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Aphorisms -- in context.

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1873

Inhalt

BVN-1873,1

An Ernst Wilhelm Fritzsch in Leipzig

[Naumburg (oder Basel), erste Januarhälfte 1873]


Können Sie dies, geehrtester Herr, für Ihre Rubrik „musikalische Kannegießerei“ gebrauchen?

Mit den besten
Grüßen
der Ihrige
F. N.


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BVN-1873,2

An Erwin Rohde in Hamburg

Naumburg. 4 Jan. 1873


Herzlichen Dank, geliebter Freund, für Deinen weihnachtlich vergnügten Gruß und Brief. Inzwischen wirst Du wohl mein Photogramm bekommen haben: heute will ich, als am letzten Naumburger Ferientage, nur ein Wörtchen schreiben, denn heute Abend fahre ich schon wieder retrorsum. Oft ist Deiner gedacht worden, von Gustav und mir, wenn je musicirt wurde, und noch öfter bei mir zu Hause. Ich habe an Frau Wagner ein dickliches Manuscript geschickt mit folgendem Titel: Fünf Vorreden zu fünf ungeschriebenen (und nicht zu schreibenden) Büchern. 1. Über das Pathos der Wahrheit. 2. Über die Zukunft unserer Bildungsanstalten. 3. Der griechische Staat. 4. Über das Verhältniss der Schopenhauerischen Philosophie zu einer deutschen Cultur. 5. Der Wettkampf. Davon kennst Du höchstens Nr. 3; alles Andre ist ganz neu.
     W[agner] lud mich zum Neujahrstag ein, zur Geburtstagsfeier von Frau Cosima; ich konnte nicht kommen. Im Januar denke ich wirst Du Beide in Hamburg zum großen Concert begrüßen und wahrsch[einlich] während dieser Zeit der cavaliere von Fr[au] W[agner] sein.
     Am zweiten Feiertag war ich in Weimar, um den Lohengrin zu hören: ich hatte dem Intendanten telegraphirt daß ich ihn noch nie gehört habe und war in seiner Loge. Auch in Leipzig war ich einen Nachmittag: mein Verleger hatte brieflich die Erlaubniß zur zweiten Auflage eingeholt und ich gab mündlich die vergnügte Zustimmung. Nun bitte ich Dich mir unumwundenst zu sagen, was Du etwa an Worten verändert und vertauscht wünschest. Du bist der beste Kenner und Beurtheiler des Buches, auch seines Details, bitte sage mir, was Du meinst. Ich schicke ein Blatt mit, worauf ich notirt habe, was mir aufgefallen ist. Was denkst Du zur Einführung der griechischen Endungen Dionysos? Mit Ritschl war ich auch zusammen, er hat mir über die Kieler Professur alles Einzelnste mitgetheilt: er meint, daß Schöll nicht annehmen werde. Von Dir meinte er, es könne Dir nicht fehlen, einmal eine gute ordentl. Stellung zu bekommen, auch seist Du schon mehrfach genannt worden, bei anderen Gelegenheiten. Von Freiburg schwieg er. Übrigens weiß ich, daß die Freiburger unglücklich über ihren absoluten Fehlgriff (Keller) sind. — Von mir wußte Ritschl manches Unangenehme zu vermelden zB. daß ich ein schlechter Dozent sein solle (er drückte es nicht so stark aus, aber er meinte es) Ich habe ihn gebeten mir dies schriftlich zu geben und werde Dir das Documentum zuschicken. Ich sei nicht populär genug etc. Da nun die augenblickliche Zahl von 2 Zuhörern dafür spricht, und alle Welt aus meinem Buche sich eine verrückte Vorstellung über meinen Vortrag macht, so begreife ich, bei der herrschenden Mißgunst gegen mich, jenes Urtheil — an das aber jetzt, mit Schlauheit, meine akademische Unmöglichkeit und Unbeförderbarkeit angeknüpft werden wird. Übrigens glaube ich, ohne alle Bescheidenheit, daß ich ein ganz leidlicher Dozent bin, und auch in Basel glaubt man dies. —
     Lebewohl mein lieber Freund und lebe immer besser im neuen Jahre. Sei überzeugt von meinem guten Muthe und daß wir endlich triumphiren werden. Amen.

F. N.


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BVN-1873,3

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Basel, 6. Januar 1873]


Seht Ihr’s, ich bin gut hier wieder angekommen und melde Euch dies auf diesem zierlichen Bögelchen. Nachtreise ziemlich verschlafen: in Basel gut geschmuggelt. Am Naumburger Bahnhof war wirklich Gustav Krug, um mir das Geleit zu geben — höchst freundschaftige Bemühung um mitternächtige Stunde!
     Bin nun wieder in aller Arbeit darin und fand gute Briefe vor. Erstens eine Neujahrsgratulation von St. Gotthard in Luzern. Dann ein Schreiben von Seiten des „allgemeinen deutschen Musikvereins“, der mich zum Preisrichter für eine ausgeschriebene Preisarbeit ernennt und mich einladet einen dritten Preisrichter vorzuschlagen, der Germanist sein muß. Wir werden also unser drei sein — außer mir Geh. Rath Müller in Gotha und der Germanist (ich werde wohl Heyne vorschlagen.)
     Dann fand ich wieder so eine französische Balleinladung vor, von Ringwald’s, für den 16ten Januar.
     Endlich ein höchst befriedigter, obschon mich nicht befriedigender Brief von Deussen aus seiner fürstlichen Üppigkeit heraus.
     Gersdorff wird nun auch von mir erwartet. —
     Minna läßt schönstens danken. Sie hat mir gesagt daß ein neuer Bettüberzug ein sehr wünschbarer Zuwachs meiner Wäsche sein würde, da die alten eben alt sind.
     Der Teppich, auf den der Steuerbeamte sich schnell stürzte, um sich eben so schnell zurückzuziehen, soll morgen ausgebreitet werden.
     Overbeck und Romundt und ich haben Sonntag Abend nach meiner Ankunft zusammen gespeist. Der Theekasten prangt und die neuen Hemden sind in die Wäsche.
     Mein Brief ist wie der Brief einer Köchin. Mein drittes Wort ist Wäsche oder etwas zu Verschmausendes. Die Wurst ist angeschnitten, wie es die Stolle war, und die Homeriden auf Chios, von denen der alte General sprach, gratuliren mir zum Neujahr. „Wundeerschön“ ausgedrückt!
     Nun seid herzlich gegrüßt und habt allen den Dank, den ich Euch für diese vortrefflichen Weihnachtstage schulde.

Von Herzen
Euer F.


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BVN-1873,4

An Charlotte Kestner in Basel.

[Basel, 20. Januar 1873]


Verehrtes Fräulein

es geht, wie ich Ihnen mit herzlichem Dank für Ihre Frage melden muss, besser, wenn auch nicht so gut als es bei schönem Wetter gehen würde. Ein tüchtige, aber ganz trivial-gemeine Erkältung sitzt in meinen Gliedern und weicht langweilig langsam, auch den Kopf umschleiernd und mich zur Unthätigkeit verurtheilend.
     Kann ich erst wieder in’s Freie, so springe ich auch zu Ihnen, um Ihnen wieder die Verehrung zu bezeugen, die, gesund oder krank, für Sie empfindet.

Ihr
ergebenster Diener
Friedrich Nietzsche


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BVN-1873,5

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Basel, 27. Januar 1873]
Montag.



Meine liebe Mutter und Schwester

ich schwieg so lange als ich schweigen mußte, denn ich war nicht wohl und lag, in Folge einer Erkältung, zu Bette. Nun geht es so matt hin, in’s Freie darf ich heute noch nicht, denn es ist stürmisch-regnerisch, obschon lauwarm. Ich weiß gar nicht mehr, was ich essen soll, denn zu nichts habe ich Appetit. Und der Husten ist noch immer heftig, doch gelöster. Immermann erscheint täglich, als getreuer Freund und Arzt. Eben nehme ich mir vor einen ganzen Ballen von Briefen zu beantworten: als da sind: Einladungen (zu Vischer-Sarasin, Turneysen-Merian, J. J. Merian, dann zu einem großen Balle bei La Roche Burkhardts, die Du kennst, liebe Lisbeth; Ringwald’s, beiläufig, ist Dalbe). Dann Erkundigungen nach meinem Befinden: Frl. Kestner. Dann lange Freundesbriefe: Deussen (aus üppigen Verhältnissen heraus, ist zufrieden, doch brieflich der Narr wie früher), Frl. von Meysenbug, rührender Neujahrsbrief, Rohde, dann Dr Fuchs (Brief von 20 ganz großen Seiten „die Naumburger Stunden gestalten sich in der Erinnerung wie ein liebliches Mährchen“) Dann offizieller Briefwechsel [Briefverkehr]: Prof. Riedel in Leipzig, Preisfragen-Einzelheiten. Es schwindelt mir! Dann Prof. Giliéron, der hier Doktor werden will und mir ein Manuscript von 160 lateinisch geschrieben Bogenseiten eingeschickt hat!
     Ich hatte den Besuch des ausgezeichneten Gersdorff, zu aller meiner hiesigen Freunde Frohgenuß, von Freitag bis Montag. Viel Gutes besprochen. Er mußte dann über den Splügen reisen und wird wohl in Florenz eingetroffen sein.
     Am Abende seiner telegraphisch angekündigten Ankunft (Donnerstag) konnte ich ihn nicht empfangen, denn ich war im blauen Hause, das in allem Glanze des Patriziers strahlte.
     Nun Ihr habt einen schönen Verlobungsjubel angestimmt. Wer sind denn eigentlich die zunächst Betroffenen? (Ich meine Ent-Erb-Onkelten?)
     Meine Stube bekommt jetzt von Allen, die sie sehn, das Prädikat, daß sie sehr traulich und behaglich aussehe.
     Nun verzeiht, wenn ich heute schon schließe. Ich bin so matt.

Eurer herzlich gedenkend
der alte F N.


Anbei das Pindersche Hemd.


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BVN-1873,6

An Carl Riedel in Leipzig (Entwurf)

[Basel, nach dem 27. Januar 1873]


Ich habe über verschiedene Schwierigkeiten bei unserem Unternehmen nachzudenken Zeit gehabt, denn ich lag mehrere Tage krank zu Bette, und beeile mich heute, in Antwort auf Ihren geehrten letzten Brief Ihnen meine Ansichten zu geneigter Prüfung vorzulegen. Mit dem dritten Preisrichter wollen wir doch ja recht streng und vorsichtig sein: Simrock bekommen Sie schwerlich, er ist steinalt. Ich bin entschieden eingenommen (wie ich Ihnen auf das offenste erkläre, lieber Herr Prof) gegen Dr Fr. Stade als Preisrichter: ich sage dies Ihnen privatissime, aber muß es sagen. Sie wissen daß ich ihn als Menschen gern mag. Aber seine neuere Schriftstellerei ist höchst bedenklich, und hat so vielfachen Anstoß (selbst zu ausgelassenem Gelächter) gegeben, daß wir unserer Sache nicht dienen, wenn wir gerade ihn mit hinzuziehen. Wollen Sie meinerseits einen Vorschlag gütigst hören, so würde ich Herrn Hans von Bülow nennen, von dessen unbedingt gültigem Urtheil, von dessen kritischer Strenge ich die allergünstigste Meinung und Erfahrung habe. Es kommt sehr darauf an daß wir einen recht klingenden ebenso anspornenden als abschreckenden Namen finden — und das ist der Name Bülows.
     Sind wir darin einer Ansicht? —
     Nun kommt das Wichtigere: Lieber Herr Prof. ich finde die Preissumme äußerst gering und in Anbetracht des überaus wichtigen Themas und Anlasses weit zu gering. Wir müssen es durchaus wenigstens mit den Preissummen einer deutschen Akademie aufnehmen können, dies allein scheint mir eines so großen Vereines und eines so einzigen Anlasses würdig. Andrerseits betrachte ich jede größere Geldausgabe von unserer Seite, so lange es mit der pekuniären Unterstützung von Bayreuth so schlecht steht, als eine strafwürdige Verschwendung, so edel sonst die Zwecke sein mögen.
     Beide Sorgen und Beängstigungen haben in mir folgenden Gedanken geweckt, den ich Ihnen recht herzlich zur Erwägung anempfehle.
     Der Verein verspricht als Preis einen ganzen Patronatsschein. Die Mittel dafür bringen wir auf folgende Weise auf. Hundert Thaler sind also bereit, dann verkaufen wir die gekrönte Preisschrift an einen tüchtigen Verleger etwa zu hundert Thalern (etwa 8 Bogen, Auflage 1000, also c. 13 Thaler für den Bogen, mäßig und anständig bezahlt — das können wir, für eine gute Schrift immer bekommen.) So haben wir 200 Thaler: 50 Thl. will ich persönlich noch hinzulegen, in dem Falle daß sich noch einer findet, der 30 Thl. schenkt. (Vielleicht der Verein selbst?) Der Wettbewerb um einen ganzen Patronatsschein wird, das kann ich Sie versichern, ein sehr lebhafter sein. Wir müssen durchaus an die allerbesten Kräfte unter den deutschen Schriftstellern appelliren, und bedenken daß wir eine große öffentliche Verantwortung haben. Ich will sagen, es muß bei dieser ganzen Preisangelegenheit, durchaus vornehm und würdig zugehn.


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BVN-1873,7

An Carl Fuchs in Berlin

Basel, 29. Jan. 1873.


Lieber Herr Doktor,

ich war krank und lag zu Bett. Auch jetzt bin ich noch nicht wohl. Machen Sie mir also keine Vorwürfe, wenn ich heute Ihre guten Briefe mit einem Billet beantworte.
     Den Brief an R[ichard] W[agner] nebst den Beilagen unter Kreuzband schicken Sie doch sofort an W.s Adresse, die ich nicht weiß. (Ich wußte die ganze Zeit nicht, wo er war).
     Im Briefe ist fast nur von Ihnen die Rede: warten wir den Erfolg ab. —
     Bald hören Sie mehr von mir: inzwischen schönsten Dank und gute Wünsche!

Treulich der Ihrige
Fr. Nietzsche.


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BVN-1873,8

An Franziska Nietzsche in Naumburg

[Basel, 31. Januar 1873]
Freitag.



Meine liebe Mutter

schnell will ich Dir einen Geburtstagsbrief abfassen, damit Du ihn übermorgen früh in Händen hast und nicht zu warten hast auf die guten Wünsche, die ich Dir aus der Ferne, mit herzlicher Theilnahme zusende. Ich wünschte etwas gesunder zu sein, um frohmüthiger gratuliren zu können: denn ob ich schon diese Woche alle meine Berufsgeschäfte erfüllt habe, ist es doch mit dem krippenartigen Zustand nicht besser geworden, zumal wir jetzt Kälte, Ostwind und Schneefall haben. Fataler Schnupfen und Husten und Mattigkeit, in summa etwas höchst Triviales, doch gerade genug, um das Gefühl hervorzubringen, daß man krank sei. Dieses Gefühl möge Dir im neuen Jahre möglichst erspart bleiben und die bekannte Rüstigkeit möge Dir und uns zu Nutze kommen. Das neue Jahr wird hoffentlich für uns zusammen auch wieder so vergnügte und behagliche Tage in Bereitschaft haben, wie wir sie letztes Weihnachten zusammen verlebten. Es ist noch gar nicht so lange her daß wir zusammen saßen, und das inzwischen verlebte Zeitstück ist nicht der Rede werth und hat wenig für sich, wenigstens was mich betrifft. Lisbeth wird Dir aber berichtet haben, daß man mich zum Preisrichter gemacht hat: die zwei anderen sind Prof. Simrock in Bonn und Prof. Heyne hier. Der Preis beträgt 300 Thaler. Gersdorff schrieb eben aus Florenz, sehr bezaubert: er wohnt herrlich, so nahe den Gallerien daß er keinen Regenschirm braucht und ist alle Abend bei Frl. von Meysenbug. Apropos: wo bleibt denn mein Bild, das ja der Photograph [(Schulz)] Henning längst fertig haben muß! Sobald Du ein Exemplar hast — sechs sind bestellt, so sende es eiligst nach Leipzig unter dieser Adresse:

Hr. stud. philol. Götz
Leipzig
               Markt 3, III
                              im Hofe.

     Mir selbst sende ein Paar! der Photographien. Die übrigen 3 stehen zu Eurer Disposition für Verwandte. —
     Die Correkturen für die zweite Auflage sind fertig, und das Exemplar schon in Leipzig. Rohde war jetzt in Hamburg mit Wagners zusammen; nach einem großen Concert telegraphirten sie mir. Fuchs hat wieder geschrieben und ich habe geantwortet. Ich will sehen ob ich ihm eine Zusammenkunft mit W[agner] verschaffen kann, ich habe gethan, was ich konnte. Er wollte auch hier ein paar Concerte geben: das steht nicht in meiner Macht.
     Verschiedne Einladungen, die ich bekam, habe ich ausschlagen müssen: innerhalb der letzten drei Wochen war ich zu nichts derart zu gebrauchen. Dem alten Vischer geht es besser, und er thut alle seine Geschäfte wieder. Romundt ist wie immer vergnügt und mit Eifer hinter seinen Studenten und Vorlesungen her. Mit Overbeck lebe ich in gewohnter angenehmer und beiderseits ersprießlicher Weise: wir alle drei wünschen sehr daß keine Störenfriede dazwischen kommen. Rohde schreibt auch über den guten Brockhaus in Kiel, er mag ihn nicht. In Leipzig ist immer noch großer Zorn auf mich: Frau W[agner] hat mit dem alten Brockhaus ein ganz heftiges Gefecht über mich gehabt, in dem unbegreifliche Dinge zu Tage gekommen sind. Siehst Du, so lebt unsereins: wenn man [er] nicht ein paar Freunde hätte, man wäre gleich preisgegeben und zu Boden getreten. So aber geht es mit Tapferkeit vorwärts. Wäre ich nur etwas wohler, und das Wetter reiner! Nun ich hoffe auf Lichtmeß: sorge nur schönstens dafür daß der Himmel ein freundlich Gesicht macht: wie wir es, Dir zu Ehren, alle machen werden. Dein getreuer Sohn Fritz.

