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Aphorisms -- in context.

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de:nietzsche:briefe:1868:bvn-1868_47

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 +====== BVN-1868,47 ======
 +==== An Erwin Rohde in Hamburg ====
  
 +<WRAP right>​Leipzig Lessingstr. 22, 2 Treppen\\
 +[9. Dezember 1868]</​WRAP>​\\
 +
 +Mein lieber Freund,
 +
 +immer noch kann ich Dir nichts Näheres über die Bedingungen Engelmanns schreiben, weil besagter Krieger nach Berlin verreist ist. Jedenfalls hat er sich bereit erklärt, das Manuscript anzunehmen: und damit ist ja die Hauptsache erledigt. Wie lange (dh. wie kurz) der Druck dauert, wie viel Freiexemplare er Dir zugesteht, berichte ich so bald ich es weiß. Übrigens verdiene ich in dieser Sache kein Atömchen von Dank; denn derjenige, der den Gang zu Engelmann gemacht hat, weil er mehr persönliche Autorität hat als ich ἀνώνυμος,​ ist unser vortrefflicher Windisch. Wenn dieser Gang übrigens fehlgeschlagen wäre, so waren die Aussichten für den braven ὌΝΟΣ sehr böse: denn mit solchen Broschüren von 3—4 Bogen macht man kein Geschäftchen,​ und deshalb nehmen Teubner und Gesinnungsgenossen derartige Sachen principiell nicht an. Also Ehre dem Engelmann und Dank dem Papa Windisch.\\
 +<​tab>​Beim nochmaligen Durchblick Deiner Arbeit habe ich mich nochmalig über die blöden Augen derer geärgert, die sie bisjetzt in den Klauen hatten. Insbesondere auch darüber, daß dieselben Augen an der Knautischen Eselei Wunder etwas Verdienstliches sahen. Aber aus diesen Augen sah der schlechte Wille, es war eben der böse Blick, der Deiner Arbeit und Dir so feindlich entgegenarbeitete.\\
 +<​tab>​Beiläufig,​ willst Du, daß ich Deine Arbeit im Centralblatt zur Anzeige bringe, oder liegt Dir mehr daran, daß ein dritter (wahrscheinlich Bursian) oculis integris sich darüber äußert? — Come voi volete. —\\
 +<​tab>​Nach diesem geschäftlichen Vorspiel darf ich Dir ja wohl einiges von meinem jetzigen Treiben erzählen und zwar zunächst — a bove principium — von meinem philologischen. Seitdem ich wieder hier bin, habe ich sträflich hin und her geschwankt zwischen denen Arbeiten, die irgendwann einmal fertig werden sollen, die aber in einer bestimmten Folge, nicht aber durcheinander vorgenommen werden müssen. Daß ich das kleine Schriftchen περὶ Ἡσιόδου καὶ Ὁμήρου καὶ ​ τοῦ γένους καὶ ἀγῶνος αὐτῶν neu herausgeben will, weißt Du; ebenfalls daß sich daran eine Erörterung homerischer Traditionsfragen anschließen soll. Im Punkte der letzteren hatte ich das Malheur, an einer gewissen sehr wichtigen Stelle mich selbst nicht mehr überzeugen zu können: mein guter Sänger Homer, den ich mit allen fünf Fingern festzuhalten glaubte, zerrann mir eines schönen Morgens wie ein Gespenst; jetzt ist er wieder ein mythisches Scheusal, das die seltsamsten Transformationen durchgemacht hat: welche darzustellen eine Aufgabe für Strauß und ähnliche Talente wäre. — Dies hat mir die Sache jetzt etwas verleidet, und ich habe sie darum zurückgelegt:​ immerhin kommt übrigens bei meiner Betrachtungsart genug heraus, um mir diese ganze Region stets interessant und werth zu machen. Von der Leidener Bibliothek bekam ich auf meine Bitte von Herrn Du Rieu die Handschrift,​ die das Apographum Henrici Stephani enthält, von Florenz erwarte ich eine neue Collation.\\
