aphil.org

Aphorisms -- in context.

User Tools

Site Tools


1869

Inhalt

BVN-1869,1

An Erwin Rohde in Hamburg

[Leipzig, 10. Januar 1869]


Mein lieber Freund,

bevor ich heute auf alle unsre gemeinsamen Herzensdinge kommen kann, will Bileams Eselein einige Worte verlauten lassen. Selbiges Gethier wundert sich nämlich sehr über jenen nach Hamburg geschickten Druckbogen, jetzt aber ist es durch den Obersten der Drugulinschen Druckerei aufgeklärt und denkt fürderhin wie ein aufgeklärter Setzer. Die erste Correktur nämlich habe ich besorgt: da es aber Träumerei ist, durch einen einzigen Angriff dem Setzer seine Liebhabereien für verrückte Worte und barbarisches Griechisch zu verleiden, so wurde Dir — dem als Autor natürlich eine ganz andre Autorität zur Seite steht (um mit R. Wagner zu reden) — die zweite Correktur übertragen und mir nun hinwiederum die dritte: welche auch bereits besorgt ist. Hoffen wir denn also, daß das neugebackne Geschöpfchen bald munter und guter Dinge umherspringe, Γλαυκίδιον in Backfischrollen vergleichbar. Der Himmel schenke Dir und mir immer so gute Hebammen wie den Dr Engelmann: dem Du vielleicht schon ein paar Zeilen geschrieben hast, zumal er den Wunsch hat Dich kennen zu lernen. — Und damit verstummt das Eselein, und die Menschen dürfen wieder reden.
     Ach lieber Freund, was für einen schönen Weihnachtsgruß hast Du mir nach Naumburg geschickt. Am ersten Festmorgen war es, und Festglocken läuteten. Die ganze Welt ist an diesem Morgen beschenkt und deshalb ein wenig besser als im ganzen andern Jahr. Ich selbst zog mit geblähter Nase die warme Temperatur der Heimat ein: siehe, da kam der Briefträger und NB. machte meine Freude voll. Wer sich als Einsiedler zu fühlen gewöhnt hat, wer mit kalten Blicken durch alle die gesellschaftlichen und kameradschaftlichen Verbindungen hindurchsieht und die winzigen und zwirnfädigen Bändchen merkt, die Mensch an Menschen knüpfen, Bändchen so fest, daß ein Windhäuchchen sie zerbläst: wer dazu die Einsicht hat, daß nicht die Flamme des Genies ihn zum Einsiedler macht, jene Flamme, aus deren Lichtkreis alles flieht, weil es von ihr beleuchtet so todtentanzmäßig so narrenhaft, spindeldürr und eitel erscheint: nein wer einsam ist vermöge einer Naturmarotte, vermöge einer seltsam gebrauten Mischung von Wünschen Talenten und Willensstrebungen, der weiß, welch „ein unbegreiflich hohes Wunder“ ein Freund ist; und wenn er ein Götzendiener ist, so muß er vor allem „dem unbekannten Gotte, der den Freund schuf“ einen Altar errichten. Ich habe hier Gelegenheit mir die Ingredienzen eines glücklichen Familienlebens in der Nähe anzusehn: hier ist kein Vergleich mit der Höhe, mit der Singularität der Freundschaft. Das Gefühl im Hausrock, das Alltäglichste und Trivialste überschimmert von diesem behaglich sich dehnenden Gefühl — das ist Familienglück, das viel zu häufig ist, um viel werth sein zu können. Aber Freundschaften! Es giebt Menschen, die an ihrer Existenz zweifeln. Ja, es ist eine ausgesuchte Gourmandise, die nur Wenigen zu Theil wird, jenen ermatteten Wanderern, denen der Lebensweg ein Weg durch die Wüste ist: sie tröstet ein freundlicher Dämon, wenn sie im Sande liegen, ihnen netzt er die verdorrten Lippen mit dem Götternektar der Freundschaft. Diese Wenigen aber singen in den Klüften und Höhlen, wo sie ungestört vom Weltlärm ihren Göttern opfern, schöne Hymnen auf die Freundschaft, und der alte Oberpriester Schopenhauer schwenkt dazu den Weihkessel seiner Philosophie.
     An der mit NB. bezeichneten Stelle kam eine Nachricht, die mich in die Stadt rief, sobald der Bogen vollgeschrieben war: jetzt zurückgekommen zittre ich an allen Gliedern und kann mich nicht einmal dadurch befreien, daß ich Dir mein Herz ausschütte. Absit diabolus! Adsit amicissumus Erwinus


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,2

An Erwin Rohde in Hamburg

[Leipzig, 16. Januar 1869]


Mein lieber Freund,

ich hatte neulich allen Grund, an den Gliedern zu zittern und den Brief jäh abzubrechen; denn es ist ein großer Streich auf mein Haupt gefallen, und die gemeinsamen Pariser Pläne flattern in alle Lüfte. Und mit ihnen flattern meine schönsten Hoffnungen. Ich hatte es noch einmal recht wohl haben wollen, bevor ich an die Berufskette gelegt würde, ich hatte sehnlich begehrt, den tiefen Ernst und den zauberhaften Reiz eines Wanderlebens auszukosten, noch einmal das unbeschreibliche Glück, Zuschauer und nicht Mitspieler zu sein, mit dem treusten und verständnißreichsten Freunde zu schlürfen. Ich dachte mir uns beide, wie wir mit ernstem Auge und lächelnder Lippe, mitten durch den Pariser Strom hindurch schreiten, ein paar philosophische Flaneurs, die man überall zusammen zu sehen sich gewöhnen würde, in den Museen und Bibliotheken, in den Closeries des Lilas und der Notre dame, überall hin den Ernst ihres Denkens und das zarte Verständniß ihrer Zusammengehörigkeit tragend. Und was soll ich eintauschen gegen eine solche Wanderschaft, gegen solche Freundesnähe! Ach, liebster Freund, ich glaube, so ist es dem Bräutigam zu Muthe wie mir: nie erschien mir unsre holde Ungezwungenheit, unsre ideale Sommerbummelei so beneidenswerth wie jetzt.
     Bevor ich nun das Folgende ausspreche, bitte ich Dich darum, eine Sache, die noch nicht ausgetragen ist, als ein strenges freundschaftliches Geheimniß zu betrachten, an dem fremde Nasen noch gar nicht zu schnüffeln haben.
     Lieber Freund, ich habe die wahrscheinliche, ja sichere Aussicht, allernächster Zeit an die Universität Basel berufen zu werden: ich habe mich darauf einzurichten, von Ostern an akademischer Lehrer zu sein.
     Mein Titel wird zunächst der eines Profess. extraord. sein, mein Gehalt 3000 fr. betragen und meine Stellung es mit sich bringen, an der obersten Klasse des dortigen Pädagogiums wöchentlich 6 Stunden zu geben. Nachdem diese ganze Berufung erst in Scene gesetzt ist, würde es eine unverzeihliche Laune sein, wieder sich auf die Hinterfüße zu stellen.
     Der Ursprung aber dieser mährchenhaften Geschichte ist dieser. Der dortige Erziehungsrath, von Kiessling benachrichtigt, daß er nächstens Basel verlassen würde — mit was für vorteilhaften Aussichten, kann Dir gleich sein — jener Erziehungsrath also, der sehr vortreffliche Vischer fragt bei Ritschl, seinem alten Rathgeber in solchen Fällen, an und erkundigt sich bei dieser Gelegenheit nach einem Menschen meines Namens, von dem man den Eindruck habe, daß er aus guter Schule sei.
     Das Folgende kannst Du Dir denken: wie Ritschl mich kommen läßt, wie ich in eine glückliche Bestürzung gerathe, in der ich einen ganzen Nachmittag, spazierengehend, Tannhäusermelodien sang, wie Ritschl über mich Bericht erstattet und wie nun schließlich Vischer wieder schreibt usw. Wozu Dich noch behelligen mit dem, was noch mitten durch schwimmt, mit den eifrigen, ja gierigen Bewerbungen Anderer usw.
     Nun kann ja noch ein kleiner Dämon alles wieder über den Haufen werfen; und geschieht dies, so bin ich der Letzte, der den Kopf hängen läßt. Ich habe von Anfang an mich daran gewöhnt, in dieser Geschichte eine großartige Zufälligkeit zu sehen. Sollte sie sich plötzlich in jenes lächerliche Mäuslein verwandeln, von dem der Dichter singt — immerhin! Wir sind nicht so leicht todt zu machen! (Pluralis maiestatis!) Viel schmerzlicher wird mir sein — oder würde mir sein — wenn unsre Pariser Zukunftsträume spurlos in den Lüften zerflattern sollten.
     Lieber Freund, ich halte meinen Finger an meinen Mund und gebe Dir einen recht kräftigen Händedruck. Wir sind doch recht die Narren des Schicksals: noch vorige Woche wollte ich Dir einmal schreiben und vorschlagen, gemeinsam Chemie zu studieren und die Philologie dorthin zu werfen, wohin sie gehört, zum Urväter-hausrath. Jetzt lockt der Teufel „Schicksal“ mit einer philologischen Professur.
     Übrigens sind zunächst die Aussichten dieser Professur vortrefflich. Steigerungen des Ranges und des Gehaltes sind schon nach kurzen Terminen vorgesehen; und alles, was ich höre oder erhorche, spricht dafür, daß ich mit frei denkenden und nobeln Behörden — unerhört! auf preußische Taille! — zu thun habe.
     In der nächsten Zeit muß ich nun schnell promovieren; wärest Du vielleicht so gefällig eine Correktur der sehr kurzen Dissertation (Corollarium disput. de font. Laert.) zu übernehmen? Meine Zeit ist mir sehr theuer geworden. Gott weiß, was ich alles in den nächsten Monaten zu thun habe! Schopenhauer lächelt ob dieses Stoßseufzers: denn was bringen wir Schächer mit unsrer πολυπραγμοσύνη zu Stande!
     Und so lebe wohl und verzeih, wenn Du kannst, die Treulosigkeit Deines treusten Freundes. S’ giebt halt keine Treue auf der Welt. Das Leben ist mir recht schwül, ich spüre so etwas wie das Herannahen des Sommers. —
     Noch eine Notiz. Kürzlich hat mich Richard Wagner, zu meiner größten Freude, brieflich grüßen lassen. Luzern ist mir nun nicht mehr unerreichbar. Am Ende dieses Monates reise ich nach Dresden, um die Meistersinger zu hören. Schließlich freue ich mich darauf mehr als auf alles, ausgenommen unsre Pariser Reise.
     Es lebe die Kunst und die Freundschaft!

F.N.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,3

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Leipzig, 17. Januar 1869]
Sonntags.


Liebe Mutter und Schwester,

endlich, werdet Ihr sagen, Nachricht in und aus dem neuen Jahre! Wenn ich nun recht langweilig sein wollte, könnte ich die Neuigkeiten des neuen Jahres so zusammen fassen: Arbeit — Arbeit — Arbeit — und hier und da ein Plaisirchen. Wenn ich die letzteren aber hinter einander erzähle, so bildet Ihr Euch schließlich wieder ein, ich lebte in einem fortwährenden Festtaumel. Da war ich z. B. neulich zu einem Professorenballe eingeladen (freilich war ich nicht dort), dann gehe ich mitunter mit Frau Ritschl ins Theater, dann erinnere ich mich eines schönen Herrensoupers bei Zarncke (mit Austern und Chablis etc) dann brachte mich ein Brockhaussches Billet am Neujahrstage ins Gewandhaus, dann gedenke ich am Donnerstag nach Dresden zu fahren zur Meistersingeraufführung, zusammen mit dem Pastor Brockhaus, bei dem ich heute Morgen gefrühstückt habe, usw. Doch fällt mir eben ein, daß Gustav Krug bestimmt den Termin der Aufführung wissen wollte. Sagt ihm gefälligst, daß, wenn den Dresdner Lokalblättern zu trauen ist, die erste Aufführung nächsten Donnerstag stattfände. Es sollte mich freuen, wenn er nach Dresden käme.
     In diesen Tagen hat hier am Theater ein Fräulein Felicitas von Vestvaly gastirt und zwar mit Männerrollen, als Hamlet und Romeo: ein Weib mit einem kolossalen kraftvollen Contraalt und großem Talent. Sie tritt in 3 Sprachen auf, besitzt in Amerika ein Theater als Direktrice und stammt aus einer gräflichen Familie. Zudem duellirt sie sich vortrefflich; der alte Theaterdiener, der sie zu Hause im Schlafrock sah, schwor darauf, es wäre ein Mann. Nächstens beginnt das öffentliche Regime Laube’s, während das geheime, die Vorbereitung zu seiner ersten Aufführung schon im Gange sind. Ich habe Gelegenheit, aber kaum Zeit, ihn kennen zu lernen. — In der nächsten Woche gastirt übrigens Hedwig Raabe; es wäre möglich, daß Ihr oder Wenkels den Geschmack hättet, gerade sie sehen zu wollen. Für diesen Fall bitte ich darum, daß mir an dem Tage Eurer Ankunft spätestens bis früh um 9 Uhr telegraphisch berichtet wird, wann und in welcher Zahl Ihr kommt: damit ich die nöthigen Schritte wegen der Billete zur rechten Zeit thun kann. Was gespielt wird, erfahrt Ihr aus allen Leipziger Zeitungen, und ebensobald wie ich d.h. tagsvorher.: da man hier nicht die gute Sitte hat, am Sonntag das Repertoir der kommenden Woche bekannt zu machen. — Solltet Ihr Lust haben, der ersten Laubeschen Aufführung beizuwohnen (Demetrius von Schiller, fortgesetzt von Laube) so bitte ich, mir allernächstens Auftrag zu geben, da sonst alle Möglichkeit Billete zu bekommen genommen ist.
     Am 2ten Februar dh. am Tage nach dieser Laubeschen Aufführung würde ich wahrscheinlich nach Naumburg kommen: vielleicht ist es zu arrangieren, daß wir zusammen die Rückreise nach N. machen.
     Übrigens erwarte ich von Dir , liebe Elisabeth, nächstens einen Brief von wegen eben dieses zweiten Februars.
     Und so wünscht mir, daß es mir gut und glücklich gehe, auch im neuen Jahre, wie ich es Euch wünsche (ein verschämter, etwas altbackner, aber doch noch genießbarer Neujahrswunsch resp. eine Aufforderung mir zu gratulieren! Ha ha ha! (Lacht.)

Ha ha ha! (Lacht noch einmal.)
Schrumm! (Geht ab.)
F N.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,4

An Carl von Gersdorff in Berlin

[Leipzig, 18. Januar 1869]


Mein lieber Freund,

ich bin sehr glücklich zu erfahren, in welchem Winkel Berlins Du jetzt hausest, nach dem Du eine Zeitlang ganz dem Bereiche meiner Briefe entschwunden warst; so daß ich fast Lust bekam, mich einmal im Inseratentheile der Kreuzzeitung nach Dir und Deinem Befinden zu erkundigen. Ich bin doppelt froh, gerade jetzt von Dir benachrichtigt und durch einen ausführlichen Brief angenehm überrascht zu werden, jetzt wo ich in der glücklichen Lage bin, einem theilnehmenden Freunde eine geheime, für diskrete Gemüther bestimmte, vorläufige Kunde ins Ohr zu flüstern. Nicht etwa die Kunde meiner Verlobung — bewahre mich Zeus — aber die zunächst viel wohler lautende einer Berufung. Es steht mir mit einiger Wahrscheinlichkeit (um nicht mehr zu sagen) die Aussicht offen, in nächster Zeit als Prof. extraor. (mit 3000 fr.) an die Universität Basel berufen zu werden.
     Ich weiß im Voraus, wie herzlich Du mein lieber Freund, diese Neuigkeit begrüßen wirst: und ich wünsche nur Dir recht bald etwas Definitives schreiben zu können. Nicht wahr, die Sache hat etwas Mährchenhaftes, Siebenmeilenstiefelähnliches? Das Seltsamste ist immerhin, daß es wirklich in der Welt vollkommen vorurteilsfreie, geistig unbefangene und Formalitäten abgeneigte Regierungsbehörden giebt: wenigstens liegt für mich nur hierin das Erstaunliche jener Geschichte. Sind wir doch in Preußen, und speziell im Unterrichtsfache etwas anders gewöhnt. Zeter! Zeter! Wie Vater Schopenhauer so schön singt.
     Mein hiesiges und jetziges Leben hat sich sehr gegen mein früheres umgewandelt. Erstens wohne und lebe ich in der Familie des Prof. Biedermann, des Redakteurs der Deutschen Allgemeinen, und zwar sehr hübsch. Sodann bin ich in mehreren Familien eingeführt: besonders nahe aber steht mir der Kreis des Prof. Brockhaus, in dem ich das seltne, ja einzige Vergnügen hatte Richard Wagner, den Bruder der Frau Prof. Brockhaus, kennen zu lernen. An jenem glücklichen Abende hat er uns aus seiner Selbstbiographie vorgelesen, „Meistersinger“ gespielt und gesungen und mit mir speziell über Schopenhauer, als warmer Anhänger, gesprochen. Auch habe ich kürzlich zu meiner Freude einen brieflichen Gruß von ihm aus Luzern bekommen; nun, wenn die Götter es wollen, lebe ich von Ostern ab recht in seiner Nähe. — Diese Woche werden in Dresden die Meistersinger aufgeführt, ein Werk, zu dem ich die allerstärkste Zuneigung fühle, so daß ich trotz des mächtigen Arbeitsdranges hinüberfahren werde.
     Ach hätte ich das Vergnügen, mit Dir einmal wieder an Ort und Stelle zusammen zu sein, damit wir gegenseitig unsre Vergangenheiten controlieren, gleiche Erfahrungen und Erkenntnisse uns mittheilen könnten. Auf mich stürmt nun jetzt der heiße Lebenssommer ein mit einer schwer wuchtigen Last der Geschäfte: und oftmals werde ich an die treuen Freunde denken, denen ich vor allem den Genuß und die geistige Erhebung der schönen akademischen Jahre danke. Vergiß mich nicht und behalte einen Platz in Deinem Herzen frei für

Deinen treuen
Friedr. Nietzsche.


Adr.: Dr. Nietzsche, Leipzig, Lessingstr. 22, II Trep.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,5

An W.G. Pluygers, Bibliothekar, Universitätsbibliothek Leiden

[20. Januar 1869]


Hochverehrter Herr,

ich bin sehr betrübt, daß eine unbegreifliche Ungeschicklichkeit unserer hiesigen Postbeamten Ihnen einige Unruhe und doppelte Mühe gemacht hat.
     Dagegen ist jene Handschrift zur rechten Zeit in meine Hände gelangt und von mir wiederum innerhalb der gesteckten Grenzen, nämlich an den ersten Tagen des Dezember 1868, dem Herrn Oberbibliothekar Gersdorff zur Rücksendung übergeben worden. Meinen Dank für Ihre ausgezeichnete Gefälligkeit hoffte ich Ihnen zugleich mit Übersendung des kleinen Schriftchens aussprechen zu können.
     In der Voraussetzung, daß in den allernächsten Tagen jene Handschrift wieder in ihre Heimat kommt, und mit der Bitte, Ihnen durch diese Angelegenheit nicht mißfällig geworden zu sein

bin ich
mit vorzüglicher Hochachtung
Ihr ergebenster Dr. Nietzsche


Leipizig am 20. Januar


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,6

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Leipzig, Ende Januar 1869]


Liebe Mutter und Schwester,

heute will ich Euch nur genau benachrichtigen, wann Ihr mich nächsten Dienstag zu erwarten habt. Ich komme, wie gewöhnlich, mit dem Morgenzuge, der um 11 oder ½12 Uhr bei Euch ist.
     Mancherlei werde ich Euch zu erzählen haben zB. über die Dresdener Aufführung der Meistersinger, über den Demetrius Laube’s usw. Auch über meine nun bald ins Werk zu setzende Doktorpromotion. Auch über den kürzlich erfolgten Biedermannschen Hausball, usw.
     Verzeiht, wenn ich kurz bin; es drängelt gerade jetzt vielerlei.
     Besten Dank für Deinen Brief liebe Elisabeth! Übrigens einverstanden, wenn’s denn sein muß.

Adieu!
Euer Fr. N.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,7

An Wilhelm Vischer (-Bilfinger) in Basel

Leipzig, Lessingstr. 22, 2 Tr.
am 1 Febr. 1869.


Hochverehrtester Herr Professor,

nach dem, was mir heute Herr Geheimrath Ritschl mitgetheilt hat, ist es mir nicht nur erlaubt, sondern geboten, mich an Sie persönlich zu wenden und Ihnen eine unumwundene Erklärung darüber zu geben, wie ich mich im Falle einer Berufung usw. verhalten werde. Da mir alle dabei in Betracht kommenden Bedingungen und Verpflichtungen ebenso bekannt als erwünscht sind, so glaube ich getrosten Muthes aussprechen zu dürfen, daß ich eine eventuelle Berufung abzulehnen keinen Grund habe. Vielmehr bitte ich Sie, versichert zu sein, daß ich mit frischen Kräften, redlichem Fleiße und bestem Willen meinem Berufe leben werde, zumal es mein herzlicher Wunsch sein muß, das ausgezeichnete Vertrauen, mit dem Sie mich geehrt haben, einigermaßen zu rechtfertigen.
     Für den Fall nun, daß ich von Anfang Mai ab an der Universität Basel thätig sein dürfte, wäre es mir von besonderem Werthe, Ihre Wünsche betreffs meiner Vorlesungen zu kennen, da man, um Vorlesungen passend zu wählen, mit den Bedürfnissen und Zuständen der betreffenden Universität vertrauter sein muß als ich es gegenwärtig sein kann. Einstweilen hatte ich daran gedacht, über Hesiods Ἔργα priv. und über Quellenkunde der griechischen Literaturgeschichte publ. zu lesen. Doch corrigieren sich diese Absichten von selbst, so bald ich etwas Näheres über Ihre Wünsche in Erfahrung gebracht haben werde.

Ich bin in dankbarer Verehrung
Ihr
ergebenster
Friedrich Nietzsche.


NB. Ich habe noch beizufügen, daß meine Promotion spätestens in vier Wochen erfolgt sein wird.

[Beilage]

Ich, der Sohn eines protestantischen Landgeistlichen, wurde am 15ten Oktober 1844 in dem Dorfe Röcken, unweit Merseburg, geboren und verlebte hier die ersten vier Jahre meines Lebens. Als aber der unzeitige Tod meines Vaters eine neue Heimat zu suchen nöthigte, war es Naumburg, auf das die Wahl meiner Mutter fiel. Hier bin ich in einem Privatinstitut für das Domgymnasium desselben Ortes vorgebildet worden, doch ohne diesem später dauernd anzugehören. Es bot sich nämlich bald eine Gelegenheit, in der benachbarten Schulpforte Aufnahme zu finden. Die Vorbedingungen zu einem Studium der Philologie werden einem Pförtner Schüler geradezu an die Hand gegeben. Es werden in dieser Anstalt mitunter spezifisch philologische Aufgaben gestellt zB. kritische Commentare über bestimmte sophokleische oder äschylische Chorgesänge. Dann ist es ein besondrer Vorzug der Schulpforte, daß unter den Schülern selbst eine angestrengte und mannichfache Lektüre griechischer und römischer Schriftsteller zum guten Ton gehört. Das Glücklichste aber war, daß ich gerade auf ausgezeichnete philologische Lehrer traf, auf Männer wie Steinhart, Corssen, Koberstein, Keil, Peter, die mir zum Theil auch ihre nähere Neigung schenkten:
     Als ich nach einem sechsjährigen Aufenthalte der Schulpforte als einer strengen aber nützlichen Lehrmeisterin dankbar Lebewohl gesagt hatte, gieng ich nach Bonn. Hier richteten sich meine Studien eine Zeitlang auf die philologische Seite der Evangelienkritik und der neutestamentlichen Quellenforschung. Außer diesen theologischen Streifzügen war ich Zuhörer in den philologischen und archaeologischen Seminarien. Aus der Ferne verehrte ich die Persönlichkeit Friedrich Ritschl’s. So fand ich es ganz natürlich zu gleicher Zeit mit ihm Bonn zu verlassen und mir Leipzig als neue akademische Heimat zu wählen.
     Hier fühlte ich mich sehr wohl; vor allem fand ich eine Anzahl gleichstrebender Kameraden, mit denen ich mich bald zu einem philologischen Vereine verband. In ihm habe ich fünf größere Vorträge gehalten, deren Titel aufzuzählen hier am Ort sein wird. „Die letzte Redaktion der Theognidea.“ „Die Quellen des Suidas.“ „Die aristotelischen Schriftenverzeichnisse.“ „Die Gleichzeitigkeit Homers und Hesiods.“ „Der Cyniker Menipp und die Varronischen Satiren.“ Auf die Veranlassung Ritschl’s sind sodann im Rheinischen Museum folgende Aufsätze gedruckt worden: „Zur Geschichte der Theognideischen Spruchsammlung“ „das Danaelied des Simonides“ „de Laertii Diogenis fontibus.“ Im Jahre 1866 machte ich mich daran, eine von der philosophischen Fakultät gestellte Preisaufgabe zu lösen. Die Nachricht, daß ich dies mit Glück gethan habe, bekam ich in Naumburg. Ich hatte mich nämlich im Sommer 1867 exmatrikulieren lassen, weil ich inzwischen als brauchbar zum soldatischen Dienste befunden worden war. Als reitender Artillerist hatte ich vollauf zu arbeiten und zu lernen; doch gerieth ich in Folge eines unglücklichen Sturzes in eine gefährliche Krankheit, die in ihrem Verlaufe wiederum das Angenehme mit sich brachte, daß ich zeitiger zu meinen Studien zurückkehren konnte, als es die militärische Regel erlaubt haben würde. Im Oktober 1868 verließ ich Naumburg als völlig Genesener, um in Leipzig meine Promotion und Habilitation vorzubereiten. Es war nämlich meine Absicht, beide Akte gleichzeitig zu bewerkstelligen; nach den bestehenden akademischen Gesetzen war mir aber die Habilitation nicht vor Ostern 1869 erlaubt. —

Friedrich Wilhelm Nietzsche.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,8

An einen Buchhändler (Visitenkarte)

[Leipzig, vermutlich Februar 1869]


Wollen Sie mir gefälligst folgende Bücher in möglichster Kürze verschreiben:
1) Nicolai, Geschichte der griechischen Litteratur. / Magdeb.
     1865—6 neueste Auflage!
2) G. Curtius griechische Schulgrammatik letzte Auflage!
3) G. Curtius, Erläuterungen zur griechischen Schulgrammatik/Prag 1863


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,9

An Carl von Gersdorff in Berlin (Visitenkarte)

[Leipzig, 12. Februar 1869]


Theurer Freund, in allen drei Instanzen bin ich einstimmig gewählt: wovon mich heute Vischer in Kenntniß gesetzt hat. Er redet mich „Herr Professor“ an: nun, so darf ich mich also auch so unterzeichnen. Dieser Prof. Vischer ist der Erziehungschef im Canton.

In treuster Freundschaft
FRIEDRICH NIETZSCHE.
Professor der klassischen Philologie
an der Universität
Basel.


Addr.: Leipzig Lessingstr. 22, 2 Tr.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,10

An Hermann Mushacke in Berlin (Visitenkarte)

[Leipzig, 12. Februar 1869]


Mein lieber Freund, ich habe lange nicht die Freude gehabt, etwas von deinem Ergehen und Befinden zu hören. Vielleicht findest Du Anlaß, mir recht bald einmal zu schreiben, wenn Du folgende angenehme Neuigkeit hörst. Ich habe einen definitiven Ruf an die Universität Basel angenommen und beginne mit dem ersten Mai meine Vorlesungen. Gehalt 800 Thl. — Meine Addr. einstweilen:

Leipzig, Lessingstr. 22, II Tr.


FRIEDRICH NIETZSCHE.
Prof. extraord. der klass. Philologie.

Darf ich bitten, Deinen so sehr verehrten Angehörigen bestens empfohlen zu sein?


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,11

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg (Visitenkarte)

[Leipzig, 12. Februar 1869]


                    Zur Verbreitung!

FRIEDRICH Nietzsche.
Professor extraord. der klassischen
Philologie (mit 800 Thl. Gehalt) an
der Universität Basel.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,12

An Oscar Oehler in Halle (Visitenkarte)

Leipzig Lessingstr. 22 [12. Februar 1869]


Lieber Oscar, es wird Dich gewiß herzlich freuen, von meiner definitiv erfolgten Berufung nach Basel zu hören. Vom ersten Mai an beginnt meine akademische Thätigkeit. Mein Gehalt beträgt 800 Thl. —
     Mit der Bitte, dies Factum meinen lieben Verwandten in Halle mitzutheilen bin ich

FRIEDRICH Nietzsche.
Professor extraord. der klass.
Philologie in Basel.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,13

An Erwin Rohde in Hamburg (Visitenkarte)

[Leipzig, 12. Februar 1869]


Lieber Freund, der Sprung ins Unvermeidliche ist geschehn: heute, an jenem festlichen Tage, an dem Dein Ὄνος reichgeschmückt ins Leben tritt, ist der unterzeichnete Ὄνος in den Stand des heiligen Professorenthums getreten. Es lebe die freie Schweiz, Richard Wagner und unsre Freundschaft.

