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Aphorisms -- in context.

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de:nietzsche:briefe:1868:bvn-1868_33

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de:nietzsche:briefe:1868:bvn-1868_33 [2015/10/14 17:50] (current)
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 +====== BVN-1868,33 ======
 +==== An Erwin Rohde in Hamburg ====
  
 +<WRAP right>​[Naumburg,​ 8. Oktober 1868]</​WRAP>​\\
 +
 +Mein lieber Freund,
 +
 +jetzt wo ich über ein sehr wechselvolles Jahr zu recapitulieren habe, über ein Jahr voll gemüthlicher und ungemüthlicher Emotionen, voll asketischer und eudämonistischer Erfahrungen,​ ein Jahr begonnen im Pferdestall,​ fortgesetzt im Krankenbett,​ beendet in indicifikatorischer Sclavenarbeit:​ jetzt wo ich zusammenrechne,​ was dies Jahr an guten Momenten, an schönen Hoffnungen, an stillen Gedenkstunden gebracht hat, da käue ich auch mit innigstem Behagen die Empfindung jener erquicklichen Tage wieder, die uns im August zusammenführten,​ und wie eine beglückte Kuh wälze ich mich im Sonnenscheine dieser Erinnerungen.\\
 +<​tab>​Seit dem wir uns damals über Himmel und Erde ausgesprochen haben, ist mir kaum etwas Wichtiges passirt; ich schrieb auf der Veranda an meinem index: „dort saß ich unter falben Blättern ein frommer Mann.“ Der freundliche Spätsommer mit halbverkühltem Sonnenscheine und Müßiggang läuft nun ab, in Leipzig erwartet man mich, und ein Inserat im Tageblatte sucht ein „feines“ Garçonlogis für einen unverheiratheten Gelehrten. Unsre guten dortigen Bekannten haben alle schon Staffeln des Ruhms erklommen: ich armer homo litteratus muß auch nächstens dran denken, einen akademischen Grad zu erwerben, um nicht zum pecus der „Literaten“ gerechnet zu werden. Im Übrigen nehme ich mir vor, etwas mehr Gesellschaftsmensch zu werden: insbesondre habe ich eine Frau aufs Korn genommen, von der mir Wunderdinge erzählt sind, die Frau des Professor Brockhaus, Schwester Richard Wagners: über deren Capacitäten Freund Windisch (der mich besucht hat) eine erstaunliche Meinung hat. Mir gefällt dabei die Bestätigung der Schopenhauerschen Erblichkeitstheorie;​ auch die andre Schwester Wagners (in Dresden ehemals Schauspielerin) soll ein bedeutendes Weib sein. Ritschls gehen fast nur mit Familie Brockhaus um.\\
 +<​tab>​Kürzlich las ich auch (und zwar primum) die Jahnschen Aufsätze über Musik, auch die über Wagner. Es gehört etwas Enthusiasmus dazu, um einem solchen Menschen gerecht zu werden: während Jahn einen instinktiven Widerwillen hat und nur mit halbverklebten Ohren hört. Ich gebe ihm trotzdem vielfach Recht, insbesondre darin, daß er Wagner für den Repräsentanten eines modernen, alle Kunstinteressen in sich aufsaugenden und verdauenden Dilettantismus hält: aber gerade von diesem Standpunkte aus kann man nicht genug staunen, wie bedeutend jede einzelne Kunstanlage in diesem Menschen ist, welche unverwüstliche Energie hier mit vielseitigen künstlerischen Talenten gepaart ist: während die „Bildung“,​ je bunter und umfassender sie zu sein pflegt, gewöhnlich mit mattem Blicke, schwachen Beinen und entnervten Lenden auftritt.\\
 +<​tab>​Außerdem aber hat Wagner eine Gefühlssphaere,​ die O. Jahn ganz verborgen bleibt: Jahn bleibt eben ein Grenzbotenheld,​ ein Gesunder, dem Tannhäusersage und Lohengrinathmosphaere eine verschlossene Welt sind. Mir behagt an Wagner, was mir an Schopenhauer behagt, die ethische Luft, der faustische Duft, Kreuz, Tod und Gruft etc.\\
 +<​tab>​Der einzige Mensch, den ich hier in Naumburg mit immer neuem Genuß aufgesucht habe, ist Wenkel, unser unermüdlicher Forscher in Kant und Schopenhauer,​ der in dieser Ausschließlichkeit seines Studiums eine bedeutende Willenskraft zeigt. Die stete Beschäftigung mit philosophischen Gedanken macht ihn zu einem bösen Kritiker unsrer Philologie: ich habe ihm öfter etwas hingebracht,​ um eine Meinung von ihm zu hören z.B. Bernaysische und Ritschlsche Aufsätze. An Ritschl anerkannte er einen gewissen genialen Zug, lachte aber über das Pathos bei solchen Kleinigkeiten;​ Bernays behagte ihm gar nicht. Er denkt auch im Stillen an eine spätere akademische Thätigkeit und will auch nächstens den Doktorhut haben.\\