Ich danke der lieben Elisabeth herzlich für Brief und gute Wünsche und hoffe daß sie in meinem Namen ein kleines Geburtstagsgeschenk nach Verabredung überreicht. Nimm fürlieb! —


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BVN-1873,9

An Erwin Rohde in Kiel

Basel. 31 Jan. 73


Herzlich geliebter Freund

ich war krank und lag zu Bett, als Dein erster Brief kam, und bin noch nicht wohl, jetzt wie Dein zweiter Brief eintrifft. Das ist schön, daß Du Dich durch mein Stillschweigen nicht hast abschrecken lassen. Ich habe mit größtem Dank Deine reichliche Blüthenlese aus der ersten Auflage angenommen und ausnahmelos benutzt: möge ich es Dir in allem Recht gemacht haben. Eine kleine Umgestaltung der ersten drei Seiten war alles Umfänglichere, zu dem ich mich, bei der Correktur, verstehen konnte: sonst habe ich mancherlei in einzelnen Worten noch nachgebessert. Keine neue Vorrede, sondern alles, wie es war. — Inzwischen bin ich Preisrichter geworden: der allg. deutsche Musikverein hat einen Preis von 300 Thl. auf eine 5 Bogen Schrift populärer Natur über Wagner’s Nibelungendichtung ausgesetzt: Prof. Heyne Prof. Simrock und ich sind die Richter, ersterer auf meinen Vorschlag. Das ist doch ein anständiges Collegium. Den Preis habe ich, von ursprünglich 100 Thl. auf 300 emporgeschraubt und freue mich des gelungenen Werkes. — Ich denke über Organisation eines schweizerischen Wagnervereins nach. Beiläufig: liest Du das musikal. Wochenblatt? Von Wagner waren herrliche Reiseberichte darin: von mir ein furioser Angriff auf Alfred Dove. Kannst Du nicht in irgend einer Ostern-Mußezeit, einen kleinen Aufsatz für dies Wochenblatt machen, ich meine von unserem Laienstandpunkte aus: etwas über unsre Bayreuther Hoffnungen, etwa anknüpfend an unsre dort verlebten Pfingsttage. Es ist das einzige Blatt, wo wir von der Leber und zu den Unserigen reden können. Gestern schrieb der Italiener Gersdorff, Florenz-berauscht. Du kommst auch im Briefe vor, folgendermaßen: „Rohdes Stellung und unsre Wünsche für ihn habe ich mit Frl von M[eysenbug] besprochen und unseren Freund ihrer Fürsorge empfohlen. Wenn sie Gelegenheit findet ihn allein zu sehen, so wird sie Herrn Villari die Sache vortragen. Dieser ausgezeichnete Mensch, den ich neulich kennen lernte, wird sicherlich alles thun, was in seiner Kraft steht. Er hat sehr großen Einfluß; aber freilich auch die Feinde, die Pfaffen und Jesuiten, sind mächtig und rühren sich wie die Maulwürfe“
     Meine Bildungsvorträge übersetzt Fr. v M[eysenbug] in’s Italiänische und wird sie dann in italiänischen Zeitschriften erscheinen lassen: sie werden noch naiver klingen, es ist himmlisch. — Ich bin sehr vergnügt daß Frau Wagner einige Freude an meinen „Vorreden“ hat. Du kennst sie nicht? Ein Hauptstück ist drin, das erste „über das Pathos der Wahrheit.“
     Ich klage eigentlich gar nicht mehr, außer wenn ich an Dich denke, mein geliebter Freund. Warum mußt Du dort oben wie ein Eisbär einsam hausen? Was macht denn die Universitätsgeschichte? Noch nicht fertig? — In Freiburg empfindet man, nach neuen Berichten, sehr stark die Dummheit, die man mit Keller begangen hat.
     Eine kleine höchst auffallende Schrift, die 50 Dinge falsch, aber 50 Dinge wahr und richtig sagt, also eine sehr gute Schrift — versäume nicht zu lesen: der Titel würde unsereinen nicht anziehn, darum rathe ich sie Dir eigens an. Paul de Lagarde, über das Verhältniss des deutschen Staates zu Theologie Kirche und Religion. Göttingen 1873 Dieterichsche Verlagshdl.
     Sodann lese ich Hamann und bin sehre erbaut: man sieht in die Gebärzustände unsrer Deutschen Dichter- und Denker-Kultur. Sehr tief und innig, aber nichtswürdig unkünstlerisch.
     Ich schreibe übrigens wieder über die alten griechischen Philosophen: und irgendwann kommt ein Manuscript, zur Probe, an Dich. — Hast Du denn das Programm des Prof Overbeck, an dem Du einen treuen freundschaftlich gesinnten Menschen hast, bekommen? Er schickte es gerade während der Sturmfluthen. Wir fürchteten, es möchte zu Grunde gegangen sein.
     Über Brockhaus schreibst Du, was wir Alle wissen, empfinden und bedauern. Er ist ein durchaus anständiger Mensch, das ist wahr und im vollen Maße bewährt. Im Übrigen hole ihn der Teufel! — Was hat denn der alte Brockhaus zu Frau W[agner] über mich gesagt?
     Ich habe recht an Dich und Euch gedacht, in der Zeit der Concerte. Also im Sommer Bayreuther Concil! Wir als die Bischöfe und Würdenträger der neuen Kirche! Ich möchte so gern noch etwas litterarisch zur Förderung unsrer Sache thun und weiß nicht wie. Alles, was ich projektire, ist so verletzend, aufreizend und der Förderung zunächst entgegenwirkend. Daß man selbst mein schwärmerisch gemüthliches Buch so übel genommen hat! Sonderbare Menschen! Was soll unsereins nur machen! Ausrufezeichen und Fragezeichen. Es lebe die Freundschaft und der treueste Freund Erwin Rohde.


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BVN-1873,10

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Basel, 15. Februar 1873]
Sonnabend.



Meine liebe Mutter und Schwester,

habt herzlichen Dank, diesmal feire ich [den] zweiten Februar auch noch hinterdrein, obwohl ich nicht verschweigen will, daß wir drei, Overbeck Romundt und ich, am Tage selbst auf Dein Wohl festlich in Rheinwein angestoßen haben. Die Schinkenwurst ist wirklich excellent, und ich selbst bin auch wieder in der Verfassung eben dies beurtheilen zu können. Das heißt, Geschmack und Appetit ist vorhanden, allerdings immer zugleich noch Husten und Schnupfen. Bei gegenwärtiger Witterung habe ich kaum Hoffnung davon frei zu werden. Übrigens habe ich die letzten Wochen meine Vorlesungen Abends, um nicht der Abendluft mich auszusetzen, in meiner Stube gehalten. Und gestern war ich überhaupt, seit vier Wochen, einmal wieder in Gesellschaft, bei Immermanns. Diese lassen Dich und Dich bestens grüßen, sie haben jetzt die alte Mutter und eine junge Cousine bei sich. Übrigens hat Frau Immermann, die eine Zeitlang in Göttingen und anderwärts war, eifrig für mich und oftmals zu kämpfen Anlaß gehabt. Es scheint daß man in Universitätsstädten viel über und gegen mich schwätzt.
     Übrigens bin ich thätig gewesen, und wenn es Gesundheit und die Ostertage gestatten, so werde ich noch vor Anfang des Sommers mit einem neuen Buche fertig. Es heißt wahrscheinlich „die Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen.“ Doch brauche ich vor dem Abschluß noch einige Erholung, gute Luft und gesunderes Clima. Vielleicht gehe ich Ostern auf eine Woche (mehr Zeit giebt es nicht) nach Gersau oder Montreux. Wie schön ist es doch, daß ich so etwas so nah habe! Nicht wahr?
     Habt Ihr denn das Preisausschreiben gelesen, wo Prof. Simrock in Bonn, Heyne und ich als Richter genannt sind? Der Preis ist ein ganzer Patronatsschein oder (nach Wahl) 300 Thl.
     Von Frau Wagner bekam ich gestern einen langen Brief, übrigens auch mit Empfehlungen und Neujahrsgratulationen für Euch Beide. Sie spricht ihre große Freude und Rührung über meine „Vorreden“ aus: bis jetzt war sie, in der stürmischen Rundreise-Noth, noch nicht dazu gekommen, mir zu schreiben. Jetzt ist aber eine kleine Pause: sie schreibt mir aus Bayreuth. Von ein paar Concerten in Hamburg und Berlin haben sie 12000 Thl. für das Bayreuther Unternehmen mitgebracht. Rohde haben sie in Hamburg, Dr Fuchs in Berlin gesprochen. Frl von Meysenbug soll jetzt nach Bayreuth, um dort Erziehungsanstalten, Kindergärten usw zu errichten.
     Giebt es denn hier nichts Neues? Also Frau Heyne geht es recht gut, neulich konnte sie wieder bei einem Diner mit ihrem Gatten erscheinen: was ihr auch gut bekommen ist. Kurz, das ist nun überwunden und in Ordnung. Frau Sieber ist dagegen immer nicht gut daran; und Sieber selbst war krank. Frau Prof. Vischer-Heusler habe ich vorgestern besucht, um ihr von Weihnachten zu erzählen. Der Bruder von Sally Vischer hat sich verlobt, mit einer Frl. Bachofen aus dem weißen Hause. (Doch nicht mit der, von der Du gehört hast, und die die Villa hat, es sind drei Brüder, der Prof. und zwei) Andreas Heusler ist wieder in diesen Tagen nach Davos abgereist, zu seiner Frau. Dem alten Vischer geht es recht ordentlich.
     Übrigens war die Torte sehr gut und ließ mich glauben, daß diese Bäckerei bei Euch besser sei als hier.
     Nun nochmals meinen herzlichen Dank. Euch rechtes Wohlergehn anwünschend

bin ich in alter Liebe
Euer F.


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BVN-1873,11

An Erwin Rohde in Kiel

[Basel, 21. Februar 1873]


Geliebter Freund, ich höre nichts von Dir und will von Herzen wünschen, daß nicht ein Übelbefinden die Ursache davon ist. Denn es ist ein Kunststück in dieser Jahreszeit nicht krank zu sein; ich selbst schleppe mich mit einem grippenartigen Zustande von Woche zu Woche, doch in aller Heiterkeit des Gemüths, wenn gleich arg verschnupft. Jetzt ist übrigens das Wetter wonnevoll, und zu Fastnachten will ich einen Versuch machen, den Vierwaldstätter See für ein paar Tage heimzusuchen: wärest Du dabei! Man hat hier das Schöne doch in beneidenswerther Nähe: und wenn ich Dir sage, daß ich Ostern, nach mehrjähriger Gewohnheit, auf eine Woche nach Montreux gehe, so ist es doch ein rechtes Glück, so etwas ohne viel Aufhebens jederzeit ausführen zu können. — Inzwischen bin ich leidlich thätig gewesen und habe an meinen alten griechischen Philosophen gearbeitet, über welche nach den Osterferien ein opusculum erscheinen zu lassen eine angenehme Hoffnung ist. Bis dahin wünsche mir Ruhe Gesundheit und Freiheit von Unterbrechungen verstimmender Art: denn die Unterbrechungen an sich sind mir sehr lieb und nothwendig, vorausgesetzt daß sie mich nicht krank und besorgt machen. Die Philosophie ist eine Person, die ich wechselweise mit Liebe und Haß verfolge: mitunter flüchte ich sogar aus Ekel oder Wuth. Dann sind mir Unterhaltungen anderer Art Bedürfniß; so habe ich in den letzten Tagen ein Hochzeitsgeschenk für Frl. Olga Herzen gemacht, die sich im März mit Hr. Monod verheirathet: eine vierhändige Composition, für das Ehepaar bestimmt, und mit dem Titel „Une Monodie à deux.“ Sie ist gut gerathen und würde mir keine Bülowschen Briefe zuziehen.
     Aus Bayreuth habe ich einen langen Brief von Frau W[agner]. Von dem Hamburger und dem Berliner Conzert haben sie 12000 Thl. mitgebracht. Über die Hamburger Auszeichnungen schrieb Frau W. besonders beglückt: Deine Vaterstadt hat den besten Takt von der Welt bewiesen. — Liesest Du das „musikalische Wochenblatt“? Der Dr Fuchs hat sich Lotze und Gervinus als aestheticos vorgenommen und prügelt und haut tapfer darauf los. Neulich habe ich in einem „evangelischen Anzeiger“ über mich Einiges gelesen, was mir auf Wochen hinaus Heiterkeit verschafft, ich wurde „der ins Musikalische Übersetzte Darwinismus“ genannt, meine Theorie sei der „Developpismus des Urschleims“ usw: kurz die vollendete Tollheit! — Ein Buchhändler hat mir angezeigt, im Börsenblatte (im buchhändl.) sei ein neuer Artikel des Dr. W.-Möllend. gegen mich (oder uns) angekündigt — wieder bei Gebrüder Bornträger. Ich habe aber verboten mir dergleichen zuzusenden, kenne auch keinen Menschen, der es gelesen hat, hoffe übrigens daß Du ebenso verfährst.
     Nun muß ich zu Mittag essen, doch werde ich auf Dich mit Overbeck und Romundt anstoßen, die ebenso wie ich Deiner immer mit Betrübniß gedenken, mit Betrübniß daß Du nicht hier bist! Ach, der Teufel! Warum nicht!

Dein
F. N.


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BVN-1873,12

An Malwida von Meysenbug in Florenz

[Basel, gegen Ende Februar 1873]


Verehrtestes Fräulein, es ist mir seit der Abreise meines Freundes Gersdorff nicht gut gegangen, ich bin aus einem zwar sehr trivialen, aber um so lästigeren grippenartigen Zustande nicht herausgekommen und habe den Winter recht nachdrücklich an mir abgebüßt. So kam es, daß ein kleines Hochzeitsgeschenk, welches ich mir für Fräulein Olga ausgedacht hatte, erst in diesen Tagen fertig wurde und daß ich wieder einmal, Ihnen gegenüber, als ein sündig-säumiger Briefschreiber erscheine. Nehmen wir, um nicht allen Glauben an die Gerechtigkeit zu verlieren an, daß die langwierige Unannehmlichkeit von Husten Heiserkeiten usw. meine Strafe ist: womit ich zugleich die Hoffnung ausspreche, daß der heutige Brief auch eine Wendung meines Gesundheitsstandes mit sich bringen werde.
     Vor allem aber, und ganz abgesehn von meinen ganz gleichgültigen Misèren, — wie geht es jetzt mit Ihrem Befinden, verehrtestes Fräulein? Ist der böse Stoß mit seinen Folgen überwunden und können Sie wieder ordentlich ins Freie gehen? Ich wünsche es von Herzen. Denn Sie brauchen jetzt vor allem eine recht tapfere Gesundheit, um die verschiedenen nächsten Ereignisse, Trennungen, Entscheidungen wenn nicht „frohmüthig“ wie man hier sagt, so doch muthig zu überstehen. Übrigens hat mir Frau Wagner einige Andeutungen gemacht, die sich gerade auf jene wichtigen Entscheidungen beziehen. Ich denke immer noch, irgendwann einmal sitzen wir alle in Bayreuth zusammen und begreifen gar nicht mehr, wie man es anderswo aushalten konnte.
     Nun spreche ich Ihnen über das kleine Geschenk, welches durch Ihre Hand Fräulein Olga angeboten werden soll: es ist eine vierhändige Composition von mir, zum Ersatz jener bei dem Baseler Concil ausgefallenen Musikviertelstunde. Zu Grunde liegt ein Thema aus meinem fünfzehnten Jahre, das meine Schwester dieses Weihnachten unter alten Manuscripten von mir aufgefunden und das ich in den letzten Wochen etwas ausgeführt habe. Ich weiß das Datum der Vermählung nicht; sagen Sie deshalb, verehrtestes Fräulein, dem ausgezeichneten Paare das Herzlichste in meinem Namen und bitten Sie darum, daß meine schlechte Musik wenigstens als ein Symbol freundlich angenommen werden möge, als das Symbol einer guten „monodischen“ Ehe; und wir wissen ja Alle, daß die besten Dinge oft gerade durch geringe und niedrige Symbole charakterisirt werden. Übrigens könnte es meiner Musik nichts schaden, wenn sie etwas besser wäre. Das steht aber leider nicht in meinen Kräften. —
     Ich begehre jetzt recht nach Sonnenschein und einiger Fröhlichkeit: besonders auch, um ein Manuscript zu Ende zu bringen, das von philosophischen Dingen handelt und an dem ich mit rechter Liebe gearbeitet habe. Alle die großen Philosophen, die während des tragischen Zeitalters der Griechen, das soll heißen während des sechsten und fünften Jahrhunderts gelebt haben, kommen darin vor: es ist höchst merkwürdig, daß die Griechen überhaupt in jenem Zeitraume philosophirt haben — und nun gar, wie!
     Wünschen Sie mir etwas Heiteres und Erfreuliches, damit ich besonders während der Osterzeit, in der ich ein paar freie Tage habe, Lust und Muth zu dieser Arbeit und ihrer Vollendung finde. Ich komme mit dieser Schrift wieder in ein höchst praktisches Culturproblem, es wird mir mit unter angst und bange. —
     Ich bin erstaunt und erfreut, verehrtestes Fräulein, daß meine Vorträge so sehr Ihre Theilnahme, ja Ihren Beifall gefunden haben; Sie müssen mir aber, auf mein ehrliches Gesicht, glauben, daß ich alles in ein paar Jahren besser machen kann und besser machen will. Einstweilen haben diese Vorträge für mich selbst eine exhortative Bedeutung: sie mahnen mich an eine Schuld, oder an eine Aufgabe, die gerade mir zugefallen ist, besonders nachdem nun gar der Meister sie feierlich öffentlich auf meine Schultern gelegt hat. Es ist aber keine Aufgabe für so junge Leute, wie ich bin, man muß mir gestatten wenn nicht zu wachsen doch älter oder alt zu werden. Jene Vorträge sind primitiv und dazu etwas improvisirt, glauben Sie mir es nur. Ich halte nicht viel davon, besonders auch der Einkleidung wegen. Fritzsch war bereit sie zu drucken, ich habe aber geschworen, kein Buch erscheinen zu lassen, bei dem ich nicht ein Gewissen, so rein wie ein Seraphim besitze. So stehts aber nicht mit diesen Vorträgen: sie dürften und könnten besser sein, es ist anders als bei meiner Musik, die gerade so ist, wie sie sein kann — das heißt in diesem Falle leider „schlecht genug.“
     Über Ihre philologisch-pädagogische Frage habe ich oft nachgedacht, die Entscheidung dünkt mich allgemeinhin nicht wohl möglich. Es kommt so sehr darauf an, welche gerade die Muttersprache ist. Leider fehlt es mir sehr an Erfahrungen, aber ich sollte zB. meinen, es sei für ein deutsches Kind ein wahres Glück zuerst in einer regelrechten strengen Cultursprache, Französisch oder Latein, erzogen zu werden, damit sich ein kräftiges Stilgefühl entwickle, das nachher auch der später gelernten, etwas barbarischen Muttersprache zu Gute käme. Dagegen war es bei den Griechen und ist es bei den Franzosen freilich unnütz, eine zweite Sprache überhaupt zu lernen; solche Völker, die ein eignes Stilgefühl in so hohem Grade besitzen, dürfen sich bei ihrer eignen Sprache zufrieden geben. Alle anderen müssen lernen und lernen. (Ich spreche hier natürlich nicht von dem Werth, den das Erlernen einer fremden Sprache für Kenntniß fremder Litteraturen und Wissenschaften hat, sondern nur vom Sprachgefühl und Stilgefühl)
     Warum schreibt denn Schopenhauer so vortrefflich? Weil er viele Jugendjahre hindurch fast nur französisch oder englisch oder spanisch gesprochen hat. Dann hat er, wie er selbst sagt, außerordentlich den Seneca, zu diesem Zwecke, studirt und nachgeahmt. Aber wie ein Deutscher, durch deutsche Lektüre, zu einem Stil kommen soll oder gar durch deutsche Unterhaltung und Geselligkeit, begreife ich nicht. Das Schwankende soll sich am Festen bilden: aber in Deutschland, im Lande der wüstesten Buch- und Zeitungsmacherei (im Jahre 1872 allein 12000 deutsche Bücher!) da sollte Jemand im Sprechen und Schreiben Stil lernen? Ich glaube es nicht, bin aber gerne bereit zu lernen. Denn wie gesagt, ich weiß nichts, habe nichts erfahren und bin kein Fachmann. —
     Bleiben Sie mir, vereintestes Fräulein wohl geneigt und grüßen Sie Herrn Schuré von mir. Ihnen und Fräulein Olga alles Gute anwünschend verbleibe ich

Ihr
hochachtungsvoll ergebener
Friedrich Nietzsche.


