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de:nietzsche:briefe:1870:bvn-1870_13

BVN-1870,13

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Basel, Ende März 1870]


Schönsten Gruß zuvor!

An der Universität habe ich gestern das Semester geschlossen: wobei mir zum Bewußtsein kam, daß ich nun bereits ein Jahr lang in dieser Thätigkeit bin. Auch waren neulich meine sämmtlichen Zuhörer bei mir zu Gaste; es machte sich ganz heiter, und die Bewirthung (in 5 Gängen) war recht stattlich. — Die nächste Zeit soll nun dem Osterprogramm gewidmet sein — und dem Pädagogium. Abfassung des Programms und der Druck soll noch vor Eurer Ankunft in Ordnung sein. — Unser Wetter ist noch ganz winterlich: es schneit wieder, alles ist weiß. Ein solcher Winter ist etwas ganz Unerhörtes hier in Basel: auch habe ich in Norddeutschland nie einen ähnlichen erlebt. Ich bin, wie es bei dem ewigen Temperaturwechsel natürlich ist, nicht recht gesund gewesen: auch Zahnschmerzen belästigten oft. Alles harrt sehr auf den Frühling. Und wir — als Reisegefährten — harren ganz besonders.
     Ich erkundige mich hier nach guten Pensionen am Genfersee: im Ganzen werden sie sehr gerühmt, nur solle man nicht die zu kleinen wählen. Wenn Ihr herkommt, könnt Ihr vielleicht doch in meinem Hause wohnen: was natürlich für uns viel bequemer wäre. Es kommt nämlich darauf an, ob und auf wie lange der eine Herr verreist. — Bei Haverkamp bitte ich noch um eine Bestellung und Ihr bringt mir die Sachen dann mit. Nämlich Rock und Weste, von dunklerem Stoff (nicht schwarz, nicht grün, aber vielleicht braun); er wird ja mein Maß noch haben. Hier kann ich nicht ohne Schaden arbeiten lassen: ein Überzieher, den ich mir habe machen lassen, mißfällt mir sehr. Die Weste fast gar nicht ausgeschnitten: alles möglichst „nobel“ wie der Berliner sagt. Denn es soll ein Gesellschaftsrock sein. —
     Von Gersdorff, der in Berlin als Referendar arbeitet, habe ich Nachricht: sein einziger Bruder, der Ostrichen als Pächter übernommen hatte, zeigte alsbald Spuren voller körperlicher und geistiger Verstimmung und mußte in eine süddeutsche Irrenanstalt gebracht werden. Dies ist jetzt das große Leidwesen der Familie. Auf diese Weise ist nun doch unser Gersdorff noch zum Majoratsherr geworden. — Er hat sich in Berlin sehr für Wagner begeistert: und dies hatte ich kaum nach Tribschen gelegentlich gemeldet, als mir mitgetheilt wurde, daß R.W. Gersdorff zur ersten Meistersingerauff. in Berlin eingeladen habe: womit ihm einer der Ehrenplätze reserviert ist.
     D. Romundt hat sein Staatsexamen glücklich gemacht und ist jetzt Erzieher des jungen Czermack. Windisch, wie ich Euch schrieb, geht auf ein Jahr nach London — oder ist schon fort.
     Meine beiden Vorträge „über die griechische Tragödie“ haben lebhaftes Interesse erregt; jetzt wandern sie wieder im Manuscr. überall herum.
     Der index ist seit ein paar Monaten in Bonn, soll aber erst nach Ostern gedruckt werden.
     Zum Schluß danke ich Euch bestens für Briefe und Besorgungen; ich habe die Franken richtig ausgezahlt bekommen. Von Oskar hätte ich ein paar Zeilen erwartet: indessen nothwendig war’s nicht.
     Mit der Hoffnung auf recht ausführliche Nachrichten

Euer Fr.


Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches

Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen

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de/nietzsche/briefe/1870/bvn-1870_13.txt · Last modified: 2015/11/10 19:18 by babrak