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de:nietzsche:briefe:1870:bvn-1870_45

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 +====== BVN-1870,45 ======
 +==== An Wilhelm Vischer(-Bilfinger) in Basel ====
  
 +<WRAP right>​Erlangen,​ Hôtel Wallfisch\\
 +Sonntag [11. September 1870]</​WRAP>​\\
 +\\
 +
 +Verehrter Herr Rathsherr,
 +
 +endlich — nach vier Wochen — komme ich zu einer Art Abschluss und fühle mich gedrängt Ihnen Bericht zu erstatten. Mein ursprünglicher Plan nach Leipzig zu gehen wurde schon auf der Reise aufgegeben, aus den besten Gründen: dagegen zog es uns — meinen Freund Mosengel und mich — nach Erlangen, wo ein rüstiger Verein für ähnliche Zwecke blüht, als die unsrigen waren, der bis jetzt schon 80 „Felddiakonen“ ausgeschickt hat. Alles gelang: wir kamen mit einem Verwundetentransport in Erlangen an und waren bereits am Sonntage — heute vor 4 Wochen, in Thätigkeit. Wir nahmen einen Cursus in der Verbandlehre und waren bei allen Visiten eines Assistenzarztes im Hospital zugegen. Bald durften wir auch Hand anlegen: an den vielen verwundeten Preussen Franzosen Turcos war viel zu lernen und viel zu nützen. Nach 10 Tagen wurde wieder ein Zug von 15 jungen Leuten (meistens Studenten) nach dem Kriegsschauplatz ausgesandt: der eine Theil unter der Leitung von Prof. Ziemsen gieng über Saarbrücken:​ der andere aus mir und meinem Freunde bestehend über Weissenburg. Wir hatten eine Menge Einzelaufträge und Vertrauenssachen zu besorgen, mit mancherlei Strapatzen. Auf dem Schlachtfelde von Wörth galt es, das Grab eines bairischen höheren Offiziers ausfindig zu machen: dies glückte uns. Ich bringe Ihnen ein Andenken an dieses fürchterliche Schlachtfeld mit, einige Chassepotkugeln. Wir drangen bis Ars sur Moselle (unmittelbar bei Metz) vor und bekamen dort Verwundete zu verpflegen. Eine besondere Freude war es mir, plötzlich den Collegen Hoffmann zu sehen, der einen Verwundetentransport nach Carlsruhe zu geleiten hatte. Ich schloss mich ihm, gleich Mosengel, an und jeder von uns übernahm die Sorge für einen mit Verwundeten gefüllten Wagen. Wir brauchten zwei Tage und zwei Nächte zu unserer Reise, während welcher Zeit wir unsere Kranken nicht verliessen. Ich hatte einen engen kleinen Viehwagen, mit Stroh bedeckt: darauf lagen 6 Schwerverwundete,​ ich mitten drin. Hier gab es viel zu thun: zu verbinden zu speisen usw. Die Atmosphaere in dieser Höhle war fürchterlich. In Carlsruhe lieferte ich unsere Kranken ab: Tags darauf kehrten wir nach Erlangen zurück, um hier Bericht zu erstatten. Schon auf dieser Reise erfasste mich heftiges Unwohlsein: der Arzt, den ich hier in Erlangen kommen Hess, constatierte erstens starke Ruhr und zweitens Rachendiphtheritis. Mit diesen beiden Hospitalseuchen habe ich also zugleich Bekanntschaft machen müssen. Die schlimmsten und gefährlichsten Zustände sind schon vorüber: der Arzt ist mit der fortschreitenden Besserung sehr zufrieden. Aber recht matt und erschöpft bin ich. Wir haben gegen beide Übel höchst energisch gekämpft. Mosengel ist mein getreuer Krankenwärter.\\
 +<​tab>​So weit mein Bericht, den ich im Bette machen muss.\\
 +<​tab>​Trotz diesem bösen Nachspiel fühle ich mich sehr beruhigt, wenigstens etwas, und wenn auch nur ein Tüttelchen an der grossen Sache der allgemeinen Krankenpflege geholfen zu haben. Der Verein, meistens aus hiesigen Professoren bestehend, ist mit unserer Thätigkeit sehr zufrieden: dies ist mehr als wir zu erreichen hoffen konnten.\\
 +<​tab>​Ihre Frau Gemahlin habe ich in treuem Angedenken und wünsche ihr recht herzlich empfohlen zu sein. Ihnen selbst nochmaligen Dank, dass mir in gegenwärtiger Zeit Urlaub zu Theil geworden ist. Man //muss// etwas mit thuen, um nicht als Zuschauer von innerer Unruhe und Selbstpeinigung aufgezehrt zu werden. Mehrere meiner Freunde sind unter den Todten. —
 +
 +<WRAP right>In der Hoffnung auf ein glückliches Wiedersehen\\
 +Ihr ergebener und getreuer\\
 +Friedrich Nietzsche\\
 +Prof. o.p.</​WRAP>​
 +
 +----
 +===== Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches =====
 +
 +===== Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen =====
 +
 +===== Wissenschaftliche Auslegungen =====
 +
 +===== Weitere Verbindungen =====
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de/nietzsche/briefe/1870/bvn-1870_45.txt · Last modified: 2015/11/11 17:45 by babrak