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de:nietzsche:briefe:1868:bvn-1868_11

BVN-1868,11

An Erwin Rohde in Hamburg

[Naumburg, 3. oder 4. Mai 1868]


Mein lieber Freund,

ich antworte bald: daraus entnimm, wie mich Dein Brief erfreut hat; noch mehr, wie sehr mich die darin berührten Dinge beschäftigen. Dazu kommt, daß heute morgen ein Schreiben von Windisch an mich einlief, ein Schreiben, dem ich eine entschiedene Tragweite für unsre Zukunftspläne zuspreche, obwohl der Schreiber — der Dir übrigens seinen herzlichen Gruß entbietet — davon nichts ahnt. Bevor ich aber Deine Spannung löse, sei erwähnt, was sonst allzuleicht unerwähnt bliebe, daß meine Genesung nur mit hinkendem Fuße vorwärtsschreitet, daß auch jetzt noch die eiternde Wunde am Brustbein offen ist, und daß mir immer noch die Kraft fehlt, rüstig wieder meine militärischen Studien aufzunehmen. Mögen sich Deine theilnehmenden Wünsche, dem Incubus vergleichbar, Nachts auf die Wunde legen: jedenfalls nützen sie mir mehr als Zinksalbe und Pflaster, ja es liegt in ihnen, wie überhaupt in Deinen brieflichen Lebensäußerungen für mich eine stärkende und heilende Magie, eine wirklich medizinische κάθαρσις τῶν παθημάτων.
     Lieber Freund, unser Ritschl-sacellum ist über Nacht ins Wasser gefallen: weshalb? weil wir zu nah ans Wasser gebaut haben. Unsre Aktiengesellschaft löst sich auf, bevor das Kapital zusammen ist, unsre Schlacht ist verloren, bevor sie geliefert ist, da unsre Verbündeten davonlaufen. Ich hatte also kürzlich an Windisch geschrieben und ein wenig den Ernst der einmal angenommnen Commissionsmitgliedschaft betont dh. ihn um einen Brief mit genaueren Auskünften über unsre Mitarbeiter gebeten, auch unter anderem von dem Einzigen erzählt, der seiner Verpflichtung vor dem angesetzten Termine nachgekommen ist. Heute bekam ich die Antwort auf meine Anfragen, eine Antwort mit so vielen Details, daß ich unser Unternehmen als gescheitert betrachte. Urtheile selbst: Windisch selbst, an dessen Arbeit uns begreiflicher Weise viel liegen muß, schildert seine Lage als die jenes bekannten auf dem Dache sitzenden Greises: und sie ist auch darnach. Er ist Lehrer, will sich habilitieren, schreibt zwei Sanskritschriften zu diesem Zwecke, erzieht zwei Kinder, ordnet die verwirrten Angelegenheiten seines kürzlich gestorbenen Vaters und hat schließlich noch einen delikaten Grund, sich gegenwärtig nicht an unserm Projekt zu betheiligen. Dem armen Clemm geht es so schlecht mit seinen Augen, daß wir hier billiger weise nur bemitleiden, nicht Forderungen stellen können. Nun kommt Roscher, ein Menschenkind, das, ganz ins Ohr gesagt, mir immer etwas unzuverlässig erschienen ist: er hat, wie Windisch schreibt, zum Zweck seiner Dissertation, alles Fett aus seinen Klauen gesogen und denkt frecher Weise daran, seine abgestandenen Conjekturen uns resp. Ritschl vorzuwerfen. Windisch dankt, ich auch und zugleich in Deinem Namen. Wie mit Roscher, so steht es auch mit Dreßler, nur daß letzterer gar nichts mehr auszugeben hat, nicht einmal die Scheidemünze einer Conjektur. Es ist eine Misère: diese Menschen! Wie kann man so impotent sein und sich nicht einmal schämen, es einzugestehen! Hier hast Du eine Anzahl Romantitel: „kraftlose Lenden oder der lächelnde Sächser“ „der Conjekturenritt im Lexikon oder Barnum in der Westentasche“ „der kleine Lügner oder die Tapetenfabrik“, der geschickte Aspirant oder der H-Doktor in Leipzig etc.