 +<​tab>​Im Anfang November habe ich über den sonderbaren Kauz Menippus im Verein gesprochen: seine Zeit ist, von 4—6 Ausgangspunkten aus, von mir auf c. 280 a. C. n. fixiert worden und Probus in dem vielberedeten Zeugniß über die Varronischen Satiren hat wieder Recht. Varro’s Jugend fällt also nicht, wie Oehler Roeper Bernhardy Riese etc. meinen, in das Alter des Menipp. Der Lucianische Menipp ist der um 280 lebende; die Scholien machen allerdings einmal eine Dummheit, aus Reminiszenzen an den Philostrateischen Menipp, mit dem Apollonius in Korinth zusammentrifft.\\
 +<​tab>​Jetzt nun mache ich wieder //​Abderiten//​streiche und verwerthe dabei meine allmählich etwas abgelagerten Laertiusansichten. Hierbei ist mir mancherlei geglückt, ja ich komme zu der Meinung, daß bei solchen Arbeiten viel mehr ein gewisser philologischer Witz, eine sprunghafte Vergleichung Versteckter Analogien und die Fähigkeit, paradoxe Fragen zu thun vorwärts hilft, als die strenge Methodik, die überall erst am Platze ist, wo die geistige Hauptarbeit bereits abgethan ist.\\
 +<​tab>​Also diese Democritea sollen den index des Thrasyll seiner Form und Intention nach herstellen: und zugleich für eine spätere Sammlung der Demokritischen Fragmente (Mullach ist ein nachlässiges Hornvieh) durch Untersuchungen über Unechtheiten,​ ältere pinakographische Anordnungen,​ durch Zerlegung der Laertianischen vita des Democrit usw. die Grundlage geben. Mir persönlich gefällt die Gestalt des Democrit gewaltig, freilich habe ich sie mir ganz neu reconstruirt,​ da unsre Philosophiehistoriker weder ihm noch Epikur je gerecht werden können, weil sie frumb sind und rechte Juden vor dem Herrn; am allerwenigsten aber der weibische, geistreichelnde,​ unwahre und unklare Schleiermacher,​ den man überall bis zum Ekel lobt oder tadelt, beides mit möglichster Bornirtheit;​ die Wahrheit liegt eben nicht in der Mitte, sondern ganz wo anders. — Am 22 Februar 1888 feiern auch wir ein hundertjähriges Jubiläum: wir wissen auch warum.—\\
 +<​tab>​Da fällt mir zufällig ein, daß ich gar nicht weiß, wann Dein Geburtstag ist. Doch möchte ich es gerne wissen.\\
 +<​tab>​Nun noch einige Lipsiensia. Hier ist endlich auch Laube eingetroffen,​ mit einer Bullenbeißerphysiognomie,​ aber wie es scheint, mit viel praktischem Talent und gehöriger Energie. Übrigens auch mit seiner Frau, die ein ganz unmenschlich verdienstvolles Weib sein soll. Laube hat sich bei dem Gartenlauben-Keil eingemiethet und scheint ein großes Haus machen zu wollen. Seine Thätigkeit ist schon jetzt eine ganz ungewöhnliche,​ jede Zeitung berichtet von neuen Engagements,​ den Schauspielern droht er mit schrecklich viel Proben, die Studenten kirrt er durch billigere Preise; zugleich wird das alte Theater zugerichtet zu Lustspiel und Posse. Übrigens hat er aus Hamburg eine Primadonna engagirt, ein Fr. Schneider: wer, was und wie ist sie? —Γλαυκίδιον hat bereits von ihm 100 Th. Zulage bekommen (so daß sie jetzt 500 Thl. Gage hat) und auch im Übrigen laudes und Hoffnungen. Vorigen Sonntag war besagtes Wesen sammt ihrer hübschen Schwester bei uns zu Tisch: und im Laufe des Nachmittags war ich und meine Stube so glücklich, diese Weiblein, welche emsig mit Weihnachtsarbeiten beschäftigt waren, eine Stunde zu beherbergen. Und es war eitel γέλως und γλυκύτης.\\
