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de:nietzsche:briefe:1868:bvn-1868_18

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 +====== BVN-1868,18 ======
 +==== An Carl von Gersdorff in Berlin ====
  
 +<WRAP right>​Naumburg a. 22 Juni. 1868</​WRAP>​\\
 +
 +Mein lieber Freund,
 +
 +heute haben mich meine militärischen Kameraden sammt und sonders verlassen; sie sind auf dem Wege nach Magdeburg um sich dort im Schießen zu üben. Somit bin ich ziemlich der einzige bunte Rock in Naumburgs Mauern, ein übrig gebliebener flügellahmer Storch, der mit Neid seine kräftigeren Gefährten von dannen ziehen sieht. Ja, lieber Freund, was auf mannichfach verschlungenem Wege das Gerücht Dir schon zu Ohren gebracht hat, ist zum besten (dh. zum schlechtesten) Theile wahr: meine Kriegerlaufbahn ist nicht gerade glücklich von mir in Scene gesetzt worden.\\
 +<​tab>​Ich hatte den Winter und mit ihm die schwerste und unerquicklichste Hälfte des Dienstes überstanden;​ man hatte mich zum Gefreiten gemacht und war wohl auch mit meinem Gebühren, zufrieden. Ich selbst athmete auf, als die schöneren Tage kamen und ich das Pferd auf dem weiten Exercirplatze tummeln konnte. Zuletzt ritt ich das feurigste und unruhigste Thier der Batterie. Eines Tages mißlingt mir in der Reitstunde ein schnell ausgeführter Sprung aufs Pferd; ich traf mit der Brust hart auf den Vorderzwiesel und spürte in der linken Seite einen zuckenden Riß. Ich ritt ruhig weiter und hielt auch noch anderthalb Tage den wachsenden Schmerz aus. Am zweiten Tage abends aber kamen zwei Ohnmachten und am dritten lag ich fest und wie angenagelt unter den heftigsten Schmerzen und starkem Fieber zu Bett. Er ergab sich durch ärztliche Untersuchung,​ daß ich mir zwei Brustmuskeln zersprengt hatte. Die Folge war ein entzündlicher Zustand des ganzen Muskel- und Bändersystems im Oberkörper und eine mächtige Eiterung, durch die Blutversetzung bei der Zerreißung herbeigeführt. Als etwa nach 8 Tagen ein Schnitt in die Brust gemacht wurde, kamen mehere Tassenköpfe voll Eiter hervorgestürzt. Seit jener Zeit dh. seit //einem Vierteljahr//​ hat die Eiterung nicht aufgehört; natürlich war ich, als ich vom Bett wieder aufstand, so erschöpft, daß ich erst wieder gehen lernen mußte. Der Zustand war kläglich; ich brauchte zum Aufrichten, Gehen, Niederlegen fremde Hülfe und konnte nicht schreiben. Allmählich wurde mein Befinden besser; ich genoß eine stärkende Diät, gieng viel Spazieren und kam wieder zu Kräften. Aber die Wunde blieb offen und die Eiterung nahm kaum ab. Endlich ergab sich, daß der Brustknochen verletzt war, und daß hierin das impedimentum der Genesung liege. Eines Abends erschien auch der erste sichere Bote dieser Thatsache, ein Knöchelchen,​ das der Eiter mit herausgeschwemmt hatte. Das hat sich seitdem wiederholt und steht nach der Aussage der Ärzte noch öfter zu erwarten. Löst sich ein größeres Stück Knochen ab, so muß auch eine leichte Operation vorgenommen werden. Die Sache ist durchaus nicht gefährlich,​ aber langwierig; die Ärzte haben nichts zu thun als die Natur in ihrem Ausscheidungs- und Ergänzungsprozeß zu unterstützen. Dazu mache ich öfter des Tages Einspritzungen mit Kamillenthee und Höllensteinauflösung und bade täglich in warmem Wasser. Von unserm Stabsarzte werde ich in einiger Zeit für „zeitig unbrauchbar“ erklärt werden; und es ist möglich, daß ich eine Schwäche an der betroffnen Stelle immer behalte.\\
 +<​tab>​In nächster Woche will ich einmal nach Halle reisen, um den berühmten Operateur Volkmann zu consultieren. Diese Gelegenheit benutze ich, um das geliebte Leipzig sammt seinen Insassen heimzusuchen. Ich freue mich außerordentlich darauf, den vortrefflichen Ritschl wiederzusehn,​ der, seitdem ich von Leipzig weg bin, immer die liebenswürdigsten Beweise seiner Theilnahme und seines Wohlwollens mir gegeben hat: so daß ein ziemlich regelmäßiges Herüber- und Hinüberschreiben entstanden ist, und nie ein Monat vergeht, wo ich im Ungewissen über sein Befinden bin. Auch, was ich sonst von Leipzig höre, ist für mich voller Genuß: z. B. daß der philologische Verein kräftig zunimmt, daß meine guten philologischen Kameraden sich mit Doktorhüten oder gelehrten Arbeiten schmücken, daß der wunderliche Kauz Romundt mit einer Tragödie schwanger geht, die er im Leipziger Theater aufzuführen hofft, daß Freund Windisch sich unter glänzenden Auspicien in Leipzig habilitieren wird usw.\\
 +<​tab>​Sobald ich wieder die Feder führen konnte, habe ich mich wieder in meine Studien gestürzt, von denen ich Dir durch das zugesandte Danaeliedchen eine Probe gegeben habe. Auf Arbeiten war ich angewiesen, da ich aus begreiflichen Gründen wenig Umgang in Naumburg habe und nur selten einmal Besuch von Volkmann oder Dr Blass (einem Philologen vom Domgymnasio) oder von Stedtefeld bekomme, welcher letztere in Pforte die Stellung eines Adjunkten einnimmt. Auch erfreue ich mich mitunter an dem geistreichen Wenkel, von dem ich Dir auch erzählt habe. Wir sprachen früher viel zusammen über Philosophie etc. und ich konnte ihm, obschon er Hegeling war, meine vollste Hochschätzung nie versagen. Kürzlich, als ich wieder mit ihm zusammentreffe,​ erfahre ich, daß er seit jener Zeit mit vollen flatternden Fahnen in Schopenhauers Lager übergegangen ist und daß er mit begeisterter Wärme allseits und überall auf diesen Genius hinweist. Dies ist ein glänzender Zuwachs zu jener stillen Ketzergemeinde,​ welche Haym die „wunderbaren Heiligen“ zu nennen pflegt. — In Kürze bekommst Du weitere Nachrichten von mir, theurer Freund!
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 +<WRAP right>​F.N.</​WRAP>​
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 +===== Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches =====
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 +===== Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen =====
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 +===== Wissenschaftliche Auslegungen =====
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 +===== Weitere Verbindungen =====
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de/nietzsche/briefe/1868/bvn-1868_18.txt · Last modified: 2015/10/14 17:33 by babrak