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de:nietzsche:briefe:1868:bvn-1868_3

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 +====== BVN-1868,3 ======
 +==== An Hermann Mushacke in Berlin ====
  
 +<WRAP right>​Naumburg 13 Febr. 1868.</​WRAP>​\\
 +
 +Mein lieber Freund,
 +
 +ein Viertel Jahr ist nun seit jenen Tagen vergangen, wo ich mit bestürzten Mienen und unruhigem Gemüthe vor Dir erschien, eine plötzliche Wendung meines Schicksals halb abwendend, halb gutheißend. Denn das wirst Du mir recht wohl angemerkt haben, daß ich mit einer Art Behagen mich selbst in einen Zustand hineindachte,​ der zwar mancherlei Unbequemlichkeiten in sich schloß, zugleich aber auch von einer Sphaere umgeben war, die Muth, Entschlossenheit und Männlichkeit athmete. Immerhin war das pikante Gericht mir an der Tafel meines Lebens einmal angeboten, und ich war nicht mehr in der Lage es zurückzuweisen;​ genug ich kostete und ich fand es nicht einmal so übelschmeckend. Besonders schmeckte es nach der Verweichlichung,​ die die Lebensweise und die Studienmanier eines Studenten im Gefolge hat. Und so habe ich mich denn gewöhnt, das Militärjahr als eine jener Hülfen zu betrachten, durch die wir einer einseitigen Ausbildung aus dem Wege gehen, vornehmlich aber in ihm ein entschiedenes Gegengift gegen eine steife pedantische engbrüstige Gelehrsamkeit zu finden, wider die ich immer im Kampfe liege, wo ich sie nur auch aufdecken kann.\\
 +<​tab>​Nach diesen allgemeineren Ansichten möchte ich gern von diesem Punkte schweigen; denn da mich jetzt jede Stunde an den Dienst erinnert, so will ich wenigstens in den Plaudereien mit meinen Freunden ihn momentan aus dem Sinn verlieren. Sehr gern nun möchte ich wissen, womit Du, mein lieber Freund, Dich herum schlägst und bis zu welcher Entfernung Du dem drohenden Ungeheuer [ἐξάμην] auf den Leib gerückt bist: was für Arbeiten Du ihm als Köder vorwerfen willst und dergl. Von mir wirst Du über diese Sache nichts zu hören verlangen. Eine größere Arbeit „über Demokrits Schriftstellerei“ klebt seit einem Viertel Jahr zwischen meinen Fingern: und doch kann ich die schöne Form nicht finden, nach der ich suche. Ich bemerke mit Freuden, wie alle meine Studien mit festgewebten Fäden unter einander zusammenhängen;​ und das geschieht vornehmlich deshalb, weil ich bei jeder einzelnen Untersuchung die Perspektive so weit als möglich aufstelle. Übrigens hat man mir in Leipzig die Ehre angethan meine Abhandlung de Laertii Diogenis fontibus zu krönen und zwar auf eine glänzende Weise; jetzt wird sie im rhein. Museum gedruckt. Ich lebte gerade in jener rauhsten Zeit meines Militärjahres,​ mußte Pferde schaben, reinigen und putzen, als mir die Nachricht wie ein angenehmer Nachklang einer schöneren Periode von Leipzig herüberkam. Von dort her höre ich überhaupt nur Gutes. Meine Freunde leben ihr harmloses Leben fort, Ritschl ist gesund und erfreut mich öfter durch heitere Briefe, unser Verein wuchert fröhlich weiter, Kintschy lebt noch usw.\\
 +<​tab>​Wenn ich nur erst wieder frei über meine Zukunft verfügen kann! Dann komme ich gewiß auch ein paar Monate nach Berlin, wenngleich meine Wünsche jetzt gewöhnlich noch weiter eilen, nach dem alles verschlingenden Paris. Immerhin aber ist es doch wahrscheinlich,​ daß ich zu allen möglichen examinösen Zwecken nach Berlin muß. Sollte es aber für Dich nicht eher eine Gelegenheit geben, nach Naumburg zu kommen? Frühling, Universitätsferien,​ Gott!, was für schöne Dinge, von denen ein Kanonier nichts wissen darf! Du findest immer das fröhlichste Willkommen! Heute aber bitte ich nur noch, meine besten Empfehlungen Deinen verehrten Angehörigen sowohl meinerseits als seitens meiner Mutter und Schwester auszurichten.
 +
 +<WRAP right>In treuer Freundschaft\\
 +Dein Fr. Nietzsche.</​WRAP>​
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 +===== Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches =====
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 +===== Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen =====
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 +===== Wissenschaftliche Auslegungen =====
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 +===== Weitere Verbindungen =====
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de/nietzsche/briefe/1868/bvn-1868_3.txt · Last modified: 2015/10/14 17:14 by babrak