     NB. Ich danke Ihnen sehr für die Zusendung der Abhandlung des Herrn Villari, die ich ernsthaft lesen will — Gerne wünschte ich zu erfahren, ob Sie die Adresse meines trefflichen Freundes Gersdorff wissen und mir sagen können. Er schreibt so glücklich über Florenz und ist Ihnen so dankbar.

     Was sagen Sie zu der mitfolgenden Preisaufgabe? Und den Preisrichtern? —


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BVN-1873,13

An Carl von Gersdorff in Rom

[Gersau, 2. März 1873]


Mein lieber Freund, in Basel trommelt man während der drei Fastnacht-tage so entsetzlich, daß ich mich hierher, nach Gersau, am Vierwaldstätter See, auf diese Zeit geflüchtet habe: als wo ich in Nebel und Regen, ohne die Möglichkeit spazieren zu gehen, mäßig mißvergnügt, aber doch wenigstens in Ruhe sitze. Hier endlich will ich Dir meinen längst geschuldeten Brief schreiben und hoffe, daß die Florentiner Freundin ihn Dir „übermittelt“ (wie Tischendorf in Leipzig immer zu sagen pflegte) Ich will gleich mit der Hauptsache beginnen: neulich Abends habe ich ein Fest gefeiert, eigentlich nur zu Deinen und Deiner Freunde Ehren: es müssen Dir, bei dem wiederholten Gläserklingen und dem fortwährenden Herbeiwünschen, die Ohren kräftiglich geklungen haben. Ich setze voraus, daß Du das Resultat des Tegethoff-Preisausschreibens weißt und daß Du wie ich, in einen wahren Entzückens-Taumel gerathen bist: also Rau hat den zweiten Preis (mit 2000 Gulden) und Otto den dritten (mit 1000 Gulden), den ersten hat der Baseler Bildhauer Schlöth in Rom, doch ist unter Kunstkennern kein Zweifel, daß Rau den ersten und zwar bei weitem den ersten verdient hat und daß nur durch einen herbeigezogenen Laien die letzte Entscheidung so absurd ausfiel. Ich las und las immer wieder über die Entwürfe Lissa II und fortes fortuna juvat und vor allem über den ersteren, alle Zeugnisse waren voller Enthusiasmus: das sei nicht von Michel Angelo entlehntes Räuspern, sondern eine gewaltige Urkraft, die sich hier in die Erscheinung dränge usw. Kurz ich vermuthete Rau und war außer mir vor Vergnügen, als ich endlich die Entscheidung hörte. Den Ottoschen Entwurf hat übrigens die Wiener Kunstkritik für ein Werk von Begas gehalten und sich also in einer für Otto höchst schmeichelhaften Weise geirrt. Die Namen der Sieger gehen durch alle Zeitungen, es waren 22 Entwürfe eingesandt. Ich will an Rau schreiben, weiß aber kein Mittel ihn zu erreichen als etwa durch einen per adr. von Begas bezeichneten Brief. Ich habe mich seit lange über nichts mehr gefreut und habe, an diesem wichtigen Grenzpunkte im Schicksale Deines Rau, wirklich das ganze Herz voll Segenswünschen — daß er ja auf der guten großen Bahn bleibt. —
     Übrigens finde ich, daß Du selbst mit Deinem Geschmack an beiden Künstlern glänzend legitimirt dastehst. Ich gratulire, mein lieber Freund und wünsche Dir nochmals für Deine italiänischen Erfahrungen den gleichen auslesenden deutschen Geschmack und Ernst, den Du dort erwiesen hast.
     Denke Dir, daß ich, seit Deiner Abreise lange Zeit unwohl war, zu Bett liegen mußte und bis heut zu Tage mich nicht völlig erholt habe. Ein langwieriger Grippenzustand mit unerschöpflichem Schnupfen. Inzwischen ist das Preisausschreiben des Allg. Deutschen Musikverein’s publicirt worden: ich habe durchgesetzt, was ich wollte, nämlich bedeutende Erhöhung des Preises (auf 300 Thaler statt 100 oder 50, wie ursprünglich beabsichtigt war) und Zahlung desselben als Patronatsschein. Die Preisrichter sind außer mir Prof. Heyne in Basel und Prof. Simrock in Bonn. — Von dem Meister und Frau W[agner] habe ich herrliche Briefe, es kam zu Tage, was ich gar nicht wußte, daß W. über mein Nichtkommen zu Neujahr sehr gekränkt gewesen ist — Das hast Du gewußt, liebster Freund, aber mir verschwiegen. Aber alle Wolken sind verscheucht und es ist ganz gut, daß ich nichts wußte, denn mancherlei kann man nicht besser, sondern höchstens noch schlechter machen. Gott weiß übrigens, wie oft ich dem Meister Anstoß gebe: ich wundere mich jedes mal von Neuem und kann gar nicht recht dahinter kommen, woran es eigentlich liegt. Um so glücklicher bin ich, daß jetzt wieder Frieden geschlossen ist. Kennst Du die wundervolle Schrift W.’s, die jetzt eben zum ersten Male gedruckt ist „über Staat und Religion“, vom Jahre 1864, zuerst als privatestes Mémoire an den bayrischen König verfaßt? Sie gehört zu dem Tiefsten aller seiner litterarischen Produkte und ist im edelsten Sinne „erbaulich“. — Sage mir doch Deine Ansicht über das wiederholte Anstoßgeben. Ich kann mir gar nicht denken, wie man W. in allen Hauptsachen mehr Treue halten könne und tiefer ergeben sein könne als ich es bin: wenn ich es mir denken könnte, würde ich’s noch mehr sein. Aber in kleinen untergeordneten Nebenpunkten und in einer gewissen für mich nothwendigen beinahe „sanitarisch“ zu nennenden Enthaltung von häufigerem persönlichen Zusammenleben muß ich mir eine Freiheit wahren, wirklich nur um jene Treue in einem höheren Sinne halten zu können. Darüber ist natürlich kein Wort zu sagen, aber es fühlt sich doch — und es ist dann verzweifelt, wenn es gar Verdrießlichkeiten Mißtrauen und Schweigen nach sich zieht. Ich hatte diesmal keinen Augenblick daran gedacht, solchen heftigen Anstoß gegeben zu haben; und ich fürchte immer durch solche Erlebnisse noch ängstlicher zu werden als ich es schon bin. — Bitte, liebster Freund, Deine offene Ansicht! —
     Meine Schrift wächst und gestaltet sich zu einem Seitenstück zur „Geburt“. Der Titel wird vielleicht „der Philosoph als Arzt der Cultur“. Ich will eigentlich W[agner] zu seinem nächsten Geburtstag damit überraschen. —
     Zur Vermählungsfeier von Frl. Olga habe ich eine eigene vierhändige Musik nach Florenz geschickt, mit dem Titel „Une Monodie à deux“: der als Prognostikon einer guten Ehe aufgefaßt werden möge. Der Spieler rechts ist Madame Monod, der Spieler links Monsieur Monod.
     Und nun herzlich geliebter Freund und „im Irrgarten der Liebe taumelnder Cavalier“, (so nennt Dich W[agner]) habe herzlichen Dank für Deinen reichen und glücklichen Brief und denke gern Deines

Fr. Nietzschen [Nietzsche]


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BVN-1873,14

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Basel, 9. März 1873]
Sonntag.



Meine liebe Mutter und Schwester,

mein Stillschweigen ist wirklich sträflich da ich nichts als mein fortwährend einseitig festgehaltenes und abgezogenes Denken und Arbeiten vorschützen kann, und wie Ihr wißt, doch manche Minute kommt, in der man einen Brief schreiben kann und sollte. Im Übrigen bin ich jetzt auch allen Freunden, ohne Ausnahme, Briefe schuldig, den Bayreuthern sowohl wie den Florenzern, oder Rohde oder Gersdorff oder Fuchs oder usw. Kurz, niemand weiß etwas von mir, weil ich ziemlich fleißig bin. Dazu gieng es mir eine Zeitlang mit der Gesundheit und in Folge dessen mit der Arbeit nicht recht, und ich schrieb nicht, weil ich verdrießlich war. Seit den letzten Tagen erfreue ich mich aber einer rechten guten Gesundheit, und es hätte keiner erneuten Mahnung bedurft — heute hätte ich doch geschrieben. Übrigens danke ich Dir, liebe Lisbeth, sehr für Deine Briefe: Deine Freude über das werdende Buch und Dein Versprechen, im Sommer zu kommen, haben in gleicher Weise einen vollen Anspruch auf meine Dankbarkeit, und ich freue mich auf Pfingsten, wo Du eintreffen wirst und wo hoffentlich auch mein Buch im Ganzen und Großen fertig sein wird. Es wäre ja sehr angenehm, wenn Du die vortreffliche Wohnung vom vorigen Sommer wieder haben könntest: sonst hatte sich Frl. Kestner, die alles bedenkt, nach einer Wohnung in Kleinbasel in Deinem Interesse umgethan. Doch glaube ich unbedingt, daß es so, wie im vorigen Sommer für uns besser und bequemer ist.
     Hier hat es mehrere Festlichkeiten gegeben, an denen ich zum Theil theilgenommen habe. ZB. bei alten Vischers, zur Feier von zwei Verlobungen (des Gelzerschen Brautpaars und des Dr. Speiser); dann war bei Vischer-Bischoff’s ein Ball, hundert Personen waren da, vorher führten Sally, Frau Walter und einige Herren eine Operette auf. Dann war ich einen Abend bei den guten Siebers, mit Socin und Jakob Burckhardt. In Florenz ist die Hochzeit des Hr. Monod gewesen, ich habe zur rechten Zeit ein Geschenk geschickt, nämlich eine vierhändige Composition, betitelt „Une Monodie à deux“: wenn Du weißt, was eine Monodie ist, so verstehst Du auch die für eine Ehe ganz symbolische Wendung. Übrigens hat den linken Part Monsieur Monod, den rechten Part Madame Monod zu spielen. Auch haben mir beide schon brieflich gedankt.
     Ungeheure Freude hat uns allen eine Nachricht gemacht, die beiden Bildhauer die Freunde und Protegé’s von Gersdorff Rau und Otto haben beide, bei einer Bewerbung in Wien,um das Tegetthof Denkmal Preise bekommen, der eine mit 2000 östr. Gulden, der andre mit 1000 und gehen nun nach Italien. Das Werk von Rau (der den Prometheus in meinem Buche gemacht hat) wird als Werk gewaltigster und originaler Schöpferkraft bezeichnet. Gersdorff war in Florenz, als die Nachricht kam: Frl v Meysenbug sagte, er sei vor Jubel fast wie ein Bacchant auf der Straße herumgelaufen. Übrigens ist die gute Meysenbug sehr betrübt und schreibt mir die schwermüthigsten langen Briefe.
     Für die Intervention bei der Ritschl-photographie danke ich bestens: ich habe auch an den stud. Götz eine Photogr. geschickt, wahrsch. ist sie nicht angekommen.
     Frl. Olga Herzen erinnert Dich, liebe Lisbeth, an die Photographie, die bewußte, versprochne, ebenso hier Clara Turneysen.
     Gersdorff hat in Florenz noch etwas ganz besonders Rührendes gemacht, er hat, nach den großen Anstrengungen des Tags und nachdem er alle Abende bei Frl Meysenbug verbracht hat, doch noch während der Nacht — abgeschrieben und was? meine Vorträge über die Zukunft der Bildungsanstalten; jetzt schreibt er mir glücklich, daß er sie nun ganz besitze, „weil sie zu schön seien, als daß ihre Existenz auf einem einzigen, allen Gefahren ausgesetzten Exemplare beruhen dürfe.“
     Seht Ihr, das sind Freunde! Herr Je! In Rom hat Gersdorff Wilamowitz den Schäker gesehen, ist aber geflüchtet, hinter den breiten Rücken eines antiken Herakles. Übrigens hat besagter W. wieder ein Pamphlet veröffentlicht, gegen Rohde, doch wir haben gelacht, es ist doch vorbei.
     Nun, meine liebe Mutter und Schwester speist vergnügt zu Mittag, wenn Ihr es noch nicht gethan habt. Ich werde es jetzt thun und empfehle mich Euch

bestens als
Euer Fritz.


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BVN-1873,15

An Erwin Rohde in Kiel

Basel Mitte März. Nein! circa am 22 März. [1873]


     Geliebter Freund, gestern gieng auch dies Semester, das achte meiner Erfahrung, zum Teufel oder wohin Du willst, und heute giebt es die Möglichkeit etwas aufzuathmen. Aber es will nichts Rechtes mit dem Aufathmen werden, wenn ich nicht erst mit meinen Freunden Friede schließe: denn diese werden mir zürnen, wie selten ich Briefe schreibe und wie undankbar ich mich gegen ihre briefschreibende Liebe benehme. Neulich bekam ich, in den Fastnachtstagen, bei tiefer Verstimmung, Deine Zeilen, geliebter Freund und verwünschte wieder den Dämon, der uns trennt oder, um ganz direkt zu reden, das dumme Benehmen der Freiburger, die Dich haben konnten, oder, noch direkter, die gemüthliche Perfidie meines „Freundes“ Ritschl, der sie daran verhindert hat. Nun sitzen wir auf unsern Stühlchen und kommen nicht zusammen! Jeden Brief möchte man fluchend beginnen und schließen, ja ich empfehle Dir, für unseren Gebrauch, das neue Wort „ich brieffluche, Du brieffluchst“ usw.
     Übrigens bin ich, wie ich recht empfinde, viel besser daran als Du. Overbeck und Romundt, meine Tisch- Haus- und Gedankenfreunde, sind der trefflichste Umgang von der Welt: so daß ich, nach dieser Seite, das Ächzen und das Krächzen ganz abgethan habe. Romundt hat gestern sein erstes Semester, als Akademiker, geschlossen und hat einen großen kathedralen furor in sich von diesem ersten Versuche davon getragen. Er hat das Interesse der Studenten wirklich erregt und wird ganz gewiß in seinem Elemente sein, wenn er Academicus bleibt. Overbeck ist der ernsteste freimüthigste und persönlich liebenswürdig-einfachste Mensch und Forscher, den man sich zum Freunde wünschen kann. Dabei von jenem Radikalismus, ohne den ich nun schon gar nicht mehr mit Jemandem umgehen kann. In den Osterferien wird er ein Dokument dieses Radikalismus, ein öffentliches Sendschreiben an Paul de Lagarde machen. Was im Verlauf eines Jahres von uns zusammen an wichtigen und eingreifenden Dingen besprochen wird, ist der Masse nach sehr groß, und ich empfinde fortwährend dabei, was man entbehrt, wenn man Dich entbehrt. Unser Leben soll noch lang genug sich hinspinnen, um zu sorgen, daß vieles Gewollte zur That wird; aber für uns Beide ist es irgendwann einmal necessitas, zusammenzuleben, eben dieser „Thaten“ halber.
     Ich hoffe bald so weit zu sein, Dir ein größeres Stück meines ganz langsam sich gebärenden Buches über griechische Philosophie zur vorläufigen Einsicht zu übersenden. Über den Titel steht nichts fest: wenn er aber lauten könnte „der Philosoph als Arzt der Cultur“, so siehst Du, daß ich mit einem schönen allgemeinen und nicht nur historischen Problem zu thun habe.
     In Leipzig ist die Setzer-Angelegenheit noch nicht geordnet, daher große Verzögerung der zweiten Auflage. Wilamowitz’ zweites Stück habe ich gelesen, man schickte es mir in’s Haus, und ich fand es lustig genug und ganz und gar sich selbst abthuend. Gersdorff hat den Schäker in Rom gesehen, ich schicke Dir seinen Glücksbrief, damit Du mit mir an dem Glück des „taumelnden Cavaliers“ Deine Freude hast.
     Jüngst war die Verheirathung von Frl. Olga Herzen mit Hr. Monod aus Paris. Ich erschien mit einer Hochzeitscomposition, vierhändig, folgenden Titels, der als Symbol einer guten Ehe gedeutet werden soll

Une Monodie à deux.

     Frl. von Meysenbug ist tief unglücklich und sehr bedauernswürdig, sie bat mich, ich möge jetzt Ostern zu ihr nach Florenz kommen, um sie etwas zu trösten. Leider habe ich keine oder so gut wie keine Ferien, Dank dem ehrenwerthen Pädagogium.
     R. W[agner] hat mir seine bisher noch ungedruckte Schrift von 1864 „Staat und Religion“ zugesandt, ursprünglich für den König von Baiern verfaßt: ich bin tief erbaut. So schreibt jetzt kein Mensch mehr über Religion und Staat, besonders nicht an Könige. — Beiläufig: welche Skandalgeschichte meint denn Wilamowitz mit der Bemerkung über den „philologischen Anzeiger“ c. S. 3 seiner PamphletAnmerkung. Der alte Leutsch ist doch nicht auch doppelzüngig?
     Ich habe immer vergessen, den Aufsatz über das Certamen Dir zuzuschicken, der nun schon ganz abgelagert ist und doch nicht besser geworden. Nimm sie freundlich an, sagte das Kind zum Vater an seinem Geburtstage und ließ die Torte in den Dreck fallen.
     Wenn wir nur noch eine andre Kunst gelernt hätten, theuerster Freund, um zusammen durch die Welt zu ziehen! Denn als Conjekturen-Dachshund hat man wahrlich kein ehrliches Gewerbe. Orgeldrehen ist besser. In diesem Semester hatte ich es zu zwei Zuhörern gebracht, der eine war Germanist, der andre Jurist, beiden trug ich Rhetorik vor! Es kommt mir so unglaublich verdreht vor, besonders wenn ich bedenke, daß der Eine ein persönlicher Enthusiast von mir ist und ebenso gut für mich Stiefeln wichsen als von mir Rhetorik hören würde! Nächstes Semester wird es etwas besser stehen: das Pädagogium wirft ein paar gute Philologen ab, mit denen doch zu verkehren ist.
     Die Abundantia-Bilder sind heute hier angekommen, und ich gedenke unsrer vergnügten Leipziger-Naumburger Herbsttage! Das wollen wir doch bestens wiederholen, dieses Jahr, nicht wahr, bester Freund? Im Sommer besucht mich meine Schwester. Aber im Oktober ziehe ich Dir entgegen, nach dem guten Thüringen. Oder wollen wir in Dresden zusammenkommen? Nur ja nicht wieder in dem gottverdammten Leipzig!
     Ich wünsche Dir reinen Himmel, heitres Gemüth und empfehle, als mein Stärkungsmittel, Dir den Marcus Antoninus; man wird so ruhig dabei.

Treu und Deiner stets gedenkend
Fridericus


Im Gersdorffschen Briefe kommt was Rührendes vor, Du wirst es finden, meine Vorträge betreffend. Das ist ein Freund.


