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Aphorisms -- in context.

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de:nietzsche:briefe:1868:bvn-1868_25

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de:nietzsche:briefe:1868:bvn-1868_25 [2015/10/14 17:38] (current)
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 +====== BVN-1868,25 ======
 +==== An Erwin Rohde in Kiel ====
  
 +<WRAP right>​Naumburg 6 Aug. 1868.</​WRAP>​\\
 +
 +Mein lieber Freund,
 +
 +heute darf ich Dir und mir gratulieren,​ Dir als dem glücklichen und vielbewunderten Sieger im akademischen Wettkampfe, mir als dem endlich Genesenen, von dem die Engel singen:
 +
 +<WRAP centre>​Gerettet ist das edle Glied\\
 +Das Brustbein, nun vom Bösen,\\
 +Das immer strebend sich bemüht\\
 +Sich eiternd abzulösen.</​WRAP>​
 +
 +<​tab>​In Leipzig war das Gerücht Deiner Krönung allseitig verbreitet, zugleich mit einem stereotypen Refrain, daß Du Dich in Kiel habilitieren würdest, und daß dies der spezielle Wunsch Ribbecks sei. Vielleicht ist der Ursprung dieses Gerüchtes in dem bekannten Plauderstübchen (Lehmanns Garten N. 2 Mittags 12—1) zu suchen: wo ich wenigstens einem ähnlichen Gerede auf die Spur kam, das mich als den zukünftigen und erwarteten Leipziger Privatdocenten bezeichnet. Trösten wir uns mit einander; man traut’s uns doch wenigstens zu. Aber nichts darf uns abhalten, erst noch ein Jahr in Paris zusammen zu verleben: nachher sei es jedem von uns gestattet, auf einer beliebigen Universität beliebige Irrlehren in beliebige „milchsaugende“ Seelen zu streuen. Vorher aber lernen wir noch die göttliche Kraft des Cancan und üben uns „gelbes Gift“ zu trinken, um später würdig an der Spitze der Civilisation marschiren zu können.\\
 +<​tab>​Beiläufig die Nachricht, daß der Lucianische ὄνος schon einen zweiten Reiter gefunden hat. Da kommt mir ein Schreiben zu von dem kleinen Doktor Roscher, der mir eine Nachricht „von der höchsten Wichtigkeit“ ankündigt, so daß ich sofort (nach meiner neuen leidigen Gewohnheit) blaß werde und mir den Angstschweiß von der Stirne wische. Man höre: es cirkulirt eine Dissertation eines gewissen Knauth in der philologischen Sektion für Doktorexamina in Leipzig, die den von Dir occupirten Stoff ebenfalls behandelt und von Klotz und Ritschl glänzend beurtheilt ist! Roscher stößt einen Hülfsschrei aus, als ob irgend jemand im Begriffe stände ins Wasser zu fallen und zu ertrinken und als ob alle guten Freunde und getreuen Nachbarn heranstürzen müßten, um zu retten. — Glücklicher Mensch, Du hast einen Concurrenten,​ einen leibhaftigen Concurrenten von Fleisch und Bein, während mir kürzlich das Vergnügen zu Theil wurde Bergks Colleg über Theognis zu hören und dabei todtgeschwiegen zu werden, obschon ich mit gezückten Ohren lauschte und Deinem verehrten ὄνος sehr ähnlich ausgesehn haben muß.\\
 +<​tab>​Was Du an dem simonideischen Eiapopeia aussetzest, ist aus meiner Seele geschrieben:​ thue mir nun noch den Gefallen und mache die entsprechende Conjektur (-u), die ich obwohl ich schon seit Jahren darnach suche, nicht auftreiben kann. Sobald sie da ist, werfe ich das ἐμάνη zum Fenster hinaus und schreibe ein Zusätzchen an das rhein. Museum.\\
 +<​tab>​Etwa ὁτε λάρνακα δαιδαλέαν\\
 +<​tab>​ἄνεμός θ᾽ᾗκε πνέων oder τεῖρε πνέων oder τέμνε πνέων?​\\
 +<​tab>​Ich merke eben, daß mein Brief bereits außer Rand und Band ist; aber es wäre wirklich ein Kunststück,​ wenn ich alles das in eine logische Folge bringen wollte, was ich mir vorgenommen habe heute noch zu erwähnen. Gestatte mir, mich der Ziffern zu bedienen.\\
 +<​tab>​1) ein neuer aber echter Schopenhauerfreund\\
 +<​tab>​2) Romundt ὁ τραγῳδός\\
 +<​tab>​3) Clemm in Gießen besuchte mich\\
 +<​tab>​4) und zwar in Wittekind\\
 +<​tab>​5) wohin mich der große Operateur Prof. Volkmann schickte\\
 +<​tab>​6) und das ich seit 3 Tagen gesund verlassen habe.\\
 +<​tab>​7) Frau Ritschl meine intime „Freundin“.\\
 +<​tab>​8) Tonkünstlerversammlung in Altenburg, von mir besucht.\\
 +<​tab><​tab>​Excurs über Wagners Meistersinger.\\
 +<​tab>​9) ich habe wieder componirt: weibliche Einflüsse.\\
 +<​tab>​10) Wittekinder Badekur und -cour.\\
 +<​tab>​11) Ich erwarte täglich Deinen Besuch.\\
