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Aphorisms -- in context.

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de:nietzsche:briefe:1868:bvn-1868_10

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de:nietzsche:briefe:1868:bvn-1868_10 [2015/10/14 17:18] (current)
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 +====== BVN-1868,10 ======
 +==== An Paul Deussen in Berlin ====
  
 +<WRAP right>​[Naumburg,​ Ende April/​Anfang Mai 1868]</​WRAP>​\\
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 +Mein lieber Freund,
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 +Deinen letzten Brief empfieng ich unter den heftigsten Schmerzen; ein paar Stunden darnach war meine Besinnung weg. Beides war nicht etwa Folge eines verborgenen Giftes, das aus Deinem Briefe auf mich übergieng und mich betäubte; zu meinem Glücke habe ich ja keine so gefährlichen Freunde (oder meinst Du, daß Schopenhauer zu dieser Gattung freundschaftlicher Giftmischer gehört? —)\\
 +<​tab>​Aus Deinen Briefen kann ich eigentlich nicht ersehn, ob ich Dir jemals mitgetheilt habe, daß ich seit Oktober Soldat und zwar Artillerist bin. Sollte ich vergessen haben es zu erwähnen, so entschuldige dies mit der sonderbar philosophischen Manier unsres Briefwechsels.\\
 +<​tab>​In diesem Dienste des Mars also habe ich mir einige Brustmuskeln zerrissen und dadurch eine längere und schwerere Krankheit herbeigeführt,​ die auch jetzt noch nicht gehoben ist. Ich habe keine Lust, Dich mit den Details einer ungeheuren Eiterung, krampfhafter Ausdehnung der Brust- und Rückenbänder usw. zu belästigen. Genug, ich war durch Krankenlager und Schmerz sehr elend geworden; allmählich komme ich wieder zu Kräften.\\
 +<​tab>​Genau im Anfang dieser unterbrechenden Krankheit empfieng ich Deinen Brief; und ich las ihn erfreut, aber mit klappernden Zähnen. Wenn Du berechnest, wann Dein letzter Brief geschrieben wurde, so weißt Du auch, wie lange schon ich leidend bin.\\
 +<​tab>​Was mir nun in Deinem Sendschreiben am meisten gefallen hat, ist der heitere, selbstvergnügte Ton, der sehr vortheilhaft gegen das düstere Colorit Deiner Bonner und Tübinger Ergüsse absticht. Das „Greisenhafte“ schwindet: so ist Dein Ausdruck dafür, der sehr charakteristisch ist. Andere Leute würden sagen „das Jugendliche schwindet“ Nun darüber kein Streit.\\
 +<​tab>​In Bezug auf diesen heitern Ton erlaube ich mir nun einen Vorschlag zu machen. Sollten wir nicht endlich genug haben an den philosophischen Quertreibereien,​ deren Scene bisjetzt unsre Briefe waren. Ein Zusammenklang ist bis jetzt nicht erfolgt: warum sollen wir ewig auf den nicht zusammenstimmenden Saiten spielen? Dein letzter Brief z.B. verwirft meinen Standpunkt der Resignation als unjugendlich scil. greisenhaft:​ dagegen habe ich keine Waffe. Was Du aber hinzufügst,​ daß Resignation nur dann berechtigt sein wird, wo sie sich — wie bei Kant — auf eine feste Überzeugung über den Umfang unsres Erkenntnißvermögens etc. gründet, ist eine sehr gute Äußerung. Wer aber den Gang der einschlägigen Untersuchungen,​ vornehmlich der physiologischen seit Kant, im Auge hat, der kann gar keinen Zweifel darüber haben, daß jene Grenzen so sicher und unfehlbar ermittelt sind, daß außer den Theologen, einigen Philosophieprofessoren und dem vulgus niemand sich hier mehr Einbildungen macht. Das Reich der Metaphysik, somit die Provinz der „absoluten“ Wahrheit ist unweigerlich in eine Reihe mit Poesie und Religion gerückt worden. Wer etwas wissen will, begnügt sich jetzt mit einer bewußten Relativität des Wissens — wie z. B. alle namhaften Naturforscher. Metaphysik gehört also bei einigen Menschen ins Gebiet der Gemüthsbedürfnisse,​ ist wesentlich Erbauung: andernseits ist sie Kunst, nämlich die der Begriffsdichtung;​ festzuhalten aber ist, daß Metaphysik weder als Religion noch als Kunst etwas mit dem sogenannten „An sich Wahren oder Seienden“ zu thun hat.\\
 +<​tab>​Wenn Du übrigens Ende dieses Jahres meine Doktordissertation bekommst, so wird Dir mehreres aufstoßen, was diesen Punkt der Erkenntnißgrenzen erläutert. Mein Thema ist „der Begriff des Organischen seit Kant“ halb philosophisch,​ halb naturwissenschaftlich. Meine Vorarbeiten sind ziemlich fertig.\\
