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Aphorisms -- in context.

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de:nietzsche:briefe:1868:bvn-1868_12

BVN-1868,12

An S. Heynemann in Berlin

Naumburg 9 Mai 1868.


Lieber Herr Heynemann,

Sie sollten es doch nicht nöthig haben, sich so förmlich und tot ceremoniis an einen alten guten Leipziger Bekannten zu wenden. Hoffentlich haben Sie diese Leipziger Vergangenheit mit ihrer schönen Gemeinsamkeit wissenschaftlicher Interessen in guter Erinnerung, wie wir sie alle haben; und eben unsre symbola sollte zwischen den also Verbundenen noch ein engeres Band knüpfen.
     Sie sollte es: denn ich darf Ihnen zu meiner eignen Betrübniß nicht verschweigen, daß der schöne Plan, den ich mit solcher Liebe gepflegt habe, nahe daran ist, in alle Winde zu zerstieben.
     Wie ich nämlich aus einem kürzlich eingegangnen Briefe von Windisch ersehe, so löst sich das Gewebe unsres Plans dort zuerst auf, wo es am wenigstens zu erwarten war: nämlich in Leipzig selbst. Es gehört freilich zu allen derartigen Unternehmungen etwas Energie und Selbstverleugnung, andernseits auch Zuverlässigkeit, wenn man einmal sich verpflichtet hat. An diesen drei Eigenschaften scheint es den Sachsen — in unserm Falle sowohl als in der deutschen Politik — zu fehlen.
     Genug, lieber Herr Heynemann; wozu sollte ich Ihnen die unerfreulichen Details mittheilen, wozu sollte ich gar einzelne Namen nennen? Jedenfalls ist jetzt die Zahl der wirklichen Mitarbeiter so gering, daß wir, um uns und unsern Lehrer nicht zu compromittieren, einstweilen unser Unternehmen aufgeben müssen.
     Einstweilen: denn ich werde nicht verfehlen, wenn einige Jahre über das Land gegangen sind, und die Zahl der Leipziger Schüler quantitativ und qualitativ sich vermehrt hat, meinen Plan von Neuem aufzunehmen; und ich hoffe dann bei Ihnen dieselbe schöne Bereitwilligkeit zu finden, die gegenwärtig so vortheilhaft gegen das Benehmen der Leipziger absticht.
     Was nun Ihre fast fertige Arbeit betrifft, so erlaube ich mir Ihnen dasselbe vorzuschlagen, was ich Freund Rohde vorgeschlagen habe: senden Sie selbige Arbeit an Ritschl für das rheinische Museum ein: so machen Sie ihm damit doch wenigstens einen Theil der Freude, die wir verbündeten Symboliker ihm bereiten wollten.
     Ich wünschte wohl Ihnen erfreulichere Dinge melden zu können: aber es steht leider nicht in meiner Hand. Somit bleibt mir nichts übrig, als Ihnen meinen Dank für Ihren Brief auszusprechen, in der Hoffnung, daß eine gefälligere Zukunft die Brücke wieder bauen hilft, deren Zerstörung wir jetzt bedauern.

Freundschaftlichst
Friedrich Nietzsche

z. Z. Gefreiter der 2t. reit.
Batt. des Magdeb. Feldartill.
reg. N. 4.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches

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de/nietzsche/briefe/1868/bvn-1868_12.txt · Last modified: 2015/10/14 17:28 by babrak