FRIEDRICH Nietzsche.
Prof. extraord. der klass.
Philologie zu
                              Basel.


Addr.: Leipzig Lessingstr. 22 II Tr.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,14

An Friedrich August Wenkel in Naumburg (Visitenkarte)

[Leipzig, 12. Februar 1869]


Lieber Herr Oberpfarrer, ich habe heute das besondre Vergnügen, Ihnen meine Berufung nach Basel anzeigen zu können: alswo ich einstimmig, in allen drei Instanzen gewählt worden bin. Mit Beginn des Mai muß ich meine Vorlesungen anfangen: außerdem habe ich wöchentlich 6 Stunden in der obersten Klasse des dortigen Pädagogiums zu geben. Drittens ist das philologische Seminar unter meiner Leitung. Also viel Müh und Beschwer!

FRIEDRICH Nietzsche.
Profess. extraord. der klass. Philologie
(mit 800 Thl. Gehalt)

     Darf ich bitten, Ihrer Frau Gemahlin bestens empfohlen zu werden?

Mit herzlichem Gruße.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,15

An Wilhelm Vischer (-Bilfinger) in Basel

[Leipzig, 13. Februar 1869]


Hochverehrtester Herr Professor,

sehr glücklich über den empfangenen Brief, beeile ich mich, Ihnen definitive Auskunft über die Vorlesungen zu geben die ich im Sommersemester zu halten gesonnen bin.
                    Publ. also und zweistündig „Quellenkunde der griechischen Literaturgeschichte“
                    Priv. und vierstündig „die Fragmente der griechischen Lyriker“
     Natürlich kann ich erst an Ort und Stelle erfahren, welche Tage[s]stunde für diese Vorlesungen schicklich und bequem ist: wie ich ebenfalls erst nach einer eingehenden Rücksprache mit Ihnen mir erlauben werde, die Objekte der Seminararbeiten zu bezeichnen.
     Ich freue mich auf meine Ankunft in Basel und werde mit warmem Herzen einen Mann begrüßen, der mir dem Unbekannten ein so muthiges Vertraun und eine so hülfreiche Theilnahme entgegengebracht hat.

Mit ausgezeichneter Hochachtung
Ihr dankbarster
Friedrich Nietzsche.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,16

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Leipzig, zweite Februarhälfte 1869]


Liebe Mutter und Schwester,

ich rechne mit einiger Wahrscheinlichkeit darauf, daß Eure Gemüther nach diesem plötzlichen Stoß des Schicksals sich wieder etwas beruhigt haben, daß Ihr Euch an jene Thatsache bereits gewöhnt habt. Es wurde mir förmlich etwas Angst bei dem Enthusiasmus Eurer Briefe; schließlich ist ein Professor mehr auf der Welt, und damit ist doch wahrlich Alles beim Alten geblieben. Ich fürchte, daß man sich in Naumburg ein wenig lustig macht über Eure Freude: und Ihr werdet es nicht übel nehmen, wenn ich dies selbst thue. Worin besteht nun dieses wunderbare Glück, diese entzückende Neuigkeit? Was ist der Kern dieses so verherrlichten Pudels? Schweiß und Mühe: aber um nachzufühlen, bis zu welchem Grade, müßtet Ihr selbst in meiner Haut stecken. Aber Ihr habt bloß die Sahne abgeschöpft, und die mag Euch wohl geschmeckt haben. Mir bleibt die Schlackermilch des täglichen eintönigen Berufs, der freundelosen Einsamkeit usw.
     Nach diesen Betrachtungen will ich Euch einiges Thatsächliche erzählen.
     Natürlich bekam ich Gratulationen von allen Seiten, Telegramme von Euch, von Schenks und von Dächsel, Briefe von allen meinen Freunden (nur von Volkmann, Mushacke und Deussen bis jetzt nicht). Es wurde auch viel gefeiert und leben gelassen; und die ganze Zeit war gesellschaftlich etwas angreifend. Ich will aufzählen, was mir in den Kopf kommt also ein Herrensouper beim Hofrath Roscher, mehrere Gesellschaften bei Brockhaus, bei Frau Jäger, bei Curtius, bei Ritschl, bei Brockh[aus] und Ritschl ein paar Mal zu Tisch, Professorium. Dann bin ich auch in den Laube’schen Salon eingeführt und gehe wöchentlich einmal hin. Er ist täglich von 5—½7 offen; man trifft dort Menschen aller Klassen, Collegen, Litteraten und hübsche Schauspielerinnen etc.
     So viel vom Treiben der Gesellschaft. In der Mitte März komme ich nach Naumburg, um dort einiges Praktische noch mit Euch abzumachen. Zudem werdet Ihr mich wohl auf eine längere Zeit nicht wieder sehen: denn ich höre zu meinem Ärger, daß die Ferien der Universität und der Schule nicht zusammenfallen.
     Inzwischen könnt Ihr mir einen Gefallen thun, nämlich Euch nach einem Bedienten umsehn, den ich mitnehmen werde. Meine Wünsche resp. Bedingungen sind diese: er darf nicht zu jung sein, muß Neigungen zur Reinlichkeit und Ehrlichkeit haben. Es ist gut, wenn er Soldat war. Ich hasse den Naumburger Volksdialekt. Ein beispielloser Grad von Bornirtheit wäre mir unerwünscht. Er kann dabei ein Handwerk treiben, falls es reinlich und wohlriechend ist.
     Im April reise ich ab. Meine Vorlesungen für das Sommersemester sind bereits angekündigt. Dann habe ich den griechischen Unterricht in der Prima des dortigen Gymnasiums zu geben. Auch das Seminar (das philologische) ist unter meiner Leitung. — Doch das wißt Ihr alles, sollte ich denken!

Nun lebt recht wohl und denkt
oft an Euren
Fr.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,17

An Paul Deussen in Oberdreis (Visitenkarte)

[Leipzig, zweite Februarhälfte 1869]


Werther Freund, wenn nicht etwa zufällige Störungen des Kopfes Deinen letzten Brief verschuldet haben, so muß ich bitten, unsere Beziehungen hiermit als abgeschlossen zu betrachten.

F.N.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,18

An Paul Deussen in Oberdreis (Entwurf)

[Leipzig, zweite Februarhälfte 1869]


Lieber Freund,

da ich zu langen Auseinandersetzungen keine Zeit habe, so nimm mit folgenden Andeutungen fürlieb. Erstens sende ich s. v. r. Deinen eignen Brief mit, den Du so sorgfältig lesen magst, wie ich es gethan. Ob ich und meine Leipziger Freunde, denen ich ihn zur Prüfung vorlegte, ihn richtig verstanden und ausgelegt haben, sollst Du nun selbst beurtheilen, wenn er zu Dir, als ein Fremdgewordner, zurückkehrt.
     Es giebt Momente, an denen sich die Solidität einer Freundschaft zu bewähren hat: und ich habe die Erfahrung gemacht, gerade bei dem vorliegenden Glücksfalle, von welcher Lauterkeit und Tiefe eine Freundschaft sein kann. Als spicilegium sende ich Dir, ebenfalls mit der Bitte um baldigste remission, einen Brief des amicissumi Rohde in Hamburg. Daß ich Dir etwas fremd geworden bin, ja daß Du mich eigentlich nicht mehr kennst, da Dir die Entwicklung der drei letzten Jahre, das will sagen, der wichtigsten Lebensjahre, so gut wie unbekannt ist — das habe ich mir öfter überlegt; in diesem Alter schadet die Entfernung der Freundschaft am erheblichsten.
     Recht nackt gesprochen — erscheint mir Dein ganzes Räsonnement in allen Deinen Briefen unendlich unbedeutend und trivial: und wie sich mit einer solchen Flachheit des Denkens, einem so unphilosophischen Mangel an Lebensernst noch der Stolz paaren will, der lächerliche Bauernstolz einen Höheren nicht anerkennen zu wollen, das gestehe ich nur mit Mühe und mit einem Stoßseufzer auf die menschliche Verkehrtheit einzusehn.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,19

An Anton Klette in Bonn (Entwurf)

[Leipzig, zweite Februarhälfte 1869]


V.H.D. Heute habe ich Ihnen eine Thatsache zu erzählen, meinen Dank auszudrücken und eine Bitte zu äußern: aber ich fürchte daß die Thatsache nicht mehr neu und die Bitte etwas verwegen ist. Lassen Sie mich also mit dem Danke anfangen.
     Die Königsberger Diss. die Sie mir gefälliger Weise übersendeten hat in meinen Augen nicht mehr Werth als in den Ihrigen. Es ist ein ganz anständiges Präludium zu der Laert. Quellenforschung aber überall, wo es gilt durch den Überfluß von Einzelheiten hindurch zu blicken und das dahinterliegende Gewebe mit den Augen festzuhalten, da will es dem Bahnsch nicht mehr glücken. In einem längeren Nachtrag zu meiner Arbeit, der sich nach anderthalb Jahren doch als nöthig erweist, komme ich auch auf jene Diss. zu sprechen. — Vielleicht ist es mir erlaubt, diesen Nachtrag später einmal Ihnen zuzuschicken. Einstweilen fehlt es mir an der Zeit, ihn fertig zu machen, weil jene Thatsache, von der ich Ihnen erzählen wollte, gebieterisch über mich disponirt.
     Sie wissen es viell[eicht] schon, daß ich eine Berufung nach Basel bekommen habe, und daß meine neue Wirksamkeit schon mit Ostern beginnt. Dies bedeutet für einen Neuling, wie ich bin, viel Arbeit und Mühe, da ich dort nicht nur an der Universität und im philol. Seminar, sondern auch am Pädagogium bestimmte Verpflichtungen zu erfüllen habe.
     Vorher aber muß ich mir doch anständigerweise noch die Leipziger Doktorwürde erwerben: und um dies so schnell als möglich zu bewerkstelligen, müssen Sie, verehrtester Herr Doktor ein wenig mit helfen. Kann ich nicht ein paar Abzüge meines Laertiusaufsatzes in der allernächsten Zeit bekommen? Ritschl meint, es müßte schon gehen und bittet Sie recht dringend, auf die Typotheken einen moralischen Druck auszuüben. —
     Da haben Sie Dank Thatsache und Bitte: aber ich merke es fehlt noch eins: ich muß mich entschuldigen daß die letzte gar so stürmisch gerathen ist. Und wenn Sie es erlauben, werde ich dies mündlich thun, wenigstens ist es meine Absicht auf der Reise nach Basel auch Bonn zu berühren


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,20

An Erwin Rohde in Hamburg

[Leipzig, 22. und 28. Februar 1869]


Mein lieber Freund,

heute am Geburtstage Schopenhauers habe ich niemanden, mit dem ich so vertraut reden könnte als mit Dir. Ich lebe nämlich hier in der aschgrauen Wolke der Einsamkeit und dies um so mehr, als ich von vielen Seiten mit geselligen Armen aufgenommen werde und fast Abend für Abend dem traurigen Zwange der Einladungen Folge leiste. In diesen Gesellschaften höre ich so viele Stimmen und komme gar nicht zu mir selber; wie ist es nur möglich, dieses summende Geräusch auszuhalten? Oder verletzt es mich bloß, weil ich die Ohren der Kalliope habe. Aber es erinnert an die Mücke, jenes Geräusch, und Du weißt, daß die Mücke das musikalische Unthier κατ᾽ἐξοχήν ist, weil zwei Mücken zusammen immer in der kleinen Sekunde singen. Menschen, mit denen man auf den Einklang gestimmt ist oder deren Reden wie schöne Terzen neben den meinigen auf und niedersteigen, habe ich gar nicht an Ort und Stelle; und selbst der vortreffliche Romundt, der wie ich merke, den herzlichen Wunsch hat, mir etwas mehr zu sein als ein guter Bekannter, bleibt meinem Gefühle ich weiß nicht warum doch recht fern. Also Einsamkeit habe ich nicht erst in Basel zu lernen. —
     Es sind wieder ein Paar Tage ins Land gegangen, und mein Brief an Dich ist nicht fertig geworden. Heute aber werde ich lebhaft wieder an jene Stimmung erinnert, in der ich ihn begann, heute wo ich als Erinnerung an den Geburtstag Schopenhauers eine Photographie unsers Meisters durch die Liebenswürdigkeit Wieseke’s zugeschickt bekommen — zugleich mit der Einladung, einmal persönlich in Plaue (in der Nähe von Brandenburg) zu erscheinen. Da hat nämlich dieser alte Hahn zur Feier des 22ten Februars sich eine Anzahl Schopenhauerfreunde aus Berlin zusammengeladen, darunter meinen Freund Gersdorff; alle haben sich gefreut, daß einer ihrer Leute Professor geworden ist und haben dessen Wohl in Steinberger 57ger getrunken. Erinnert das nicht an die ersten Christengemeinden und ihre Trunkenheit in süßem Weine? Als Motto für jenen Tag hatte sich jene Gesellschaft folgenden Spruch gewählt „Wie sollte es thöricht sein, stets dafür zu sorgen, daß man die allein sichere Gegenwart möglichst genieße, da ja das ganze Leben nur ein größeres Stück Gegenwart und als solches ganz vergänglich ist?“ Bei Tisch ist der bewußte Silberpokal mit Glanz aufgetreten, der „Onkel“ hat eine kleine Rede geredet, und nach dem Braten ist ein Capitel aus Schopenhauers Nachlaß vorgelesen worden.
     Auch der heutige Tag soll zu Ehren eines Meisters gefeiert werden. Ich bin nämlich zu einem Privatsouper im Hotel de Pologne eingeladen, um dort Franz Liszt’s Bekanntschaft zu machen. Neuerdings bin ich mit meinen Ansichten über Zukunftsmusik usw. etwas hervorgetreten und werde jetzt von den Anhängern derselben stark angebohrt. Sie wünschen nämlich, daß ich mich litterarisch in Ihrem Interesse betheilige, ich aber für mein Theil habe nicht die geringste Lust, wie eine Henne gleich öffentlich zu gackern; und es kommt hinzu, daß meine Herren Brüder in Wagnero meistens doch gar zu dumm sind und ekelhaft schreiben. Das macht, sie sind im Grunde mit jenem Genius schlechterdings nicht verwandt und haben keinen Blick für die Tiefe, sondern nur für die Oberfläche. Daher die Schmach, daß die Schule sich einbildet, der Fortschritt in der Musik bestünde gerade in den Dingen, die Wagners höchst eigenartige Natur wie Blasen hier und da aufwirft. Für das Buch „Oper und Drama“ ist keiner der Kerle reif. — Ich habe Dir noch nichts erzählt von der ersten Meistersingeraufführung in Dresden, von dieser größten künstlerischen Schwelgerei, die mir dieser Winter gebracht hat. Weiß Gott, ich muß doch ein tüchtiges Stück vom Musiker im Leibe haben; denn in jener ganzen Zeit hatte ich die stärkste Empfindung plötzlich zu Hause und heimisch zu sein, und mein sonstiges Treiben erschien wie ein ferner Nebel, aus dem ich erlöst war. Jetzt nun steht mir so ein tiefer, schwerer Nebel wieder bevor. Ich habe für das Sommersemester 2 Vorlesungen angekündigt priv. Geschichte der griechischen Lyrik mit Interpretation auserwählter Proben publ. Methodik und Quellenkunde der griech. Literaturgeschichte. Sodann habe ich den ganzen griechischen Unterricht in der dortigen Prima zu geben, und auch das philologische Seminar wird seine Zeit und Mühe beanspruchen. Und vor allem die Einsamkeit, die Einsamkeit ἄφιλος ἄλυρος! Augenblicklich lebe ich zerstreut ja genußsüchtig ein verzweifeltes Carnevale vor dem großen Aschermittwoch des Berufs, der Philisterei. Es geht mir nahe — aber keiner meiner hiesigen Bekannten merkt etwas davon. Die lassen sich blenden durch den Titel Professor und glauben ich sei der glücklichste Mensch unter der Sonne.
     Liebster Freund, ich empfinde es immer mit dem tiefsten Mißmuth, daß wir nicht zusammen leben können. Wir beide sind Virtuosen auf einem Instrument das andre Menschen nicht anhören mögen und können, das uns aber tiefstes Entzücken bringt; und nun setzen wir uns jeder an eine einsame Küste, Du im Norden, ich im Süden und sind beide unglücklich, weil wir den Zusammenklang unsrer Instrumente vermissen und uns darnach sehnen. —
     Nach diesem Adagio sollte billigerweise ein Scherzo folgen: hier hast Du eins. Vater Ritschl hat sich neulich ausführlich über Deinen Ὄνος ausgesprochen: natürlich hat er ihn im Manuscript gar nicht gelesen. „Das ist ein Academicus!“ sagte er und war ganz glücklich. Offenbar war seine Stimmung völlig umgeschlagen, er rühmte nicht nur die schöne μέθοδος und die ausgesuchte Gelehrsamkeit, sondern auch den geistreichen, weltmännischen Ton, mit dem sich jener Esel vernehmen läßt. Engelmann übrigens, jener ausgezeichnete Verleger und höchst achtbare Mensch, hat sich mehrfach angeboten, ja mir einen Besuch gemacht, so daß auch ich für meine Zukunftsschriften nicht erst nach Verlegern zu suchen habe. Hier, lieber Freund, haben wir beide einen guten Fang gethan.
     Du hast übrigens einen Menschen glücklich gemacht, der heißt Wilhelm Roscher. Er sprang und jubelte und kam zu mir gelaufen, als er Deinen Brief bekam.
     Zum Schluß noch ein guter Rath vom alten Ritschl. Hast Du nicht Lust, Dich in Göttingen (statt in Kiel) zu habilitiren? R[itschl] hält dies für sehr angethan, aus vielen Gründen.
     Und so lebe wohl und verzeih dem Freunde, der sehr viel an Dich denkt und doch so selten schreibt. Ich bleibe noch bis zum 15ten März in Leipzig.

F. N.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,21

An Wilhelm Vischer (-Bilfinger) in Basel

Leipzig 7 März. 1869.


Hochverehrter Herr Professor,

daß ich Sie von dem Empfange der Urkunden so spät benachrichtige, bedarf gewiß der Entschuldigung. Es war meine Absicht, Ihnen zugleich mit dieser Benachrichtigung mein Leipziger Doktordiplom zukommen zu lassen, aber ich hatte mich über die Zeit geirrt, in der dieses ausgefertigt sein könnte. Inzwischen habe ich mir erlaubt den zweiten Theil meiner Laertiana an Sie zu addressieren; da diese aber in der ersten Hälfte des Jahres 1867 geschrieben und in der zweiten der Redaktion des Rhein. Mus. übergeben wurden, so ist es nicht verwunderlich, wenn ich mich in manchen Punkten jetzt zu fortgeschrittneren Ansichten bekenne: nur, daß alle Hauptsachen bis jetzt für mein Urtheil Stand gehalten haben. —
     Es ist mein Wunsch, mich in Basel etwas eingerichtet und eingelebt zu haben, bevor die tägliche Berufsarbeit beginnt, und deshalb halte ich es für sehr rathsam, in der Mitte des April dort einzutreffen. Ich habe Prof. Kiessling brieflich gebeten, mir über bestimmte Angelegenheiten der häuslichen Einrichtung usw. gefällige Mittheilung zu machen: und ich weiß Ihnen gewiß wärmsten Dank dafür, daß sich Ihre ausgezeichnete Theilnahme für mich selbst bis auf diese Dinge erstreckt.
     Einen andern Punkt, den Sie berühren, habe ich mir lange überlegt. Schließlich werde ich doch meine preußische Heimatsberechtigung aufgeben müssen. Denn gesetzt auch, daß ich bei Einberufungen zum Waffendienst im Frieden jederzeit mit Erfolg reklamieren kann, so ist doch gegen die fatale Möglichkeit eines Krieges kein Kraut gewachsen; ich würde unwiderruflich als reitender Artillerist eingezogen werden. Unter diesen Verhältnissen halte ich es der Baseler Universität gegenüber für meine Pflicht, meine Thätigkeit an derselben nicht von Krieg und Frieden abhängig zu machen.
               Ich verharre mit dem Ausdruck

hochachtungsvoller Ergebenheit

Friedr. Nietzsche
Pr. e. o.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,22

An Tonndorf in Leipzig (Visitenkarte)

[Leipzig, vermutlich erste Märzhälfte 1869]


An Herrn Tonndorf.

Bitte, schicken Sie mir gefälligst eine Flasche Oppenheimer, sowie eine Flasche von Ihren besseren Rheinweinen, etwa zum Preise von 20 Srg.

Professor Dr. Friedrich Nietzsche.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,23

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Leipzig, kurz vor dem 15. März 1869]


Liebe Mutter und Schwester,

auf fröhliches Wiedersehen am Montag. Zwar habe ich noch sehr viel zu thun und abzumachen, aber ich denke doch mit dem Nachmittagszuge Montag eintreffen zu können.
     Ihr werdet hoffentlich nicht vergessen haben, daß ich vielerlei und höchst Dringliches noch zu arbeiten habe, bevor ich nach Basel abgehe. Darnach bemeßt, in wie weit ich gesellschaftlichen Ansprüchen nachkommen kann.
     Die Nachforschungen nach einem Diener gebt auf. Es ist mir mit triftigen Gründen abgerathen worden.
     Ich mache mir das Vergnügen Euch einen Gratulationsbrief eigner Art — zur Erheiterung mitzuschicken. An einer verständnißvollen Auslegung wird es ja nicht fehlen.

Mit den besten Grüßen
Euer Fritz.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,24

An Wilhelm Vischer (-Heusler) in Basel

Naumburg a/S. 24 März 1869.


Sehr geehrter Herr Professor,

Kiessling, mit dem ich in diesen Tagen in Leipzig zusammengetroffen bin, hat mir gerathen, mich brieflich an Sie betreffs meiner Wohnung zu wenden. Darum schreibe ich heute, natürlich mit dem Vorbemerk, daß ich Ihnen von Herzen für jeden Schritt dankbar bin, den Sie in dieser Angelegenheit für mich thun.
     Ich bin also Willens, nach Verabredung mit Kiessling, vom ersten Juli ab zu der ehemaligen Wirthin K[iessling]’s, Frau Vogler zu ziehen, insgleichen Schreibtisch und Bücherbrett — als welche Dinge K[iessling] in usum Delphinorum hinterlassen hat — zu übernehmen. Diese meine zukünftige Wohnung ist so viel ich weiß jetzt vermiethet; wenn die Vogler aber von meiner bestimmten Absicht erfährt, so will sie den jetzigen Miethern kündigen.
     Jedenfalls also brauche ich eine provisorische Wohnung für die ersten drei Monate. Nun ist es meine Absicht, um die Mitte des nächsten Monates in Basel einzutreffen, und ich rechne, daß es nicht zu spät sein wird, wenn ich mich erst dann nach jenem Provisorium umsehe. Vielleicht darf ich mir dann erlauben, Ihre Unterstützung und Ihren Rath in dieser Angelegenheit mir abzubitten; inzwischen aber würden Sie mich sehr verpflichten, wenn Sie der Vogler eine gelegentliche Notiz über meine Absicht zukommen ließen.
     Mit der Bitte Ihrem Herrn Vater bestens empfohlen zu werden

bin ich
Ihr ergebenster
F Nietzsche


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,25

An Unbekannt (Entwurf)

[Naumburg, März/April 1869]


ich bin betrübt, daß eine Unzahl von größeren und kleinen Geschäften, wie sie jeder Umzug mit sich bringt, mir die Möglichkeit abschnitt Sie noch einmal vor meinem Weggange nach Basel zu sehen. Es bleiben die beiden Möglichkeit[en]: daß Sie mich in Basel aufsuchen oder daß ich mir erlaube, in meinen Universitätsferien einmal über Leipzig zu kommen


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,26

An Wilhelmine Oehler in Halle

Naumburg am 11ten April. [1869]


Meine liebe Großmutter,

ich mache mir das Vergnügen Dir anbei mein Doktordiplom zu übersenden. Es Dir persönlich zu überbringen ist mir leider bei der Beschränktheit meiner Zeit und der Fluth eindringender Geschäfte unmöglich gewesen: und morgen bereits geht es fort in eine neue Welt, in einen schwierigen und anstrengenden Beruf, unter fremde und ungewohnte Menschen und Verhältnisse. Daß mich dahin Deine Wünsche begleiten und daß Du Dich recht von Herzen über die rasche und glückliche Beförderung Deines Enkels gefreut hast, weiß ich und nicht nur aus den Worten Deines letzten an mich gerichteten Briefes, für den ich Dir meinen besten Dank sage: bürgt mir doch eine längere Erfahrung dafür, daß Du warm und aufrichtig an meinem Wohl und Wehe theilnimmst. Hoffentlich höre ich in meinem neuen und entfernten Aufenthaltsorte immer nur das Beste von Deinem Befinden; mögen Deinem ehrenvollen Alter traurige Erfahrungen erspart bleiben, mögen alle Deine Angehörigen durch gegenseitige Liebe, Verträglichkeit und Anhänglichkeit Dir den Zoll von Pietät und Verehrung entrichten, den Du in so hohem Grade durch mühevolle und rastlose Thätigkeit für das Wohl Deiner Familie verdient hast. Mit diesem Wunsche bin ich jetzt wie ehedem

Dein getreuer
und dankbarer Enkel
Dr Nietzsche
Professor in Basel.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,27

An Carl von Gersdorff in Berlin

[Naumburg, 11. April 1869]


Mein lieber Freund,

der letzte Termin ist herangekommen, der letzte Abend, den ich noch in der Heimat verlebe: morgen früh geht’s hinaus in die weite weite Welt, in einen neuen ungewohnten Beruf, in eine schwere und drückende Athmosphaere von Pflicht und Arbeit. Wieder einmal gilt es Abschied nehmen: die goldne Zeit der freien unumschränkten Thätigkeit, der souveränen Gegenwart, des Kunst- und Weltgenusses als unbetheiligter oder wenigstens schwach betheiligter Zuschauer — diese Zeit ist unwiederbringlich hinüber: jetzt regiert die strenge Göttin, die Tagespflicht. „Bemooster Bursche zieh’ ich aus“ Du kennst ja das ergreifende Studentenlied. Ja ja! Muß selber nun Philister sein! Irgendwo hat dieser Satz immer seine Wahrheit. Man ist nicht ungestraft in Amt und Würden — es handelt sich nur darum ob die Fesseln von Eisen oder von Zwirn sind. Und ich habe noch den Muth, gelegentlich einmal eine Fessel zu zerreissen und anderwärts und auf andre Weise das bedenkliche Leben zu versuchen. Von dem obligaten Buckel der Professoren spüre ich noch nichts. Philister zu sein, ἄνθρωπος ἄμουσος, Heerdenmensch — davor behüte mich Zeus und alle Musen! Auch wüßte ich kaum, wie ich’s anstellen sollte, es zu werden, da ichs nicht bin. Einer Art des Philisteriums bin ich zwar näher gerückt, der species „Fachmensch“; es ist nur zu natürlich, daß die tägliche Last, die allstündliche Concentration des Denkens auf bestimmte Wissensgebiete und Probleme die freie Empfänglichkeit etwas abstumpft und den philosophischen Sinn in der Wurzel angreift. Aber ich bilde mir ein, dieser Gefahr mit mehr Ruhe und Sicherheit entgegen gehen zu können als die meisten Philologen; zu tief wurzelt schon der philosophische Ernst, zu deutlich sind mir die wahren und wesentlichen Probleme des Lebens und Denkens von dem großen Mystagogen Schopenhauer gezeigt worden, um jemals einen schmählichen Abfall von der „Idee“ befürchten zu müssen. Meine Wissenschaft mit diesem neuen Blute zu durchdringen, auf meine Zuhörer jenen Schopenhauerischen Ernst zu übertragen, der auf der Stirne des erhabnen Mannes ausgeprägt ist — dies ist mein Wunsch, meine kühne Hoffnung: etwas mehr möchte ich sein als ein Zuchtmeister tüchtiger Philologen: die Lehrergeneration der Gegenwart, die Sorgfalt für die nachwachsende Brut, alles dies schwebt mir vor der Seele. Wenn wir einmal unser Leben austragen müssen, versuchen wir es, dieses Leben so zu gebrauchen, daß andere es als werthvoll segnen, wenn wir glücklich von ihm erlöst sind.
     Dir, theurer Freund, mit dem ich in vielen Grundfragen des Lebens eins bin, wünsche ich das Glück, das Du verdienst, mir Deine alte treue Freundschaft. Lebe wohl!

