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1871

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BVN-1871,1

An Wilhelm Vischer (-Bilfinger) in Basel

[Basel, vermutlich Januar 1871]


Verehrtester Herr Rathsherr,

für die nachfolgende Combination brauche ich in besonderem Maße Ihren wohlwollenden Rath und Ihre mir schon mehrfach bewährte wahre Theilnahme. Sie werden sehen, daß ich das Wohl der Universität ernsthaft in’s Auge gefaßt habe, und daß deren wirkliches Interesse mich zu der folgenden, etwas ausführlichen Auseinandersetzung nöthigt.
     Es wird Ihnen von meinen Ärzten mitgetheilt worden sein, in welchem Grade ich wieder leidend bin und daß an diesen unerträglichen Zuständen Überanstrengung Schuld sei. Nun habe ich mich wiederholt gefragt, woraus dieser sich in der Mitte fast jeden Semesters einstellende Zustand der Überanstrengung zu erklären sei; und ich mußte mir sogar überlegen, ob ich nicht meine Universitätsthätigkeit überhaupt abzubrechen habe, als eine für meine Natur ungeeignete Lebensweise. Schließlich bin ich aber in dieser Beziehung zu einer anderen Auffassung gelangt, die ich Ihnen jetzt vortragen möchte.
     Ich lebe hier in einem eigenthümlichen Konflikt, und der ist es, der mich so erschöpft und selbst körperlich aufreibt. Von Natur auf das Stärkste dazu gedrängt, etwas Einheitliches philosophisch durchzudenken und in langen Gedankenzügen andauernd und ungestört bei einem Problem zu verharren, fühle ich mich immer durch den täglichen mehrfachen Beruf und dessen Art hin und her geworfen und aus der Bahn abgelenkt. Dieses Nebeneinander von Pädagogium und Universität halte ich kaum auf die Länge aus, weil ich fühle, daß meine eigentliche Aufgabe, der ich im Nothfalle jeden Beruf opfern müßte, meine philosophische, dadurch leidet, ja zu einer Nebenthätigkeit erniedrigt wird. Ich glaube daß diese Schilderung auf das Schärfste das bezeichnet, was mich hier so aufreibt und mich zu keiner gleichmäßig-heiteren Berufserfüllung kommen läßt, was andernseits meinen Körper erschöpft und bis zu solchen Leiden anwächst, wie die jetzigen sind: die, wenn sie öfter wiederkehren sollten, mich rein physisch zwingen würden, jeden philologischen Beruf aufzugeben.
     In diesem Sinne erlaube ich mir, mich bei Ihnen um die durch Teichmüllers Weggang erledigte philosophische Professur zu bewerben.
     Was meine persönliche Berechtigung, den philosophischen Lehrstuhl zu ambitionieren, betrifft: so muß ich allerdings mein eignes Zeugniß voranstellen, daß ich dazu Potenz und Kenntnisse zu besitzen glaube und mich sogar, Alles in Allem, für jenes Amt befähigter fühle als für ein rein philologisches. Wer mich von meinen Schul- und Studentenjahren kennt, ist nie über die Prävalenz der philosophischen Neigungen im Zweifel gewesen; und auch in den philologischen Studien hat mich vorzugsweise das angezogen, was entweder für die Geschichte der Philosophie oder für die ethischen und aesthetischen Probleme mir bedeutsam erschien. Sodann stimme ich völlig Ihrem Urtheile bei und mache es für mich geltend, daß bei der augenblicklichen etwas schwierigen Lage der Universitätsphilosophie und bei der geringen Zahl der wirklich geeigneten Bewerber derjenige einiges Anrecht mehr hat, der eine solide philologische Bildung aufzuweisen hat und bei den Studierenden die Theilnahme für eine sorgfältige Interpretation des Aristoteles und Plato wecken kann. Ich erinnere daran, daß ich bereits zwei Collegien angekündigt habe, die in diesem Sinne philosophischer Natur waren „die vorplatonischen Philosophen mit Interpretation ausgewählter Fragmente“ und „über die platonische Frage.“ So lange ich Philologie studiere, bin ich nie müde geworden, mich mit der Philosophie in enger Berührung zu erhalten; ja meine Haupttheilnahme war immer auf Seiten der philosophischen Fragen, wie mir mancher bezeugen kann, der mit mir umgegangen ist. Von hiesigen Collegen möchte zB. Overbeck darüber einigen Aufschluß geben können, von Auswärtigen Keiner mehr als mein Freund Dr. Rohde Privatdozent in Kiel. Es ist eigentlich nur dem Zufall zuzuschreiben, daß ich nicht von vornherein für Philosophie meine Universitätspläne gemacht habe: dem Zufall, der mir einen bedeutenden und wahrhaft anregenden philosophischen Lehrer versagte: worüber man bei der jetzigen Constellation der philosophischen Zustände an Universitäten sich gewiß nicht wundern darf. Gewiß aber würde hierin einer meiner wärmsten Wünsche erfüllt, wenn ich auch hier der Stimme meiner Natur folgen dürfte: und ich glaube hoffen zu können, daß nach Beseitigung jenes vorhin erwähnten Conflikts auch mein körperliches Befinden ein bei weitem regelmäßigeres sein wird. Als befähigt für eine philosophische Lehrstelle werde ich mich bald genug öffentlich ausweisen können: meine gedruckten Arbeiten über Laert. Diog. sind jedenfalls auch für meine philosophisch-historischen Bestrebungen geltend zu machen. Für pädagogische Fragen und Untersuchungen habe ich immer Theilnahme gehabt: darüber lesen zu dürfen wird mir eine Freude sein. Von neueren Philosophen habe ich mit besonderer Vorliebe Kant und Schopenhauer studiert. Sie haben aus den letzten 2 Jahren gewiß von mir den guten Glauben gewonnen, daß ich das Unpassende und Anstößige zu vermeiden verstehe und daß ich unterscheiden könne, was sich im Vortrag vor Studierenden schickt, was nicht.
     Wenn ich Ihnen nun meine Kombination völlig darstellen darf, so hatte ich geglaubt, daß Sie in Rohde einen überaus geeigneten Nachfolger für meine philologische Professur und Stelle am Pädagogium finden würden. R., mir seit 4 Jahren auf das Genaueste bekannt, ist von allen jüngeren Philologen, die mir vorgekommen sind, der allerbefähigste und für jede Universität, die ihn erwirbt, ein wahrer Schmuck; zudem ist er wirklich noch zu haben, während ich höre, daß man in Kiel damit umgeht, durch Gründung einer neuen philolog. außerordentl. Professur ihn dauernd dort festzuhalten. Ich kann nicht genug aussprechen, wie sehr mir das Dasein hier in Basel durch die Nähe meines besten Freundes erleichtert würde. — Die ganze Konversion der Dinge könnte sofort mit dem Beginn des neuen Sommersemesters beginnen, so daß also keinerlei Lücken in der Besetzung der Stellen eintrete. Ich meinerseits wäre sofort bereit, Ihnen die Ankündigung meiner philosoph. Vorlesungen zu machen und würde durch eine regelmäßige Antrittsvorlesung im Anfange des Sommers meine neue Stellung inaugurieren.
     Lassen Sie sich, verehrtester Herr Rathsherr, von der Sonderbarkeit der vorgeschlagnen Combination nicht erschrecken und würdigen Sie dieselbe einer Erwägung.
     Um Ihre Nachsicht, Ihren Rath, Ihre Theilnahme bittend

bin ich in hochachtungsvoller
Ergebenheit der Ihrige
Dr. Fr. Nietzsche
Prof. o. p. der klass. Philol.


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BVN-1871,2

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Basel, wahrsch. 21. Januar 1871]


Liebe Mutter und Schwester,

so will ich denn sogleich antworten, mich zu entschuldigen so gut es geht. Wirklich ist meine Gesundheit in der letzten Zeit nicht gut gewesen, und ich lechze nach Erholung und besserer Luft, vor allem nach weniger Berufsarbeit. Gelegentlich habe ich die ganze Professorenthätigkeit satt. Man kommt nicht recht zu seiner eigentlichen Aufgabe und verzehrt sich in der besten Zeit seines Lebens durch übermäßiges Schulmeistern — Zeter!
     Schlechter Magen, schlechter Schlaf, zu wenig Bewegung, große Angegriffenheit, und unleidliches Wetter!
     Beiläufig — um das Letzterwähnte Deines Briefes nicht zu vergessen — seitens meines Herrn Onkels ist bis jetzt noch keine Zeile, geschweige denn ein Pfennig eingelaufen.
     Der gute Bergmann hat mich auf seiner Reise hier besucht und mit Zeichen seiner Liebe wahrhaft überhäuft. Ich wußte es, daß er nicht zurückkommen würde und nahm mit diesem Bewußtsein von ihm Abschied. Er war sehr leidend.
     Meinem trefflichen Vetter Rudolf wünsche ich immer das Allerbeste, denn er verdient es. Schickt ihm doch beifolgende Karte von mir zur Gratulation.
     Wie stehen eigentlich meine Vermögensverhältnisse? Ich habe gar keinen Überblick mehr. —
     Prof. Fritz Brockhaus, der Bruder von Clemens (der Euch recht grüßen läßt) hat sichere Aussicht, hierher nach Basel berufen zu werden. Ich habe einen kleinen Antheil an dieser Berufung. —
     Heute ist Samstag. Ich will tüchtig spazieren laufen, nur ist es sehr schmutzig. Die Nacht habe ich keinen Augenblick geschlafen. Ich bin froh daß die Woche zu Ende ist.
     Nun nochmals schönen Dank für Eure Briefe. Entschuldigt meine Nachlässigkeit und denkt meiner freundlich.

Fritz.


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BVN-1871,3

An Elisabeth Nietzsche in Naumburg

Freitag, Basel, 27 Jan. 71.


Ich habe Dir, liebe Lisbeth, noch nicht in Betreff des Geburtstages geschrieben. Natürlich habe ich darauf gerechnet, daß Du den Schirm in meinem Namen besorgst — einen guten Schirm. Dann kannst Du noch eine recht schöne Torte bestellen, auch für mich. Und Beides dann überreichen.
     Wir haben einen argen Winter, und meine Gesundheit war recht bedenken-erregend in den letzten Wochen. Ostern muß ich jedenfalls etwas in südlichere Luft, vielleicht nach Glion. Was meinst Du, wenn ich Dich aufforderte, mit zu kommen?
     Den beiliegenden Brief übergieb am Geburtstage, recht ziemlich.

Es grüßt Dich herzlich
Fridericus.


Wie steht es mit den Finanzen für Ostern?


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BVN-1871,4

An Franziska Nietzsche in Naumburg

Für den 2ten Febr. 1871.
[Basel, vermutlich 27. Januar]



Wie alt, geehrteste Geburtstäglerin, bist Du denn eigentlich geworden? So viel ich mich erinnere gehst Du ungefähr mit dem Jahrhundert und ich freue mich Dir somit zu Deinem einundsiebzigsten Geburtstage gratulieren zu können: mit welchem Lebensalter doch schon etwas erreicht ist.
     Wenn Du auf Deine letzten vierzig Jahre zurückdenkst, so muß es Dir doch ziemlich wohl zu Muthe sein; denn sie sind sehr schnell vergangen: was ein Beweis dafür ist, daß sie glücklich verlebt sind.
     Unsereiner wünschte nichts mehr als mit gleicher, ja noch größerer Schnelligkeit hinter Dir drein zu fahren und Dich einzuholen; doch sagt man mir, daß das schwerer ist als man denkt und daß dies nur denjenigen passiere, die am 2 Febr. geboren sind.
     Dies rasche Altern der Mütter soll nun das Gegentheil bei den Kindern hervorrufen — und wir haben ja das Beispiel, daß unsre Tochter nicht über die Siebzehn hinauskommt, so sehr sie sich auch seit 8 Jahren bemüht. Da müssen wir Beide also uns mit einander trösten: ich, immer noch wie Du, recht behaglich, nur mitunter etwas mehr als Du an Altersschwäche leidend feire dies Jahr meinen 87ten Geburtstag und darf mich vielleicht dabei pensionieren lassen. In Ehren und nicht ohne einen silbernen Pokal, aus dem Du recht ordentlich nippen sollst.
     Für die nächsten fünfzig Jahre Deines Daseins bringe ich Dir heute einen so lange aushaltenden Regenschirm, nebst einer Torte, deren Dauerhaftigkeit mir aber nicht garantiert wurde. Genieße die eine unter dem anderen, wenn Du es Deiner Gesundheit für zuträglich erachtest —

mit welcher Dich herzlich grüßt
Dein
Fridericus.


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BVN-1871,5

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Basel, 6. Februar 1871]


Liebe Mutter und Schwester,

mein Befinden hat sich sehr verschlechtert, schreckliche Schlaflosigkeiten, Hämorhoidalleiden, große Angegriffenheit usw. — Liebermeister und Hoffmann behandeln mich; es sei eine Magen- und Darmentzündung, hervorgerufen durch Überanstrengung. Ich habe die Baseler Professur recht satt. Ich muß eine Karlsbader Wasser-Kur gebrauchen, aber es bessert sich nicht. Die Ärzte verlangen jetzt, daß ich bis Ostern Basel verlasse, und in einer südlicheren Luft, ohne irgend etwas zu thun, mich wieder stärke. Wer von Euch hat nun Lust, mich zu begleiten? Denn für uns drei würde die Sache wohl zu theuer. Mir sind die norditalienischen Seen angerathen. Nöthigenfalls kann ich auch allein reisen. Mein Zustand ist, wie mir noch gestern Hoffmann erklärte, gänzlich unbedenklich, wenn jetzt gleich Abhülfe geschafft wird.
     Hier ist nun der rascheste Entschluß der Beste. Jedenfalls bitte ich um sofortige Antwort.
     Wie gesagt, unbedingt nöthig ist es keineswegs, daß Ihr kommt. Etwas Anderes ist es, wenn ich Euch bitten würde, den Sommer in Basel zu verleben: worauf Ihr Euch nur einrichten mögt.
     Aber anfragen wollte ich doch, ob jemand mich jetzt begleiten will. Italienisch kann ich nicht, aber mit Französisch kommt man dort überall ungefähr durch.
     Man wird doch als deutscher Dozent in Basel unverantwortlich ausgenutzt: bei sehr schlechtem Gehalt! Wenn es irgend eine Gelegenheit giebt, mich von hier zu entfernen, so benutze ich sie.
     Wie steht es nun mit den Geld Verhältnissen? Was habe ich Ostern für Zinsen zu erwarten? —
     Ich bitte mir also über Eure Gedanken die allerschnellste Mittheilung aus, da jeder Tag, den ich jetzt länger in Basel verweile, meiner Genesung im Wege steht.
     Ich telegraphiere heute: wenn dieser Brief ankommt, habe ich bereits die Rückantwort und Euer Entschluß ist schon so gefaßt, daß wir etwa Donnerstag von Basel aus abreisen können.
     So ordnet es Liebermeister an, der mich eben besuchte und mir Lugano empfiehlt. Wenn der Entschluß so schnell nicht gefaßt sein könne, so dürfe ich nicht warten.

Und nun mit den herzlichsten
Wünschen
Euer Fr.


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BVN-1871,6

An Elisabeth Nietzsche in Naumburg (Telegrammentwurf)

[Basel, 6. Februar 1871]


          Elisabeth Nietzsche Naumburg an Saale

     Erwarte Dich bis Donnerstag hier, zusammen nach Lugano, ich unwohl. Wenn nicht, abtelegraphieren.

Fritz.


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BVN-1871,7

An Elisabeth Nietzsche in Naumburg (Telegramm)

Naumburg de Bâle N° 1045, 19 W. 8/2 1871 12 Uhr 20 Min. N


               Elisabeth Nietzsche Naumburg an Saale.
     Sehr verstimmt über Telegramme Arzt wünscht dich herbei ich erwarte noch Ankunft morgen.

Fritz.


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BVN-1871,8

An Erwin Rohde in Kiel

Basel Mittwoch. [8. Februar 1871]


Mein lieber Freund,

Große, noch nie dagewesene Transaktion, Transfiguration, Transsubstantiation!!
     Wir haben vielleicht Aussicht, nächstes Semester zusammen zu verleben. Du als mein Nachfolger und ich — als Universitätsphilosoph!!
     Teichmüller verläßt jetzt Basel, um nach Dorpat zu gehen, und ich habe mich gemeldet und um seinen Lehrstuhl beworben: mit der bestimmten Erklärung, daß Du als mein Nachfolger nach Basel in meine jetzige Stellung berufen wirst.
     Sehen wir zu, wie die Götter unser Schifflein führen! Mir soll man nachsagen, daß ich zum Besten der Freundschaft die schlausten Einfälle gehabt habe. Wie habe ich gesonnen, uns zu vereinigen! Eine Möglichkeit winkt!
     Dann müßtest Du schon Mitte April hier eintreffen.
     Mehr schreibe ich nicht. Hoffen wir das Beste, aber schweigen wir!
     Meine Gesundheit ist so schlecht, daß die Ärzte mich nach dem Süden schicken und ich übermorgen nach Lugano abreise. Magen- und Darm-entzündung! Scheußliche Schlaflosigkeit! Bis Ostern bleibe ich fort und kehre als Philosoph wieder, wenn mein Plan gelingt. Von mir also bekommst Du über die Baseler Dinge nichts mehr zu hören. Wenn aber erst Vischer schreibt, dann tritt die Sache in ein günstiges Stadium. Geduld und Hoffnung! Und Schweigen!
     Dieser Brief ist gegen jedermann zu cachieren, auch gegen Vischer.

Freude, schöner Götterfunken!

Amicus.


Briefe nach Basel zu address[ieren.] — Ich schreibe eiligst.


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BVN-1871,9

An Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Basel, kurz nach dem 8. Februar 1871]


Liebe Lisbeth,

nur wenig Worte. Komm doch ja noch. Also Montag Abend mit Schnellzug (so daß Du Sonntag um Mitternacht von Naumburg fort mußt) Am Bahnhof wird Dich Minna empfangen. Und bei mir wirst Du die Nacht wohnen, während ich allerdings schon Sonnabend von hier fortreise und nach Tribschen. Ich will dann um 2 Uhr Nachmittag am Dienstag an Eisenbahn und am Dampfschiff in Luzern sein: Du müßtest also am Dienstag 10½ Uhr von Basel abreisen. Diesen Dienstag geht es dann noch bis Andermatt, wo wir übernachten. Mittwoch bis Bellinzona, wo wir übernachten, Donnerstag Mittag kommen wir in Lugano an. Wir reisen also langsam: so ist es mir gerathen. Richte Dich auf große Kälte ein. Doch werden Dir auch Siebers alles an Decken usw. geben, was Du brauchst.
     Die Zusagebriefe kamen Mittwoch früh: das Absagetelegramm einige Stunden später: Scherze, die ich jetzt schlecht vertrage: ich zitterte und mußte mich erbrechen. Mein Brief war geschrieben, um Euch zu beruhigen: dabei ist er über’s Ziel hinausgeschossen. Es geht mir nicht gut.

Herzliche Grüße
F.


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BVN-1871,10

An Franziska Nietzsche in Naumburg

Lugano am Tag des Kaisereinzugs in Paris.
[1. März 1871]



Heute sollst Du auch von mir ein paar Zeilen bekommen, zum Beweise, daß es mir doch schon viel besser geht. Zwar das Hauptleiden, die Schlaflosigkeit, ist bis jetzt noch nicht gehoben. Selbst wenn ich die stärksten Touren mache, oder den ganzen Tag im Freien bin, so hat dies keinen Einfluß auf den Schlaf. Dagegen geht es mit den Hämorhoiden schon recht gut: und wenn erst der Darm wieder ganz gesund ist, wird auch, wie ich hoffe, der Schlaf wieder kommen. Zeitweilig bin ich recht hoffnungslos: aber ich muß doch zugeben, daß seitdem ich aus Basel fort bin, der Zustand doch wieder erträglich geworden ist, während er in Basel einfach unerträglich war.
     Daß Du Lisbeth fortgelassen hast, war mir eine große Erleichterung, und Du wirst wohl aus ihren Briefen wissen, daß es ihr bis jetzt gutgegangen ist, und daß sie gute Bekannte sich gemacht hat. In mancher Beziehung haben wir es gut getroffen.
     Wenn ich nur bis Ostern wieder recht hergestellt bin, um in Basel wieder die alten Pflichten zu übernehmen!
     Inzwischen halte ich mir alles Aufregende fern. Mitunter wirst Du Dich jetzt recht allein fühlen, nicht wahr?
     Aber solche Freuden, wie die „hochihrigen Geschenke“, trösten dann wieder. Nicht wahr? Schönsten Dank für den ausführlichen Brief, den ich „den hochihren Brief“ getauft habe.

Und so bin ich in herzlicher Liebe
der hochihrige
Sohn Fr.