     Also, lieber Freund, nochmals: unsre Aussichten sind zu nichte: denn auch Kohl hatte, wie ich ihn sprach, noch gar keine Anstalten getroffen, ist überdies Lehrer in Barmen und arbeitet zu langsam. Von Andresen hört man nichts: aber er ist vergleichweise sicher. Windisch räth schließlich, die ganze Angelegenheit ein Paar Jahr ruhen zu lassen: dann würden sich schon mehr Teilnehmer finden. So mag sie denn einschlafen, die gute Sache, für die ich mich sehr interessirt habe und die ich mit Schmerz fahren lasse. Man rechne nur einmal auf die menschliche Uneigennützigkeit, ja nur auf die simple Klugheit: man verrechnet sich. Das will alles mit Stöcken getrieben sein, selbst zu einer Handlung, die ebensosehr dem eignen Ruhm als dem des Lehrers zu Statten kommt.
     Nun also die Folgerungen für uns, lieber Freund!
     Zunächst also darf ich Dir wohl den Vorschlag machen, doch noch einmal eine neue Zukunftskarte zu entwerfen. Ich bin jetzt nämlich nicht mehr daran gebunden, die für Ritschl bestimmte Arbeit zu schreiben: wodurch ich Zeit gewinne. Vielleicht, ja hoffentlich bin ich Weihnachten mit Promotion und Museumsindex fertig; und dann können wir ja unsre Fittige aufheben, um noch Neujahr in Paris zu sein. Nach diesem Plane wäre es nun allerdings gerathen, Deine Promotion bis zu diesem Zeitpunkt ebenfalls ins Werk zu setzen: und Du kannst ja als Dissertation eben jene Quellenstudie verwerthen, die Du jetzt unter den Händen hast.
     Ich selbst fühle mich, was diesen Punkt betrifft, recht unbequem. Im Grunde sind mir sowohl meine Democritea als meine Homerica zu gut zu diesem Zwecke: dh ich möchte sie mir aufsparen zu einer recht gemächlichen Darstellung, die ich vielleicht im Quartier latin vollende, nicht aber diese schönen Stoffe dadurch verwüsten, daß ich sie zerreiße. Zu einer Dissertation sind nämlich beide Themata zu langathmig und zu — deutsch. Nun habe ich zwar eine Zeitlang sogar ein philosophisches Projekt gehabt,ὡς κωλίζων’ (nämlich „über den Begriff des Organischen seit Kant“ zu schreiben) und hiezu auch genug Stoff gesammelt; im Ganzen aber paßt dies Thema gar nicht für den bewußten Zweck, wenn man nicht leichtsinniger als eine Fliege zu Werke gehen will. Schließlich werde ich also eine enger begrenzte philologische Frage behandeln, nämlich die verschiedenen Papas, die die griech. Litterarhistoriker den Dichtern, Philosophen, Rednern usw. zuschreiben, etwas näher beleuchten, nämlich ob sie γόνῳ oder θέσει Papas sind, ob es fingirte Papas sind etc etc. Wenn Dir übrigens Deine Polluxarbeit ebenfalls zu gut zu jener Komödie ist, so empfehle ich Dir noch ein Thema gleichen Ranges: woher es kommt, daß jene Dichter, Philos. etc. bald dieser, bald jener Heimat entsprossen sein sollen. Man macht Rubriken und langweilt sich und andre — womit ja der Zweck erreicht ist.
     Es versteht sich von selbst, daß Deine schöne für Ritschl bestimmte Arbeit unter keinem Preise diesem blödsinnigen Götzen, der Dea Promotio vorgeworfen werden darf. Wenn Du mir erlaubst Dir einen Vorschlag zu machen, so sendest Du mir nächstens als Einlage eines Briefes ein paar Zeilen an Ritschl, in denen Du ihm die bewußte Arbeit für das rhein. Mus. anbietest. Diese Zeilen sammt opus schicke ich dann an Ritschl, mit dem ich nun einmal in „Geschäftsverkehr“ bin. So bleibt es doch immer noch ein Zeichen der Dankbarkeit.
