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de:nietzsche:briefe:1868:bvn-1868_20

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 +====== BVN-1868,20 ======
 +==== An Sophie Ritschl in Leipzig ====
  
 +<WRAP right>​[Wittekind,​ 2. Juli 1868]</​WRAP>​\\
 +
 +Hochverehrte Frau Geheimräthin,​
 +
 +auch wenn ich das entliehene Buch nicht zurückzuschicken hätte, würden Sie doch heute einen Brief von mir bekommen haben. Dennn [Denn] allzusehr hat mich dieser letzte Sonntag verpflichtet,​ ein Tag von solcher Anmuth und Sonne, daß die Erinnerung an ihn das Beste ist, was ich aus Leipzig mit in mein einsames Bad gebracht habe. Wenn Sie aber einmal, ich weiß nicht durch welchen Genius geleitet, mir Ihre auszeichnende Theilnahme geschenkt haben, so müssen Sie auch geduldig die Folgen tragen, deren erste dieser heutige Brief sein mag.\\
 +<​tab>​Vorgestern Mittag bin ich in dem anmaßlichen Badedorf, das sich Wittekind nennt, eingetroffen;​ es regnete stark, und die Fahnen, die man zum Brunnenfeste aufgesteckt hatte, hingen schlaff und schmutzig herab. Mein Wirth, ein unzweideutiger Gauner mit blauer undurchsichtiger Brille kam mir entgegen und führte mich in das vor 6 Tagen gemiethete Logis, das bis auf ein völlig verschimmeltes Sopha öde war wie ein Gefängnis. Alsbald wurde mir auch deutlich, daß derselbe Wirth für zwei Häuser voller Gäste, also vielleicht für 20—40 Personen, nur //ein// Dienstmädchen im Sold habe. Die nächste Stunde brachte mir schon einen Besuch, aber einen so unangenehmen,​ daß ich ihn nur durch energische Höflichkeit von mir abschütteln konnte. Kurz die ganze Atmosphäre,​ in die ich trat, war frostig, regnerisch und verdrießlich.\\
 +<​tab>​Gestern habe ich etwas die Natur und die Menschheit des Ortes recognoscirt. Bei Tisch wurde mir das Glück zu Theil, in der Nähe eines taubstummen Herrn und einiger wunderbar geformter Frauengestalten zu sitzen. Die Gegend scheint nicht übel; aber vor Regen und Feuchtigkeit kann man keinen Schritt vorwärtsgehen und sehen.\\
 +<​tab>​Volkmann hat mich besucht und mir die hiesigen Bäder verordnet, im Übrigen eine Operation in nahe Aussicht gestellt. —\\
 +<​tab>​Wie danke ich Ihnen, daß Sie mir das Buch Ehlerts mitgaben, ein Buch, das ich am ersten Abend, bei kläglicher Beleuchtung,​ auf dem Schimmelsopha las und mit Vergnügen und innerer Erwärmung las. Böse Menschen könnten sagen, daß das Buch aufgeregt und schlecht geschrieben sei. Aber das Buch eines Musikers ist eben nicht das Buch eines Augenmenschen;​ im Grunde ist es Musik, die zufällig nicht mit Noten, sondern mit Worten geschrieben ist. Ein Maler muß die peinlichste Empfindung bei diesem Bildertrödel haben, der ohne jede Methode zusammengeschleppt ist. Aber ich habe leider Neigung für das pariser Feuilleton, für Heines Reisebilder usw. und esse ein Ragout lieber als einen Rinderbraten. Was hat es mich für Mühe gekostet, ein wissenschaftliches Gesicht zu machen um nüchterne Gedankenfolgen mit der nöthigen Dezenz und alla breve niederzuschreiben. Davon weiß Ihr Herr Gemahl auch ein Lied zu singen (nicht nach der Melodie „Ach lieber Franz, noch“ u.s.w.), der sich sehr über den völligen Mangel an „Stil“ gewundert hat. Schließlich ging es mir wie dem Seemann, der auf dem Lande sich unsichrer fühlt als im bewegten Schiff. Vielleicht finde ich aber einmal einen philologischen Stoff, der sich musikalisch behanden läßt, und dann werde ich stammeln wie ein Säugling und Bilder häufen, wie ein Barbar, der vor einem antiken Venuskopfe einschläft,​ und trotz der „blühenden Eile“ der Darstellung — Recht haben.\\
 +<​tab>​Und Recht hat Ehlert fast allerwärts. Aber vielen Menschen ist die Wahrheit in dieser Harlekinjacke unkenntlich. Uns nicht, die wir kein Blatt dieses Lebens für so ernst halten, in das wir nicht den Scherz als flüchtige Arabeske hineinzeichnen dürften. Und welcher Gott darf sich wundern, wenn wir uns gelegentlich wie Satyrn geberden und ein Leben parodiren, das immer so ernst und pathetisch blickt und den Kothurn am Fuße trägt?\\
 +<​tab>​Daß es mir doch nicht gelingt, meine Neigung zum Mißklang vor Ihnen zu bergen! Nicht wahr, Sie haben davon schon eine erschreckliche Probe? Hier haben Sie die zweite. Die Pferdefüße Wagners und Schopenhauers lassen sich schlecht verstecken. Doch ich werde mich bessern. Und wenn Sie mir wieder einmal etwas zu spielen erlauben sollten, so werde ich meine Erinnerung an den schönen Sonntag in Töne formen und Sie sollen hören, wie Sie es heute lesen, wie hoch diese Erinnerung gilt
 +
 +<WRAP right>​einem schlechten Musikanten u.s.w.\\
 +Friedrich Nietzsche.</​WRAP>​
 +
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 +===== Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches =====
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 +===== Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen =====
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 +===== Wissenschaftliche Auslegungen =====
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 +===== Weitere Verbindungen =====
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de/nietzsche/briefe/1868/bvn-1868_20.txt · Last modified: 2015/10/14 17:34 by babrak