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BVN-1871,11

An Wilhelm Vischer-Bilfinger

[Lugano, 15. März 1871]


Verehrter Herr Rathsherr,

wir haben heute in Lugano den ersten Regentag, deshalb bleibe ich ohne Gewissensbisse zu Hause und schreibe eine Anzahl Briefe, von denen Sie sofort den ersten erhalten. Die letzte Nacht habe ich gut geschlafen; ich bin jetzt auf dem Standpunkt, daß im Ganzen auf jede schlechte Nacht eine gute und auf jede gute eine schlechte folgt, also immer noch ein sehr mittelmäßiges Wohlbefinden! Dabei mache ich mir viele und regelmäßige Ermüdungen, fast jeder Tag führt mich zu einem neuen schönen Aussichts- punkte, ja gestern haben wir eine größere halbtägige Seefahrt glücklich überstanden und die „Fischerschlucht“ und Tropfsteinhöhlen besucht. Die Gesellschaft ist eine recht gute und einmüthige, so daß wir gestern zu neun Personen bei der Excursion waren. Auch verdient das Hôtel du Parc jedes Lob. Nur war das Klima im Ganzen noch recht winterlich, und immer noch sind die benachbarten Berge mit Schnee bedeckt. Der heutige Regen wird aber als Grenzscheide zwischen Winter und Frühling betrachtet.
     Über die Anwesenheit meiner Schwester bin ich sehr froh; wir haben beide zusammen in drei Tagen den Weg von Basel nach Lugano zurückge- legt, den größten Theil der Gotthardstr. mit Schlitten, bei allerschönstem Wetter und in der interessanten Begleitung von Mazzini. Unter unseren hiesigen Bekannten ist die treffliche Familie von Moltke’s Bruder, der die letzten Tage recht leidend war. Auch der General wurde lange Zeit erwar- tet, doch hören wir jetzt, daß er direkt, und ohne alle Ferien, von Versailles zum Reichstag nach Berlin abreist. Um die andre mit uns verbundne Ge- sellschaft zu nennen, so giebt es jetzt hier außer zwei preußischen verwun- deten Offizieren einen schlesischen Grafen Pfeil mit einer sehr heiteren jungen Gattin, Fräulein von Jordan mit einer Fr. Müller als Begleiterin, Herrn v. Kraker, Mrs. Stuart und mehrere gute Engländer und eine Russin, nicht zu rechnen die kürzre Zeit hier verweilenden Fremden.
     Ich schicke Ihnen, damit Sie Sich von meinem verbesserten Aussehen eine Vorstellung machen, eine eben fertig gewordene Photographie.
     Jedenfalls bleibe ich noch einige Wochen; denn ich habe jetzt noch nicht die geringste Bürgschaft, daß ich nicht bei dem ersten Tage regelmä- ßiger Berufsarbeit völlig wieder in den alten Zustand zurückfalle. In den schlaflosen Nächten bin ich mit unter ganz trostlos. Das Höchste, was ich bis jetzt erreicht habe - und auch dies nicht ohne kleine Hilfsmittel - ist leidlicher Schlaf in drei aufeinanderfolgenden Nächten: in summa habe ich seit meiner Abreise ungefähr 10 Nächte geschlafen.
     Sie werden mir einen großen Gefallen erweisen, verehrter Herr Rathsherr, wenn Sie mir einiges Geld, vielleicht 2-300 frs. übersenden wollten: ich muß mich auf einige Wochen noch einrichten, und Geldsendungen aus Naumburg bis hierher sind gar zu unbequem. Ich hoffe daß Sie mir die Freiheit dieser Bitte verzeihn.
     Ihnen und Ihrer Frau Gemahlin wünsche ich - samt meiner Schwester bestens empfohlen zu sein und zu bleiben. Ihr ergebenster

Dr Friedrich Nietzsche.


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BVN-1871,12

An Franz Overbeck in Dresden

[Lugano, nach dem 22. März 1871]


Mein lieber Freund und College, wundern Sie Sich nicht über den Exceß meiner Schreibunseligkeit? Ihnen so lange nicht zu schreiben! Ich wundere mich sehr darüber! Glauben Sie mir wenigstens, wie getreulich ich Ihrer gedacht und wie dankbar ich mich an viele Züge Ihrer mitleidigen Krankenpflege erinnert habe. Dank Ihnen, Dank Ihrem Pelz bin ich diesmal noch so leidlich weggekommen — in jeder Bedeutung des Wortes. Es war gewiß die höchste Zeit; denn mir kommt es jetzt, beim Nachdenken über den Baseler Januar, so vor, als ob ich in fortwährender traumhafter Überspanntheit aller Nerven herum gelaufen sei und Ihnen in diesem Zustande gewiß nicht sehr bequem gefallen sei. Und Sie haben mich damals ausgehalten und sind mit mir spazieren gegangen etc. etc. Zum Lohne dafür sollten Sie plötzlich an diesen blauen See versetzt werden — nur um Gottes Willen heute nicht, bei abscheulicher norddeutscher Regenluft und dickem pelzartigen Nebel! Aber vielleicht morgen oder übermorgen! Dann würden wir zusammen nach den ersten Blumen des Frühjahrs suchen und sie vielleicht auch eben so sicher hier finden wie in Dresden, das wie ich glaube Sie in diesen Ferien besuchen werden. Wenn wir eine warme Stelle am See finden sollten, so würden wir uns dort, unter kleinen Schlangen und Eidechsen, niederlassen: obwohl ich meine daß der Plauensche Grund auch diese Genüsse zu schaffen vermag. Wenn uns sehr wohl zu Muthe wäre, könnten wir uns sogar auf einen Kahn setzen und uns auf dem See herumfahren lassen, freilich nicht ohne Fußsack und mit der Wahrscheinlichkeit eines Schnupfens. Sie sehen, daß wir hier auch einige norddeutsche Anwandelungen haben, vielleicht mehr als in der Nordschweiz, die, in Folge des dort constatirten „Deutschenhasses“, auch wohl republikanische, durch ein Referendum zu erzielende und jedenfalls nicht norddeutsche Witterungsverhältnisse hat. Hier neigt man zu Preußen: ja wir haben, ohne jeden Mord, neulich eine Geburtstagsfeier Kaiser Wilhelms uns gestatten können und „lebende“ Bilder gestellt, ohne fürchten zu müssen, daß man auf dieselben schießt. Ja es giebt hier harmlose Deutsche, die sogar die Zither zu spielen wagen, ja es muß sogar bekannt werden, daß hier zwei, seit gestern 4 verkappte preußische Offiziere leben, die ohne jede Waffe am See spazieren und an Feiertagen sogar ihre Uniform tragen. Alles zusammen constatirt ein Wohlbefinden in Lugano, welches sicherlich das in Basel übertrifft und vielleicht nur noch vom Wohlbefinden in jeder deutschen Stadt, jedenfalls in Dresden, übertroffen wird. Es wäre also ein schlechter Lohn, wenn Sie für Ihre an mir bewiesene Mildthätigkeit aus Dresden hierher verzaubert würden: weshalb ich daran denke, Ihnen auf eine andre Art meine Dankbarkeit auszudrücken. Hier ist erstens meine Photographie, die nur zum geringsten Theil zeigt, daß ich mich gebessert habe, gerade aber die wichtigsten Veränderungen im Ganglien- und Saugadersystem nicht wiedergiebt, sondern den Mantel über dieselben gedeckt hat.
     Mit diesem, so wie mit Ihrem Pelz verbleibe ich der ich war, frierend und fröstelnd und Ihrer herzlich gedenkend

Ihr dankbarer Freund,
Kamerad und College, ja Mitmensch
Friedr. Nietzsche


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BVN-1871,13

An Julius Piccard in Basel

Lugano, 25. März 1871


Lieber und werter Herr Kollege,

Sie haben mich durch Ihren Brief wahrhaft überrascht: wie selten habe ich ein so reines Zeichen der Teilnahme erhalten! Der ganze Tag nahm ein freundliches Gesicht an, der mit dem Empfang dieses Briefes begonnen war. Seien Sie überzeugt, daß ich so einen Zug wie diesen, nie vergessen kann. — Zugleich war es der erste Tag, den ich mit dem trefflichen Heusler zusammen in Lugano verlebte. Durch ihn bin ich wieder über die Baseler Zustände unterrichtet, ja wir bekommen jetzt täglich die Baseler Zeitung hierher. Ich hoffe in der Mitte des nächsten Monats wieder dort einzutreffen und mit Beginn des Mai in die alte berufsmäßige Tätigkeit einzutreten. Daß Sie selbst dieses ganze lange Winterhalbjahr ohne längere Störungen ausgehalten haben, dazu in einem, wie mir scheint, nicht ganz ungefährlichen Klima — hat mich sehr gefreut und gibt mir die besten Hoffnungen für die völlige Wiederherstellung Ihrer Gesundheit. Der Sommer ist in Basel recht erträglich und warm; ich kann heute das Wort „Wärme“ nicht ohne Sehnsucht schreiben. Denn der schöne See ist ganz mit kaltem dichtem Nebel überhängt, und graues Mißvergnügen breitet sich über das Hotel und seine sehr vom Wetter abhängigen Bewohner [+ + +]


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BVN-1871,14

An Erwin Rohde in Kiel

Lugano, Hôtel du Parc (wird aber Ende der Woche verlassen.)
[29. März 1871]



Ja, mein lieber Freund, den Bann lösen! Das ist nicht leicht und mir zur Zeit gänzlich unmöglich. Denn ich weiß von der Fortentwicklung der Sache nichts, gar nichts. Vischer hat mir zwar einmal hierher (nach Lugano) geschrieben, aber in seinem Briefe war kein Wort über unser gemeinsames Anliegen. Dagegen erlebte ich noch in Basel vor meiner Abreise und nachdem ich Dir geschrieben, einige Anzeichen, daß der „Philosoph“ Steffensen keinen guten Willen für das Projekt hat. Denke Dir, wie sehr man mich in der Hand hat, wenn man sich auf meine nie verschwiegene Schopenhauerei berufen kann! Zudem muß ich doch auch mich philosophisch etwas ausweisen und legitimieren: eine kleine Schrift „Ursprung und Ziel der Tragödie“ ist dazu fertig gemacht worden, fertig bis auf einige Pinselstriche. Somit glaube ich, daß wir mindestens etwas noch warten müssen, nämlich bis Michaelis, wo sich die Sache, besten Falls, für uns entscheidet. Freilich ist damit der traurige Zustand der Aufregung und Unzufriedenheit, als unser perpetuum mobile, noch recht in die Länge gezogen, und wir haben gute Zeit, unsere philosophische Kaltblütigkeit an einer nicht sehr hoffnungsreichen Erwartung zu erproben! — Das ist nun die Kehrseite meines Einfalls: gelang er schnell und unerwartet, Glorie!, verzögerte er sich, Miserabilität! Wir haben das längere Theil erwählt, das diesmal auch das kürzere ist.
     Mein Befinden ist leider noch nicht das Beste; immer noch verbringe ich von zwei Nächten die eine schlaflos. Obwohl ich viel heiterer und ruhiger bin und im Ganzen mich wohl fühle, darf ich doch noch nicht an Reisepläne denken; von Italien erhasche ich den Zipfel und lasse ihn bald wieder fallen. Ich habe noch nicht einmal den Comersee und den Langensee kennen gelernt und bin bereits mehr als 6 Wochen in Lugano. Das Wetter ist im Ganzen wenig italiänisch; von einem Frühling, der mehr wäre als unser deutscher Frühling, habe ich noch nichts gespürt — Selbst die niederen Berge rings herum haben noch Schnee, und bis vor zwei Wochen hatten wir ihn noch im Garten des übrigens guten Hôtels. Abnorm! sagt man mir, ein leidiger Trost, an den ich mich seit meinem Aufenthalte in der Schweiz, bereits gewöhnt habe.
     Unter vielen niedergedrückten und halben Stimmungen habe ich auch einige recht erhobene gehabt und davon in dem genannten Schriftchen Einiges merken lassen. Von der Philologie lebe ich in einer übermüthigen Entfremdung, die sich schlimmer gar nicht denken läßt. Lob und Tadel, ja alle höchsten Glorien auf dieser Seite machen mich schaudern. So lebe ich mich allmählich in mein Philosophenthum hinein und glaube bereits an mich; ja wenn ich noch zum Dichter werden sollte, so bin ich selbst hierauf gefaßt. Einen Kompaß der Erkenntniß, wozu ich bestimmt sei, besitze ich ganz und gar nicht: und doch sieht mir, in der Recapitulation, alles so wohl zusammenstimmend aus als ob ich einem guten Dämon bis jetzt gefolgt sei. Daß sich jemand, in dieser Unklarheit der Ziele, ja ohne jenes höchste Streben auf eine Staatsbeamtung hin, doch so klar und ruhig fühlen könne, wie ich mich im Ganzen fühle, habe ich nie geglaubt. Welche Empfindung, seine eigne Welt, einen hübschen Ball, vor sich rund und voll werden zu sehn! Bald sehe ich ein Stück neuer Metaphysik, bald eine neue Aesthetik wachsen: dann wieder beschäftigt mich ein neues Erziehungsprincip, mit völliger Verwerfung unserer Gymnasien und Universitäten. Ich lerne bereits nichts mehr, was nicht sofort in irgend einem Winkel des Vorhandenen einen guten Platz vorfindet. Und am meisten empfinde ich das Wachsen dieser eignen Welt, wenn ich, nicht mit Kühle, aber mit Ruhe, alle die sogenannte Weltgeschichte der letzten zehn Monate betrachte und sie nur als Mittel für meine gute[n] Absichten, ohne jede übertriebene Ehrfurcht vor diesem Mittel, verwende. Stolz und Verrücktheit sind wirklich zu schwache Worte für meine geistige „Schlaflosigkeit“. Dieser Zustand macht es mir möglich, auf die ganze Universitätsstellung als etwas Nebensächliches, ja oft nur Peinliches hinzusehn, und selbst jene philosophische Professur reizt mich eigentlich vornehmlich Deinetwegen, da ich ja auch diese Professur nur als etwas Provisorisches betrachte.
     Ach, wie sehr verlange ich nach Gesundheit! Man habe nur erst etwas vor, was etwas länger dauern soll als man selber — dann dankt man für jede gute Nacht, für jeden warmen Sonnenstrahl, ja für geregelte Verdauung! Bei mir sind aber irgend welche inneren Organe des Unterleibes in Zerrüttung. Daher Nerven und Schlaflosigkeit, Hämorrhoiden und Blutgeschmack etc. Sei nur so freundlich, nicht etwa auch jenen vorhin geschilderten Geisteszustand auf das Gangliensystem zurückzuführen! Mir würde sonst um meine Unsterblichkeit bange. Denn ich habe noch nicht gehört, daß Blähungen philosophische Zustände erregen.
     Mit diesen — mit diesen Zuständen — mich Dir empfehlend bitte ich Dich recht von Herzen, die Hoffnung noch nicht völlig aufzugeben: ich weiß, wie gern Vischer die Sache betreiben wird. Meine Briefsäumnisse mag ich nicht entschuldigen: aber Du weißt, je mehr man die Freunde braucht, um so weniger pflegt man zu schreiben. Es ist ganz gut — aber doch nicht recht! Darum bekommst Du bald wieder von mir einen Brief. Inzwischen denke meiner wie ich Deiner stets gedenke, lieber Freund!

F.N.


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BVN-1871,15

An Elisabeth Nietzsche in Lugano

[Lugano, 2. April 1871]


Motto:
Silentium! Silentium!
Macht kein Reden und Gesumm!
                    (R. Wagner)

                                        Reise-ordre.

Heute Abreise mit der Gotthardtpost,
          in Wäggisam Vierwaldstätter See
                                                  einwöchentlicher Aufenthalt
                                                  zur Nach-kur [Nach-Kur].
     Abreise heute, so viel ich weiss, um 6 Uhr.


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BVN-1871,16

An Erwin Rohde in Kiel

Basel
Ostermontag. [10. April 1871]



Mein lieber Freund

ich bin nach Basel zurückgekommen und beeile mich, meinem Versprechen getreu, Dir einen zweiten Brief zu schreiben, damit ich endlich aus der Verdammniß der Briefunseligkeit erlöst werde. Übrigens bin ich auch seit heute Nachmittag im Stande, das gewünschte Zauberwort zu sprechen, das Wort „es ist nichts!“
     Lieber Freund, ich leide an dem bittern Gefühl, Dir Hoffnungen erregt zu haben, um sie jetzt vernichten zu müssen. In meiner Abwesenheit hat man einen jungen talentvollen Aristoteliker entdeckt, mit der Fackel Trendelenburgs in der Hand; und somit sitze ich wieder als bescheidener philologus auf dem Katheder, und alle philosophischen Träume, seit 6 Wochen genährt und mit Deinen Hoffnungen getränkt, gehen zum Teufel der Lüge und des Schwindels.
     Nun hast Du einmal einen Grund, mir ernstlich böse zu sein. Was für Dummheiten habe ich gemacht! Und wie sicher war ich in meinen Combinationen! Kaum darf ich mich hinter den Bettschirm meiner krankhaften Zustände verstecken; freilich war es ein in schlafloser Fiebernacht erzeugter Gedanke, und ich dachte da ein Heilmittel gegen Krankheit und Nerven gefunden zu haben — das Zusammensein mit Dir, mein lieber Freund!, das nun jetzt wieder in die graueste Ferne gerückt wird.
     Und es giebt so gar nichts Erfreuliches, was uns dabei trösten könnte! Bei mir herrscht der philologische Ekel!
     Ich war die letzten Tage in Tribschen, wo man Deiner herzlich gedenkt und sich mit mir an der Hoffnung erfreute, daß unser Plan gelingen werde. Dort hat man wieder die größten Dinge vor; dort ist Lebensluft für uns.
     Ich kann nicht mehr schreiben. Deinetwegen erscheint mir dieser Tag so trostlos. Zwei schlaflose Nächte seit meiner Rückkehr, und ich glaubte gesund zu sein! Und nun kommt noch das bittere Gefühl, den besten Freund unwissend getäuscht zu haben!
     Auch fühle ich mich recht unwohl.

Verzeih mir, lieber getreuer Freund, es war alles gut gemeint, aber was können wir gegen die Dämonen?

FN.


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BVN-1871,17

An Wilhelm Engelmann in Leipzig (Entwurf)

[Basel, 20. April 1871]


Sie haben Sich mir einmal in gefälligster Weise zum Verleger angeboten: nun lassen Sie uns sehen, ob Ihnen nicht das gefällt, was ich Ihnen heute anbieten möchte Ich habe eine etwa 90 Druckseiten füllende Broschüre ausgearbeitet, die den Titel haben soll: „Musik und Tragödie“; von ihr schicke ich Ihnen den Anfang im Manuscript. Wie Sie ersehen werden, suche ich auf eine völlig neue Weise die griechische Tragödie zu erklären, indem ich einstweilen von jeder philologischen Behandlung der Frage völlig absehe und nur das aesthetische Problem im Auge behalte. Die eigentliche Aufgabe ist aber dann, Richard Wagner, das sonderbare Räthsel unsrer Gegenwart in seinem Verhältniß zu der griech. Tragödie zu beleuchten. Ich glaube versichern zu können, daß der ganze letzte Theil für unsre musikal. Öffentlichkeit von aufregender Bedeutung sein muß: vergleiche ich wenigstens das, was über das gleiche Problem etwa von Hanslick und Andern neuerdings gesagt worden ist und schließe ich nach den Wirkungen, die einzeln vorgelesene Stücke meiner Arbeit auf meine Freunde gemacht haben: so kann ich nicht anders glauben als daß das allerweiteste denkende Publikum sich für diese Schrift interessiren muß. Um diesen mich verständlich zu machen, habe ich auf die stilistische Darstellung und Deutlichkeit besonderen Fleiß gewandt.
     Ich wünsche aber, daß diese Schrift durchaus als schönwissenschaftliche Broschüre behandelt werde und bitte Sie deshalb, im Falle daß sie von Ihnen acceptirt werden sollte, selbige diesem Wunsch gemäß auszustatten. Um Einiges zu nennen, so ziehe ich zu diesem Betracht deutsche Lettern und zwar große deutsche Lettern vor, großes Oktavformat, mit keinesfalls mehr als 28—32 Zeilen und vor allem — schönes Papier. Falls Sie mit mir einverstanden sind, so schicken Sie mir recht bald eine Satz- und Papierprobe: und zugleich auch einen Vorschlag im Betreff des H[onorars].
     Wir könnten sofort mit dem Drucke beginnen.


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BVN-1871,18

An Wilhelm Vischer (-Bilfinger) in Basel

Basel Samstag. [27.Mai 1871]


Verehrter Herr Rathsherr,

ich muss mich sehr entschuldigen, dass ich gestern die Sitzung der Conferenz des Paedagogiums versäumt habe; durch einen Zufall ist mir die Einladung dazu erst eine Stunde nachher, als es bereits zu spät war, zu Gesicht gekommen. —
     Die Nachrichten der letzten Tage waren so schrecklich, dass ich gar nicht mehr zu einer auch nur erträglichen Stimmung komme. Was ist man, solchen Erdbeben der Cultur gegenüber, als Gelehrter! Wie atomistisch fühlt man sich! Sein ganzes Leben und seine beste Kraft benutzt man, eine Periode der Cultur besser zu verstehen und besser zu erklären; wie erscheint dieser Beruf, wenn ein einziger unseliger Tag die kostbarsten Documente solcher Perioden zu Asche verbrennt! Es ist der schlimmste Tag meines Lebens. —
     Meine Absicht war, Pfingsten zu verreisen: aber ich fühle mich nicht wohl und bleibe hier. Am Mittwoch hatte ich mit Wagner, der mich begleitete, gehofft, Sie vielleicht auf dem Bahnhofe in Luzern zu sehen.
     Übrigens, hat mir der Wirth in unserem Hôtel bei meiner Abreise, die etwas eilig war, die Rechnung nicht gebracht; ich darf Sie wohl bitten, dass Sie mir die halbe Summe Ihrer Rechnung gelegentlich einmal angeben.
     Ich komme in diesen Tagen zu Ihnen, um mich nach dem Resultat der Luzerner Candidatur zu erkundigen.

Ihr sehr ergebener
Friedr Nietzsche.


