zu allen der Text, zu einigen sogar die Musik fehlt. Meine eignen Wünsche müssen fachmäßig sein; doch brauche ich soviel, daß ich lieber nichts schreiben will, und es dem weiblichen Spürsinn überlassen bleiben soll, sich zu quälen und schließlich zu wählen.
     Rohde hat länger zu leiden gehabt an seinem schleichenden Fieber, Windisch ist bis über die Ohren beschäftigt und der gute Einsiedel (der schon länger an der Brust litt) in diesen Wochen gestorben. —
     Laßt es Euch wohl gehn und denkt gelegentlich an

Euren Sohn und Bruder
F.N.


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BVN-1868,47

An Erwin Rohde in Hamburg

Leipzig Lessingstr. 22, 2 Treppen
[9. Dezember 1868]


Mein lieber Freund,

immer noch kann ich Dir nichts Näheres über die Bedingungen Engelmanns schreiben, weil besagter Krieger nach Berlin verreist ist. Jedenfalls hat er sich bereit erklärt, das Manuscript anzunehmen: und damit ist ja die Hauptsache erledigt. Wie lange (dh. wie kurz) der Druck dauert, wie viel Freiexemplare er Dir zugesteht, berichte ich so bald ich es weiß. Übrigens verdiene ich in dieser Sache kein Atömchen von Dank; denn derjenige, der den Gang zu Engelmann gemacht hat, weil er mehr persönliche Autorität hat als ich ἀνώνυμος, ist unser vortrefflicher Windisch. Wenn dieser Gang übrigens fehlgeschlagen wäre, so waren die Aussichten für den braven ὌΝΟΣ sehr böse: denn mit solchen Broschüren von 3—4 Bogen macht man kein Geschäftchen, und deshalb nehmen Teubner und Gesinnungsgenossen derartige Sachen principiell nicht an. Also Ehre dem Engelmann und Dank dem Papa Windisch.
     Beim nochmaligen Durchblick Deiner Arbeit habe ich mich nochmalig über die blöden Augen derer geärgert, die sie bisjetzt in den Klauen hatten. Insbesondere auch darüber, daß dieselben Augen an der Knautischen Eselei Wunder etwas Verdienstliches sahen. Aber aus diesen Augen sah der schlechte Wille, es war eben der böse Blick, der Deiner Arbeit und Dir so feindlich entgegenarbeitete.
     Beiläufig, willst Du, daß ich Deine Arbeit im Centralblatt zur Anzeige bringe, oder liegt Dir mehr daran, daß ein dritter (wahrscheinlich Bursian) oculis integris sich darüber äußert? — Come voi volete. —
     Nach diesem geschäftlichen Vorspiel darf ich Dir ja wohl einiges von meinem jetzigen Treiben erzählen und zwar zunächst — a bove principium — von meinem philologischen. Seitdem ich wieder hier bin, habe ich sträflich hin und her geschwankt zwischen denen Arbeiten, die irgendwann einmal fertig werden sollen, die aber in einer bestimmten Folge, nicht aber durcheinander vorgenommen werden müssen. Daß ich das kleine Schriftchen περὶ Ἡσιόδου καὶ Ὁμήρου καὶ τοῦ γένους καὶ ἀγῶνος αὐτῶν neu herausgeben will, weißt Du; ebenfalls daß sich daran eine Erörterung homerischer Traditionsfragen anschließen soll. Im Punkte der letzteren hatte ich das Malheur, an einer gewissen sehr wichtigen Stelle mich selbst nicht mehr überzeugen zu können: mein guter Sänger Homer, den ich mit allen fünf Fingern festzuhalten glaubte, zerrann mir eines schönen Morgens wie ein Gespenst; jetzt ist er wieder ein mythisches Scheusal, das die seltsamsten Transformationen durchgemacht hat: welche darzustellen eine Aufgabe für Strauß und ähnliche Talente wäre. — Dies hat mir die Sache jetzt etwas verleidet, und ich habe sie darum zurückgelegt: immerhin kommt übrigens bei meiner Betrachtungsart genug heraus, um mir diese ganze Region stets interessant und werth zu machen. Von der Leidener Bibliothek bekam ich auf meine Bitte von Herrn Du Rieu die Handschrift, die das Apographum Henrici Stephani enthält, von Florenz erwarte ich eine neue Collation.