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BVN-1873,16

An Carl von Gersdorff in Rom

[Basel, 5. April 1873]


Theuerster Freund,

die Telegraphen haben zu thun und fliegen bald nach Heidelberg bald Nürnberg bald Bayreuth. Denn denke Dir, morgen reise ich auf acht Tage fort, treffe übermorgen mit Rohde zusammen — und wo? natürlich in Bayreuth. Ich begreife selbst noch nicht, wie schnell und plötzlich sich alles dies gemacht hat. Vor 8 Tagen dachte Keiner von uns an so etwas. Schon jetzt wandelt mich Rührung und Ergriffenheit an, wenn ich mir denke, wie wir selbander auf dem Bahnhofe dieses Ortes ankommen und nun jeder Schritt Erinnerung wird. Ich glaube doch, es waren die glücklichsten Tage, die ich gehabt habe. Es lag etwas in der Luft, das ich nirgends sonst spürte, etwas ganz Unsagbares, aber Hoffnungreichstes. Was werden wir dort zusammen denken, Dich immer natürlich mit einschließend! Meine Freude ist heute eine ganz unsinnige, denn es scheint mir, daß alles wieder so schön zu Stande kommt, wie ein Gott es sich nicht besser wünschen könnte. Ich hoffe, daß mein Besuch wieder gut macht, was mein weihnachtliches Nichtkommen schlecht gemacht hat und danke Dir recht von Herzen für Deinen einfachen und kräftigen Zuspruch, der mir wieder die Augen rein machte und die dummen „fliegenden Mücken“ verscheuchte, an denen ich zuweilen laborire.
     Überhaupt, mein Freund, es giebt so Vieles in Deinen Briefen, dessentwegen ich immer das Glück preise, einen solchen Freund zu haben; und ich genieße schon eine eigne Freude, die kräftig geschwungenen und freien Züge Deiner Handschrift zu sehen, denn sie verrathen mir schon alles, wie es jetzt mit Dir steht. Daß Du übrigens meine Vorträge über die Zukunft der Bildungsanstalten abgeschrieben hast, das ist eine ganz eigne Geschichte nach eigner Melodie zu singen und nie zu vergessen. Ich habe mir dabei meine Gedanken gemacht und mache sie mir noch, so oft mir diese Geschichte einfällt. Sie fällt mir oft genug ein. Zuletzt mache ich noch einmal den sechsten Vortrag, nur damit Du etwas Fertiges von mir in den Händen hast.
     Nach Bayreuth bringe ich ein Manuscript „die Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen“ mit, zum Vorlesen. Von der buchmäßigen Form ist aber das Ganze noch sehr entfernt, ich werde immer strenger gegen mich, und muß noch viel Zeit vergehen lassen, um eine nochmalige Darstellung (die vierte desselben Thema’s) zu wagen. Auch war ich genöthigt, die sonderbarsten Studien zu jenem Zwecke zu treiben, selbst die Mathematik trat in die Nähe, ohne Furcht einzuflößen, dann Mechanik, chemische Atomenlehre usw. Ich habe mich wieder auf das herrlichste überzeugt, was die Griechen sind und waren. Der Weg von Thales bis Sokrates ist etwas Ungeheures.
     — Sehr hübsch ist Deine Begegnung mit Wilamowitz und Deine Rettung, die wohl ein Trankopfer werth war. Weißt Du, daß der Schäker ein zweites Heft unter gleichem Namen hat drucken lassen, mit Schimpfereien und Sophistereien und eine Widerlegung nicht werth. Besonders gegen Rohde gerichtet wendet sich zum Schluß die Schrift in’s Allgemeine, weg von den zwei „verrotteten Gehirnen“; die Worte Davids Strauss gegen Schopenhauer werden wörtlich auf mich angewendet, und so kommt ein Bild von mir heraus als ob ich Herostrat, Tempelschänder usw sei. Das Schriftstück ist von Rom aus datirt. Neulich wurde ich in einem Blatt als der „in das Musikalische übersetzte Darwinismus und Materialismus“ bezeichnet, das Ureine wurde mit „Darwin’s Urzelle“ verglichen: ich lehre den „Developpismus des Urschleims“! Ich finde, daß die geehrten Gegner verrückt zu werden anfangen. Irgend ein Bonus Meyer ließ neulich über Wagner’s Bayreuther Werk seine Meinung laut werden, daß selbst die „brutale Bauwuth der Römer“ so etwas nicht gewagt habe. Der Haß scheint in hellen Flammen zu sein.
     Das habe ich Dir erzählt, daß ich zu Frl. Olga Herzens Verheirathung eine Musik gemacht habe. Sie und ihr Monod haben mir darauf geschrieben, letzterer aber sehr als Franzose und politischer Mensch, was mir bei einer so privaten Sache nicht am Platze schien. Muß man denn sofort gleich von les tristes événements des dernières années reden? Mir wird sofort übel dabei. Ich bedaure die arme Florentinische Freundin sehr und weiß gar nicht zu helfen. Sie hatte mich eingeladen, Ostern zu ihr zu kommen; mir fehlt es aber an zusammenhängenden Ferien. Ich habe nur 8 Tage und nach einer Examenunterbrechung, die mich hier zu sein zwingt, noch einmal 8-12 Tage: nichts mehr! Da kann ich nicht nach Florenz.
     Unter mir, ich meine im ersten Stock des Hauses arbeitet Prof. Overbeck, unser werthgeschätzter Freund und Gesinnungsgenosse, an einer Brandschrift „die Christlichkeit unserer jetzigen Theologie.“ Unser Haus wird einmal berüchtigt werden.
     Romundt hat sehr viel Glück als Academiker: die Studenten haben ihm mehrfach die größte Theilnahme verrathen. Er ist in dem rechten Fahrwasser und es kommt mir so vor als ob wir Alle es wären. Allein mein armer Rohde wandelt einsam dort oben herum. Da muß nachgeholfen werden.
     In diesen Tagen ist der junge Prof. Vischer-Heusler in Rom eingetroffen: ich habe ihm Deine Adresse gegeben.
     Deinem Herrn Vater sage meine Empfehlungen. Wann kommt denn Rau nach Rom? Und was für eine Adresse hat er? (nämlich bisher in Berlin). Nun nochmals, geliebter Freund, herzlichen Dank für Deine zwei Briefe, ich wollte ich wäre bei Dir. Übermorgen aber tauschen wir die Rollen; dann sitze ich bei W[agner]s und meine, Du säßest gerne dabei.

Getreulich
Dein Fried. Nietzsche


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BVN-1873,17

An Malwida von Meysenbug in Florenz

Basel 5 [6.] Apr. 1873


     Verehrtestes Fräulein, wie gerne möchte ich diese Ostern bei Ihnen verbringen und wie dankbar habe ich Ihre Einladung empfangen. Wenn ich auch nicht helfen könnte Sie zu trösten, so wäre es mir doch hier und da gelungen Sie zu zerstreuen und Ihr Nachdenken irgendwohin abzulenken. Nun muß ich leider so festgebunden sein, daß ich nur für die allerkürzesten Termine (von 8-12 Tagen) um Ostern herum etwas Freiheit habe: das hängt davon ab, daß ich außer meiner Universitätsstellung noch das Amt eines griechischen Lehrers in der obersten Klasse des Pädagogiums inne habe und somit den langweiligen Quälereien schriftlicher und mündlicher Schulexamina usw. ausgesetzt bin. Die freie Zeit ist also zu kurz, um nach Florenz reisen zu können: wie oft habe ich das beseufzt! Denn ich habe wirklich das herzlichste Bedürfniß, Sie jetzt zu sehen und zu sprechen und würde jedenfalls nur Ihretwegen (und nicht irgendwelcher Malereien halber) nach Florenz gekommen sein.
     Wenn ich mir besonders noch denke, daß Ihre Gesundheit noch nicht wiederhergestellt ist und daß Sie zu der Fülle von Seelenschmerzen und Beunruhigungen höchst überflüssiger Weise auch noch leiblich gequält werden, so fühle ich in mir so recht die Ohnmacht des Helfenwollens aber nicht -könnens! Hoffentlich schreibt Ihnen Frau Olga M[onod] das Beste und Beruhigendste, vor allem recht oft und ausführlich.
     Heute Abend reise ich ab, rathen Sie wohin? — Sie haben es errathen. Und zwar treffe ich dort, um das Glücksmaß voll zu machen, mit dem Besten der Freunde, mit Rohde zusammen; morgen Nachmittag halb vier sitze ich im Hause an der Dammallée und bin ganz glücklich. Wir werden viel von Ihnen sprechen. Dann von Gersdorff, dem „taumelnden Cavalier“, wie ihn W[agner] nennt. Was Sie mir erzählen von einer Abschrift, die sich Gersdorff von meinen Vorträgen gemacht hat, ist geradezu rührend und gar nicht zu vergessen. Was ich für gute Freunde habe! Es ist ordentlich beschämend. In Bayreuth hoffe ich wieder Muth und Heiterkeit mir zu holen und mich wieder in allen Rechten zu befestigen. Mir träumte diese Nacht, ich ließe mir den Gradus ad Parnassum neu und schön einbinden; diese buchbinderische Symbolik ist doch verständlich, wenn auch recht abgeschmackt. Aber es ist eine Wahrheit! Von Zeit zu Zeit muß man sich, durch den Umgang mit guten und kräftigeren Menschen gewissermaßen neu einbinden lassen, sonst verliert man einzelne Blätter und fällt muthlos immer mehr auseinander. Und daß unser Leben ein gradus ad Parnassum sein soll, ist auch eine Wahrheit, die man sich öfters einmal sagen muß. Mein Parnassus der Zukunft ist, wenn ich mich sehr anstrenge und einiges Glück, sowie viel Zeit habe — vielleicht ein mäßiger Schriftsteller zu werden, vor allem aber immer mehr „mäßig im Schriftstellern“. Ich habe von Zeit zu Zeit eine kindliche Abneigung gegen bedrucktes Papier, das mir dann nur wie beschmutztes Papier gilt. Und ich kann mir wohl eine Zeit denken, in der man es vorzieht wenig zu lesen, noch weniger zu schreiben, aber viel zu denken und noch viel mehr zu thun. Denn alles wartet jetzt auf den handelnden Menschen, der jahrtausendalte Gewohnheiten von sich und anderen abstreift und es besser vormacht, zum Nachmachen. In meinem Hause entsteht eben etwas voraussichtlich sehr Rühmliches, eine Charakteristik unserer jetzigen Theologie, hinsichtlich ihrer „Christlichkeit“: mein Freund und Gesinnungsbruder Prof. Overbeck, der freieste Theolog, der jetzt nach meinem Wissen lebt und jedenfalls einer der größten Kenner der Kirchengeschichte, arbeitet jetzt an dieser Charakteristik und wird, nach allem, was ich weiß und worin wir einmüthig sind, einige erschreckende Wahrheiten bekannt machen. Allmählich dürfte Basel ein Bedenken erregender Ort werden. — Nun wird es dunkel, ich muß an die Abreise und das Einpacken denken und Sie verlassen, verehrteste und innig bedauerte Freundin. Wäre es doch wenigstens zur Abreise nach Florenz!

In Treue
der Ihrige
Friedrich Nietzsche


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BVN-1873,18

An Cosima Wagner in Bayreuth (Entwurf)

[Basel, April 1873]


Verehrteste Frau, Sie haben mir die Ehre erwiesen die Widmung dieses Buches ohne Bedenken und sofort anzunehmen. Darf ich diese Unbedenklichkeit aus dem Vertrauen ableiten, welches Ihnen meine Abhandlung die Geburt [der Tragödie] über mich als Autor eingeflößt hat, so will ich Ihnen hier bekennen welche neuerliche Erfahrung mich selbst beinahe gegen das Buch eingenommen hätte.
     Wir haben unter uns, eine schlimme Meinung über alles das was in dieser schlechten Zeit sofortigen Erfolg und Eingang findet: und das Buch von David Strauss, das in wenig Monaten vier Auflagen erlebte, müßte schon nach diesem Kanon sehr schlecht sein. Deshalb hätte mich fast die nach abgelaufenem Jahre nöthig gewordene zweite Auflage eines Buches mißtrauisch gegen dasselbe stimmen können, wüßte ich nicht zu seiner Rechtfertigung, daß an diesem sofort[igen] Erfolge jene schlechte Welt, mit ihren krähenden und kreischenden Zeitungen und Litteraturblättern als Herolden keinen Antheil hat, daß vielmehr von dieser Seite aus eine behutsame Stille für gut befunden worden ist. Ich halte mich, nach dieser Erfahrung hin, und allen andren für den beglücktesten Autor: denn gerade jene Windstille ist für die Fahrt meiner Schiffe das beste Anzeichen. Warum leben Sie nicht in der gleichen Windstille?
     fast alle musikal. Berichterstatter die gegen Sie schreiben, leben von Ihnen — dies erklärt den ungebührlichen Lärm, es handelt sich um die Nothdurft der Herrn Hanslick Gumbrecht oder wie die Burschen heißen, deren Namen ich nicht merken will.


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BVN-1873,19

An Richard Wagner in Bayreuth

Basel den 18 April 1873.


Verehrtester Meister

ich lebe in fortwährendem Angedenken an die Bayreuther Tage dahin, und das viele in kürzester Zeit neu Gelernte und Erfahrene breitet sich in immer grösserer Fülle vor mir aus. Wenn Sie nicht zufrieden mit mir bei meiner Anwesenheit schienen, so begreife ich es nur zu gut, ohne etwas daran ändern zu können, denn ich lerne und percipire sehr langsam und erlebe dann in jedem Moment bei Ihnen etwas, woran ich nie gedacht habe und was mir einzuprägen mein Wunsch ist. Ich weiß es recht wohl, theuerster Meister, dass Ihnen ein solcher Besuch keine Erholung sein kann, ja mitunter unerträglich sein muß. Ich wünschte mir so oft wenigstens den Anschein einer grösseren Freiheit und Selbständigkeit, aber vergebens. Genug, ich bitte Sie, nehmen Sie mich nur als Schüler, womöglich mit der Feder in der Hand und dem Hefte vor sich, dazu als Schüler mit einem sehr langsamen und gar nicht versatilen Ingenium. Es ist wahr, ich werde täglich melancholischer, wenn ich so recht fühle, wie gern ich Ihnen irgendwie helfen, nützen möchte und wie ganz und gar unfähig ich dazu bin, so dass ich nicht einmal etwas zu Ihrer Zerstreuung und Erheiterung beitragen kann.
     Oder vielleicht doch einmal, wenn ich das ausgeführt habe, was ich jetzt unter den Händen habe, nämlich ein Schriftstück gegen den berühmten Schriftsteller David Strauss. Ich habe dessen „alten und neuen Glauben“ jetzt durchgelesen und mich ebenso über die Stumpfheit und Gemeinheit des Autors wie des Denkers verwundert. Eine schöne Sammlung von Stilproben der abscheulichsten Art soll öffentlich einmal zeigen, wie es mit diesem angeblichen „Classiker“ steht.
     In meiner Abwesenheit ist die Schrift meines Hausgenossen Overbeck „über die Christlichkeit unserer Theologie“ tüchtig vorgerückt, sie hat einen so offensiven Character gegen alle Parteien, und ist andererseits so unwiderlegbar und so ehrlich, dass auch er, nach ihrer Veröffentlichung, verfehmt sein wird, als einer, nach Prof. Brockhausens Ausdrucke, der „seine Carrière ruinirt hat.“ Basel wird allmählich recht anstössig.
     Vom Freunde Rohde habe ich mich in Lichtenfels getrennt (in dessen Bahnhofrestauration Ihre Büste stand) Wir machten am Ostersonntag noch einen Morgenspaziergang miteinander, nach Vierzehnheiligen, das eine Stunde von Lichtenfels entfernt ist. Nicht wahr, ich habe doch vortreffliche Freunde?
     Der verehrungswürdigsten Frau Gemahlin schicke ich heute, mit den besten Grüssen den Paulus von Rénan; die versprochene Schrift von Paul de Lagarde werde ich zusammen mit der Overbeckschen, wenn diese fertig ist, ankommen lassen.
     Es thut mir so leid, dass wir den Dekan nicht noch einmal gesehen haben.
     Leben Sie wohl! Leben Sie wohl, theuerster Meister, mit Ihrem ganzen Hause.

Ihr getreuer Friedrich Nietzsche


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BVN-1873,20

An Richard Wagner in Bayreuth

Basel Freitag. [26. April 1873]


Verehrtester Meister

ich habe eine kleine Bitte, und diese bezieht sich auf den Verleger Fritzsch. Wir sprachen über die Art, wie der Verlag desselben sich allmählich erweitern werde und dürfe, und schon heute habe ich das merkwürdigste Beispiel, was für Schriften und Autoren sich an den bisherigen ersten Ring ansetzen möchten. Mein Freund Overbeck ist mit seiner Schrift „über die Christlichkeit unserer heutigen Theologie“ fertig und hat, auf mein Anrathen, bei Fritzsch einen Antrag gemacht, nachdem sein bisheriger Verleger Hirzel sich geweigert hat, aus Rücksicht auf David Strauss, der in Overbeck’s Schrift auch behandelt und nicht mit Sympathie behandelt ist. Ich halte Overbeck’s Characteristik der gegenwärtigen theologischen Parteien für ein Meisterstück und wünsche von Herzen, dass Fritzsch sich überwinden möge, mit dem Worte „Verlagsbuchhändler“ bis dahin Ernst zu machen, dass er auch diese ganz unmusikalische Schrift annimmt. Wir haben uns vergebens nach einem anderen geachteten Verleger für eine so offen-ehrliche und kühne Schrift umgesehen und finden jedesmal, dass die bekannteren Verleger selbst schon theologische Parteimänner sind und zuviel dem „Protestantenvereine“ angehören: so dass für sie diese Schrift unwillkommen genug sein würde. „So muss denn doch die Hexe dran“ wirklich die Noth treibt zu Fritzsch! Es ist recht zum Verwundern!
     Meine Bitte geht nun dahin, dass Sie, verehrtester Meister, in dem Falle, dass Fritzsch sich bei Ihnen Raths erholt, ihm einen kurzen Rath und Bescheid geben möchten. Denn ich kann mir wohl denken, in welcher Herkules-Verlegenheit sich der redliche Fritzsch befinden mag, wenn er plötzlich einen theologischen Antrag erhält.
     Ich wünsche von Herzen, dass Sie meine Bitte nicht unbescheiden finden mögen. Aus Cöln werden Sie wohl sich gerettet haben; ich denke mir Sie in Ihrer Bibliothek und bei den schönen Einbänden stehen und verspreche Ihnen in der Fritzsch-Overbeckschen Schrift einen stattlichen Zuwachs.
     Ihnen und der verehrtesten Frau Gemahlin meine herzlichsten Wünsche!

Ihr Friedrich Nietzsche


Overbeck ist durch eine Reihe streng gelehrter Arbeiten wohl bekannt und sehr angesehen: sein Hauptwerk ist ein Commentar zur Apostelgeschichte. Die neue Schrift hat etwa den Umfang von 6 Bogen.


