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de:nietzsche:briefe:1870:bvn-1870_22

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 +====== BVN-1870,22 ======
 +==== An Erwin Rohde in Venedig ====
  
 +<WRAP right>​[Basel,​ 30. April 1870]</​WRAP>​\\
 +
 +Theuerster Freund, wie dankbar bin ich Dir, daß Du mir auf meine im Grunde unbescheidne Anfrage einen so erwünschten Bescheid giebst. Dein Anecdoton ist unter allen Umständen für das //erste// Heft ein Köder und eine Lockstimme; denn wenn das neue Unternehmen auch //solche// Dinge bringt, so ist ja der buchhändlerische Erfolg gesichert. Ich denke mir, daß jenes erste Heft Deine und meine Beiträge und einen Theil der vortrefflichen Andresenschen coniectanea (zum dialogus) enthalten wird. Ich habe versprochen das Ms. in der zweiten Hälfte des //Mai// einzusenden,​ habe übrigens noch gar kein lateinisches Wort niedergeschrieben,​ da ich viel beschäftigt war. Erstens hatte ich das Programm für das Pädagogium zu schreiben übernehmen müssen (handelt über Laertius; Du bekommst es, ebenso die im letzten Heft des rhein. Mus. gedruckten Analecta Laertiana und meine gedruckte Antrittsrede) Sodann war ich eine Woche lang mit den Meinigen am Genfersee, mit //​südlichen//​ Vorempfindungen und vielem Gedenken an Dich. In den letzten Tagen quälte mich der akademische Senat noch mit dem Auftrag, eine lateinische Adresse an den alten Gerlach abzufassen, der sein 50jähriges Lehrerjubiläum feiert. Auch dies sonderbare Aktenstück bekommst Du, wenn Du mich besuchst.\\
 +<​tab>​Nicht wahr, es sind merkwürdige Leimruthen, die ich Dir, dem aus dem Süden nach Norden flatternden Vogel, stelle, um Dich hier fest zu halten?\\
 +<​tab>​Einige statistische Neuigkeiten:​ M.Heyne ist an Wackernagels Stelle hierher berufen, Studemund nach Greifswald, Leskien nach Leipzig. Auch will ich nicht vergessen, daß man mich im vorigen Monat zum ordentlichen P. gemacht hat. „Und ein Jahr hat er’s getragen!“ Es ist mir ganz erstaunlich. Diesen Sommer lese ich zwei Interpretatoria,​ Oedipus rex und Hesiod’s Erga, dazu im Seminar Cicero’s Academika. Unser Philologenbestand hat eine gewisse Höhe erreicht, die hier sehr anerkannt wird, 14 Mann! Welche Misère!\\
 +<​tab>​Nun habe ich auch die erste Klasse des Pädagogiums zur Universität befördert. Die guten Jungen zeigen sich recht dankbar und hatten sich wirklich an mich angeschlossen. Auch habe ich ihnen Einiges mehr gesagt, als man sonst auf Schulen zu hören bekommt. Im Grunde hat man in einer sympathischen Klasse mehr Wohlgefühl als auf der kühlen Höhe des akademischen Katheders. Drei von den 12 Schülern wollen Philologie studieren — Du kannst mir aber glauben, daß ich mich von der Sünde frei fühle, jemanden hierzu verführt zu haben.\\
 +<​tab>​Wenn ich jetzt noch einige kleine Abhandlungelchen fertig habe (über alte Materien) will ich mich zu einem Buche sammeln, zu dem mir immer neue Einfälle kommen. Ich fürchte daß es keinen philologischen Eindruck machen wird; aber wer kann wider seine Natur? Es beginnt nun für mich die Periode des //​Anstoßes//,​ nachdem ich eine Zeit lang leidliches Wohlgefallen erregt habe, weil ich die alten wohlbekannten Pantoffeln an hatte. Thema und Titel des Zukunft-buches:​ „Socrates und der Instinct.“\\
 +<​tab>​In dieser Woche habe ich //dreimal// die Matthäuspassion des göttlichen Bach gehört, jedesmal mit demselben Gefühl der unermeßlichen Verwunderung. Wer das Christenthum völlig verlernt hat, der hört es hier wirklich wie ein Evangelium; es ist dies die Musik der Verneinung des Willens, ohne die Erinnerung an die Askesis.\\
 +<​tab>​Im Sommer feiern wir das Beethoven-Jubiläum:​ unter anderem durch Aufführung der missa sollennis. Auch hat man mich angegangen, die Festrede zu halten. — Wenn Du zu mir kommst, lernst Du auch die neueste Schrift R. W. kennen: „über das Dirigiren“ eine ausführliche Kritik unserer jetzigen Kapellmeister und die allerschönsten Bemerkungen aus seiner Dirigentenpraxis. Mir sagte dieser Tage Kirchner, einer der besten Schüler Schumanns, er habe nie und nirgends gute Aufführungen erlebt als unter Wagner. Also liebster Freund, auf Wiedersehen!! Aber vorher schickst Du noch die Paradoxa? Oder bringst Du sie mit?
 +
 +<WRAP right>​Dein getreuer Freund.</​WRAP>​
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 +===== Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches =====
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 +===== Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen =====
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 +===== Wissenschaftliche Auslegungen =====
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 +===== Weitere Verbindungen =====
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de/nietzsche/briefe/1870/bvn-1870_22.txt · Last modified: 2015/11/11 17:29 by babrak