     Im Anfang November habe ich über den sonderbaren Kauz Menippus im Verein gesprochen: seine Zeit ist, von 4—6 Ausgangspunkten aus, von mir auf c. 280 a. C. n. fixiert worden und Probus in dem vielberedeten Zeugniß über die Varronischen Satiren hat wieder Recht. Varro’s Jugend fällt also nicht, wie Oehler Roeper Bernhardy Riese etc. meinen, in das Alter des Menipp. Der Lucianische Menipp ist der um 280 lebende; die Scholien machen allerdings einmal eine Dummheit, aus Reminiszenzen an den Philostrateischen Menipp, mit dem Apollonius in Korinth zusammentrifft.
     Jetzt nun mache ich wieder Abderitenstreiche und verwerthe dabei meine allmählich etwas abgelagerten Laertiusansichten. Hierbei ist mir mancherlei geglückt, ja ich komme zu der Meinung, daß bei solchen Arbeiten viel mehr ein gewisser philologischer Witz, eine sprunghafte Vergleichung Versteckter Analogien und die Fähigkeit, paradoxe Fragen zu thun vorwärts hilft, als die strenge Methodik, die überall erst am Platze ist, wo die geistige Hauptarbeit bereits abgethan ist.
     Also diese Democritea sollen den index des Thrasyll seiner Form und Intention nach herstellen: und zugleich für eine spätere Sammlung der Demokritischen Fragmente (Mullach ist ein nachlässiges Hornvieh) durch Untersuchungen über Unechtheiten, ältere pinakographische Anordnungen, durch Zerlegung der Laertianischen vita des Democrit usw. die Grundlage geben. Mir persönlich gefällt die Gestalt des Democrit gewaltig, freilich habe ich sie mir ganz neu reconstruirt, da unsre Philosophiehistoriker weder ihm noch Epikur je gerecht werden können, weil sie frumb sind und rechte Juden vor dem Herrn; am allerwenigsten aber der weibische, geistreichelnde, unwahre und unklare Schleiermacher, den man überall bis zum Ekel lobt oder tadelt, beides mit möglichster Bornirtheit; die Wahrheit liegt eben nicht in der Mitte, sondern ganz wo anders. — Am 22 Februar 1888 feiern auch wir ein hundertjähriges Jubiläum: wir wissen auch warum.—
     Da fällt mir zufällig ein, daß ich gar nicht weiß, wann Dein Geburtstag ist. Doch möchte ich es gerne wissen.
     Nun noch einige Lipsiensia. Hier ist endlich auch Laube eingetroffen, mit einer Bullenbeißerphysiognomie, aber wie es scheint, mit viel praktischem Talent und gehöriger Energie. Übrigens auch mit seiner Frau, die ein ganz unmenschlich verdienstvolles Weib sein soll. Laube hat sich bei dem Gartenlauben-Keil eingemiethet und scheint ein großes Haus machen zu wollen. Seine Thätigkeit ist schon jetzt eine ganz ungewöhnliche, jede Zeitung berichtet von neuen Engagements, den Schauspielern droht er mit schrecklich viel Proben, die Studenten kirrt er durch billigere Preise; zugleich wird das alte Theater zugerichtet zu Lustspiel und Posse. Übrigens hat er aus Hamburg eine Primadonna engagirt, ein Fr. Schneider: wer, was und wie ist sie? —Γλαυκίδιον hat bereits von ihm 100 Th. Zulage bekommen (so daß sie jetzt 500 Thl. Gage hat) und auch im Übrigen laudes und Hoffnungen. Vorigen Sonntag war besagtes Wesen sammt ihrer hübschen Schwester bei uns zu Tisch: und im Laufe des Nachmittags war ich und meine Stube so glücklich, diese Weiblein, welche emsig mit Weihnachtsarbeiten beschäftigt waren, eine Stunde zu beherbergen. Und es war eitel γέλως und γλυκύτης.