Friedrich Nietzsche Dr.


     Ich danke Dir herzlich für Deine inhaltsreichen Briefe. Verzeih es meiner πολυπραγμοσύνη, wenn ich so spät danke. Wieseke habe ich brieflich gedankt

     Adr.: Prof. Dr. Friedrich Nietzsche in Basel.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,28

An Paul Deussen in Minden

[Naumburg, 11. April 1869]


Lieber Freund,

nehmen wir’s denn nicht zu tragisch: es scheint ja kein Grund vorhanden zu sein. Aber der alte Euripides hat doch bei Dir mitunter Recht: „die Feder schreibt und das Deussenherz weiß nichts davon.“ Diese kleine heillose Feder hat nämlich eine Neigung zur Phrase und die Eitelkeit, von jenem Herzen mehr erzählen zu wollen als sie weiß und verantworten kann. Es ist offenbar eine Gänsefeder; ich würde sie stark verschneiden oder sie ganz wegwerfen und mich an eine andre gewöhnen. Sapienti sat.
     Es ist spät Nachts, und morgen mit dem Morgengrauen geht es fort. Die Welt muthet mich fremdartig an, jene Welt, in die ich trete. Versuchen wir’s, wir beide, jeder an seinem Orte, jeder in seiner Weise zu athmen und uns an eine zeitweilig drückende Athmosphaere zu gewöhnen.
     Beiläufig: Basel ist für Dich nicht unerreichbar, besonders für einen solchen Fußsoldaten, wie Du bist, der von Oberdreis nach Minden — horresco referens — wandelt, gleich als ob die Eisenbahnen noch nicht erfunden wären.
     Das Buch, das Du letzthin mitzuschicken so freundlich warst, habe ich aufgenommen, wie es gegeben war, als ein Erinnerungszeichen an lange und schöne Tage, an Zeiten gemeinsamer Entwicklung, an die auch ich gern und dankbar zurückdenke. Wir werden’s ja auch noch zusammen aushalten, falls Du mich nämlich nicht zu oft durch solche impromptus, wie es das letzte war, erschreckst und irre machst.
     Und so beginne Deinen Beruf, mit der Treue und Sorgfalt, die ich an Dir aus Deiner Schulzeit kenne, mit dem Hinblick auf ein Ideal, mit der Sehnsucht nach einer Verwirklichung desselben. Schließlich thun wir alle eins und wollen auch hoffentlich etwas Ähnliches. Ich wüßte keinen Grund muthlos zu sein. Man erträgt ja das Leben: was bedeutet dagegen ein Amt, eine Pflicht! Wird’s zu toll, nun dann nützt das alte Hausmittel: „man setzt sich auf den Zuschauerplatz und sieht die allerschönste Komödie.“ „Nicht nur zu handeln, anzuschauen sind wir da“ um einen schönen Sophoklesvers schlecht zu parodieren.

Adieu theurer Freund
Wie ehedem und immer
Dein alter Kamerad
Dr Friedrich Nietzsche
Prof. in Basel
dies ist
die Adresse.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,29

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

Basel, Spalenthorweg 2.
[20. April 1869]


Liebe Mutter und Schwester,

gestern vor acht Tagen bin ich von Naumburg abgereist und gestern in Basel angelangt. Der erste Tag brachte mich Abends gegen 11 nach Köln und war bei weitem der unausstehlichste, den ich bisher erlebt habe. Dienstag Abend fuhr ich nach Bonn hinüber und habe dort in angenehmster Weise den Mittwoch verlebt, alte Erinnerungsstätten aufsuchend und neue Bekannte findend. Den ganzen Donnerstag verbrachte ich auf dem Dampfschiff, bei herrlichem Frühlingswetter, landete spät Abends bei Bieberich, unweit Mainz und fuhr nach Wiesbaden mit der Eisenbahn. Dies habe ich mir am andern Tage angesehn, ohne mich zu sehr angezogen zu fühlen; Mittags fuhr ich nach Heidelberg und sah Abends in schönster Beleuchtung, in blühender Umgebung die berühmte Schloßruine. Dabei traf ich einige Leipziger Bekannte. Den Sonnabend blieb ich dort, in einem einfachen aber guten Gasthof und arbeitete an meiner Antrittsrede. Sonntag hatte ich vor nach Basel direkt zu fahren, als ich aber eine Viertelstunde vor Karlsruhe war, wurde ich umgestimmt. Es stiegen nämlich in mein Coupé einige junge Leute, die die „Meistersinger“ in Karlsruhe hören wollten. Dieser Lockung konnte ich nicht widerstehen: ich stieg aus, ließ mein Billet auch für den nächsten Tag als gültig erklären und erquickte mich Abends an einer vortrefflichen Aufführung dieser meiner Lieblingsoper. Dies war mein Abschied von deutschem Boden. Montag um 2 Uhr kam ich in Basel an und logirte mich in der „Krone“ ein.
     Jetzt sitze ich nun bereits in der provisorischen Wohnung, die ich Euch nicht genauer schildern kann als es Vischer bereits gethan hat. Sie ist ziemlich häßlich, hat aber den Vorzug etwa 20 Schritt entfernt, meiner definitiven Wohnung schräg gegenüber zu liegen. Dagegen werde ich wohl mit dieser zukünftigen zufrieden sein dürfen: mindestens machen die Zimmer, die College Schönberg unter den für mich bestimmten Zimmern bewohnt, einen sehr angenehmen Eindruck. Nachmittags war ich beim Bibliothekar Vischer, der mich nachher auf Eisenbahn, Speditionsgeschäft und Post begleitete. Auf der Post hatte ich das Vergnügen Eure Briefe vorzufinden, mit den Volkmannschen Zeilen. Ich wünschte ich wäre erst eingerichtet und fühlte mich in alter gewohnter Thätigkeit. In den nächsten Tagen will ich daran gehen mich meiner 60 Visiten zu erledigen.
     Ich esse bei Recher am Centralbahnhof, mit den Collegen Schönberg und Hartmann und zwei andern Herren. Ich bin überrascht durch die Güte der Speisen, die nichts von der Restauration an sich haben. Es giebt Suppe, Rindfleisch eine zweite Fleischspeise und Braten. Also bürgerlich.
     Sehr vermisse ich an Ort und Stelle einen befreundeten Menschen. Wahrscheinlich weil ich’s bisher anders gewohnt war. Doch geht’s auch so. — Gustav Wilhelm Wenkel und Volkmann sagt meine besten Grüße. Heute nehmt fürlieb mit der Nachricht, daß ich glücklich hier angekommen bin, und es lernen muß, mich hier wohl zu fühlen.

Mit herzlichem Gruße

Euer Fritz


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,30

An Franziska Nietzsche in Naumburg

[Basel, Mai 1869]


Liebe Mutter,

ich schreibe in der Voraussetzung, daß unsre Lisbeth nun glücklich auf die Universität Leipzig übergesiedelt ist, und daß sie dort mit Vergnügen den weiblichen Studenten spielt. In Deiner Einsamkeit wirst Du wohl Verlangen tragen, etwas von uns zu hören. Was mich betrifft, so habe ich bis jetzt allen Grund mich hier wohl zu fühlen, aber die bestimmte Hoffnung, in einiger Zeit noch mehr eingewohnt und behaglicher zu leben. Jetzt giebt’s zu viel Neues. Auch ist das ewige Bekanntwerden mit neuen Menschen mir schrecklich lästig. Ich bin mit meinen Visiten noch lange nicht zu Rande; aber schon erfolgt der Rückschlag, und um die Mittagsstunde bin ich vor meinen Collegen, den Rathherren und Stadträthen nicht sicher. Auch die Einladungen beginnen langsam. Über die Basler läßt sich viel sagen, aber wenig, das nicht Anlaß zu Mißverständnissen gäbe, wenn man die Leute nicht immer vor Augen hat.
     Meine Vorlesungen halte ich jeden Wochentag Morgens um 7 Uhr. Die Schulstunden am Pädagogium machen mir ziemliches Vergnügen. Ich fand Deinen Brief zu meiner Freude gerade als ich aus meiner ersten Vorlesung kam.
     Zunächst kommt mir die Thätigkeit noch etwas anstrengend vor. Auch muß ich mich erst an das Klima gewöhnen, es giebt hier viel Wind und viel Zahnschmerzen.
     Mein Umgang beschränkt sich einstweilen auf meinen nächsten Nachbarn und baldigen Hausgenossen, den Professor Schönberg, einen Nationalökonomen der zu gleicher Zeit mit mir hierher berufen ist: der auch, ebenso wie College Hartmann, bei Recher am Centralbahnhof ißt.
     Die Gegend ist übrigens bemerkenswerth schön und lockt nach allen Seiten hin zu den besten Ausflügen, in den Jura, in die Vogesen, in den Schwarzwald: alles in nächster Nähe.
     Unser Gehalt wird verrückterweise halbjährlich gezahlt und zwar postnumerando am 1 Juli und am 1 Januar.
     In der Mitte des Juli haben wir Ferien: aber ich weiß nicht, ob ich Euch rathen möchte, um diese Zeit hierher zu kommen. Ich bin hier noch zu wenig eingerichtet, zu wenig bekannt, und möchte Euch gern mit den Schneebergen bekannt machen, nachdem ich selbst einige Erfahrung in ihnen habe. Jetzt fehlt es mir aber an aller Zeit, und speziell die Ferien werde ich der Vorbereitung widmen müssen.
     Indessen darüber bekommst Du noch nähere Nachricht.
     Briefe hierher haben mir Ritschl geschrieben, ebenso Deussen, Romundt, der Lieutnant Hempel und der gute Zarnke, der seine Photographie mitschickte.
     Lebe wohl und erfreue mich bald wieder mit Nachricht. Es fällt mir ein, noch nicht gemeldet zu haben, daß alles auf das Beste gepackt bei mir angekommen ist: daß aber die Kosten für die Leipz. Kiste bedeutend waren. Bestelle mir doch schleunigst bei Haverkamp einen schwarzen Rock zu Visiten. Man trägt hier nie einen Frack.

Dein Fritz.

Spalenthorweg
2.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,31

An Gustav Schöneberg in Basel

[Basel, kurz nach dem 7. Mai 1869]


Lieber Freund,

schönsten Dank für Deine freundliche Einladung, die ich mit Vergnügen annehme. — Verzeih dass ich das Buch Dir nicht längst geschickt habe. —
     Dass Deine vortreffliche Vorlesung schwach besucht gewesen sei, habe ich schlechterdings nicht finden können. Ich sass auf der allerhintersten Bank und konnte am Schluss Dich nicht erwarten, weil ich zu Vischer’s eingeladen war. Nach meiner Anschauung war der Saal, in Anbetracht dessen, was hier einmal Gewohnheit ist, sehr gut gefüllt.
     Sehen wir uns heute Mittag bei Stähelin?

Die besten Grüsse an Dich und
Deine Tischgenossenschaft
FW Nietzsche


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,32

An Friedrich Ritschl in Leipzig

Basel 10 Mai 1869.


Hochverehrter Herr Geheimrath,

Sie werden gewiß gerne hören, daß es mir hier wohl geht, und daß dem nach die guten Wünsche Ihres Briefes, der mich hier bald nach meinem Eintreffen überraschte, zeitig anfangen in Erfüllung zu gehn. Einstweilen wenigstens ist mir alles neu genug, um auch amüsant zu sein (N B. doch nicht alles: zB. nicht die ungefähr 50 Visiten mit rückwirkender Kraft und die ewigen neuen Gesichter und Bekanntschaften) Daß ich genug zu thun habe, um mich nicht zu langweilen, ersehen Sie aus folgendem Überblick. Jeden Morgen der Woche halte ich um 7 Uhr meine Vorlesung und zwar die drei ersten Tage über Geschichte der griechischen Lyrik, die drei letzten über die Choephoren des Aeschylus. Der Montag bringt das Seminar mit sich, das ich für meinen Theil ungefähr nach Ihrem Schema eingerichtet habe: Vischer macht Anstalten, bald einmal von der Direktion desselben zurückzutreten. Gerlach präparirt sich zu seinen Seminarübungen nicht. — Dienstag und Freitag habe ich am Paedagogium zweimal zu unterrichten, Mittwoch und Donnerstag einmal: dies thue ich bis jetzt mit Vergnügen. Bei der Lektüre des Phaedo habe ich Gelegenheit meine Schüler mit Philosophie zu inficieren; durch die hier unerhörte Operation der Extemporalia wecke ich sie sehr unsanft aus ihrem grammatikalischen Schlummer. In meinen Vorlesungen habe ich sieben Mann, womit man mich hier zufrieden zu sein heißt. Die Studenten sind durchweg fleißig, schlingen unsinnig viel Vorlesungen in sich hinein und kennen den Begriff des Schwänzens kaum vom Hörensagen. — Über die Basler und ihr aristokratisches Pfahlbürgerthum ließe sich viel schreiben, noch mehr sprechen. — Vom Republikanismus kann einer hier geheilt werden. —
     Um schließlich auf die Theognidea zu kommen: so ist es mir eigentlich verdrießlich, den alten Leutsch, der offenbar keine rechte Lust hat mit den Papierchen herauszurücken, brieflich anzugehen: aber es soll nächstens doch geschehen. Eine Einsicht in jene Papiere wird mich zur Entscheidung bringen, ob ich nicht doch die ganze Arbeit dem bewußten Dr Fritzsche überlasse. Wenn ich nur irgendwie wüßte, was dieser eigentlich im Schilde führt. Ich fände es seinerseits sehr vernünftig und auch ganz schicklich, wenn er einmal an mich schriebe.
     Mit dem Wunsche bei Ihnen, verehrter Lehrer, in gutem Andenken zu bleiben und der Notiz, daß ich nächstens mir als besonderes ἥδυσμα eines schönen Nachmittages gönnen werde Ihrer Frau Gemahlin zu schreiben

bin ich Ihr
ergebenster
Friedr. Nietzsche.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,33

An Richard Wagner in Tribschen

Basel am 22 Mai 1869.


Sehr verehrter Herr,

wie lange habe ich schon die Absicht gehabt, einmal ohne alle Scheu auszusprechen, welchen Grad von Dankbarkeit ich Ihnen gegenüber empfinde; da sich thatsächlich die besten und erhobensten Momente meines Lebens an Ihren Namen knüpfen und ich nur noch einen Mann kenne, noch dazu Ihren großen Geistesbruder Arthur Schopenhauer, an den ich mit gleicher Verehrung, ja religione quadam denke. Ich freue mich, Ihnen an einem festlichen Tage dies Bekenntniß ablegen zu können und thue dies nicht ohne ein Gefühl des Stolzes. Denn wenn es das Loos des Genius ist, eine Zeitlang nur paucorum hominum zu sein: so dürfen doch wohl diese pauci sich in einem besonderen Grade beglückt und ausgezeichnet fühlen, weil es ihnen vergönnt ist, das Licht zu sehen und sich an ihm zu wärmen, wenn die Masse noch im kalten Nebel steht und friert. Auch fällt diesen Wenigen der Genuß des Genius nicht so ohne alle Mühe in den Schooß, vielmehr haben sie kräftig gegen die allmächtigen Vorurtheile und die entgegenstrebenden eignen Neigungen zu kämpfen; so daß sie, bei glücklichem Kampfe, schließlich eine Art Eroberungsrecht auf den Genius haben.
     Nun habe ich es gewagt, mich unter die Zahl dieser pauci zu rechnen, nachdem ich wahrnahm, wie unfähig fast alle Welt, mit der man verkehrt, sich zeigt, wenn es gilt, Ihre Persönlichkeit als Ganzheit zu fassen, den einheitlichen, tiefethischen Strom zu fühlen, der durch Leben Schrift und Musik geht, kurz, die Athmosphäre einer ernsteren und seelenvolleren Weltanschauung zu spüren, wie sie uns armen Deutschen durch alle möglichen politischen Miseren, durch philosophischen Unfug und vordringliches Judenthum über Nacht abhandengekommen war. Ihnen und Schopenhauer danke ich es, wenn ich bis jetzt festgehalten habe an dem germanischen Lebensernst, an einer vertieften Betrachtung dieses so räthselvollen und bedenklichen Daseins.
     Wie viele rein wissenschaftlichen Probleme sich mir durch den Hinblick auf Ihre so einsam und merkwürdig dastehende Persönlichkeit allmählich erklärt haben, möchte ich Ihnen lieber einmal mündlich sagen, wie ich es auch gewünscht hätte, alles was ich eben geschrieben habe, nicht schreiben zu müssen. Wie gern würde ich an dem heutigen Tage in Ihrer See- und Bergeinsamkeit erschienen sein, wenn nicht die leidige Kette meines Berufes mich in meiner Basler Hundehütte zurückhielte.
     Schließlich habe ich noch die Bitte auszusprechen, der Frau Baronin von Bülow bestens empfohlen zu werden und mich selbst zeichnen zu dürfen

als Ihren treusten
und ergebensten Anhän-
ger und Verehrer
Dr Nietzsche
Prof. in Basel.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,34

An Elisabeth Nietzsche in Leipzig

[Basel, 29. Mai 1869]


Liebe Lisbeth,

später als ich wünschte finde ich Zeit und Gelegenheit Dir für Deinen Brief zu danken und Dir etwas Näheres über meine hiesigen Erfahrungen mitzutheilen. Zuerst hat es mich gefreut, daß Du Dich in Leipzig doch nicht unbequem fühlst und vielleicht doch den Nutzen und das Vergnügen finden wirst, auf das Du gehofft hast. Immerhin ist es eine aufrüttelnde und neue Anschauungen bietende Abwechslung, gegenüber dem trägen Pulsgange des Naumburger Lebens. An das Haus und die inneren Verhältnisse der Familie B[iedermann] wirst Du Dich, wie es scheint, gut gewöhnen; ich stand immer in einiger Entfernung, so daß ich mit den Launen und gelegentlichen Verstimmungen einzelner Familienmitglieder nichts zu thun gehabt habe. Beiläufig gesagt: dem Dienstmädchen habe ich zu Weihnachten 2 Thaler und bei meinem Weggange 3 Thaler gegeben: sonst nichts. Dies verpflichtet Dich zu nichts. —
     Mache mir doch bald einmal das Vergnügen, recht viel über Leipziger Zustände, auch über die einzelnen Personen, die mich angehen zu schreiben und grüße in meinem Namen alle „wen Du nur immer Lust hast darauf hin anzureden. Der Frau Brockhaus erzähle, daß ich ihren Bruder Richard Wagner am Pfingstmontag besucht habe und einen sehr angenehmen Mittag und Nachmittag mit ihm und Frau v. Bülow verlebt habe. Tribschen ist ein allerliebstes Landhaus am Vierwaldstätter See, ½ Stunde von Luzern. Vorigen Freitag bekam ich eine Einladung seinen Geburtstag (22 Mai) dort zu verleben und auch dort zu logieren, konnte aber leider nicht aus Professorenverpflichtungen usw.
     Ich bin also seit Anfang Mai in voller Thätigkeit an Universität und Pädagogium, habe aber erst gestern meine Antrittsrede gehalten „über die Persönlichkeit Homers“ in der großen Aula des Museums, vor einem vollen Auditorium. Meine Vorlesungen habe ich für alle Wochentage auf die Morgenstunde von 7—8 verlegt, und bin mit dieser Art von Thätigkeit zufrieden; auch gewöhnt man sich an den Übelstand, 8 Zuhörer zu haben, in Anbetracht daß es die gesammte Philologenschaft ist und sogar noch ein Theologe. In der Schule habe ich Vergnügen an einer verständigen Klasse und bilde mir ein, zum Schulmeister zwar nicht geboren, aber doch auch nicht verdorben zu sein.
     Unsre Mittagstafel haben wir, nämlich 3 Collegen, bei Recher am Centralbahnhof: auch ißt ein Bekannter Biedermanns, ehemaliger Weimarischer Offizier und Redakteur, Hr v. Göckel mit uns. Viele Einladungen selbstverständlich, beispielsweise zu Sonntag, Dienstag, Mittwoch Donnerstag in nächster Woche. Eine sehr angenehme deutsche Familie die des Direktor der sämmtlichen Versicherungsgesellschaften Gerkrat; sodann die vom Rathsherrn Vischer. Bei letzterem habe ich Zutritt zu den bewußten Familienabenden alle Dienstage. Neulich haben wir dort ein großes deutsches Zauber und -Gartenfest gefeiert und schließlich schwarzen Peter und Schreibespiele gespielt: Publikum lauter Professoren und eine Menge Damen. Auch eine Generalin von Hardegg (Gatte Gouverneur des Königs von Würtenberg), die mir warme Grüße von Fr. von Grimmenstein brachte. — Ich habe einen prachtvollen Flügel gemiethet (und billig) Mein näherer Umgang ist Jakob Burkhardt, bekannter Aesthetiker und Kunsthistoriker und geistvoller Mensch: frage Biedermannen. — Mit den besten Grüßen und Wünschen von

Deinem Bruder.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,35

An Erwin Rohde in Italien

[Basel, 29. Mai 1869]
Adr. Prof Dr Nietzsche
Basel
Spalenthorweg
2.





Mein lieber Freund

heute endlich habe ich mir überlegt, daß es doch eine Art giebt Dich brieflich zu erreichen, ohne Deinen Aufenthalt durch einen Steckbrief der kön. italienischen Regierung ermitteln zu lassen: obwohl ich auch schon an diesen Gewaltakt gedacht habe. Ein Brief, den ich nach Florenz richtete (libreria Loescher) und an die Addresse des Dr. Wilmanns, ist ohne Antwort geblieben: besagter Dr. sollte mir nämlich Deine Existenz sicherstellen und überhaupt etwas von Dir erzählen: was er aber frevelhafter Weise, nicht gethan hat. Also schreibe ich heute an Deine Frau Mutter und schicke diesen Brief mit, der nun allerdings eine Reise fast so weit wie Amerika machen muß: was ich durch folgendes Stemma verdeutlichen kann

<Stemma>1)

     Wir hätten uns mit Leichtigkeit noch vor unserer gemeinsamen Abreise in Leipzig treffen können: wenn das Glück uns holder war. Denn wir sind thatsächlich an jenem Morgen, als Du von Leipzig fort fuhrst, aneinander vorbeigefahren, da ich denselbigen Morgen nach Leipzig reiste.
     Hier nun in Basel, um Vergangnes vergangen sein zu lassen, ist alles im besten Zuge. Collegien alle Morgen um 7 Uhr (über Aesch. Choephoren und Geschichte der griech. Lyrik), alle Montag Seminar, alle Tage ein oder zwei Schulstunden. Ich lese am Pädagogium mit einer verständigen Klasse Plato und führe die glücklichen Bengels an milder Hand auf die philosophischen Fragen hin: dh. nur, um ihnen Appetit zu machen. Auch habe ich zu meiner Beschwerde doch zum erheblichen Nutzen der grammatischen Kenntnisse das griechische Extemporale eingeführt. Gestern hielt ich vor ganz gefüllter Aula meine Antrittsrede, und zwar „über die Persönlichkeit Homers“, mit einer Menge von philosophisch-aesthetischen Gesichtspunkten, die einen lebhaften Eindruck hervorgebracht zu haben scheinen. Mein Umgang zählt jetzt eigentlich nur nach Namen, nicht nach Personen: jeder Tag führt mir eine Masse neuer Visagen zu, die ich merken soll und muß — pro dolor. Nähere Beziehungen habe ich von vorn herein zu dem geistvollen Sonderling Jakob Burkhardt bekommen; worüber ich mich aufrichtig freue, da wir eine wunderbare Congruenz unsrer aesthetischen Paradoxien entdecken.
     Sehr glücklich bin ich aber vornehmlich darüber, daß ich mit Richard Wagner auf das allerbeste bekannt geworden bin und am zweiten Pfingsttage einen Mittag und Nachmittag auf seine Einladung in seinem allerliebsten Landhause zugebracht habe, zusammen auch mit der gescheuten Fr. von Bülow (Liszts Tochter) Letztere lud mich neulich auch zu Wagners Geburtstag ein, um ihm eine Überraschung zu machen: leider mußte ich ,nein‘ sagen, als Docent, nach dem Standpunkte der Tugend. W. ist wirklich alles, was wir von ihm gehofft haben: ein verschwenderisch reicher und großer Geist, ein energischer Charakter und ein bezaubernd liebenswürdiger Mensch, von dem stärksten Wissenstriebe usw. Ich muß ein Ende machen: sonst singe ich einen Päan.
     Alles was ich Dir heute schreibe ist eigentlich nur äußerliches statistisches Material: aber wie viel durchlebt man innerlich, wenn man so in das Leben hineingeworfen wird, wie es mein Schicksal will. — Ich habe neulich einmal den Verwegnen Wunsch gehabt, Du möchtest Dich hier habilitieren: verlangt wird von Dir eine Antrittsrede und Einreichung Deiner Arbeiten (Hast Du meine Ὄνος anzeige im Centralblatt gelesen?)

Adieu theuerster Freund.

F. N.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,36

An Franziska Nietzsche in Oelsnitz

[Basel, Mitte Juni 1869]


Liebe Mutter

nun laß Dir wieder einmal etwas erzählen von Deinem Sohne dem freien Schweizer, und zwar nur Angenehmes und Erfreuliches, eitel „Milch und Honigseim“: ein Gleichniß, das uns unsre Schweizer Frühstückssitte ganz besonders nahe bringt. Freilich ist es ein recht verändertes Leben, das ich hier lebe; nichts mehr von jener souveränen Disposition, von der Verachtung des Tages und der Woche. Vielmehr empfinde ich recht deutlich, wie auch die erwünschteste Thätigkeit, wenn sie „amtlich“ und „berufsmäßig“ betrieben wird, eine Fessel ist, an der unser einer mitunter ungeduldig zerrt. Und dann beneide ich meinen Freund Rohde, der in der Campagna und Etrurien umherschweift, frei wie das Wüstenthier. Am lästigsten wird mir wie Du Dir denken kannst, die greuliche Masse der „geehrten“ Collegen, die sich pflichtmäßig bemühen, mich Abend für Abend einzuladen: so daß ich bereits erfinderisch bin, in geschickter Art Einladungen abzulehnen. Im Übrigen sind die Leute mir wohlgesinnt. Und wer mit einiger Verstimmung meine Ankunft an Ort und Stelle aufgenommen hat, hat sich jetzt entweder ins Unvermeidliche gefügt oder auch bei näherer Bekanntschaft mit mir den Grund seiner Verstimmung gehoben gefühlt. Besonders wichtig nach dieser Seite war meine Antrittsrede, die ich vor ungewöhnlich angefüllter Aula kürzlich erst gehalten habe und zwar „über die Persönlichkeit Homers.“ Durch diese Antrittsrede sind die Leute hier von Verschiedenem überzeugt worden, und mit ihr war meine Stellung, wie ich deutlich erkenne, gesichert. — Ich würde noch viel zufriedner sein, wenn ich meinen Freund Rohde hier hätte: denn es ist lästig sich wieder einen intimen Freund und Berather anschaffen zu müssen, als Hausbedarf.
     Sonst habe ich Dir wohl schon den Collegen Burkhardt bezeichnet, einen geistvollen Kunsthistoriker, und ebenso den Nationalökonomen Schönberg, als umgangswerthe Menschen.
     Von äußerster Wichtigkeit ist aber, daß ich ja den ersehntesten Freund und Nachbar in Luzern habe, zwar nicht nahe genug, aber doch immer nur so weit, daß jeder freie Tag zu einer Zusammenkunft benutzt werden kann. Dies ist Richard Wagner, der als Mensch durchaus von gleicher Größe und Singularität ist, wie als Künstler. Mit ihm und der genialen Frau von Bülow (Tochter Liszt’s) zusammen habe ich nun schon mehere glückliche Tage verlebt, zB. die letzten wieder, Sonnabend und Sonntag. Wagner’s Villa, am Vierwaldstätter See gelegen, am Fuße des Pilatus, in einer bezaubernden See- und Gebirgseinsamkeit, ist wie Du Dir denken kannst, vortrefflich eingerichtet: wir leben dort zusammen in der angeregtesten Unterhaltung, im liebenswürdigsten Familienkreise und ganz entrückt von der gewöhnlichen gesellschaftlichen Trivialität. Dies ist für mich ein großer Fund.
     Soviel für heute. Ich werde Dir sehr dankbar sein, wenn Du mich bald wieder durch einen Deiner inhalt- und liebereichen Briefe über Dein Befinden, und über alles was mich angeht benachrichtigst: denn ich lebe wie auf einer Insel. Meinen lieben Verwandten, in deren Mitte Du lebst, meinen besten Gruß, insgleichen dem Vetter Rudolf. Ich erwarte eine Notiz über Lisbeth’s Geburtstagswünsche.