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BVN-1871,19

An Erwin Rohde in Kiel

[Basel 7. Juni 1871]


Mein lieber, um so getreuerer Freund,

als ich durch mein sträfliches Nichtschreiben wirklich die schwärzesten Gedanken bei Dir erwecken könnte; und sie doch, wie Deine Briefe bezeugen, bei Dir nicht wachsen wollen. Im Grunde würde mir auch Unrecht geschehn, wenn Du mich nach dem Thermometer der Briefe bemessen wolltest. Nach Deinem vorletzten, mich wahrhaft ergreifenden Briefe war ich gänzlich unvermögend, zu schreiben; ich freute mich innerlich und täglich unseres Einvernehmens und unseres gemeinsamen, trotz der Entfernung ungestörten und unisonen Fortschreitens auf gleichen Bahnen, für welches Deine Bemerkungen über das Dionysische geradezu ominös sind, wie früher einmal unsre unbewußt gleichzeitigen Studien der Romantiker.
     Wie schwer ich das Loos nehme, von Dir jetzt getrennt zu sein, wissen am stärksten die Tribschener Freunde, die von Dir die allerbesten Meinungen und Hoffnungen haben.
     Könnten wir nun nicht ein Mittel finden, Dich etwa nach Zürich zu bringen, welches Benndorf im Herbst verlassen wird? Ich will mich einmal nach den dazu nöthigen Schritten erkundigen, auch in diesen Tagen einmal an Ritschl schreiben.
     Im Herbst komme ich, aus den bewußten Gründen, nicht nach Leipzig. Um so nöthiger ist es, unsre Sommerpläne festzuhalten.
     Mir ist nun, bei häufiger Angegriffenheit und Schlaflosigkeit, sehr gerathen, hohe Alpenluft aufzusuchen: und ich habe mich schon in einer kleinen Pension im Berner Oberland mit meiner Schwester angemeldet. Ich gehe dorthin am 15 Juli und bleibe bis 14 August: dann giebt es Sommersemester, zweite Hälfte, bis Ende September. Es fehlt mir dies Jahr an Geld, wegen meines Frühlingsaufenthaltes in Lugano; und ich muß mich deshalb im Sommer sparsam einrichten. In jener Pension zahle ich für Alles 4 frs.
     Mir erscheint es nun höchst wichtig, mit Dir mich einmal ernsthaft und anhaltend über mehrere Pläne zu verständigen. Brieflich kann ich nichts sagen. Ich rechne bei allen meinen Absichten, besonders im Punkte des Erziehungswesens, vor Allen auf Dich und zuerst immer allein auf Dich. Dann fällt mir mitunter ein, daß für solche Dinge nichts wichtiger ist, als uns gemeinsam hineinzuleben: während ich bis jetzt Dich noch nicht einmal oberflächlich benachrichtigt habe. Dann aber klingt mir aus jedem Deiner Briefe, so auch wieder aus dem letzten, eine so verwandte, innerlich vertraute „Melodei“ entgegen, daß ich immer meine, auch unsre Pläne müßten, auch ohne gegenseitige Verständigung, dieselben sein.
     Mein Büchlein, dessen Geburt ich Dir von Lugano aus mit rechtem Gegacker — so ich mich recht erinnere, ankündigte, ist bis jetzt an der Verlegernoth verkümmert. Ein Aufsätzchen habe ich ausgeschält und es auf meine Kosten in Basel drucken lassen: es ist die Umarbeitung jenes früheren Vortrags „Sokrates und die Tragoedie“. Ein anderes Stück „über das Dionysische und Apollinische“ wird wohl in den „Preußischen Jahrbüchern“ erscheinen; falls man es annimmt, woran ich zweifle. Schließlich läuft bei mir alles auf das theure Vergnügen hinaus, eine Bibliothek lauter unedirter, doch zierlich gedruckter Schriftchen zu besitzen. — Meine Homerrede hast Du doch? Ich freue mich auch auf eine Homerunterhaltung mit Dir. Jetzt lese ich „Einleitung und Encyclopädie“, zum Staunen meiner Zuhörer, die sich schwerlich in dem Bilde wiedererkennen, das ich von dem idealen Philologen entwerfe.
     Vorgestern habe ich Kinkel junior, sehnsüchtigen Privatdozenten in Zürich (doch ohne Perspektiven) wieder gesehn, nach fünf Jahren. Ein anderer Züricher Dozent, der zu unserer Zeit in Leipzig studirte und uns — natürlich — kannte, versetzte mich lebhaft in jene schöne Epoche. Er hatte eine so treue Erinnerung von unserem Wesen und Reden, citirte zB. Ansichten von mir, die ich im Colleg zu meinen Bekannten — doch wohl überlaut — geäußert haben muß, kurz bewies mir, wie anerkannt unsere Situation war. Er hieß Dr. Gröber. Von Wölflin habe ich das Allerbeste über die „Acta“, speziell Andresens Aufsatz gehört, desgleichen von Hagen, über Jungmann, und beide, listiger Weise, zu einer Recension „gesteigert.“
     Die Absicht der Berliner Reise Wg’s war, den akademischen Vortrag zu halten und seine Baireuther Pläne zu sichern: dahingegen einer drohenden Berufung als Generalmusikdirektor auf jede Weise vorzubeugen. Alles ist gelungen, und in 2 Jahren erleben wir die Aufführung des „Nibelungenringes.“ — Wie schön und richtig hast Du die Meistersinger empfunden! — Ich habe mit Wagner die vorläufige Idee eines Reformations-journals besprochen, wobei wir auch Deiner vor Allem gedachten. Kurz, Vieles ist im Werk: wir wollen uns in Allem treu bleiben. Lebwohl, liebster Freund.


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BVN-1871,20

An Friedrich Ritschl in Leipzig

[Basel,] 7 Juni 1871.

Verehrtester Herr Geheimrath,

mit dem herzlichsten Danke für Ihren Brief, der mich nach jeder Seite hin beruhigt und aufgeklärt hat, verbinde ich heute die Anzeige, dass ich im Herbste nicht nach Leipzig zur Philologenversammlung kommen werde und meinen vorjährigen Antrag, einen Vortrag zu halten, zurückziehen muss. Nachdem ich weiss, dass Sie nicht präsidiren, versteht sich dies Alles von selbst. Im gleichen Sinne schrieb mir auch dieser Tage Freund Rohde aus Kiel. — Dabei ist es aber nicht unmöglich, dass ich dieses Jahr irgend wann einmal nach Leipzig komme, um Sie zu besuchen: eine Aussicht, die ich mir durch den oben gemeldeten Entschluss nicht rauben lassen möchte.
     In Betreff Rohde’s möchte ich mir die Anfrage erlauben, ob Sie nicht ein Mittel wissen, wie man ihn in Zürich, an Benndorfs Stelle, zum Vorschlag bringen könnte. Mir liegt erstaunlich viel daran, ihn in meine Nähe zu bekommen. Und dass er jene Stellung mindestens so gut verdient als etwa Dilthey (von dem ich neulich munkeln hörte), ist ja keine Frage. Ich halte ihn, ohne alle freundschaftlichen Übertreibungen, für eine der reichsten philologischen Kräfte und Begabungen, die wir für die Zukunft zu wünschen haben.
     Kürzlich sprach sich Wölflin sehr lobend über Andresen’s Aufsatz in den „Acta“ aus, desgleichen Hagen in Bern über Jungmanns Fulgentius. Ich habe beide zu einer Recension zu gewinnen gesucht.
     Sich Ihnen und Ihrer Frau Gemahlin (der ich nächstens einen geheimen Aufsatz von mir senden werde) bestens empfehlend, auch Namens meiner Schwester, die mich, bei meinen ungleichen Gesundheitsverhältnissen, hegt und pflegt,

bin ich
Ihr getreuer
Friedrich Nietzsche
in Basel.


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BVN-1871,21

An Wilhelm Engelmann in Leipzig

[Basel, Juni 1871]


Sehr geehrter Herr

da ich, im Fall einer Annahme des Manuscriptes, um eine baldige Antwort gebeten hatte, so bin ich jetzt gewiß zu dem Glauben berechtigt, daß das Manuscript, aus irgendwelchen Gründen, nicht Ihre Zustimmung erlangt habe: weshalb ich mir gestatten dürfte, bereits in anderer Weise über dasselbe zu disponiren.
     Ich bitte Sie daher dasselbe jenem Herrn Dr. Romundt einhändigen zu wollen, der schon einmal den Auftrag hatte, es von Ihnen abzuholen.
     Mit der angelegentlichen Bitte, daß dies bald geschehe, zeichne ich als Ihr

ergebenster
Prof. Nietzsche in
Basel


Dr. Romundt wohnt Schützenstr. 8, 3 Treppen


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BVN-1871,22

An Friedrich Ritschl in Leipzig

Samstag Mittag.
[Basel, 17. Juni 1871]



Verehrtester Herr Geheimrath,

hier, zunächst dem herzlichen Bedauern über das Befinden Ihrer Fräulein Tochter, nur etwas Vorläufiges: von Tag zu Tag bekommen Sie mehr von mir zu hören. Heute habe ich nur wenig direkt ermitteln können, aber verschiedene Fäden angeknüpft, um schon morgen im Besitze genauerer Details zu sein.
     Die mir am besten bekannten Familien sind zufällig nicht in Ragaz gewesen oder in einer Zeit, die über den jetzigen Zustand keine Schlüsse zuläßt. Die eigentlich „Kranken“ sind zudem meistens in dem — übrigens melancholisch düsteren — Pfäffers gewesen.
     Ragaz gilt als „warm“ (doch nicht im Sinne eines Leipziger Sommers), hat weniger trübe und regnerige Tage als die hohen Kurorte und gestattet, bei seiner freien Lage, Spaziergänge in der Ebene: der schönste Weg, fast eben, nach dem genannten Pfäffers, ist schattig und schön. — Sind nicht die Naumburger Wachsmuths einmal im Sommer und auch neuerdings dort gewesen? — Frau Vischer hat mir aus dem Kreise ihrer Verwandten baldige und spezielle Nachrichten versprochen: desgleichen ihr Schwiegersohn, Hr. G. Fürstenberger, der einen mehrere Jahre in Ragaz thätig gewesenen und daher genau unterrichteten Baseler Architekten (oder Ingenieur?) Frey kennt. Dabei kam eine Pension zur Sprache, die ein ehemals in Basel studirender Pfarrer Steiger besitzt und die etwa 10 Minuten von Ragaz entfernt ist. R. hat übrigens den Ruf eines unterhaltenden aber theuren Bades; es giebt sehr schöne neue Hotels und vortreffliche Bäder. (Ärztlich—Genaues bei Meyer-Ahrens, „die Heilquellen der Schweiz“, das Ihre Universitätsbibliothek besitzen muß.) Ein ausführliches Buch über Ragaz wird diese Tage bei Ihnen eintreffen. Pensionseinrichtungen sind überall, wohl mit Ausnahme des allerersten Hotels; die Preise etwas höher als in Interlaken. Über diesen Punkt verspreche ich noch genaue Informationen.
     Von den 15 Personen, die ich heute über R. ausgefragt habe, ist bald etwas zu erwarten: worauf ich Sie heute vertrösten muß. Auch werde ich in Erfahrung bringen, wer von den Baselern diesen Sommer nach R. geht. Die Quellen gelten als sehr heilkräftig, trotz ihres totalen Mangels nachweisbarer Grundelemente. —
     „Schwyzerwirthschaften“, im angedeuteten Sinne, sind dort gar nicht mehr anzutreffen. „Gute Gesellschaft“ ist viel wahrscheinlicher als das Gegentheil: so daß man gewiß auch auf „gute Geselligkeit“ rechnen darf.
     Mit der Bitte, heute mit diesem Prooemium fürlieb zu nehmen, verheißt Ausführliches

Ihr getreuer
F Nietzsche.


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BVN-1871,23

An Auguste Forst in Wiesbaden

[Basel,] Am 21 Juni 71.


Mein verehrtes Fräulein,

wir haben neuerdings in unserer Familie kein angenehmeres Ereigniß erlebt als jenes allerneuste, durch das Sie mit uns verwandt geworden sind. Habe ich gleich bis jetzt noch nicht die Freude genossen, Sie persönlich zu sehen und zu sprechen, so weiß ich doch jenes Ereigniß nach seinem vollen Werth zu ermessen, Dank meiner Schwester, die mir schon oft und immer sehr eingehend von den ausgezeichneten Qualitäten ihrer Freundin zu berichten wußte. In diesem Sinne glaube ich vor allem auch meinem trefflichen Onkel Oskar Glückwünsche schuldig zu sein, welche Sie an ihn in meinem Namen und Auftrag gewiß schöner ausrichten werden, als mir dies selbst, einem in Verlobungsfreuden Unerfahrenen, gelingen dürfte. Dabei vergesse ich nicht, welch eine bevorzugende Liebenswürdigkeit in der freudigen Eile beider Verlobten lag, das Glück des Tages sofort und ungesäumt nach Basel zu melden. Dafür mich herzlich bedankend und nach allen Seiten hin das Glück wünschend, dessen Sie in so hohem Maaße würdig sind, verspreche ich Ihnen von jetzt ab zu sein, was ich bis jetzt nicht sein konnte

Ihr Sie verehrender Neffe
Dr. Friedrich Nietzsche
Prof. o. p. in Basel.


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BVN-1871,24

An Carl von Gersdorff in Marienbad

Basel 21 Juni 1871.


Mein lieber, theurer Freund,

So bist Du mir denn glücklich erhalten und integer aus den ungeheuren Gefährlichkeiten heimgekehrt. Endlich wieder darfst Du an friedliche Beschäftigungen und Aufgaben denken und jene furchtbare kriegerische Episode als einen ernsten, doch vorübergeflohenen Traum Deines Lebens betrachten. Nun winken neue Pflichten: und wenn Eins uns auch im Frieden bleiben mag aus jenem wilden Kriegsspiel, so ist es der heldenmüthige und zugleich besonnene Geist, den ich zu meiner Überraschung, gleichsam als eine schöne unerwartete Entdeckung, in unsrem Heere frisch und kräftig, in alter germanischer Gesundheit gefunden habe. Darauf läßt sich bauen: wir dürfen wieder hoffen! Unsre deutsche Mission ist noch nicht vorbei! Ich bin muthiger als je: denn noch nicht Alles ist unter französisch-jüdischer Verflachung und „Eleganz“ und unter dem gierigen Treiben der „Jetztzeit“ zu Grunde gegangen. Es giebt doch noch Tapferkeit und zwar deutsche Tapferkeit, die etwas innerlich Anderes ist als der élan unserer bedauerungswerthen Nachbarn.
     Über den Kampf der Nationen hinaus hat uns jener internationale Hydrakopf erschreckt, der plötzlich so furchtbar zum Vorschein kam, als Anzeiger ganz anderer Zukunftskämpfe. Wenn wir uns einmal persönlich aussprechen könnten, so würden wir übereinkommen, wie gerade in jener Erscheinung unser modernes Leben, ja eigentlich das ganze alte christliche Europa und sein Staat, vor allem aber die jetzt überall herrschende romanische „Civilisation“ den ungeheuren Schaden verräth, der unserer Welt anhaftet: wie wir Alle, mit aller unserer Vergangenheit, schuld sind an solchen zu Tage tretenden Schrecken: so daß wir ferne davon sein müssen, mit hohem Selbstgefühl das Verbrechen eines Kampfes gegen die Cultur nur jenen Unglücklichen zu imputiren. Ich weiß, was es sagen will: der Kampf gegen die Cultur. Als ich von dem Pariser Brande vernahm, so war ich für einige Tage völlig vernichtet und aufgelöst in Thränen und Zweifeln: die ganze wissenschaftliche und philosophisch-künstlerische Existenz erschien mir als eine Absurdität, wenn ein einzelner Tag die herrlichsten Kunstwerke, ja ganze Perioden der Kunst austilgen konnte; ich klammerte mich mit ernster Überzeugung an den metaphysischen Werth der Kunst, die der armen Menschen wegen nicht da sein kann, sondern höhere Missionen zu erfüllen hat. Aber auch bei meinem höchsten Schmerz war ich nicht im Stande, einen Stein auf jene Frevler zu werfen, die mir nur Träger einer allgemeinen Schuld waren, über die viel zu denken ist! —
     Hier folgt eine Abhandlung, die von meinem philosoph. Treiben etwas mehr verräth als es der Titel andeutet. Lies sie mit Wohlwollen; ich habe noch Vielerlei vor und bereite mich auch auf einen Kampf vor, an dem, wie ich weiß, meine Freunde starken Antheil haben werden. Wie viel wäre mündlich zu besprechen, mein theurer Freund! Und wann darf ich einmal auf Deinen Besuch hoffen?
     Über Wagner wirst Du durch die Norddeutsche Allg. vielerlei und wie ich denke, nur Gutes gehört haben: auch über die großen Baireuther Pläne. Es ist Alles im schönsten Gange. — In Tribschen hat man Dich in gutem Gedächtniß: ich habe erzählt, daß Du mir Deinen Besuch für den Sommer versprochen hättest.
     Mein Befinden ist diesen Sommer besser. Die Witterung ist übrigens höchst wechselvoll. Heute haben wir Sturm und kalten Regen. Im Sommer, vom 15 Juli bis 13 August bin ich in Gimmelwald, bei Mürren, im Berner Oberlande, zusammen mit meiner Schwester. Wir sind dort in einer kleinen, wundervoll gelegnen Pension bereits angemeldet.
     Bist Du denn Zeuge des Berliner Einzugs gewesen? —
     Nochmals, mein lieber Freund; ich bin glücklich im Gedanken an Deinen baldigen Besuch. Der Rathsherr Vischer (der als Student öfters im Hause Deines Großvaters in Weimar war) freut sich auch auf Dein Hiersein. Denn alle meine Bekannten wissen von Deinen Schicksalen.
     Lebe recht wohl und immer besser: Du hast es verdient.
     Ich bitte darum, Deinen verehrten Eltern empfohlen zu werden und bin, was ich war,

Dein treuer Freund
Friedrich Nietzsche.


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BVN-1871,25

An Wilhelm Engelmann in Leipzig

[Basel,] 28 Juni [1871]


Geehrtester Herr

mich für Ihre Anerbietung bestens [bedankend] und mit den Bedingungen einverstanden, muß ich doch, zu meinem Bedauern wiederholen, was ich schon in meinem letzten Briefe Ihnen schrieb: daß ich bereits von Neuem über mein Manuscript disponirt habe und Verhandlungen eingegangen bin, die wieder abzubrechen ich jetzt nicht mehr in meiner Hand habe. Sollten diese doch noch sich zerschlagen, so will ich Ihnen gern davon Notiz geben.
     Inzwischen aber brauche ich, unter allen Umständen, mein Manuscript, an dem einige Veränderungen zu machen sind und bitte nochmals dasselbe Hrn. Dr. Romundt in Leipzig (Schützenstr. 8, 3 Treppen) gefälligst zusenden zu wollen.

Ihr ergebenster
Dr. Nietzsche
Prof. in Basel


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BVN-1871,26

An Paul Deussen in Marburg

Basel 2 Juli 71.


Mein lieber Freund,

ich habe von Deinen Plänen gehört und über sie nachgedacht. In dieser Doppelheit der Stellung, theils als Gymnasiallehrer, theils als Universitätsdocent liegt zunächst etwas sehr Werthvolles. Ich würde Dich jedenfalls bitten, Deine Schulstellung ja nicht aus Überdruß an sogenannter „Schulmeistern“ preiszugeben. Es ist unsre hoffnungsreichste Position: und wer, wie ich, an die durchgreifendsten Reformen des Erziehungswesens gedacht hat, weiß diese Praxis, die reiche Empirie einer Gymnasiallehrerstellung hoch zu schätzen. Denn dort müssen wir anfangen, unsre ernsthaftere Weltbetrachtung zum Ausdruck zu bringen. Die Universität ist schwerlich der fruchtbringendste Boden dazu. — Über Universitäten müssen wir uns einmal mündlich verständigen. Wann wirst Du mir einmal mittheilen, daß wir uns sehen, wiedersehen wollen? Was sind Briefe!
     Hier ein Aufsatz, das zweite Stück eines größeren, der langsam zum Druck kommt. Lies ihn so, wie er verfaßt ist, und laß Dich nicht abschrecken, wenn einige Kunstausdrücke kommen, die im ersten, vorangehenden Theile des Aufsatzes ausführlich motiviert sind. Es ist dies nur ein Druck für meine Freunde (wie früher der „Homer“) Also keine Publikation! Schreibe mir bald und ausführlich Deine Empfindungen darüber: es wird mir das über Deine philosophische Entwicklung am lehrreichsten sein.
     Mein guter Freund, ich wiederhole, wann sehen wir uns?

In alter Treue
F Nietzsche.


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BVN-1871,27

An Franziska Nietzsche in Naumburg

Basel 11 Juli 71.


Recht lange, meine liebe Mutter, hast Du von mir keinen Brief bekommen. Das kommt davon, wenn Lisbeth bei mir lebt, da wird sofort die Correspondenz einbeinig. Gestern haben wir ihren Geburtstag gefeiert, wie? wird sie Dir selbst erzählen. Leider war sie den Tag über nicht ganz wohl. Wir sind hier in der Periode der fortwährenden Gewitter: gestern hatten wir in einem Tag ungefähr sieben. Dazwischen — wie augenblicklich [—] ist die Hitze und Schwüle unerträglich, wir sind wie in einem Dampfbade und sehnen uns sehr nach einem kühlen Aufenthalt. — Meine Gesundheit hat das letzte Vierteljahr Stand gehalten, nur einige kürzer vorübergehende Leidenszustände ungerechnet. Im Ganzen bin ich recht zufrieden, doch merke ich schon wieder, daß ich 10 Wochen hintereinander unterrichtet habe. Das ist doch recht angreifend.
     Du hast in Naumburg jetzt bekümmerte Tage der armen Laubscher’s wegen erlebt und ich denke mir, daß Du recht trübgemuth zu Hause sitzen wirst. Lisbeth sagt mir gar, daß Du Dich Deines Auskommens halber sorgst. Ich mache Dir selbst folgendes Anerbieten, das Du einfach annimmst, ohne Lisbeth oder andern Menschen etwas davon zu sagen. Erstens bitte ich Dich, die kleine Summe, die Du von meinen Zinsen für Dich abgezogen hast, (wie mir Lisbeth heute sagt) als ein kleines Geschenk von mir anzunehmen. Sodann betrachte die Zinsen der 200 Thl., die Oskar mir seit Ostern schuldet, als die deinigen: so lange jetzt Oskar mir das Geld schuldet, gehören die Zinsen Dir. Nur bitte ich Dich, Oskar nichts davon zu sagen. Drittens bitte ich Dich, von meinen Eisenbahnpapieren Dir eins auszuwählen, nach Deinem Ermessen, welches Du haben willst: verwerthe es, wie Du Lust hast: ich meine, versilbere es und benutze es zu Deinen Bedürfnissen! Damit wird ja Deiner augenblicklichen Sorge wohl etwas abgeholfen sein. Ich selbst gestatte mir diesen Scherz als eine Nachfeier von Lisbeths Geburtstag und bitte nur darum, daß der Scherz verschwiegen bleibt und zweitens, daß Du ihn sans façon annimmst. Ich nehme einen Dank Deinerseits dafür gar nicht an.
     Jetzt schlägt meine Stunde zum Mittagessen. Ich wünsche Dir guten Appetit und Heiterkeit,

Dein alter Sohn.


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BVN-1871,28

An Erwin Rohde in Kiel

[Basel,] 12 Juli 71.


