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de:nietzsche:briefe:1868:bvn-1868_17

BVN-1868,17

An Paul Deussen in Oberdreis

Naumburg 22 Juni. [1868]


Hab Dank, lieber Freund, für die treue Gesinnung, die aus Deinem Briefe spricht, für die Wärme, mit der Du an das Wohl und Wehe meines Lebens denkst, für das schöne Anerbieten, das, wenn es auch abgelehnt werden muß, doch „in seinem eignen Glanze“ strahlt und Deinen herzlichen Willen mir zu helfen und meine Gesundheit zu fördern, hell und deutlich wiederspiegelt. Es geht mir im Ganzen immer noch schlecht genug: ein Knöchelchen nach dem andern kommt aus dem Eiterkanal heraus und zeigt an, daß das Brustbein arg beschädigt ist. Nächsten Donnerstag will ich in Halle den berühmten Operateur Volkmann consultieren und wir wollen hoffen, daß er befriedigende Auskunft giebt.
     Übrigens Anerbieten gegen Anerbieten: Du mußt unweigerlich es so einrichten, daß Du Deine Rückkehr nach Berlin über Naumburg nimmst. Im Grunde wäre es fast Deine Pflicht, Deinen kranken Freund einmal zu besuchen: ja es würde gerade zu abscheulich sein, wenn Du es nicht thätest; und selbst der göttliche Plato würde Dir keine Absolution von dieser Sünde gewähren.
     Was Deine Platostudien betrifft, so unterschätze ich keinen Augenblick die ausgezeichnete bildende Kraft derselben: verzeihe aber dem Philologen, der gelernt hat, daß dort, wo er etwas leisten und schaffen kann, selten gerade die duftigsten Blüthen und die höchsten Genüsse für Geist und Gemüth zu pflücken sind — der die ἄσκησις und die Resignation als unerläßliche Formen im strengen Dienste der „Dame Wissenschaft“ anerkennt — verzeihe mir also, wenn ich zu Deinem Versuche, Dich in die Tiefen der Ideenbildung und zugleich des platonischen Entwicklungsganges zu stürzen, kein fröhliches Gesicht mache. Für Deine Bildung wähle Dir die schwersten und schönsten Probleme, zum Zweck einer Dissertation aber eine ganz bescheidne abgelegne Ecke, nichts mehr. Denkst Du denn, daß mir bei meinen Laertius- und Suidasarbeiten so voll und wohl zu Muthe wird, wie etwa bei der Lektüre des Faust oder Schopenhauers? Wer dienen will, muß mit dem strengsten Dienste anfangen (oft schon deshalb, weil er zunächst nur dem niedrigsten Dienste genügen kann) Wähle Dir ein Untersuchungsfeld mit Resignation, bearbeite es mit Hingebung.
     Da fällt mir ein, daß Du mir aus Deiner reichen Platobibliothek eine kleine Frage beantworten kannst, die mir in diesen Tagen aufstieß. Quinctil. sagt III 1, 10 quem Palameden Plato appellat, Alcidamas Elaites. Dies bezieht sich natürlich auf Phaedr. p. 261 D., aber zugleich ist auch deutlich, daß Quinctil. an dieser Platostelle Ελαΐτικον, nicht Ἐλεάτικον las: das letztere geben die Hdschr.; die Scholien beziehn es auf Zeno. Die Sache ist schon bemerkt, nicht wahr?
     Heute kann ich leider nicht länger schreiben: sage Deiner verehrten Familie alles Gute und bleib selbst was Du immer warst, ein treuer Freund

Deines Freundes
F. N.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches

Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen

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de/nietzsche/briefe/1868/bvn-1868_17.txt · Last modified: 2015/10/14 17:33 by babrak