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BVN-1873,21

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

Basel Dienstag. [29. April 1873]


Meine liebe Mutter und Schwester,

ja, es ist wirklich ein Skandal, wie lange ich nicht geschrieben habe. Meine Ferien sind dazu bald wieder zu Ende und nächste Woche geht die Sommerarbeit los. Ich hätte doch Zeit gehabt, nicht wahr? Nun wollen wir einmal sehen, was ich inzwischen gemacht habe, daß ich so schnell und fast ohne es zu merken, wie viel Zeit vergangen ist, über die Ferien hinweggekommen bin. Also zuerst schrieb ich noch an meinen griechischen Philosophen: das Buch ist aber gar nicht fertig und es kann noch viel Zeit vergehen, ehe ich zu einem Abschluß komme. Dann bekam ich zur höchsten Überraschung von Rohde die Mittheilung, daß er nach Süddeutschland käme und mit mir eine Zeit zusammen sein wolle. Wo? sollte ich bestimmen. Nun, ich bestimmte Bayreuth, und war also dort mit Rohde zusammen von Palmsonntag bis Ostersonntag. Das war doch schön ausgedacht. Gleich nach Ostern hatten wir hier Examina, anderthalb Wochen. Jetzt kaue ich am letzten Ferienknochen und benutze ihn, um eine polemische Abhandlung gegen David Strauss zu machen. Also Beschäftigung und Zerstreuung genug. Deinen Brief, meine liebe Mutter, erhielt ich nach Bayreuth nachgeschickt und danke bestens dafür. Viel Briefe habe ich sonst nicht bekommen, weil ich fast gar keine mehr geschrieben habe. Doch trotzdem — Gersdorff und Frl von Meysenbug halten aus und lassen immer wieder von sich, in rechter Freundschaft, hören. Ersterer ist jetzt in Sicilien mit seinem Vater und kommt im Sommer wahrscheinlich nach Basel. Seine Freunde Rau und Otto sind jetzt in Rom und bewohnen Gersdorff’s Quartier. Overbeck hat eine ausgezeichnete Schrift vollendet und sie Fritzsch zum Verlag angeboten. Wir sind begierig auf die Antwort. Picard hat sich in diesen Wochen in Genf verheirathet. Daß Sally Vischer Braut ist, wißt Ihr ja wohl, mit einem Herrn Allioth in Arlesheim. Andre Neuigkeiten weiß ich jetzt nicht.
     Also, liebe Lisbeth, Dein Kommen steht bevor! Ich freue mich von Herzen darauf. Mit der Wohnung hat es sich trefflich gemacht, der Hr Blomberg, der bis jetzt dort wohnte, ist mein Tischnachbar im Kopf. Ich denke, es bleibt bei der Verabredung mit Straßburg. Du weißt aber daß ich nur von Sonnabend vor bis Montag Abend nach Pfingsten Zeit habe. Das ist aber gerade die rechte Zeit für Straßburg.
     Ich bin unterbrochen worden, meine Schüler vom Pädagogium kommen truppenweise, um sich zu bedanken, sie sind jetzt zur Universität abgegangen.
     Der Rathsherr Vischer ist in Baden, der Prof. Vischer in Rom, das weißt Du wohl? Vom fliegenden Holländer in Weimar hat mir Frau Prof. V[ischer] erzählt. Einen Abend waren wir bei Ihrem [ihrem] Vater, Romundt und Overbeck auch.
     Der Kopf schwirrt mir ein Bischen, es fällt mir gar nichts Neues mehr ein, als daß ich wohl bin, nur öfter einmal an Augenschmerzen laborire. Für den Sommer müssen wir uns gute Bergluft mit grünen Matten verschaffen. Mir schwebt immer die Engst[l]enalp vor, oder noch einmal das Maderanerthal. Die Entscheidung muß Ende Mai spätestens gemacht sein, denn die Schweiz rüstet sich, wegen der Wiener Weltausstellung, auf sehr viel Fremdenbesuch.
     Nun laßt es Euch recht gut gehn und nehmt die herzlichsten Grüße an von

Eurem
F.


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BVN-1873,22

An Erwin Rohde in Kiel

Basel 5 Mai 73.


Theuerster Freund,

bist Du wieder in der Semesterthätigkeit darin? Wir fangen so nachgerade in diesen Tagen an. Was Glänzendes wird es wieder nicht, doch auch nicht so lumpig und so durchaus verächtlich, wie im vorigen Winter. Gersdorff schrieb heute Morgen aus Sicilien. Overbeck ist mit seiner Schrift (wir nennen sie „Zukunftstheologie“) fertig, auch der Verleger ist gefunden — und wer? Fritzschius! Natürlich in so schönem Gewände, wie die Geburt der Trag. auftretend, wird sie nicht verfehlen alle theologischen Parteien zur Entrüstung zu bringen. Gersdorff hat Recht, wenn er schreibt, Basel sei vulcanisch geworden. Auch ich habe wieder etwas Lava gespieen: eine Schrift gegen David Strauss ist ziemlich fertig, wenigstens in der ersten Skizze — aber ich bitte Dich um Grabes-Nacht-Stillschweigen, denn es wird eine große Mystifikation in Scene gesetzt. Ich kam von Bayreuth in einer solchen anhaltenden Melancholie zurück, daß ich mich endlich nirgends anderswohin retten konnte als in die heilige Wuth.
     Für die Zusendung Deiner Schrift über Aelius Promotus (bis dahin mir schändlich unbekannter Herr!) danke ich Dir bestens, habe sie mit schuldigstem Respekte gelesen und bekenne nicht ohne Desperation, durchaus verächtlicher Lump zu sein gegen Dich philologum. Dafür kannst Du aber auch keinen Hymnus auf die Freundschaft machen, noch den Papst durch die Monodie herauslocken (herauslitzen vulg.)
     Weißt Du, daß unser überaus festlicher Abschiedstrunk in Lichtenfels mich berauscht gemacht hatte? Nämlich es trat ein [das] Phänomen ein, daß ich wähnte, ich würde in einem großen Rade mit herumgedreht: dabei wurde mir schwindlicht, ich schlief ein wachte in Bamberg auf, trank Kaffee: und war Mensch wie zuvor. Verlebte dann den Nachmittag in Nürnberg, sowie den zweiten Ostertag und befand mich körperlich ebenso wohl als höchst, höchst schwermüthig! Dabei waren alle Leute geputzt und liefen im Freien herum, und die Sonne so herbstlich mild. Nachts sauste ich nach Lindau ab, fuhr, im Kampf von Nacht- und Tagesgestirn, früh um 5 Uhr über den Bodensee, kam noch zeitig am Rheinfall bei Schaffhausen an, machte dort Mittag. Neue Schwermuth, dann Heimreise; an Lauffenburg vorbeikommend sah ich, daß die Stadt mächtig brannte.
     Hier ist, für den ganzen Sommer, ein Freund Romundt’s eingetroffen, ein sehr nachdenkender und begabter Mensch, Schopenhauerianer, Namens Rée. — Ritschl hat Wilamowitzium angezapft und schickte mir die betreffenden Seiten des Rhein. Mus.’s zu. Geht mich gar nichts an.
     Übrigens haben wir uns, wie mir vorkommt, gar nicht recht gesprochen, doch haben wir zusammen viel gelernt und erfahren — und diese Gemeinsamkeit ist doch wichtiger.
     Den Barbier habe ich nicht bezahlt; was mich arg kränkt. Der Hausknecht, der von mir fürstlich belohnte, war, wie mir eingefallen ist, wahrscheinlich derselbe, den ich damals beinahe die Treppe hinuntergeworfen habe. Alle Schuld rächt sich auf Erden. In Scharfhausen habe ich ein vortreffliches Tintenfaß gekauft, mit einem Gutta percha Einsatz: die Tinte zeigt gar keine Oberfläche, und die Feder des Schreibenden drückt erst jenen Einsatz etwas nieder: so wird die Tinte nicht staubig und die Feder nicht übermäßig voll: und darum schreibe ich heute so schön, daß Du nichts lesen kannst, nicht wahr?
     Nun, so wollen wir denn unser Dasein weiterschleppen und den Vers meines Freundschaftshymnus singen, welcher anfängt „Freunde, Freunde! haltet fest zusammen!“ Weiter habe ich das Gedicht doch noch nicht: doch der Hymnus selbst ist fertig — und dies ist das metrische Schema:

—o—o—o—o—o
—o—o—o—
—o—o—o—o—o
—o—o—o—
—o—o
—o—o
—o—o—o—o—o—o

„Freunde Freunde haltet fest zusammen“

          Preisausschreiben an alle meine Freunde, darauf einen Vers zu dichten oder zwei!

     Ich dachte, es würden während des Briefschreibens einige Herrn Studenten kommen, um zu meinem Collegio sich anzumelden. Denn es war meine Stunde; aber es ist keiner gekommen. Wehe! Wehe!
     Adieu, mein lieber guter Freund! Und denke meiner freundlich.

Dein Fr. N.


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BVN-1873,23

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Basel, vermutlich 11. Mai 1873]
Sonntag.



Liebe Mutter und Schwester,

heute nur ein Geschäftsbriefchen. Ich möchte die Gelegenheit Deiner Reise, liebe Lisbeth, wahrnehmen, um etwas von Naumburger Schustern und Schneidern zu erhalten. Erstens soll mir der Havercamp einen ganzen Anzug machen, Rock Hose Weste, (helle Hose, dunkleren Rock vielleicht wieder rothbraun, und vielleicht schwarzsammtne Weste) Mein Maaß hat er ja, gewachsen oder dicker geworden bin ich nicht. Sodann wünsche ich von Walter ein paar gute ordentliche Stiefeln, nach meinem Fuße gemacht, ja nicht schwer, sondern leicht.
     Dies sind meine Bitten, nicht wahr, Ihr gebt gelegentlich die Aufträge, und seht Euch die Stoffe an? —
     Hier sind wir wieder im Semester angelangt, und es geht leidlich. Gestern haben wir das Vischer-Heuslersche neue Haus gerichtet. Das wißt Ihr wohl schon, daß der Herr Blomberg, der bisherige Insasse Deiner Zimmer, liebe Lisbeth sich mit Frl. Geehring verlobt hat; ich habe neulich einen Gratulationsbesuch gemacht. Er hat eine Musikdirektorstelle bekommen (in Mühlhausen) und ist ein ganz liebenswürdiger und sehr junger Künstler. Es herrscht allseitiges Vergnügen.
     Der Druck der zweiten Auflage war bis jetzt, wie so vieles Andere, durch die beharrlichen Setzer-Strikes in Leipzig verhindert. Prof Overbeck’s neueste Schrift erscheint auch bei Fritzsch.
     Weiter giebt es heute nichts zu melden: vielleicht bekomme ich über Deine Ankunft nähere Nachricht? Und es bleibt doch bei Strassburg?
     Heute hatte ich mich wieder einmal dem Studium von Baedecker und Berlepsch überlassen, natürlich zu dem bewußten Sommer-Aufenthalts-Zweck.

Adieu, Adieu. Und beste Grüße
Euer F.


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BVN-1873,24

An Richard Wagner in Bayreuth

Basel 20 Mai 1873


Geliebter Meister,

nun sind es wirklich zwei Menschenalter, daß die Deutschen Sie haben — und gewiß giebt es viele, die, wie ich sammt meinen Freunden, den nächsten Himmelfahrtstag als den Tag Ihrer Erdenfahrt feiern, zugleich sich sagend, welches das Loos eines jeden zur Erde fahrenden Genius sein wird, ein Loos, das wahrlich noch mehr an eine Höllenfahrt erinnert. Ein solcher Tag sollte aber nicht von Vielen, sondern von Allen gefeiert werden, und das ist wirklich immer das Schmerzlichste, daß die Menschen sich so unglaublich langsam zur Dankbarkeit anschicken, und daß erst nach zwei Generationen eine blasse Ahnung dieser höchsten Dankbarkeits-Verpflichtung gefühlt wird. Was wären wir denn, wenn wir Sie nicht haben dürften, und was wäre ich zum Beispiel anderes (wie ich jeden Augenblick empfinde) als ein todtgebornes Wesen! Mich schaudert immer bei dem Gedanken, ich könnte vielleicht abseits von Ihnen liegen geblieben sein: und dann lohnte sich wahrlich nicht zu leben, und ich wüßte gar nicht, was ich mit der nächsten Stunde beginnen sollte. Jetzt lernte ich doch Eins: daß irgendwann die Deutschen anfangen müssen, für Sie ein „Publikum“ zu bilden: und ich wünsche sammt meinen Freunden zu diesem Publikum gerechnet zu werden. Freilich gehören wir mehr zur dritten als zur zweiten Generation und kommen somit spät genug. Das wieder gut zu machen, müssen wir’s recht Ernst nehmen mit unsrer Aufgabe, Publikum zu sein: damit wir von der dumpfen Ahnung zur Klarheit kommen, zu begreifen, weshalb Ihr Genius gerade zu den Deutschen gekommen ist.
     Hier in Basel werden wir dies feiern, denn hier haben Sie wirklich eine kleine Schule. Da giebt es meinen Freund Gersdorff (seit vorgestern hier) Overbeck Romundt, dann des letzteren Freund Rée, der auch diesen Sommer hier bleibt, dann ein paar Studenten, die gläubig auf mich hören, wenn ich von Ihnen erzähle. Daß Overbeck jetzt mit der Fritzschischen Signatur auftritt, ist himmlisch, und ich danke Ihnen von Herzen, dies möglich gemacht zu haben. Ich wollte Ihnen aber eigentlich mit der Zusendung meines Anti-Strauss danken, der seit Wochen in der ersten Niederschrift fertig ist. Aber jetzt, in der ersten Noth des neuen Semesters, geht es mit der Umarbeitung langsam, zumal ich sehr an plötzlicher und schmerzhafter Augenschwäche leide und besorgt genug bin. Ich hatte gehofft, Ihnen zum Geburtstag mein Manuscript schicken zu können, aber es gieng nicht, und ich bitte Sie, mir noch ein Weilchen Zeit zu geben. Inzwischen sende ich Ihnen und der verehrtesten Frau Gemahlin meine herzlichsten Grüße; und wenn das ganze Haus Sie feiert und die guten Kinder gratuliren, so denken Sie, daß wir hier in der Ferne neunte Symphonie und Kaisermarsch spielen und mit feiern und mit gratulieren.

Ihr treulich ergebener
Gratulant
Friedrich Nietzsche


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BVN-1873,25

An Elisabeth Nietzsche in Novolles

[Flims, Ende Juli 1873]


Bitte meine liebe Lisbeth, mache auch in meinem Namen die Gratulationen, ich kann noch nicht schreiben —

es geht aber recht gut.
Schönste Grüsse, auch an Vischers.
Dein Fritz


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BVN-1873,26

An Elisabeth Nietzsche in Novolles

[Flims, erste Augusthälfte 1873]


Meine liebe Lisbeth,

Schön, alles in Ordnung und so, wie ich erwartet. Ich bitte Dich nun auf folgenden Vorschlag zu hören. Fahre nächsten Donnerstag früh fort, so dass Du Mittag in Olten bist und gegen 7 Uhr in Chur anlangst. Dort erwarte ich Dich, bleibe mit Dir die Nacht dort, und früh morgens am Freitag geht es mit der Post nach Flims.
     Telegraphire mir ja, ob Du damit einverstanden bist, und so bald als möglich. Du bekommst das Zimmer neben mir, das bis jetzt Romundt hatte: der verreist am Donnerstag oder spätestens Freitag früh.

In Treue und fröhlicher
Erwartung Dein
F.


Herzliche Grüsse an Laubschers. Hier sind gute Familien und lauter freundliche Menschen.


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BVN-1873,27

An Carl von Gersdorff in Basel (Widmung)

Basel am 25 August 1873.


Freundschaft schrieb dies Buch,
               und wenn es Feindschaft macht,
Sei zum Trost der Freundschaft, die es schrieb,
               gedacht!


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BVN-1873,28

An Richard Wagner in Bayreuth

[Basel] Freitag den 18 Sept. 1873.


Geliebter Meister,

zuerst melde ich mit der einem Patrone zukommenden Würde, dass ich am 31 Oct. in Bayreuth eintreffen werde, um zugleich die Rechte von drei anderen Patronen (Gersdorff Rohde und meine Schwester) stellvertretend auszuüben. Zwar beginnen wir um dieselbe Zeit unser Winterhalbjahr: aber von zwei Dingen, die nöthig sind, ist eins immer nöthiger als das andre; und zumal in diesem Falle, wo es sich nicht um ein „mehr oder weniger nöthig“ sondern um eine Noth handelt. Ich wollte, ich könnte heute versprechen einen Sack Goldes mitzubringen; das steht freilich nicht in meiner Macht. Aber einen Sack voll guter Hoffnungen von dort mit fortzuschleppen, hoffe ich heute schon von Herzen, weil jene Noth mir bis an den Hals geht und rein gar nichts mehr übrig bleibt als auf die Hoffnung selbst zu hoffen. Ihr Sendschreiben an die Patrone warf mich in jene Stimmung zurück, mit der ich Ostern Bayreuth verliess: gegen die es gar keine Rettung giebt als etwas zu produciren und von Zeit zu Zeit einmal den Kaisermarsch, damit wir doch wenigstens noch „ein Symbol haben“, uns zu erinnern, wie alles noch einmal „gut werden kann“ — da Eins doch gut geworden ist, der deutsche Soldat.
     In der That, meine erträglichsten Empfindungen sind jetzt militärische Empfindungen; und wenn ich schon zumeist von Schlachten und belagerten Städten träume, so geht mein waches Denken erst recht auf Angriff und Streit aus. Das ist auch ein Mittel, zur Ruhe zu kommen, wenn der faule Frieden ringsum einem nur Unruhe schafft.
     Gersdorff, der treueste Freund — der mir, so lange er um mich war, meine rechte Hand und mein linkes Auge war — hat mich seit vorigem Montag verlassen und weilt mit Rohde zusammen in Genua. Wir, nämlich ich mit Overbeck und Romundt, haben eine wahre Nänie bei seinem Abschiede gesungen; ein unwiederbringlich schöner und seltsamer Sommer nahm mit ihm für immer von uns Abschied.
     Jetzt eben schreibe ich meinen ersten längeren Brief wieder, nach einem ganzen halben Jahre, während dem Gersdorff alles Briefliche mit rührender Aufopferung besorgt hat. Meine Augen erlauben mir das Lesen wieder und auch ungefähr das Schreiben: obschon mich dies immer noch schnell erschöpft und mir Schmerzen macht. Mein Arzt ist aber voll der besten Hoffnungen. Nur über die Entbehrung wirklicher Musik bin ich mitunter geradezu ausser mir; wenn man nichts Rechtes mehr sieht, weder an den Menschen noch an den bildenden Künsten und gar nichts Tröstliches erfährt, so genügt es dann freilich nicht immer, sich seine eigene Musik vorzumachen; auf die aber und nur auf die bin ich reducirt, da ich nicht mehr Noten lesen darf oder kann. Vor dem Winter fürchte ich mich etwas, da mir bei Lichte zu lesen oder Collegien zu halten verboten ist. In summa bleibt nichts übrig als nachzudenken: und zwar denke ich über meine zweite „Zeitungemässheit“ nach. Auf zwölfe ist es abgesehen, und der Plan dazu entworfen. Mein erstes Heft hat hier eine unbeschreibliche Wirkung gethan; eine toll-feindselige Zeitungslitteratur ist gegen mich entstanden, aber gelesen hat es Jedermann.
     Ihrer verehrtesten Frau Gemahlin schicke ich heute mit den herzlichsten Grüssen nur das Versprechen, ihr nächstens brieflich für die grosse und unschätzbare Theilnahme zu danken, die sie mir in der Zeit der „Verfinsterung“ bewiesen hat; ebenfalls Fräulein Meysenbug, deren letzter Brief an Gersdorff leider nach dessen Abreise eintraf und ihm nachgeschickt werden musste.

Auf Wiedersehen, geliebtester Meister,
am Reformationstage.

Der Basler Genesende.
Erasmus (oder auch Anselmus,
geisterinselhaften Angedenkens)


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BVN-1873,29

An Gustav Krug in Naumburg

Basel 21 Sept. 1873.