Mein lieber Freund,

entschließe Dich kurz zu einer Bewerbung um die eben ausgeschriebene Professur der Philologie in Zürich. Ich bitte und beschwöre Dich, thue es sofort!
     Die Professur lautet zunächst auf die Realfächer der klassischen Philologie und antike Kunstgeschichte.
     Beginn der Professur: das Sommersemester 1872.
     Die Anmeldung muß bis 31 Juli gemacht sein.
     Addressiere: Herrn Sieber, Director des hohen Erziehungswesens
                                   in Zürich.
     Anrede im Brief: „An eine hohe Erziehungsdirektion.“
     Lege alle Deine Schriften und Aufsätze bei, schildere Deinen Bildungsgang recht ausführlich und überzeugend und berufe Dich so stark als möglich auf Ritschl’s Urtheil und das Urtheil Deiner Kieler Collegen, auch — si placet — auf mich und Vischer. Schreibe doch darüber an Ritschl und bitte ihn um ein testimonium. Ich bitte Dich dringend, thue alles, damit wir in die Nähe kommen. Sodann schreibe doch auch einen recht freundlichen Privatbrief nach Zürich, an Professor jur. Osenbrüggen, der mich gut kennt und gern hat und dem ich schon von Dir erzählt habe, theile ihm mit, was Du gethan hast und frage ihn was etwa noch für Dich zu thun sei.
     Wir müssen alle energischen Mittel anwenden.
     Ich schreibe in größter Eile, damit Du keine Zeit zu verlieren hast.
     Die Bewerbung wird stark sein.
     Ich reise am Samstag in die Ferien.
     Addresse: Gimmelwald bei Lauterbrunnen im Berner Oberland, Hôtel Schilthorn.

Dein treuer Freund.


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BVN-1871,29

An Richard Meister in Leipzig

[Basel,] 14 Juli 1871.


Lieber Herr Meister,

Sie haben mich durch Ihren Brief sehr erfreut und keinesfalls, wie Sie dies in aller Bescheidenheit vermutheten, gelangweilt. Ich bitte Sie, wie sollten mich Nachrichten vom Vereine langweilen, nachdem es mir viel Langeweile gemacht hatte, so lange Zeit gar nichts von ihm zu hören, so daß seine Existenz für mich nicht über alle Zweifel sicher stand. Nun weiß ich daß er noch lebt: und es wäre, im Vertrauen gesagt, bei dem numerisch glänzenden Aufschwunge der Leipziger Philologenschaft, recht schmählich, wenn er nicht mehr lebte. Sorgen Sie jetzt dafür, daß er mit Ehren wächst und das bleibt, was er in den Jahren 65—67 dh. in den Jahren meiner Erinnerung, war, nämlich der Mittelpunkt und gemeinsame Herd aller wirklich produktiven und ernsthaft gesinnten Philologen. Ich bedauere es oftmals, daß ich nicht mehr den bequemen Zugang zu diesem Vereine habe, wie früher; gerade einer solchen Zuhörerschaft, wie ich sie jetzt unter Ihrem Präsidium voraussetze, hätte ich so mancherlei persönlich zu sagen, zur Kräftigung und Förderung aller der Pläne, die ich auf dem Herzen trage und die recht eigentlich das Herz der klassischen Philologie berühren. Wir dürfen noch auf eine Wiedererweckung des hellenischen Alterthums hoffen, von der unsre Väter nichts geträumt haben. Glauben Sie nur das nicht, daß wir mit einer abgegrasten und verkümmerten Wiese, als dürres Weidevieh, uns zu begnügen hätten! —
     In diesem Sinne grüßen Sie den Verein von mir, der überzeugt sein darf, daß ich für ihn thun werde, was man von mir verlangt und wozu mich übrigens meine eigne Dankbarkeit jederzeit treibt.

Mit freundlichen Grüßen
bin ich
Ihr
Dr Friedr. Nietzsche
P. o. p. in Basel.


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BVN-1871,30

An Erwin Rohde in Kiel

[Basel, Mitte Juli 1871]


Mein lieber Freund,

nochmals einen herzlichen Gruß, als Begleitschein meiner Litteratur.

F. N.


     — Mein früher erwähntes Büchlein hat keinen Verleger gefunden, ich bringe es jetzt stückweise zur Welt: welche Tortur für die Gebärende! —
     — Ich habe wegen Zürich an Ritschl geschrieben. Er recognoszirt bereits. —


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BVN-1871,31

An Erwin Rohde in Kiel

[Gimmelwald bei Lauterbrunnen, 19. Juli 1871]


Mein lieber Freund,

in der erhabensten Gebirgseinöde habe ich soeben Deinen Brief empfangen und antworte ungesäumt, obschon ich nichts zu schreiben habe als: „Traurig! Es geht wieder einmal nicht! Welch’ sonderbare Constellation!“
     In derselben Viertelstunde, in der ich an Dich meine exhortativen Zeilen richtete, schrieb ich mit ähnlicher Dringlichkeit an Romundt — und mit ähnlichem Effekt! Unglückliche Viertelstunde, in der ich unser Dreier Loos an einen Faden zu ketten hoffte! Ich bot Romundt eine stattliche Lehrerstellung in Bern an (mit 3—4000 frs. Gehalt und mäßiger Stundenzahl an einem höhern Gymnasium) Mit Deinem Brief zugleich bekomme ich seine Antwort: er ist mit der Proposition zufrieden, kann sie aber nicht annehmen, weil er eben eine Hauslehrerstelle in Nizza angenommen hat!
     — Ich hoffe nun sicherlich, schon des Parallelismus wegen, daß Du auch in Kürze, trotz Forchhammer, Dein Nizza erreichst.
     Übrigens ist es miserabel vom Schicksal, uns zu trennen. Schließlich zwingt mich dasselbe noch zu viel extremeren Maßregeln.—. Ich will ja wahrhaftig nichts meinetwegen, aber es ist nöthig, daß wir zusammen sind, wie Dir sofort deutlich sein würde, wenn wir wieder ein Paar Tage zusammen gelebt haben werden, nöthig unserer beiderseitigen Bestimmung halber, deren vorgezeichnete Bahn ich schon deutlicher zu erkennen glaube.
     Lassen wir uns durch das Schicksal nicht verdrießlich machen, sondern nur muthiger und radikaler! —
     Es fällt mir ein, daß ich Dir neulich ein Exemplar meines „Sokrates“, sammt einem zweiten für Ribbeck, durch die Post als Paket zugeschickt habe. Ich ärgere mich sehr, wenn es, wie es scheint, nicht angekommen ist. — In Leipzig habe ich diese Abhandlung durch Romundt im philologischen Verein vorlesen lassen und auch sonst bekannt gemacht, mit einiger „Sensation“, wie mir Romundt schreibt.
     Hier, in der Wildniß, hoffe ich wieder wie Danae, auf einen Regen, wenigstens auf ein Tröpfeln von guten Einfällen, denn ich habe mir eine schwierige Aufgabe gestellt, die in der Ebene zu lösen ich verzweifle.
     Und nun, lieber Freund, denke an mich als an Einen, der kein Mittel unversucht läßt, Dich in seine Nähe zu bringen, der auch bisjetzt die Hoffnung keineswegs für alle Zeiten aufgiebt.
     Für Zürich, höre ich, haben Dilthey in Bonn und Matz einige Aussichten. Ich verdanke diese Notiz dem ekelhaften Lucian Müller, der von Petersburg aus nach der Schweiz kommt und mich — mich! — mich!! belästigt hat.
     Mit mir zusammen ist der Ritter des eiser. Kreuzes Carl von Gersdorff, mein alter, trefflich sich bewährender Freund.

In steter Treue
Dein Freund F N.


     Gleiche Adresse (Gimmelwald) wie bei dem letzten Brief.

     Man will nicht in Zürich „vor allem einen Archäologen“; auch schätzest Du Deine Capacität für griech. Kunst zu gering. Man will einen Vertreter der Alterthümer und dann zweitens einen Sprachphilologen und drittens endlich einen, der einige allgemeinere archäolog. Collegien liest! — Aber freilich! Die sonderbare, in der Luft schwebende Professur verpflichtet Dich leider Gottes zum passiven Zuschauen und Geschehenlassen. Mir scheint die sich zankende Fakultät sammt dem in der Höhe thronenden Ministerium eines tüchtigen Trittes, Steißtrittes werth! Es ekelt mich — gerade wenn ich denke daß Du das Streitobjekt bist.


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BVN-1871,32

An Friedrich Ritschl in Leipzig

Basel 4 Aug. 71


Verehrtester Herr Geheimrath,

durch eine kleine Reise in die Berge ist es mir etwas später als ich wünschen möchte, möglich geworden, die Büchersendung an Sie zu effektuiren. Ich denke aber, daß Hr. Opitz noch nicht in die Ferien abgereist sein wird und daß somit die Bücher gerade noch zur rechten Zeit in seine Hände kommen. Es scheint mir daß er finden wird, was er wünscht — ein ziemlich reiches und bisher unverwerthetes Material. —
     Ich habe in den letzten Wochen einen Versuch gemacht, etwas für Rohde in Betreff der Züricher Professur zu erwirken — ohne Erfolg. Ich wußte nämlich gar nicht, daß die Regierung die entscheidenden Vorschlagsrechte in die Hände einer Commission von 3 Professoren gelegt hat, Benndorf an der Spitze: ich hatte mich aber mit meinen Empfehlungen und der Aufforderung, man möge sich bei Ihnen und Ribbeck nach Rohde erkundigen, an die Regierung gewendet. Benndorf nun scheint in seiner nervösen Art die Umgehung seiner Person übel genommen zu haben, während in der That Niemand von vorn herein gerade auf ihn rathen konnte, bei dem anerkannt mißlichen und für die Regierung feindseligen Schritte seiner Amtsniederlegung. Kurz — ich habe mich umsonst bemüht und muß auf eine bessere Gelegenheit warten, Rohde zu nützen. —
     Ich weiß nicht, wer mir erzählt hat o[de]r ob ich es geträumt habe, daß die Leipziger Philologenversammlung nicht zu Stande kommt. Das thut mir leid: schlecht — wäre besser. —
     Weiß man etwas über den Nachfolger von Falkenstein im Cultusminist[erium]? Ich habe auf Gerber gerathen. —
     Was Sie mir gütigst mittheilten — daß nämlich Mommsen jene Briefe an Wehrenpfennig, in Treitzschkes Abwesenheit zum Abdruck übergeben habe — hat sich mir noch von einer anderen Seite aus bestätigt (Treitzschke hat den Hergang in gleicher Weise erzählt).
     Haben Sie gute Nachrichten aus Ragaz von Ihrer Fräulein Tochter? Und wie überstehen Sie selbst diesen absurden Sommer? Die Statistik der Leipziger Universität zeigt ja enorme Progressionen für dies Semester. Der Ringkampf mit Berlin ist bereits für Leipzig entschieden.
     Mich Ihnen und Ihrer Frau Gemahlin herzlich empfehlend und für die Zusendung Ihres plautinischen Aufsatzes bestens dankend

bin ich in steter Treue
Ihr ergebener Schüler
Friedrich Nietzsche.


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BVN-1871,33

An Erwin Rohde in Kiel

Basel 4 August 71.


Mein lieber Freund,

ich antwortete nicht auf Deinen zweiten Brief, weil ich erst sehen wollte, was ich in unserer Sache für Dich thun könnte. Daß ich nicht faul gewesen bin, nachdem Du mir die Aktion überlassen hast, könnte ich Dir durch einen Briefwechsel von 10 Briefen beweisen. Dich mit dem ganzen Gange der Angelegenheit jetzt noch zu incommodiren wäre nur langweilig — da das Resultat feststeht — leider feststeht — ich habe nichts für uns durchsetzen können, so gut der Anschein war, den die Sache in den früheren Stadien hatte. Benndorf hat mir gestern, etwas gereizt, die Lage klar gemacht, er scheint seinen Matz oder Dilthey warm zu halten, und meine Maßregeln, die sonderbarer Weise die Unterstützung der einflußreichsten Züricherischen Politiker fanden, tüchtig übelgenommen zu haben. Da er aber in der Commission eine wichtige Stimme hat und Dich durchaus nicht als Archäologen gelten lassen will, so ist es eben vorbei, und ich lauere wieder auf eine neue Gelegenheit. Du hast Recht — die Götter müssen etwas Seltsames mit uns vorhaben, daß sie bisjetzt uns so hartnäckig ein Bein stellen. Dieses Jahr habe ich nun schon zwei Experimente gemacht — nun, hoffen wir auf das dritte. —
     Ich bin sehr glücklich, daß Du einen guten Eindruck von meinem „Sokrates“ bekommen hast und danke Dir sehr für Deine Theilnahme. Vieles aus dieser „purpurnen Dunkelheit“ wird noch deutlicher werden, wenn die ganze Schrift zusammenhängend vorliegt.
     In der That glaube ich viel aus dem Gegensatze des Dionysischen und Apollinischen ableiten zu können. — Dein Ribbeck mit dem Wunsche nach Zeugniß und Beweis hat mir Freude eigner Art gemacht, wie sollte denn wohl das Zeugniß ungefähr lauten? Man bemüht sich der Entstehung der räthselhaftesten Dinge nahe zu kommen — und jetzt verlangt der geehrte Leser, daß das ganze Problem durch ein Zeugniß abgethan werde, wahrscheinlich aus dem Munde des Apollo selbst: oder würde eine Stelle bei Athenaeus dieselben Dienste thun? Für gewisse Leute sogar noch bessere. Denn dem wahrsagenden Apollo würde man jetzt, wie dem Ochsen der da drischet, das Maul verbinden. —
     Übrigens zweifle ich nicht, daß ich irgendwann einmal dieselben Dinge noch besser und durchsichtiger darzulegen lernen werde. Inzwischen bitte ich Dich, Dich mit dem mystischen Dampfe der ersten Conception zu begnügen. Ich habe mich wahrhaftig im Punkte des Stils und der Ableitung durch strenge Anforderungen im Zaume gehalten, aber eine gewisse ἀλογία wird man bei solchen Dingen nicht los. Das Studium Schopenhauers wirst Du überall bemerkt haben, auch in der Stilistik: aber eine sonderbare Metaphysik der Kunst, die den Hintergrund macht, ist so ziemlich mein Eigenthum, nämlich Grundbesitz, aber noch nicht mobiles, kursives, gemünztes Eigenthum. Daher die „purpurne Dunkelheit“: als welcher Ausdruck mir unbeschreiblich gefallen hat. —
     Im Herbst wird Richard Wagner wahrscheinlich in Mannheim ein großes Concert geben. Dies ist für uns ein Signal zusammenzukommen. Mannheim ist wirklich etwa die Mitte zwischen uns. Alles Nähere theile ich Dir mit, so bald irgend etwas darüber feststeht. Gieb mir doch eine Notiz ob Dir meine Combination gefällt. Eine Zusammenkunft unter den Weiheklängen Wagnerscher Musik — eine zauberisch schöne Vorstellung! Opfern wir schnell den Dämonen, daß sie nicht auch diesen Wunsch mir zu nichte machen!
     Lebe wohl! Mein lieber guter treuer Freund und betrübe Dich nicht! Wir kommen zusammen! Und dann Eia popeia!

Friedr. Nietzsche.


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BVN-1871,34

An Franziska Nietzsche in Altendammbach

[Basel,] 2 Sept. 71.


Hier, meine liebe Mutter, sind Nachrichten von mir, mit eigner Hand geschrieben, nachdem die bisherige Führerin meiner Correspondenz mit Dir mich verlassen hat. Auch weiß ich bereits aus einem eben empfangenen Brief Lisbeth’s, daß sie ohne Unfall Wiesbaden erreicht hat und dort alle Behaglichkeiten eines guten Hauses und einer zärtlichen Freundin zu genießen hat. Basel hat ihr wohl gefallen, ja, nach meinem Unheil, zu gut. Doch findet sie es bald an jedem Orte erträglich, vorausgesetzt, daß man ihr von Zeit zu Zeit etwas Angenehmes sagt. Das haben, scheint es, meine ehrlichen Baseler etwas reichlich gethan: weshalb sie ungern diese Stadt verließ.
     Ich lese Deine Briefe sehr gern: Du erzählst einem doch etwas, und aus der Menge der kleinen Züge macht sich mir dann ein anschauliches Bild: während unsereins nichts Rechtes schreibt, sondern immer auf persönliches Wiedersehen vertröstet, dann aber gewöhnlich erst recht nichts zu erzählen hat. Dieses persönliche Wiedersehn scheint auch jetzt wieder uns recht nahe bevorzustehn: wenn anders etwas aus meinem Plane wird, am 1 Oktober in Naumburg zu dreiwöchentlichem Aufenthalte einzutreffen. Jedenfalls gebe ich Dir bald genauere und bestimmte Nachricht. Zugleich soll damit ein Zusammentreffen mit Rohde in Leipzig verbunden werden etc.
     Lisbeth hat diese Combination mit großem Beifall begrüßt. Zuerst war davon die Rede, daß ich Weihnachten nach Naumburg käme. So sehr das wünschenswerth wäre, so unbequem ist die Winterreise: vor allem aber hätte ich nur eine Woche Zeit. Deshalb habe ich mich für den Herbst entschieden, den ich nun einmal besonders in Thüringer Luft gern habe. Ich freue mich auf das Saalthal und, die vielen Leipziger Erinnerungsstätten und möchte fast wähnen, ich lebte im Exile, weil ich diesen Gegenden so ferne bin. Mit meiner Gesundheit bin ich immer noch nicht zufrieden, und ich glaube mehr als je, daß mir die Baseler Luft nicht bekommt. Es dauert recht lange, ehe ich die unwillkürliche Abneigung gegen die ganze schweizerische Existenz überwinde: bis jetzt bin ich noch nicht einmal auf dem Gefrierpunkt der Gleichgültigkeit.
     Von Gersdorff’s Besuch wird Dir wohl Lisbeth geschrieben haben. Er hat mir ebenso gut als Wagner’s gefallen, als ein echter und kräftiger Repräsentant aller tüchtigen Eigenschaften des norddeutschen Wesen’s. Romundt erwarte ich täglich zu sehen, da er auf seiner Reise nach Nizza, wo er den Winter verlebt, über Basel kommen muß. Deussen hat mich dringend gebeten ihn zu besuchen: und ich will dies ausführen, wahrscheinlich auf meiner Heimreise von Naumburg nach Basel. Er ist jetzt in Marburg an der Universität Dozent. Windisch ist aus England zurückgekehrt und in Leipzig zum professor extraord. gemacht worden. Rohde ist augenblicklich in einem Seebade in Holstein und hat sich verschworen, mit mir dieses Jahr zusammenzutreffen, nachdem verschiedne Versuche von mir, ihn dauernd in meine Nähe zu bringen mißlungen sind.
     Es dürfte also sein, daß ich Dich durch meine Ankunft Deinem bisherigen schönen Aufenthalte „im Wald und auf der Haide“ entzöge: weshalb ich den lieben Onkel Theobald recht um Verzeihung bitten muß. Grüße ihn recht von mir: irgend wann werde ich ihn doch einmal wiedersehen, sammt seiner vortrefflichen Frau und den mir noch ganz unbekannten Kindern. Ich höre daß um diese Zeit sein Geburtstag ist: er lebe hoch!

Und Du auch!

Dein Fritz.


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BVN-1871,35

An Erwin Rohde in Kiel

[Basel,] 6 Sept. 71.


Mein lieber Freund,

es hatte seine Gründe, daß ich nicht schrieb. Ich wußte nämlich nicht — und in Tribschen wußte man auch noch nichts — ob und was die Mannheimer Concertgeschichte würde. Jetzt, nachdem ich mehrfach mit meinen Tribschener Freunden darüber verhandelt habe, steht so viel sicher daß wir nicht darauf rechnen können. Vielleicht kommt im Oktober die Sache zu Stande. Es scheint eine Geldsache zu sein, die hier entscheidet. Du weißt ja wohl, daß es ein Wagnerverein zum Zwecke der Baireuther Unternehmungen ist, zu dessen Gunsten jener Concertplan ausgedacht ist. Ich habe in Tribschen genau meine Absichten vorgelegt und davon gesprochen daß ich im Herbst nach Norddeutschl. verreisen würde, falls nicht das Mannheimer Concert mich festhielte. Frau Wagner scheint nicht recht an dasselbe zu glauben, weil Wagner, lange durch unaufhörlich andringenden Besuch gestört, jetzt endlich wieder zu componiren fortfährt und sich schwerlich unterbrechen lassen wird.
     So wäre denn diese unsre Hoffnung wieder einmal, nach einer grausamen Analogie, zerstört.
     Jedoch, Jedoch — wir wollen! Wir wollen dies Jahr etwas wider der Sterne Lauf durchsetzen, nämlich —
     Du hast bereits gehört daß ich nach dem Norden reisen will dh. nach Naumburg und Leipzig. Was meinst Du? Willst Du nicht nach Leipzig kommen? Ich habe jetzt bei dem mildkühlen Herbstwetter eine ordentliche Sehnsucht mit Dir in Leipzig herumzuwandern, auf den Grabmälern unsrer Vergangenheiten.
     Ich reise nach Naumburg am 1 Oktober von hier ab. Für Leipzig würde ich etwa die Zeit vom 10t. des Oktober an berechnen. Am 20 muß ich wieder zurück.
     Denke Dir daß gestern Abend Romundt [Romundt] bei mir eingetroffen ist, auf seiner Durchreise nach Nizza, wohin er sich auf 9 Monate vermiethet hat.
     Wir dürfen ja dies Jahr Leipzig besuchen, da der Philologencongreß dort keine Orgien zu feiern gedenkt. Ach, was haben wir uns zu erzählen! Romundt hat mir recht zum Bewußtsein gebracht, wie einsam ich stehe und wie ich mich an meinen liebsten Freunden anhalten muß, um nicht allen Muth zu verlieren. . —
     Bitte schreib mir bald ein Wörtchen der Entschließung! Ich mag Dir nichts mehr schreiben, nachdem ich wieder — wieder! — die Hoffnung habe, Dich zu sehen! — Liebster Dämon, beschere uns guten Kindern doch auch einmal etwas Erfreuliches und laß die alten Freunde zusammen kommen!

F W.