     — Jeder Deiner Briefe beweist mir, daß es eigentlich jammerschade ist um all die schöne Zeit, die wir nicht zusammen verleben, also zB. um den gegenwärtigen Winter, der mir zwar alle möglichen Anregungen und Vergnügungen im Leipziger Stile bietet, der mir aber den direkten und täglichen Umgang mit einem Weltanschauungsbruder versagt hat; ich müßte denn den guten Romundt nennen, der Dir gewiß auch gefallen würde, im Gegensatz zu manchen sehr alltäglichen aber gelehrten Köpfen, die mit Selbgefühl auf jene seltsame Complexion von Einsicht, Wollen und Nichtkönnen herabsehn, die sich Romundt nennen läßt. — Wie sehr wir beide dieselbe Straße ziehn, ist mir wieder an einem wirklich amüsanten Syndironismus klar geworden; wir trieben nämlich genau zur selben Zeit Romantik und sogen mit gieriger Nase anheimelnde und verwandte Düfte, ohne daß der eine von des andern immerhin abnormer Beschäftigung wußte. So etwas Zufall zu nennen wäre Sünde wider den heiligen Geist Schopenhauers. Nach diesem Vorfalle und überhaupt nach den ganz erstaunlichen Ähnlichkeiten Deiner von mir immer mit dankbarem Herzen und üppigem Behagen genossenen Briefe und meiner derzeitigen Gedankengänge habe ich auch die feste Zuversicht, daß wir uns über einen Genius ganz verstehn werden, der mir wie ein unlösliches Problem erschien und zu dessen Verständniß ich Jahr aus Jahr ein neue Anläufe machte: dieser Genius ist Richard Wagner. Dies ist nun das zweite Beispiel, wo wir, fast unbekümmert um die herrschende und gerade unter Gebildeten gültige Meinung, uns unsre eignen Götzen aufstellen; und man thut schon das zweite Mal diesen Schritt mit mehr Sicherheit und Selbstvertraun.
     Wagner, wie ich ihn jetzt kenne, aus seiner Musik, seinen Dichtungen seiner Aesthetik, zum nicht geringsten Theile aus jenem glücklichen Zusammensein mit ihm, ist die leibhaftigste Illustration dessen, was Schopenhauer ein Genie nennt: ja die Ähnlichkeit all der einzelnen Züge ist in die Augen springend. Ach ich wollte, ich könnte Dir in behaglicher Abendstunde die vielen kleinen Einzelheiten erzählen die ich über ihn, meistens durch seine Schwester, weiß; ich wollte, wir könnten die Dichtungen mit einander lesen (die Romundt so hoch schätzt, daß er R.W. für den bei weitem ersten Dichter der Generation hält, und über die auch Schopenhauer, wie Wagner mir erzählte, sehr gut gedacht hat) wir könnten zusammen den kühnen, ja schwindelnden Gang seiner umstürzenden und aufbauenden Aesthetik gehen, wir könnten endlich uns von dem Gefühlsschwunge seiner Musik wegreißen lassen, von diesem Schopenhauerischen Tonmeere, dessen geheimsten Wellenschlag ich mit empfinde, so daß mein Anhören Wagnerischer Musik eine jubelnde Intuition, ja ein staunendes Sichselbstfinden ist.
     Das alles aber mit einem Freunde wie Du bist zu genießen ist mir wirklich ein glühendes Bedürfniß, so daß ich mit Begierde der Zeit gedenke, die uns wieder zusammen führt. Bleibe sie nicht zu fern!