F. N.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,37

An Erwin Rohde in Rom

[Basel, 16. Juni 1869]


Theuerster Freund,

vielleicht hast Du meinen Brief, allerdings nach ungeheuren ambagibus, schon erhalten: trotzdem fühle ich das stärkste Bedürfniß, Dir schnell noch ein zweites Lebens- und Liebeszeichen zu geben, zugleich als Dank für Deinen mich so heimatlich und vertraut berührenden Brief. Es tritt allmählich das ein, was ich von Anfang an sicher erwartete: ich fühle mich unter der Masse meiner geehrtesten Collegen so recht fremd und gleichgültig, daß ich bereits mit Wollust Einladungen und Aufforderungen aller Art, wie sie täglich einlaufen, zurückweise. Selbst die Genüsse von Berg Wald und See werden mir gelegentlich verdorben durch die plebecula meiner Amtsgenossen. Darin stimmen wir also wieder einmal überein: wir können die Einsamkeit vertragen, ja wir lieben sie. Und wenn wir beide zusammen sind, so ist dies ja eigentlich keine Zweiheit, sondern die wahre und echte Monade: dann sind wir erst recht einsam und abgeschnitten von aller zudringlichen Welt. — Ich sinne immer über Möglichkeiten nach, wie ich’s nur mache, Dich in die Nähe Basels zu bringen. Wenn ich den Zustand der hiesigen Philologie ansehe, so fühle ich, daß alsbald ein neuer Lehrer hier nöthig sein wird. Vischer liest im nächsten Semester nur ein zweistündiges Colleg: das heißt: er liest überhaupt zum letzten Male, da ihm seine „Ministerialgeschäfte“ keine Zeit lassen. Gerlach bringt auch höchstens ein zweistündiges Colleg zusammen und ist sehr alt. Mähly liest, nach Anwendung aller möglichen Zwangsmittel, endlich einmal, aber auch nur zweistündig. Du siehst hieraus, daß schon jetzt alle Arbeit mir überlassen wird: wie dies auch die hiesigen Philologiestudenten fühlen. Nun könnte ja angemessner Weise einmal der alte Gerlach absterben: auf diese Möglichkeit baue ich meine Hoifnungen. Hast Du nicht Gelegenheit Dich dem vortrefflichen höchst ehrenwerthen Vischer bekannt zu machen? Z.B. ihm eine archäologische Mittheilung zu machen: etwa über einen neuen Fund, den die Baseler schleunigst ankaufen können, wie zB. den Steinhäuserschen Apollokopf. À propos: erkundige Dich doch einmal gefälligst bei Steinhäuser, wo denn der Herakleskopf bliebe, auf den wir hier mit Schmerzen warteten. Erfährst Du über sein Verbleiben Details, so schreibe sie doch direkt dem Rathherrn W. Vischer (dies seine Adresse) und gieb als Veranlassung nur an, daß ich mich bei Dir in seinem Namen erkundigt habe.
     Ich bitte Dich, nicht über alle diese Propositionen zu lachen: es liegt mir unglaublich viel daran, Dich hierher zu bekommen. Anbei die Bemerkung, daß Ritschl hier bei Vischer allmächtig ist und über mich damals einen wirklich fabelhaften Brief geschrieben hat. Du kannst Dir vorstellen, daß dieser Brief von vorn herein meine Stellung etwas schwierig machte: indessen hoffe ich, mich durch meine Antrittsrede leidlich eingeführt zu haben, nämlich mit entschiedenster Ausprägung der Individualität. Thema: „die Persönlichkeit Homers.“ Ganz gefüllte Aula.
     Neulich habe ich indiskreter Weise eine schöne Stelle aus Deinen früheren Briefen über Wagner ihm selber vorgelesen: er war sehr gerührt und hat sich eine Abschrift ausgebeten.
     Mache ihm (und mir) doch bald das Vergnügen und schreibe ihm einen recht ausführlichen Brief. Du bist ihm durchaus kein Unbekannter mehr. Seine Adresse: „Herrn Richard Wagner, in Tribschen bei Luzern.“ Ich habe neulich wieder zwei Tage bei ihm logirt und mich erstaunlich erquickt gefühlt. Er macht alles wahr, was wir nur wünschen konnten: die Welt kennt gar nicht die menschliche Größe und Singularität seiner Natur. Ich lerne sehr viel in seiner Nähe: es ist dies mein praktischer Kursus der Schopenhauerschen Philosophie. — Die Nähe Wagners ist mein Trost.
     Bis jetzt habe ich Dich um zwei Briefe gebeten, an Vischer und an Wagner. Jetzt kommt noch ein ganz persönlicher Wunsch. Auf Deiner Rückreise kommst Du doch gewiß nach Florenz: kannst Du mir nicht eine Collation von dem certamen Hesiodi et Homeri machen? Einen Text findest Du in älteren Hesiodausgaben, auch bei Göttling, dann bei Westermann.
     In Neapel, wie ich mich aus einem Privatgespräch mit Tischendorf erinnere, existirt ein noch ungelesener Palimpsest. Willst Du Dir ihn nicht aufsuchen? — Vielleicht beschreibst Du mir auch einmal den dortigen Laertiuscod. saec. XII: eine Collation bekomme ich von Wachsmuth falls ich nämlich, wie wahrscheinlich ist, doch noch der futurus editor Laertii bin. Usener nämlich und ich beabsichtigen ein philosophie-historisches corpus, an dem ich mit Laertius, er mit Stobaeus, Pseudoplutarch usw. participire. Dies sub sigillo. —
     Kannst Du nicht gelegentlich etwas nach der alten vorambrosianischen Laertiusübersetzung spüren, welche Rose nicht gefunden hat, die aber doch wohl noch existiert? —
     Beiläufig: der dumme Christoph Ziegler, den ich wegen seiner Theognisausgabe etwas gezüchtigt habe, hat sich zu vertheidigen gesucht, in einem Inserate der Fleckeisenschen Jahrbücher. Antwort darauf ist unnöthig, ist aber schon von Hink [Hink] in dem Leutsch’schen Anzeiger gegeben worden.
     Kennst Du denn die neuen famosen plautinischen Excurse von Ritschl? — Ist denn Deine Polluxarbeit noch nicht gedruckt? Was hat denn unser Röscher eigentlich für litterarische Pläne in Italien? Romundt hat eine „grammatisch-philosophische’’ Dissertation geschrieben über λέγω etc. Der kleine Kinkel, in Zürich „das Wurm“ genannt spielt dort, wie es scheint, eine klägliche Rolle, hat sich aber verlobt heu heu! Doch ich bin ja in den Lucian-Müllerschen Sammelsurienstil verfallen: verzeihe mir, aber ich bilde mir ein daß Du gar nichts von unsrer hyperboreischen Welt zu hören bekommst.
     Schließlich zu Deinem Erstaunen die Ankündigung meiner Wintercollegien: Lateinische Grammatik. Geschichte der vorplatonischen Philosophie, mit Interpretation ausgewählter Fragmente. Im Seminar Hesiods Ἔργα.
     Ist das nicht fabelhaft?
     Und so lebe wohl, theuerster Freund, stärke Dir Herz und Auge für eine lange Zeit, die Du wieder im nebligen Deutschland verbringen wirst: falls Du nicht vorziehst freier Schweizer zu werden, wie Dein

treuster Freund
F Nietzsche


Bringe Röscher meine besten Grüße!


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,38

An Elisabeth Nietzsche in Leipzig

[Basel, Ende Juni/Anfang Juli 1869]


Liebe Lisbeth,

kaum weiß ich noch, ob dieser Brief Dich noch auf Deiner Studienreise nach Leipzig antrifft; jedenfalls wird er Dich erreichen, um Dir zu sagen, daß ich mich über Deinen letzten spezifisch Leipzigerischen Brief, der nach Rosenthal und Kintschy duftete, sehr gefreut habe. Im Ganzen bist Du ja jetzt recht eingeweiht in meine Leipziger Vergangenheit und scheinst ja ähnlich befriedigt zu sein, wie ich es war. Das Unglück, daß die Frau Biedermann Dir nicht gefällt, ist noch zu ertragen: eine sehr gemüthvolle Athmosphaere ist nicht um sie herum, aber sie ist durchaus brav und leistet schließlich mehr als die ewig lachenden Weiberchen.
     Besonders angenehm ist mir aber, daß Du auch mit der Ritschl bekannt geworden bist: nun hast Du doch einmal ein Beispiel andrer Art, als in der Naumburger Gesellschaft für mustergiltig gehalten wird. Überhaupt wird Dir jene ganze Gesellschaft doch nachgerade etwas engherzig und beschränkt erscheinen.
     Über die Photographie der Großfürstin habe ich mich in sofern gewundert, als sie viel zu jung auf ihr aussieht, als sie doch nach Menschenermessen sein kann. Aber die Hofphotographen sind schreckliche Lügner. Wenn Du sie übrigens noch einmal siehst, so lege ihr meinen Dank „unterthänigst“ vor die Beine.
     Zunächst aber bitte ich Dich, mir recht bald einmal dh. sehr bald, in den nächsten Tagen, zu schreiben und mir die Wünsche Deines Herzens für bevorstehenden hohen Geburtstag zu bezeichnen.
     Übrigens bin ich seit gestern Mittag in meiner neuen Wohnung und habe meine scheußliche Höhle verlassen, bei leidlichem Wetter. Bisjetzt aber haben wir Novemberkälte und fast fortwährenden Regen, mit Ausnahme weniger Tage, gehabt. Der edle Beruf ist übrigens doch etwas angreifend; Abends und speziell Sonnabends bin ich immer recht erschöpft. — Briefe habe ich neuerlich bekommen von Rohde aus Rom, von Gersdorff aus Berlin, von Romundt aus Leipzig, von Wagner aus Tribschen. Bei letzterem habe ich wieder ein paar sehr schöne Tage verbracht, zu meiner innerlichen Erbauung. Zu seinem Geburtstag war ich von Frau von Bülow eingeladen, konnte aber der Amtsgeschäfte wegen nicht kommen. — Ja ein Amt! ein wunderliches Ding!
     Beiläufig: ich habe seit längerer Zeit an unsre Mutter geschrieben, aber noch keine Antwort bekommen: sollte folgende Adresse nicht richtig sein „per adr. Herrn Diakonus Schenkel in Planitz bei Zwickau“.?
     Was denkst Du denn betreffs der Schweizerreise in diesem Jahre? Aus vielen Gründen ist es aber gerathener, wenn ihr einzeln kommt. Schreibe mir doch einmal Deine Meinung darüber.

Dein getreuer Bruder


Grüße nach allen Seiten! An Windisch usw.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,39

An Paul Deussen in Minden

[Basel, Juli 1869]


Lieber Freund,

immer noch nicht habe ich Deinen liebenswürdig treuherzigen und behaglichen Brief beantwortet: das fiel mir eben, als ich ihn wieder einmal las, schwer auf die Seele, zugleich mit der Mahnung, daß Du eine Art von Recension über Deine Schrift von mir verlangt hast, während ich sie bis jetzt immer nur durchblättert und angelesen und letzthin zum Buchbinder geschickt habe. Aber nur Geduld! Wenn ich erst meine Vorlesung über Plato lese — und das geschieht in einem der nächsten Semester — dann soll sie auf das ehrlichste berücksichtigt werden. Inzwischen habe ich mich am hübschen Latein, gelegentlichen Bemerkungen und der glänzenden Ausstattung gefreut, wie sie so ein Schooßkind gewiß verdient hat. Unter anderen Umständen würde ich mit dem Werke eines Freundes eine intimere Bekanntschaft so gleich angebahnt haben — aber welch ein Tyrann ist so ein Amt, noch dazu ein so junges, da bekanntlich

ἅπας δὲ τραχύς, ὅστις ἂν νέον κρατῇ

.      Doch Du wirst gern etwas näheres hören wollen von diesem Amte und so laß Dir denn erzählen. Die ganze Sache, um die Hauptsache vorweg zu sagen, paßt mir auf den Leib, wie angegossen, ja ich bin ganz offenbar in dem mir natürlichen Element, darüber habe ich keinen Zweifel. Doch wird es noch eine Zeit dauern, bis die Natur sich ganz und vollständig an diese Thätigkeit gewöhnt hat: einstweilen fühle ich mich häufig sehr angegriffen. Jedenfalls habe ich mir für das erste Semester viel zugemuthet: vor allem zwei neue Collegien, zu denen ich mich immer von Tag zu Tag vorbereiten muß, so daß ich etwas von der Hand in den Mund lebe. Sonst gefallen mir diese beiden — Geschichte der Lyrik mit Interpretation und Aeschylus’ Choephoren — recht wohl, und ich bilde mir ein, meinen Zuhörern viele schöne und neue Dinge mitzutheilen. Auch die Thätigkeit im Seminar erscheint mir ziemlich fruchtbringend. Für nächstes Semester habe ich lateinische Grammatik angekündigt, sowie Geschichte der vorplaton. Philosophen (mit Interpretation ausgewählter Fragmente.)
     Meine Antrittsrede, die ich in einem ganz gefüllten großen Saal gehalten habe, handelte über die Persönlichkeit Homers.
     Am Pädagogium lese ich Plato’s Phaedon und lasse fleißig nach Pförtner Sitte Docimastika schreiben. Schließlich kann ich doch noch einen leidlichen Schulmeister vorstellen. Wer hätte das gedacht?
     Wenn Du mich einmal besuchst — auf einer Schweizerreise, wie ich es mir ausgedacht habe — so wirst Du finden, daß ich gut eingerichtet bin und mich hier wohl fühlen kann. Freilich fehlt es mir noch an intimen Freunden. Dagegen bin ich so glücklich Richard Wagner in der Nähe zu haben, und bei ihm, in seiner reizenden Villa am Vierwaldstätter See immer die gastlichste Aufnahme zu finden. Von meinen Collegen stehen mir Jakob Burkhardt, der Kunsthistoriker und der Nationalökonom Schönberg am nächsten. Rohde schreibt mir viel aus Italien, Gersdorff aus Berlin: und aus Minden bald einen Brief zu bekommen würde mich sehr erfreuen.

Adieu, bester Freund.

Fr. N.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,40

An Wilhelm Pinder in Naumburg

[Basel, 4. Juli 1869]


Lieber Wilhelm,

das erste Lebenszeichen, das Du von mir aus Basel erhältst, wird nun gar zu einem Geburtstagsbrief. Da sieht man, welchen demoralisirenden Einfluß so ein Amt hat: man lernt seine heiligsten Pflichten, die Freundschaftspflichten, zu vernachlässigen. Heute aber, als ein Blick auf den Kalender mir mein begangnes Unrecht vor Augen führte, drängt es mich, von Dir Absolution zu erbitten, die ich natürlich am liebsten mündlich und personaliter zu haben wünsche, eingedenk nämlich jener feierlichen Rütliscene auf dem Naumburger Straßenpflaster und des dort gegebnen gegenseitigen Versprechens, baldigst wieder in Basel zusammenzutreffen und zwar zum Zwecke eines guten Frühstücks und andrer ernster Dinge.
     Auf diese erquickliche Aussicht wollen wir heute, ein jeder im Weine seiner Heimat, bei Tische anstoßen.
     Ich sollte denken, daß Dir nach den Stürmen und Aufregungen Deines Berufes häufig die Sehnsucht kommen müßte, seitab von Mördern und andern Strolchen einmal in einem Alpenthale etwas Dich auszuruhen. Solche Pläne mußt Du mir aber immer zuerst mittheilen: denn ich bin jetzt für alle meine Freunde der Alpenführer, der sie an der Grenze der Schweiz empfängt und es sich angelegen sein lassen wird, sein neues Vaterland mit seinen Schönheiten würdig zu präsentieren.
     In dieser neuen Eigenschaft mich empfehlend, zugleich mit den besten Wünschen für Dein Wohl und unsre Freundschaft, endlich mit vielen angelegentlichen Grüßen an Gustav und Deine verehrten Angehörigen

bin ich
Dein alter Freund
Fritz Nietzsche Dr
Professor in Basel.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,41

An Franziska Nietzsche in Naumburg

[Basel, erste Julihälfte 1869]


Liebe Mutter,

schon hatte ich gefürchtet, daß mein Brief der ungenügenden oder falschen Adresse wegen nicht an Dich gelangt sei und hatte Lisbeth mein Bedenken mitgetheilt und mir die richtige Adresse ausgebeten: als der große Riesenbrief erschien, den man gar nicht in einem Niedersitzen verdauen konnte. Nachdem ich Dir meinen besten Dank dafür ausgesprochen habe, muß ich auf einige Punkte desselben antworten. Zuerst was die Schweizerreise anbetrifft: so liegen meine Ferien schlecht genug. Die Sommerferien nämlich fangen in allernächster Zeit an, während also Lisbeth noch in Leipzig ist. Diese muß ich zunächst etwas zu meiner Erholung und Aufweckung der Lebensgeister verwenden: denn die Schulmeisterei und das tägliche Lesen greift doch gewaltig an, und ich habe wirklich ein mächtiges Ferienbedürfniß. Dann aber muß ich wieder tüchtig an die Arbeit, da eine Menge zu erledigen ist, zu dem sich im täglichen Verlauf der akademischen Thätigkeit keine Zeit findet. Im Herbst nun habe ich kaum 14 Tage völlige Ferien (also etwa in der ersten Hälfte des Oktober), dafür doch eine längere Zeit weniger zu thun, nämlich nur am Pädagogium, nicht an der Universität, die während des ganzen Oktober pausirt. Schließlich wäre also der Oktober doch ganz geeignet zu einer längeren Zusammenkunft, vielleicht auch zu einem gemeinsamen Aufenthalte in Montreux am Genfersee, der um die Wein- und Traubenzeit am besten zu besuchen ist. Die übrige Zeit würdet Ihr dann freilich mit in Basel verleben müssen, das übrigens auch erträglich ist.
     Dies die Ferienangelegenheit. Daß Lisbeth sich in Leipzig wohl fühlt und gewissermaßen noch dazu in meinen Fußtapfen, macht mir viel Vergnügen. Und solch ein Aufenthalt war ihr gewiß sehr zu wünschen, denn die Naumburger Athmosphaere ist auf die Dauer nicht gesund. Wenn sie Lust hat, kann sie später, falls nicht unvorhergesehne Zwischenfälle eintreten, immer bei mir einen Theil ihrer Zeit verbringen: aber freilich ist es in Leipzig interessanter als in Basel.
     Von Rohde habe ich zwei Briefe, aus Rom, desgleichen von Gersdorff: grüße doch Wenkel bestens und sage ihm, ich würde nächstens schreiben, um ihm einiges mitzutheilen. An Wilhelm habe ich einen Geburtstagsbrief geschrieben, auch Deussen und Romundt haben endlich Antwort. Aber die Zeit ist spärlich für solche Dinge.
     Ich theile Dir nächstens mit, wohin Briefe für die Zeit vom 15ten Juli an zu adressieren sind: wahrscheinlich nach Interlaken. Auch Wagner erwartet noch einen Besuch.

Und somit Lebewohl und
freundlichsten Gruß
von Deinem Sohn.


NB.
          Benutze zum Frankieren keine Eingroschenmarke: weil hier ungenügend frankierte Briefe den unfrankirten gleich gerechnet werden.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,42

An Franziska Nietzsche in Naumburg

[Basel, erste Julihälfte 1869]


Liebe Mutter,

habe doch die Güte, eiligst in meinem Namen für Lisbeth’s Geburtstag den gewünschten Operngucker, von möglichster Güte und nicht billig, einzukaufen. Nützlich ist er unter allen Umständen, nämlich auf Reisen: so daß ich ebenfalls genöthigt bin, mir bald einen zuzulegen. Den Bädeker (das heißt doch nur für die Schweiz?) halte ich für ungeeignet, weil ich ihn selbst besitzen muß und Ihr doch nur mit mir die Reise machen werdet.
     Ich hatte eigentlich die Absicht, verschiedene kleine Sachen Lisbeth an diesem Tage zuzuschicken: aber nach dem Du mir schriebst, daß der Tag der Leipziger Verhältnisse halber ignoriert werden soll, habe ich den Gedanken aufgegeben. Kannst Du nun nicht ein paar hübsche Kleinigkeiten von mir und in meinem Namen dazulegen?
     Ich schicke noch mit eine Photographie von Richard Wagner, die mir sehr werth ist, da er sie mir selbst geschenkt hat und sie nicht käuflich zu haben ist. Außerdem ist sie äußerst treffend.
     Mit herzlichem Gruße und der Bitte, alles in meinem Sinne (d. h. etwas kostspielig) auszuführen.

Fritz.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,43

An Elisabeth Nietzsche in Leipzig

[Basel,] am 9t. Juli 1869.


Liebe Lisbeth,

Das ist Recht, daß Du den feierlichen Tag Deines Geburtstags in Naumburg verbringst, wo Du doch sicher bist vor den etwaigen Launen und unwirschem Mienenspiel der Frau Biedermann. Nur hätte ich aus allen möglichen Gründen gewünscht dies etwas eher zu erfahren, als heute dh. Freitag Vormittag. Ein Brief meinerseits wird Dich ja noch, wie ich hoffe, am Sonnabend in Naumburg erreichen: aber der bewußte Wunschzettel ist leider zu spät nach Basel gelangt, um eine Sendung von hier aus zu ermöglichen. So wird es denn wohl das Beste sein, wenn ich hindeute auf eine Nachfeier des berühmten Geburtstages, wie sie noch im Verlauf des Jahres an Ort und Stelle und möglichst solenn arrangirt werden soll. Inzwischen wünsche ich Dich durch einen Operngucker daran zu erinnern, daß man die Scenerie des Wilhelm Teil von Rossini nirgends schöner und naturwahrer sieht als am Vierwaldstätter See, besonders wenn man in Begleitung seines Bruders, des freien Schweizers, sich Land und Leute vorstellen läßt. Eine andre Art von Opernaufführungen kann ich Dir leider an dem hiesigen den Theatergrazien feindseligen Orte nicht anbieten.
     Unsre Mutter freilich hat gegen den Operngucker einiges einzuwenden, vornehmlich daß Du „menschlichen Ansichten nach“, nie wieder so oft ins Theater kommen würdest, wie dies in Leipzig der Fall gewesen sei. Ich habe dagegen die nun freilich „unmenschliche“ Ansicht, daß Du mich nicht ewig in Basel zu besuchen haben wirst, sondern, irgendwann einmal, in einer civilisirteren Stätte, die meinem Besuche auch ein Theater offerieren kann. Dies ist übrigens nur eine von verschiedenen unmenschlichen Ansichten: wie wäre es zB. wenn Du das neue Lebensjahr, das sich Dir öffnet, zu einer „Veränderung“ benutztest, die schließlich selbst von unsrer Mutter nicht als eine unmenschliche bezeichnet werden würde: höchstens würde sie sich unmenschlich freuen, desgleichen der ferne Bruder, der mit dieser Äußerung gewinkt haben will, nicht mit dem Zaunpfahl, aber mit dem Operngucker.
     Und so lebe wohl und immer wohler und behalte in gutem Angedenken

den heftig gratu-
lierenden Schweizer
FN.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,44

An Erwin Rohde in Italien

[Basel, Mitte Juli 1869]


Mein lieber Freund,

weißt Du schon, was der Baseler „Bündelitag“ ist? Jedermann schnürt sein Bündel und läuft nach der Eisenbahn, alle Schulen, auch die Universität machen eine Erholungspause von 4 Wochen: und die Baseler Klimatologen behaupten, während dieser Zeit sei es physisch unzuträglich, in Basel zu bleiben. Also hinaus in die weite Welt! Aber wohin? Die großen Eisberge locken mich, wie ich zu meinem Erstaunen merke, gar nicht so sehr: und ich würde mit Wonne wieder das liebenswürdige Baierisch-Böhmische Gebirgsland aufsuchen, wenn es nur in Deiner Gesellschaft geschehen könnte, lieber Freund. Leider bist Du jetzt nun gerade in Süditalien: sonst wäre ich Dir vielleicht bis zu einem der norditalischen Seen entgegengereist und wir hätten uns, in einem Kahne liegend, mit dem Blick nach dem blauen Himmel, schaukeln lassen können, trotz aller Einsamkeit in der allerbesten und ersehnenswerthesten Gesellschaft. Nun sitze ich hier in Basel und weiß nicht, warum ich fortwandern soll: finde ich doch nirgends so eine rechte wahre innerlich heilende und kräftigende Erholung. An meinen „Collegen“ mache ich eine seltsame Erfahrung: ich fühle mich unter ihnen, wie ich mich ehedem unter Studenten fühlte: im Ganzen ohne jedes Bedürfniß mich mit ihnen näher abzugeben, aber auch ohne allen Neid: ja genau genommen, fühle ich einen kleinen Gran von Verachtung gegen sie in mir, mit dem sich ja ein sehr höflicher und gefälliger Verkehr ganz gut verträgt. Mein Vorgänger Kiessling war freilich, wie ich aus allem entnehme, eine ganz diverse Natur, zugänglich-sanguinisch, immer auf den Beinen, um eine Gesellschaft zusammenzutreiben usw. während ich an solchen gemeinsamen Spaziergängen mit 6-8 Collegen sehr wenig habe, unendlich weniger, als wenn ich ungestört und einsam für mich wandere. Allmählich gewöhnen sich die Leute auch daran, mich allein zu lassen, nicht ohne ein Gefühl des Bedauerns — denn sie glauben ich werde mich so nicht in Basel wohl fühlen und amüsieren — die gutherzigen Kerle.
     Ich bin mit meiner akademischen Stellung zufrieden. Die Studenten haben Zutrauen zu mir, und ich suche sie bestens zu berathen, nicht bloß in philologicis. Übrigens habe ich jetzt schon das Vergnügen, daß Michaeli drei meiner bisherigen Zuhörer auf meinen Rath nach Leipzig gehen; dazu gerade die besten. — Für meine Vorlesungen in den nächsten Jahren habe ich mir einen Plan gemacht, ich lese alles das, was ich genauer lernen will oder lernen muß. Offenbar profitiere ich dabei am meisten. Meine Choephoren und das Lyrikercolleg gerathen zu meiner Freude recht produktiv, und jedenfalls besser als ich voraussehen konnte. Das nächste Semester lese ich Geschichte der vorplatonischen Philosophen und lateinische Grammatik, im Seminar Hesiods ἔργα.
     Anbei kommt wieder eine Photographie von mir, die gut sein soll. Von Gersdorff habe ich rührende Nachrichten über die Schopenhauerische Propaganda in Berlin. — Der cod. Florent. ist Laurent. 56, 1. Über den Neapol. Palimpsest weiß ich nicht näheres. Zu finden wird er sein, da es nicht viel griechische Handschriften in der Borbonica giebt. Tischendorf deutete etwas von patristischem Inhalt an. — Adressiere jedenfalls nach Basel, Briefe werden nachgeschickt, wenn ich verreisen sollte. — Und so lebe wohl. Ich lebe in Hoffnung auf eine glückliche Zeit, die uns zusammenführt.