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BVN-1871,36

An Elisabeth Nietzsche in Wiesbaden

[Basel, 7./8. September 1871]


Hier, meine liebe Lisbeth, ist ein Brief unserer guten Mutter, die noch ganz ohne Nachrichten ist. Ich muß wirklich befürchten, daß ich die Adresse nicht recht gemerkt habe, ich habe geschrieben Altendammbach bei Schleusingen in Thüringen. Ist das nicht Recht? Schreibe doch gleich dorthin und melde meinen Plan, am 1 Oktober in Naumburg einzutreffen. Ich glaube jetzt auch, daß unsre Mutter mit Vergnügen wieder nach Naumburg zurückkehrt.
     Für Deinen Brief herzlichen Dank. Ich freue mich, daß Du die Gefahren der Reise überstanden hast und in Wiesbaden bereits wieder in die nöthige Temperatur gerathen bist, die diesmal gewiß ihre besonderen Vortheile hat. Basel steht noch, die Wagen rasseln noch prestissimo über den Münsterplatz — kurz es ist das alte Basel, nur daß wir jetzt mehr schwitzen als in den Sommermonaten.
     Romundt ist bei mir zu Besuch. Gestern waren wir in Grenzach.
     Du kennst ja meine Wünsche in Betreff einer großen Reise. Es giebt sonderbare Zufälle. Ich bekam von Tribschen aus eine Anfrage, die was damit zu thun hat. Ich raune Dir nur in’s Ohr, daß einer der Tribschener Freunde (ein deutscher junger Fürst, der den Krieg mitgemacht und übrigens Referendar ist, auch Majoratsherr) für eine Reise nach Italien Griechenland Orient usw. einen einsichtigen und gebildeten Begleiter sucht und daß man bei mir angefragt hat, ob ich Jemanden vorzuschlagen hätte…. Ich weiß nicht …..
     Dies sind die neuesten Scherze, mit denen ich, unter den Siegeln der Diskretion, und mit den üblichen Empfehlungen an das Gustchen etc verbleibe

Dein Bundesbruder
F N.


Organisire nur die Naumburger Rückkehr zur rechten Zeit, damit ich nicht in die Verwilderung gerathe.


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BVN-1871,37

An Paul Deussen in Marburg

Basel 12 Sept. 71.


     Mein lieber Freund, nicht wahr, Du bist noch Willens, Dich einmal für Philosophie zu habilitieren?
     Seitdem ich dies weiß, denke ich immer daran, wie Deine Lage etwas zu erleichtern sei: und heute fällt mir eine Proposition zu, die Dir vielleicht nützen könnte. Man fragt bei mir an, ob ich jemanden wüßte, der sich für 4 Jahre unter folgenden Bedingungen zu einer Erzieherstelle verpflichten würde.
     Es gilt in einer russischen Familie zu leben und zwar für den Winter in Florenz. Ein begabter, doch etwas verwöhnter Knabe von 13 Jahren ist zu unterrichten und zwar in Englisch, Lateinisch und Deutsch. In der Familie wird französisch gesprochen. Dieses Sprachenaggregat macht ja Dir keine Schwierigkeiten. Der Gehalt ist hoch., 3000—4000 frs. also c. 1000 Thaler. Natürlich völlig freie Station.
     Dadurch würdest Du nun für 4 Jahre der Vorbereitung ein fast freier Mann und könntest fast ganz Deinen philosophischen Vorbereitungen leben. Du könntest fast die ganze Summe Dir, bei Deinen außerordentlich mäßigen Lebensansprüchen, ersparen, um Deine Privatdozentenlaufbahn, so kurz sie auch sein wird, als Rentier zu beginnen. Kurz, Du gewinnst Zeit und Geld, nicht zu reden von dem Werthe eines Aufenthaltes in Italien, Schweiz usw.
     Schreibe mir, nach kaltblütiger Überlegung aber so rasch als möglich eine Antwort. Denn die eine Bedingung wäre, daß Du diesen Winter bereits antrittst. Dazu müßtest Du Deine Schulmanncarrière mit rascher Faust abschließen.
     Also werther und lieber Freund! Schnell! Ja! oder Nein!
     Ich selbst habe beschlossen Dich in diesem Herbst zu sehn. Ich reise nach Norddeutschland und werde etwa am 20 Oktober über Marburg nach Basel zurückkehren.
     Ich freue mich herzlich Dich wieder zu sehen. —
     Richte meine besten Grüße an Deine ausgezeichnete Familie aus. —
     Noch anderthalb Wochen bin ich in Basel. Während dieser Zeit, ja in den nächsten Tagen muß Deine Antwort dasein. — Nimm die Sache nur nicht feierlich. Es soll kein Entschluß, aber ein lustiges Wagniß sein.
     Si nihil est, lusisse videmur.
     Die Kunde von Deinem theologischen Examen hat mich in Erstaunen versetzt. Mehr sage ich erst, nachdem ich Dich wieder gesehn habe.
     Hast Du den „Sokrates“ noch einmal gelesen?

Auf Wiedersehn, lieber,
alter Freund und Ka-
merad!
Friedr Nietzsche.


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BVN-1871,38

An Elisabeth Nietzsche in Wiesbaden

Basel. [15. September 1871]


Nun, meine liebe Lisbeth, sollst Du das Schema meiner Reise zu Euch kennen lernen. Ich habe gesucht, so viel Tage zusammen zu scharren als nur irgend möglich ist. Durch Vertauschen von Pädagogiumsstunden ist es mir jetzt gelungen, noch einige Tage früher abreisen zu können. Während ich nämlich, nach unserer früheren Verabredung am Sonnabend Abend Basel verlassen wollte, thue ich dies jetzt schon Mittwoch vorher und benutze natürlich den durchgehenden Nachtzug, der mich Donnerstag früh bereits nach Frankfurt bringt: wo ich mit Dir zusammentreffe.
     Also mußt Du drei Tage früher abreisen als Du früher beschlossen hattest: was Dir hoffentlich nicht allzu schwer fallen wird. Nun aber muß auch unser Naumburger Dasein etwas frühzeitiger in Stand gesetzt werden: weshalb ich sogleich an unsere Mutter schreibe. Bist Du zufrieden? —
     Dein Hurrah!geschrei wegen des mitgetheilten Projektes ist unglaublich verfrüht: ich stehe noch in dem Stadium der vorläufigsten Erkundigungen und lebe weiter als ob es nichts wäre und nichts würde.
     Gestern Abend war ich bei den alten Vischers. Schöne Grüße. Auch erfuhr ich von einem Briefe, den Du an Frau Vischer-Sohn geschrieben hast.
     Ungefähr mit meiner Abreise zu Euch gleichzeitig ist hier die Hochzeit meiner Wirthin. Ich flüchte vor diesem Ereigniß. Overbeck und ich machen natürlich ein Geschenk.
     Romundt war drei Tage bei mir: es hat ihm sehr in Basel gefallen.
     Frau Wagner hat geschrieben daß ich dich von ihr recht grüßen möchte: sie bedauere, Dich so wenig in Tribschen gesehn zu haben.
     Das Semester wird einem recht sauer. Wehe dem Hund, der Leder gefressen hat! sagt der Lateiner.
     Schreibe mir doch noch ein paar Worte — daß Du nämlich meinen Brief bekommen hast und zur rechten Zeit abreisen willst.
     Ich grüße das Schönste und das Bedeutendste Wesen der beiden Familien
     (Reminiscenz Deines Briefes!)

               Addio!

Friedrich N. als Bruder.


Also meine Abreise Mittwoch den 27 Sept.


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BVN-1871,39

An Franziska Nietzsche in Altendammbach

Basel 15 Sept. 71.


Hier, meine liebe Mutter, folgen die versprochnen Genauigkeiten über meine Abreise.
     Mittwoch den 27 Sept. Abends verlasse ich Basel und bin demnach etwa um 5 Uhr Nachmittags am Donnerstag in Naumburg, zusammen mit Lisbeth, mit der ich in Frankfurt zusammentreffe. Also müßtest Du doch ein paar Tage eher unser Naumburger Heimwesen aufsuchen, nicht wahr?
     Habe besten Dank für Deinen ausführlichen Brief, aus dem ich auch entnehme, wie gern Du wieder nach Naumburg zurückkehren wirst. Inzwischen wirst Du jedenfalls unsre beiderseitigen Briefe, aus Wiesbaden und Basel, empfangen haben und von Deinen Beunruhigungen befreit sein. Der Postverkehr nach Altendammbach scheint nicht sehr pünktlich und rasch zu sein.
     Für die Reise werde ich mich so warm wie möglich einrichten. Die Nächte sind schon recht kalt.
     Frau Vischer hat sich über den Empfang Deines Briefes außerordentlich gefreut: ich war gestern Abend bei ihr.
     Inzwischen ist Romundt bei mir zu Besuch gewesen. Es hat ihm sehr in Basel gefallen, wie allen meinen Gästen.
     Ich denke alle meine Freunde in einer Reihenfolge zu sehen. Falls nur Rohde nach Leipzig kommt!
     Nun lebe recht, recht wohl! Wie freue ich mich auf unser Wiedersehen!

Grüße unsre Verwandten herzlich von mir!
Dein alter Sohn.


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BVN-1871,40

An Carl von Gersdorff in Berlin

Basel Montag c. 18 Sept.71.


Mein lieber Freund,
meinen herzlichsten Gruß zuvor!

Ich bin immer so zufrieden, wenn ich an Dich denke; denn es kommt mir so vor als ob wir auch nach 5 jährigem Intermezzo noch recht gut zusammenpassen. Unsere Wege sind doch, im letzten Grunde, nicht auseinandergegangen, und so haben wir uns wiedergefunden und so werden wir uns in aller Zukunft wiederfinden. Wie wenig Menschen haben, nach solchen Zwischenräumen der Trennung, solch ein Glück mit ihren Freunden!
     Ich danke Dir noch einmal für Deinen Besuch; es hätte mir in diesem Sommer nichts Angenehmeres und Tröstlicheres passieren können. Wir haben das Netz der Cultur wieder einmal gemeinsam über unsern Köpfen zusammengezogen, und es wird schwer halten, uns in dieser Gemeinsamkeit unsrer besten Absichten zu stören.
     Du bist überall im besten Andenken. Frau Wagner hat mir über Dich geschrieben, sehr erfreut und dankbar: Burckhardt und Vischer senden Dir ihre besten Grüße. Kurz — mein Basel lob’ ich mir; meine Freunde sind mit Basel und Basel ist mit meinen Freunden zufrieden.
     Deine letzten Mittheilungen haben mancherlei Schmerzliches. Dein armer Bruder!
     Jene Auseinandersetzung über Religion und Philosophie, von der Du mir erzählst, gehört gewiß zu den traurigsten Nothwendigkeiten des Lebens: ist man einmal dazu getrieben, so wappne man sich mit Weisheit und Milde. Es ist so überaus schwer, bei solchen Anfechtungen, von aller Bitterkeit sich frei zu halten: während doch, bei der großen Dunkelheit des Daseins, hier das eigentliche Bereich des Mitleidens ist. Betone nur immer durch die That Deine innerste Übereinstimmung mit dem Dogma der Liebe und des Mitleidens — das ist die feste Brücke, die auch über solche Klüfte geschlagen werden kann. —
     Auch ist es eine edle Kunst, in solchen Dingen zur rechten Zeit zu schweigen. Das Wort ist ein gefährliches Ding und selten bei derartigen Anlässen das rechte. Wie Vieles darf man nicht aussprechen! Und gerade religiöse und philosophische Grundanschauungen gehören zu den pudendis. Es sind die Wurzeln unseres Denkens und Wollens: deshalb sollen sie nicht an’s grelle Licht gezogen werden. —
     Im Herbst werden wir uns wiedersehen können: zwar schwerlich in Mannheim: denn W[agner] ist jetzt in voller schaffender Thätigkeit und deshalb wohl nur mit großer Mühe zu solchen zerstreuenden Öffentlichkeiten zu bewegen.
     Aber ich komme wahrscheinlich nach Leipzig, wo ich eine Zusammenkunft mit Rohde verabredet habe. Genaueres melde ich Dir noch. Denke Dir, daß ich vielleicht das Glück habe, alle meine Freunde in diesem Sommer und Herbst in einer Reihenfolge wiederzusehen.
     Du hast dieses Glück inaugurirt. Dann kam Romundt auf wenig Tage, aber doch zu unsrer großen beiderseitigen Ergötzung. Er war auf dem Wege nach Nizza und ist nun entschlossen, im nächsten Jahre sich für Philosophie zu habilitiren.
     In Naumburg werde ich Pinder und Krug treffen, in Leipzig Windisch, Ritschl’s Brockhausens und — Rohde. Auf meiner Rückkehr über Marburg will ich Deussen wiedersehn.
     — Und könntest Du nicht Mushacke mit nach Leipzig bringen, ungefähr am 10 Oktober? So wäre der Kreislauf vollständig. —
     Nun noch eine Bitte. Kennst Du den jungen Fürsten Hatzfeld, den Bruder der Frau v. Schleinitz? Er ist Referendar und Majoratserbe. Ich wäre Dir sehr dankbar, wenn Du mir etwas Genaues über seinen Charakter und seine Bildungsabsichten etc. mittheilen könntest. Den Grund zu dieser, mir sehr wichtigen Anfrage will ich Dir später mittheilen. Wenn Du ihn nicht kennst — mindestens wirst Du leicht etwas über ihn hören können.
     Und nun, mein lieber treuer Freund, lebe wohl! Lebe Dich hinein in Wagnersche Kunst, wie Du Dich in Schopenhauer hineingelebt hast. Grüße mir Deine künstlerischen Freunde und denke gern

an Deinen Gebirgskame-
raden Friedr Nietzsche.


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BVN-1871,41

An Friedrich Ritschl in Leipzig

Basel 18 Sept. 71.


Mein verehrtester Herr Geheimrath,

ich kündige Ihnen hiermit an, daß ich, meinem gegebnen Versprechen gemäß, im Herbst einmal bei Ihnen erscheinen werde. Das ist nun beschlossen. Da wollen wir uns mancherlei erzählen, ich bin sehr zum Erzählen aufgelegt und weiß, daß Sie und Ihre Frau Gemahlin an mir den alten Antheil nehmen. Das hat mir der Miethling Romundt verrathen, der sich über Basel zu seinem Herrendienst nach Nizza begab.
     Mit diesen Ankündigungszeilen geht zugleich eine Abhandlung ab, die sich Hoffnung macht — und wie ich denke, sich machen darf — im rheinischen Museum gedruckt zu werden. Sie ist verfaßt von dem begabten Dr. Geizer (dem Sohne des bekannten Professors und Fürstendieners), der hier Gymnasiallehrer ist und auch bei mir ein Colleg gehört hat. Augenblicklich ist er mit seinem Lehrer E. Curtius in Kleinasien, der Glückliche! und gräbt vielleicht nach den Gebeinen des Hektor — was weiß ich! Ich denke mir, er wird irgendwann einmal auf den Einfall gerathen oder gebracht werden — sich zu habilitieren. Machen Sie ihm und mir das Vergnügen, das Baseler Elaborat über Lykurgus im rhein. Museum gedruckt zu sehn.
     Meine Schwester hat mich seit einiger Zeit verlassen. Wir sind hier in den letzten Athemzügen des Sommersemesters — wir haben hier einen langen Athem, nicht wahr?

Also auf Wiedersehen, verehrtester
Lehrer!
Ihr getreuer
Friedrich Nietzsche


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BVN-1871,42

An Auguste Forst in Wiesbaden

Basel 23 Sept. 71.


Sie verstehen zu bitten, Signorina, und zu fordern! Wie grausam, kalt und unempfindlich muß ich Ihnen jetzt erscheinen, wenn ich trotzdem — Nein sage.
     Ich kann von meinen Ferien nichts, gar nichts mehr abgeben, nachdem bereits nur zu viel von mir für diese Zeit verabredet ist. Ich habe einer Zusammenkunft von Freunden in Leipzig bereits eine Woche concedirt — nicht sowohl der Freundschaft wegen — sondern ziemlich langwieriger Verabredungen halber, die für mich den Charakter von Pflichten und Aufgaben haben. Zu diesen muß ich mich sofort, wenn ich in unserer Naumburger Heimlichkeit und Stille angelangt bin, vorbereiten: weshalb es vor allem meine Aufgabe ist, nicht inzwischen den Kopf zu verlieren — Auch auf meiner Rückreise giebt es noch einen Verlust von zwei Tagen, zu einem ähnlichen Zweck.
     Ja, Sie denken an den herrlichen Begriff einer Ferienreise! Ich kenne nur noch Gesundheits- und Geschäftsreisen.
     Lassen Sie also, ich bitte, zur rechten Zeit meine Schwester los und fangen Sie nur ebenfalls zur rechten Zeit an, für mich ein Schuldbuch anzulegen.
     Verzeichnen Sie in demselben auf Seite 1 als erstes Verbrechen:
           „verweigerter Besuch trotz einem der schönsten Briefe seiner Zeit und meiner Hand“
     Mit bestem Danke und freundlichster, doch unerbittlicher Gesinnung

der Ihrige
Dr Friedr Nietzsche


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BVN-1871,43

An Paul Deussen in Oberdreis

Basel 24 Sept. 71.


So ist’s recht, mein lieber Freund! Schnell und entschieden!
     Auch mir wirst Du kein Zögern vorwerfen, wenn Du sofort einen Empfehlungsbrief bekommst. Du wirst daraus ersehen, wer die Mutter Deines künftigen Zöglings ist, und durch welche Kanäle meine Pläne für Dich hindurchfließen mußten. Noch heute ist ein Brief in derselben Angelegenheit an die Fürstin Trubetzkoi nach Heiden abgegangen. Nun, ich wünsche, daß alles zu Deinem Besten ausschlägt.
     Schreibe also sogleich und schicke Deinen ausführlichen Bewerbungsbrief mit dem Empfehlungsschreiben zusammen ab. Rasch! Denn es fehlt nicht an Bewerbern.
     Natürlich schreibst Du französisch. Die Anrede ist, wie Du weißt, nur Madame,
     Ich setze voraus, daß Du mir alles mittheilst, schon damit wir unser Zusammentreffen im Oktober gehörig vereinbaren können. Jetzt kann ich nicht nach Oberdreis kommen; ich nehme meine Schwester in Wiesbaden in Empfang, und dann reisen wir zusammen nach Naumburg. Es ist alles verabredet, und eine Änderung unserer Pläne unmöglich.
     Inzwischen rechne ich auf das angekündigte Zusammensein in Marburg und freue mich herzlich darauf.

Zu Deinem Vorhaben glückwünschend
Dein treuer
Friedr Nietzsche


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BVN-1871,44

An Paul Deussen in Marburg

Naumburg Montag 16 Oct. [1871]


Da müssen wir, mein lieber Freund, es doch anders einrichten und unser Wiedersehen, so leid mir dies thut, wieder einmal verschieben.
     Denn bis zum 20 d. M. kann ich nicht nach Marburg kommen. Dagegen glaube ich, daß wir mit mehr Muße und Gemächlichkeit nach Deiner Vorstellung in Vevey uns genießen können — nämlich in Basel: wo ich am 23 d M. wieder eintreffen werde. Meine Wohnung ist Schützengraben 45: und hier wohnt ebenfalls Overbeck.
     Für Deine Reise wünsche ich Dir von Herzen Glück, danke Dir auch bestens dafür, daß Du an meinen Geburtstag gedacht hast. Ich verlebte ihn unter dem freundschaftlichen Beistande von Rohde, v Gersdorff, Krug und Pinder, mit einer ungewöhnlichen Solennität. Es war der letzte Tag eines Wiedersehn’s mit den genannten Freunden: wir haben die vorhergehende Woche in Leipzig verbracht, in seliger Erinnerungsfeier. Dort habe ich meine Schrift „die Geburt der Tragoedie aus dem Geiste der Musik“ einem Verleger übergeben.
     Doch wozu dies alles Dir schreiben! Es giebt ja jetzt unvermeidlich Wiedersehn auf Wiedersehn!

Darauf hin sich vertröstend bin ich
der alte Freund F N.


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BVN-1871,45

An Wilhelm Vischer (-Bilfinger) in Basel

Naumburg 19 Oct. [1871]


Verehrter Herr Rathsherr,

so bald ich auch selbst, hinter diesem Briefe her, nach Basel aufbrechen werde, so will ich doch noch gern ein Paar Zeilen voraussenden, die Sie versichern sollen, wie herzlich ich mich, sammt meinen Angehörigen, über das jüngste, uns gütigst gemeldete Ereigniß in Ihrer Familie gefreut habe und wie sehr ich dem ausgezeichneten Brautpaare auch meinerseits Glück und Heil! entgegenrufe. —
     Am nächsten Sonntage werde ich in Basel eintreffen, um zunächst am mündlichen Examen des Pädagogiums theilnehmen zu können. Ich will noch hinzufügen, daß es, wie natürlich, bei dem Ihnen vor meiner Abreise angedeuteten Entschluß, ein Anerbieten ablehnend zu beantworten, geblieben ist. —
     Mit herzlichem Gruße an Sie und Ihre Frau Gemahlin bin ich, wie immer

Ihr ergebener
Dr Fr. Nietzsche Prof


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BVN-1871,46

An Erwin Rohde in Kiel

Naumburg Freitag Abend. [20. Oktober 1871]


Mein lieber Freund,

heute sende ich Dir nur ein Wörtchen zur Begleitung der Meßphotographie, die Hennig zu meiner Ergetzung vorgestern abgeliefert hat. Besagter Photograph will von uns noch 1 Thaler, wodurch für Jeden von uns noch die Ausgabe von 10 Srg. erwächst. Inzwischen habe ich bezahlt. Wir stehen auf dieser Photographie etwas verschoben und ich vornehmlich „unschön gekrümmt“, mit einem stumpfen Blicke, aus dem die ganze Dummheit der Messe, sammt ihren Spirituosen, redet. Im Übrigen — senza frivolita — wir waren doch die glücklichsten Meßjuden in Leipzig, ja wir dürften die Rollen aus dem Lumpacivagabundus unter uns vertheilen, wobei ich auf den Schuster Anspruch erhebe, von wegen des delirium tremens clemens demens.
     Der verloren gegangene „Faust“ ist inzwischen von mir und Gustav Krug wieder auf dem Knabenberg, an einer Stelle, wo Gersdorff gerastet hatte, aufgefunden worden: was ich als ein herrliches omen preise. Die erste Stelle, die ich in dem Buche aufschlug, war: Altmayer: „Nun sag mir eins, man soll kein Wunder glauben“. Wodurch ich an unser Meßwunder und das Adventmirakel unsrer Existenz in Leipzig lebhaft erinnert wurde.
     „Mein! Sollte wohl der Wein noch fließen?“
     Ich glaube es fast, mein lieber Freund, es war keine Taschenspielerei, unsre Geisterscheinung in Leipzig. Wir waren dort und werden dort sein: was der Jude mit dem Worte Jehova ausdrücken soll. Herr, gedenke der rohden Stube!
     Es segne Dich der heiige Pythagoras, mich der heilge Frit[z]sch und uns alle das Ding an sich!
     Morgen reise ich nach Basel zurück, mich vom Mahle meiner Ferienfreuden wie ein satter Zecher erhebend. So solenn und üppig habe ich sie nie verlebt und ich weiß, was ich meinen Freunden zu danken habe. Noch mehr aber allen Dämonen, denen wir in einer Stunde nächstens ein gemeinsames Dankopfer bringen wollen: wodurch wir die Idealität von Zeit und Raum einmal glänzend bestätigen wollen. Nächsten Montag Abends um 10 Uhr erhebe ein Jeder von uns ein Glas mit dunklem rothen Wein und gieße die Hälfte davon in die schwarze Nacht hinaus, mit den Worten χαίρετε δαίμονες, die andre Hälfte trinke er aus. Probatum est. Gesegn’ es Samiel! Uhu! — An Gersdorrf mache ich die Meldung.
     Habe Dank, mein lieber lieber Freund!

