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Aphorisms -- in context.

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de:nietzsche:briefe:1868:bvn-1868_7

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 +====== BVN-1868,7 ======
 +==== An Erwin Rohde in Hamburg ====
  
 +<WRAP right>​[Naumburg,​ 3. April 1868 und kurz davor]</​WRAP>​\\
 +
 +Mein lieber Freund,
 +
 +dieser Brief ist schlecht geschrieben und enthält Krakelfüße;​ dafür ist es der Brief eines Kranken, der seinen Arm noch nicht ohne Schmerzen bewegen kann.\\
 +<​tab>​Denn siehe, lieber Freund ich bin seit 3 Wochen schon schwer leidend gewesen: und die Veranlassung war eine bagatelle. Da zerreiße ich mir beim Reiten ein Paar Muskeln der Brust und hatte dadurch Schmerzen, die am ersten Abend gleich ein paar Ohnmachten hervorriefen. Nun lag ich 10 Tage fest in der schlimmen Bedeutung des Wortes dh. unbeweglich,​ wie aufgespannt und mit Stricken gebunden, unter schrecklichen Schmerzen, fortwährendem Fieber, ruhelos Tag und Nacht, mit Eisumschlägen. Dazu kam noch als schlimmer Gesell ein hartnäckiger Magenkatarrh. Endlich nach diesen zehn Tagen wurden Schnitte in die Brust gemacht, und ich habe seit jener Zeit das philokteteische Vergnügen einer starken Eiterung. Bei der Zerreißung jener Muskeln hat sich viel Blut im Innern der Brust versetzt: und dies ist nun in Eiterung übergegangen. Ich sage zu wenig, wenn ich sage daß schon 4, 5 Tassen von Eiter aus jener Wunde hervorgequollen sind. Seit jener Zeit bin ich wieder vom Bette aufgestanden;​ aber der Zustand ist noch kläglich: matt wie eine Fliege, angegriffen wie eine alte Jungfer mager wie ein Storch.\\
 +<​tab>​Dabei muß ich mich aus einer liegenden Stellung immer noch empor heben lassen; die ganze Brust ist wie eingeschnürt,​ und alle Bänder Muskeln und Sehnen schmerzen. Vorgestern bin ich auch einmal im Freien gewesen und ich schleppte Bein hinter Bein wie ein Invalide und wurde nach einer Viertelstunde müde.\\
 +<​tab>​Dies das ärztliche Bulletin. Die Moral: Zerreiße keine Muskel nicht!\\
 +<​tab>​Nun lieber Freund will ich Dir erzählen, wie unter den vielen abscheulichen Medizinen auch eine sehr angenehme war, die mir mehr genützt hat als jene abscheulichen. Das war Dein Brief und Deine Sendung. Da wachte ich eines Morgens auf, erquickt durch den Schlaf — ich nahm alle Abende Morphium — und bekam wie ein Geschenk des jungen Tages Deinen Brief auf das Bett. Ach bekämen doch alle Kranken solche Briefe; in denen Lebenskraft,​ Freundschaft,​ Hoffnung, Erinnerung, kurz alle guten Dämonen stecken.\\
 +<​tab>​Zugleich war es Deine mitgeschickte Arbeit, die mich zum ersten Male wieder zum geordneten wissenschaftlichen Denken reizte, deren Lektüre mich einen Vormittag meine Schmerzen vergessen ließ. Aber heilger Buddha, Du verlangst nun Kritik von mir; ich weiß nicht, was ich Dir als Gesunder darauf antworten würde, als homo miser sage ich nur, daß ich οὐχ ἱκανῶς τοῦ κρίνειν;​ wie es einmal vom Kallimachus heißt; was mich immer sehr gefreut hat. Doch habe ich für unsre lanx satura nur den einen Wunsch: daß die andern 8 Aufsätze nicht allzu tief unter das von Dir angenommene Niveau steigen mögen. Ich selbst empfand wirkliche Gewissensbisse:​ und die Folge war, daß seit jenem Tage ich mich immer mit meinem Demokrit schleppe wie eine schwangre Frau; doch ohne Aussicht sobald zu gebären. Der ganze Handel ist etwas bedenklich geworden, und vor meinem leidlich rigorosen philologischen Gewissen zerbrödtelt immer mehr.\\