 +<​tab>​— Jeder Deiner Briefe beweist mir, daß es eigentlich jammerschade ist um all die schöne Zeit, die wir //nicht// zusammen verleben, also zB. um den gegenwärtigen Winter, der mir zwar alle möglichen Anregungen und Vergnügungen im Leipziger Stile bietet, der mir aber den direkten und täglichen Umgang mit einem Weltanschauungsbruder versagt hat; ich müßte denn den guten Romundt nennen, der Dir gewiß auch gefallen würde, im Gegensatz zu manchen sehr alltäglichen aber gelehrten Köpfen, die mit Selbgefühl auf jene seltsame Complexion von Einsicht, Wollen und Nichtkönnen herabsehn, die sich Romundt nennen läßt. — Wie sehr wir beide dieselbe Straße ziehn, ist mir wieder an einem wirklich amüsanten Syndironismus klar geworden; wir trieben nämlich genau zur selben Zeit Romantik und sogen mit gieriger Nase anheimelnde und verwandte Düfte, ohne daß der eine von des andern immerhin abnormer Beschäftigung wußte. So etwas Zufall zu nennen wäre Sünde wider den heiligen Geist Schopenhauers. Nach diesem Vorfalle und überhaupt nach den ganz erstaunlichen Ähnlichkeiten Deiner von mir immer mit dankbarem Herzen und üppigem Behagen genossenen Briefe und meiner derzeitigen Gedankengänge habe ich auch die feste Zuversicht, daß wir uns über einen Genius ganz verstehn werden, der mir wie ein unlösliches Problem erschien und zu dessen Verständniß ich Jahr aus Jahr ein neue Anläufe machte: dieser Genius ist Richard Wagner. Dies ist nun das zweite Beispiel, wo wir, fast unbekümmert um die herrschende und gerade unter Gebildeten gültige Meinung, uns unsre eignen Götzen aufstellen; und man thut schon das zweite Mal diesen Schritt mit mehr Sicherheit und Selbstvertraun.\\
 +<​tab>​Wagner,​ wie ich ihn jetzt kenne, aus seiner Musik, seinen Dichtungen seiner Aesthetik, zum nicht geringsten Theile aus jenem glücklichen Zusammensein mit ihm, ist die leibhaftigste Illustration dessen, was Schopenhauer ein Genie nennt: ja die Ähnlichkeit all der einzelnen Züge ist in die Augen springend. Ach ich wollte, ich könnte Dir in behaglicher Abendstunde die vielen kleinen Einzelheiten erzählen die ich über ihn, meistens durch seine Schwester, weiß; ich wollte, wir könnten die Dichtungen mit einander lesen (die Romundt so hoch schätzt, daß er R.W. für den bei weitem ersten Dichter der Generation hält, und über die auch Schopenhauer,​ wie Wagner mir erzählte, sehr gut gedacht hat) wir könnten zusammen den kühnen, ja schwindelnden Gang seiner umstürzenden und aufbauenden Aesthetik gehen, wir könnten endlich uns von dem Gefühlsschwunge seiner Musik wegreißen lassen, von diesem Schopenhauerischen Tonmeere, dessen geheimsten Wellenschlag ich mit empfinde, so daß mein Anhören Wagnerischer Musik eine jubelnde Intuition, ja ein staunendes Sichselbstfinden ist.\\
 +<​tab>​Das alles aber mit einem Freunde wie Du bist zu genießen ist mir wirklich ein glühendes Bedürfniß,​ so daß ich mit Begierde der Zeit gedenke, die uns wieder zusammen führt. Bleibe sie nicht zu fern!
 +
 +<WRAP right>In treuer Freundschaft\\
 +Dein\\
 +Friedrich Nietzsche.</​WRAP>​
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 +===== Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches =====
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 +===== Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen =====
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 +===== Wissenschaftliche Auslegungen =====
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 +===== Weitere Verbindungen =====
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de/nietzsche/briefe/1868/bvn-1868_47.txt · Last modified: 2015/10/14 18:03 by babrak