aphil.org

Aphorisms -- in context.

User Tools

Site Tools


de:nietzsche:briefe:1868:bvn-1868_38

Differences

This shows you the differences between two versions of the page.

Link to this comparison view

de:nietzsche:briefe:1868:bvn-1868_38 [2015/10/14 17:55] (current)
babrak created
Line 1: Line 1:
 +====== BVN-1868,38 ======
 +==== An Erwin Rohde in Hamburg ====
  
 +<WRAP right>​[Leipzig,​ 27. Oktober 1868]</​WRAP>​\\
 +
 +Mein lieber Freund,
 +
 +daß ich lebe, wird Dir wohl das kürzlich zugesandte Laertianum angedeutet haben; daß ich gut lebe, wird Deine Combinationsgabe wahrscheinlich aus der Ort und Wohnungsanzeige am untern Ende des Widmungsblattes eruirt haben.\\
 +<​tab>​Ich bin nach Leipzig übergesiedelt,​ mit total veränderten Ansprüchen,​ und gänzlicher Ausziehung der Studentenhose und auch des damit verbundenen Lebens. Ein freundlicher Dämon, unter Vermittlung des vortrefflichen Windisch hat mich eine Behausung finden lassen, die bis jetzt jenen Ansprüchen genügt und das Zurückfallen in die studentische inquies, sammt Restaurations- und Theaterfieber,​ unmöglich macht.\\
 +<​tab>​Meine Wohnung liegt am Eingang der Lessingstraße,​ in einem Garten, hat eine wirklich anmuthige und mannichfaltige Aussicht und erlaubt es mir, mit Vergnügen in meinen vier Pfählen zu sitzen, Abende zu durchschwitzen und mich an Philologie zu erhitzen: das ist etwas für Fritzen, der früher die Neigung hatte, alle Abende ins Theater zu flitzen. Nun bin ich freilich genöthigt, mich etwas näher mit der Familie des Prof. Biedermann einzulassen,​ z. B. Mittag und Abend mit ihnen zu essen, überhaupt mich zu geberden, wie ein Jungferchen,​ das in die Pension kommt. Das //kann//, was die Götter nicht wollen, mir aber die Frau Ritschl, meine erfahrene Freundin, prophezeit hat, entsetzlich langweilig werden, //ist// es aber noch nicht: und schließlich kann ein Biedermann, wie ich, der schon Pferde gestriegelt hat, im schlimmsten Falle Askese üben. Lieber Gott, was erträgt nicht ein //​Philolog//,​ dessen Existenz auf geistigem und körperlichem Hungerleiden beruht!\\
 +<​tab>​Übrigens ist der alte Biedermann der Mann seines Namens, ein guter Hausvater, Ehegatte, kurz alles, was man in einem Nekrolog zu rühmen pflegt: seine Gattin ist die Biederfrau: wo mit wiederum alles gesagt ist. Und so fort, bis zu Biederfräulein I und II. Nun hat die Familie viel erlebt und steckt immer noch mitten drin, im Getreibe politischer Interessen: zu meinem Tröste aber wird von Politik //fast// nicht gesprochen, da ich kein ζῶον πολιτικόν bin, und gegen derartige Dinge eine Stachelschweinnatur habe. Im Übrigen ist Biedermann der natürliche Bruder von Beust: dessen Charakter mir jetzt recht klar geworden ist, durch Anwendung der Schopenhauerischen Erblichkeitstheorie. Die Frau ist die Schwester vom Bürgermeister Koch. Unser Tisch- und Hausgenosse ist sodann noch ein Franzose Mr. Flaxland (größte Musikverlagshdl. in Paris), ein possirliches Kerlchen, der für Gelächter wie ein Bajazzo sorgt, und von dem ich etwas Französisch lerne resp. lernen werde. Gelegentlich gehe ich jetzt als Vertreter der Deutschen Allgemeinen in Conzerte und Vorlesungen;​ ja sogar die Kritik der Oper ist mir offerirt — nego ac pernego.\\
 +<​tab>​Natürlich muß ich auch mit den etwaigen Gästen des Hauses fürlieb nehmen; und mitunter braucht man nicht einmal fürlieb zu nehmen: z. B. wenn unsere Freundin und häufige Gästin Γλαυκίδιον bei uns ist, als welche neulich nach Hause zu begleiten, eine angenehme Pflicht war. Hoffentlich ist Dir noch in Erinnerung, //wen// wir also getauft haben: wenn nicht, so schreibe es und ich werde auf photographischem Wege Dein Gedächtniß auffrischen.\\
 +<​tab>​In den nächsten Tagen wird Laube bei uns eintreffen, als definitiver Übernehmer des thèâtres: und ich werde mich freuen, ihn kennen zu lernen. Heute Abend war ich in der Euterpe, die ihre Winterconzerte begann und mich sowohl mit der Einleitung zu Tristan und Isolde, als auch mit der Ouvertüre zu den Meistersingern erquickte. Ich bringe es nicht übers Herz, mich dieser Musik gegenüber kritisch kühl zu verhalten; jede Faser, jeder Nerv zuckt an mir, und ich habe lange nicht ein solches andauerndes Gefühl der Entrücktheit gehabt als bei letztgenannter Ouvertüre. Sonst ist mein Abonnementsplatz umlagert von kritischen Geistern: unmittelbar vor mir sitzt Bernsdorf, jenes signalisirte Scheusal, links neben mir Dr. Paul, jetzt Tageblattheld,​ 2 Plätze rechts mein Freund Stade, der für die Brendelsche Musikzeitung kritische Gefühle produzirt: es ist eine scharfe Ecke: und wenn wir Vier einmüthig mit dem Kopfe schütteln, so bedeutet es ein Unglück.\\
 +<​tab>​Lieber Freund, Vater Ritschl fragt, ob Du nicht einen kleinen Nachtrag über die Knauthsche Dissertation einschicken willst: selbige wird Dir durch Ribbeck zugekommen sein. Deine Arbeit (deren Vorzüge vor der Kn. Abhandlung sogar den Maulwürfen einleuchten müssen) kommt bald zum Abdruck.\\
 +<​tab>​Und so nimm einen freundlichen Leipziger gemüthlichen biedermännischen Händedruck von
 +
 +<WRAP right>​Deinem treuen Freunde\\
 +F.N.</​WRAP>​
 +
 +----
 +
 +<WRAP centre>​Privatgel. zu Leipzig Lessingstr. 22, 2 Tr.</​WRAP>​
 +
 +----
 +===== Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches =====
 +
 +===== Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen =====
 +
 +===== Wissenschaftliche Auslegungen =====
 +
 +===== Weitere Verbindungen =====
Back to top
de/nietzsche/briefe/1868/bvn-1868_38.txt · Last modified: 2015/10/14 17:55 by babrak