 +<​tab>​Du kannst wirklich in puncto Deiner Abhandlung gutes Muthes sein; der Stoff hat doch viel Würze in sich, und Deine ganze Fassung des Problems hat gesunde frische Glieder und rothe Backen. Insbesondre ist jener Zug im Ganzen, der den Leser zwingt erst am Ende Halt zu machen: womit viel gesagt ist. Ein paar Mal hast Du mich etwas erschreckt: obwohl ich mich gleich wieder beruhigte. Aber warum soll der Leser erschrecken?​ Wenn Du zB. S. 30 gegen Teuffel sag[s]t „um so mehr als ja der Lucianische Ursprung des Ὄνος durchaus nicht unbestritten ist“, so erschrickt der Leser, den man sich ja als ein wenig dumm vorstellen muß: weil er in dem Glauben stand, es stehe jener Ursprung fest, da Du ohne ein Wort anzudeuten auf jenen Ursprung hin Deine Hypothese behauptet und andre bestritten hast. Liest der dumme Leser nun weiter, so bekommt er die ganze Sachlage später vor Gericht [Gesicht] und entscheidet sich mit Dir, daß der ὄνος aus dem Stalle Lucians ist. Aber das angeführte Sätzchen muß fort, damit es bei den Nervenschwachen keinen plötzlichen Schrecken macht.\\
 +<​tab>​Wo Du später die Frage nach der Autorschaft Lucians zu untersuchen beginnst, da hast Du mich zum zweiten Male erschreckt „Nun könnte es scheinen, sagst Du als ob die ganze Frage sich am kürzesten so erledigen lasse, daß man dem Lucian zwar die Autorschaft der Schrift abspräche, dann sich aber usw. — was die Ansicht eines gewissen Hoffmann ist. Dieser Satz erregt sogar unser Grausen, weil er so leichthin gegen all die schönen Ausführungen der ersten Kapitel streitet: besonders aber sprichst Du zu kaltblütig von dieser ganzen Auffassung; dies „es könnte scheinen“,​ dies „am kürzesten so erledigen lasse“ berührt mich peinlich. Willst Du nicht den Hoffmann bei Seite lassen oder in eine Anmerkung werfen?\\
 +<​tab>​Schließlich kann ich Dir kaum einen Satz der nächsten Seite zugeben „und alles bisher Vorgetragne könnte richtig sein, auch wenn Lucian nicht der Verfasser unsres ovo? wäre“; was in dieser Allgemeinheit gesagt schnell den Widerspruch weckt.\\
 +<​tab>​So habe ich mich doch noch zu einigen Äußerungen verlocken lassen, die ganz von ferne an das von Dir gewünschte munus critici erinnern. Na, verzeih, daß sie überhaupt geschrieben sind.\\
 +<​tab>​Denke Dir , daß man mir in diesen Tagen feierlich durch den Unteroffizier du jour im Namen des Hauptman[n]s und der Avancirten gratulirte, daß ich auf Regimentsbefehl „Gefreiter“ geworden sei. Ach, beim Hund, daß ich doch erst „Befreiter“ wäre!\\
 +<​tab>​Das erinnert mich an jene Pariser-Reiseaussichten,​ die Du wie einen schönen bunten Ball mir zugeworfen hast. Ich stimme bei, ich bin überzeugt, ich hoffe, ich arrangiere; der Gedanke ist bei mir schon fest in mein nächstes Zukunftsgewebe eingewoben. Aber lieber Freund nicht vor Sommer nächsten Jahres! Denn Schreckliches verlangen die Himmlischen vorher noch von mir: sie haben vor jene Reise ἱδρῶτα gestellt. Doktordissertation,​ Ritschl-satura,​ Museumsindex — „Brich nicht Steg“\\
 +<​tab>​Übrigens möchte ich nicht in Paris leben, wenn es nicht möglich wäre, etwas mit für seinen Broderwerb zu sorgen. Man ist dort so fleißig und man bezahlt den Arbeiter gut. Seien wir Arbeiter! Auf die Dauer kann ich nicht auf mein Restchen Vermögen hin leben, besonders nach Pariser Fuß.\\
