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Aphorisms -- in context.

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de:nietzsche:briefe:1868:bvn-1868_16

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 +====== BVN-1868,16 ======
 +==== An Erwin Rohde in Kiel ====
  
 +<WRAP right>​Naumburg,​ [6.] Juni. [1868]</​WRAP>​\\
 +
 +Mein lieber Freund,
 +
 +gerade die eben verlebten Pfingsttage haben mich auf das lebhafteste und angenehmste an Dich erinnert: der Du um dieselbe Zeit im vorigen Jahre Naumburg besuchtest und mit mir jenes berühmte Problem über die geraden Beine usw auf das eifrigste zu lösen bemüht warst. Wenn ein günstiges Geschick es erlaubt hätte und Du auch dieses Pfingsten in dem stillen Naumburg eingekehrt wärest, so würde ich die Freude gehabt haben, Dir zwei neue und schöne Dinge zeigen zu können: ein gutes Buch und einen neuen Schopenhauerfreund. Außerdem würdest Du auch den vortrefflichen Windisch vorgefunden haben und in ihm eine lebendige Mnemonik unsrer Leipziger Vorzeit. Außerdem brachte letzterer einen direkten Bericht von Fridericus, der sich ebenso lobend über Deinen Aufsatz ausgesprochen hat, wie ich es voraussetzte und selbigen mit Freuden seinem Museum einverleiben wird, so bald es irgend angeht. Der gute Mann soll sich recht wohl befinden: und sein letztes litterarisches Stück, ein plautinisches Glaubensbekenntniß,​ das die Vorrede zum zweiten Opuskelbande bildet und mir in diesen Tagen von ihm zugeschickt wurde, ist in einem sieghaften und sicheren Tone geschrieben. Unser Windisch selbst hat mir in diesen Tagen sehr gefallen; es ist eine von den Naturen, die sich voll und breit entwickeln, deren Streben merkwürdig ganz und unangenagt ist und die anzusehn dasselbe Vergnügen macht wie ein kräftig wachsender Baum. Michaeli wird er sich habilitieren und mit einer Vorlesung über Sanskritgrammatik anfangen, da Brockhaus ihm dies Colleg freundlicher Weise abgetreten hat. Wie aber diese Studien in Leipzig getrieben werden, das beweist am besten das Faktum, daß augenblicklich 66 Studenten dies Colleg hören. Seine Heliandschrift ist allseitig sehr gut beurtheilt worden: seine Stellung in Leipzig muß eine sehr angenehme sein. Übrigens hat er mir viel Lust gemacht, mich ebenfalls einmal in Leipzig zu habilitieren;​ und ich gebe zu, daß die Existenz in der Nähe Ritschls und an der Stätte unsrer besten Erinnerungen mir sehr gefallen will.\\
 +<​tab>​In Leipzig sind auch zu meinem Erstaunen zwei Naturen wieder aufgetaucht,​ die sich früher gerade dort durchaus nicht wohl fühlten, nämlich Wisser und Romundt, ersterer augenscheinlich sehr niedergeschlagen. Ich hoffe bald von beiden näheres zu erfahren. Der Verein besteht noch und zählt 10 Mitglieder, wird aber auch von Nichtmitgliedern stark besucht. Roscher und Dreßler (über den ich völlig Deine Meinung theile) leiten ihn; mein Namensvetter hat kürzlich einen Vortrag über Eudocia gehalten. Hervorgehoben wird ein gewisser Stürenburg. Übrigens ist der Verein mehrere Mal bei öffentlichen Gelegenheiten als Vertreter der philologischen Studentenschaft anerkannt worden. Ein akademisches Lesezimmer steht auch zu erwarten. Der Religionseid ist Dank den Bemühungen Windisch’ und Comp, beseitigt. Auch eine studentische Kranken- und Darlehnkasse wird angestrebt. Die Angelegenheit der Universitätsgerichte hat zu großen studentischen Aufzügen, Prügeleien und Demonstrationen Anlaß gegeben. Alles in Allem: der Gesammtgeist der Leipziger Studentenschaft hebt sich. Der frühere, auch uns noch hinreichend bemerkbar gewordene Mikrokosmos kleinstaatlichen Denkens und Treibens scheint auch in den Universitäten abzusterben.\\
 +<​tab>​Der Zustand Leipzigs führt mich begreiflicher Weise auf den Zustand Bonns, über den ich so eben einige interessante Einzelheiten durch Dr. Stedefeld, einen jungen Pförtner Lehrer und ehemaligen Verbindungsbruder,​ gehört habe. Die Philologie soll arg darniederliegen:​ die Studentenschaft bekommt einen provinziell rheinischen Charakter. Usener ist ein wohlmeinender Biedermann ohne hervorragendes Talent. Bernays verdirbt alles durch seine maßlose und inepte Eitelkeit; er betrachtet sich als ein Schulhaupt und quält alles, was in seine Nähe kommt, so daß er auf dem besten Wege ist, nie einen Schüler zu haben. Dabei ist er im Vortrag unerträglich weitschweifig. Müller erregt die Freude und das Gelächter der jüngeren Studirenden. Das Seminar ist vollständig herabgesunken. Philosophie lebt nicht in Bonns Mauern.\\
