aphil.org

Aphorisms -- in context.

User Tools

Site Tools


de:nietzsche:briefe:1868:bvn-1868_15

Differences

This shows you the differences between two versions of the page.

Link to this comparison view

de:nietzsche:briefe:1868:bvn-1868_15 [2015/10/14 17:31] (current)
babrak created
Line 1: Line 1:
 +====== BVN-1868,15 ======
 +==== An Paul Deussen in Oberdreis ====
  
 +<WRAP right>​Naumburg 2 Juni 1868.</​WRAP>​\\
 +
 +Mein lieber Freund,
 +
 +ich setze voraus, daß es Dich weniger Zeit kosten wird, einen Brief zu lesen als zu schreiben und gestatte mir deshalb, Deine tiefe Arbeit auf eine harmlose und vielleicht erquickliche Weise zu unterbrechen. Im Grunde hole ich nur nach was ich kürzlich versäumt habe, als das Pförtner Schulfest lebhafter als je in mir die Hoffnung rege machte, Dich einmal wieder von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Damals lag der Stoff zu den schönsten Unterhaltungen auf meinen Lippen; im festlichen Gewände wartete ich, daß ein wohl bekannter Schritt die Treppe herauf poltern werde — und wartete vergebens. Keiner aus der Schaar meiner Pförtner Bekannten (excepto Schenkio) hat jenes Fest der Beachtung werth gefunden — wie ich es selbst nicht geachtet habe, ja sogar weder beim Empfang der Gäste, noch im Turnsaal oder auf dem Bergtage zugegen gewesen bin. Nun hielt mich zwar vor allem mein durchaus noch nicht gehobenes Leiden zurück, das ich mit allen möglichen Maschinen bekämpfe und das doch hartnäckiger ist als es auch der Laune eines geduldigen Mannes erträglich ist. Im Ganzen ist aber auch die gegenwärtige Pforte für mich kein Gegenstand der Sympathie: wir denken wohl noch gerne an sie wie an eine ehemalige Geliebte, aber mögen doch nicht vergnügt zusehn, wie sich die Abtrünnige mit ihrem neuen Liebhaber amüsirt. Dazu ist dieser Liebhaber auch zu schäbig, vor allem zu schwarz.\\
 +<​tab>​Aus dem Munde des Volkes vernahm ich, daß Du in Deiner Heimat lebtest — und dies erklärte mir hinreichend,​ weshalb Du nicht gekommen warst. Was dieser Mund hinzufügte „Du seist in Aristoteles versenkt“ wird wohl ebenfalls mutato nomine seine Richtigkeit haben. Jedenfalls aber war ich sehr ärgerlich, daß eine so schöne Hoffnung mir zwischen den Fingern zerlaufen war; denn ich hatte mir vorgenommen,​ Dich auf gewaltsame Weise in Naumburg festzuhalten,​ um uns gegenseitig die „wichtigen“ Ergebnisse und Erfahrungen mitzutheilen,​ wie sie junge Leute die am Schlüsse des ersten Drittels ihres Daseins stehen auf dem Herzen zu haben pflegen. Da ist zum Beispiel die große Thatsache eines Bartes und die kleine einer Lebensphilosophie,​ da ist der erhabene Standpunkt eines Cylinders usw. —\\
 +<​tab>​Übrigens fällt mir eben ein, daß es ein böser Dämon vielleicht verhindert hat, daß mein letzter Brief überhaupt in Deine Hände kam. Ich habe ihn nach Berlin unter Deiner alten Addresse geschickt. Er enthielt die Nachricht über meine Erkrankung und etwas Philologie, wenn ich mich recht erinnre. Es ärgert mich immer, wenn ein Brief an meine Freunde verlorengeht:​ denn ich kann es nicht über das Herz bringen, dieselbe Sache zweimal zu besprechen.\\