 +<​tab>​Zu 1) Mein Freund Gersdorff (Leutnant a.D. eifriger Nationalökonom) berichtet mir folgendes. In Plaue an der Havel, unweit Brandenburg,​ lebt ein Rittergutsbesitzer Wisecke, ein wirklicher Freund Schopenhauers,​ der Einzige, der ein wohlgelungenes Porträt in Öl von dem großen Manne besitzt. Ein echter Schüler, ein vielgebildeter Mann, ein genialer Landwirth, der eine elende Sandscholle in fruchtbares Land umgewandelt hat (Gersdorff berichtet ausführlich über die Methode; Kavalleriemist aus den Berliner Ställen spielt dabei die Hauptrolle) ist er jetzt reich und seines Reichthums würdig; für seine Armen hält er einen eignen Arzt mit 800 Thl. Gehalt etc. Er hat ein gastfreies Haus, einen vorzüglichen Weinkeller, dessen feinste Weine immer nur in einem Pokale kreisen, der dem Manne gehört hat, dessen Genius in diesem Hause waltet. Jeder Besucher empfängt zum Abschiede ein Porträt Schopenhauers und ein Bild von seinem Wohnhause in Frankfurt, wohin Herr Wieseke alljährlich ein[e] Wallfahrt angetreten hat. Seine Charakterschilderungen Schopenhauers entsprechen im Ganzen wenig denen seiner unbedeutenden Freunde, zu denen Wieseke namentlich Frauenstädt „den flachen wässerigen Kopf“ rechnet.\\
 +<​tab>​Zu 2) Der vortreffliche,​ anziehend organisirte Romundt tauchte wieder in Leipzig auf und zwar mit einer Tragödie Mariamne und Herodes, als in welcher ein echauffirtes Frauenzimmer diverse Malheurs anrichtet, ohne unsre affection dabei zu lukrieren. Der poetische Funke in unserem Freunde ist nicht stark genug um Ochsen zu tödten, aber zur Betäubung eines Menschen ausreichend,​ so daß ich ihn inständig gebeten habe seine gefährliche Feuerwerkerei einzustellen. Er ist also zunächst wieder Philologe, schwimmt, so viel ich weiß, in den Gewässern Demokrits (um hier einen Fisch zum Doktorschmause zu fangen) und schwelgt in der Hoffnung, einmal die Regie eines Theaters zu übernehmen.\\
 +<​tab>​Zu 3) Eines Morgens, als ich in Wittekind eine Stunde in Salzlake gesessen hatte und mit der Munterkeit eines neueingesalznen Härings an das Tageslicht sprang, kam mir in der Höhe meines halben Leibes ein freundliches Gesicht entgegen, das dem liebenswerthen Clemm aus Gießen angehörte. Er trägt sein mißliches Geschick und seinen Fuß mit einer rührenden Sanftmuth. Eine lobende Recension seiner Habilitationsschr. wirst Du im Centralblatt gelesen haben. Sie rührt von Georg Curtius her.\\
 +<​tab>​Ich springe gleich zu 11). Ich erinnre mich, da Du im August eine größere Reise machen wolltest, die Dich auch über Naumburg führt. Rechne ein paar Tage auf Naumburg; ich wäre sonst im Stande Dich hier mit Hülfe meiner braven Kanoniere festzuhalten. Hier an Ort und Stelle sollst Du die weiteren Ausführungen der übersprungnen Paragraphen hören. Und was haben wir alles mit einander abzumachen, zu verabreden, zu hoffen etc.\\
 +<​tab>​Heute folgt eine Photographie,​ die mich in einer etwas gewagten Situation darstellt. Im Grunde ist es eine Unhöflichkeit mit gezogenem Säbel vor seine Freunde zu treten und dazu mit einem so saueren bitterbösen Gesicht. Es ist etwas Rohes um so einen Krieger. Aber warum ärgert uns der schlechte Photograph, warum ärgert uns der ganze Lebensplunder so, daß wir nicht mehr aussehn wie frische neugewaschne junge Mädchen? Warum müssen wir immer mit dem Säbel bereit stehn? Und wenn wir nun energisch dem schlechten Photographen zu Leibe wollen, was macht er? Er kriecht hinter seine Kappe und ruft „Jetzt!“\\
 +<​tab>​Adieu,​ lieber Freund! Sage Deiner verehrten Frau Mutter meinen besten Gruß und besuche mich so bald als möglich!
 +
 +<WRAP right>In alter Treue\\
 +Friedrich Nietzsche</​WRAP>​
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 +Auch meine Angehörigen lassen Dich grüßen und freuen sich auf Deinen Besuch.
 +
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 +===== Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches =====
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 +===== Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen =====
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 +===== Wissenschaftliche Auslegungen =====
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 +===== Weitere Verbindungen =====
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de/nietzsche/briefe/1868/bvn-1868_25.txt · Last modified: 2015/10/14 17:38 by babrak