In treuer Freundschaft
Dein
Friedrich Nietzsche.


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babrak

BVN-1868,48

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Leipzig, Mitte Dezember 1868]


Liebe Mutter

natürlich gehe ich auf die weihnachtlichen Propositionen betreffs Lisbeth ein: obwohl die „Schürze“ kein recht brüderliches Geschenk ist, und ein hübscher Fächer (von mir und der Professorin ausgesucht) schon seit Tagen in meinem Besitz ist. Indessen wird man letzteren leicht los: und auch an die Schürze werde ich mich gewöhnen, sowie an das Wildermuthsche Buch, falls die Bestellung mit der nöthigen Heimlichkeit vor sich gegangen ist. — Zum Schmucke des doch wohl vorauszusetzenden Christbaumes werde ich einige Lichterträger mitbringen, ebenfalls einige Papiersachen, Blumen etc, die der Knabe Karl für mich gemacht hat.
     Was mein Kommen betrifft, so werde ich genau Ankunft und Abgang bezeichnen: Donnerstag Mittag erscheine ich, Sonntag Abend verschwinde ich. Mehr wäre aus allen möglichen Gründen vom Übel.
     Ich bin sehr beschäftigt und muß auch wirklich meine Geschäfte ein wenig voranstellen. Darum entschuldige bestens kurze Briefe und kurze Besuche. Es wird schon einmal besser werden. — Übrigens geht hinreichend spazieren

Dein Sohn
Fritz.


Liebe Lisbeth,

Du hast unumschränkte Vollmacht in Betreff des für — bestimmten Geschenkes: wie ich Dir dies schon mündlich sagte. Mehr zu sagen, verbietet der Ort — und meine Zeit.

Auf fröhliches Wiedersehn
Dein Geschwister F. —


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babrak

BVN-1868,49

An Erwin Rohde in Hamburg

[Leipzig,] Am 22 Dezember. [1868]


Mein lieber Freund,

ich denke Dir mit den wenigen nachfolgenden Zeilen eine kleine Weihnachtsfreude machen zu können: und deshalb beeile mich und bin etwas kurzathmig.
     Eben war ich bei dem guten Windisch, um mir Auskunft zu erbitten über die Schicksale Deines Schriftchens, das ich ganz in Windisch’ Hände gegeben hatte. Und siehe: ich fand bereits einen Druckbogen vor, der sehnlich auf die Correktur wartete. Und siehe! kaum war ich eine halbe Stunde bei W. heimisch geworden als ein frecher Buchdruckerjunge kam und den zweiten Bogen brachte. Betreffendem Buben habe ich schleunig meine Addresse gegeben, da ich die Correktur — unter den obwaltenden Umständen — zu übernehmen bereit war. Dies that ich freilich ohne die Autorisation des Autors: indeß was war zu machen bei dieser engelmännischen Behendigkeit? So bitte ich denn um Deine nachträgliche Genehmigung: sorgsam werde ich übrigens sein. — So ist denn zu hoffen, daß noch im Laufe des alten Jahres die Drucklegung beendet ist.
     Folgt genauere Beschreibung der Bogen.
     Format das der Ritschelschen opuscula, lateinische Buchstaben: 35 Zeilen auf der Seite: somit ein sehr anständiges Äußere. Bogen I umfaßt die Seiten 1—34 Deiner Arbeit, Bogen II 35— 70. Somit werden es ungefähr 4 Bogen werden.
     Engelmann wünscht Dich persönlich kennen zu lernen und bittet Dich, wenn Du durch Leipzig kommst, ihn zu besuchen. Du wirst an ihm einen nobeln Verleger haben. Übrigens weiß ich gar nichts von Bedingungen, die er gemacht hätte; und Du kannst ihm schließlich vertrauen, daß er Dir die nöthige Anzahl Freiexemplare zustellt.
     Ach wie bin ich selbst froh, daß diese Sache so geglückt ist, da sich niemand mehr — Du nicht ausgenommen — über das Mißlingen geärgert haben würde als ich: habe ich doch die Verantwortung dafür zu tragen, daß ich Dir zu dem Rhein. Museum rieth, und daß dieser Rath so übele und verdrießliche Früchte trug.—
     Weihnachten, liebster Freund, ist vor der Tür: einsam leb ich für und für: schreib mir bald, das dank ich Dir , doch so kurz nicht als ich hier.

In treuster Treue
Dein
Friedr. Nietzsche.


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de/nietzsche/briefe/1868/1868.txt · Last modified: 2017/02/11 09:09 by babrak