 +<​tab>​Wenn Du übrigens Deine Heimat wieder verläßt, um in Berlin die Tortur zu erleiden, so zwinge Dich einmal, über Naumburg zu reisen. Hier will ich Dir alle möglichen schönen Zauberformeln ins Ohr sagen, damit Dich der Teufel nicht verschlinge. Einstweilen wünsche ich Dir die hellsten Blicke und die frohste Ausdauer zum Vollbringen Deiner Arbeit. Meine Lebenspläne (an denen freilich das Schicksal, der große Censor, noch viel herumcorrigieren wird) sind zunächst diese. Im nächsten Jahre ist eine Reise nach Paris beabsichtigt,​ wo ich nicht unter einem Jahre zu bleiben gedenke. Meine Freunde Rohde und Dr Kleinpaul begleiten mich. Nachher werde ich mich wahrscheinlich in Leipzig habilitieren,​ wo eben ein andrer Freund Dr Windisch sich für Sanskritbedürfnisse etablirt, und wo ich immer noch durch den blühenden philolog. Verein in einem Verhältniß zur Philologenschaft stehe.\\
 +<​tab>​Nächstens werde ich Dir hoffentlich mein Laertianum und einen andern Aufsatz zuschicken können, die beide im rhein. Mus. gedruckt sind. Letzterer behandelt jenes allerliebste Danaelied, dessen Wohlgeschmack mir noch von Bonn her auf der Zunge liegt. Größere litterarische Absichten wachsen in mir von Tag zu Tag, und ebenso rüste ich mich geistig zu dem Berufe eines Universitätslehrers,​ indem ich viel für mich über die rechte Methode des Lehrens und Lernens, über das Maß und die Bedürfnisse jetziger Philologie nachdenke.\\
 +<​tab>​Soviel über mich. Gestern noch habe ich aber jemand gesprochen, der Dich häufiger getroffen hatte und mir einige Einzelheiten über Deine Studien etc mittheilte. Dies ist Stedtefeld, gegenwärtig Lehrer in Schulpforte. Er klagte etwas über Deinen allzu leicht erregten Enthusiasmus,​ über die Schnelligkeit und Umfänglichkeit Deiner Pläne, denen die nöthige Ausdauer nicht entspräche. Nun, lieber Freund, solche Dinge verzeihe ich am allerersten;​ ja ich lobe diese Fähigkeit, weil sie Dich verhindern wird, in den Sumpf zu fallen, in den so viele junge Philologen gerathen. Sie werden durch das ängstliche Bestreben beunruhigt, möglichst bald auch einmal eine wissenschaftliche That aufweisen zu können und stürzen deshalb wie Wüthende auf einen Schriftsteller,​ der ihnen Gelegenheit und Stoff zu solchen Thaten geben soll. Auch bei diesen armen Ehrgeizigen stat pro ratione voluntas: sie plagt nicht sowohl ein schöpferischer Trieb, als der Wille schöpferisch zu sein. Und wehe der ratio, die erst vom Willen ins Schlepptau genommen wird: Beiläufig sind diese Naturen gerade die prätentiösesten.\\
 +<​tab>​Überhaupt wirst Du finden, daß den meisten Philologen irgendwo eine moralische Verschrobenheit anhaftet. Zum Theil erklärt sich dies sogar physisch, insofern sie gezwungen sind ein Leben gegen die Natur zu führen, ihren Geist mit unsinniger Zufuhr zu überfüttern,​ ihre seelische Entwicklung auf Kosten des Gedächtnisses und des Urtheils zu vernachlässigen. Gerade die schöne Fähigkeit der Begeisterung ist am seltensten unter den jetzigen Philologen: als trauriges Surrogat derselben zeigt sich Selbstüberschätzung und Eitelkeit. Es hat mich geradezu geschmerzt, dies auch von Bernays zu hören, den ich im Ganzen doch als den glänzendsten Vertreter einer Philologie der Zukunft (dh. der nächsten Generation nach Ritschl Haupt Lehrs Bergk Mommsen usw) aufzufassen gewohnt bin. Ähnliches gilt von Lucian Müller, dem begabtesten Gassenjungen unsrer Philologie. Ja man nenne einen beliebigen Namen, man denke an V.Rose oder Ribbeck, oder Bücheier, oder Wachsmuth etc.; überall zeigt sich eine wunderliche Hochachtung des eignen Naturells und Mangel an ächter Begeisterung.\\