Treusten Angedenkens
Dein Freund.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,45

An Sophie Ritschl in Leipzig (Entwurf)

[Interlaken, 26. Juli 1869]


Wie im vorigen Jahr aus Wittekind, so bekommen Sie auch in diesem Jahr wieder einen Badebrief, geschrieben in Interlaken, Angesichts der Jungfrau; und sieht man von dem lächerlichen Gegensatz der bescheidnen Saalufer und der besagten Jungfrau ab, so ist meine Situation der damaligen zu ähnlich, um nicht eine besondere Logik in diesem Zusammentreffen von Brief- und Badestimmung finden zu dürfen. Sollte es vielleicht diese sein, daß wir gelehrten Maulwürfe uns erst in der Luft des Badelebens etwas abstäuben lassen müssen bevor wir es wagen können uns mit Frauen zu unterhalten, vor denen wir uns gern recht reinlich und säuberlich präsentiren möchten? Und gerade in diesem Sommer habe ich, aus begreiflichen Gründen, mehr Staub als je, noch dazu berufsmäßig also mit Würde schlucken müssen: so daß ich mich gewißlich dem Urbilde des deutschen Professors bereits um einige tüchtige Schritte genähert habe … Zudem bietet Basel und die Baseler Gesellschaft durchaus keine kultivirenden Einwirkungen: man verbraucht nirgend weniger Handschuhe als hier, und ob die „Junfer“ B. oder Merian (im Deutschen übersetzt Schulze und Müller) etwas sagt oder nicht, ist ganz gleichgültig und an sich langweilig: von dem Einfluß der Frauen merkt man hier nichts, es sei denn, daß sie jede Geselligkeit in eine Baseler Stadtklatscherei herunterziehn. Sie begreifen also verehrte Fr G[eheimräthin] mit welcher Sehnsucht dann wieder mit welch dankbarer Empfindung ich gelegentlich an die Leipziger Athmosphaere und an das Rosenthal, zurück denke. Denken Sie aber ja nicht daß ich die Baseler Männlein, besonders meine so höchst ehrenwerthen Collegen etwa auf Unkosten der Weiblein loben wolle: fast allen hat die Natur die Anmuth und den künstlerischen Aufschwung versagt, und selbst der mir näher stehende Jakob Burkhardt lebt, als vermögender Mann, in der geschmacklosesten Dürftigkeit und geht Abend für Abend zu den Baseler Philistern in die Bierstube. Rechnen sie nun dazu den absurden Schweizerpatriotismus (der wie der Schweizerkäse vom Schafe stammt und ebenso gelbsüchtig neidisch wie jener aussieht), die Miene der Überlegenheit, mit der sie auf deutsche Verhältnisse, mitunter auf uns Deutsche selbst, hinsehen: es kommt zu viel zusammen um nicht zu einem fast einsiedlerischen Leben bestimmt zu werden, besonders für einen, der wie ich, wenig Geschick in geselligen Tugenden auf zu weisen hat.
     Dabei befinde ich mich nicht übel: ja ich würde gar nichts vermissen wenn noch einer meiner wenigen Freunde hierher nach Basel verschlagen würde. Ich angle durch Briefe nach einem oder dem andern, doch bis jetzt ohne Erfolg. Von großem Werthe ist mir, wie Sie mir das prophezeit haben, die Möglichkeit, mich bei Richard W. wieder etwas erholen zu können: und ich habe dort am schönsten Gestade des Vierw[ald]st[ätter]sees mit ihm und der ausgezeichneten Frau v B[ülow] die genußreichsten Tage dieses Sommers verlebt. Ich bilde mir ein, ihn jetzt nun wirklich als solchen zu kennen, wie ihn mir seine Leipz. Schwester geschildert hat, als einen der idealsten Menschen, und übervoll der edelsten und größten Gedanken und völlig frei von allen jenen armseligen Äußerlichkeiten und Flecken, mit denen ihn die lasterhafte Frau Fama behängt hat.
     Doch die Zeit ist da den Brief zu schließen Molke zu trinken und schlechte Musik zu hören: [es] ziemt uns Philologen doch besonders gerade im Kleinsten recht treu und zuverlässig zu sein, also z B. in der Molkekur,
     Und so schließe ich denn Mit dem herzlichen Wunsche, bei Ihnen und Ihrem Herrn Gemahl stets in guter Erinnerung zu stehn, zugleich mit dem Ausdruck

der treusten und dankbarsten Ergebenheit
als Ihr
ergebenster
F. Nietzsche.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,46

An Elisabeth Nietzsche in Leipzig

Interlaken 27 Juli. [1869]


Liebe Lisbeth,

mit großem Vergnügen habe ich Deinen ausführlichen Brief gelesen, mit dessen Urtheilen ich allermeistens übereinstimme, nur daß ich alles und jedes Lob und Dankeswort ablehnen muß, das Du mir spendest als dem angeblichen Geber Deiner Leipziger Freuden. Bei dieser Rechnung vergißt Du wie es scheint einen Faktor in Rechnung zu ziehn, den die Leipziger dagegen recht sehr zu schätzen wissen: Dich selbst.
     Schade daß diese Deine Leipziger Studien- und Erholungszeit ein so baldiges Ende nimmt, immerhin doch schon zu spät, um die projektirte Schweizerreise ausführen zu können, da meine Ferien mit dem 15t. August zu Ende sind. Also müssen wir schon an die Herbsttage denken, etwa an die letzte Woche des September und die erste des Oktober, eine Zeit übrigens, die für den Anblick der Schweizerseen die geeignetste sein soll.
     Übrigens ist eins nicht zu verschweigen, daß nämlich das Reisen in den besuchtesten dh. sehenswerthesten Theilen der Schweiz erstaunlich kostspielig ist: wie ich jetzt bei einem kleinen Aufenthalte in Interlaken hinreichend merke. Nach einer Überschlagsrechnung brauchen drei Personen etwa an jedem Tage 8-9 Thaler; billiger ist es natürlich, wenn man längere Zeit an einem Orte im Pensionsverhältniß bleibt, (dann täglich 6-8 fr.s:) für 3 Pers. c. 24 fr. Man muß eben in Betracht ziehn, daß die Preise in den Hotels der schönsten Gegenden, die meistens auch abgelegene sind, eben dieser Abgelegenheit halber, bei der Schwierigkeit des Transportes sehr hoch sind. Also beispielsweise in Grindelwald: das Zimmer für eine Person auf eine Nacht 2½ francs, Frühstück 1½, Mittag ohne Wein 4 fr. Abendessen 3 fr. Bedienung 1 fr. etc. Wenn es selbst kleine Häuser giebt — an den schönsten Punkten steht gewöhnlich nur ein großes Hotel — so kann man mit Damen natürlich diese nicht aufsuchen. Dazu rechne die nicht unbedeutenden Reisekosten für hin und zurück zweiter Klasse; mache Dir doch einmal mit Hülfe eines Coursbuchs einige Zusammenstellungen. Ein direktes Billet von Leipzig bis Luzern zB. kostet 73 fr. 30 ct. (2 te Klasse.)
     Schreibe mir doch auch einmal gefälligst, wie viel ich in diesem Jahre noch an Zinsen von meinem Vermögen erheben kann. Unsre Baseler Gehaltsverhältnisse haben nämlich zweierlei Unangenehmes. Man zahlt nämlich nur zweimal, am 1 Juli und am 1 Januar, sodann postnumerando: so daß ich für das ganze Jahr vom April bis zum letzten Dezember nicht mehr als 200 Thaler habe, die nämlich, die ich am 1 Juli für die drei vorhergehenden Monate bekommen habe. Dabei ist in Basel alles sehr theuer zB. das Miethgeld pro Monat c. 50 fr., ebenso viel das Mittagessen.
     Also gieb mir doch genau an, was ich noch bekommen kann in diesem Jahre und zu welchem Termine.
     Dies ist nun ein rechter Geschäftsund Geldbrief geworden: aber warum hast Du die Verwaltung meiner Gelder an Dich genommen? — Gestern habe ich endlich an Frau Ritschl geschrieben: hast Du ihn selber noch nicht kennen gelernt? Das ist jedenfalls nöthig. Wenn Du mir schreibst, so addressiere nur nach Basel.

Mit
herzlichem Gruß
Dein treuer Bruder


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,47

An Friedrich Ritschl in Leipzig

Pilatus am 2 August 1869.


Hochverehrter und theurer Herr Geheimrath,

zum ersten Male im Vollgenuß der „Ferien“ habe ich eine Empfindung, wie ich sie seit meinen Schülerjahren nicht kannte. Bedeuten doch meine Studentenzeiten durchweg nichts anderes als ein üppiges Schlendern durch die Gefilde der Philologie und der Kunst; so daß ich mit innigstem Danke gegen Sie, das „Schicksal“ meines bisherigen Lebens, erkenne, wie nothwendig, wie rechtzeitig gerade jene Berufung kam, die mich aus einem „Wandelstern“ in einen Fixstern umschuf und mich wieder das Vergnügen der sauren aber regelmäßigen Arbeit und des unverrückbar sicheren Zieles kosten läßt. Und wie anders schafft der Mensch, wenn die heilige ἀνάγκη des Berufs hinter ihm steht, wie ruhig schläft man und wie sicher weiß man beim Erwachen, was der Tag verlangt. Dies ist doch wohl keine Philisterei; mir ist es als ob ich eine zerstreute Menge von Blättern in ein Buch zusammengebunden hätte: und das „freut dem Buche sehr“, um mit dem ungrammatischen Körner zu reden.
     Doch was plage ich Sie mit diesen Sentiments? Nur um Ihnen anzudeuten, wie tief dankbar ich bei der glücklichen Umwandelung meiner Lebensstellung Ihre pädagogische Einsicht bewundere, die wirklich an meinem Falle ein nicht unbedeutendes Problem glücklich gelöst hat, und dazu nicht ohne Gefährlichkeit und Risiko. Dies recht eingehend zu überlegen werde ich durch die Einsamkeit und Zurückgezogenheit meines jetzigen Aufenthaltes aufgefordert: hier in der Höhe des Pilatus, eingehüllt in Wolken, ohne jede Fernsicht, erscheint mir meine bisherige Lebensführung in einem so wunderbaren Lichte, zeigt sich die Nähe, in der [bei] Ihnen zu leben mir so lange vergönnt war, als ein so wichtiger Hebel meines inneren und äusseren Lebens, daß ich flugs die Feder ergreifen muß, um Ihnen meine frische und heiße Dankesempfindung mitzutheilen. In dieser verharrend

bin ich Ihr
treu ergebner
Friedrich Nietzsche


NB. Nachträglich bemerke ich, daß ich, von morgen an wieder in Basel lebend, als die Hauptaufgabe dieser Ferien mir die Förderung des ,index‘ vorgesetzt habe.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,48

An Carl von Gersdorff in Berlin

[Pilatus, 4. August 1869]


Du glaubst gar nicht, mein lieber Freund, wie sehr mich Dein letzter Brief gerührt hat und wie deutlich ich das Gefühl unseres Zusammengehören empfand. Mitten heraus aus jener peinlichen Vorbereitung zum Examen, aus dem Gewühl der Weltstadt erklang mir Deine Stimme, als die eines tiefernsten, dem Besten und Würdigsten nachstrebenden Menschen, der fernab wandelnd von den Bahnen seiner Alters- und Berufsgenossen, im engsten Kreise weniger Auserwählter und in Betrachtung wichtigster Fragen sich wohl und heimisch fühlt. Glaube aber nur, daß auch mir diese Geisteswelt, in der Du lebst, ewig die nächste bleibt, daß ich mich keineswegs durch meinen philologischen Beruf von ihr entfremden lasse sondern an den Brücken baue, um zwischen innerem Wunsch und äußerem „Muß“ eine Verbindung herzustellen. So werde ich schon im nächsten Halbjahr eine Geschichte der vorplatonischen Philosophen lesen, in die allerhand hineingearbeitet werden soll, was als kräftige Kost meinen Zuhörern dient und sie unmerkbar den ernstesten und würdigsten Denkern zuführen soll. Dazu habe ich einen Menschen gefunden, der wie kein anderer das Bild dessen, was Schopenhauer „das Genie“ nennt, mir offenbart und der ganz durchdrungen ist von jener wundersam innigen Philosophie. Dies ist kein anderer als Richard Wagner, über den Du kein Urtheil glauben darfst, das sich in der Presse, in den Schriften der Musikgelehrten usw. findet. Niemand kennt ihn und kann ihn beurtheilen, weil alle Welt auf einem andern Fundamente steht und in seiner Athmosphäre nicht heimisch ist. In ihm herrscht eine so unbedingte Idealität, eine solche tiefe und rührende Menschlichkeit, ein solcher erhabner Lebensernst, daß ich mich in seiner Nähe wie in der Nähe des Göttlichen fühle. Wie manche Tage habe ich nun schon in dem reizenden Landgute am Vierwaldstättersee verlebt, und immer neu und unerschöpflich ist diese wunderbare Natur. So las ich noch gestern ein Manuscript, das er mir übergeben hatte „über Staat und Religion“; ein größerer tiefsinniger Aufsatz, dazu bestimmt seinen „jungen Freund“ den kleinen Baiernkönig über seine innere Stellung zu Staat und Religion aufzuklären. Nie ist in würdigerer und philosophischerer Weise zu einem König geredet worden; ich war ganz erhoben und erschüttert von dieser Idealität, die durchaus dem Geiste Schopenhauers entsprungen schien. Der König kann wie kein anderer Sterblicher die Tragik des Lebens verstehen, darum ziemt ihm die Gnade usw.
     Erfreue mich doch recht bald mit neuen Nachrichten über Deine Wirksamkeit in partibus infidelium und sei herzlich und warm gegrüßt

von Deinem treuen
Fritz Nietzsche Dr


     Grüße Textor und Krüger recht angelegentlich — Von morgen an bin ich wieder in Basel.
     Ein wichtiges Buch für Dich ist „Hartmann’s Philosophie des Unbewußten“, trotz der Unredlichkeit des Verfassers. Dann schaffe Dir doch ja an „Deutsche Kunst und Politik“ von Richard Wagner und desselben „Oper und Drama.“


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,49

An Gustav Krug in Naumburg

[Pilatus, 4. August 1869]
Von morgen an bin ich
wieder in Basel.




Mein lieber Gustav,

zum Beweise, daß auch in der Höhe von 6000 Fuß über dem Meer, trotz der Einhüllung in eiskalte Wolken meine Freundschaft und Anhänglichkeit an Dich nicht einfriert, setze ich mich jetzt hin, mit schlechter Feder und erstarrten Fingern, wie sie beide der unfreundlich düstre Pilatus mir verschafft, an Dich zu schreiben und Dir gleich von meinen jüngsten Erlebnissen zu erzählen, wie sie Dich mehr als irgend einen meiner Freunde interessiren werden. Wieder habe ich einmal die letzten Tage bei meinem verehrten Freunde Richard Wagner verlebt, der mir in liebenswürdiger Weise das unumschränkte Recht häufiger Besuche ertheilt hat und mir böse ist, wenn ich einmal vier Wochen pausirt habe, von diesem Rechte Gebrauch zu machen. Du wirst mir nachfühlen, was ich mit dieser Erlaubniß gewonnen habe: denn dieser Mann, über den kein Urtheil bis jetzt gesprochen ist, das ihn völlig charakterisirte, zeigt eine so unbedingte makellose Größe in allen seinen Eigenschaften, eine solche Idealität seines Denkens und Wollens, eine solche unerreichbar edle und warmherzige Menschlichkeit, eine solche Tiefe des Lebensernstes, daß ich immer das Gefühl habe vor einem Auserwählten der Jahrhunderte zu stehen. Dazu war er jetzt gerade so glücklich, da er eben den dritten Akt seines „Siegfried“ beendet hatte und im üppigsten Kraftgefühl eben an die Composition der „Götterdämmrung“ schreitet. Alles was ich nun aus dem „Siegfried“ kenne, nach dem ersten Entwürfe, ist großartig concipirt z.B. der Kampf Siegfrieds mit dem „Wurm“, das Vogellied usw. Am Sonntage Vormittag habe ich, in meiner reizenden Stube mit freistem Anblicke des Vierwaldstätter Sees und des Rigi, eine Anzahl Manuscripte durchmustert, die mir Wagner übergeben hatte, eigenthümliche Novellen aus seiner ersten Pariser Zeit, philosophische Aufsätze und Dramenentwürfe, vor allem aber ein tiefsinniges Exposé, gerichtet an den „jungen Freund“ den baierischen König, zur Aufklärung desselben über Wagners Ansichten in „Staat und Religion“. Niemals ist schöner edler und tiefer zu einem König gesprochen worden; schade, daß der junge Mann, wie es scheint, so wenig davon gelernt hat. — Das ganze Leben Wagner’s ist durchaus patriarchalisch: die geistvolle und edle Frau von Bülow paßt durchaus hinein in diese ganze Athmosphäre; ihr hat W. seine Selbstbiographie diktirt. Dazu wimmelt alles von kleinen „Bülows, Elsa, Isolde, Senta Siegfried usw. die in ihrer Gesammtheit auch eine Biographie Wagner’s bilden. Am Sonnabend kam Nachmittags ein Herr Sérow, russisch. wirkl. Staatsrath und Verfasser einer Reihe Artikel über Berlioz in der gazette de St. Petersbourg, die ich Dir sehr empfehle, da sie bei aller ihrer Strenge und Grausamkeit des Urtheils durchaus die Meinung Wagners über Berlioz aussprechen. Zum Geburtstage Wagner’s war ich eingeladen, konnte aber aus Amtsverhinderungen nicht kommen und habe somit die Bekanntschaft mit dem ersten Quartett Frankreichs, ja nach Wagner, der Welt überhaupt, versäumt. Außerdem war noch ein geistreicher Elsasser geladen, der einen sehr bedeutenden ausführlichen Artikel über Wagner (in der revue des deux mondes im Aprilheft) verfaßt hat und zum propagateur Wagnerschen Geistes in Frankreich sehr geeignet ist. In Paris wird also der Lohengrin durch die Anstrengungen Pasdeloups vorbereitet und Wagner will, ausnahmsweise, die Direktion der Hauptproben, vielleicht der Ausführung übernehmen. Sonst hält er sich völlig zurück, vor allem vor der Rheingoldaufführung in München, die nur eine Concession an den jungen König ist, im Grunde ein Widerspruch gegen die Gesammtbestimmung der Nibelungentrilogie. Doch was nützen alles diese unvermittelten Einzelnotizen? Könnte ich Dir nur einmal einige Stunden hintereinander erzählen, um Dir einen Begriff von dem wunderbaren Wesen dieses Genius zu verschaffen.
     Diese Tage, die ich in Tribschen in diesem Sommer verlebt habe, sind unbedingt die schätzenswerthesten Resultate meiner Baseler Professur.
     Wie wünschenswerth ist mir nun, daß Du im Laufe des Jahres den um Ostern geäußerten Gedanken einer Schweizerreise mit Wilhelm zur Ausführung bringst! Du kannst mich nicht verfehlen, da ich von morgen ab bis zum 15 September jedenfalls in Basel bin, festgehalten durch strenge und mühsame Berufsthätigkeit.
     Grüße mir auf das Herzlichste Wilhelm und sage Deinen verehrten Angehörigen meine besten Empfehlungen. Ich denke gern an Naumburg, vornehmlich an die letzte Woche, die ich in meinem Vaterlande verlebt, Grenzscheiden zwischen Vergangenheit und Zukunft, die etwas vom Reiz, von der unbestimmten Hoffnungsseligkeit des Mulus-thums an sich trugen. Jetzt ist das Leben ernst, heiter aber, wie Du siehst und hörst, die Kunst!

In treuer Freundschaft
Fritz Nietzsche
Dr
Professor in Basel.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,50

An Franziska Nietzsche in Naumburg

[Badenweiler,] 15 Aug. 1869.


Liebe Mutter,

ich glaube gar, ich habe seit einem Monat nicht geschrieben: leider hat aber auch die böse Post Deinen Brief an mich unterschlagen, so daß wir gegenseitig ohne alle Nachricht wären, wenn nicht Lisbeth die Vermittlerin gespielt hätte. Diese wird Dir denn erzählt haben, daß ich eine kurze Zeit in Interlaken gewesen bin; heute nun ist schon der letzte Tag der Ferien herangekommen, und ich werde in meinen Empfindungen zum ersten Male wieder an die Schülerempfindungen erinnert, denen dieser letzte Ferientag einen bitterherben Beigeschmack hat. Hoffentlich aber verlebe ich meine nächsten Ferien vergnügter und auch geselliger als diese: da Ihr, wie ich zu meinem Vergnügen höre, an Eurem Reiseplan fest haltet. Und das mit Recht!
     Versichere mich doch, daß Wenkel meinen Brief aus Interlaken bekommen hat. Ich bin etwas auf die dortige Post mißtrauisch. Auch habe ich an Schenk’s nach Weimar, sowie an Bernhard nach Sangerhausen geschrieben: und glaube damit recht gethan zu haben.
     Mit Gustav Krug gieng es mir eigen; ich bekam nämlich von ihm einen ersten Brief, als ich eben meinen ersten Brief an ihn abgesandt hatte.
     Einige schöne Tage der Ferien habe ich in Tribschen bei Richard Wagner verlebt.
     Wie mir Lisbeth schreibt, hat Ritschl in Leipzig einen Brief aus Basel, in dem man mit mir seine Zufriedenheit erklärt. Dies ist mir recht.
     Heute Abend nun geht es wieder heimwärts und morgen früh in Universität und Schule.
     Um diese Zeit ist Naumburg am hübschesten. Ich verdenke Dir es nicht, daß Du jetzt wieder dort bist.
     Ich erwarte Euren Besuch für die zweite Hälfte des September und die erste Zeit des Oktober. Ich denke, wir verleben die Zeit am idealisch schönen Genfersee, in einer mir gut empfohlnen Pension (Pension Hautrive in Vernex / bei Montreux)

Herzlichsten Gruß von
Deinem Sohn
F.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,51

An Erwin Rohde in Sorrento

[Badenweiler, 17. August 1869]


Mein lieber Freund,

der letzte Ferientag. Alte begrabne Empfindungen wachen auf. Mir ist zu Muthe, wie es dem Tertianer zu Muthe ist, der sentimental wird und Gedichte über die Vergänglichkeit des irdischen Glücks macht, wenn er den Glockenschlag des letzten Ferientages hört. Ach lieber Freund, ich habe doch wenig Vergnügen und muß alles so einsam in mich hineinkauen. Ja ich würde auch die böse Dysenterie nicht scheuen, wenn ich durch sie mir ein abendliches Gespräch mit Dir erkaufen könnte. Wie wenig sind Briefe. Da habe ich mir gestern eine schöne Stelle vom alten Goethe gemerkt

          „wie köstlich ist des gegenwärt’gen Freundes
          „gewisse Rede, deren Himmelskraft
          „ein Einsamer entbehrt und still versinkt.
          „Denn langsam reift, verschlossen in dem Busen,
          „Gedank’ ihm und Entschluß; die Gegenwart
          „des Liebenden entwickelte sie leicht.“

     Sieh das ist es: wir brauchen ewig Hebammen, und um sich entbinden zu lassen, gehen die Meisten ins Wirthshaus oder zum „Collegen“ und da purzeln dann wie die kleinen Katzen die Gedanklein und Plänlein heraus. Wenn wir aber trächtig sind, da ist niemand zu Hülfe, der uns bei der schweren Geburt beisteht: und finster und morose legen wir dann unsern derben ungestalten neugebornen Gedanken in irgend eine dunkle Höhle; das Sonnenlicht der Freundschaft fehlt ihm.
     Doch mit meinen ewigen Reden über Einsamkeit werde ich noch ganz zum Zimmermann; und keine freundliche Maria will sich mir gesellen. „Das Öchslein und das Eselein, die lobten Gott den Herren fein.“ Da liegts! Nur ein wenig Rindvieh, und die Weltharmonie ist hergestellt, das Gebäude ist gekrönt. Weißt Du, die Schäfer und Schafe sahen den Stern; für uns andere ist alles dunkel.
     Z.B. Tischendorf: er sah den Stern und lief ihm so schnell nach, bis er sich ihm auf die Brust setzte. Nun hat er für seinen kleinen Verdruß herrliche Ehren, bis in’s vierte Glied. Ja, ja quod licet bovi!
     Dafür will ich Dir noch etwas von meinem Juppiter erzählen, von R. Wagner, bei dem ich von Zeit zu Zeit aufathme und mich mehr erquicke, als sich meine ganze Collegenschaft vorstellen kann. Das Menschenkind hat noch keinen Orden und jetzt eben die erste Auszeichnung bekommen, nämlich die Ehrenmitgliedschaft der Berliner Akademie der Künste. Ein fruchtbares, reiches, erschütterndes Leben, ganz abweichend und unerhört unter mittleren Sterblichen! Dafür steht er auch da, festgewurzelt durch eigne Kraft, mit seinem Blick immer drüber hinweg über alles Ephemere, und unzeitgemäß im schönsten Sinne. Da hat er mir kürzlich ein Manuscript gegeben „über Staat und Religion“, bestimmt als Memoire an den jungen Baiernkönig, von einer Höhe und Zeitentrücktheit, von einem Edelsinn und Schopenhauerischem Ernst, daß ich König zu sein wünschte, um solche Ermahnungen zu bekommen. Neulich habe ich ihm übrigens ein paar Stellen aus Deinen Briefen zugeschickt, für Frau von Bülow, die mich mehrfach drum gebeten hatte. Als ich das vorletzte Mal dort war, kam gerade in der Nacht meines Aufenthaltes ein kleiner Junge zur Welt, „Siegfried“ zubenannt. Als ich das letzte Mal dort war, wurde Wagner gerade fertig mit der Composition seines „Siegfried“ und war im üppigsten Gefühl seiner Kraft. — Du willst ihm nicht schreiben? Du glaubst er hat über genug an entzückten Laien. Aber Du sollst auch nicht als Musiker schreiben, sondern als gleichgestimmter ernster Mensch: von solchen hat er nur sehr selten eine Kundgebung und ist jedes mal wie über einen Fund glücklich. Du bist ihm auch bereits kein Fremder mehr. Adresse: Herrn Richard Wagner in Tribschen bei Luzern (Beim Hund! Jetzt habe ich doch schön die Buchstaben gemalt: weißt Du, ich habe Dir einmal ein Buch von Grey empfohlen und Du hast Grog gelesen.) Hast Du eigentlich meinen letzten Brief (mit meiner Photographie) bekommen, den ich nach Neapel poste restante geschickt habe? Ich bin mißtrauisch.

Adieu theuerster Freund!
Fried. Nietzsche.


Für die liebenswürdige Collation bin ich Dir sehr verbunden. Romundt ist Dr. phil. Meine Rede über Homer (die in Leipzig sehr gefallen hat) bekommst Du bei Deiner Rückkehr.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,52

An Franziska Nietzsche in Naumburg

Basel, Montag
Abend.
[23. August 1869]




Liebe Mutter,

Zurückgekommen von einem überaus genußreichen, harmonisch-glücklichen zweitägigen Besuche auf Tribschen beim Freunde Wagner, erinnere ich mich, daß ich Dir noch für zwei Briefe Dank und Antwort schulde. Vor allem freue ich mich der sicheren Erklärung Deines Kommens im Herbst: aber Du machst Dir eine zu große Vorstellung von meinen nur zu bescheidnen Räumlichkeiten in der neuen Wohnung, wenn Du glaubst daß ich Euch in derselben beherbergen könne. Doch werde ich mich darnach umthun, daß wir doch recht nahe bei einander wohnen; und vielleicht sogar in demselben Hause: was möglich sein könnte, wenn mein College Schönberg zur rechten Zeit, nach seiner Absicht, auszieht: so daß sein Logis frei würde.
     — Wir haben nun wieder eifrige und regelmäßige Thätigkeit: sobald das Semester aufhört, und ich völlig frei bin, denke ich, reisen wir zusammen an den zauberischen Genfersee und essen Trauben, nach Lust und nicht zur Kur, wie die Großfürstin.
     Da Du Dich für ihre Zusammenkunft mit mir interessirst, so muß ich doch des Näheren erzählen, daß mir dieselbe einen ganz erwünschten Eindruck hinterlassen hat. Sie scheint gut und freisinnig gebildet, zeigt entschiedene Züge von Geist und einen bei Fürstinnen freilich nicht seltenen und bei der Last ihrer Stellung begreiflichen Lebensernst. Dabei hat sie ein liebenswürdig zugängliches und eingängliches Benehmen und leidet nicht an der Sucht fortwährend zu repräsentieren. Ich empfing sie in der von Dir angedeuten Weise, mit einem Bouquet am Bahnhof, geleitete sie über die Rheinbrücke zu Fuß und dann in ihr Hotel zu Wagen und habe dann mit ihr und ihrem Gefolge — sie hatte 21 Zimmer in Beschlag — zu Abend gegessen, so daß ich doch gegen 2-3 Stunden mit ihr zusammen war und auf längere Zeit ganz en deux. Dabei hat sie mir viel aus vergangner Zeit erzählt, viel auch aus allerletzter zB. von Euch, daß zB. Lisbeth in Leipzig so mager geworden wäre und ob sie jetzt Kuhmilch trinke und anderes. Auch haben mir die Hofdamen ein Interesse bewiesen und sich als gutmüthig heitere Wesen dargethan. Es ist ein großer Vortheil, wenn man fürstlichen Personen durchaus unabhängig gegenüber steht und keine Bitten auf dem Herzen hat. Warum hat denn unsre Lisbeth bei ihrem ersten Besuche so geklappert und sich so nervös geberdet? Ich wüßte nicht, daß mich die ganze Angelegenheit genirt hätte: nur bedauerte ich den Zeitverlust.
     Die Großfürstin verrieth viel Geschmack für Musik und überlegte sich lange die Nähe von Tribschen und Rich. Wagner. Sie hat ihm durch mich ihre Verehrung ausdrücken lassen.
     Nichts war glücklicher als die letzten Tage. Die warme und herzliche Annäherung an Wagner und Frau von Bülow, die völlige Gleichstimmung unsrer Hauptinteressen, W. dabei jetzt gerade in seiner größten Kraft des Genies, die wunderbarsten eben entsprungnen Schöpfungen, das herrliche Tribschen, fürstlich und geistreich eingerichtet — es kommt viel zusammen, um mich hier zu erquicken und mir in meinem Berufe Kraft zu geben. Adieu!