 +<​tab>​Jedenfalls wird dort großartig gearbeitet, die Bibliothek zerwühlt, eine Revolution mitgemacht, der Tod des Kaisers erlebt und Französisch gelernt.\\
 +<​tab>​Ach lieber Freund was für Aussichten für einen Philoktet, der wieder sein ῥάκος voll νοσηλεία — sind das wirklich die richtigen griechischen Worte: ich verlerne γεράσκων αἰεί — etc. —
 +
 +<​tab>​Da liegt wieder eine Reihe von Tagen. Daß man nicht einmal an seine Freunde ungestraft schreiben darf. Ja die Götter sind böse und neidisch von Jugend auf.\\
 +<​tab>​Dies Bischen Briefschreiben hat mir so geschadet, wie ich nicht vermuthen konnte. Ich mußte wieder zu Bett liegen bleiben und bin seit der Zeit steifer als ein Bock. Du hast keinen Begriff, was für vorsichtige Anstalten ich heute bei dem Schreiben dieser Zeilen treffen muß, um zB. mit der Feder Tinte zu fangen. Und trotzdem alle Augenblicke dieser krampfartige Schmerz. Die Wunde eitert fort. Der Arzt ist zu einer andern Garnison versetzt. Ja ich weiß es die Götter können die Cynismen, das Proletariat des Witzes nicht vertragen; sie zürnen mir, weil ich Dir von νοσηλεία und ῥάκος geschrieben habe.\\
 +<​tab>​Nun zwei Erlebnisse. Gestern kam Kohls Dissertation an und zwar mit dem Titel „I. Kants Ansicht von der Willensfreiheit“ Denke Dir , eine philosophische Dissertation von Kohl! In der der Name Schopenhauer lustig herumschwimmt. Ohne Unbescheidenheit sei es gesagt: ich roch so etwas von unsrer Athmosphaere heraus. So recht innerlich ist die Aneignung Schopenhauers nicht: er wird mitunter mißgedeutet;​ und am Schluß geht es ihm schlecht als einem, dessen Lehre von der Unveranderlichkeit des Charakters im Grunde daher stamme, daß er seinen eignen selbst nicht habe im Zaume halten können.\\
 +<​tab>​Übrigens hat mich dies auf den Einfall gebracht, auch einmal philosophisch zu promovieren und so meiner Studentenkarte in Bonn und Leipzig noch nachträglich zu ihrem Rechte zu verhelfen; ich bin nämlich immer als stud. philos. spazieren gegangen.\\
 +<​tab>​Jetzt das zweite Erlebniß. Am selbigen Tage bekomme ich einen verführerisch liebenswürdigen Brief von Zarnke, in dem er mir die Mitarbeiterschaft am litter. Centralblatt anträgt und zugleich für selbiges eine Anzeige der eben erschienenen Theogonieausgabe von Schümann wünscht: als welches Buch er mitschickt. So tauft man mich gebrechliches Menschenkind erst zum Gefreiten und dann zum Recensenten!\\
 +<​tab>​Gestern erzählte Volkmann, Curt Wachsmuth habe eine große Entdeckung gemacht. Mehr wußte er nicht. Einen zweiten Sohn hat er auch gezeugt.\\
 +<​tab>​Lieber Freund, ein Wort nach und aus meinem Herzen hast Du geschrieben:​ der Instinkt ist das Beste am Intellekt. Besagter Instinkt sagt mir jetzt wie ein δαιμόνιον „Denke noch etwas an Deinen fernen Freund, aber schreibe nicht mehr.“
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 +<WRAP right>​Und damit //​Lebwohl//​!\\
 +F.N.</​WRAP>​
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 +===== Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches =====
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 +===== Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen =====
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 +===== Wissenschaftliche Auslegungen =====
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 +===== Weitere Verbindungen =====
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de/nietzsche/briefe/1868/bvn-1868_7.txt · Last modified: 2015/10/14 17:16 by babrak