 +<​tab>​Wo diese Leute warm werden, wo ihr Wesen, ihre Sprache, ihr Denken in Fluß und Schwung kommt, da ist es das Gefühl ihrer Zeugungskraft:​ sie erwärmen sich als Künstler, nicht als Ethiker. Nur der Ethiker aber kennt die wahre Begeisterung,​ die durch und durch selbstlos ist.\\
 +<​tab>​Nun,​ mein lieber Freund, will ich Dich noch bitten, mir einmal einen recht ausführlichen Brief über Deine Arbeit zu schreiben; ja ich habe gar nichts dagegen, daß Du mir dieselbe zuschickst. Du sollst dann von mir hören, was ein freimüthiger Freund theils zu loben, theils zu tadeln hat. Insbesondere,​ wenn Deine Arbeit etwa die Echtheitsfrage berühren sollte, würde mein Interesse für dieselbe das doppelte sein. Nur verschone mich mit einer Conjekturensammlung.\\
 +<​tab>​Eine musterhafte Arbeit eines Freundes ist noch kürzlich in meinen Händen gewesen, verfaßt von meinem Freunde E. Rohde in Kiel. Mit niemandem in der Welt bin ich so eins sowohl über philosophisch ethische Dinge als über philologische Anforderungen und Wünsche als mit diesem. Seine Abhandlung über „Lucians ὄνος im Verhältniß zu Lucius v[on] Paträ und Apulejus“,​ ist in diesen Tagen an das rheinische Museum abgegangen.\\
 +<​tab>​Übrigens gehört auch Rohde zu den Verführten,​ die in Schopenhauer ihr geistiges Centrum gefunden haben. Meine größte Freude in der letzten Zeit ist die gewesen, hier und da begeisterte Anhänger für diesen Namen geworben zu haben. Was wirst Du sagen, daß zu diesen auch der eminente Oberpfarrer Wenkel gehört, der mit flatternden Fahnen in jenes Lager übergegangen ist? Er gestand mir kürzlich, daß er erst jetzt erfahren habe, was Philosophie ist, und daß was Philosophen außer Kant und Schopenhauer geleistet haben, im Grunde gleich Null ist. Ich erwärme mich förmlich an diesen Flammen der Begeisterung,​ die mich an meine „erste Liebe“ erinnern. Selbst die von Wenkel so hochgeschätzten Männer wie Schleiermacher und Strauß sind für ihn jetzt blaß und farblos geworden.\\
 +<​tab>​Doch wozu erzähle ich Dir das? Gewiß nicht, um Dich ärgerlich zu machen. Im Grunde nur, um Dir zu beweisen, daß mein Geschmack auch in diesem Punkte nicht so paradox ist, wie es mitunter erscheinen mag meinem Freunde
 +
 +<WRAP right>​Paul Deussen</​WRAP>​.
 +
 +<​tab>​Empfiehl mich bestens Deinen verehrten Angehörigen;​ ich denke mitunter mit großem Behagen an Deine Heimat. — Im Übrigen schreib mir bald einmal, addressire nur nach Naumburg: der Brief erreicht mich schon, wenn ich noch das Leben habe. Aber auch dies Flackerding kann einmal auslöschen.
 +
 +----
 +===== Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches =====
 +
 +===== Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen =====
 +
 +===== Wissenschaftliche Auslegungen =====
 +
 +===== Weitere Verbindungen =====
Back to top
de/nietzsche/briefe/1868/bvn-1868_15.txt · Last modified: 2015/10/14 17:31 by babrak