Nun, mein geliebter Freund, das nenne ich hinter Wolken verschwinden und mit dem Vollmondsglanze des Glücks wieder hervorkommen! In der That dachte ich oft genug mit einer zagenden Empfindung an Dich, nichts hörend und in der begreiflichen Entsagung, an die Ihr armen Examen-Menschen Eure Freunde gewöhnt. Nun ist Noth, Stillschweigen, Entsagung auf beiden Seiten vorüber, und glückwünschenden Herzens sende ich Dir heute ein Lebenszeichen. Vielleicht aber dass der schneidige Klingen-Klang (lies beim Zeus nur nicht „Klingklang“, das wäre etwas Anderes) meiner eben veröffentlichten Straussiade nicht zu Deiner festlich-blühenden Empfindung passen will — dann wirf nur das Buch einstweilen bei Seite.
     Weihnachten komme ich nach Naumburg, Dich einmal auf Deine Weise holländerisch sprechen zu hören. Gesegnet sei der Thüringer Wald, das Schumannfest und all die mächtigen Alliirten einer werdenden und werbenden Minne.
     Erlaube mir heute noch kurz zu sein; so bleibst Du davor behütet, mich langweilig finden zu müssen. Und welchem Liebenden dürfte man Zeit rauben und Langeweile schaffen! Dann gebieten mir meine Augen (die widerspenstigen! gefährlichen und gefährdeten!), jetzt bereits aufzuhören, während mein Herz gerade im Schusse war, Dir einen recht gemüthlichen Brief im „trägen Junggesellenton“ zu fabriciren.
               Adieu! und liebt euch!
                    Auf Wiedersehn, getreuer guter Freund!

F N.


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BVN-1873,30

An Franziska Nietzsche in Naumburg

Basel 21 Sept 73.


Meine liebe gute Mutter, so ist denn unsre gute Tante dahin, und wir sind wieder einsamer. Alt werden und einsam werden scheint dasselbe, und ganz zuletzt ist man wieder nur mit sich zusammen und macht Andre durch unsern Tod einsamer.
     Gerade weil ich wenig von meinem Vater weiss und ihn mir mehr aus gelegentlichen Erzählungen errathen muss, waren mir seine nächsten Anverwandten mehr als sonst Tanten zu sein pflegen. Ich freue mich, wenn ich an Tante Riekchen, wie an die Plauenschen usw. denke, dass sie alle eine sonderliche Natur bis in ein hohes Alter festhielten und in sich Halt hatten, um weniger von aussen her und von dem so zweifelhaften Wohlwollen der Menschen abzuhängen: ich freue mich dessen, weil ich darin die Raçeeigenschaft derer, die Nietzsche heissen, finde und sie selbst habe.
     Deshalb war die gute Tante mir immer auf das Freundlichste gewogen, weil sie es fühlte, wie wir in Einer Hauptsache verwandt waren, nämlich eben in der Nietzsche’schen Hauptsache. Und so ehre ich denn ihr Angedenken, indem ich von Herzen begehre, wenn ich alt werden sollte, wenigstens nicht von mir selber, das heisst von dem Geiste meiner Väter abzufallen.
     Erwarte jetzt, meine liebe vielgeplagte weil viel helfende Mutter, nichts mehr von mir und denke gerne

an Deinen Sohn
Friedrich Nietzsche


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BVN-1873,31

An Carl von Gersdorff in Siena

Basel Samstag. [27. September 1873]


Nun, mein geliebter Freund! Heute giebt es endlich bei mir Ferien, das neunte akademisch-pädagogische Semester ist abgethan! Schnell also mag ein Gruss von mir hin zu Dir eilen, um Dir noch einmal zu sagen, was Du weisst — dass dieses neunte Semester Dein Werk ist. Was wäre da alles zu sagen, wenn es unter uns darauf ankäme, durch Worte zu danken! Genug, ich habe viel verloren, als ich mit dem zu Ende eilenden Semester auch Dich verlor, und hier und da beschleicht mich das Gefühl der Einsamkeit, das ich aber kräftig unterdrücke, um mir recht klar zu machen, was mir an den übrig gebliebenen Freunden eigentlich übrig geblieben ist. Nur dass auch diese, wenn ich mit ihnen zusammen bin, über Deinen Verlust klagen: so dass uns, um das allgemeine Beraubtsein zu ertragen, die Klage endlich immer in Dein Loblied umschlägt. Dann preisen wir uns, Dich als Freund zu haben und erleichtern es uns, dass wir Dich recht entbehren.
     Das zwölftel Last, das jeder von uns mehr zu tragen hat, ist viel zu gering taxirt: und — da es auch einiges Erfreuliche inzwischen gab — so fehlte uns bei der Freude ein ganzer voller Mensch, nämlich Du.
     Von R[ichard] W[agner] traf ein herrlich-heiterer Brief ein, in Betreff der Strussiade schrieb er „ich habe wieder darin gelesen und schwöre Ihnen zu Gott zu, dass ich Sie für den Einzigen halte, der weiss, was ich will!“
     Daran wollen wir uns doch genügen lassen, nicht wahr, lieber Freund?
     Übrigens ist der Zeitungs-Spuk gross und fast unerträglich gewesen! Alle Baseler Zeitungen haben Artikel, zum Theil verschiedenartige, gebracht, darunter auch einen begeisterten: in summa 5 Artikel. Dann Karl Hillebrand in der Augsburgerin — höchst merkwürdig, doch so dass für mich fundamentale Differenzen übrig geblieben sind, und ich im Ganzen Frau W. zustimme, wenn sie sagt „K. H. kennt die Franzosen besser als irgend ein Franzose, aber er kennt die Deutschen nicht mehr.“
     Die Gesundheit ist wandelbar gewesen, doch hoffe ich alles von der nächsten, ruhig-produktiven Ferienzeit. Denn nur wenn ich etwas hervorbringe, bin ich wirklich gesund und fühle mich wohl. Alles Übrige ist schlechte Zwischenaktsmusik.
     Fuchs hat die angemeldeten Compositionen geschickt — sie sind recht schön. Baumgartner brachte zwei herrlich gebundene (Juchten — Gold) Exemplare meiner Schriften, in die ich mich einschreiben musste. Leutsch hat hier seinen Besuch angemeldet — er soll einige Wahrheiten zu hören bekommen. Ritschl schweigt. Fritzsch schweigt — doch schreibe ich vielleicht noch heute.
     Ein Brief von Frl. von Meysenbug traf kurz nach Deiner Abreise ein, ich lege ihn bei.
     Heute ist alles blauer Himmel, und ich vermuthe dass Du sehr glücklich sein wirst.

Lebe wohl, mein lieber getreuer
Freund, mehr darf ich nicht
schreiben.
Dein
Friedrich Nietzsche.


Herzliche Grüsse und Wünsche von Overbeck Romundt, meiner Schwester und Vischers.


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BVN-1873,32

An Carl Fuchs in Berlin

Basel 30 Sept. 1873


Lieber Herr Doctor!

Hier kommt ein Lebenszeichen, aber auch nichts mehr, nicht einmal ein Zeichen wieder hergestellter Sehkraft: denn auch jetzt noch bediene ich mich der nachschreibenden Gefälligkeit eines vertrauten Freundes. Ja, ich nehme mir nicht einmal vor, Ihnen auf so zahl- und inhaltsreiche Briefe zu antworten, da ich im Respondieren und Correspondieren nie etwas getaugt habe und jetzt aus einer früheren Untugend eine Pflicht zu machen fast gezwungen bin. Verzeihen Sie es mir also, wenn ich dies Mal in Bausch und Bogen für alle Ihre Briefe nur danke und nichts als danke. — Und wundern Sie sich nicht, wenn mit diesem Gedankenstrich auch der Dank schon vorüber ist und wir nun sofort auf lauter Neues übergehen. Das Neueste aber ist die Zusendung Ihrer Arrangier-meisterstücke. Ich fühle das, was Sie hierin geleistet haben, fast wie eine Befriedigung meiner Finger, so ungeschickt dieselben auch sein mögen und so sehr auch diese nur ahnen können, was andere Finger wahrscheinlich wissen werden. Drücken Sie doch ja dem Herrn Riemenschneider meine Sympathie und meine Überraschung über seine musikalischen Nächte aus. Ihnen selbst aber als dem Freunde des Componisten darf ich wohl etwas Genaueres über den Grad meiner Sympathie sagen. Mit der Julinacht nämlich bin ich nicht ganz einverstanden und zwar gerade in Betreff ihrer Herzgegend: „langsam, innig“. Wenn der Componist uns zu verstehen geben will, daß der Julinachtsänger sich an irgend ein inniges Glück erinnert, so brauchte doch dies nicht durch eine Melodie ausgedrückt zu werden, die wie eine Reminiscenz an innige und glückliche Melodien klingt, aber eben nur wie eine Reminiscenz. Dasselbe scheint mir von der Resignationsmelodie auf der vorletzten Seite zu gelten. Ja, ich möchte glauben, daß die ganze Composition nur nachempfunden, nicht eigentlich vorempfunden ist, was doch jedes Gute sein soll. Aber ein großes Illustrationstalent zeigt sich gerade auch in dieser mehr abgenöthigten als nothwendigen Production, wobei ich besonders an die erste Seite denke. Viel selbständiger, viel erlebter dünkt mich die Nachtfahrt, Einleitung und der sehr zarte Mittelsatz geradezu meisterhaft charakteristisch. Die auf Seite 4 eintretende Hauptmelodie ist mir zwar nicht ganz sympathisch, obwohl ich auch hier wie überhaupt bei der ganzen Composition eine zauberische Orchestralwirkung zu errathen glaube.
     — — Nun Thema 2: Dr. Fuchs der Symptomatiker! ich hatte in diesem Sommer Zeit, über schriftstellerische Musiker nachzudenken und zwar gerade in Hinsicht auf ein von Musik handelndes Wochenblatt. Ein solches ist, wie wir alle wissen, fast ausschließlich auf lesende Musiker angelegt; deren Bedürfnisse bestimmen den Charakter des Blattes und diese sind, Gott sei Dank, bis jetzt fast noch gar nicht litterarisch, sondern, so weit sie ein Wochenblatt brauchen, nur geschäftlich. Der und der sucht eine Stellung, der will seine Musik aufgeführt haben — das ist glücklicher Weise noch der naive Sinn eines solchen Blattes. Zu welchem Tragelaphen aber wird dasselbe, wenn hinten nur das Geschäft und vorne Wolzogen, Stade und Sie, geehrtester Herr Doctor, zu Worte kommen; ich meinerseits wage es nicht, Ihre drei Namen unter den Begriff des Vergnügens des Gegensatzes halber zu fassen; Belehrung wäre auch nicht das rechte Wort; denn ich wüßte nicht, was Stade einem über 9te Symphonie oder Cornelius zu lehren hätte; und ob Wolzogen etwas zu lehren hat, wäre erst zu erkennen, wenn er erst einmal deutlich schreiben lernen wollte. Sie aber, werther Herr Doctor, denken ganz und gar nicht an den geschäftlichen Musiker vom hintern Theil des Blattes, an den glücklicher Weise so ungebildeten deutschen Musiker. Vielleicht denken Sie dabei an mich und da haben Sie wirklich einen, der sich gern von Ihnen belehren läßt und von wenigen Musikern so gern als von Ihnen. Leider liegt nur eben demselben das Wohl jenes Fritzscheschen Wochenblattes so am Herzen, daß er viel mehr als an seine „Belehrung“ und sein „Vergnügen“ daran denkt, wie wir die Existenz des Blattes schützen und mindestens bis zu den Bayreuther Festspielen verbürgen möchten, ich schwöre es Ihnen aber zu, daß ich keinen kenne, der Ihre Symptome gelesen hat; das liegt aber nicht an den Symptomen, sondern am Orte. An diesem Orte sind sie nicht nur unmöglich, sondern sie machen beinahe auch den Ort unmöglich. Dagegen könnte ich mir ein gewisses wohl ausgeführtes, breit angelegtes historisches Gemälde denken, in dem neben der Entwicklung ernst gemeinter philosophischer Lehrsätze über Musik auch die absurden Herren Lotze und Gervinus einen Platz oder wenigstens eine Armensünderbank hätten; ich kenne nur einen, der dies Gemälde malen könnte: aber was soll aus dem Maler werden, wenn Herr Georg Riemenschneider so viel Orchesterstücke componiert, und nun auch etwa Todtentanz und Donna Diana auf das Ciavier übertragen werden wollen!
     Um aber auf das Wochenblatt zurückzukommen, so erinnere ich mich, keine Recensionen so gern gelesen und so an ihrem Platze gefunden zu haben als die Ihrigen, lieber Herr Doctor.
     Das war nun freilich keine Antwort, sondern beinahe ein Straussisches Bekenntniß und vielleicht werden Sie dasselbe gar recht philisterhaft und mindestens sehr laienhaft finden. Wenn Sie es zeitgemäß finden sollten, mit einer brieflichen Betrachtung zu antworten, so seien Sie nur im Voraus überzeugt, in Basel allezeit das freundlichste Gehör und die wärmste Theilnahme für Ihr Wohl und Wehe zu finden.

Treulich Ihr ergebener
Friedrich Nietzsche.


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BVN-1873,33

An Carl von Gersdorff in Bologna

[Basel,] 18 Oct. 1873


Der beifolgende Brief L. Rau’s will gleich befördert sein, deshalb nur sechs Worte. Herzlichen Dank für Deinen Geburtstagsbrief: am Tage selbst gieng mir’s schlecht genug, wie überhaupt seit Deiner Abreise, aber ich schlage mich durch, besonders jetzt, wo es wieder einmal noth thut, gesund zu sein. Man verlangt von mir einen „Aufruf an die deutsche Nation“ zu Gunsten Bayreuth’s; „wird besorgt“, wie Tausig sagte. — Von Fritzsch, trotz wiederholtem Brief und Rohde’s Besuch keine Nachricht: dagegen bin ich hinter eine ganz und gar unheimliche Machination gekommen, die meine schleunige persönliche Intervention in Leipzig verlangt. Ich will brieflich nichts Genaueres sagen, weil ich mich fürchte, darüber dem Papier etwas anzuvertrauen. Genug dass eine ganz unvermuthete grässliche Gefahr dem Bayreuther Unternehmen droht und dass es an mir liegt, die Gegenminen zu Stande zu bringen. Overbeck und ich sagen immer „wir leben Samaroff“. Gespenst R[osalie] N[ielsen] natürlich betheiligt. — —
     Mitten in aller Noth und Aktion ist ein Stück der neuen Unzeitgemässheit (2 Capitel) geschrieben, das Ganze entworfen.
     Die Straussiade hat in Basel in summa 9 Zeitungsartikel erlebt. Zuletzt hat mich sogar der Volksfreund feurig in Schutz genommen. —
     Lebewohl, treuer glücklicher Freund, Alle grüssen von Herzen. Verzeih die unausstehliche Krakelei.
     6 Preisarbeiten angelangt und wie ich glaube, verurtheilt.

Lebewohl! Alle
guten Geister mit Dir
und uns.
F.N.


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BVN-1873,34

An Erwin Rohde in Hamburg

Von der Schweizer Grenze [Basel]
18/10 73.



Liebster Freund!

Obenstehende Hôtelanzeige besagt nur, daß ich im vorigen Jahr auf dem Splügen war und daß ich augenblicklich kein anderes Briefpapier habe. Der aber, welcher diesen Brief und diese schlechte Hand schreibt ist Romundt genannt.
     Seit Deiner Abreise habe ich mich mühsam durchgeschleppt, mußte alle drei Tage zu Bett liegen und war außer Stande, Deinen Geburtstag, wie sichs gebührt, durch Briefe und Weinspenden zu feiern. In Betreff des meinigen habe ich mir vorgenommen, immer nur das Vorübersein eines Jahres zu feiern und die Zukunft mit einiger Resignation herankommen zu sehn. Wenn die Götter sehr gnädig sind, so erhalten sie mir im neuen Jahre das, was ich im alten hatte; nämlich: meine Freunde und die Lust etwas Rechtes zu machen.
     Alles Neue nämlich ist fürchterlich; wie ich schon in den ersten Tagen des neuen Jahres zu erfahren Gelegenheit hatte. Neu ist z.Bsp. die Aufforderung, die mir heute zukommt, zu Gunsten des Bayreuther Werkes und im Auftrage eines Patronenausschusses einen Aufruf an das deutsche Volk (mit Züchten zu reden) zu machen. Fürchterlich ist diese Aufforderung auch: denn ich habe selbst einmal aus freien Stücken etwas Ähnliches versucht, ohne damit fertig zu werden. Deshalb geht meine dringende und herzliche Bitte an Dich, lieber Freund, mir dabei zu helfen, um zu sehn, ob wir vielleicht gemeinsam das Unthier bewältigen. Der Sinn der Proclamation, um deren Entwurf ich Dich bitte, läuft darauf hinaus, daß Groß und Klein, so weit die deutsche Zunge klingt, bei seinem Musikalienhändler Geld bezahlt; zu welcher Handlung man etwa durch folgende Motivierung anreizen könnte: (nach einer, wie es scheint, von Wagner stammenden von Heckel mitgetheilten Angabe) 1. Bedeutung des Unternehmens, Bedeutung des Unternehmers 2. Schande für die Nation, in welcher eine solche Unternehmung, bei welcher jeder Theilnehmer uneigennützig und persönlich aufopfernd ist, als das Unternehmen eines Charlatans kann dargestellt und angegriffen werden. 3. Vergleich mit andern Nationen: wenn in Frankreich, England und Italien ein Mann, nachdem er gegen alle Mächte der Öffentlichkeit fünf Werke den Theatern gegeben hätte, die von Norden bis Süden gegeben und bejubelt werden, wenn ein Solcher ausriefe: die bestehenden Theater entsprechen nicht dem Geiste der Nation, sie sind als öffentliche Kunst eine Schande, helft mir eine Stätte dem nationalen Geiste bereiten, würde ihm nicht alles zu Hülfe kommen, wenn auch nur aus Ehrgefühl? u.s.w. u.s.w. Am Schluß wäre darauf hinzuweisen, daß bei sämmtlichen (3946) deutschen Buch- Kunst- und Musikalienhändlern, welche jede gewünschte Auskunft geben können, Listen ausliegen zur Einzeichnung etc. Laß Dich’s nicht verdrießen, liebster Freund, und gehe daran; ich wills auch thun, kann aber bei meinen gräulichen Herz und Bauchzuständen für gar nichts einstehn. Übrigens drängt die Sache. Darf ich also bald auf ein Blatt im napoleonischen Stile rechnen?
     Inzwischen ist eine andre Sache ins Gigantische und recht eigentlich über unsere Köpfe gewachsen. Auch brieflich ist es nur erlaubt, von ihr zu munkeln, nicht deutlich zu reden. Es besteht, wie Overbeck und ich des Festesten überzeugt sind, eine unheimliche Machination, um den - - - Leipz. Verlag in die Hände der Internationalen zu bringen. F[ritzsch] ist, wie wir fürchten, bereits compromittiert und hat wahrscheinlich schon Geld bekommen. Unsre Sache, auf die wir hoffen, ist in dem Augenblick vernichtet, wo nur ein Wörtchen davon in der Öffentlichkeit laut wird. Heute Abend wollte ich eigentlich zu einer schleunigen persönlichen Intervention nach Leipzig abreisen. Eine unerwartete Verpflichtung meines Amtes hält mich ab und so werde ich erst von Bayreuth aus nach Leipzig reisen. Dem scharfsinnigen Kritiker E. R. liegt nicht der ganze Apparatus criticus vor. (nämlich Briefe und Aussagen des weiblichen Gespenstes R[osalie] N[ielsen]). Aus dem, was wir wissen, ist es auch minder geübten Krütükern möglich, zu einem schrecklich bestimmten Resultat zu kommen, besonders wenn sie sich der berühmten speculativen Sälenleere R[omundt]’s bedienen. Bitte, theile uns doch noch mit, ob F[ritzsch] aus freien Stücken auf die Erwähnung jenes Testamentes kam, in welchem Tone er das Gespenst erwähnte und ob er angelegentlich von seiner Gesundheit sprach. Übrigens bist Du ernstlich von Dictator und Schreiber gebeten, diesen Brief sofort zu verbrennen.
     Pocht das starke Männerherz wider die Rippen?
     Nach solchen Vorkommnissen wage ich nicht mehr, meinen Namen unter diesen Brief zu setzen. Wir leben Samarow, denken nur Minen und Gegenminen, unterzeichnen nur pseudonym und tragen falsche Bärte.