FN.


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BVN-1871,47

An Carl von Gersdorff in Berlin

Naumburg Freitag Abend [20. Oktober 1871]


Hier, mein lieber Freund, empfange den „glücklich erstandenen“ Faust zurück, den wir am Mittwoch an einer Stelle, wo Du gerastet hattest, wiedergefunden haben. Wir haben sehr darüber gelacht, und im Stillen dachte ich mir, daß es kaum eine freundlichere Gunst der Dämonen geben kann. Darum wollen wir diesen Dämonen, die bei unsrer Zusammenkunft sichtlich auf das Wohlwollendste sich bemüht haben, ein gemeinsames Dankopfer bringen, über das ich an Rohde soeben das Nöthige berichtet habe. Am nächsten Montag Abend um 10 Uhr wollen wir es so einrichten, daß ein Jeder von uns ein Glas dunklen rothen Weins erhebt und die Hälfte davon in die schwarze Nacht hinaus gießt, mit den Worten χαίρετε δαίμονες, die andre Hälfte aber trinkt.
     Zugleich bekommst Du die Meßphotographie, auf der Du wie ein Pascha thronst: für die übrigens jeder noch 10 Sg. zu zahlen hat: als welche Summe ich einstweilen erlegt habe.
     Morgen reise ich nach Basel. Inzwischen empfange meinen herzlichsten Gruß und Dank. Es waren herrliche Tage. Es lebe unsre Freundschaft!

Dein getreuer Freund
Friedr Nietzsche


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BVN-1871,48

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

Basel Donnerstag Mittag.
[26. Oktober 1871]



Meine liebe Mutter und Schwester, endlich komme ich dazu, Euch über meine Reise Nachricht zu geben und mich herzlich unseres Zusammenlebens in der Erinnerung zu erfreuen. Es ist alles glücklich von Statten gegangen, ohne Eisenbahnunglück: nur war das Wetter recht trostlos, feucht und kalt. Wirklich haben wir in Naumburg den letzten schönen Nachmittag für unsre Masseneinladung erloost. Nachts, wie ich über den oeden Markt fuhr, gab es bereits einen Regentropfen. Lange mußte ich mit schwindsuchtskranken Personen, die nach Montreux wollten, zusammenreisen, mir zum Ekel: bis endlich der Tag mich erlöste, und ich den letzten Theil der Reise von Bruchsal an allein in meinem Coupé sitzen konnte. Unser Zug kam natürlich um eine Stunde verspätet an. Ich legte mich zeitig schlafen und wachte erst gegen ½9 am Montag Morgen auf. Die drei Tage sind nun unter Examennöthen, Versetzungsconferenzen hingegangen. Ich fand eine Einladung von Turneysen-Merian vor und habe gestern eine Einladung zu Vischers in der Rittergasse zu Sonntag angenommen. Im „Kopf“ sind wieder die drei Stammgäste beisammen, und es schmeckt uns auch wieder — leidlich. — Nach dieser Papelei scheint es als ob ich ganz zum alten Weibe geworden sei. Wetter und guter Schlaf und Kost ist nun besprochen. Sela! —
     Ich habe eine sehr angenehme Empfindung, wenn ich an unsere Naumburger Zeit denke. Es arbeitet sich im „Cabinettchen“ so gut als es sich dort schläft und ißt. Dazu waren diesmal die Herren Menschen etwas freundschaftlicher als sonst. Und welche Solennität und Üppigkeit an meinem Geburtstage! Und überhaupt wie behaglich habt Ihr meine Existenz dort eingerichtet. Wehe Euch, wenn Ihr mich so verwöhnt! Ich komme dann alle Ferien nach Naumburg: und Lisbeth käme nie wieder nach Basel! Wehe! Frau Vischer-Heusler fragte mich, ob sie noch immer „Heimweh“ nach Basel habe. Da hört doch Alles auf.
     Montag fängt unsre Schule wieder an, Donnerstag ist das Rektoratsfest und das akademische Zunftessen. Frau Heusler ist nach Davos abgereist. Die drei neuen Collegen sind eingetroffen, alle (bis auf Immermann) in Wohnungsjammer. Neumann wohnt mit seiner Frau immer noch in den drei Königen. Er hat, da gar kein passendes Logis für 2 Leute frei werden wollte, endlich die Hiss’sche Etage am Petersplatz gemiethet, für 1800 frs., kann sie aber jetzt noch nicht beziehn. Eycken wohnt in einer schlauchartigen Wohnung, in dem kleinen Häuschen am selben Platz. E. hat seine Mutter mit, eine Postmeisterswittib. Bei Vischers ist er durch das Dienstmädchen angemeldet worden „Herr Professor Postmeister“, zur Erinnerung an Liebermeister.
     Im Hause selbst ist alles scheinbar ungestört. Das Problem der Portière ist von mir noch nicht gelöst. Es ist weder kalt noch warm bei mir. —
     Nun lebt recht, recht wohl und habt schönsten Dank für Eure Liebe und Güte.

Fritz.

Mein Klavier klingt wieder herrlich.


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BVN-1871,49

An Gustav Krug in Naumburg

Basel 13 Nov. 71.


Diesen Gruß,
lieber Freund,
     zum Angebinde:
daß Dich nicht
Aergernuß
     nage und schinde,
sondern daß
Frohgemüth
     Dich führe und leite,
Freunden zum Trost,
Feinden jedoch
     zu ewigem Neide!

     Dieses Carmen ist nach einer eignen barbarischen Weise abzusingen, die ich auch zu Deinen Ehren erfunden habe. Bei unserer nächsten Zusammenkunft will ich sie mündlich weiter fortpflanzen. Auf Papier geschrieben verdorrt sie.
     Welche angenehme Erinnerung habe ich von meinen Naumburger Herbsttagen mit genommen! Seit langer Zeit habe ich nicht so im Genüsse der Freundschaft, der Heimat, der Vergangenheit und Gegenwart geschwelgt, und ich bin meinen werthen Freunden herzlichen Dank schuldig. In einer ganz seltnen Weise hat sich das Wohlgefühl über jene hellen und warmen Herbsttage bei mir noch hinterdrein manifestirt, in einer Weise, die Deine Theilnahme erwecken wird, mein lieber Freund. Du weißt daß ich seit 6 Jahren nichts mehr componirt habe (seit jenem Kyrie habe ich nicht mehr die Feder zu einem Notenkopfe gespitzt) und siehe! oder höre!
     Inzwischen ist ein sonderbares Opus fertig geworden, gleichsam aus der Luft gefallen. Das erste Motiv war nur, etwas von meinen früheren Sachen vierhändig zuzurichten, so daß ich es mit meinem Collegen Overbeck zu spielen vermöchte. Ich verfiel auf jene „Silvesternacht“: aber kaum hatte ich das Notenpapier gekauft, so verwandelte sich alles unter meinen Händen, und von dem ersten Takte an ist es etwas völlig Neues geworden. Der lange Titel dieses 4 händigen Satzes, dessen Ausführung 20 Minuten dauert, lautet:
     „Nachklang einer Sylvesternacht, mit Prozessionslied, Bauerntanz und Mitternachtsglocke.“ —
     Du weißt, wie erstaunt ich war, Dich noch bei frischer Componirstimmung anzutreffen, und ich kam mir wer weiß wie verwelkt oder auch „weise“ vor, daß ich darin mich seit 6 Jahren resignirt hatte. Und nun hinterdrein! Du siehst, was Dein Beispiel an mir gefruchtet hat! Im Übrigen bin ich jetzt, wo ich das Werk hinter mir habe, fast auf dem früheren Punkte und denke nicht daran weiter zu componiren: weshalb ich sagte, diese Composition sei aus der Luft gefallen. Jedenfalls klingt sie gut: sie hat etwas Populäres, geräth nie in’s Tragische, wenn auch in’s Ernste und Wehmüthige. Mitunter ist sie triumphirend, ja auch schmerzlich ausgelassen, kurz — wenn Du Dich unserer Ferienstimmungen erinnern willst, der Spaziergänge über den Knabenberg, bis auf „das Ding an sich“, so wirst Du eine Exemplifikation dieser „dionysischen Manifestation“ haben. Das Ganze ist auf wenig Themen aufgebaut, in der Tonfarbe freilich orchestral, ja förmlich gierig nach Orchestration, aber Du weißt — hier kann ich nicht mehr mit. Die Geburtstage sind der 1te bis 7 November: es ist ein so reinliches Manuscript, daß ich mit Overbeck es immer aus der ersten Niederschrift bis jetzt gespielt habe. Jetzt schreibe ich es nochmal ab, um meiner ausgezeichneten und verehrten Freundin, Frau Cosima W., ein Geburtstagsgeschenk machen zu können.
     Jetzt macht das neue Semester seine Ansprüche: meine Interessen sind auf Plato und auf lateinische Epigraphik gerichtet. Da höre ich die Muse der Tonkunst nur noch aus weiter Ferne —
     Ich sinne darüber nach, wie ich Dir einmal einen Eindruck von meiner Comp, verschaffe. Jedenfalls bei unserem nächsten Zusammensein. Denn schließlich bist Du der Einzige, der etwas Theilnahme für solche Extravaganzen haben wird: bei anderen Menschen setze ich nur ein gewisses Mißtrauen in diesem Punkte voraus. Was thut es und wem schadet es, wenn ich mich alle 6 Jahr einmal durch eine dionysische Weise von dem Banne der Musik freikaufe! Denn so betrachte ich diesen musikalischen Exceß, als einen Freibrief. Es ist ein Nachklang, auch für meine musikalische Lebenszeit, ein Sylvesternachklang aus einem Musikjahre. — Jetzt hoffe ich, daß durch meinen rapiden Verlauf auch wiederum Dein Quartett gefördert wird: daß wir wieder einmal, nach alter Germania-Gewohnheit, eine „Synode“ halten und dieselbe mit einem „Concert eigner Compos.“ schließen können. — Möge Dich und unsern lieben gemeinsamen Freund Wilhelm ein guter Genius, auch auf allen juristischen Bahnen, führen und leiten,

Freunden zum Trost,
Feinden jedoch
zu ewigem Neide!

F W Nietzsche.


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BVN-1871,50

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

Basel 13 Nov. 71.


     Endlich, liebe Mutter und Schwester, bekommt Ihr den gebührenden Dank für Eure mich herzlich erfreuenden Briefe, so wie meinerseits neue Mittheilungen. Doch was ist inzwischen passirt, was für Euch von Interesse sein könnte? Von gestern angefangen: daß ich bei Bachofens zu Mittag eingeladen war, wo mehrfaches Bedauern über Deine Nicht-anwesenheit ausgesprochen wurde, liebe Lisbeth. Dann ist der alte Vischer seit 2 Wochen bettlägerig, an schwerem Rheumatismus und Muskelentzündungen. Es geht noch nicht gut. Dann habe ich nun wieder alle Collegien seit Anfang voriger Woche im Gange, 9 Studenten in dem einen, 6 in dem andern. Ich lese ein dreistündiges, ein einstündiges und halte außerdem die Seminarübungen und meine Pädagogiumstunden. Also wöchentlich 11 Stunden, womit ich zufrieden bin. — Deussen hatte sein Wiedersehn so unglaublich eingerichtet, daß ich ihn nur Nachts von 12—2 Uhr zu sehen bekam, und er mir wie ein „Fandom“ in der Erinnerung geblieben ist. — Die jungen Vischers haben mir neulich einmal Weintrauben herüber gebracht. — Zwei Tage habe ich bei Wagners verlebt, wo ich mit der allerwärmsten Herzlichkeit empfangen wurde. Dort habe ich die anziehende Bekannschaft von Frau von Muchanoff (Gräfin Nesselrode) gemacht. Auf dem Bahnhof rief mir noch Wagner Grüße an das „niedliche Schwesterchen“ nach und ob Du nicht bald einmal wieder kämst. Was ich auch den Kindern versprochen habe. — Gersdorff schreibt oft und hübsch aus Berlin. Er hat die Mazziniverse „und im Ganzen, Vollen, Schönen resolut zu leben“ endlich bei Goethe, unter den „geselligen Liedern“ wiedergefunden. Der eine seiner künstlerischen Freunde ist daran, für mich eine Vignette zu erfinden. — Von Frit[z]sch in Leipzig kein Wörtchen; großes Erstaunen meinerseits. — Die Ferientage waren so erwärmend für mich, daß ich hinterdrein noch zum Componisten geworden bin und in großer Schnelligkeit eine lange vierhändige Composition vollendet habe, die ich mit Overbeck spiele: „Nachklang einer Sylvesternacht, mit Prozessionslied, Bauerntanz und Mitternachtsglocke“: ein sehr hübscher Scherz! An Gustav habe ich heute geschrieben: ich wollte ihm gerne noch ein Exemplar des „Socrates“ mitsenden. Schließlich bemerke ich, daß ich gar keine eingebundenen Exemplare mehr habe: weshalb ich Gustav auf Weihnachten vertrösten muß.
     Mir geht es gut: aber Grausen! Gestern haben wir ungeheuren Schnee bekommen. Dieser ekelhafte „weiße Koth“! Ich begrüßte ihn mit Empörung. Zum Colleg zu rutschen, nicht mehr zu gehen, in dieser winkeligen Hügelstadt, ist eine große Misère, trostlos, trostlos!

Mit herzlichen Grüßen von Eurem
Fritz.


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BVN-1871,51

An Ernst Wilhelm Fritzsch in Leipzig

Basel 18 Nov. 71.


Geehrtester Herr,

Sie hatten mich wirklich durch Ihr Schweigen in den Zustand des Erstaunens versetzt; ich wußte nicht, was ich denken sollte und was ich zu thun hätte und sah deshalb mit lebhafter Theilnahme dem Tag entgegen, wo sich aufklären würde, was mir unverständlich war. Um so mehr freute ich mich über den heute bei mir angelangten Brief, der alle meine Beunruhigungen zerstreut und mich nur an eins mahnt, an die größte Eile. Ich sende deshalb heute noch, was ich druckfertig von meiner Schrift besitze und verspreche den fehlenden Rest und die Vorrede baldigst nachzuliefern. Inzwischen müssen wir alles daran setzen, um bis Weihnachten fertig zu sein. Wenn sich nur einigermaßen erfüllt, was ich mit meinen Freunden von dieser Schrift hoffe, so sollen auch Sie ihre Freude und Ihren Dank daran haben, ihr zur Öffentlichkeit verholfen zu haben.
     In allen sonstigen Beziehungen werden wir uns, wie ich denke, mit Hülfe Rich. Wagner’s ebenso leicht als zur beiderseitigen Zufriedenheit verständigen.
     Inzwischen hoffe ich auf die baldige Zusendung von Correkturbogen: wir waren übereingekommen, daß ich selbst die letzte Revision übernehme.
     Nun habe ich nur zu wünschen, daß unsere Namen sich unter einem guten Sterne zusammengefunden haben: und wenn die Namen sich reimen, sollten es die Menschen doch auch können.

Ihr ergebener
Dr Fr. Nietzsche


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BVN-1871,52

An Carl von Gersdorff in Berlin

[Basel, 18. November 1871]


Verzeihe mir, mein lieber Freund, daß ich Dir nicht früher für Deine Briefe gedankt habe, von denen ein Jeder mich an Dein kräftiges Culturleben erinnert, als ob Du im Grunde noch Soldat seist und Deine militärische Gesinnung jetzt im Bereiche der Philosophie und Kunst zu erweisen trachtetest. Und so ist es recht; nur noch als Kämpfer haben wir gerade in unserer Zeit ein Recht zu existieren, als Vorkämpfer für ein kommendes Saeculum, dessen Formation wir an uns, an unsern besten Stunden nämlich, etwa ahnen können: da diese besten Stunden uns doch offenbar dem Geiste unserer Zeit entfremden, aber doch irgendwo eine Heimat haben müssen; weshalb ich glaube, wir haben in diesen Stunden so eine dumpfe Witterung des Kommenden. Haben wir nicht auch aus unserer letzten gemeinsamen Leipziger Erinnerung noch das Gedächtniß an solche entfremdete Momente, die in ein anderes saeculum gehören? — Also — es bleibt dabei: und im Ganzen, Vollen, Schönen resolut zu leben! Aber es gehört eine kräftige Resolution dazu und ist nichts für Jedermann!
     Heute wurde ich recht an unser Leipziger Dasein gemahnt, und in einem gewissen Sinne kann ich sagen: ich knüpfe an’s fröhliche Ende den fröhlichen Anfang nun an, wie das lustige Lied heißt. Heute nämlich, erst heute! antwortete Fritzsch, der treffliche Verleger, auf meinen damaligen Besuch: weshalb ich Dir auch gerade heute Nachricht geben muß. Denn Du und Rohde, Ihr wart es, die mich zu dem trefflichen Fritzsch moralisch und körperlich brachten: was ich bis jetzt noch zu preisen habe. Er konnte nichts dafür, daß seine Antwort sich so lange verschob. Er hatte das Manuscript sofort einem Fachmann zur Beurtheilung übersandt, und dieser hat bis zum 16 Nov. getrödelt. Du weißt doch noch, daß das Lied „Lieber Freund, diesen Gruß zum Angebinde“ für den 16 Nov. bestimmt war, nämlich zu Krug’s Geburtstag. An diesem gleichen Tage schrieb der gute Fritzsch „daß mich nicht Ärgernuß nag’ und schinde“ und verspricht sogar noch bis Weihnachten fertig zu werden. Also die Ausstattung genau nach dem Muster von Wagners „Bestimmung der Oper“ ist beschlossen: freue Dich mit mir! Für eine schöne Vignette wird somit ein herrlicher Platz sein: sage dies Deinem künstlerischen Freunde, zugleich mit meinen teilnehmendsten Grüßen. Nimm Dir einmal die Wagnersche Broschüre vor, schlage den Titel auf und berechne Dir die Größe, die wir dem bildnerischen Kunstwerk geben können. Es kommt nur auf den Titel:

[Ein Entwurf der Titleseite]

     Ich habe bis jetzt das allerbeste Zutraun: die Schrift wird mächtig gekauft werden und auf ein Stückchen Unsterblichkeit mag sich der Herr Vignettenbildner nur gefaßt machen.
     Nun noch etwas Neues. Denke Dir, mein lieber Freund, in welch seltsamer Weise jene erwärmenden Tage meiner Ferienzusammenkunft in mir hinterdrein wieder zum Vorschein gekommen sind. Nämlich in Form einer größeren vierhändigen Composition, in der alles wiederklingt von einem schönen sonnenwarmen Herbste. Genannt ist das Opus, weil es anknüpft an eine Jugenderinnerung „Nachhall einer Sylvesternacht, mit Prozessionslied, Bauerntanz und Mitternachtsglocke“. Das ist doch ein lustiger Titel: man hätte ebenso gut zu viel noch erwarten dürfen „mit Punschbowle und Neujahrsgratulationen“. Overbeck und ich spielen sie, es ist jetzt unser Specificum, das wir vor allen vierhändigen Menschen voraushaben. Weihnachten wird Frau Wagner mit dieser Musik beschenkt und überrascht. Auch an dieser Comp, seid ihr, meine lieben Freunde, die unbewußten dei ex machina! Seit 6 Jahren hatte ich nichts mehr componirt, und dieser Herbst hat mich wieder stimulirt! Gut ausgeführt, dauert die Musik 20 Minuten.
     Im Übrigen bin ich wieder in philolog. Thätigkeit, lese „Einleitung in das Studium Plato’s“ und „latein. Epigraphik“ und bereite für die Zeit nach Neujahr 6 öffentl. Vorträge vor „ueber die Zukunft unserer Bildungsanstalten“.
     Nächsten Dienstag hält unser neuer Philosoph seine Antrittsrede, über das „selbstverständliche“ Thema: „die Bedeutung des Aristoteles für die Gegenwart“. — —
     Hier bist Du im guten Angedenken. Die Dämonenweihe habe ich bei Jacob Burkhardt, in seiner Stube gefeiert: er hat sich meinem Weiheakte angeschlossen und wir haben reichlich zwei Biergläser guten Rhôneweines auf die Straße geschüttet. In früheren Jahrhunderten wären wir der Zauberei verdächtig. — Als ich damals ½12 Nachts nach Hause kam, ziemlich dämonisch, fand ich erstaunter Weise Freund Deussen vor, mit dem ich noch bis gegen 2 Uhr auf der Straße herumzog. Mit dem allerfrühsten Zuge reiste er ab. Ich habe eine fast gespenstische Erinnerung an ihn, da ich ihn nur bei mattem Lampenund Mondeslichte gesehn habe.
     Laß bald etwas von Dir hören, mein wackerer werther Freund! Du weißt jetzt, daß es mit der Vign[ette] höchste Zeit ist.

Sei herzlich gegrüßt von Deinem Friedr N.


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BVN-1871,53

An Richard Wagner in Tribschen

Basel 18 Nov. 71.


