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de:nietzsche:briefe:1868:bvn-1868_19

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 +====== BVN-1868,19 ======
 +==== An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg ====
  
 +<WRAP right>​[Wittekind,​ 1. Juli 1868]</​WRAP>​\\
 +
 +Da ich zunächst weder Tinte noch Feder habe und in Wittekind selbst nichts zu haben ist, so muß heute einmal der mitgeschickte Bleistift seinen Dienst thun.\\
 +<​tab>​Als ich gestern gegen 2 Uhr in Wittekind eintraf, wurde ich auf das Unangenehmste überrascht,​ als der p. p. Friedrich mich in die völlig öde, klägliche Stube führte. Dazu war das Wetter regnerisch und kalt, und die theilnahmslose Einsamkeit nach Naumburger und Leipziger Leben doppelt einsam.\\
 +<​tab>​Kaum hatte ich Platz genommen, so kam auch schon ein Besuch, der mich noch verdrießlicher machte. Ernst nämlich, der wieder einige Tage in Halle ist und nach Leipzig will pour éprouver sa fortune, erschien nämlich mit gewohnter commishafter Dreistigkeit;​ ich habe ihn so lange als Gast behandelt, als seine Anforderungen nicht allzu zudringlich wurden; weitere Besuche habe ich mir am Ende mit etwas energischer Höflichkeit verbeten.\\
 +<​tab>​Ich brachte ihn spaziergangsweise nach Halle, traf auf dem Wege auch den Briefträger,​ so daß ich wenigstens mit Bett, Wäsche und Geld augenblicklich versehn bin. In Halle speisten wir zu Abend.\\
 +<​tab>​Es fehlen mir wesentlich Kleider, Stiefeln, Bücher. (Von letzteren schicke mir, liebe Lisbeth, Ueberweg, Geschichte der Philosophie,​ Bernhardy römische Litterat.gesch.,​ Bernhardy griech. Litterat.gesch. (noch uneingebunden.) Krüger griech. Grammatik. Bergk Poetae lyrici Graeci. Schopenhauer,​ Parerga (W. Pinder hat sie) Die Bücher von Pforte schickt nur wieder zurück, (der Name „Volkmann“ oder das Zeichen der Pförtner Bibliothek ist darin)\\
 +<​tab>​Ebenso die Bücher von Domrich mit Ausnahme der Bücher, die ich //​bestellt//​ haben sollte. Er hat mir die meisten zur //Ansicht// geschickt.\\
 +<​tab>​Briefe,​ die an mich addressirt sind, schickt doch ja nach Wittekind. —\\
 +<​tab>​Was nun die Gesundheit betrifft, so habe ich an Volkmann meine Ankunft gemeldet. Die Röthe und die Entzündung ist jetzt viel geringer, aber die Eiterung geht fort. Es fehlt mir an //​Leinwand//​ zu Umschlägen.\\
 +<​tab>​In Leipzig hat es mir außerordentlich gefallen. Bei Roscher habe ich eine Nacht zugebracht, aber nicht mehr, da die schrecklichsten Wanzen mir keine Minute Schlaf gegönnt haben. Im Hotel Dresden habe ich zwei Nächte zugebracht, bei Romundt endlich auch zwei. Überall habe ich Erinnerungen gefeiert. Die größte Theilnahme fand ich aber bei Ritschls, insbesondre bei meiner „treuen Freundin“,​ der Frau Ritschl. Bei ihnen habe ich Sonntags zu Mittag gegessen, und mich bis Nachmittag um 6 sehr wohl gefühlt.\\
 +<​tab>​Windisch,​ der fabelhaft beschäftigt ist, läßt Euch bestens grüßen. Er wird mich in Wittekind besuchen. Im neuen Theater war ich drei mal, in Ritschls Colleg eben so oft. Den philolog. Verein habe ich auch besucht. Den alten Kintschy gleichfalls.\\
 +<​tab>​Heute Mittag habe ich im Kurhause table d’hôte gegessen: vielerlei, aber erstaunlich wenig. Monatlich 12½ Thlr. Bei Tisch war auch Volkmann da, ein sehr heiterer, ja burschikoser Mann, der mir bald nach Tisch seinen ersten Besuch machte. Ich soll also Soole baden, vermischt mit Kreuznacher Mutterlauge;​ und eben damit mache ich meine Umschläge feucht. Essen und Trinken darf ich nach Belieben.\\
 +<​tab>​Ich wünschte nur, daß das Wetter freundlicher wäre und daß ich ein paar Bücher hätte. Ebenso fehlt mir Papier: Kauft es von Jakobi. Schickt mir doch meine componirten Lieder im Lilahefte, sowie das Notenpapier mit, das, so viel ich weiß, im Kasten des Tisches, auf dem die Bücher stehen, zu finden ist. Dazu Goethes Gedichte und den Faust.\\
 +<​tab>​Menschen zum Umgang scheinen nach einer vorläufigen Musterung nicht hier zu sein. Bei Tische saß ein taubstummer Herr zu meiner Rechten und gräßliche weibliche Mißgeburten zu links und vis à vis. Auch bin ich nicht recht in der Stimmung, mit Jedermanns Unterhaltung vorlieb zu nehmen. Wenn man mich nur von Halle aus in Ruhe läßt. Leute mit denen ich nur Gleichgültiges reden, oder mich zanken muß, sind nie nach meinem Geschmack, jetzt am wenigsten.\\
 +<​tab>​Den alten Steinhart werde ich gelegentlich aufsuchen. Auch ein paar jüngere Dozenten, die mir empfohlen sind. Aber ich muß jetzt sehr wählerisch sein, weil ich doch sehr leicht angegriffen werde. Ernst war mir geradezu eine Marter; er wollte auf einige Tage zu mir herausziehn!\\
 +<​tab>​So,​ nun denke ich zunächst Auskunft gegeben zu haben, wie Ihr sie verlangt. Schickt mir nur die gewünschten Dinge auf das Schleunigste.\\
 +<​tab>​Sonnabend schicke ich die Wäsche. —\\
 +<​tab>​Heute Morgen habe ich gebadet. Ihr könnt mir das Plaid und den Strohhut mitschicken;​ man kann beides brauchen.\\
 +<​tab>​Lebt wohl und denkt freundlichst
 +
 +<WRAP right>an Euren\\
 +FN.</​WRAP>​
 +
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 +===== Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches =====
 +
 +===== Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen =====
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 +===== Wissenschaftliche Auslegungen =====
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 +===== Weitere Verbindungen =====
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de/nietzsche/briefe/1868/bvn-1868_19.txt · Last modified: 2015/10/14 17:34 by babrak