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Aphorisms -- in context.

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de:nietzsche:briefe:1870:bvn-1870_59

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 +====== BVN-1870,59 ======
 +==== An Erwin Rohde in Hamburg ====
  
 +<WRAP right>​[Basel,​ 15. Dezember 1870]</​WRAP>​\\
 +
 +Mein lieber Freund,
 +
 +keine Minute ist seit dem Lesen Deines Briefes verflossen, und schon schreibe ich. Ich wollte Dir nämlich nur sagen, daß ich //ganz gleich// fühle wie Du und es für eine Schmach halte, wenn wir nicht einmal aus diesem sehnsüchtigen Schmachten durch eine kräftige //That// herauskommen. Nun höre, was ich in meinem Gemüthe mit mir herum wälze. Schleppen wir uns noch ein Paar Jahre durch diese Universitätsexistenz,​ nehmen wir sie wie ein //​lehrreiches Leidwesen//,​ das man ernsthaft und mit Erstaunen zu tragen hat. Es soll dies unter anderem eine //​Lern//​zeit für das //Lehren// sein, auf das mich auszubilden mir als meine Aufgabe gilt. Nur habe ich mir das Ziel etwas höher gesteckt.\\
 +<​tab>​Auf die Dauer nämlich sehe auch ich ein, was es mit der Schopenhauerischen Lehre von der Universitätsweisheit auf sich hat. Es ist ein ganz radikales //​Wahrheits//​wesen hier nicht //​möglich//​. Insbesondre wird etwas wahrhaft Umwälzendes von hier aus nicht seinen Ausgang nehmen können.\\
 +<​tab>​Sodann können wir nur dadurch zu wirklichen //Lehrern// werden, daß wir uns selbst mit allen Hebeln aus dieser Zeitluft herausheben und daß wir nicht nur weisere, sondern vor allem //bessere// Menschen sind. Auch hier spüre ich vor allem das Bedürfniß,​ //wahr// sein zu müssen. Und wiederum ertrage ich deshalb die Luft der Akademien nicht mehr zu lange.\\
 +<​tab>​Also wir werfen einmal dieses Joch ab, das steht //für mich// ganz fest. Und dann bilden wir eine neue //​griechische//​ Akademie, Romundt gehört gewiß zu uns. Du kennst wohl auch aus Deinem Besuche in Tribschen den Baireuther Plan //​Wagners//​. Ich habe mir ganz im Stillen überlegt, ob nicht hiermit zugleich //​unsererseits//​ ein Bruch mit der bisherigen Philologie und ihrer //​Bildungsperspektive//​ geschehen sollte. Ich bereite eine große adhortatio an alle noch nicht völlig erstickten und in der Jetztzeit verschlungenen Naturen vor. Wie kläglich ist es doch, daß ich Dir darüber schreiben muß, und daß nicht jeder Einzelgedanke mit Dir bereits längst //​durchsprochen//​ ist! Und weil Du diesen ganzen vorhandenen Apparat nicht kennst, wird Dir vielleicht gar mein Plan wie eine excentrische Laune erscheinen. Das ist //er nicht//, er ist eine //Noth//.\\
 +<​tab>​Ein eben erschienenes Buch von Wagner über //​Beethoven//​ wird Dir Vieles andeuten können, was ich jetzt von der Zukunft will. Lies es, es ist eine Offenbarung des Geistes, in dem //wir// — wir! — in der Zukunft leben werden.\\
 +<​tab>​Sei es nun auch, daß wir wenig Gesinnungsgenossen bekommen, so glaube ich doch, daß wir uns selbst so ziemlich — freilich mit einigen Einbußen — aus diesem Strome herausreißen können und daß wir eine kleine Insel erreichen werden, auf der wir uns nicht mehr Wachs in die Ohren zu stopfen brauchen. Wir sind dann unsere gegenseitigen Lehrer, unsre Bücher sind nur noch Angelhaken, um jemand wieder für unsre klösterlich-künstlerische Genossenschaft zu gewinnen. Wir leben, arbeiten, genießen für einander — vielleicht daß dies die einzige Art ist, wie wir für das //Ganze// arbeiten sollen.\\
 +<​tab>​Um Dir zu zeigen, wie ernsthaft ich das meine, so habe ich bereits angefangen, meine Bedürfnisse einzuschränken,​ um einen kleinen Rest von Vermögen mir noch zu bewahren. Auch wollen wir in //​Lotterien//​ unser „Glück“ versuchen, wenn wir Bücher schreiben, so verlange ich für die nächste Zeit die höchsten Honorare. Kurz jedes nicht unerlaubte Mittel wird benutzt, um uns äußerlich in die Möglichkeit zu versetzen, unser Kloster zu gründen. — Wir haben also auch für die nächsten Paar Jahre unsre //​Aufgabe//​.\\
 +<​tab>​Möge Dir dieser Plan vor allem würdig erscheinen, überdacht zu werden! Daß es vor allem Zeit sei, ihn Dir vorzulegen, dafür giebt mir Dein eben empfangener,​ wirklich ergreifender Brief Zeugniß.\\
 +<​tab>​Sollten wir nicht im Stande sein, eine neue Form der Akademie in die Welt zu setzen\\
 +<​tab><​tab>​„und sollt ich nicht, sehnsüchtigster Gewalt,\\
 +<​tab><​tab>​„Ins Leben ziehn die einzigste Gestalt?​“\\
 +wie Faust von der Helena sagt.\\
 +<​tab>​Von diesem Vorhaben //weiß Niemand// etwas, und von Dir soll es nun abhängen, ob wir jetzt auch //Romundt// eine vorbereitende Mittheilung machen.\\
 +<​tab>​Unsre Philosophenschule ist doch gewiß keine historische Reminiscenz oder eine willkürliche Laune — treibt uns nicht eine //Noth// auf diese Bahn hin? — Es scheint daß unser Studentenplan,​ unsre gemeinsame Reise, in einer neuen, symbolisch größeren Form wiederkehrt. //Ich// will nicht der sein, der Dich wiederum, wie damals, im Stiche läßt; es wurmt mich immer noch.
 +
 +<WRAP right>​Mit den besten Hoffnungen Dein\\
 +getreuer Frater Fridericus.</​WRAP>​
 +
 +----
 +
 +Vom 23 Dez. bis 1 Januar bin ich in Tribschen bei Luzern. — Von Romundt weiß ich nichts.
 +
 +----
 +===== Ähnlichkeiten mit Aphorismen von Nietzsches =====
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 +===== Ähnlichkeiten mit Aphorismen von anderen =====
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 +===== Wissenschaftliche Auslegungen =====
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 +===== Weitere Verbindungen =====
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de/nietzsche/briefe/1870/bvn-1870_59.txt · Last modified: 2015/11/11 17:56 by babrak