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de:nietzsche:briefe:1870:bvn-1870_15

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 +====== BVN-1870,15 ======
 +==== An Erwin Rohde in Rom ====
  
 +<WRAP right>​[Basel,​ 28. März 1870]</​WRAP>​\\
 +
 +Zuerst, liebster Freund, ein schrecklicher Argwohn! Ich habe in diesem Winter 3 Briefe nach Rom und neuerdings einen nach Florenz geschickt (poste restante den letzteren: ein Dämon rieth mir, den ἀγὼν //nicht// beizulegen) Aber die ungöttliche Komödie in Rom scheint den Briefverkehr in ganz Italien unsicher zu machen; und ich schreibe deshalb auch heute schüchtern wie ein junges Mädchen. Alles hoffe ich bei unserem Wiedersehen in Basel Dir zu erzählen, was ich jenen Briefen anvertraut hatte. — Heute nimm meinen herzlichsten Dank für Deinen liebereichen Brief; was thut mir eine solche Stimme wohl, //hier//, wo ich das //einsame// Spazierengehen bis zur Virtuosität treibe. Ich erwarte Dich also in der ersten Woche des Mai; unser Semester fängt mit dem 3t.d.M. an. Du mußt aber eine Zeitlang bei mir wohnen. Das wird Dir nicht geschenkt, bevor uns das Schicksal wieder wie die beiden Beine des rhodischen Kolosses auseinanderreißt und Dich nach Kiel setzt, mich in Basel zurückbleiben läßt.\\
 +<​tab>​Jetzt kommt ein Vorschlag von mir und //​Ritschl//,​ allerneuesten Datums. Du kennst die „grammatischen Studien“, die Curtius herausgiebt:​ R. schreibt mir heute sehr ausführlich,​ welche Nachtheile dieses Institut mit sich bringt. Curtius sagt jedem jungen Doktoranden:​ „Wenn Sie etwas Grammatisches schreiben wollen, so sollen Sie den Druck umsonst haben.“ Zuerst kam der locus de dialectis, jetzt ist der de praepositionum in l[inguae] g[raecae] usu an der Tagesordnung usw. Alle Folgerungen wirst Du selbst ziehen. R. will jetzt (auf Teubner’s Vorschlag) ,Meletemata Societatis philologicae Lipsiensis‘ herausgeben und bittet mich um einen größeren Aufsatz für das erste Heft. Ich habe ihm quasi versprochen,​ von Dir auch etwas Derartiges herauszulocken. Der dritte im Bunde ist Andresen (mit einem Theile seiner Emend. des Dialogus), dann Stürenburg mit Lucretianis. Kurz, wenn //wir// nur wollen, so ist der Anfang ganz schicklich gemacht. Ich fühle persönlich die allerstärkste Verpflichtung und habe — ob es mich gleich augenblicklich etwas derangirt — unbedingt und sofort zugesagt. Das erste Heft //muß// von uns Beiträge haben; sonst will R. die ganze Sache fahren lassen. Das scheint mir der Hintergrund zu sein. Du weißt, wie neugierig, auch mißgünstig von vielen Seiten so ein erstes Heft angesehn wird. Also muß es //gut// sein. Ich habe mir gelobt, dem Unternehmen treu zur Seite zu stehen. — Gieb mir eine Antwort. — Du weißt doch, daß Bücheler nach Bonn, Studemund nach Greifswald versetzt ist? Ist Dein Vorsatz in Betreff Kiel’s so sicher? Warum nicht Leipzig? Fürchte Dich nur nicht vor einer zu langen Carriere des priv. docens. Ich bin noch gar nicht sicher, daß Du überhaupt in sie hinein kommst. Denke Dir, nun habe ich bereits ein ganzes Jahr in der akadem. Thätigkeit überwunden. Sehr hat mir die Nähe meiner Tribschener geholfen: die Weihnachtsferien dort verlebt, eine Zusammenkunft alle 2 bis 3 Wochen, fortwährender Briefverkehr — das hat mich erstaunlich erquickt. Wenn Du zu mir kommst, wirst Du die neueste Broschüre von R.W. lesen, auch reisen wir zusammen nach Tribschen. Die Villa am Comersee heißt villa Capuana in der Nähe nördlich von Fiume latte, dicht am See, mit 2 Häusern. — 2 Vorträge, die ich hier gehalten habe (1 über das griechische Musikdrama 2 über Socrates und die Tragödie) sind für manche sehr anstößig gewesen. Du bekommst sie auch, ebenso wie die gedruckte Antrittsvorlesung. — Ich habe jetzt die besten Hoffnungen für meine Philologie: nur muß ich viele Jahre Zeit mir lassen. Ich nähere mich einer Gesammtanschauung des griechischen Alterthums, Schritt für Schritt und zaghafterstaunt. — Windisch ist nach England auf ein Jahr, im Dienste der East-Indien-Office. Romundt hat glücklich das Staatsexamen gemacht und ist Hauslehrer bei Prof. Czermak in Leipzig. Im April reise ich mit Mutter und Schwester an den Genfersee und wohne vom 15—30 April in einer villa bei Montreux. Leb wohl! Glückliches Wiedersehn!
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 +<WRAP right>​Dein treuer Freund F. N.</​WRAP>​
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 +===== Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches =====
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 +===== Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen =====
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 +===== Wissenschaftliche Auslegungen =====
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 +===== Weitere Verbindungen =====
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de/nietzsche/briefe/1870/bvn-1870_15.txt · Last modified: 2015/11/10 19:20 by babrak