 +<​tab>​Also,​ lieber Freund, lassen wir fürderhin dies philosophische πάθος unsrer Briefe bei Seite. Du hast selbst den rechten Ton angeschlagen,​ indem Du mir einen recht philologischen Brief geschrieben hast: wofür ich Dir dankbar bin. Zugleich aber kann ich nicht umhin, mich über die seltsame Methode zu wundern, mit der Du Dir ein Thema zur Behandlung bestimmst. Andre Leute finden ein Problem, entweder von andern schon aufgedeckt, oder durch eignen Scharfsinn aufgespürt und machen sich jetzt dran eine Lösung zu suchen. Du aber schreibst mir, daß das Objekt Deiner Untersuchungen der
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 +<WRAP centre>​Euthydemos</​WRAP>​
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 +sei: gut, das ist ein Arbeitsfeld,​ aber kein Problem. Nun machst Du zwar die Andeutung, daß Dich vornehmlich die Echtheitsfrage beschäftigen werde. Und hier ist der zweite Punkt, wo ich meine Verwunderung aussprechen muß. Beim Zeus, ich bin ein Freund der Kühnheit, wenn es nicht bloß eine Unteroffiziertugend ist, wenn es Kühnheit mit Bewußtsein ist. Die platonische Frage ist augenblicklich ein großartiger Komplex, ein innerlich verwachsenes Gewebe, ein Organismus. Solche Fragen wollen groß behandelt sein; was nützt es da, an einem der äußeren Punkt[e], förmlich an der Haut der Frage sich anzunagen! Was nützt es Schaarschmidt einiger Leichtfertigkeiten und Übertreibungen zu zeihen! Die Untersuchungen sind jetzt schon auf dem höchsten Punkte angelangt: es handelt sich um psychologische Einsichten, es gilt Platos Seelen- und Geistesgang zu reconstruiren und nicht in der verschwommenen Weise von Schleiermacher oder vom alten Steinhart.\\
 +<​tab>​Was die Autorität der Überlieferung betrifft, so bitte ich Dich so freisinnig wie möglich zu sein. Vielleicht habe ich augenblicklich ein besonderes Anrecht darauf, sagen zu dürfen: es giebt keine Autorität für die Verzeichnisse der alexandrinischen Bibliothek; denn ich habe zufällig meine Hauptinteressen in diesen Überlieferungsfragen stecken. Ein jeder der platonischen Dialogen muß nach seinem Verfasser gefragt werden; und wenn er nicht selbst für Plato spricht, so helfen alle Zeugnisse nichts, selbst die des Aristoteles nicht: mit diesen //kann// es nämlich die fürchterliche Bewandniß haben, daß sie erst viel später hinzugeschrieben sind zB. bei der Redaktion des Andronikus. Ja es giebt bestimmte Beispiele solcher eingeschobenen Zeugnisse bei Aristoteles.\\
 +<​tab>​Nun erzähle ich Dir in Kürze von meinen Arbeiten und Absichten. Meinen Aufsatz über Demokrits Schriftstellerei habe ich noch nicht geschrieben:​ ich will die ganze Frage erst wieder aufnehmen, wenn ich einige anschließende Punkte zB. über die διαδοχαί der Philosophen,​ über die Titelmethoden der Alten, über die Väternamen der Philosophen,​ über die Todesarten der Philosophen erledigt habe, also etwa im nächsten Jahre. Einstweilen habe ich alles vorbereitet,​ um einen wunderlichen größeren Aufsatz Ende dieses Jahres fertig zu machen, über Homers und Hesiods Gleichzeitigkeit. Hier kommen zum ersten Male meine homerischen παράδοξα zu Tage; ein θαῦμα βροτοῖσιν,​ das sage ich Dir. Im Ganzen bin ich glücklich über eine Fülle von schönen Combinationen:​ und ich wünsche nur, sie darstellen zu können.\\
 +<​tab>​Unterdessen dh. während meiner Krankheit bin ich auch durch einen sehr gefälligen Brief von Prof Zarncke aufgefordert worden, am litterarischen Centralblatt mitzuarbeiten. Das habe ich denn angenommen, und Du kannst zB. eine kurze Anzeige über Schömanns Theogonie von mir in seiner neusten Nummer finden. —\\
 +<​tab>​Zum Schluß meinen Dank betreffend die angenehme Nachricht von Ernst Schnabels Verheirathung. Wenn Du ihm auch in meinem Namen einmal Glück wünschen willst, so machst Du mir eine besondre Freude. Insgleichen,​ wenn Du Deinen verehrten Angehörigen meine Grüße schickst: endlich wenn Du bald antwortest
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 +<WRAP right>​Deinem Freunde\\
 +Friedrich Nietzsche</​WRAP>​
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 +NB. Laß doch ja die militärische Addresse weg.
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 +===== Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches =====
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 +===== Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen =====
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 +===== Wissenschaftliche Auslegungen =====
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 +===== Weitere Verbindungen =====
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de/nietzsche/briefe/1868/bvn-1868_10.txt · Last modified: 2015/10/14 17:18 by babrak