     Übrigens, lieber Freund, bitte ich Dich aufrichtig, Deine Augen fest auf eine einmal einzuschlagende akademische Carrière zu richten: worüber Du allerdings einmal einen festen Beschluß fassen mußt. Hier ist eine ängstliche Selbstprüfung gar nicht an der Stelle: wir müssen einfach, weil wir nicht anders können, weil wir keine entsprechendere Lebenslaufbahn vor uns haben, weil wir uns zu anderen nützlicheren Stellungen einfach den Weg verrannt haben, weil wir gar kein anderes Mittel haben, unsre Constellation von Kräften und Ansichten unsern Mitmenschen nutzbar zu machen als eben den angedeuteten Weg. Schließlich dürfen wir doch nicht für uns leben.
     Sorgen wir nach unserm Theil dafür, daß die jungen Philologen mit der nöthigen Skepsis, frei von Pedanterie und Überschätzung ihres Fachs, als wahre Förderer humanistischer Studien sich gebärden. Soyons de notre siècle, wie die Franzen sagen: ein Standpunkt, den niemand leichter vergißt als der zünftige Philolog.
     Übrigens sei so gefällig, nicht wieder in Verbindung mit Deinem Namen die Herrn Forchhammer Ritter etc zu erwähnen.
     Als zukünftige Universitätsritter müssen wir einiges thun ὥστε γνωρίζεσθαι, also von Zeit zu Zeit unsere Namen in die Zeitschriften bringen, von Paris aus Anekdota in die Welt setzen usw. Nach 1½—2 Jahren habilitieren wir uns in Berlin oder sonstwo und überstehn die Zeit der „destillirten Hoffnungslosigkeit“ das Privatdocententhum σὺν ἐρχομένω. Beiläufig hat mir Ritschl einmal gesagt, daß an philolog. Dozenten jetzt immer Mangel sei. Daß es so sein muß, beweisen die schnellen Beförderungen zB. von Reifferscheid und kürzlich von Riese in Heidelberg.
     Jedenfalls aber gehen wir beide dieser akademischen Zukunft ohne übertriebene Hoffnungen entgegen. Aber ich halte es für möglich, daß in der Stellung eines Professors erstens eine anständige Muße zu selbsteignen Studien, zweitens ein nützlicher Wirkungskreis, endlich eine so wohl politisch als gesellschaftlich leidlich unabhängige Lage gewonnen und behauptet werden kann. Den zuletzt angedeuteten Vortheil haben wir vor jeder Staatscarrière voraus, sei es nun als Jurist oder als Schulmeister.
     Wozu übrigens brauchen wir das sogenannte und übel berüchtigte Staatsexamen zu machen? Ich habe einen zähneklappernden Schauder vor dieser Abnutzung des Gedächtnisses, der Produktionskraft, des eigenartigen Entwicklungstriebes, vor dieser Maschine einer veralteten, alles nivellirenden Regierungsmaxime; ja ich bin überzeugt, daß ich dies Examen nicht machen kann, weil ich nie es können will. Also streichen wir dies Ding auch aus dem Programm unsrer Zukunftsmusik: ist es doch zu unsrer akademischen Laufbahn nicht nöthig.— —
     Nun habe ich alle Punkte erwähnt, auf die mich der Brief Windischs (den ich Dir beilege) geführt hat. Hoffentlich nicht zu Deinem Verdruß. Denn ich habe jetzt keinen sehnlicheren Wunsch als die schönen Bilder eines Pariser Zusammenlebens in die Wirklichkeit übersetzt zu sehn. Wie in Leipzigs Einöden unser Naturgefühl wuchs, so in Naumburg mein Bedürfniß zu freundschaftlichem Austausch.
     Deshalb, lieber Freund, sage mir recht bald einmal, wie Dir meine Zukunftspläne behagen. Für heute ein herzliches Lebewohl.

Fr Nietzsche


Sprich doch Deiner Frau Mutter meine ergebnen Grüße aus.


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de/nietzsche/briefe/1868/bvn-1868_11.txt · Last modified: 2015/10/14 17:27 by babrak