aphil.org

Aphorisms -- in context.

User Tools

Site Tools


de:nietzsche:briefe:1868:bvn-1868_44

BVN-1868,44

An Erwin Rohde in Hamburg

Leipzig, am Bußtag [20. November 1868]


Mein lieber Freund,

jetzt wo ich wieder das wimmelnde Philologengezücht unserer Tage aus der Nähe sehe, wo ich das ganze Maulwurfstreiben, die vollen Backentaschen und die blinden Augen, die Freude ob des erbeuteten Wurms und die Gleichgültigkeit gegen die wahren, ja aufdringlichen Probleme des Lebens täglich beobachten muß und nicht nur an der jungen Brut, sondern an den ausgewachsenen Alten: da kommt es mir immer begreiflicher vor, daß wir beide, falls wir nur sonst unserm Genius treu bleiben, nicht ohne mannichfache Anstöße und Quertreibereien unsern Lebensweg gehen werden. Wenn sich Philologe und Mensch nicht völlig decken, so staunt das erwähnte Gezücht erst das Mirakel an, dann ärgert es sich und endlich kratzt, bellt und beißt es: als wovon Du eben ein Beispiel erlebt hast. Denn das ist mir ganz ersichtlich, daß der Dir gespielte Streich durchaus nicht gegen Deine spezielle Leistung gerichtet ist, sondern gegen das Persönliche; und ich lebe der sicheren Hoffnung, bald auch einmal so einen Vorgeschmack von dem zu bekommen, was meiner noch in dieser höllischen Athmosphaere wartet. Aber, lieber Freund, was hat das mit Deinen und meinen Leistungen zu thun, was Andere über unsre Persönlichkeiten urtheilen? Denken wir an Schopenhauer und Richard Wagner, an die unverwüstliche Energie, mit der sie den Glauben an sich unter dem Halloh der ganzen „gebildeten“ Welt aufrecht erhielten; und wenn es nicht erlaubt ist, sich auf deos maximos zu berufen, so bleibt uns immer noch der Trost, daß den Käuzen das Recht zu existieren nicht versagt werden darf (auch dem Käuzchen nicht: cf. beifolg. Photogr.), und daß zwei sich verstehende und herzenseinige Käuze ein fröhliches Schauspiel für die Himmlischen sind.
     Schließlich ist nichts bedauerlicher, als daß gerade jetzt, wo wir anfangen, unsre Lebensanschauung praktisch zu bewähren und der Reihe nach alle Dinge und Verhältnisse, Menschen, Staaten, Studien, Weltgeschichten, Kirchen, Schulen usw. mit unsern Fühlhörnern betasten — daß gerade jetzt so viele Meilen zwischen uns liegen, und daß jeder von uns die halb vergnügliche halb schmerzliche Empfindung, seine Weltanschauung zu verdauen, für sich allein haben muß: eigentlich wäre nichts erquicklicher, als so, wie wir damals bei Kintschy unsre leiblichen Mahlzeiten gemeinsam verdauten, so jetzt zusammen symbolisch einen Nachmittagskaffe zu trinken und von der Mitte unsres Lebenstages aus rückwärts und vorwärts zu schauen.
     Nun, es wird dazu auch in Paris noch nicht zu spät sein: wo die große ἀναγνώρισις unsrer Komödie stattfindet und zwar auf der schönsten Scene der Welt, zwischen den buntesten Coulissen und einer Unzahl glänzender Statisten.
     Ach wie schön ist diese Luftspiegelung! —
     Darum bleibe fern commune Wirklichkeit, schändlich gemeine Empirie, Soll und Haben, Grenzbotennüchternheit — nein, dieser ganze Brief sei nun mit ganzer Seele

          als festlich hoher Gruß

          dem Freunde dargebracht!

          (Er trinkt das Tintefaß aus)

Chor der Asketen:
Selig der Liebende,
Der die betrübende,
Heilsam’ und übende
Prüfung bestanden.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches

Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen

Wissenschaftliche Auslegungen

Weitere Verbindungen

Back to top
de/nietzsche/briefe/1868/bvn-1868_44.txt · Last modified: 2015/10/14 18:01 by babrak