F.N.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,53

An Paul Deussen in Minden (Fragment)

Basel, 25. August 1869

Mein lieber Freund,

zum Zeichen daß ich gerne etwas von Dir hören möchte, daß ich mich aber noch lieber mit Dir unterhalten würde — breche ich die alte leidige Gewohnheit vom Hinüber und Herüber eines Briefwechsels und schicke ein zweites „Hinüber“ zu dem fernen Freunde.
     Ob wir uns wohl verändert finden, wenn wir uns einmal wiedersehen! Schon Dein Äußeres kann ich mir nicht mehr vergegenwärtigen: denn was bedeutet die schlechte Photographie, die den Abiturienten Paul Deussen darstellt und in meinem Album steckt? Auch von meiner Photographie, die ich Dir das letzte Mal zusandte, wirst Du wenig haben, ja vielleicht gar Dir eine falsche Vorstellung machen εἴδωλον καὶ ψεῦδος! Und was schon vom Äußerlichen gilt, wie viel mehr vom Innern. Wir können uns nur Briefe schicken, und diese sind noch nicht einmal Photographien des Innern, sondern nur flüchtige Schattenbilder einer noch flüchtigeren Stimmung.
     Zur Freundschaft gehört Gegenwart: sonst tritt an ihre Stelle der Kultus der Erinnerung.
     Nun will ich die Namen der Menschen aufzählen, welche mir, seitdem Du mich nicht mehr kennst, näher getreten sind.
     Zuerst einige auch Dir bekannte: in erster und einziger Stellung Dr. Erwin Rohde, von bester und seltenster Sorte und mir in rührender Liebe treu zugethan. Dann Dr. Heinrich Romundt, jünger als ich und daher mehr in der Stellung eines lernendmitstrebenden Freundes: mir außerordentlich werth wegen seiner philosophischen Gleichstimmung, so daß ich niemandem gegenüber etwas Längeres und Wichtiges lieber auseinandersetze als ihm. Dann Oberpfarrer Wenkel, tapferster und aussichtsreichster Gesinnungsgenosse in nomine Schopenhaueri: Verhältniß gegenseitigster Werthschätzung.
     Neuerdings beglückende Annäherung der wärmsten und gemüthvollsten Art an Richard Wagner, das will sagen: den größten Genius und größten Menschen dieser Zeit, durchaus incommensurabel! Alle zwei, drei Wochen verlebe ich ein paar Tage auf seinem Landgute am Vierwaldstätter See und erachte diese Annäherung als die größte Errungenschaft meines Lebens, nächst dem, was ich Schopenhauer verdanke.
     Über Ritschl habe ich Dir schon öfter geschrieben.
     Von Frauen sind als die für mich einflußreichsten zu nennen Frau Ritschl und Frau Baronin von Bülow (Tochter Liszt’s.)
     Gute Freunde und treue Kameraden sind mir noch folgende: Dr. Windisch in Leipzig, Volkmann in Pforte, Prof. Zarncke in Leipzig, Prof. Schönberg in Basel (Nationalökonom) Dr. Röscher, Dr. Kleinpaul. Alle die letzt genannten stehen mir nahe genug, doch nicht in der ersten Linie der Freundschaft.
     Nicht wahr, das ist eine stolze Reihe von Namen, deren ich mich wohl erfreuen darf, zumal ich mit dem Prädikat „Freund“ sehr karg und haushälterisch bin und gar nicht darauf aus bin, nähere Bekanntschaften zu machen. Und nun sind alle die älteren und bewährten Namen noch nicht genannt, von Menschen, die mir schon befreundet waren, als Du mich kanntest.
     Ein solches Verzeichniß ist jedenfalls lehrreich, und viele Betrachtungen kommen ganz ungesucht. Eine solche Freundesreihe ist gewissermaßen eine Projektion unsres Innern nach Außen, eine Art Tonleiter, auf der alle Tone unsres Wesens einen Ausdruck finden. Man wird nachdenklich. — Zum Glück und zur Heiterkeit bin ich wohl nicht geboren.
     Das Wunderlichste ist, daß man zur Beurtheilung seiner Selbst sich nie völlig fähig fühlt und beim Versuch dazu sich eben so fremd ansieht und construirt als jeden beliebigen Andern. Deshalb sind äußerliche Maßstäbe so nützlich, wie zB. die oben erwähnte Freundesreihe. Nur daß man selbst sich scheut oder schämt, eine Consequenz zu ziehn und es lieber anderen überläßt: wie ich es heute z B. Dir überlasse, lieber Freunde, mir einmal Deine Betrachtungen über jene Liste mitzutheilen.
     Ich bin schon viel zu alt, um eitel sein zu können: wie steht es mit Dir?
     Wir leiden alle schwer am Leben.
     Glücklich die harmlosen Blinden………

Dein treuer Freund
Friedr. Nietzsche.


Wo ist unser Pförtner Kamerad Meier? Grüße ihn und bitte ihn in meinem Namen um meine Gedichte aus der Gymnasialzeit: falls er sie noch hat. Dieselbe Bitte ergeht an Dich: sonst ist alles fort.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,54

An Elisabeth Nietzsche in Oelsnitz

[Basel, Ende August 1869]


Liebe Lisbeth,

ich werde mich doch nicht irren, wenn Dich meine Gedanken in Naumburg suchen und nicht mehr in Oel[s]snitz, als wo Du hoffentlich mit rechtem Erfolge Kuhmilch getrunken hast, um wieder zu der früheren Fülle und Wohlhabenheit zu gelangen, welche Dir die Leipziger Affairen und Erfahrungen geraubt haben, wenn anders meine Bürgen nicht falsch Zeugniß über Dich abgelegt haben. Diesen Auffütterungsprozeß werden wir nun auch in der Schweiz fortsetzen, am Gestade des Genfersees: soll ich Dich vielleicht in der Pension, die ich im Auge habe, als doppelte Person (also mit doppeltem Consum) ankündigen?
     Wortspiel, auf Hüfte, mit Doppelsinn!
     Doch jetzt werde ich sachlich und faßlich. Meine unbedingten Ferien beginnen mit dem 5 ten Oktober und dauern von da an ungefähr drei Wochen: zu meiner Freude, nach einem glücklichen Arrangement. Nun aber erwarte ich Euch eine Woche früher in Basel, also am 25 ten September: da hören nämlich meine Vorlesungen auf, und ich habe die nächste Woche nur noch am Pädagogium zu thun, so daß ich recht gut in der bezeichneten Woche zween Frauen dienen kann: während es nicht möglich sein soll, zween Herren zu dienen.
     Nun aber eine Bitte, die recht schnell erfüllt sein will. Wechsle mir doch noch einen Staatsschuldschein ein und sende das Geld, indem Du es auf der Post einzahlst. Meine Adresse: „Hr. Pr. N. Basel, Schützengraben 45.“ Für Eure Reise verseht Euch nur mit Gold (dh. Louisdor’s); es ist hier die bequemste Münze; der Louis nämlich = 20 francs. Doch könnt Ihr auch Thaler mitbringen: nur werdet Ihr leicht bei dem Hin- und Herrechnen aus einer Geldsorte in die andre betrogen.
     Schreibe mir nun bald etwas Ganz Gewisses: damit ich meine Anmeldung machen kann.
     Neulich habe ich einen vergnügten Tag mit Brockhausens verlebt, in Tribschen, und mir viel über Leipziger Dinge erzählen lassen. Ich erwarte von allen Seiten der Welt Briefe, weil ich überall hin geschrieben habe: und doch antwortet kein Mensch! Ich glaube, es ist alles verreist, und wir Baseler sind die einzigen, die in voller Arbeit stecken.
     Schreibe mir doch Adresse Titel und Anrede der Fr. von Grimmenstein.

Mit brüderlichem Gruß und Glückwunsch
Dein F. N.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,55

An Franziska Nietzsche in Naumburg (Fragment)

[Basel, Ende August/Anfang September 1869]


[+ + +]

ist am Genfersee, in Lausanne: ich habe eine Pension in Aussicht, bei Vernex) Nun war es eigentlich, offen gestanden, meine Absicht, wenn Ihr mir die Freude Eures Besuches machtet, Euch so behandeln, wie man Gäste behandelt: und dies versteht sich eigentlich von selbst. Von diesem Gesichtspunkte aus wäre mir freilich Eure Reise im nächsten Frühling passender und bequemer, eben wegen der ganz verdrehten Finanzordnung.
     Schließlich muß man solche Dinge ohne alle Sentimentalität behandeln.
     Was mir lieber wäre, wirst Du jetzt wissen: doch dächte ich es schon in früheren Briefen gesagt zu haben. Indessen bin ich zu allem bereit; und bitte nur um eine ganz definitive Erklärung, natürlich nach stattgehabter Vereinbarung mit Lisbeth. Du kannst ja der Bequemlichkeit halber an L. eben diesen Brief schicken.
     Nun noch einiges Andere.
     Über Leipziger Dinge bin ich gut unterrichtet worden von der Familie Brockhaus, mit der ich einen heiter vergnügten Tag bei Wagners verlebte. Vorgestern telegraphirten sie mir von der Tellsplatte aus: ich konnte leider nicht kommen.
     Zu meinem Erstaunen schreibt kein Mensch an mich, obwohl alle Welt mir Briefe schuldet, (ausgenommen Freund Rohde, der mir treulich Nachricht giebt)
     Daß ich es bei Biedermanns ausgehalten habe, ist ganz erklärlich: ich stand den Leuten doch recht fern und hielt sie alle in geziemender Distance.
     Ich mag ihnen nichts schlimmes nachsagen: sie haben ein schweres Leben durchgemacht, und das hat mich milde gestimmt gegen ihre Schwächen. Aber unausstehlich unbequem waren sie mir freilich zum nähern Umgang, besonders der oberflächliche Biedermann; die Frau und Kinder haben eine gute Art; wobei ich freilich kein Urtheil über ihre Ordnung Reinlichkeit usw. gesprochen haben will. Du betrachtest die Leute zu sehr vom Standpunkte Deiner eigenen Tugenden.
     Zu den wichtigen Dingen, die in erster Linie beantwortet werden sollen gehören ja die „Alpenveilchen“: aber ich weiß nichts bestimmtes über ihr Vorhandensein im Bouquet: nur weiß ich, daß das Letztere mich 19 francs kostet. und daß es das beste Lob von der Großfürstin geerntet hat. — Ich habe sie am Bahnhof zugleich mit ihrem Haushofmeister empfangen und bin ihr durch diesen Herrn, bei ihrem Aussteigen, vorgestellt worden.
     Beiläufig: hast Du von Lisbeth gehört, ob Ritschl etwas Näheres über meine Stellung und Geltung in Basel ausgesprochen hat?
     An Lisbeth habe ich kürzlich geschrieben, in der Meinung, daß sie wieder in Naumburg sei: schreib ihr daß Doris Brockhaus danken und grüßen ließe und um Entschuldigung bäte, noch nicht geantwortet zu haben.
     Was die aber für Heimlichkeiten unter einander haben, davon hast Du keinen Begriff chère maman: und ich auch nicht. Das darfst Du aber Lisbeth nicht wiedersagen.
     Schicke mir doch unter allen Umständen und baldigst durch die Post einen eingewechselten Staatsschuldschein (per Einzahlung) Mit bestem Gruße und Danke

F N.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,56

An Franziska Nietzsche in Naumburg

[Basel, Anfang September 1869]


NB. Ich bitte nochmals zu überlegen, ob die in diesem Briefe gewählten Ausdrücke und Anschauungen die richtigen sind.

F.N.


     Ich wüßte auch nicht, wie ich noch „entschiednere“ Antwort auf Deine Fragen geben könnte.
     Lies doch meinen Brief noch einmal.
     Lege doch dies Aktenstück auch Lisbeth vor.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,57

An Erwin Rohde in Florenz

[Basel,] am 3ten Sept. 1869.


Mein lieber Freund,

es ist ein böses Ding mit Briefen: man möchte vom Besten geben, und man giebt schließlich das ganz Ephemere, den Akkord und nicht die ewige Melodie. Immer wenn ich mich zum Briefschreiben an Dich niedersetze fällt mir das Wort Hölderlin’s (meines Lieblings aus der Gymnasialzeit) ein „denn liebend giebt der Sterbliche vom Besten!“ Und was hast Du nun, wenn ich mich recht erinnre, in meinen letzten Briefen bekommen? Negationen, Verdrießlichkeiten, Einsamkeiten, Einzelheiten. Und, weiß es Zeus und der herbstlich reine Himmel, so kräftig trägt’s mich gerade in dieser Zeit in’s Positive, so manche üppige Stunde mit reicher Einsicht und wirklicher Veranschaulichung geht an mir vorbei — aber immer wenn solche Zeiten und schwellende Stimmungen kommen, werfe ich einen ganzen Brief mit guten Gedanken und Wünschen für Dich in den blauen Himmel, in der Hoffnung, daß der elektrische Draht zwischen unsern Seelen (oder, nach Reichenbach die odische Lohe) diese Schnellschrift zu Dir befördert.
     Wenn Du nicht gar zu entfernt wärest, würde ich mir das Vergnügen machen, Dir ein längeres Aktenstück zu „vermitteln“, meine Antrittsrede, die bereits, im Manuscript, auf Wanderung gewesen ist und zuerst Romundt besucht hat: der sie mit rührender Wärme aufgenommen hat. Dann war sie bei Vater Ritschl: von dem ich das Lob eines guten Stilisten davongetragen habe: zuletzt bei Freund Wagner, der sie Frau von Bülow vorgelesen hat: er stimmt, was mich sehr stärkt, mit allen vorgetragnen aesthetischen Ansichten überein, und gratuliert mir, das Problem richtig gestellt zu haben, was ja aller Weisheit Anfang und vielleicht Ende sei und woran meistens gar nicht gedacht werde. Nun soll die Abhandlung noch zu dem mir und Dir so verehrlichen Wenkel, vielleicht auch zu Dr. Deussen: aber die rechte Weihe, die σφρηγὶς hat sie erst, wenn Du Deinen Segen darüber gesprochen hast. Nichts ist angenehmer als ein solches Bekanntwerden im Manuscript: man wählt sich ein ernsthaftes denkendes Publikum und läuft nicht Gefahr, sich prostituirt zu sehen.
     Übrigens habe ich auch mein Italien, wie Du; nur daß ich mich dahin immer nur die Sonnabende und Sonntage retten kann. Es heißt Tribschen und ist mir bereits ganz heimisch. In letzter Zeit bin ich, kurz hintereinander, vier Mal dort gewesen, und dazu fliegt fast jede Woche auch ein Brief dieselbe Bahn. Liebster Freund, was ich dort lerne und schaue, höre und verstehe, ist unbeschreiblich. Schopenhauer und Goethe, Aeschylus und Pindar leben noch, glaub es nur.
     Deine Beobachtung über das Anlernen künstlerischer Genußfähigkeiten ist mir wichtig: ich komme neuerdings, so aus „heiler Haut“ darauf, in mir die Möglichkeit zu entdecken Landschaften-Gemälde innerlich einzusaugen. Dargestellte „historische Bilder, der Mensch in seiner Bewegung bleibt mir ewig fern; ich bin sehr unplastisch. Aber so ein Landschaftsbild macht mich ruhig und erwartungsvoll. —
     Nicht wahr, auf Deiner Rückreise bleibst Du einige Zeit bei mir in Basel? Romundt habe ich für den Anfang des Wintersemesters eingeladen: er will zu meiner Freude kommen. Im Oktober lebe ich mit Mutter und Schwester am Genfersee.
     Im Winter lese ich Geschichte der vorplatonischen Philosophen und Hesiods Tage. Meine jetzige Vorlesung über die Choephoren ist recht zu meinen Vergnügen gediehen.
     Es ist ein reiner blauer kühler Herbstmorgen, man spürt nie mehr die verkümmerte Flügelhafligkeit seiner Seele. Sonst käme ich wohl über die Berge, wohl über das breite Thal

zu Dir, liebster Freund
Erwin Rohde.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,58

An Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Basel, 25.September 1869]


Liebe Lisbeth,

Deinen Brief mit Vergnügen erwidernd bin ich nun froh endlich ein Definitivum zu wissen, noch dazu ein so angenehmes. Schon war ich in meinen Gedanken bereit, wieder Naumburger Athmosphäre ein paar Wochen zu athmen: und ich hätte dies recht gern gethan. Mancherlei kam zusammen, um mir eine Reise nach Norddeutschland in annehmbarem Lichte erscheinen zu lassen, Ihr, Heimat, Freunde, Leipzig usw.
     So ist es freilich noch besser arrangirt, und ich finde es sehr verständig, verständlich und anstandslos.
     Immerhin bitte ich aber noch um eine kurze briefliche Notiz über Tag und Zug Eures Kommens.
     Zugleich noch mit einem Vermerk, ob es Euch recht ist, daß ich unsre Ankunft in einer schön gelegnen und empfohlenen Pension (Hautrive bei Vernex und Montreux) anmelde. Oder warten wir, um an Ort und Stelle zu wählen?
     Übrigens denke ich Euch doch noch einen Eindruck der vollen Gebirgswelt zu verschaffen. Seht Euch mit warmen Kleidern vor.
     Ich muß leider viel arbeiten, Vorbereitungen für die Wintervorlesungen und dann auch der berühmte index, an dem Du wieder anziehende Beschäftigung zu gewärtigen hast.
     Heute morgen habe ich die Vorlesungen des Sommersemesters geschlossen: ein halbes Jahr war glücklich überwunden. Heute Abend sind meine Zuhörer zu mir eingeladen.
     Geselligkeit in Basel selbst findest Du freilich nicht. Denn alle Welt verreist jetzt. Nur Rathsherr Vischer und Frau haben sich Euren Besuch ausgebeten.
     Ich denke daß Ihr in meinem Hause logieren könnt: vorausgesetzt daß Ihr nicht früher als Dienstag Abend kommt.
     Zum Schluß die Bemerkung, daß Ihr kein preußisches Papier mitbringen dürft: mindestens habt Ihr großen Schaden. Am brauchbarsten ist alles in Gold, Louisdor’s (=20 frs.)
     Nehmt aber lieber etwas zu viel mit als umgekehrt.
     Und dann vergeßt nicht meine eignen Bedürfnisse.
     Auch erinnere ich mich, daß mein Geburtstag in die Zeit unsres Zusammenseins fällt.
     Beiläufig die Bitte, mir bei Haverkamp ein Beinkleid machen zu lassen, hell, recht hell und stark wollig. Dann eine dunkle Weste mit kleinem Ausschnitt. Dann bringt mir doch die hirschledernen Unterhosen mit.
     An alle Seiten freundliche Grüße.

Und Euch meine besten.

Auf Wiedersehn!
FN.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,59

An Friedrich Ritschl in Leipzig

Basel am Tage des Collegienschlusses
25 Sept. 69.



Hochverehrter Herr Geheimrath,

dieser Brief hat nur den Zweck, Ihnen etwas über seinen Überbringer, den Herrn Griesemann, zu erzählen, der mit den besten Absichten, guten Fähigkeiten und der stärksten Ergebenheit für Sie, geliebtester Meister, nach Leipzig von Basel aus übersiedelt.
     Er war mir aus zwei Gründen besonders schätzenswerth, erstens weil er als ein durchlebterer Mensch urtheilen und Auskunft geben konnte, in Fällen wo meine Baseler gemäß ihrer einheimischen Scheuheit vor allem Fremden und Ausländischen den Mund nicht aufthaten: so daß ich immer gern und mit Nutzen mit Herrn Griesemann conversirt habe. Sodann hat er als Philolog das ersichtliche Bestreben, ein strenger und unnachgiebiger Denker, vornehmlich Logiker zu sein: auch diese Eigenschaft machte mir ihn werth, da meine anderen Zuhörer und Seminarmitglieder meistens rettungslos in dem Brei vager Möglichkeiten herumschwammen.
     Wenn ich noch hinzufüge, daß Hr. G. sich vornehmlich mit plautinischen Studien befaßt hat und daß er den Wunsch hegt in näherer Weise Ihrer Leitung und Ihres Unterrichtes theilhaftig zu werden, so glaube ich alles gesagt zu haben, um Ihnen den jungen mir vielleicht gleichalterigen Menschen, der jetzt vor Ihnen steht, zur Berücksichtigung zu empfehlen.

In der herzlichsten
Ergebenheit und
Treue
Ihr Schüler
Nietzsche.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,60

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Basel, Ende September 1869]


Liebe Lisbeth,

ei, ei, in was für Vermuthungen und Folgerungen habt Ihr mich durch das Telegramm mit seinem überraschenden Inhalt gestürzt! Und schließlich was war es? Etwas Clairvoiance oder richtiger Schwarzseherei; während nämlich alle Welt gerade diese Zeit für die geeignete zu einem Aufenthalt am Genfersee anerkennt, kann ein einzelnes Urtheil Euch derartig umstimmen. Und wenn auch, warum mußtet Ihr so mysteriös telegraphieren? Dachte ich doch — nun, mündlich mehr!
     Also um dem grausamen Post- und Reise-spiel ein Ende zu machen, so erkläre ich, nach Naumburg kommen zu wollen; was in so fern berechtigt ist als ich Weihnachten (bei 6 Tagen Ferien) keinesfalls reisen könnte.
     Ohne also etwas Definitives sagen zu können, denke ich ungefähr am Montag Nachmittag einzutreffen. Erwartet keine genauere Nachricht. Auch braucht Ihr nichts als mein Studirzimmer vorzubereiten.
     Nun noch einige Vorsichtsmaßregeln. Erstens dürft Ihr nicht vergessen, daß ich außer dem Index mich für die Wintervorlesungen vorzubereiten habe: haltet mir deshalb alle irgend überflüssige Welt vom Leibe. Zweitens dürft Ihr mich in meiner Lebensweise nicht stören: und diese hat den Vorzug, sehr einfach und unkostspielig zu sein. Ich habe nämlich die letzte Zeit, nach dem Vorgange und der Einladung von Gersdorff, von nichts als Brot Milch Weintrauben Früchten und einer Suppe gelebt und denke daß eine zeitweilige Kur dieser Art meinem schlechten Magen recht gut thut. Also — große Küchenbeschwerde bringt mein Aufenthalt nicht mit sich.
     Lästig ist mir, daß ich nun die ganze Masse des rhein. Mus. wieder mit mir schleppen muß. — Andernseits freue ich mich, auch nach Leipzig wieder kommen zu können. usw. Vielleicht auch reisen wir im Oktober einmal nach Weimar, zu den Verwandten, und zur Aufführung der Meistersinger.
     Seid Ihr nun mit meiner Ankündigung zufrieden? Und werdet Ihr es nicht bereuen, eine so schöne Reise jetzt aufgegeben zu haben?

Mit herzlichen Grüßen und dem
Wunsch eines fröhlichen Wiedersehens
Fritz.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,61

An Carl von Gersdorff in Berlin

(Vom 7 bis 17 October bin
ich in Naumburg.)

Basel 28 Sept. 1869.


Mein lieber Freund,

nun sollst Du hören, was Dein letzter Brief gewirkt hat: auch ich gehöre, seit dem Empfang desselben, nicht mehr zu den „Sarkophagen.“ Es kam mir in’s Gedächtniß, wie ich in Leipzig selbst ein mal einen schüchternen Versuch machte, nach der Lectüre Shelley’s, Dir die Paradoxie der Pflanzenkost sammt ihren Consequenzen vorzuführen: leider an unpassender Stelle, bei „Mahn“, während vor uns die bewußten Cotelletts mit Allerlei standen. Verzeih das gemeine Detail der Erinnerung, über die ich selbst ganz erstaunt bin: aber der Contrast Deiner Natur und der Pflanzenkost-Weltanschauung erschien mir damals so kräftig, daß selbst jene Einzelheiten sich mir einprägten.
     Nach diesem ersten Bekenntniß, nun gleich das zweite: ich bin nämlich bereits wieder überzeugt, daß das Ganze eine Marotte ist, noch dazu eine recht bedenkliche. Doch zweifle ich, ob ich jetzt gerade alle Gründe bei der Hand habe, die mir inzwischen dagegen eingefallen sind. Ich verlebte nämlich wieder, wie ich es jetzt häufig thue, ein paar Tage bei einem, der jahrelang dieselbe Abstinenz geübt hat und davon reden darf, nämlich bei Richard Wagner. Und er hat mir, nicht ohne wärmste Betheiligung seines Gemüths und mit kräftigster Ansprache, alle die inneren Verkehrtheiten jener Theorie und Praxis vorgeführt. Das wichtigste für mich ist, daß hier wieder ein Stück jenes Optimismus mit Händen zu greifen ist, der unter den wunderlichsten Formen, bald als Socialismus, bald als Todtenverbrennung — nicht Begrabung, bald als Pflanzenkostlehre und unter unzähligen Formen immer wieder auftaucht: als ob nämlich mit Beseitigung einer sündhaft-unnatürlichen Erscheinung das Glück und die Harmonie hergestellt sei. Während doch unsre erhabne Philosophie lehrt, daß wo wir hin greifen, wir überall in das volle Verderben, in den reinen Willen zum Leben fassen und hier alle Palliativkuren unsinnig sind. Gewiß ist die Achtung vor dem Thiere ein den edlen Menschen zierendes Bewußtsein: aber die so grausame und unsittliche Göttin Natur hat eben mit ungeheurem Instinkt uns Völkern dieser Zonen das Entsetzliche, die Fleischeskost angezwungen, während in den warmen Gegenden, wo die Affen von Pflanzenkost leben, auch die Menschen, nach demselben ungeheuren Instincte, mit ihr sich genügen lassen. Auch bei uns ist, bei besonders kräftigen und stark körperlich thätigen Menschen, eine reine Pflanzenkost möglich, indeß nur mit gewaltigem Auflehnen gegen die Natur: die sich auch in ihrer Art rächt, wie es Wagner persönlich auf das allerstärkste empfunden hat. Einer seiner Freunde ist sogar das Opfer des Experiments geworden, und er selbst glaubt längst nicht mehr zu leben, wenn er in jener Ernährungsart fortgefahren wäre. Der Canon, den die Erfahrung auf diesem Gebiete giebt, ist der: geistig productive und gemüthlich intensive Naturen müssen Fleisch haben. Die andre Lebensweise bleibe den Bäckern und Bauern, die nichts als Verdauungsmaschinen sind. — Der andre Gesichtspunct ist eben so wichtig: es ist unglaublich, was eine so abnorme Lebensweise, die nach allen Seiten hin Kampf verursacht, an Kraft und Energie des Geistes aufzehrt, die somit edleren und allgemein nützlicheren Bestrebungen entzogen werden. Wer den Muth hat, für etwas Unerhörtes durch seine Praxis einzustehn, der sorge dafür, daß dies auch etwas würdiges und großes sei, nicht aber eine Theorie, bei der es sich um die Ernährung der Materie handelt. Und mag man auch Einzelnen ein Martyrium für solche Dinge zugestehn: ich möchte nicht zu ihnen zählen, solange auf geistigem Gebiete wir noch irgend eine Fahne hochzuhalten haben. Ich merke wohl, daß in Deiner Natur, liebster Freund, etwas Heroisches ist, das sich eine Welt voll Kampf und Mühe schaffen möchte: aber ich fürchte, daß ganz unbedeutende Flachköpfe diese Deine edle Neigung mißbrauchen wollen, indem sie ihr ein solches Princip unterzuschieben suchen. Wenigstens halte ich jene vielverbreiteten litterarischen Productionen für berüchtigte Lügenfabrikate, allerdings vom ehrlich-dummen Fanatismus dictirt. Kämpfen wir, und wenn es geht, nicht für Windmühlen. Denken wir an den Kampf und die Ascese wahrhaft großer Männer, an Schopenhauer Schiller Wagner! Antworte mir, theurer Freund.

