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Aphorisms -- in context.

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de:nietzsche:briefe:1868:bvn-1868_26

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 +====== BVN-1868,26 ======
 +==== An Carl von Gersdorff in Berlin ====
  
 +<WRAP right>​Naumburg 8 Aug. 1868.</​WRAP>​\\
 +
 +Lieber Freund,
 +
 +endlich bekommst Du unbedingt sichere Nachricht über mein Befinden und zwar die beste, die Du wünschen kannst. Ich bin vor wenig Tagen völlig genesen aus dem Bade Wittekind zurückgekehrt,​ wohin ich gereist war, um die Geschicklichkeit und Erfahrung eines ausgezeichneten Operateurs, des Prof. Volkmann in Halle, in Anspruch zu nehmen. Meine Militärärzte waren gefällig und unbefangen genug, mich an diese Autorität zu weisen; schon nach drei Wochen meiner Wittekinder Kur wendete sich der (ziemlich schmerzhafte) Heilungsprozeß so günstig, daß Volkmann mir zur baldigen Genesung gratulieren konnte. Schließlich ist nicht einmal eine Operation nöthig gewesen, obwohl sie lange Zeit als fast unvermeidlich drohte. Lieber Freund, 5 Monate Krankheit, viele langwierige Schmerzen, tiefe Herabstimmungen des Körpers und des Geistes, peinliche Aussichten auf die Zukunft — alles dies ist überwunden;​ eine einzige tiefe mit dem Knochen verwachsene Narbe mitten auf der Brust erinnert mich daran, wie schlimm, ja wie gefährlich mein Zustand war. Wenigstens sagte mir Volkmann, daß, falls die Eiterung noch länger — sie dauerte ein Vierteljahr — angehalten hätte, voraussichtlich Herz oder Lunge ergriffen worden wären.\\
 +<​tab>​Es versteht sich, daß ich jetzt meinen Militärdienst nicht fortsetzen kann; zunächst werde ich für „zeitig unbrauchbar“ erklärt, ja ich wünsche nachgerade, nachdem es mir doch nun einmal unmöglich geworden ist, Landwehroffizier zu werden, langsam aus den Listen der Wehrpflichtigen zu verschwinden.\\
 +<​tab>​So ist es mir denn wieder erlaubt, über meine Zukunft frei zu disponieren:​ und von diesen Arrrangements [Arrangements] darf ich wohl einem treuen und zuverlässigen Freunde Einiges erzählen. Daß ich mich einmal habilitieren will, wirst Du bereits wissen; die Frage nach dem „Wo?“ ist schnell beantwortet,​ nämlich: in Leipzig, dessen akademische und studentische Zustände mir penitus vertraut sind. Dort stehen die Dinge für mich nicht ungünstig, weil die zunächst von mir vertretenen Fächer bei der gegenwärtigen Constellation Leipziger Professoren fast ganz brach liegen, weil aber andernseits ein Interesse für dieselben unter einer regen philologischen Studentenschaft nie aussterben kann. (Ich meine vor allem griechische Literaturgeschichte und griech. Philosophie) Die andre Frage nach dem Wann? kann ich noch nicht beantworten. Sicherer nämlich als die Habilitation — sicherer, weil näher — ist ein andrer Plan, der sich dazwischen schiebt. Ich will nämlich das nächste Jahr in //Paris// zubringen, natürlich ebensowohl aus Humanitätsrücksichten als aus ganz speziell philologischen Gründen.\\
 +<​tab>​Hier kommt nun eine Anfrage an Dich, die ich schon lange im Geiste wälze. Solltest Du nicht ebenfalls im Geiste die Absicht haben, eine längere Zeit an jener Hochschule des Daseins zu studieren? Es ist wahrhaftig eine meiner erquicklichsten Vorstellungen,​ wie wir beide, zusammen mit anderen guten Freunden (wie Rohde, Kleinpaul, Romundt) in Paris das Deutschthum und Schopenhauer repräsentieren. Ich bitte Dich sehr darum, diesen Plan recht sorgfältig zu überlegen; zunächst ist es meine Absicht innerhalb der drei ersten Monate des nächsten Jahres abzureisen.\\
 +<​tab>​Jetzt drängt noch eine Menge von Arbeiten, die erst erledigt werden müssen, ehe ich Deutschland verlassen kann. Größere litterarische Pläne wachsen wie Pilze über Nacht. Ich bin übrigens neuerdings durch freundliche Schreiben der Herausgeber sowohl Mitarbeiter der „Jahrbücher für Philologie“ als des litterarischen Centralblattes geworden; daß ich mich an dem rheinischen Museum für Phil. betheilige, wirst Du aus den zugeschickten Proben gesehen haben. —\\
 +<​tab>​Mit größtem Vergnügen habe ich von dem Herrn Wieseke gehört, den kennen zu lernen für Dich von stärkstem Interesse sein wird. Wie urtheilt er übrigens über den //​Menschen//​ Schopenhauer?​ Gewiß anders, als seine bornirten Nachtreten Solche Schüler wie Frauenstädt sind im Grunde eine beleidigende Grobheit gegen den Meister. Auch Wenkel hat von Anfang an von diesen Schülerköpfen und ihren Charakteristiken ihres Lehrers nichts wissen wollen. —\\
 +<​tab>​Hoffentlich bekomme ich bald eine günstige Antwort auf die Hauptfrage meines heutigen Briefes. In diesem Falle öffnet sich für mich ein weiter und schöner Horizont.\\
 +<​tab>​So lebe denn wohl und denke freundlichst
 +
 +<WRAP right>​Deines treuen\\
 +Freundes\\
 +Friedrich Nietzsche.</​WRAP>​
 +
 +----
 +
 +Kannst Du nicht einmal nach Naumburg kommen? Vielleicht auf Deiner Reise in die Heimat?
 +
 +----
 +===== Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches =====
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 +===== Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen =====
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 +===== Wissenschaftliche Auslegungen =====
 +
 +===== Weitere Verbindungen =====
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de/nietzsche/briefe/1868/bvn-1868_26.txt · Last modified: 2015/10/14 17:39 by babrak