 +<​tab>​Aber beim Himmel, lieber Freund, es wird mir lästig einen Ärmel voll Notizen auszuschütten,​ gleich als ob ich an irgend jemand Anderes und nicht an Dich schriebe. Darum will ich auch nicht länger mit dem angekündigten Buche hinter dem Berge halten und eben so wenig mit dem neuen Gesinnungsgenossen. Denn wenn ich Dir diese beiden angenehmen Dinge vorgesetzt habe, muß ich ein ernstes, fast trauriges Lied anstimmen. Aber alle diese Sachen, die ich noch erwähnen will, haben doch einen gemeinsamen Horizont und dürfen Dich an manche Minuten erinnern, wo uns selbst ein Staunen über den gleichen Mollakkord überkam, der aus unsern Seelen zu einer Zeit ertönte. Das Buch erstens heißt „die drei Pfade“ und ist von einem Engländer Herbert Grey geschrieben. Der neue Schopenhauerfreund ist der auch Dir bekannt gewordne Oberpfarrer Wenkel. Ich freue mich erstaunlich über diese Um- und Einkehr und erlebe in der Begeisterungsflamme dieses Mannes von neuem den ersten Rausch der „jungen Liebe“, jene Leipziger Herbsttage, in denen zum ersten Male jene wundersame Schopenhauersche Musik mir das Herz im Tiefsten löste. Wenkel selbst gestand mir, daß er jetzt erst erfahren habe, was Philosophie sei, daß jetzt erst das Leben sich ihm zu erschließen anfange und daß er früher wie im Traume gewandelt sei. Was außer Kant und Schopenhauer die Philosophen geleistet hätten, das schätze er jetzt keinen Deut. Selbst Schleiermacher und seine geliebten Tübinger erscheinen ihm jetzt matt und farblos. Auch er hat jetzt das Bild Schopenhauers in seiner Studirstube aufgehängt. Seine Gespräche haben gar kein anderes und lieberes Objekt als ethische Probleme; wärst Du in Naumburg, so hättest Du das Vergnügen Schopenhauer von der Kanzel herab zu hören. Was mir noch besonders werth ist: Wenkel hat einen mächtigen Respekt vor der Persönlichkeit,​ auch vor der moralischen Sch.’s. Dieser Zuwachs zu unsrer Gemeine ist wirklich ein bedeutender,​ besonders da Wenkel die Fähigkeit hat Begeisterung zu wecken und überall jetzt mit dem Eifer eines Neubekehrten die Leute auf jenen Mann hinweist, dessen Name ihm selbst, als er noch ein Saulus war, gründlich und innerlich mißfiel. —\\
 +<​tab>​Um nun zum Schluß auch von mir zu reden dh. zunächst von meinem Befinden, so ist es mir selbst in trauriger Weise klar geworden, wie arg man lange Zeit in Selbsttäuschung leben kann. Nicht daß meine Krankheit vorüber ist, kann ich Dir melden, sondern daß der schlimmste Stoß wahrscheinlich noch zu erwarten ist. Die Eiterung dauert fort, der Brustbeinknochen ist angegriffen,​ und heute hat mir sogar der Arzt eine Operation in kaum zweifelhafte Nähe gestellt. Es handelt sich nämlich um die Abstoßung eines ganzen Knochenstücks;​ dazu wird man die Weichtheile aufschneiden müssen und dann den angegriffnen Knochen, nämlich das Brustbein „reduzieren“,​ wie sich der Arzt ausdrückte,​ scilicet „absägen“. Ist man aber erst unter dem Messer und der Säge der Operateure, so weißt Du auch, an wie einem dünnen Faden das Ding hängt, so man Leben nennt. Da kommt ein Eiterfieberchen — verloschen ist das kleine Licht. Wunderlich war meine Empfindung, als das erste Knöchlein meines Gebeines plötzlich aus einem Eiterkanal hervorgeschwommen kam, und mir allmählich klar wurde, daß die Pläne der Pariser Reise und der Habilitation möglicherweise unmögliche Dinge sind. Nie wird einem die Hinfälligkeit des Daseins so ad oculos demonstrirt,​ als wenn man so ein Stückchen aus seinem Skelett zu sehen bekommt.\\
 +<​tab>​Übrigens arbeite ich „so lange es Tag ist“ eifrig an philologicis,​ habe zB. kürzlich Ritschl meinen Aufsatz über das Danaelied überschickt und bereite jetzt eben eine Dissertation über quaestiones pinacographicae vor. Überhaupt habe ich die unfreiwillige Muße zu einer größeren Concentration und Aufräumung meiner Studien verwendet; bestimmte Absichten sind in eine bestimmtere Form gegossen worden, überall sprießt es von halb gefühlten Erkenntnissen. Nein, lieber Freund, man rottet mich so schnell noch nicht aus; sollte es aber wider Erwarten geschehn, so schicke ich Dir meine Dissertation „über den Acheron“ direkt aus dem Hades, mit Briefmarken des norddeutschen Bundes. Ja, wie der persische Dichter singt
 +
 +<WRAP centre>​Hast Du gerade Beine? —\\
 +So hab //ich// bald keine? —</​WRAP>​
 +
 +<WRAP right>​FN.</​WRAP>​
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 +===== Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches =====
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 +===== Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen =====
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 +===== Wissenschaftliche Auslegungen =====
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 +===== Weitere Verbindungen =====
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de/nietzsche/briefe/1868/bvn-1868_16.txt · Last modified: 2015/10/14 17:32 by babrak