 +<​tab>​Denke Dir, daß ich durchaus noch nicht endgültig mit dem Militärdienst abgeschlossen habe, ja daß sich sichre Aussicht auf spätere artilleristische Thätigkeit eröffnet. Mein Hauptmann hat mir freundlicher Weise in meinem Zeugniß die Qualifikation zum Landwehrlieutnant ausgesprochen:​ falls ich einen Monat im Frühjahr Dienst thue um mir die nöthigen Kenntnisse zum Gespanntexercieren zu erwerben. Da ein Krieg über kurz oder lang doch eine Unvermeidlichkeit ist, und sich keine Aussicht bietet, ganz aus den militärischen Fesseln erlöst zu werden, so ist ein Avancement zum Landwehrlieutnant von äußerstem Werthe.\\
 +<​tab>​Schließlich,​ lieber Freund, habe ich noch einiges über Deine sehr gelungene Polluxarbeit zu sagen. Durchgelesen habe ich sie; der ganze Complex von Combinationen hat für mich etwas sehr Einleuchtendes,​ obwohl ich damit durchaus kein „Urtheil“ gesprochen haben will, zu dem ich ganz incompetent bin, auch aus Büchermangel nicht competenter werden kann. Das erste Capitel hat einen recht propädeutischen Werth, insofern es eine Anzahl von Einzelergebnissen zu einem Gesammtbilde vereinigt, dabei nirgends allzu spezielle Kenntnisse voraussetzt,​ sondern hübsch ex ovo erzählt. Die akademische Fragstellung ist übrigens ungeschickt. (Das erste stemma stimmt nicht völlig mit dem Texte z.B. benutzt nach ihm Eustathius des Diogenian Περιεργοπένητες,​ während im Text er den Hesych benutzt. Dann fehlt im stemma die Bezeichnung,​ daß Photius direkt die Περιεργοπένητες benutzt hat: dies steht für mich übrigens nicht fest. Dionys hat so wohl die Epitome Pamphilea als die Περιεργοπένητες verwertet.) Ist Dir die Auseinandersetzung von M. Schmidt über die Quellen des Suidas (Fleckeis. Jahrbüch. 1855) bekannt? — Westphal, Geschichte der alten Musik p. 167 nennt übrigens Tryphon als Hauptquelle für den musikalischen Abschnitt des vierten Polluxbuches. —\\
 +<​tab>​Die zwei ersten Capitel meiner Laertiana sind in dem letzten Hefte des rhein. Mus. gedruckt und werden Dir in einem Einzelabzug nächstens zugehn. Ach wie widerwärtig mich diese ganze Arbeit berührt! Nonum prematur in annum! Sonst ists nichts! Diese eben ausgeheckte Weisheit gleich drucken zu lassen ist allzu thöricht, und ich habe nichts als Ärger davon. So vielerlei ist geradezu falsch, nochmehr verwegne Stammelei, und das Ganze unmündig ausgedrückt. Zu meiner Entschuldigung dient nur, daß ich erst am 15 Okt. d. Jahres mündig werde: an welchem Tage ich auch den militärischen Rock ausziehe.\\
 +<​tab>​Was ich zunächst noch für Laertianische Eier ausbrüte, das hebe ich mir auf, bis ein anständiges Körbchen damit voll ist. Meine Dissertation will ich über Homer und Hesiod als coaetanei machen. Kürzlich habe ich Val. Roses Anacreonteen für [das] Centralblatt angezeigt — mit einigen Bemerkungen über Roses Unarten und Stachelschweinstil.\\
 +<​tab>​Doch was habe ich schon unnützer Weise geplaudert! Wer wird aber auch gleich nach Tische Briefe schreiben, Briefe an solche Freunde, Briefe, an denen man wenig Gedanken und viel Verdauung merkt. O Hund, du Hund, du bist nicht gesund, solche Briefe zu schreiben!
 +
 +<WRAP right>​Mit diesem pensionsmädchenhaften Knix\\
 +verbleibe ich Dein Freund\\
 +Friedrich Nietzsche\\
 +preußischer Kanonier</​WRAP>​
 +
 +----
 +
 +Meine Angehörigen grüßen bestens.
 +
 +----
 +===== Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches =====
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 +===== Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen =====
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 +===== Wissenschaftliche Auslegungen =====
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 +===== Weitere Verbindungen =====
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de/nietzsche/briefe/1868/bvn-1868_33.txt · Last modified: 2015/10/14 17:50 by babrak