F. N.


     Ich fange noch einen neuen Bogen an, weil es mich wirklich sehr bekümmert, mit Dir hierin nicht übereinstimmen zu können. Indeß um Dir meine wohlmeinende Energie zu zeigen, habe ich dieselbe Lebensweise bis jetzt eingehalten und werde dies solange thun, bis Du selbst mir die Erlaubniß giebst anders zu leben. — Warum muß man doch die Mäßigkeit gleich bis zum Extrem ausdehnen? Offenbar deshalb, weil es leichter ist einen ganz äussersten Standpunct festzuhalten als auf jener goldnen Mitte ohne fehl zu gehen.
     Das gebe ich ja zu, daß man in den Gasthöfen durchaus an eine „Oberfütterung“ gewöhnt wird: weshalb ich in ihnen nicht mehr essen mag. Ebenfalls ist mir ganz klar, daß eine zeitweilige Enthaltsamkeit von Fleisch, aus diätetischen Gründen, äusserst nützlich ist. Aber warum, um mit Göthe zu reden, daraus „Religion machen“? Dies liegt aber in allen solchen Absonderlichkeiten unvermeidlich eingeschlossen, und wer erst für Pflanzenkost reif ist, ist es meist auch für socialistisches „Allerlei.“
     Auch in diesem Puncte hat Schopenhauer mit der unfehlbaren Sicherheit seines großen Instinctes das Richtige gesagt und gethan. Du kennst die Stelle.
     Doch will ich von diesem Puncte nicht mehr reden. Wohl aber noch von allem, was sich auf unsern Meister bezieht — dessen Bild ich, beiläufig, noch nicht bekommen habe. Ich stehe jetzt wirklich in einem Centrum von Schopenhauerischen Fäden, in alle Welt ausgespannt. Wenn wir einmal wieder zusammen kommen, werde ich Dir von Wenkel’s Schopenhauerthum erzählen, ebenso von Wagner’s, der durchaus durchdrungen und geweiht ist von dieser Philosophie: ich werde Dir die denkwürdigsten und gedankenreichsten Briefe meiner Freunde Dr. Rohde (in Florenz) und Dr. Romundt (Leipzig) vorlesen, die alle auf das tiefste und bestimmendste von jener Philosophie gepackt sind. Um schließlich von mir zu reden, so durchdringt jene mir innerlichst sympathische Weltanschauung von Tag zu Tag mehr mein Denken, auch mein wissenschaftliches: wie Du es vielleicht merken wirst, wenn ich Dir bald einmal meine Baseler Antrittsrede im Manuscript zuschicke. Sie handelt „über die Persönlichkeit Homers“: man muß schon tüchtig sich in Schopenhauer hineingelebt haben, um an ihr zu fühlen, wo alles der bestimmende Zauber seiner eigenthümlichen Denkart mächtig ist.
     Im nächsten Winter werde ich Gelegenheit haben in unserem Sinne nützlich zu sein, da ich Geschichte der vorplatonischen Philosophie und eine Vorlesung über Homer und Hesiod angekündigt habe. Auch werde ich zwei öffentliche Reden halten „über die Aesthetik der griech. Tragiker zb. über das antike Musikdrama“, und Wagner wird dazu aus Tribschen herüber kommen.
     Ich habe Dir schon geschrieben, von welchem Werthe mir dieser Genius ist: als die leibhafte Illustration, dessen, was Schopenhauer ein „Genie“ nennt.
     Mit meiner akademischen Thätigkeit, deren erstes Semester ich nun glücklich beendet habe, darf ich wohl zufrieden sein. Merke ich doch an meinen Zuhörern die geweckteste Theilnahme und wirkliche Sympathie für mich, die sich darin äussert, daß sie oft und gerne sich bei mir Raths erholen.
     Aber es ist ein anstrengendes Leben, das glaube mir.
     Ach wenn ich doch nicht alle diese Worte hätte schreiben müssen! Alle Wärme Unmittelbarkeit und Energie des Gefühls sind dahin, wenn erst das Wort, in Alizarintinte gehüllt, auf dem Papiere steht. Und doch erwarte ich etwas von dem Briefe. Oder darf ich dies nicht?
     Jedenfalls doch eine baldige Antwort?

In herzlicher Gesinnung und
treuer Freundschaft, auch
mit bestem Grusse an Deine guten Freunde
Friedr. Nietzsche.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,62

An Erwin Rohde in Florenz

[Naumburg, 7. Oktober 1869]


Heil und Segen voran!

die Überschrift des Briefes zeigt Dir, welche Üppigkeit mir zu Theil geworden, heimatliche Wärme und Erinnerungsfülle.
     Draußen vor den Fenstern liegt der gedankenreiche Herbst im klaren mildwärmenden Sonnenlichte, der nordische Herbst, den ich so liebe wie meine allerbesten Freunde, weil er so reif und wunschlos-unbewußt ist. Die Frucht fällt vom Baume, ohne Windstoß.
     Und so ist es mit der Liebe der Freunde: ohne Mahnung, ohne Rütteln, in aller Stille fällt sie nieder und beglückt. Sie begehrt nichts für sich und giebt alles von sich.
     Nun vergleiche die scheußlich-gierige Geschlechtsliebe mit der Freundschaft!
     Ich sollte auch meinen, daß jemand, der den Herbst, wenige Freunde und die Einsamkeit wahrhaft liebt, sich einen großen, fruchtbar-glücklichen Lebensherbst prophezeien darf.

„Drum dulde, daß der
     Parzen eine
„Den Herbst mir spinne,
               lieb und lang
„Aus halbverkühltem Sonnen-
          scheine
„Und Müßiggang.“

     Aber Du weißt, welchen Müßiggang wir meinen: haben wir doch schon zusammen gelebt, als ächte σχολαστικοὶ dh. Müssiggänger.
     Und was hindert uns, von jenem Lebensherbst zu hoffen, daß er wieder uns so zusammenbringt?
     Sei dies denn Wunsch und Hoffnung, ausgesprochen am Gedenktage Deiner Geburt, aber immer und allezeit im Herzen getragen.!
     Von hier aus suche ich denn die alten Erinnerungsstätten in Leipzig auf, und Romundt meldet mir freundschaftlichst, daß er bereits dort eingetroffen sei, um mich nicht zu verfehlen. Habe ich Dir geschrieben daß er meine Einladung angenommen hat, den Anfang des Wintersemesters in Basel zu erleben, und daß wir dort die schwierige Frage seiner Zukunftsstellung mitsammen erledigen wollen. Schreibe mir doch Deine Meinung: wie ich ihn jetzt kenne, nach der schönen Entwicklung des letzten Jahres, halte ich ihn der Aussicht auf einen philosophischen Lehrstuhl durchaus für würdig. Wohlverstanden der Aussicht! Er wird viel zu thun haben, zur systematischen Bewältigung ganzer philosophischer Disciplinen. Und es möchte noch manches Jahr hingehen dürfen.
     Übrigens wünsche ich unser Zusammentreffen auch deshalb so sehnlich, weil eine ganze Fülle von aesthetischen Problemen und Antworten seit den letzten Jahren in mir gährt, und mir der Rahmen eines Briefes zu eng ist, um Dir etwas darüber deutlich machen zu können. Ich benütze die Gelegenheit öffentlicher Reden, um kleine Theile des Systems auszuarbeiten, wie ich es zB. schon mit meiner Antrittsrede gethan habe. Natürlich ist mir Wagner im höchsten Sinne förderlich, vornehmlich als Exemplar, das aus der bisherigen Aesthetik unfaßbar ist. Es gilt vor allem kräftig über den Lessingschen Laokoon hinauszuschreiten: was man kaum aussprechen darf, ohne innere Beängstigung und Scham.
     Windisch ist nun habilitirt: Brockhausens haben mich in Basel besucht, auch sind wir einen Tag in Tribschen zusammengewesen. Ritschl und Frau haben eine ganz unglaubliche Liebe und Hochschätzung vor mir: was ich Dir verrathe, um Dir Freude zu machen. Es sind doch höchst liberale Menschen, mit vieler eigner Kraft: sie ehren sich, wenn sie das Andersartige so unbefangenfreudig gelten lassen.
     Und ich sollte mich sehr wundern, wenn Sie nicht auch über Dich so und ähnlich urtheilen. Das muß doch das Philologenthum empfinden, daß wir gute Freunde sind und unterschiedlich doch von allen anderen. Nicht wahr? Liebster Freund?

F.N.


Bis zum 17ten Okt. bin ich hier. — Die schöne und nützliche Collation des certamen ist ein rechter Freundschaftsdienst! Gott, daß solche ausgezeichneten Freunde wie Du, Handschriftsclaverei und ähnliche Scheußlichkeiten mir zu Liebe über sich nehmen!!


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,63

An Curt Wachsmuth in Göttingen

[Naumburg,] 14 Okt. 1869.


Geehrtester und lieber Herr Collega,

da ich diesen Winter in Basel die Geschichte der älteren griechischen Philosophen lesen werde, und zwar an der Hand des Laertius Diogenes, so habe ich endlich wieder Gelegenheit, der Herstellung dieses Schriftstellers eindringlich Zeit und Kraft zu widmen.
     Dieser Vordersatz soll nur eine leicht zu errathende Bitte einleiten, die ich an Sie richten möchte, im Vertrauen auf Ihre, mir schon öfter bewährte, hülfreiche Gesinnung.
     Ich gehe dabei von der Voraussetzung aus, daß die Absicht, den genannten Autor später herauszugeben, bei Ihnen noch nicht wankend geworden ist, und daß es mir also möglich sein dürfte, Ihnen einmal bei dieser Intention etwas Dienstliches und Angenehmes zu erweisen. Naturgemäß bekommen Sie Alles zu Händen, was zur Emendation dieses Autors mir bereits vorliegt oder was ich noch etwa Glaubhaftes in dieser Region entdecke.
     Werden Sie es nun, nach dieser ernst gemeinten Vorbemerkung, für erlaubt halten, daß ich Sie um Übersendung des handschriftlichen Materials für den einschlägigen Theil des Laertius (Buch I II III VIII IX) ersuche?
     Sagen Sie mir doch unverholen Ihre Meinung darüber!
     Mit angelegentlichem Gruß an Sie und Ihre Frau Gemahlin

bin ich
Ihr ganz ergebener
Friedr. Nietzsche Dr.


Vom 18ten Oktober an bin ich wieder in Basel.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,64

An Friedrich Ritschl in Leipzig

[Naumburg,] 16 Oct. 1869.


Lieber und verehrtester Herr Geheimrath,

daß ich Ihnen nur verrathe, welche ganz besondere Freude mir gestern Ihr herzlicher Brief machte, der gerade, mit „allster Eile“ zur allerrechtesten Zeit kam, nämlich am Morgen meines Geburtstages. Ein schönes und fröhliches Wahrzeichen!
     Ich mache mich aber nun eilig darüber, auf die angeführten Einzelheiten zu antworten. Da ich Montag Mittag von hier nach Basel abreise, so möchte es mir wohl noch möglich sein, vorher in den Besitz des Andresen’schen Ms’s. zu kommen: falls Ihnen eine solche beschleunigte Absendung nicht unbequem ist. Ich will dann, nach Einsicht des Ms’s. direct an Engelmann schreiben, würde aber bestimmter auf Erfolg rechnen, wenn Sie mir entweder auf einem Zettel oder in einigen Worten an mich ein Urtheil über diese Arbeit beischrieben, das ich dem Engelmann unter die Augen bringen könnte.
     Wenn Sie sich sodann nach meiner nächsten größeren Publikation erkundigen, so wäre mir gerade in diesem Puncte ein wohlwollend-eindringlicher Rath von grösstem Werthe. Um nämlich ein größeres Buch mit fortlaufender Entwicklung eines Grundgedankens fertig zu machen, fehlt es mir augenblicklich an Allem, bei der Art meiner jetzigen Collegienvorbereitung, die mich zwingt, zum Alltagsbedarf das Quantum Productivität aufzuzehren. Doch… es kann ja nicht immer so bleiben — Dagegen könnte ich, nicht ohne Wollust, einen hübschen Band vermischtester Dinge, ein rechtes „Leipziger Allerlei“ zusammenstellen, theils litterarhistorische Erkenntnisse, theils neue Ansichten und Aussichten, drittens ein tüchtiges Bündel von Coniecturen zu Aeschylus Sophocles Lyrikern Laertius usw. Warum sollte es nicht erlaubt sein, mit einer solchen lustigen Buntheit und Unordnung ans Tageslicht zu kommen, nöthigenfalls unter halber Anonymität? Vielleicht wird so ein Miscellenbuch gar nicht ungern gelesen.
     Sagen Sie mir doch ein entschiedenes und entscheidendes Ja! oder Nein!
     Ein größeres Buch über Laertius soll ungefähr in zwei Jahren ausgearbeitet sein. Vielleicht auch eine Ausgabe der Choephoren.
     Zum Schluß meinen allerwärmsten Dank für Ihre Liebe und Sorgfalt für mich und schönste Grüße an Ihre verehrten Angehörigen: meine Schwester ist über Ihre freundlichen Worte ganz „üppig“, besonders auch im Hinblick auf das in Aussicht gestellte Freiexemplar des Index. Sie hilft mir recht kräftig, wenn sie auch die Schriftennamen öfters etwas verdreht, z.B. Cäsar eine Schrift über „Civilehe“, eine andere „vom schönen Alexander“ usw. zuschreibt.
     Mich und die Meinigen bestens empfehlend

in treuester Ergebenheit
Ihr Schüler
Friedr Nietzsche.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,65

An Wilhelm Engelmann in Leipzig

[Naumburg, 18. Oktober 1869]


Verehrtester Herr Doctor

ich weiß nicht, ob ich mir zu viel erlaube, wenn ich Ihnen beifolgendes Ms. zu geneigtester Berücksichtigung etc anempfehle. Der Verfasser derselben ist Dr. Andresen, den ich, aus meiner Leipziger Vergangenheit her, recht wohl kenne und mit Rohde zusammen unter die allerbeste Rubrik von Ritschl’schen Schülern rechne. Diese Arbeit ist hervorgegangen aus mehrjähriger sorgsamer und fruchtbarer Durcharbeitung des vielbesprochnen angeblich Tacitinischen dialogus de oratoribus und wird, bei der gegenwärtigen Verbreitung und Höhe der Taciteischen Studien, ihrer Güte halber Aufmerksamkeit erregen. Ich könnte Mehreres und Eingehenderes über dieselbe sagen, wenn ich nicht vorziehen müßte, einen Brief von Geheimrath Ritschl an mich beizulegen, aus dem das Urtheil dieser Autorität auf das Unzweideutigste erhellt. Hier wird auch vorgeschlagen und Andresen ist jeden Augenblick dazu bereit und fertig, den revidirten Text der Abhandlung voranzufügen, so daß dann die neue Ausgabe die günstige Aussicht hätte in den Schulen, in Vorlesungen und philologischen Seminarien gebraucht zu werden.
     Ich möchte um Alles Ihnen nichts Ungeschicktes und Unbequemes empfohlen haben und bitte Sie daher, geehrtester Herr, um die freieste, kürzeste und unumwundenste Äußerung Ihrer Neigung und Abneigung gegen den vorgelegten Plan.
     In jedem Fall bin ich, mit dem Ausdrucke dankbarer Hochschätzung Ihr ergebenster

Fried. Nietzsche Dr.
Professor in Basel


Vom 19ten Oktober bin ich wieder in Basel.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,66

An Wilhelmine Oehler in Merseburg

Naumburg am 18 Okt. 1869.


Liebe und verehrte Großmama,

heute Mittag geht mein kurzer Aufenthalt in der Heimat zu Ende: er war so arbeitsam und vielgeschäftig, daß ich selbst an Ort und Stelle fast keinen Besuch machen konnte, geschweige, daß es mir möglich gewesen wäre, Dir persönlich meinen allerbesten Dank für die liebenswürdigen Aufmerksamkeiten an meinem Geburtstage abzustatten. Dies nun wenigstens brieflich zu thun, soll mir noch diese letzte Stunde dienen, zugleich um Dir meinen herzlichen Wunsch auszudrücken, daß ich noch recht lange von Deiner warmen wohlwollenden Gesinnung für mich und von Deinem behaglichen gesunden und heiteren Leben im Kreise Deiner Kinder zu hören bekomme.
     Für mich hat die Sommerzeit des Lebens, eine ernst angreifende Berufsthätigkeit, etwas früh begonnen; aber jetzt, wo ich auf das eben vollendete erste Halbjahr zurückblicke, darf ich wohl mit Vergnügen empfinden, daß diese Thätigkeit für mich wie ausgesucht ist und sich ungezwungen meinen Studien, Neigungen und Kräften anfügt. Es ist immer ein seltenes Glück, in seinem Elemente schwimmen zu dürfen.
     Mit dem nochmaligen Ausdrucke meiner dankbaren Empfindung, zugleich auch für meine lieben Verwandten, die an meinen Lebenswegen so schätzenswerthen Antheil nehmen, endige ich als

Dein treulich ergebener Enkel
Dr Friedr Nietzsche
Professor in Basel.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,67

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Basel, 27. Oktober 1869]


Heute darf ich mir die Erholung eines Briefes an Euch gewiß gönnen: nachdem ich von neun Uhr Morgen bis Mittag und wieder von zwei Uhr bis ½5 in Examenangelegenheiten, Versetzungs- und Censursorgen abwesend war, auch anderthalb Stunde selber hintereinander examinirt habe. Wie beneidenswerth ist dagegen doch die Existenz eines Schülers!
     Zuerst nun die Thatsache, daß ich gestern: sage Dienstag Mittag erst in den Besitz der nöthigen Kiste gekommen bin: noch dazu mit nur halbem Deckel; wie es übrigens bei dem dünnen Holz und der Schwere des Inhaltes vorauszusehen war. — Der Inhalt war gut erhalten: doch hoffte ich die Zuckerdose, die Lampe usw. noch zu finden.
     Gestern wurde ich durch einen schönen Brief des Hofgerichtsadvokat Hofmann in Darmstadt und zusammen durch eine Karte von Rittergutsbesitzer Wieseke erfreut und überrascht: denn es kam wieder ein großes Schopenhauerbild an, und zwar wesentlich verschieden. Weshalb ich es Dir zuschicke, liebe Lisbeth, damit es Schulz zur Regulirung diene.
     Der Brief der Frau Bülow, der mich vergebens in Naumburg aufsuchte, enthält übrigens folgende Stelle, die ich als Aufforderung zum Tanz hiermit niederschreibe:
     „Wollen Sie Ihrer Fräulein Schwester freundlichst für ihre bereitwillige Unterstützung in der Portraitangelegenheit danken, noch mehr aber für die gegen mich gehegte wohlwollende Gesinnung. In einem geprüften Leben weiß man solche Kundgebungen nach ihrem ganzen Werthe zu schätzen. Ich weiß nicht, warum ich wegen dieses Bildes doch trotz aller Brockhausischen Kleinlauterei hoffnungsvoll gestimmt bleibe.“
     Aber nun mußt Du auch etwas Reelles thun. Meinetwegen hinter dem breiten Rücken der Familie Brockhaus und Fräulein Doris.
     Noch eine hübsche Stelle aus dem Briefe: „Was unsre Stimmung betrifft: so glaube ich, daß wir uns Sancho’s tiefsinnige Logik zu Gemüthe gezogen haben: „„die Traurigkeit ist nicht für die Thiere gemacht, sondern für die Menschen; wenn ihr aber die Menschen gar zu sehr nachhängen, so werden sie zu Thieren.““ Und so sind wir denn heiter ohne besondre äußere Veranlassung, denn selbst die privaten Verhältnisse stoßen auf die herkömmlichen Langwierigkeiten usw.“

     Als ich von Naumburg fortfuhr, kam mir zum Bewußtsein, daß es doch eine rechte Hetzjagd war und nicht so angenehm als es hätte sein können. Indeß ist das Letzte vielleicht nur eine Phantasmagorie. Realiter haben wir doch heitere und freundliche Stunden verlebt: dazu war die Gegenwart des guten Windisch, noch mehr der Aufenthalt in Leipzig so anmuthig, daß ich die etwas langweilige Rolle meiner Naumburger Freunde, vollends die Thierquälerei jener „ernst“-haften Familie Krug recht gut vergessen könnte. Für Wenkel habe ich aufrichtige Besorgnisse: er braucht zwingend neue Umgebungen. Aber was thun?
     Übrigens werde ich, wenn ich wieder einmal in dieser kalten Jahreszeit reise, mich besser vorsehen: die Nächte in der Eisenbahn waren furchtbar. Und meine Gesundheit ist jetzt noch davon angegriffen.
     Hier erfreue ich mich der rothen „Ecke“, des rothen Sophas und der rothen Tischdecke, jedes in einer anderen Nuance. Aber mein Ofen ist warm, ich habe Doppelfenster und trinke Kakao.

Mit herzlichem Gruß
in alter Anhänglichkeit
FN.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,68

An Friedrich Ritschl in Leipzig

[Basel, Ende Oktober/Anfang November 1869]


Verehrtester Herr Geheimrath,

das Andresen’sche Ms. ist zwischen Leipzig und Naumburg geradezu hin und her geflogen; denn kaum war es, bei Ihrer unglaublichen Geschicklichkeit im Paket-machen und -entsenden, in meine Hände gelangt, so gieng es wieder, von einem längeren Briefe an Engelmann begleitet, auf die Post. Mit dieser „affenmäßigen“ Geschwindigkeit contrastirt nun freilich die ruhige und mir verdächtige Bedachtsamkeit des Engelmann, der bis jetzt keinen Laut von sich gegeben hat. Doch — er ist sehr geplagt und hat viel zu thun. Antworten muß er endlich doch. Und da es ein sehr nobler Mann ist, so habe ich Hoffnung. —
     Da man nun nächstens mit dem ersten Theile des index anfangen kann zu drucken, so bitte ich mir nähere Ordre aus, wohin ich das Manusc. zu senden habe. Nota bene mit einem Brief an den Setzer; wenn der nicht tüchtig instruirt wird, so komme ich bei der Correktur um.
     Hier in Basel habe ich wieder reiches Maaß an Examenund Censurstrapazen. Auch ärgere ich mich über meine Wintercollegien, vor meinen drei dummen Zuhörern!
     Schließlich möchte ich Sie bitten, beifolgendem Ms. eine Anwartschaft auf eine Stelle im rhein Mus zuzugestehn und zwar, wenn’s sein muß [muß], Anwartschaft [Anwartschaft] mit dem Ictus auf der Mittelsilbe! Es wird ungefähr ein Druckbogen sein.
     Und nun mit den besten Empfehlungen an die verehrtesten Ihrigen

in „allster“ Ergebenheit
und Eile
Fr. Nietzsche.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,69

An Erwin Rohde in Rom

[Basel, 11. November 1869]


Aber, mein liebwerthester Freund, wer darf solche verführerische Briefe schreiben? Glaube mir, wenn ich so etwas lese, wird mir der harte Bissen meines jetzigen Daseins noch im Munde zum Stein; der Fisch meiner Professur ist nicht einmal „marinirt“ sondern wird zur Schlange. Oder war diese Professur nicht eine Schlange, die mich verführt hat, weg vom Pfade, der zum Freunde und in die blauen Weltwunder führt?
     Ich will in Deiner Sprache reden. Ich las Deinen Brief: und mir war, als wachte ich plötzlich auf, und es wäre tiefe braune Nacht um mich, und ferneher klänge so ein sehnsüchtiger Laut, wie ich ihn lange nicht gehört.
     „Schweig mir von Rom“ sagt der arme Tannhäuser, der dort zu keinem grünen Zweig gekommen war; ich sage dasselbe, weil ich dort zu einem gekommen wäre: während ich hier in der musenlosen Stadt, in harter Arbeit lebe und klebe, mit zerbrochnen Flügelchen und geknickten Beinchen!
     Zum Beispiel:
     Ich lese in diesem Winter — auf Verlangen der Studenten — lateinische Grammatik! Homo sum — aber dies ist gar zu unmenschlich und mir überdies verdammt alienum.
     Du bist eigentlich recht in Üppigkeit und Wollust, im Berge der Frau ARS und übrigens auch der heiligen MARIA so nahe, als man eben dem heiligen PAPA sein kann.
     Auch tönt von Leipzig her frohe Kunde: Ritschl schreibt mir, daß ihm von verschiednen Seiten, besonders von der Dindorfschen der Pollux sehr gelobt werde, daß er aber die Schrift noch nicht zu sehen bekommen habe.
     Schicke ihm doch ein Ex., womöglich mit Widmungsverschen. Der alte gute Schäker hat so was so gern. Er sammt Zubehör war wirklich rührend liebenswürdig, als ich in Leipzig meine Besuche machte. Auch glaube ich, daß man Dich dort anders kennt als es vielleicht früher der Fall war. — Dem alten Vischer habe ich ein Exemplar des ὌΝΟΣ geschenkt, und er hat seine Freude daran gehabt.
     Der Pollux ist eine so treffliche und lehrreiche Arbeit, daß ich voraussetze, man fängt nächstens mit Dir Unterhandlungen über jene Schlange (ahi anguis unc — sieh meine Sprachvergleichereien!) an, und optumo iure.
     Wenn Du beiläufig vitas Homeri oder Hesiodi siehst, so thu mir den Gefallen sie zu collationieren. Besonders die des PseudoHerodot. Soll ich Dir Westermann biogr[aphi] schicken? In Homericis schlendere ich so für mich hin und finde allerlei: auch war mir Deine Collation schon mehrfach ersprießlich. Vom πέπλος besitze ich schon eine Collation, Rose auch. Unnütz.
     Nun ein bis zwei Bitten. Kommen Dir — verzeih meiner Ignoranz — in Rom etc. auch Dürersche Blätte[r] zu Gesicht? Ich bin hinter einem her, genannt die Melancholie.
     Neulich hat mir der Himmel zwei große Bilder (Photogr.) Schopenhauers bescheert, so daß ich jetzt mit dem Deinigen drei besitze. Ich lasse jetzt von einem sehr talentvollen Photographen ein ganz großes machen, und dürfte, falls es gelingen sollte, Dir unsern trübselig-sonnenhellen Freund nach Rom addressieren, zu Deiner und seiner Erbauung!
     Über Hartmann mit Dir einmündig und einmüthig. Doch lese ich ihn viel, weil er die schönsten Kenntnisse hat und mitunter in das uralte Nornenlied vom fluchwürdigen Dasein kräftig einzustimmen weiß. Er ist ein ganz gebrechlicher contrakter Mann — mit etwas Bosheit, scheint mir, hier und da auch kleinlich und jedenfalls undankbar. Und das ist für mich ein Halt in der Ethik und der ethischen Beurtheilung von Menschen und Thieren.
     Übrigens „Ehre Preis Lob und Dank“ (Anfang meiner Schlußfuge, wie so häufig beim alten Bach) der Einsamkeit, die uns selbst und unsre Freunde erhält. Ich streife alles Unbequeme öffentliche Förmlichleere von mir ab und lebe so bedürfnißlos in der warmen Winterstube: freilich jetzt gerade in Niederungen des Daseins, mehr planimetrisch als kubisch. Und nicht einmal wie bei Manfred „Erscheinung eines schönen Weibes“!

<Musik-Noten>2)

Pax nobiscum!
Liebster Freund!
F.N.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,70

An Gustav Krug in Naumburg

[Basel, 17. November 1869]


Liebster Freund! Gruß und
Glückwunsch zuvor!
     Und das zwar in aller Eile, da der Anfang eines Wintersemesters auch zu den holdesten Geschäften die Muße nimmt. —
     Du glaubst nicht, wie gierig solche philologischen Zuhörer nach Weisheit und lateinischer Grammatik sind: bienen- und ameisenmäßig muß man schaffen, damit man täglich sein Füllhorn ausschütten kann.
     Dies nur zur Erklärung, warum ich so schlecht und wenig schreibe: der Dämon des Berufs steht hinter meinem Stuhle. Und ehe den der Teufel holt, holt der Dämon mich.
     Auch weiß ich jetzt wie die Nornen singen. Weißt Du wie das ward?
     Persönlich würde ich Dir viel erzählen, was ich dem weißen Papier nicht anvertrauen kann und mag: Papier und Tinte sind dumm, und deshalb indiskret. Charta est κακόχαρτος: mit Hülfe des griechischen Lexikons eine wohl zu errathende Sentenz!
     Vergiß auch im neuen Jahre nicht die alte Treue in unserm musikalischen Glaubenssatze: ist er doch zugleich ein echt- und schön-menschlicher!
     Wir haben doch ein Recht behaglich zu schmunzeln, so viel reicher an schönsten und stärksten Genüssen und Erfahrungen zu sein, als andre, die Herzensleere, Unverstand und böser Wille immer mehr verarmen läßt! Wer wenig hat, dem wird auch das Wenige noch genommen, was er hat!
     Mag noch so sehr die widerliche „Bildung“ der Menge gegen alle starken und energischen Gefühle sein — ohne Vereinsamung ist nun einmal nichts Edles und Hohes zu gewinnen; wo alle gehen, läuft eben die Gemeinheit mit.

Vor der uns alle guten Genien bewahren mögen!

Mit herzlichsten Grüßen an
Dich und Wilhelm und in
alter Freundschaft
Fr. Nietzsche Prof.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,71

An Anton Klette in Bonn

Basel Montag Früh. [22. November 1869]


Lieber und geehrtester Herr Bibliothekar,

später als ich wollte schicke ich nun das Register ab: zunächst die beiden ersten Haupttheile. Der Anfang des Wintersemesters hatte mich abgezogen, so daß ich es immer verschob, den 24ten Band des Museums nachzutragen. Dies ist denn nun geschehen, und wir können anfangen zu drucken.
     Doch werden viel Verständigungen mit dem Setzer nöthig sein, und, meinerseits, eine sehr eingehende Correktur.
     Ihrer freundlichen Nachfrage, ob ich nicht bald wieder etwas für das Rh[einische] M[useum] schreibe, habe ich durch die That schnellstens entsprochen: und Ritschl wird Ihnen ein kleines Manuscript zugeschickt haben.
     Jetzt beginnt nun wahrscheinlich ein eifriger Briefverkehr zwischen Bonn und Basel. Ich bitte Sie sehr, bei der Drucklegung des Index mir etwas hülfreich zu sein; ich habe in solche Dinge so gar wenig praktische Einsicht.