Verehrtester Meister,

heute endlich hat mir unser Fritzsch aus Leipzig Nachricht gegeben, nachdem ich lange in gänzlicher Befremdung über sein Schweigen dahin gelebt habe, ohne recht zu wissen, was ich zu thun hätte. Jetzt erfahre ich, dass er mein Manuscript sofort, noch bevor Ihre empfehlenden Zeilen eingetroffen waren, an einen Mitarbeiter seines Blattes zur kritischen Einsicht übersandt hatte: als welcher Bummler dasselbe bis zum 16 November zurückgehalten hat. Jetzt soll nun schnell losgedruckt werden; in welcher Beziehung Fritzsch vortreffliche Versprechungen macht. Dann kommt ein Passus, den Sie mir vielleicht mit einem Worte erklären können. Fritzsch schreibt mir: „über die Honorarfrage werden Sie unterdess selbst nachgedacht haben, vielleicht dass Ihnen in dieser Hinsicht Herr Wagner einige Andeutungen gemacht hat.“
     Hier würden Sie mich gänzlich in ungeheure Inschriftenwerke versteckt finden, aus denen ich für meine Studenten eine lateinische Epigraphik zusammenbraue oder von Hunderten von platonischen Schriften umringt, mit deren Hülfe ich meine Zuhörer in das Studium Plato’s einführe. Hebe ich das Ohr einmal aus diesem Bücherhaufen empor, so höre ich sofort etwas, was in Bologna vorgeht oder in der Stadtverordnetenversammlung von Baireuth berathen ist, oder die „Academy“ präsentirt sich mir, mit einem neuen Aufsatz von Franz Hüffer, dem verkappten Engländer, oder auch ein erstaunliches Inserat mit dem Namen meines Freundes Gersdorff oder eine Besprechung von Fuchs Präliminarien der Tonkunst etc. Kurz, auch nur ein massiges Hinhorchen genügt jetzt, um über die grossen äusseren Züge Ihrer Existenz unterrichtet zu bleiben.
     Von meinem letzten Tribschener Besuche habe ich die wärmste und herzlichste Erinnerung und weiss, was ich meinen Dämonen schuldig bin: denen ich neulich ein Dankopfer brachte, mit einer Spende rothen Weines und den gesprochnen Worten Χαίρετε Δαίμονες: eine Feierlichkeit, die zugleich in Basel, Berlin und Kiel stattfand und bei deren Vollziehung wohl jeder von uns auch Ihrer gedacht hat: denn was bitten wir von den Dämonen, was danken wir ihnen, was nicht mit Ihnen auf das Innigste und Nächste zusammenhängt?

Ihr getreuer
Friedrich Nietzsche.


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BVN-1871,54

An Erwin Rohde in Kiel

Basel Donnerstag.
[23. November 1871]



Mein lieber Freund,

eben hatte ich mich etwas ermüdet auf das Sopha gelegt und die Hände über die Augen gelegt, als ich plötzlich an Dich denkend aufspringe, die Feder ergreife und somit wie Du siehst, an Dich schreibe. Mir fiel ein, daß Du lange von mir nichts gehört hast und vielleicht auch in speziellen Beziehungen wissen möchtest, wie es mir inzwischen, etwa rücksichtlich des Fritzsche-Nietzsche-Büchleins, ergangen ist. Hast Du denn irgend so etwas Passendes aus der Gemmen-region aufgespürt? Denn dann wäre es hohe Zeit, dem edlen Verleger Mittheilung zu machen. Oder wir schickten es dem Freunde Mosengel, der seiner Zeit mir erzählte, wie er zu den wenigen Malern gehöre, die auch „Radirer“ wären. Ich weiß nicht, ob die Technik des Radirens gerade die in diesem Falle rechte ist, wie stehts damit? —
     Erst seit vorigem Sonntag habe ich Bescheid von dem guten Fritzsch. Obwohl die Sache inzwischen mich beunruhigt hatte — that ich doch nichts, weder für, noch gegen, sondern wartete still, was meine Dämonen beschlossen hätten. Endlich kommt die Aufklärung: Fritzsch hatte mein Manuscript an einen Mitarbeiter seines Blattes zu kritischer Beurtheilung abgesandt, und dieser Bummler hatte so lange gebummelt! Jetzt scheint nun alles in Ordnung zu sein. Ausstattung, wie in Wagners „Bestimmung der Oper“ ist garantirt und ich glaube daß noch nie ein Erstlingswerk so üppig eingehüllt, wie ein Prinzenkind, aus der Taufe gehoben worden ist.
     Einen recht schönen Nachklang hatte ich noch von unserer Zusammenkunft, die mich innerlich und äußerlich, bei den mildwarmen Herbstsonnenwirkungen, so erquickt hatte, daß ich hinterdrein wieder einmal, nach 6 Jahren Pause, zum Componisten geworden bin. Eine längere vierhändige Composition, in der Dauer von 20 Minuten, ist in kurzer Zeit, gleich nach meiner Rückkehr nach Basel, fertig geworden, mit der ich recht zufrieden bin. Sie heißt, im Anschluß an eine Jugenderinnerung, so:
     „Nachklang einer Sylvesternacht, mit Prozessionslied, Bauerntanz und Mitternachtsglocke.“
     So etwas danke ich Euch, meine lieben Freunde und Du wirst es spüren, wenn Du dieselbe einmal hörst.
     Die Dämonenweihe habe ich mit Burkhardt zusammen gefeiert: er hatte sich dem Opfer angeschlossen, und um 10 Uhr flössen zwei Gläser rothen dunkeln Weines in die Nacht hinab. — Am andern Tag hatte ich dämonischen Kater. —
     Ich lese mit Vergnügen Plato und latein. Epigraphik. Da fällt mir wieder etwas ein. Sage, lieber Freund, hast Du vielleicht einmal daran gedacht, selbst auch etwas über mein Tragödienbüchlein öffentlich verlauten zu lassen? Ich fürchte immer, daß die Philologen es der Musik wegen, die Musiker der Philologie wegen, die Philosophen der Musik und Philologie wegen nicht lesen wollen und bekomme dann für meinen guten Fritzsch Angst und Mitleid. Vielleicht könntest Du die Philologen coram nehmen, etwa in einem Briefe an den Redakteur des rhein. Museums oder in einer Zuschrift an mich. Kurz, es fehlt mir die „höhere Reklame“. Du weißt, wie sehr die Philologen auf alles gestoßen werden müssen, was nicht bei Teubner und ohne den Zubehör kritischer Noten erscheint. Stoße sie! Ich bitte Dich.—
     Ein sehr schöner Brief Wagners über die Bolognaaufführung steht in dem letzten Sonntagbeiblatt der norddeutschen Allgemeinen. Hast Du denn mit Wagner brieflich angeknüpft? Deine Abhandlung ist ernsthaft gelesen worden. Der zweite Akt der Götterdämmerung ist vor 3 Tagen fertig geworden.
     Erfreue mich bald durch einen Brief, mein lieber, lieber Freund.

Treulich
ὁ μουσικός.


     Das Geld habe ich bekommen, aber c. 2 frs. zu viel. Was soll ich damit anstiften? Oder war es auf meine Bereicherung abgesehn? —
     Ich denke eben daran, daß Du ja das Centralblatt „beherrschest“: dann aber müssen wir möglicherweise auf einen ernstlichen Widerstand der Redaktion bedacht sein? Oder nicht? Jedenfalls nimm Dir dann etwas Raum. — Du bekommst eins der ersten Exemplare zugeschickt. Etwa um Neujahr herum.


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BVN-1871,55

An Ernst Wilhelm Fritzsch in Leipzig

Basel, Montag.
[27. November 1871]



Werthester Herr Verleger,

hier empfangen Sie für unsre Schrift eine Titelvignette, welche ein trefflicher Künstler gearbeitet und mir heute zugeschickt hat. Es ist der von seinen Fesseln befreite Prometheus. Jetzt bitte ich Sie, schleunig einen guten und im besten Sinne bewährten Holzschneider mit der Ausführung dieser Vignette zu betrauen.
     Jedenfalls muß der Schöpfer dieser Vignette den Holzstock noch zu einer etwaigen Correktur überschickt bekommen. Benutzen Sie dazu folgende Adresse: Herrn Carl von Gersdorff, Ritter des eisernen Kreuzes, Berlin, Alexandrinenstr. 121 (hunderteinundzwanzig) II Treppen. Dieser Herr ist zwar nicht der Verfertiger der Vignette, aber ein ganz naher Freund des Künstlers, dessen eigne Adresse ich zufällig nicht besitze.
     Natürlich sind alle die genannten Menschen eifrige Wagnerianer. Gelegentlich frage ich jetzt bei Ihnen an ob Sie mir als Honorar für den Druckbogen drei Louisdor’s geben wollen. Warum machen Sie mir keinen Vorschlag? Nun muß ich Ihnen einen machen. Wagner beschwert sich, daß bei solchen Dingen es jedesmal so zugienge als ob noch nie ein Buch gedruckt worden wäre. Sagen Sie mir, ob Sie mit meinem Vorschlage einverstanden sein können. —
     Ich erwarte täglich Druckbogen: wie weit sind wir?

Mit freundlichstem Gruße bin ich
Ihr ergebener
Dr Fr Nietzsche
Prof.


NB. Meinen Rest von Manuscript bekommen Sie bald. — Die Vignette denken Sie Sich hineingestellt zwischen unsere Namen auf dem Titelblatt: Es ist ein kleines Meisterstück und sagt auf einfache Weise Vieles und Ernstes.


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BVN-1871,56

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

Basel, Sonntag. 3 Dez. 71.


Meine liebe Mutter und Schwester,

Herzlichen Dank für den letztens erhaltenen Brief. Ich höre mit Vergnügen, daß es Euch in Naumburg wohlgefällt. Weihnachten werden wir aber nicht beisammen sein können, ich habe meine 6 Vorträge „über die Zukunft unserer Bildungsanstalten“ nach Neujahr zu halten und bis jetzt noch kaum an dieselben denken können, so sehr beschäftigen mich meine Collegien. (eins mit 10, das andre mit 7 Zuhörern) Dazu kommt daß ich jetzt daran denken muß, mein Büchlein über die Tragödie abzuschließen. Denn mit Fritzsch ist alles in Ordnung. Es wird gedrucht, und ich erwarte täglich Correkturbogen. Die Ausstattung wird sehr schön (gleich der von Wagners „Bestimmung der Oper“) Aber es giebt sehr viel zu denken, und viel Alleinsein ist nöthig. — Am 20 d. M. ist das große Conzert Wagner’s in Mannheim. Ich habe kaum irgendwelche Aussicht hinzukommen, weil wir hier in dem Collegienfleiß erstaunlich gewissenhaft sind, und ich mich auch am Pädagogium nicht vertreten lassen kann. So entgeht mir auch dies Concert, wie mir das Berliner entgangen ist — und was nicht sonst? Wenn ich aber nur mit Baireuth durchkomme!
     Dem alten Vischer geht es wieder gut. Er ist bereits aufgestanden vom Bett, und ich bin öfters bei ihm. Frau Vischer hat mir von einem Brief nach Naumburg erzählt, den sie geschrieben habe. — Bei Heyne’s war neulich eine große Gesellschaft, vornehmlich zu Ehren der neuen Professoren und Frauen. Es wurde die Kindersymphonie aufgeführt und nachher getanzt — bis Mitternacht. Montags bin ich zu einer Gelzer’schen Gesellschaft eingeladen, der alte Geizer schrieb mir eigens, daß er bedauere Dich, liebe Lisbeth nicht mit einladen zu können. Zugleich mit Deinem letzten Brief lief eine Einladungskarte bei mir ein, zu einem großen Diner, welches Georg Fürstenberger veranstaltete, zu Ehren des neuen Brautpaars. Das haben wir denn Gestern mit Gott bestanden. Es war die ganze Erste Etage von Hôtel Euler und der große Speisesaal im Parterre zu unserer Disposition, und es war eine Üppigkeit, die mir wenigstens unbekannt in Basel war. Wir waren gegen 6o Eingeladne, aber nur Jugend, ohne Mütter und Väter (weder die alte Frau Vischer noch die alte Frau Sarasin war zugegen, wohl aber Frau Vischer-Sarasin und Vischer-Heusler.) Hauptsächlich aber die Freundinnen von [der] Braut und die Freunde vom Bräutigam. Man spürte an allem die hier vertretenen Millionen der Gäste, und für Euch wäre es gewiß sehr unterhaltend gewesen, die ganze vornehmste Baseler Aristocratie beisammen zu sehn. Wir waren von 1 Uhr bis 8 Uhr zusammen und haben schließlich noch ein paar Stunden getanzt. Ich war der einzige Deutsche der Gesellschaft. Man hat mir noch ein paar Bälle angekündigt. Ich übersende zu Eurem Spaß das Menü mit der Tischkarte und entschuldige mich, so viel von solchen Dingen erzählt zu haben. Übrigens war es „luschtig“.

Mit herzlichem Gruße
Euer Fritz.


Schreibt mir doch etwas über Eure Weihnachtswünsche.


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BVN-1871,57

An Ernst Wilhelm Fritzsch in Leipzig

[Basel, kurz nach dem 3. Dezember 1871]


Werthester Herr Verleger,

mit Ihren Honorar-propositionen bin ich nach allen Seiten hin einverstanden und betrachte damit diesen Punkt als erledigt und abgethan. Nur möchte ich mir noch eine Anzahl Freiexemplare ausbitten, nämlich 25, von denen 5 auf Velin (nämlich auf solchem Velin wie in Wagners „Beethoven“) abzuziehen wären. Werden Sie mir dies noch concediren können?
     In Betreff des Papiers, denke ich, bleibt es bei der ersten Vereinbarung, das heißt bei dem Papier von W’s „Bestimmung der Oper.“
     Der Druck und die Correktheit desselben haben mich befriedigt. Der Druck kann so schnell wie möglich vor sich gehen. Ich will nicht auf mich warten lassen.

Mit besten Grüßen
Ihr ergebener
Prof Nietzsche.


NB. Es fällt mir ein, daß wir Frau Wagner eine rechte Freude machen würden, wenn wir ein Exemplar auf dem gelben Papier herstellten, das sie sehr liebt. Wie ich Sie im Herbst in Leipzig besuchte, zeigten Sie mir solches Papier, nicht wahr?


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BVN-1871,58

An Franziska Nietzsche in Naumburg

Basel Sonntag. [vermutlich 10. Dezember 1871]


Meine liebe Mutter,

hier eine kurze Weihnachtsnotiz für Lisbeth. Bitte besorge für mich das Photographienalbum. Ich selbst werde an Deine Adresse schicken 1) die Kunstgeschichte, 2) den Hebel.
     Mit herzlichem Gruß und der Bitte, den beifolgenden Zettel nicht zu lesen. Er ist für Lisbeth bestimmt.
     Herzlichen Dank für Deinen gemüthlichen Brief.

          Sehr in Eile

Dein Fritz.


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BVN-1871,59

An Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Basel, vermutlich 10. Dezember 1871]


Meine liebe Lisbeth,

heute nichts mehr als diese kurze weihnachtliche Notiz. Ich überlasse Dir nothgedrungen den Weihnachten für unsere liebe Mutter ganz allein: das heißt, ich bitte Dich 1) die Gardinen in meinem Namen zu bestellen und zu überreichen. 2) ein paar geschnitzte Löffel Messer und Gabeln. Das Letztere könnte ich auch hier bekommen, fürchte aber zu zerbrechen.

     Ich bin in großer Arbeit und sehr eilig.

Dein Bruder.


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BVN-1871,60

An Carl von Gersdorff in Berlin

Basel, Donnerstag früh.
[14. Dezember 1871]



Mein lieber Freund,

neulich habe ich etwas vergessen, nämlich den Text zum Kaisermarsch: was Du, bei meiner großen Verwirrung aller möglicher Geschäfte, einmal entschuldigen magst. Am Dienstag habe ich nun etwas Luft bekommen: dadurch daß ich wenigstens auch den Rest vom Manuscript und die Vorrede an Fritzsch abgeschickt habe. Nach Mannheim kann ich — leider! leider! — nicht reisen, denn das Amt des Schreibers in der Regenz und eine längere Krankheit des Prof Gerlach verhindern mich, Urlaub zu nehmen.
     Für die Vignette habe ich Dir bereits gedankt: Fritzsch hat mir einen bewährten Holzschneider zugesichert. Er hat durch mich Deine Adresse bekommen, damit an Dich der Holzstock, zu Händen des geehrten Künstlers, eingesandt werde.
     Nun der Text:

Volksgesang.

Heil, Heil dem Kaiser!
     König Wilhelm!
Aller Deutschen Hort und Freiheitswehr!
Höchste der Kronen,
Wie ziert dein Haupt sie hehr!
Ruhmreich gewonnen
Soll Frieden dir lohnen!
Der neu ergrünten Eiche gleich,
Erstand durch dich das deutsche Reich:
Heil seinen Ahnen,
     seinen Fahnen,
die dich führten, die wir trugen,
als mit dir wir Frankreich schlugen!
     Feind zum Trutz,
     Freund zum Schutz,
allem Volk das deutsche Reich zu Heil und Nutz!

     /: Die letzte Zeile wiederholt :/

Mit herzlichem Gruße,
mein lieber Freund!
Dein
FN.


Wo bist Du Weihnachten? —


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BVN-1871,61

An Erwin Rohde in Kiel

Basel, nach dem 21. Dezember 1871


Mein lieber, lieber Freund,
einen herzlichen Weihnachtsgruß zuvor!

Ich hoffte Dir um diese Zeit bereits meine Schrift zuschicken zu können: es sind aber einige Verzögerungen eingetreten, nicht durch meine Schuld, so daß meine Weihnachtsgabe diesmal etwas zu spät kommen wird. Die Vignette des Titelblattes hat einige Störungen gemacht: die Zeichnung, von Gersdorffs Freunde Rau entworfen, hat unsern höchsten Beifall, aber der „bewährte“ Holzschneider, den Fritzsch dafür ausgesucht hatte, hat eine stümperhafte Leistung gemacht, so daß sein Holzstock ganz unbrauchbar und incorrigibel ist, und wir das Werk von Neuem einem der besten Holzschneider, dem akademischen Künstler Vogel in Berlin, übertragen mußten. Gersdorff ist mir treu zur Seite und zeichnet sich durch zuverlässigste Hülfbereitschaft in allen Dingen aus (Hast Du ihm nicht einmal ein kleines Briefchen geschrieben? Ich glaube Du würdest ihn sehr erfreuen. Er gehört zum Vorstande des Berliner Wagnervereins: willst Du Dich nicht bei ihm zu einem Loose anmelden? Alexandrinenstr. 121 II Treppen)
     Der Druck ist bedeutend compresser als in der „Bestimmung der Oper“, daher wird die Schrift wenig umfangreich, etwa 140 Seiten. Acht Bogen sind nach jeder Seite hin fertig, und ich habe nur einen kleinen Rest und die Vorrede zu corrigieren. Der ganze letzte Dir noch unbekannte Theil wird Dich gewiß in Erstaunen setzen, ich habe viel gewagt und darf mir aber in einem ganz enormen Sinne zurufen: animam salvavi: weshalb ich mit großer Befriedigung der Schrift gedenke und mich nicht beunruhige, ob sie gleich so anstößig wie möglich ausgefallen ist, und von einigen Seiten geradezu ein „Schrei der Entrüstung“, bei ihrer Publikation, laut werden wird.
     Übrigens fühle ich mich in meinen Erkenntnissen der Musik wunderbar befestigt und von deren Richtigkeit überzeugt — durch das, was ich diese Woche in Mannheim, mit Wagner zusammen, erlebte. Ach, mein Freund! Daß Du nicht dabei sein konntest! Was sind alle sonstigen künstlerischen Erinnerungen und Erfahrungen, gemessen an diesen allerletzten! Mir gieng [es] wie einem, dem eine Ahnung sich endlich erfüllt. Denn genau das ist Musik und nichts sonst! Und genau das meine ich mit dem Wort „Musik“, wenn ich das Dionysische schildere, und nichts sonst! Wenn ich mir aber denke, daß nur einige hunderte Menschen aus der nächsten Generation das von der Musik haben, was ich von ihr habe, so erwarte ich eine völlig neue Cultur! Alles was übrig bleibt und sich gar nicht mit Musikrelationen erfassen lassen will, erzeugt bei mir freilich mitunter geradezu Ekel und Abscheu. Und wie ich vom Mannheimer Concert zurückkam, hatte ich wirklich das sonderbar gesteigerte übernächtige Grauen vor der Tages Wirklichkeit: weil sie mir gar nicht mehr wirklich erschien, sondern gespenstisch.
     Diese Weihnachten verlebe ich einsam in Basel und habe die Tribschener herzlichen Einladungen ausgeschlagen. Ich brauche Zeit und Einsamkeit, um über meine 6 Vorträge (Zukunft der Bildungsanstalten) einiges nachzudenken und mich zu sammeln. Frau W. deren Geburtstag am 25 Dec. ist (und der ich, an Deiner Stelle schreiben würde!) habe ich meine „Sylvesternacht“ gewidmet und bin gespannt, was ich über meine musikalische Arbeit von dort aus zu hören bekomme, da ich noch nie etwas Competentes zu hören bekam. Wenn ich dieselbe Dir einmal zum Vortrag bringe, wirst Du, wie ich glaube, mit Rührung den warmen, beschaulichen und glücklichen Ton heraushören, der durch das Ganze hindurchklingt und für mich eine verklärte Erinnerung an das Glücksgefühl meiner Herbstferien zu bedeuten hat.
     Mit Jakob Burkhardt habe ich einige schöne Tage erlebt, und unter uns wird viel über das Hellenische conferirt. Ich glaube, man kann jetzt in dieser Hinsicht Einiges in Basel lernen. Deinen Pythagorischen Aufsatz hat er mit großer Betheiligung gelesen und sich zu seinen Zwecken excerpirt, und das, was Du über die ganze Entwicklung der Pythagorasvorstellung sagst, ist gewiß das Beste, was über ein so ernstes Capitel bisjetzt gesagt worden ist. Inzwischen habe ich über Plato eine Anzahl Grundeinsichten gewonnen, und ich meine, wir Beide dürften einmal die bisher so schäbige und mumienhafte Geschichte griechischer Philosophen tüchtig und innerlich erwärmen und erleuchten. — Alles, was Du Allgemeines zu sagen hast, übergieb nur nicht den verfluchten philologischen Zeitschriften: warte nur etwas auf die Baireuther Blätter! — Über Deine zugesagte Zarnkische Anzeige bin ich sehr glücklich und von vornherein sehr dankbar. Mein lieber Freund, wir haben noch ein großes Stück Leben mit einander auszumessen: wir wollen treu sein.

FN.