Hui! Hui! Wie saust der Wind!

Im Namen der Mitverschworenen
Hugo mit der dumpfen Geisterstimme.



Herzliche Grüße fügt hinzu

der Schreiber


     Alles ist gefährdet; auch bei Overbeck wühlts im Bauche, er fühlt sich vergiftet; er läßt grüßen. —


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BVN-1873,35

An Emil Heckel in Mannheim

[Basel, 19. Oktober 1873]
Sonntag



Geehrtester Herr Heckel,

das, was Sie von mir verlangen, wird besorgt.
     Ihr Entwurf für die Buchhändler scheint mir vortrefflich, wie überhaupt der ganze Plan wieder für seinen Urheber spricht. Lassen Sie mir den Entwurf zu näherer Prüfung noch ein paar Tage; vielleicht kann ich dann den meinigen mit schicken. Ich komme, falls meine Gesundheit irgend wie es zulässt, am 30. d. M. nach Bayreuth. Von meinem Entwurfe will ich hier eine Anzahl gedruckte Abzüge machen lassen: er ist dann besser zu übersehen und nöthigenfalls zu revidiren.

Treulich Ihr
Nietzsche


Nein: ich schicke ihn gleich und habe ihn bereits durchgesehen


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BVN-1873,36

An Franziska Nietzsche in Naumburg

Basel Montag. [20. Oktober 1873]


Meine liebe Mutter, ich komme so spät dazu Dir für Deine guten Wünsche und schönen Geschenke, mit denen Du meinen Geburtstag bedacht hast, zu danken: so spät, weil ich längere Zeit und zumal auch an dem genannten Tage selbst unwohl war, und jetzt jede Art von Erkrankung sich auch durch größere Reizbarkeit der Augen bemerkbar macht. Das hindert mich dann zu arbeiten zu lesen und zu schreiben, es hindert mich auch Briefe zu schreiben und hat es verzögert, meinen Dank an Dich schriftlich abzufassen. Von den Weintrauben habe ich nur kosten dürfen: aber Alle, die davon gegessen zumal meine Freunde wußten sie sehr zu loben; von der Stolle, als dem halt- und dauerbareren Gegenstande, muß ich selbst nach meiner Erfahrung rühmen, noch nicht eine so schmackhafte genossen zu haben. Verschen Portemonaie und all die kleinen sonderbaren Gegenstände haben den gebührenden Effekt gemacht; im Übrigen wollen wir froh sein, daß ein Jahr ungefähr wieder leidlich überstanden ist: darüber könnte ich selber wohl schnarren und trompeten, nicht aber über das neue herankommende, von dem man so gar nicht wissen kann, was es bringt und das mir eher Furcht als Vertrauen einflößt. —
     Morgen reist nun unsre Lisbeth ab, die mir treulich in diesem Sommer das Leben erleichtert und erheitert hat. Sie bringt von mir einige alte Kleider mit. Vielleicht gelingt es mir diese Weihnachten wieder wie im vorigen Jahr, mit Euch Beiden zusammen zu sein: zuletzt bleibt es doch die beste Zeit für unsre Zusammenkunft, ob sie gleich so kurz ist. Über alles, was mich betrifft, wirst Du nun durch Lisbeth mancherlei Ausführliches hören. Ich erlebe immer viel, aber es bleibt, als kurze Briefnotiz, unverständlich oder mißverständlich.
     Die Erklärung in Betreff des Testaments habe ich neulich ausgestellt und wird wohl in Deinen Händen sein. Briefe zum Geburtstage bekam ich von Wilhelm, von Gustav, von Gersdorff aus Italien, von Deussen aus Genf und von Rohde, sowie aus Bayreuth. Mit dem Deinigen also sieben Stück. Auch Dr. Fuchs aus Berlin gab neuerdings wieder sehr ausführliche Nachricht und läßt Dich grüßen. Gersdorff kommt im December wieder hierher.
     Nun gehab Dich recht wohl und denke meiner freundlich und wohlgemuth als

Deines Sohnes
Friedrich Nietzsche.


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BVN-1873,37

An Erwin Rohde in Kiel

Basel, 25./26. Oktober 1873


Mittwoch früh gemacht und Sonnabend Abend fertig aus der Druckerei — alles im Geschwindmarsch.
     Schreibe mir doch schnell Dein Urtheil, nach Bayreuth, theurer Freund. Zugleich mit Deiner Erklärung, ob Du gewillt bist, Deinen Namen zur Unterschrift, in Gemeinschaft mit anderen guten Namen, herzugeben.
     Meine „Tendenz“ war, die Bösen zu erzürnen und die Guten, durch diesen Zorn, zu sammeln und anzufeuern.
     Bis Mittwoch war Frau Gesundheit widerspänstig, jetzt parirt sie. —
     Ein Brief von Fritzsch hat alle Befürchtungen zerstört. Er kommt übrigens nach Bayreuth.
     Lies doch die Grenzboten und den neuen Artikel „Herr Friedrich Nietzsche und die deutsche Kultur.“
     Fritzsch schreibt, dass wenn der Verkauf so fortginge, wie in den letzten Wochen, er noch in diesem Jahre eine zweite Auflage machen müsse.
     Guter treuer Freund, ich werde Dich recht in Bayreuth vermissen! Wir sind so wenige.

Lebe wohl und behalte mich lieb. R[omundt] und
O[verbeck] sowie meine Schwester grüssen.


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BVN-1873,38

An Richard Wagner in Bayreuth

[Basel, 25. oder 26. Oktober 1873]


Hier, geliebter Meister, ist mein Entwurf. Eigentlich war es mein Wunsch, Ihnen denselben recht pathetisch vorlesen zu können; aber es scheint mir heute besser, daß er möglichst bald in Ihre Hände kommt. Entspricht er ungefähr seinem Zweck (die Bösen zu erzürnen und die Guten durch diesen Zorn zu sammeln und anzufeuern), so läge mir viel an der schnellen Anfertigung einer französischen, italiänischen und auch wohl englischen Übersetzung, aus ersichtlichen Gründen. Zur Unterschrift geeignet scheint mir weniger ein Patronats-Ausschuß als vielmehr eine von uns auszuwählende kleinere Schaar von Männern aus den verschiedensten Klassen und Ständen (Adel, Beamte, Politiker, Priester, Gelehrte, Geschäftsleute, Künstler). An jeden der ausgewählten wäre ein Exemplar dieses Aufrufs zu versenden, mit der Anfrage, ob er seine Unterschrift hergeben wolle. Ich bringe genug Exemplare mit, um dies zu ermöglichen. Sobald die Antworten zurückgekommen sind, ist dann der definitive Druck so schnell wie möglich vorzunehmen. Ein kurzer geschäftlich-praktischer Nachsatz müßte dem Aufruf, unterhalb des Striches und der Namen beigefügt werden; wie dies Alles am Freitag zu besprechen ist. Ich komme Donnerstag Nachmittag.

In Treue und Liebe
Ihr
F. N.


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BVN-1873,39

An Carl von Gersdorff in Venedig

Basel Montag. [27. Oktober 1873]


Mein lieber Freund, sofort schreibe ich wieder, weil ich aus Deinem Schreiben ersehe, dass ein Brief von mir nicht an Dich gelangt ist: nun wäre daran nichts gelegen, wenn nicht gerade in diesem Briefe als Einlage ein Brief von Rau gelegen hätte, den Rau selber als sehr wichtig bezeichnet und um dessen Bestellung er mich bat, weil er Deine Adresse nicht hatte. Wende Dich also an die Post in Bologna: dort muss sich poste restante mein Brief sammt der Einlage vorfinden. Du hattest mir früher geschrieben, dass Du 10 Tage in Bologna bleiben würdest: auf diese Notiz hin konnte ich es verantworten, wenn ich dorthin adressirte. Hoffentlich giebt es kein Malheur.
     Mittwoch reise ich nach Bayreuth ab: wirst Du Dich wundern zu erfahren, dass die nöthige Anzahl von Vertretern des Patronats nicht zusammengekommen ist, so dass die Vereinigung am 31 d. M. vielmehr einen privaten als einen offiziellen Character haben wird. Man hat von mir einen „Aufruf an die Deutschen“ verlangt: ich habe ihn an einem Vormittag (nämlich vorigen Mittwoch) gemacht, und bereits am Sonnabend Abend bekam ich ihn fertig aus der Druckerei. Ich sende ein Exemplar an Dich mit der Bitte einer Beurtheilung: natürlich hat er jetzt noch nicht die ihm erst in Bayreuth zu ertheilende Gültigkeit: weshalb ich bitte, Dein Exemplar vorläufig geheim zu halten. Ich denke an eine Art der Unterzeichnung, wie wir sie damals in München ausgedacht haben: so dass die einzelnen Stände und Gesellschaftsklassen vertreten sind. Bist Du eventuell bereit, Deinen Namen mit darunter zu setzen? Du wirst an Rohde und Overbeck Kameraden haben.
     Grosse Befürchtungen, die ich in meinem Bologna-Briefe an Dich andeutete, sind fast ganz gehoben: denn Fritzsch hat endlich geschrieben und sehr artig und warm. Er bittet um das Manuscript der Nr. 2 der U. B.; und versichert, dass er noch in diesem Jahre zu einer 2ten Auflage der Nr. 1 schreiten müsse, wenn der Verkauf in der Weise der letzten Wochen fortgehe. Honorar-Bedingungen acceptirt. Für die neue Auflage der „Geburt“ ist der Januar fixirt. Gespenst Nielsen ist bei den Russen.
     Die grünen Hefte der „Grenzboten“ haben neulich ein Non plus ultra gebracht unter dem Titel „Herr Friedrich Nietzsche und die deutsche Kultur.“ Alle Gewalten sind gegen mich angerufen, Polizei Behörden Collegen, ausdrückliche Erklärung, dass ich an jeder deutschen Universität in Verschiss gethan würde, Erwartung dass man das Gleiche in Basel thut. Mittheilung, dass ich durch ein Kunststück Ritschl’s und die Dummheit der Basler aus einem Studiosus zum ord. Prof. geworden sei usw. Schmähungen auf Basel als „Winkeluniversität“, ich selbst werde als Feind des deutschen Reiches denuncirt, den Internationalen zugesellt usw. Kurz ein wohl zu empfehlendes heiteres Documentum. Schade, dass ich Dir’s nicht zusenden kann. Selbst Fritzsch bekommt einen Tritt: es wird schmählich befunden, dass ein deutscher Verleger mich genommen habe. Also, liebster Freund, unsre Nr. 1 hat, um mich à la Fritzsch auszudrücken, „Eingang bei dem Publikum gefunden.“
     Neun Basler Zeitungsblätter haben nun über mich gesprochen, in allen Tonarten, und in summa höchst ernsthaft in Vergleich zu dem Grenzboten-Wütherich und Frevler.
     Mit Rohde habe ich gute Vorsätze ausgetauscht: für nächsten Herbst ist eine Zusammenkunft aller Freunde verabredet: wobei wir natürlich auf Dich wie auf uns selber rechnen. Da soll schon etwas herauskommen. Versammlungsgegend ist vorläufig der Genfer-See. Indessen darüber wollen wir später berathen.
     Das Rüsselgespenst ist wieder da, aber nicht im Kopf!
     Alle Freunde grüssen von ganzem Herzen.

Der ich bin und verharre als Euer
Liebden Getreuer
F. N.


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BVN-1873,40

An Carl von Gersdorff in Mailand

[Basel, 7. November 1873]


Liebster Freund,

Erkenne die Schriftzüge des Goi. — Also ich war von Mittwoch Abend bis Montag Morgen auf der Reise, hinwärts allein, rückwärts mit Heckel zusammen. In Bayreuth war etwa ein Dutzend Menschen zusammen gekommen, lauter Delegierte der Vereine und ich der einzige Patron an sich. Von Bekannten nenne ich Dir den Börsenkourier Davidson, das würdige Paar Batz und Voltz, dann Balligand und, um gleich die Besten zu nennen: Stern aus Dresden und Graf Dumoulin aus Regensburg.
     Wer fehlte aber trotz aller Versprechungen? — Fritzsch, der sich wieder hinter Wolken verbirgt und dessen Beruhigungsbriefe uns jetzt nur noch mehr beunruhigen. Der eigentliche Festtag hatte jenes von dem Stiftungsfeste her dir wohlbekannte Sauwetter, so dass wieder einmal bei dem Besuch unserer Bundeshütte der stattlich geschmückte Patron einen neuen Hut zum Opfer bringen musste. Wohlgemerkt: das Wetter am Tage vorher und nachher war wundervoll hell und blau. Nach der Besichtigung in Dreck, Nebel und Dunkelheit war die Hauptsitzung im Rathaussaal, in der mein Mahnruf von Seiten der Delegirten artig, aber bestimmt abgelehnt wurde; ich selbst protestierte gegen eine Umarbeitung und empfahl Prof. Stern für die schnelle Anfertigung eines neuen Fabrikats. Dagegen wurde Heckels vortrefflicher Vorschlag, bei sämmtlichen deutschen Buchhändlern Sammelstätten zu errichten, approbiert. Die ganze Sitzung war ein wunderlicher Akt, halb erhaben, halb sehr realistisch, aber doch in seiner Gesammtwirkung stark genug, um alle die Lotterieprojekte u. dgl., die im Grunde der Versammlung waren, verstummen zu machen. Den Abend beschloss ein sehr gelungenes, behagliches und harmloses Bankett in der Sonne, an dem auch Frau Wagner und Frl. v. Meysenbug als die einzigen Frauen theilnahmen. Ich hatte den Ehrenplatz zwischen beiden und bekam desshalb nach einer italienischen Oper den Namen Sargino, der Zögling der Liebe. Batz hielt eine Tischrede auf Frau Wagner und verband darin unbegreiflicher Weise ihr Lob mit den Begriffen Schnupftabakdose und Nachdruck. Sonnabend früh war Schlusssitzung bei Feust[e]l, in der der Entwurf Sterns acceptiert wurde. Du wirst ihn lesen, denn er wird eine grosse Publicität erlangen. Mein Mahnruf, von Wagners sehr gut geheissen, wird von stattlichen Namen unterzeichnet noch einmal Bedeutung bekommen, falls nämlich der Zweck des gegenwärtigen, optimistisch gefärbten Aufrufs nicht erreicht werden sollte. Nachmittags sahen wir uns bei schönster Abendsonne noch einmal das Theater an; die Kinder waren auch dabei; ich kletterte nach der Mitte der Fürstenloge. Der Bau sieht viel schöner und proportionierter aus als wir etwa nach den Plänen vermuthen. Es ist nicht möglich, ihn ohne Bewegung an einem klaren Herbsttage zu sehen. Nun haben wir ein Haus und das ist jetzt unser Wahrzeichen.
     Dein Brief traf zur rechten Zeit bei Wagners ein. Hier fangen wir das Wintersemester an; ich lese mein Kolleg über Plato und wälze das andere, zu dem sich auch Theilnehmer gefunden haben, zu Gunsten meiner Augen ab. Overbeck ist nun auch vom Protestantenverein in die grosse Fehme gethan durch die Hand seines Spritzenmeisters Daniel Schenkel und Alfred Dove hat seine Theologie umdüstert bis zur Selbsterwürgung genannt, worin wir den Vorspuk der Puschmannerei sehen.
     Wir alle werden uns von Herzen freuen, dich wieder unter uns zu sehen. Die Abende sind so traulich lang und der Kopf wieder gereinigt.
          Lebe wohl alter lieber Freund
und herzlichen Dank für Deine guten Briefe. Sorge Dich nur nicht!

Dein Fr. N.


Herzliche Grüsse senden Overbeck und der Fabrikant dieses Lapidarstils.


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BVN-1873, 41

An Charlotte Kestner in Basel

[Basel,] Mittwoch [12. November 1873]


Hochverehrtes Fräulein,

es wird mir ein Vergnügen und eine Ehre sein, Ihrer gütigen Einladung für Donnerstag Mittag zu folgen.

Hochachtungsvoll
Ihr
ergebener Diener
Dr. Friedrich Nietzsche


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BVN-1873,42

An Gustav Krug in Bonn (Rückseite einer Photographie)

Basel am 14 Nov. 1873.


Mein lieber Freund, nimm auch heute wieder fürlieb, wenn ich sehr kurz bin, nämlich so kurz als diese Photographie ist; die Dich nur erinnern soll, dass ich heute als an meinem Namenstage Deines Geburtstages von Übermorgen herzlich gedenke. Ich empfehle Dich der Hut des Gottes Amor, der neun Musen, der drei Grazien und allen anmuthigen Teufelchen des Alterthums und der neuen Zeit. Vor Allem aber, geliebter Freund, nimm zu und wachse in Gnade und Wohlgefallen bei Deiner Holländischen Herrin, Königin und Göttin: während wir Freunde schon zufrieden sein müssen, von den Brosamen zu leben, die von dem reichen Tische der Liebe abfallen. Aber die Freundschaft darf auch von sich sagen „sie blähet sich nicht“ — und so wollen wir, obschon überflügelt durch die Liebe, doch neidlos, unsern Freundeschor anstimmen:

„dass Frohgemüth
„Dich führe und leite,
Freunden zum Trost, Feinden jedoch
[zu ewigem Neide!“]

Friedrich der Unzeitgemässe


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BVN-1873,43

An Elisabeth Nietzsche in Naumburg

Basel, an meinem Namenstage.
[14. November 1873]



Meine liebe Lisbeth

Schnell schnell ein paar Krakelzeilchen, die wie ich fast fürchten muss, mehr zu Orakelzeilchen werden. Schönsten Dank für Deinen Brief: schauen’s, wir haben’s wieder einmal „einen ganzen Sommer lang“ zusammen ausgehalten, ohne uns zu beissen und zu kratzen, sondern hingegen — vielmehro „fein einträchtiglich.“ Also — wenn wir’s Lied nicht weiter können, so fangen wir’s wieder von vorne an, nämlich so zu sagen im nächsten Jahre. —
     Mein Mahnruf ist in Bayreuth nicht acceptirt worden; deshalb bitte ich um die grösste Discretion. Es war übrigens ganz herrlich und auferbauend in jenen drei Tagen, und mit Schmerz ging’s wieder zurück. Die verfluchten Nachtfahrten habe ich freilich verschwören gelernt. Mit der Gesundheit geht es jetzt einigermaassen, doch war vorgestern wieder ein Tag im Stile Deines Abschied-Tages. Lampenschirm vortrefflich. Gestern war ich bei Fräulein Kestner, die Dich sehr lobte und grüssen lässt. Es war eine kleine Mittagsgesellschaft, Henriette und Schwester zugegen. Ebenfalls ein Türke. Am Zunftessen, beim Beginn unsres Winterhalbjahrs, war’s [recht] angenehm, Schiess (mit dem ich jetzt Du sage) und Socin meine Nachbarn, rings herum lauter gute Bekannte. Nächsten Sonntag ist Overbecks Geburtstag. An Gustav habe ich des gleichen Tages wegen geschrieben. Fritzsch war nicht in Bayreuth, hat auch nichts geschickt — sehr bedenklich! Der Kopf ist frei, insofern das Rüsselgespenst weggeblieben ist: sonst essen ein Anatom und zwei Theologen, gute Gesellen, mit uns. Gersdorff trifft bald hier ein, dann soll’s wieder unzeitgemäss zugehen. Hier gab’s noch einige Zeitungsartikel, zB. im Volksfreund ganz stattlich über die Geburt der Trag[ödie]. Es ist gar zu absurd! Brockhausens haben sich mit Wagner’s meinetwegen greulich überworfen. Discretion!
     Sage unsrer lieben Mutter einen herzlichen Gruss und ich wünschte schönen Erfolg bei der Auction. Sind die Papiere der Tante auf das Kotzebue-Stück hin durchsucht?