Mit dieser Bitte und den
besten Wünschen
Ihr herzlich ergebener
Fr. Nietzsche.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,72

An Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Basel, 23. November 1869]


à ma soeur:
     Wie steht’s mit der Indification? Ist Herr X (Gott wie heißt das Wesen?) parat und scheint er Dir sorgsam und zuverlässig gewesen zu sein? Es wird bereits emsig gedruckt. Also periculum in mora! Auf Deutsch: das Feuer brennt uns auf die Nägel. Denn wenn Du und er (elle et lui wie im Roman) auch alles gut und fertig habt, so wollen immer noch 3 Bände hineingearbeitet sein, und ich armes Wintercollegienwurm bin mit allem Möglichen geplagt und soll nun auch noch das aus den Ärmeln schütteln.
     Wenn ich das zu Stande kriege und dazu geschwind, so ist meine Geschwindigkeit doch Hexerei. Nicht wahr?
     — Unterbrechung. Ich mußte fortlaufen, um meine 8 philologischen Raben im Seminar zu füttern; was denn auch geschehen ist.
     In diesen Tagen ist ja auch wohl Demoiselle Brockhaus bei Euch gewesen; siehst Du, wie gut ich über Euren Lebenswandel unterrichtet bin.
     Große Freude hat mir gemacht, daß der gute Romundt jetzt Aussicht zu einer vortrefflichen Erzieherstelle hat: ein Sohn, 400 Thaler, freie und glänzende Station, alle Jahre große Reisen und, bei längerem Verhältniß lebenslängliche Pension. Auf dies mein Anerbieten hat er mir aber noch nicht geantwortet; und bei seiner Wunderlichkeit kann man sich auf alles gefaßt machen. Rohde ist in Rom und schreibt die allerschönsten Briefe: auch Deussen und Röscher (Gymnasiallehrer in Bautzen) haben recht hübsch geschrieben, so daß nach allen Seiten hin wieder Briefschulden gemacht sind, die ich jetzt nicht wegschaffen kann. Gersdorff, Wieseke Hofmann sind alle noch ungebrieft (in Naumburger Dialekt „ungeprüft“) Was Wunder, wenn die reinen Liebesbriefe — nämlich der an die gute Grimmenstein — mir wie mit Keulenschlägen abverlangt werden! Was soll da aus all den Pflichtbriefen werden!
     (Letztere Bemerkungen à ma mère, mezza voce)

<Bild>3) Natürlich möchte ich bald von Dir einiges hören zB. wonach Euer weihnachtliches Herz Verlangen hat. — Was macht der alte Schopenhauer? Immer noch das finster-gute Gesicht? Kneife nur Schulz recht in sein „Künschtler“-bewußtsein — aber nicht zu arg, sonst macht er uns den Schopenhauer zum Mohren: wie er überhaupt ideale Menschen (zB. Blass) recht schmutzig darzustellen pflegt.
     Habt Ihr in Euren Stuben hübsch warm? Und schöne Teppiche? Und rechte Ordnung? Und frühmorgens Kakao? Und schöne Äpfel? — Seht Ihr! Das habe ich alles. Hier das Bild des Teppichs (eine Pferdedecke. Die + bezeichnen die großen, die ⊙ die kleineren Löcher.

Adieu.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,73

An Friedrich Ritschl in Leipzig

[Basel, kurz nach dem 23. November 1869]


Verehrtester Herr Geheimrath,

um zuerst auf Ihre letzte Zuschrift mit der wohlberechtigten Mahnung zu antworten, so denke ich daß jetzt endlich an dem Register gedruckt wird: gestern morgen wenigstens sind 5 dicke Hefte an Klette nach Bonn abgegangen. Das Wintersemester, im Speziellen die lateinische Grammatik hatte mich verführt, das letzte Heft des 24ten Bandes immer wieder bei Seite zu schieben. Meine Zuhörer nämlich, acht Mann hoch, verlangten von mir unisono, lateinische Grammatik zu hören. Ich gehorchte, einmal aus „Realpolitik“, andernseits, weil ich auch so recht viel in diesem Winter lerne. Mögen mir die Dämonen der lateinischen Grammatik gnädig beistehn! Sie wissen, wen ich anrufe.
     Nun das Zweite, doch nicht τὸ δεύτερον.
     Daß Sie so hülfreich und freundlich an Romundt gedacht haben, hat mich ordentlich in Rührung gebracht, und er selbst kann es Ihnen nicht mehr danken als ich es thue. Dies ist die erste glückliche Hand, die den guten und begabten Menschen am Schöpfe faßt. Er hat mir zwei lange und glückliche Briefe geschrieben und läßt einstweilen durch mich Ihnen seine treueste Ergebenheit und Dankbarkeit ausdrücken. Natürlich möchte er gar zu gerne zugreifen: sein einziges Bedenken ist, daß er sich zum Staatsexamen gemeldet hat und, ich glaube zum Januar, auch citirt ist. Mit anderen Worten: wenn er jene Stellung mit dem Januar erst antreten dürfte, so wäre ihm dies das Erwünschteste.
     Doch meine ich, daß er auch dann bereit sein würde, wenn die Stelle sofort besetzt werden müßte.
     Er würde dann genöthigt sein, seine Abhandlung über das gestellte Thema (den langweiligen Gottesbegriff Platos) neben seinen Berufsgeschäften auszuarbeiten.
     Unter allen Umständen: er muß die Stellung annehmen. Ich darf ihm doch wohl schreiben, daß er sich Ihnen und Herrn Czermak persönlich vorstellen soll: zumal da er in Leipzig wohnt, Universitätsstr. 19, im Hofe, 3 Treppen.
     Von Engelmann keine Notiz: Beweis, daß er auf die Proposition eingeht. (Aus analogen Fällen zu schließen!)
     Mit den besten Empfehlungen an die verehrten Ihrigen

Ihr getreuer
F. Nietzsche


Ich sollte nicht vergessen haben, Ihnen für Brief und Rathschläge recht zu danken. Übrigens bin ich in Allem Ihrer Meinung: es war thöricht, nur an das „Miscellenbuch“ zu denken. Aber es wird so viel gedruckt, daß ich mich nächstens schäme.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,74

An Franziska Nietzsche in Naumburg

[Basel, zwischen dem 23. und 29. November 1869]


     Nun, bekomme ich denn gar kein Briefchen mehr von Dir? Und es wäre mir dies doch so wünschenswerth, ja nothwendig, da ich gar nicht weiß, womit ich Lisbeth eine weihnachtliche Freude machen könnte. Nur nicht wieder so einen Operngucker-gedanken! Und es wird doch wohl hübscher sein, wenn ich Euch von hier aus ein Kistchen schicke: erhöht es doch jedenfalls das Gefühl der Nähe und Zugehörigkeit trotz räumlicher Entfernung.
     Dies das Eine. Sodann bitte Lisbeth, daß sie mir sofort meine Rede über Homer zurückbesorgt: -wahrscheinlich ist sie nach Pforta verliehen, aber dort denkt niemand an pünktliche Zurückgabe. Da ich sie höchst dringlich brauche, so mag Lisbeth doch sogleich die nöthigen Schritte thun.
     Viel, viel Arbeit giebt es. Aber sie trägt sich besser als im schwülen Sommer.
     Von Geselligkeit aber finde ich jetzt noch weniger als im vergangnen halben Jahr. Und dabei merke ich, wie wenig ich sie brauche.
     Zu Gustav’s Geburtstag habe ich geschrieben. Übrigens komme ich nicht sobald wieder nach Naumburg. Denn wir können uns anderswo noch vergnüglicher zusammenfühlen als gerade dort. Darum denke ich, daß Du für nächstes Jahr recht ernstlich und von vorn herein die Reisegedanken in Erwägung ziehst. Auch Wenkel kann einmal eine Schweizerreise machen.
     Ist denn Lisbeth schon bei Ritschl’s in Leipzig gewesen? Daß der alte Ritschl für Romundt so schön gesorgt hat und wirklich wohl nur aus Liebe zu mir, ist geradezu rührend.
     Nun schreibe mir bald einmal einen Deiner schönen Riesenbriefe: denn wenn Ihr mir nicht schreibt, gewöhne ich mich ganz daran, mich als Einsiedler zu fühlen. Meine Wintergenüsse habe ich am Schluß meines letzten Briefes aufgeführt: was habt Ihr denn im schäbig-noblen Naumburg? Hier giebt es Conzerte und Theater und öffentliche Vorträge in Hülle und Fülle: doch bin ich zu aristokratisch geworden, um mich an diesen Scherzen erbauen zu können. Wie man sich verwandelt!

Ei über diese Erziehung!!
Der alte Sohn,
der immer „älter“ wird.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,75

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

Basel Montag Mittag.
[29. November 1869]



Cara Mamma, cara Lamma.

Besten Dank für die schnelle Erledigung meiner Bitte und die schönen Briefe. Im Speziellen ist mir das Schätzenswerthe Deiner jedenfalls mühsamen Arbeit noch nicht abschätzbar, deshalb einstweilen nur den allgemeinsten Dank, alles übrige, wie die jüdischen Wechsler sagen, auf Sicht!
     Hendreich „der stille Associé“ hat übrigens seinen Brief und Lohn dahin und ist ein braver Kerl, wie’s scheint. Alle Wünsche kann man nicht befriedigen, und das Erreichbare ist oft besser als das Wünschenswerthe.
     Inzwischen werdet Ihr meinen Brief mit einer neuen dringlichen Bitte bekommen haben. Heute schreibe ich den dritten, mit dem dritten Anliegen.
     Nicht wahr, liebe Lisbeth, ich habe Dir einmal ein Siegel von R Wagner gegeben, auf dem sein Wappen steht? Kannst Du nicht bei Reisshauer bestellen, daß er auf dem Bildrahmen dieses Wappen als Verzierung irgendwie anbringt? Es wäre ein hübscher Scherz.
     Meine Bitte, mir Eure Weihnachtswünsche zu nennen, wiederhole ich recht eindringlich, da alles, was mir bis jetzt darüber verlautet, nicht recht meinen Absichten gemäss ist.
     Und nun herzlichen Dank und Gruss, nebst dem Wunsche bald von Euch wieder zu hören.

Euer
Fritz.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,76

An Paul Deussen in Minden

Basel Sonntag im December.
[19. Dezember 1869]



Mein lieber Freund, daß ich so weit oben anfange, ist ein Beweis dafür, wie gern, also auch wie viel ich jetzt an Dich schreibe. Nämlich als Dein letzter Brief ankam, war ich gerade aus dem Bette aufgestanden und dachte beim Trinken meines Kakao, warum nur Freund Paul nicht etwas angelegentlicher schreibt: oder ob ich gar wieder was Unerhörtes, höchst Beleidigendes im letzten Briefe gesagt habe und dergleichen. Denn bisweilen begegnet es mir, daß meine Freunde irgend ein Wort zu tragisch nehmen: da sie mich doch kennen sollten und diese ihre Kenntniß und Erfahrung höher schätzen dürften als ein gelegentliches Wort. Solches überlegend empfing ich Deinen Brief, und hatte nur wenig gelesen, als ich auch etwas wie von einer veränderten Luft spürte; und als Du mir dann von Deinen Schopenhauerianis erzählst, wie Dir jener Name fast schon ein heiliger sei usw — da hörte ich bereits nichts Neues mehr: so untrüglich ist meine Witterung ὡς Λακαίνης εὔρινος βάσις.
     Da Du etwas aus meiner Erfahrung in dieser so kräftig von mir eingesaugten Athmosphaere vernehmen willst: so will ich erst ein paar Glaubenssätze hinschreiben. Eine Philosophie, die wir aus reinem Erkenntnißtrieb annehmen, wird uns nie ganz zu eigen: weil sie nie unser eigen war. Die rechte Philosophie jedes Einzelnen ist ἀνάμνησις. Daher der große Ruhm auch schlechter Philosophen. Du willst eine Philosophie, die Dir zugleich einen praktischen Canon giebt: frage Dich nur genauer nach den eigensten Triebfedern Deines vergangnen Handelns: mit Bewußtsein kann man sich keine neuen Triebfedern schaffen. Das Vorhandene ist da, aber beileibe nicht, weil es da ist, auch vernünftig. Nur ist es nothwendig.
     Auch die Philosophie, die der Mensch zur seinen macht, ist nothwendig. Die Aesthetik hat noch keinen zum Dichter gemacht. Du stellst die Dinge auf den Kopf.
     Schreibe mir doch einmal während der Weihnachtsferien, in denen Du gewiß zu einem längeren Briefe Zeit findest. Addressiere aber nicht nach Basel, denn ich verlebe Weihnachten bei meinem edlen und im höchsten Sinne genialen Freunde Wagner und unsrer ausgezeichneten Freundin Cosima von Bülow d. h. auf Tribschen bei Luzern. Dieses Tribschen ist das Wagner’sche Landhaus. Aber schreibe mir doch, wo Du anzutreffen bist: vielleicht schicke ich Dir als Geburtstagsgeschenk (7 Jan.) meine Rede über „Homer und die klassische Philologie.“ Dies „vielleicht“ bezieht sich nur darauf, daß ich noch nicht weiß, ob ihr Druck bis dahin beendet ist.
     Jetzt von meinem Basler Dasein. Ich lese diesen Winter „lateinische Grammatik“ vor 9 Zuhörern dh. vor allen hiesigen Philologen: am Pädagogium treibe ich Hesiod und Plato. Im Herbst war ich in der Heimat, auch in Pforte, die Deines Lobes voll ist. Vor allem in Leipzig war ich recht glücklich und erinnerungsselig.
     Alles was ich Dir erzählen möchte, merke ich da eben, ruht auf Voraussetzungen, die Dir nicht bekannt sind. Ja! Vier Jahr auseinander! Mit Rührung fiel mir gestern mein*) „Nationalvers“ aus der Bonner Zeit ein. Ach!
     Übrigens erwarte ich Deine baldige Verlobungsanzeige. — Hast Du Peipers Recension der Deussen’schen Schrift im phil. Anzeiger v. Leutsch (Octoberheft) gelesen?
     Grüße Dein Lottchen, Freund! sagt Schiller.

Pax nobiscum.
F.N.


* ) Wie hieß doch Vers 3 und 4? nämlich στίχος 3 und 4.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,77

An Carl von Gersdorff in Berlin

Basel, am Sonntage vor
Weihnachten, anno 1869.
[19. Dezember]




Theuerster Freund,

dass ich diesmal so spät schreibe, mache ich mir wahrhaft zum Vorwurf: aber glaube mir, dass das Leben eines jungen Docenten mit reissender Schnelle vorüberrauscht, so daß unter der Hand plötzlich zwei Monate seit meinem Geburtstage vergangen sind, und mein heutiger Brief sehr post festum kommt, aber doch zugleich ad festum, nämlich zur Feier Deines eignen Geburtstages. Leider ist der Buchdrucker Schuld, dass ich nicht mit diesem Briefe gleichzeitig auch eine kleine Gabe absenden kann, nämlich meine Baseler Antrittsrede, die ich nur für den engsten Kreis meiner Freunde habe drucken lassen, und deren öffentliches Bekanntwerden durchaus unräthlich ist.
     Darf ich vielleicht die Vermuthung aussprechen, dass auch eine besondere Gratulation nach Bezwingung jenes Lindwurms, genannt „Staatsexamen“, heute am Platze ist? Ich habe das herzlichste Mitleid im Gedanken an diese Deine zu überstehenden Qualen empfunden, andernseits den Heroismus bewundert, dass Du in Deinen Briefen gar nichts von den wohlbekannten hochnothpeinlichen Empfindungen zu erkennen giebst. Mich hat mein Geschick in beinahe wunderbarer Weise über alle diese Schrecken hinweggetragen, wie einen Schlafenden; und ich muss bereits die Rolle eines Examinators, so gut es geht, spielen. Deutlicher kann man gar nicht exemplificieren, wie zufällig und folglich wie unzuverlässig solche Examina sind: ich der ich, bei einer leisesten Wendung meines vergangnen Lebens, wahrscheinlich jetzt alle Nöthe des Examens zu bestehen hätte, fungire als Examinator. Im Übrigen bin ich der aufrichtigen Meinung, dass das Härteste, was man zu ertragen hat, auch das Nützlichste ist: und in diesem Sinne rufe ich Dir, victori felicissimo, zu: „Wohl bekomms!“
     Das Bild unseres Meisters, mit dem Du meine Stube geziert hast, erinnert mich, Dir von der Gründung einer Societas Schopenhaueriana in Leipzig Mittheilung zu machen: sie ist angeregt durch unseren Freund Dr. Romundt. Was wirst Du sagen, dass mein bester Schüler hier, plötzlich Schopenhauer-fanaticus geworden ist und die ethischen Schriften ins Französische zu übersetzen begonnen hat, ebenso wie Kants Prolegomena? Es ist nämlich ein Waadländer, Namens Cornu.
     In den nächsten Tage[n] reise ich ab, um die Weihnachtswochen- und Freuden mit meinem edlen und genialen Freunde R. W. zu verleben, in seinem prächtigen Landsitz Tribschen bei Luzern. Würde ich vielleicht dort gute neue Nachricht von Dir erwarten dürfen?
     So sind wir nun durch alle Welt zerstreut, Rohde der ausgezeichnete Mensch, auf dessen treue Freundschaft ich gewiss stolz bin, in Rom beim Concil, Deussen, der mir schrieb, dass Schopenhauer für ihn fast schon ein heiliger Name sei, in Minden als Gymnasiallehrer, Romundt als Erzieher in Leipzig usw. — alles in Amt und Würden, an der Schwelle des „Philisteriums“. Wir haben gegen dieses Greuel aller Greuel, gegen diese graue Sphaere der Mittelmässigkeit die herrlichsten Gegenmittel in der Verehrung unserer allerheiligsten Philosophie, in der Kunst, und — nicht am wenigsten —

in unsrer Freundschaft. Treulichst
F. N.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,78

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Basel, um den 20. Dezember 1869]


Schönsten Gruß zuvor!

Heute nur eine kurze Antwort auf Eure angenehmen Briefe und einige Bemerkungen wegen des bevorstehenden Weihnachten. Mit allen gegebenen Notizen bin ich einverstanden; ich denke mein bescheidnes Kistchen so zu schicken, daß es am Freitag Abend spätestens bei Euch ist, bitte aber, daß es, falls es früher kommen sollte, doch nicht eher eröffnet wird. Ich selbst nun reise am Freitag früh, wo meine Ferien beginnen, nach Tribschen ab; wo man mich, nach Richards Ausdruck mit „Jubel“ erwartet. Auch ist eine Stube für mich neu eingerichtet worden, mit Bibliothek usw, die neu getaufte „Denkstube“. Was haben wir für schöne Vorbereitungen für die Kinder gemacht! Und wie nützlich und praktisch (!) bin ich in meinen Besorgungen gewesen, so daß ich sogar neulich weißen Tüll mit Goldsternen, für das Christkindchen aus Paris verschrieben habe!
     Da hört doch alles auf!
     — Beiläufig: würdet Ihr es passend finden, daß ich Brockhausens einen Gratulationsbrief schicke? Ich möchte es thun, weil sie unhöflicher Weise mich gar nicht benachrichtigt haben, und ich erst von Tribschen aus die Anzeige bekam. Dort hat man sich darüber geärgert, daß Brockh. keine Silbe Aufschluß gegeben, so daß die Anzeige zuerst als Mystifikation betrachtet worden ist: es ist sogar ein langer Gratulationsbrief an Richard Wagner eingelaufen. —
     Könnt Ihr es nicht einrichten, daß ich noch [noch] hier in Basel von Euch Nachricht bekomme? Von Freitag an ist meine Adresse „Landhaus Tribschen[“] bei Luzern (Schweiz)
     Nun mit den besten Wünschen und Hoffnungen allerseits!

F.N.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,79

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Basel, kurz vor dem 23.Dezember 1869]


Noch ein Weihnachts-zettelchen!

Ich habe vergessen über das Bild zu schreiben: es ist sehr gut und wird Lob erndten, auch finde ich es, zu Eurer Beruhigung, durchaus nicht theuer. Die Bezahlung wollt Ihr übernehmen: fragt doch, wie theuer ein zweiter Abzug sein würde. — Mit dem Zettelchen-schreiben (betreffs der Weihnachtsfreuden) bin ich gar nicht einverstanden: wenn auch kein Krösus, bin ich doch kein Bettel- und Zettelmann. Dagegen könnt Ihr bei einer gelegentlichen Besorgung nach Leipzig beifolgende Rechnung berichtigen. Ich verliere zuviel, wenn ich den Mann in Frankengeld bezahle. — Beiläufig: nach hiesigen Erfahrungen, ist es durchaus nöthig, alle meine Kleider in Norddeutschland machen zu lassen oder in Strassburg oder Paris. Denn hier ist alles sehr schlecht und noch theurer.
     Ich reise übrigens bereits am Donnerstag Vormittag ab, weil auf Tribschen mein Dasein sehr ersehnt wird, um bei der Vorrichtung des Weihnachtsbaumes, eines Puppentheaters usw. zu helfen.
     Vielleicht ist es das Beste, wenn Ihr mir jetzt gar nichts Weihnachtliches schickt, sondern bis Neujahr wartet: an welchem Tage ich in Basel wieder eintreffe.

Und nun! Schönste
Grüsse allerseits!
Euer Fr.


Wir erwarten hier die Ministerernennung Olliviers, des Schwagers der Frau Cosima, täglich aus Paris.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,80

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Basel, kurz vor Weihnachten 1869]


Festlichen Gruss zuvor!

Was hier kommt, ist gar wenig: noch dazu, da das Beste, allerdings nach Eurem Willen, nur eine Andeutung ist.
     Dies ist das beigelegte Blättchen Papier, eine Haut, in die Ihr Euch theilen müsst, sie gilt aber unter Brüdern 16 Thl. preuss. und Domrich, noch besser der Buchhändler K.F. Köhler in Leipzig werden sie so hoch zu schätzen wissen. Angedeutet aber ist damit für Dich, verehrtestes Familienhaupt und Mutter zweier ausgewachsenen Kinder, erstens ein Reiseköfferchen, sodann verschiedene unsägliche häusliche Gefässe: wie ich sie Dir einmal versprochen habe. In beiden Regionen wagte ich nicht meinen Geschmack geltend zu machen. Die beigelegte Tischglocke hat den Zweck, Dir etwas mehr Bequemlichkeit, und den Dienstboten flinkere Beine anzueignen.
     Unsrer Lisbeth ist erstens Goethes Wahrheit und Dichtung in schöner Ausstattung zum Genuss und eifrigen Gebrauch anempfohlen. Möge es mir sodann gelungen sein, die Grösse Deiner Hand richtig abgeschätzt zu haben: die hiesigen Damenhände, die ich zu Rathe zog, waren alle zu gross. Der „Tyroler“, unser Haupthandschuhmensch, bezeichnete mir schliesslich die gewählte Sorte als Kinderhandschuh: was ich der 24jährigen Jungfrau hier als Schmeichelei wieder erzähle.
     — Meine „Widmung“ kannst Du ohne Besorgnisse annehmen: in die Öffentlichkeit kommt von diesem Scherze nichts. Nur dass Wenkel und Frau Ritschl Exemplare mit der Widmung bekommen sollen, hoffentlich mit Deiner Zustimmung.
     Endlich vermuthe ich, dass aus der „getheilten Haut“ für Dich ein Winterüberziehrock geworden ist.
     Das beigelegte Gebäck ist baslerisch und weit berühmt.
     Vielleicht erlebt es mein Schächtelchen, vor dem hellen Lichterbaume ausgepackt zu werden: und freilich möchte ich lieber selbst unter ihm stehen!

Fr.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,81

An Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Basel, kurz vor dem 24. Dezember 1869]


          Noch ohne jegliches Gewand
          Wird’s Büchlein brühwarm schon versandt:
          „Jacobi“ wird schon weiter sorgen!
          Und ist es schönstens dann geborgen
          In festlich-schöne Deckelzier:
          Dann, glaub’ ich fast, gefällt es Dir.
          Man legt es auf den Spiegeltisch,
          Und fragt jemand „Was soll der Wisch?“
          So sagt man stolz-gleichgültig vor sich hin:
          „Gewidmet ward es mir, der
Index-fexerin!“4)          

Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,82

An Sophie Ritschl in Leipzig

Tribschen bei Luzern,
am Morgen des ersten Weihnachtstages 1869.



Verehrteste Frau Geheimräthin,

hier etwas für die Weihnachtszeit, das soll heissen: etwas zur Erheiterung. Nämlich meine Antrittsrede in Basel, in einer durchaus nichtöffentlichen Form, die, wie mir jetzt scheint, sehr lächerlich ausgefallen ist, weil sie so gar ernsthaft gemeint war.
     Wollen Sie sie lesen und es gefällt Ihnen manches und vieles nicht, so nehmen Sie nur immer an, wohlwollend, dass ich gerade das, was Ihnen missfällt, bei dem öffentlichen Vortrage mit Grazie weggelassen habe.
     Und so sind Sie denn unter dem auf S. 4 erwähnten „allerschönsten Publikum“, mit Ihrer gütigen Erlaubniss, ebenfalls mit eingeschlossen.
     Doch fürchte ich mich vor Ihrem Herrn Gemahl, meinem gestrengen Lehrer und Meister und bitte Sie, jene Rede womöglich vor ihm zu secretiren.

Don Quixote
aus Basel.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,83

An Friedrich Ritschl in Leipzig

Tribschen bei Luzern 29 Dec. 1869.


Hochverehrter Herr Geheimrath,

Heute habe ich Ihnen gar nichts Geschäftliches mitzutheilen, nur dass ich dankbar das Honorar empfangen habe, dass ich aus Bonn noch ohne Nachricht bin und dass ich an einer homerischen Abhandlung schreibe. Ueberall herrscht Ferienstimmung.
     Beim Abscheiden eines für mich so bedeutungsvollen Jahres dürfen Sie es mir nicht verargen, wenn ich auch einmal einen ganz ungeschäftlichen Brief schreibe, nur zum Ausdruck, dass ich viel und dankbarlich Ihrer gedenke, und daß Sie von Allem, was mir jetzt noch Angenehmes widerfährt, den gebührenden Tribut bekommen sollen.
     Dass ich zum Beispiel hier mich so zu Hause fühlen kann, wo ich die allererheblichste Förderung meiner Entwicklung täglich und stündlich erfahre, das ist Ihnen ebenfalls von mir auf das Register geschrieben worden.
     Und nun weiss ich, wie viele in ähnlicher Lage sind und solche Register führen müssen, überall,
     „doch in Deutschland, doch in Deutschland tausend und drei!“
     Sie fahren wirklich in das neue Jahr hinein wie ein Triumphator: und wir andern laufen alle mit unsern Registern neben her und leugnen die Unsterblichkeit, bloss damit eine Wiedervergeltung schon auf Erden stattfinden müsse.
     Also, verehrtester Lehrer, salve!
     Sagen Sie auch Ihren werthen Angehörigen, dass ich ihnen meine besten Neujahrsgrüsse schicken will, zusammen mit den freundlichsten Empfehlungen von Richard Wagner und Frau Cosima.

In steter Dankbarkeit
Ihr getreuer
Friedrich Nietzsche


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak

BVN-1869,84

An Friedrich Zarncke in Leipzig

Tribschen bei Luzern
Dec. 1869.



Verehrtester Herr College

nur einige Worte zur Begleitung der endlich einlaufenden Recensionen und somit zur Entschuldigung, dass ich so sehr spät damit komme. Es war meine Absicht gewesen, eine Anzeige der Dresslerschen [Dresslerschen] Dissertation zugleich abzusenden; damit bin ich aber nie fertig geworden, richtiger: ich habe die fertige Anzeige verloren und ebenfalls die Lust, mich mit dieser Langweiligkeit nochmals zu beschäftigen.
     Verzeihen Sie mir meine lange Verzögerung, in der milden Sylvester- und Neujahrsstimmung, die jetzt alles beherrscht und leben Sie unter den glücklichsten, Bestes weissagenden Träumen in das Jahr 1870 hinein.

Treulichst Ihr Nietzsche.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches
Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen
Wissenschaftliche Auslegungen
Weitere Verbindungen
babrak
1) [:!: Datei-Upload ist deaktiviert. Wir betrachten es in der Zukunft zu aktivieren]
2) , 3) :!: Bilder sind derzeit deaktiviert
4) [:!: Layout: Das Gedicht ist Zentriert.]
Back to top
de/nietzsche/briefe/1869/1869.txt · Last modified: 2017/02/11 09:09 by babrak