aphil.org

Aphorisms -- in context.

User Tools

Site Tools


de:nietzsche:briefe:1868:bvn-1868_30

Differences

This shows you the differences between two versions of the page.

Link to this comparison view

de:nietzsche:briefe:1868:bvn-1868_30 [2015/10/14 17:42] (current)
babrak created
Line 1: Line 1:
 +====== BVN-1868,30 ======
 +==== An Paul Deussen in Oberdreis ====
  
 +<WRAP right>​[Naumburg,​ September 1868]</​WRAP>​\\
 +
 +Mein lieber Freund,
 +
 +ich, der ich mich seit einiger Zeit mit der mulomedicina und Veterinärkunde befasse, will Dir heute zwo junge mulos empfohlen haben, die nach den vada caerula Rheni wandern und von Dir zu erfahren wünschen, wie man am besten, zum Wohl des Herzens und des Beutels, wandert: die Herren Redtel und Fritsch, bekanntlich angenehme junge Männer, als welche Dir viel von Pforte und auch einiges von mir zu erzählen haben werden. —\\
 +<​tab>​Laß ihnen ja nicht entgelten, daß ich im Verlaufe des Briefes etwas räsonnieren werde und denke, daß was Du ihnen sagst und thust, Du mir sagst und thust. —\\
 +<​tab>​Aber,​ lieber Freund, wer wird solch Zeug schreiben! Und fortschicken! An einen Freund wie mich! Dazu nicht einmal in schönem Latein! Wozu also? Ich war wirklich verdrießlich,​ weil durch solche Briefe der gute Ton zwischen uns verletzt wird. Wer wird seine pudenda zeigen? Wer wird Stunden der Erschlaffung zum Briefschreiben an Freunde verwenden? An einen Freund, wie zB. ich bin! Dazu nicht einmal in schönem Latein! Wozu also? — Da capo und mit Indignation in infinitum! —\\
 +<​tab>​Dagegen traf mich Dein früherer Brief in einem fast beweglichen Momente. Als nach fünfwöchentlicher Abwesenheit von Naumburg ich wieder aus meinem Bade zurückkehrte,​ als Genesener in meiner Heimat einzog und meine schön bekränzte Stube unter unzweifelhafter Rührung meiner Angehörigen betrat, da lag Dein Brief auf dem Tische als besondere Festgabe, Aufschlüsse bringend über den dummen Alcidamas, Fragen vorlegend über Christenthum und Platonische Inconsequenz (dies meine Antwort, wie Du sie verlangst, in //einem// Worte) und im Übrigen geschrieben mit dem Accent treuer Freundschaft und dem spiritus asper, den wir nun einmal als in unserem Deussenkopfe hausend kennen gelernt haben.\\
 +<​tab>​Darf ich gleich hier mit der Wahrheit herausrücken?​ Dir fehlt gerade so ein Mann, wie Ritschl, der Dein ingenium dorthin weist, wo es sich fruchtbar erzeigen kann. Es thut mir leid, daß Du so selten die Freude hast, einen tüchtigen Fund zu thun. Ein klein wenig Bär? Ungeschickt?​ Giebt sich mit Plato ab — nun, Du wirst eine Wolke umarmen.\\
 +<​tab>​Glaube mir nur, daß die Fähigkeiten,​ die dazu gehören, um mit Ehren philologisch zu produzieren,​ //​unglaublich//​ gering sind, und daß ein Jeder, an den //​richtigen//​ Platz gestellt, seine Schraube machen lernt. Fleiß vor allem, Kenntnisse zu zweit, Methode zu dritt — dies ist das ABC jedes produzierenden Philologen: vorausgesetzt,​ daß ihn jemand //​dirigirt//​ und ihm eine //Stelle anweist//. Denn das gerade können nur Wenige von selbst. Es giebt eben Arbeitsgeber und Fabrikarbeiter — in diesem Vergleich soll aber nichts Geringschätziges liegen. Denn auch unsre größten philolog. Talente sind nur relativ Arbeitsgeber:​ stellt man sich noch höher und nimmt einen kulturgeschichtlichen Ausblick, so sieht man, daß auch diese Ingenien schließlich nur Fabrikarbeiter sind, nämlich für irgend einen großen philosophischen Halbgott (deren größter in dem ganzen letzten Jahrtausend Schopenhauer ist)\\
 +<​tab>​Verzeih mir diese Parenthesis,​ für die Du gar keine Mitempfindung hast. Aber andre Leute, Wenkel, ich und mein Freund Rohde sind über jene Parenthesis übereingekommen und fühlen eine teuflische Freude, dies allen die es nicht hören mögen, ins Gesicht zu sagen.\\
 +<​tab>​Übrigens habe ich auch den wahren Heiligen der Philologie entdeckt, einen echten und wirklichen Philologen, schließlich Märtyrer (jeder dumme Litteratur[historiker] glaubt ein Recht zu haben, auf ihn zu pissen: dies das Martyrium) Weißt Du, wie er heißt? Wagner, Wagner, Wagner! Ach, ist das ein gefährliches Buch, der Göthische Faust!\\
 +<​tab>​Ich grüße Dich: gedenke meiner, schreibe mir, besuche mich, o Freund Deussen!\\
 +<​tab>​Dies die Casuslehre Deines treuen
 +
 +<WRAP right>F Nietzsche</​WRAP>​
 +
 +----
 +===== Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches =====
 +
 +===== Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen =====
 +
 +===== Wissenschaftliche Auslegungen =====
 +
 +===== Weitere Verbindungen =====
Back to top
de/nietzsche/briefe/1868/bvn-1868_30.txt · Last modified: 2015/10/14 17:42 by babrak