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BVN-1871,62

An Carl von Gersdorff in Berlin

[Basel, 23. Dezember 1871]


Zunächst, mein lieber und werther Freund, denke ich an die Feier Deines Geburtstages und bin beglückt, wenn ich mir vergegenwärtige, wie dieses Jahr uns wieder im allerwünschbarsten Sinne zusammengeführt hat: so daß wir mehr als je wieder uns unserer Freundschaft freuen dürfen. Unsere besten Triebe, unsre eigentlich ernst gemeinten Absichten, unsre edelsten Hoffnungen — alles hat sich wieder in dem letzten Jahre zusammen verschlungen: nachdem Dein Lebensdämon Dich glücklich durch die schrecklichsten Gefahren hindurch gerettet hat. Und so werde ich heute ein Hoch auf Dein Wohl ausbringen, in dem Glauben, daß es auch zugleich dem Aufblühen unserer Friedenskultur gelte. Von jetzt an haben wir alle ernsten Kämpfe gemeinsam: also Hoch unsre Kriegskameradschaft im Frieden!
     Leider bin ich noch nicht im Stande, Dir heute ein Exemplar meines Buches dediciren zu können. Aber empfange dafür heute das Versprechen, daß Du und die Tribschener die Ersten sein werden, die die Schrift zugeschickt bekommen. Fritzsch hat in letzter Zeit viel langsamer das Werk gefördert und doch bin ich damit recht zufrieden, seitdem ich durch Dich erfahren habe, welcher abscheulichen Gefahr meine Schrift im Falle einer Überstürzung ausgesetzt gewesen wäre. In der That danke ich Dir sehr für Deinen treuen Beistand in der Vignettenangelegenheit: Fritzsch hat weniger Schuld, weil er so etwas nicht verstehen wird und viele Stücke von seinem übrigens trefflichen „musikal. Wochenblatt“ und somit auch von dem Holzschneider desselben hält. Es wäre nichtswürdig gewesen, die schöne Leistung von unserem Rau so schmählich entstellt auf dem Titel wiederzufinden: und daß eine solche Stümperei auch meiner Schrift und des von mir gedachten Leserkreises nicht würdig sei, hast Du mit großem Rechte Fritzsch auseinandergesetzt; und ich danke Dir besonders dafür, weil mein Verleger auf diese Weise doch einmal aufmerksam gemacht worden ist, daß er es mit dieser Schrift so ernst wie möglich zu nehmen hat.
     Der Druck ist übrigens viel compresser als in der „Bestimmung der Oper“ und damit ist auch meine Schrift weniger umfänglich geworden. Sie wird 140 Seiten haben. Acht Bogen sind fertig corrigirt.
     Dein Gedanke von einer weihevollen Taufhandlung hat mir sehr gefallen, und ich werde im Stillen einmal über einen modus nachdenken. Um Dir übrigens einige Namen zu nennen, denen ich die Schrift zuschicke und die ich nöthigenfalls um Übernahme der Pathenstelle bei meinem Erstgebornen bitten könnte, so nenne ich noch Jacob Burkhardt, Rohde (der für das litterarische Centralblatt von Zarnke eine Anzeige vorbereitet) Gustav Krug Romundt Frau von Muchanoff, Liszt, Bülow, Makart: auch Frau von Schleinitz wird ein Exemplar bekommen. Auch die Großfürstin Constantin. Kennst Du vielleicht den baierischen Hauptmann M. von Baligand, dienstthuenden Kammerherrn des Königs? Er ist einer der thätigsten und begeisterten Mitglieder des Münchener Wagnervereins und hat bedeutende Beziehungen in England, wo er im nächsten Sommer bei seinem Freunde Lord Ellerton einen engl. Wagnerverein gründen will. Mit ihm bin ich neulich Nachts von Mannheim zurück gefahren.
     Denn ich war in Mannheim. Und ich kann Dir sagen: unsre größten Ahnungen über das Wesen der Musik bestätigen sich in überschwänglichem Maße! Das habe ich in Mannheim erfahren. Ich kenne keine höheren und erhabeneren Zustände als die dort erlebten und bin glücklich, mich aus zahlreichen Fesseln und Zurückhaltungen für diese Tage herausgerissen zu haben.
     Von den Baireuther Dingen hast Du wohl gehört, von der herrlichen Lage des Bauortes, von der Umtaufung des „Stuckbergs“ in „Richardshöhe“, von den großen Hoffnungen, die sich bei den Baireuthern bereits in der Petition einer neuen Eisenbahn geäußert haben usw. Wagner war sehr glücklich, wie er seine „Geschäfte“ abgemacht habe.
     Ich habe in Mannheim meine Weihnachtsfeier anticipirt und kann diesmal nicht nach Tribschen, weil ich Zeit und Einsamkeit brauche, um meine Vorträge „über die Zukunft unserer Bildungsanstalten“ auszudenken.
     Nun, mein lieber Freund, lebe wohl! Sage Deinen verehrten Angehörigen meine ehrerbietigsten Empfehlungen und bewahre mir, für das Neujahr und alle Zukunft, die herzliche Gesinnung, von der ich so oft durch die schönsten Dokumente überzeugt werde.

In alter Treue und unter
den besten Glückwünschen
Dein Friedrich Nietzsche.


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BVN-1871,63

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

Basel, Samstag. [23. Dezember 1871]


Meine liebe Mutter und Schwester,

von Herzen wünsche ich daß Ihr an meinen kleinen Weihnachtsgeschenken einige Freude haben mögt. Zur Erklärung derselben beginne ich mit dem, was Euch Beiden gemeinsam gewidmet ist: die Composition mit dem Titel „Nachklang einer Sylvesternacht“ müßt Ihr Euch recht bald einmal wirklich vortragen lassen; wozu ich Euch die bereitwillige Hülfe von Gustav Krug empfehle, dem ich deswegen noch einen Brief schreiben will. Sie wurde kurze Zeit nach meiner Rückkehr aus den letzten Ferien gemacht und ist für mich ein Zeichen, wie erwärmend und wohlthuend für mich diese Ferien gewesen sein müssen. Denn nach 6 Jahren Unterbrechung ist es der erste Versuch dieser Art, und wenn ich mich nicht täusche, ein wohlgelungener Versuch. Ich habe für Euch eine schöne Abschrift besorgen lassen und möchte gerne auch die Mühe, die deren Herstellung kostete, mit unter die Geschenke gerechnet wissen. Durchaus aber muß ich bald von Euch erfahren, wie Euch diese Musik gefallen hat. Ihr werdet schon einige Mitempfindung haben: denn diesmal ist meine Widmung nicht so unsinnig wie bei meinen früheren Compositionen, von denen der ungarische Reitermarsch dem Onkel Theobald und das Liebeslied der Tante Rosalie dargebracht wurden.
     Dir nun, meine liebe Mutter, fallen die Gardinen anheim, deren Effekt uns beide erfreuen soll, wenn ich einmal nach Naumburg komme. Sodann wurde mir mitgetheilt, daß mit den geschnitzten Salatgeräthschaften Dir ein Gefallen geschehn werde. Nimm die Geschenke wohlwollend auf, darum bitte ich.
     Dir, liebe Lisbeth, schenke ich die Kunstgeschichte von Lübke, aus der Du viel lernen kannst und gelernt haben wirst, wenn ich einmal etwas examinire. Es ist eine ganz neue Auflage: Du wirst mit dem Buche mehr zufrieden sein können als mit dem gewünschten Springerschen (wie kannst Du mir aber zumuthen, ein Buch aus einem skandaleusen jüdischen Antiquariat zu bestellen!!) Dann wird Dir unsre liebe Mutter in meinem Auftrage ein gutes Album übergeben haben. Auch der kleine Hebel wird Dir gefallen.
     Soviel über meine Geschenke. Daß mein Buch über die Tragödie nicht dabei ist, hat seinen einfachen Grund darin, daß es noch nicht ganz fertig ist. Aber im neuen Jahre und vielleicht schon zu Neujahr wird es in Eure Hände kommen. Es ist beim Druck etwas gebummelt worden. Eigentlich sollte es mein Weihnachtsgeschenk für Richard Wagner sein, aber nun kommt es zu spät.
     Ich feiere Weihnachten diesmal nicht in Tribschen, trotz den herzlichsten Einladungen, weil ich Zeit für mich brauche, um meine Vorträge, die im neuen Jahr beginnen, ausarbeiten zu können. (— die Vorträge über die Zukunft unserer Bildungsschulen —) Dazu habe ich mein Weihnachten bei Wagners schon antecipirt, dadurch daß ich die letzte Woche mit ihnen in Mannheim war und die unbeschreiblichen Genüsse eines Wagnerschen Conzertes in nächster Nähe mit erlebt habe. Wir hatten die erste Etage im „Europäischen Hof“, und es fiel von den vielen Ehren, die W. erwiesen wurden, auch auf mich als seinen nächsten Vertrauten noch ein Theil ab. Übrigens hat mich die ganze Reise verhältnißmäßig wenig gekostet, ob ich gleich von Montag bis Donnerstag fort war. Über meine dortigen künstlerischen Erfahrungen, den höchsten meines Lebens, die in gewissem Sinne die Erfüllung einer tiefen Ahnung waren, will ich brieflich nicht reden.
     Nun lebt wohl, meine Lieben, und denkt in diesen Weihnachtstagen recht an mich.

Euer Fritz.
In alter Liebe.


NB. Der Geburtstag von Frau W. ist der 25te Dec. Es ist recht von Dir, liebe Lisbeth, wenn Du schreibst. Vergiß es nicht.


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BVN-1871,64

An Ernst Wilhelm Fritzsch in Leipzig

[Basel,] Am Tage der Bescherung, Weihnachten 1871.


Werthester Herr,

heute will ich Ihnen nur danken, daß wenigstens ich selbst bis zu Weihnachten noch die Freude hatte, die Correktur der ganzen Schrift beendigen zu können. Daß durch meine Schuld eine Verzögerung entstanden ist, werden Sie verzeihen: theils hatte ich selbst keine rechte Vorstellung, wie schnell mehrere Setzer zu gleicher Zeit den Druck fördern können, theils gab es hier in Basel verschiedenartige Berufsnöthe und Pflichten, die ich nicht von mir abweisen konnte.
     Sehen wir also zu, daß wir in Tribschen eine rechte Neujahrsfreude machen können. Heute soll auch von Berlin aus der neugearbeitete Holzstock für die Vignette abgehen.
     Nun habe ich, in Betreff der Versendung der ersten Exemplare, einige Bitten. Die Prachtexemplare schicken Sie gefälligst an mich. Von den anderen Freiexemplaren müssen wir eins so schnell wie möglich an

               Herrn Dr. Rohde, Privatdozent an der
                                        Universität Kiel,

schicken, der eine längere Anzeige der Schrift für Zarncke’s litterar. Centralblatt machen wird. (Demnach braucht Zarncke oder Avenarius kein Exemplar zu bekommen)
     In Leipzig bitte ich folgende Addressate[n] mit Zusendungen zu bedenken:

               Frau Professor Brockhaus
               Herrn Geheimrath Prof. Dr. Ritschl
                                             (Lehmann’s Garten)

     Dann muß meine Schwester durch Ihre Vermittlung ein Exemplar bekommen:

               Fräulein Elisabeth Nietzsche in Naumburg
                                                                 an der Saale.

     Sodann an Hr. von Gersdorff zwei Exemplare (eins davon an den Zeichner der Vignette Hr. Leopold Rau)
     Alle diese Zusendungen sind mit den Worten zu bezeichnen „mit herzlichen Neujahrswünschen vom Verfasser.“
     Die Transportkosten bitte ich mir anrechnen zu wollen. Alle Pakete sind zu frankiren.
     Nun leben Sie recht wohl und schließen Sie dieses Jahr glücklich und zufrieden ab.

Ihr ergebenster
Dr. Friedr Nietzsche


NB. Ich war in Mannheim.


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BVN-1871,65

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Basel, 27. Dezember 1871]


Meine liebe Mutter und Schwester,

Endlich [endlich], das heißt seit einer Stunde bin ich im Besitz Eurer herrlichen Weihnachtsgeschenke und sofort drängt es mich Euch auf das Herzlichste dafür zu danken. Wie lange hat aber die Post gezögert? Heute ist Mittwoch. Schon hatte mir der vorausgeschickte Brief etwas verrathen, im Grunde aber doch recht wenig: denn ich wurde beim Auspacken in jeder Hinsicht überrascht. Der Tapezierer hat mir geholfen, und ohne allen Anstoß ist das wunderschöne Bild in seiner prachtvollen Umrahmung herausgekommen, nach einiger Mühe: denn es war sehr gründlich verpackt und vernagelt. Auch hatten wir wieder, wie das mir jedesmal zu gehen pflegt, die falsche Seite des Kastens zuerst abgenagelt. Auch wunderte ich mich über die theure Rechnung der Post, die für den Transport ich glaube gegen 18 frs. verlangte. Es ist doch sehr theuer, so fern von einander zu wohnen. Heute Nachmittag werden die Bilder in meiner Stube umgehängt, natürlich kommt die Madonna über das Sopha, über das Pianino kommt ein Bild von Holbein, nämlich der große Erasmus, den mir die jungen Vischers am Weihnachtsabende bei der Bescheerung geschenkt haben. Daraus erfahrt Ihr, wo ich an jenem Abend war: heute bin ich zur Bescheerung zu Bachofens und für den Sylvesterabend zur Bescheerung zu den alten Vischers eingeladen: so daß ich dreimal den Weihnachtsbaum erlebe. Für den Freitag Mittag hat mich der alte Stähelin nach Liestal engagirt.
     Dies ist mein Festprogramm: nun fahre ich fort, Eure Geschenke zu preisen. Die Madonna della Sedia ist ein herrliches Bild: meine Stube wächst und steigert sich immer mehr. Ich zweifle bereits ob meine kleinen eiförmigen schwarzen Studentenbilder einer solchen Stube noch würdig sind. Diese werden jetzt, mit Papa Ritschl und mit Schopenhauer, über dem Büchertisch neben den Ofen gruppirt. Also — das Bild hat einen großen Effekt bei mir gemacht und ich danke Dir recht von Herzen, liebe Lisbeth. Auch scheint es mir als ob solch ein Bild unwillkürlich nach Italien zöge — und fast meine ich, Du hast es mir als ein Lockmittel dazu geschenkt. Ich kann auf diesen apollinischen Effekt gar nicht anders antworten als durch meinen dionysischen dh. die Sylvesternacht und sodann durch den apollinisch-dionys. Doppeleffekt meines Buches, das um Neujahr erscheint und das Du von Fritzsch direkt aus Leipzig bekommen wirst. Er hat schon seit 3 Tagen diesen Auftrag.
     Nun gehe ich weiter und erzähle die Wirkung, die die schönen rosa-Paketchen von meiner lieben Mutter auf mich gemacht haben. Bei dem schönen Juchtenleder dachte ich mir, daß Ihr mich doch sehr verwöhnt: wo soll das noch, bei so aristokratischen Tendenzen, hinaus! Übrigens war mir eine solche Schreibmappe sehr nöthig, und der erste Brief, den ich auf ihr schreibe, gilt Dir, meine liebe Mutter. Ebenso nützlich und erfreulich war der gute Kamm die Haarbürste, die Kleiderbürste (die nur etwas zu weich ist) die angenehmen Strümpfe und die große Menge schmackhafter Leb- und Pfefferkuchen, alles gleichmäßig schön und festlich verpackt. Nicht zu vergessen die Hosenträger! Es war zu der Fatalität erst gestern gekommen, daß beide anderen alten Hosenträger endgültig zerrissen, so daß ich ohne dieselben ausgehen mußte. Also kommen die neuen im rechten Augenblick: „wenn die Noth am größten, sind die Hosenträger am nächsten“ dachte ich mir, als ich sie auspackte. Für Alles zusammen empfange meinen herzlichsten Dank; ich habe mich sehr gefreut und freue mich noch, wenn das Parfüm meiner Unterlage zu meiner Nase dringt. Deutlicher als durch diesen Geruch kann man nicht an ein Geschenk erinnern: wie oft werde ich also noch erinnert werden!
     Nun sind wir also an der Grenze des Jahres. Ich denke mit Beruhigung daran und scheide dankbar von diesem Jahre. Ihr sollt es noch erleben, wie es für mich in einem gewissen Sinne Epoche macht. Meine Schrift erscheint nächstens: mit ihr beginne ich das neue Jahr und jetzt wird man wissen, was ich will, wonach ich mit aller Kraft strebe: meine Thätigkeit beginnt. Es waren schöne Stunden, in denen diese Schrift entstand: es war ein gutes Jahr, trotz seines bedenklichen Anfangs. Bald kam die Gesundheit wieder: und was für schöne erwärmte Zeiten aus Lugano und Basel und Naumburg und Leipzig treten mir jetzt vor das Auge!
     Allen, die mir wohlwollend gesinnt sind — und wem mehr als Euch? — danke ich von Herzen an einer solchen Jahresgrenze und wünsche Euch und mir ein glückliches Neujahr in alter Kraft, in alter Liebe, meine liebe Mutter, liebe Schwester!

Euer Fritz.


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BVN-1871,66

An Gustav Krug in Naumburg

[Basel, 31. Dezember 1871]


Mein lieber Freund,

herzlichen Dank bin ich Dir schuldig, ebenso für Deinen eingehenden und wohlwollenden Brief als für die Übersendung eines sehr anziehenden Compositionsfragmentes. Um mit Letzterem zu beginnen, so freute ich mich der contrapunktischen Sicherheit in diesem kanonischen Experiment: das ist ja unsere moderne Art, die unerhörtesten Kunststücke nur noch scherzoso vorzuführen, etwa wie Wagner in der Prügelscene. Andererseits hat Dein Scherzo für meine Empfindung einen düsteren melancholischen Beigeschmack: wenn ich mir den Klang der Saiteninstrumente hinzudenke, so bekomme ich den Eindruck einer fieberhaften Erregung: rasche wilde Entschlüsse wechseln in unheimlicher Schnelle, und verlangend sehen wir aus nach einem erlösenden Mittelsatz:

          Er führet die Freude durch’s offene Thor,
          Es glänzen die Wolken, es theilt sich der Flor,
          Da scheint uns ein Bildchen, ein göttliches, vor —

wie wir im Goetheschen Ergo bibamus sangen. Also, lieber Freund, ein göttliches Bildchen! Die Traurigkeit ist nicht für den Menschen gemacht, sondern für die Thiere, sagt Sancho Pansa. Wenn ihr aber der Mensch all zu sehr nachhängt, wird er darüber zum Thier. — Ich vermeide jetzt, so sehr es geht, dieses „Thierische“ in der Musik. Auch der Schmerz muß von einer solchen Glorie dithyrambischen Entzückens umflossen sein, daß er darin gewissermaßen ertrinkt: wie ich dies am allergrößten Beispiele, am dritten Akt des Tristan empfinde. Lache so viel Du willst über meinen absurden Rath und Wunsch: ich wünsche und rathe Dir etwas mehr Glück — auch in der Musik,und das soll meine Neujahrsgratulation sein.
     Ach, wir wissen es Beide, mein lieber Freund, wie dumm solch ein Wunsch ist: dieses innere ruhig beseligte Glück, aus dem die Kunst herausströmt, steht nicht in unserer Macht, folgt nicht unseren Wünschen — sondern fällt unerwartet hier und da einmal vom Himmel in unseren Schooß. Möge Dir im neuen Jahr dieses „Hier und da“ recht oft zu Theil werden! Und möge in specie das ganze Quartett ein Wiederklang solcher Momente sein, ohne allen „thierischen“ Beigeschmack oder mit einer so zarten und edlen Dosis, wie sie etwa Dein originelles Fragment in sich trägt. Wenn ich wieder nach Naumburg komme, rechne ich unter meine ersten Freuden, Dein Quartett wirklich einmal zu hören: bis dahin wird es Dir wohl geglückt sein, eine Quartettgesellschaft zusammen zu bringen. Man lernt übrigens bei der Ausführung eigner Compositionen durch Andere, was das „Dirigiren“ heißen will. Man bekommt bei dieser eignen Erfahrung erst einen Begriff wie viel Fehler in der Vortragsweise der einfachsten Musik zu machen sind. In so fern ist es sehr instruktiv, aber auch sehr peinlich und quälend, wie ich es jüngst öfters an meiner vierhändigen Compos. zu spüren hatte, die mir Niemand zu Danke spielen kann.
     Um so mehr habe ich die Hoffnung, daß Dir gerade, mein lieber Freund, als dem allein in meine Musikentwicklung wirklich Eingeweihten, ein völliges Verständniß jener Composition möglich ist, die Du wohl in diesen Tagen kennen lernen wirst. Ich möchte Dich nämlich bitten, meiner Mutter und Schwester, denen ich sie zu “Weihnachten gewidmet habe, eine Vorstellung davon zu verschaffen und denke dabei keine Fehlbitte zu thun. Nimm diese Musik möglichst anspruchslos auf; es waren schöne Tage, wie ich sie machte — für mich, aber ich weiß nicht, in wie weit für Andere. Oder vielmehr — ich weiß es, nach hiesigen Erfahrungen. Aber es ist nicht sehr glorreich, davon zu reden. Es ist sonderbar, daß die eigne Empfindung sich so schwer übertragen läßt, und was man dann noch an einer solchen Musik pereipirt, ohne diese meine Empfindung, das weiß Gott. Es muß was Seltsames sein, und ich kann mich schlechterdings nicht hineindenken.
     Meine Schrift erscheint um Neujahr bei Fritzsch. Dir als einem rechten Melomanen, wird sie natürlich zugeschickt. O! Sie ist böse und anstößig. Lies sie verstohlen in Deinem Kämmerlein.
     Unserem lieben Freunde Wilhelm folge ich mit theilnehmendster Empfindung und denke in kurzer Zeit Victoria! über ein neu erlegtes Examenungethüm rufen zu hören. Inzwischen Muth! und Tapferkeit! Und Gesundheit! Und ein kräftiges Schlachtschwert und Schlachtroß für solche Gefährlichkeiten!
     Empfiehl mich mit den besten Neujahrswünschen Deinen verehrten Eltern und sei versichert der alten Treue Deines

Freundes Friedr Nietzsche.


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An Emil Heckel in Mannheim

[Basel, Ende Dezember 1871]


Gerücht ganz unbegründet; beste Nachrichten aus Tribschen. Herzlichste Neujahrsgrüße an Wagnerverein.

Professor Nietzsche.


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