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Aphorisms -- in context.

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de:nietzsche:briefe:1870:bvn-1870_57

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de:nietzsche:briefe:1870:bvn-1870_57 [2015/11/11 17:55] (current)
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 +====== BVN-1870,57 ======
 +==== An Carl von Gersdorff in Frankreich (Feldpostbrief) ====
  
 +<WRAP right>​Basel 12 Dez. [1870]</​WRAP>​\\
 +
 +Mein lieber Freund,
 +
 +was will ich glücklich sein, wenn Du die großen Ausfälle der letzten Wochen ohne jedes Leidwesen überstanden hast! Man darf nicht mehr an diese entsetzlichen Dinge denken, wenn man nicht allen Muth verlieren will.\\
 +<​tab>​Jetzt aber will ich Dir schreiben, in der Hoffnung, ja in der Voraussetzung,​ daß Du auch diesen fürchterlichen Gefahren entronnen bist, tapfer und glücklich, als ein Liebling des Kriegsgottes — doch ohne ihn wieder zu lieben!\\
 +<​tab>​Wann nun wird Dich dieser Brief erreichen! Vielleicht zu Deinem //​Geburtstag//;​ und wenn Du ihn diesmal heil und gesund erlebst, so mache es ja wie Polycrates und opfere den //​Dämonen//​!\\
 +<​tab>​Von mir empfange die neueste Schrift Wagners über „Beethoven“,​ als ein Symbol unserer innigen Gemeinsamkeit unseres Strebens und Denkens unter //einer// Fahne, unter derselben, auf welche als auf die allein zum Ziele führende Wagner in dieser Schrift hinweist. Ich habe sie in erhobener und ehrfürchtiger Stimmung gelesen. Es sind tiefe Geheimnisse darin, schön und schrecklich,​ wie die Musik selbst in ihren höchsten Äußerungen sich offenbart.\\
 +<​tab>​Von Tribschen habe ich Dir die Photographie Wagner’s zu übersenden,​ zugleich mit herzlichen Grüßen. Frau Wagner schrieb mir „Hier für den philosophischen Kämpfenden die versprochene Photographie;​ Keinem hätte sie Wagner lieber geschickt als demjenigen, der seine Pflicht muthig erfüllend zugleich über das Wesen der Dinge nachzudenken nicht verschmäht.“\\
 +<​tab>​Nun noch etwas Erfreuliches. Du warst so gütig, mich aus Deinem Kriegslager auf eine Schrift aufmerksam zu machen, die für die Verbreitung des Schopenhauerischen Gedankenkreises auch in Frankreich bürgt. Einen großen Triumpf erlebte ich jüngst, als ich in den Berichten der Wiener Akademie der Wissenschaften einen Aufsatz des Prof. Czermak fand über Schopenhauers Farbenlehre. Dieser constatirt, daß Sch. selbständig und auf originellem Wege zu der Erkenntniß gekommen ist, die man jetzt als die Young-Helmholtzsche Farbentheorie bezeichnet: zwischen ihr und der Schopenhauerschen ist die wunderbarste,​ bis in die Bruchzahlen genaue Übereinstimmung. Der ganze Ausgangspunkt,​ daß die Farbe zunächst ein physiologisches Erzeugniß des Auges ist, sei zu allererst von Sch. dargelegt worden. Sehr bedauert wird, daß Sch. sich nicht von dem „wissenschaftlich unsinnigen“ Goetheschen Theorem und seinem furor Anti-Newtonianus habe losmachen können. Übrigens nennt Czermak (//kein// Anhänger unseres Philosophen) Schopenhauer „den //​gewaltigsten//​ Philosophen seit Kant“ Und damit müssen wir wohl zufrieden sein.\\
 +<​tab>​Diese Abhandlung und Wagners Zustimmung zur Schopenh. Lehre sind auch in ihrer Art Beiträge zum Hegeldenkmal. Eigentlich polemischer Artikel bedarf es kaum mehr. Selbst das verdient für den Umschwung angeführt zu werden, daß Hartmann’s Philos. des Unbewussten — ein Buch, in dem jedenfalls die Probleme in Schopenhauerischen Sinne gestellt sind — jetzt bereits eine zweite Auflage erlebt hat. Laß nun mir noch ein Paar Jahre Zeit, dann sollst Du auch eine neue Einwirkung auf die Alterthumskunde spüren und damit hoffentlich verbunden auch einen neuen Geist in der wissenschaftlichen und ethischen //​Erziehung//​ unsrer Nation.\\
 +<​tab>​Aber welche Feinde erwachsen jetzt auf dem blutigen Boden dieses Krieges für unsren Glauben! Ich bin hierin auf das Schlimmste gefaßt, zugleich in der Zuversicht, daß unter dem Übermaß von Leid und Schrecken hier und dort die Nachtblume der Erkenntniß aufgeht. Unser Kampf steht noch bevor — //darum müssen wir leben//! Darum habe ich auch das gute Zutrauen, daß Du //gefeit// bist; die Kugeln, die uns tödtlich treffen sollen, werden nicht aus Gewehren und Kanonen geschossen! Und damit Leb wohl! Lieber Freund!
 +
 +<WRAP right>In alter Treue Dein\\
 +Friedrich Nietzsche.</​WRAP>​
 +
 +----
 +
 +Inzwischen habe ich Deine Zeilen erhalten und bin herzlich erfreut, daß meine Voraussetzung die rechte war. Gebe der Dämon weiteres Glück! — Den „Beethoven“ Dir //jetzt// zu schicken, erlaubt die //Post// nicht. Du bekommst ihn erst im Januar.
 +
 +----
 +===== Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches =====
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 +===== Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen =====
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 +===== Wissenschaftliche Auslegungen =====
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 +===== Weitere Verbindungen =====
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de/nietzsche/briefe/1870/bvn-1870_57.txt · Last modified: 2015/11/11 17:55 by babrak