Denkt an mich und lebt recht,
recht wohl und gut mit ein-
ander, und auf Wiedersehen.
Euer Fr.


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BVN-1873,44

An Eugen Kretzer in Godesberg

Basel 20 Nov. 1873.


Lieber Herr Doctor,

das war recht schön von Ihnen gedacht und gethan, mir gerade jetzt einmal zu schreiben. Zwar merke ich von einem „Kreuzzuge“ gar nichts, und Niemand kann heiterer und ruhiger seinen Tag hinleben als ich es hier mit Overbeck zusammen thue. Aber ich merke schon, dass es anderswo anders steht — ärgern Sie Sich nur nicht darüber und gewöhnen Sie Sich nur immerhin solche Sachen wie etwa den Grenzboten-Artikel als ἀδιάφορα zu lesen. Ernst bei Seite, mein Verleger freute sich sehr über den Artikel. Wahrscheinlich giebt es im alten Jahre noch eine zweite Auflage und bald im neuen Jahre eine Nummer 2 der Zeitungemässheit.
     Leider geht es meinen Augen noch nicht so gut dass ich sie vergessen dürfte — sie zwingen mich Ihnen heute nicht mehr als diese Seite und einen recht herzlichen Dank zu schreiben. —
     Und bitte noch Eins: lesen Sie doch Overbeck’s Schrift noch öfter, sie wird und muss Ihnen immer mehr sagen.
     So mögen Sie allen guten Geistern und Ihrem eignen trefflichen Bestreben auch fürderhin übergeben sein!

Treulich Ihr
Friedrich Nietzsche.


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BVN-1873,45

An Hugo von Senger in Genf

Basel 20 Nov. 1873


Lieber und werther Freund,

Seien Sie nur ja nicht böse: alle meine Freunde hätten zwar seit Ostern allen Grund es zu sein, denn ich schreibe ihnen nicht — aber nur weil ich ihnen nicht schreiben darf — denn ich leide an den Augen.
     Die Schrift, die Ihnen so gut gefallen hat, wurde diktirt; so musste ich mich durchhelfen. Doch geht es immer besser. Vielleicht haben Sie in nicht zu langer Zeit die zweite Nummer meiner Zeitungemässheit zu erwarten. Ich freue mich von Herzen, dass muthige und künstlerische Menschen sich an solchen Schriften erfreuen.
     Und damit verstumme ich schon wieder, mit der herzlichen Erklärung, dass ich Ihnen auch in der schweigenden Periode nicht fremder geworden bin.

Seien Sie recht treulich gegrüsst von
Ihrem
Dr Friedrich Nietzsche.


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BVN-1873,46

An Erwin Rohde in Kiel

[Basel, 21. November 1873]


Theurer lieber Freund, Absolution für’s lange Stillschweigen und für das heute nur kurze Nichtschweigen — denn ich darf wirklich noch nicht recht daran mit meinen Augen und habe das Bischen Lichtzeit wacker für Vorlesungen, Pädagogiumsstunden und meine eigenen Hausdinge auszulitzen. Was letz[t]ere angeht, so komme ich vorwärts mit der Nr 2 der Zeitungemässheit; wünsche mir für die nächsten Wochen Heiterkeit und die Stimmung, die ich jetzt habe, so bin ich fertig. — Willst Du eine Correctur davon übernehmen? Es soll keine lange Sache sein, sondern die einmal beliebten 100 Seiten. Fällt’s Dir schwer, so sage einfach Nein.
     Fritzsch kam nicht nach Bayreuth, hat mir kein Geld geschickt und schweigt. Da steht er der Arme, Gott helfe ihm, er kann wahrscheinlich nicht anders. Amen.
     Der Mahnruf ist verworfen worden, Du hast die richtige Empfindung gehabt. Hab rechten Dank für Dein Freundschaftswort nach Bayreuth. Dort war’s herzlich und warm, recht stärkend; der von Prof. Stern verfasste Aufruf läuft jetzt durch alle Zeitungen. Die Sammelstätten bei den deutschen Buchhändlern allerorts mögen Schatzkammern werden — diesen Wunsch wünsche ich Tag und Nacht. — Offen gestanden, Wagner Frau Wagner und ich sind mehr von der Wirkung meines Mahnruf’s überzeugt, es scheint uns nur eine Sache der Zeit zu sein, wann er absolut allein übrig und nöthig sein wird.
     Hier sind wir heiter beisammen, wie Leute, die etwas Gutes im Schilde führen. Ach warum kannst Du nicht bei uns sein!
     Wir denken Deiner immer mit stiller und lauter Trauer.
     Wie gehts mit dem griechischen Roman? — Aber warte, wir schlagen uns durch, es wird noch alles gut und nicht ewig werden wir so einsam sein.
     Ich möchte doch, dass Du einmal den Grenzbotenartikel lesest, als erheiterndes Curiosum: so was brauchen wir jetzt mitunter. Der Stier und der rothe Lappen. Dr. Fuchs wollte eine Gegenschrift schreiben, Rathsherr Vischer öffentlich protestiren, es war Mühe nöthig die Menschen zu beschwichtigen. Basel als „Winkeluniversität“ ist seitdem hier zum Hohne sprichwörtlich geworden und war das Schlagwort der Tischreden bei der Rektoratsfeier.
     Ritschl hat mir einen jüdisch-römischen Aufsatz zugeschickt.


Adieu. Der gute Geist, Liebe und
Freundschaft sei um Dich.
Dein Getreuer in
Basel.


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BVN-1873,47

An Erwin Rohde in Kiel

[Basel, 22. November 1873]
Samstag.



Aber lieber guter Freund, welcher Brief und welche Gedanken! Ai herrjeses! Gar nichts richtig, auch nicht die Spur! Gesinnung unerschütterlich, in Ewigkeit, Amen. Freundschafts-hymnus zu Ende componirt und immer in mir fortklingend.
     Über die Bayreuther Dinge dachte ich, müsstest Du durch alle Zeitungen seit 2 Wochen Nachricht haben. Hierbei folgt der Aufruf (von dem ich mir leider nicht viel verspreche —) Noch etwas, was mir heute ich weiss nicht woher zugeschickt wird und worin ich erfahre dass mein Mahnruf eine Kapuzinerpredigt ist.
     Und nun sei doch nicht mehr böse! Liebster Freund!
     In aller Eile, sehr consternirt und unschuldig wie ein junges Kalb

Dein Freund.


Nein, was man nicht erlebt!


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BVN-1873,48

An Emil Heckel in Mannheim

Basel [27. November 1873]


Wenn ich Ihnen, geehrtester Herr Heckel, auf Ihre gütige Uebersendung des Patronatscheines nicht antwortete, so entschuldigen Sie mich wohl und nehmen nichts desto weniger an, daß er glücklich in meine Hände gelangt ist.
     Heute bitte ich Sie nun um eine wenn möglich umgehende Uebersendung von ein Paar Exemplaren Ihrer Vereins-Statuten. Ich denke über die Möglichkeit einer Gründung eines „schweizerischen Wagner-Vereins“ nach, wie ich Ihnen privatissime mittheile, um hoffentlich, nach günstigen Erfahrungen, recht bald offiziell darüber Mittheilung zu machen.
     Empfangen Sie meine angelegentlichen Grüße.

Der Ihrige
Professor Friedr Nietzsche


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BVN-1873,49

An Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Basel, Dezember 1873]


Liebe Lisbeth, war die Höhe vom Kinn bis zur Haarwurzel oder bis zur Höhe des Haars gemeint? Bitte um schnelle Antwort; ebenfalls möchte ich gerne wissen, womit ich Dir ein Weihnachtsvergnügen machen kann (welches Buch z. B. wünschest Du Dir?)
     Herzlichen Dank für Deinen Brief und für den unsrer lieben Mutter. Von den Freunden Wilhelm und Gustav ist das getroffne Arrangement sehr hübsch und achtungswerth, ausgedacht und ausgeführt. Hier ging es wieder nicht gut mit Gesundheit und Augen: Jedoch heute ist es besser. Gersdorff kommt übermorgen.

In aller Eile Dein Fritz.


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BVN-1873,50

An Wilhelm Pinder in Delitzsch bei Halle

Basel Samstag
13 Dez. 1873.



Nur ein paar Zeilchen, herzlich geliebter Freund, um Dir anzukündigen, dass ich eine Woche später Dir mündlich gratuliren werde, da meine Augenschwäche ein schriftliches Gratuliren nur im beschränkten Maasse zulässt. Also: wir sehen uns bald in Naumburg wieder, und in wie verändertem Zustande! Ich bin ganz ohne Erfahrung in Betreff der Psychologie eines Bräutigams und werde deshalb Deine jetzige Existenz mit einigem Erstaunen, vielleicht gar mit etwas Neid studiren.

Mit dem ich bin und zu
verbleiben gedenke
Dein alter Getreuer
Friedrich Nietzsche


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BVN-1873,51

An Carl von Gersdorff in Ostrichen

[Naumburg, 26. Dezember 1873]


Herzlich geliebter Freund,

ich war krank, lag zu Bett — hier in der Heimat; die alte Litanei! So komme ich denn zu spät für Deinen Geburtstag, ebenso wie für den der Frau Wagner. Nun Ihr werdet mir Beide nicht so böse sein, wenn Ihr die Ursache meines Säumens kennt.
     Deinen Brief aus Bayreuth habe ich noch nicht gelesen: er ist nach Basel von hier abgeschickt worden, ich hoffe von Herzen, dass gute Nachrichten darin stehen: Rohde hat gestern an mich geschrieben, Overbeck vorgestern. Fritzsch druckt also bereits an der Unzeitgemässheit (2), wenn ich recht berichtet bin; ich habe einen Contrakt aufgesetzt, nach dem der Druck bis Ende Januar beschlossen sein muss, während ich versprochen habe, bis zum 7t. Januar mein Manuscript fertig abgeliefert zu haben. Fritzsch besitzt Vorrede Cap. I II III IV V VI VII.; heute habe ich hier das Capitel X angefangen.
     Dies meine Thätigkeit: nun gleich eine herrliche Neuigkeit! Schaffe Dir doch gleich aus Görlitz an „Zwölf Briefe eines ästhetischen Ketzers“ Berlin Verlag von Robert Oppenheim 1874. Du wirst eine unbändige Freude haben, ich überlasse Dir zu errathen, wer der Autor ist. Es giebt immer wieder neue Hoffnugen [Hoffnungen], und unsre „Gesellschaft der Hoffenden“ wächst heran.
     Heute Nachmittag spazierte ich mit Wilhelm Pinder und seiner Braut und empfand die ganze gutmüthige Ironie, die dieser doppelschlächtige Zustand auf unser Einen (der an der „Idee“ hängt) machen muss: ohne dass wir etwa diesem Zustand dauernd entgehen könnten.
     Man hat mir hübsche Geschenke gemacht, zB. einen vergüldeten Korb als Mappe für grosse Photographien, wie die Deinigen sind, schöne Holzschnitzerei mit Blumen von meiner Schwester, als Local und Ansammlungsstätte für Briefe; auch die Prinzess Therese von Altenburg hat mich mit üppigen Juchtensachen bedacht. Dann noch einige grosse Rafaels.
     Mein guter Freund, ich denke mit herzlicher Empfindung, ja Rührung an alles das, was ich Dir in diesem Jahre verdanke, wie viel Trost Hülfe und That, und werde am Sylvestertage Dich mit einem besonderen Glase feiern. Nicht wahr, wir gehören zusammen und bleiben uns treu, mögen nun hunderte von Meilensteinen oder auch Weiber dazwischen treten. Es wird Dir wohl manchmal etwas einsam sein und Du wirst unsrer Theeabende in Basel gedenken; dann berühren sich gewiss unsre entgegenkommenden Wünsche und Hoffnungen, die Hoffnungen auf das nächste Jahr, 1874! Möge es tapfer überstanden werden

     „Freunden zum Trost,
„Feinden jedoch
          „Zu ewigem Neide!

Dein Getreuer
F. N.


Deinen verehrten Eltern meine Empfehlungen, ebenfalls an Dich die herzlichen Grüsse der Meinigen.


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BVN-1873,52

An Wilhelm Pinder in Naumburg (Visitenkarte)

[Naumburg, vermutlich 28. Dezember 1873]


Kannst Du lieber Wilhelm heute mit mir und bei mir zu Abend essen? Sage doch ja, wenn’s möglich ist, denn morgen muss ich wieder etwas verreisen.

Von Herzen
F. N.


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BVN-1873,53

An Franz Overbeck in Basel

[Naumburg, 31. Dezember 1873]


Lieber getreuer Freund, nur ein paar Worte aus dem alten Jahr für den ersten Tag Deines neuen Jahres. Denn ich bin Dir so viel Dank schuldig, dass ich recht verschuldet in’s neue Jahr komme und wenigstens am Sylvestertage noch meine alte Schuld bekennen muss.
     Nicht wahr, wir wollen uns gut und treu bleiben, Wunsch- Waffen- und Wandnachbarn, seltsame Käuze meinetwegen im Baseler „Uhlenhorst“, aber recht friedfertige brave Uhlen. Nämlich für uns: nach aussen hin greuliches Mord- und Raubgethier, brüllende Tiger und ähnlicher Wüstenkönige Genossen.
     Wirklich, ich rede bereits jüdisch-biblisch, psalmenhaft. Gott sei Dank, dass Gustav Binder nicht zuhört, (der, wie man mir erzählt, in 4 Nummern endlich fertig geworden ist und dessen Artikel ziemlich die Länge meiner Brochüre haben; zuletzt empfiehlt er mir, künftig auf Eisenblech drucken zu lassen).
     Gestern war ich bei Fritzsch; Samstag erhalte ich wohl den ersten Correcturbogen. Erlebnisse mit Ritschl’s mündlich.
     Gesundheit schlecht, ich lag zu Bette, und kann nicht nach Bayreuth kommen, will vielmehr in einem Zuge so schnell wie möglich nach Basel zurück.
     Herzliche Grüsse der Meinigen; und nun, alter guter Kamerad Overbeck, auf Wiedersehn! Und: es lebe die Gesellschaft der Hoffenden!

Dein Friedrich Nietzsche.


Schönsten Dank für Deinen Brief.


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BVN-1873,54

An Erwin Rohde in Hamburg

Naumburg am Sylvestertage 1873-74.


Lieber guter Freund, wie hast Du mich durch Deinen Brief erquickt, zumal ich zu Bette lag, erkrankt von der Reise und dem Leben etwas gram. Wirklich, wenn ich nicht meine Freunde hätte, ich möchte wissen, ob ich mich nicht selbst für verdreht halten müsste; so aber halte ich durch Euch mich selbst, und wenn wir uns uns gegenseitig Gewähr leisten (sieh einmal welches schöne „uns-uns“), so muss am Ende doch etwas bei unserer Art zu denken herauskommen: woran bis jetzt alle Welt zweifelt.
     Zum Beispiel auch Ritschl’s, denen ich einen kurzen Besuch machte und die in einer halben Stunde ein schnell gesprochnes Wort-Feuer gegen mich los liessen, bei dem ich sehre unverwundet blieb und mich auch so fühlte; am Schluss blieb man dabei, ich sei hochmüthig und verachtete sie. Gesammteindruck war hoffnungslos: der alte Ritschl fing einmal rasend über Wagner als Dichter zu schimpfen an, dann wieder einmal über die Franzosen (ich gelte als Bewunderer der Franzosen), endlich schimpfte er, nach Hörensagen, aber in der gräulichsten Weise über Overbeck’s Buch. Ich erfuhr, dass Deutschland in den „Flegeljahren“ sei: weshalb ich mir auch das Recht nahm, etwas Flegel sein zu dürfen (nämlich meine Maasslosigkeit und Rohheit gegen Strauss wurde gerügt) Dagegen ist Strauss als klassischer Prosaschreiber wirklich vernichtet: denn Papachen und Mamachen Ritschl sagen es und fanden auch schon den „Voltaire“ greulich stylisirt. —
     Bei Fritzsch wohnte ich und habe wirklich herzliche Freude an diesem guten Menschen gehabt. Es geht ihm ganz gut, auch mit der Gesundheit. Meine zweite Ungemässheit (oder Unmässigkeit) ist im Druck: in den nächsten Tagen wirst Du den ersten Druckbogen erhalten: denn, liebster Freund, ich nehme Deine bereitwillige Güte in Anspruch und bitte Dich sogar darum, mir an der und jener Stelle meiner Schrift mit Deinem Rathe und Deiner moralisch-intellectuellen Correctur zu Hülfe zu kommen. Übrigens haben wir keine Zeit zu verlieren: es wird schnell gedruckt, und Ende Januar muss alles fertig sein.
     Also, lieber Guter, sende immer recht schnell Deine Correctur nach Basel; denn freilich ist es etwas umständlich bei den grossen Entfernungen, und wir müssen zusehen, dass in der Druckerei keine Stockung eintritt.
     Ausstattung wie bei Nr. 1. Wenn dieser Druck vorüber ist, beginnt der Neudruck von „Geburt der Tragödie“.
     Ich höre mit grosser Freude, dass der „Roman“ sich bewegt und hebt und an der einschliessenden Eierrinde knappert. — Wen hast Du als Verleger im Auge, den Kieler Bekannten?
     Gersdorff hat wieder das Manuscript der Nr. 2 geschrieben, er ist ein ganz und gar rührender und unschätzbarer Freund. Ich habe in diesen Tagen mein Schlusscapitelchen zu machen und möchte gerne heute und morgen fertig werden. Gesundheit schwankend und mittelmässig: vom Neujahr an soll es wirklich besser werden. Denn wenn man keine Gesundheit hat, soll man sich eine anschaffen.
     Unbändige Freude hatte ich über Karl Hillebrand’s anonym erschienene „zwölf Briefe eines ästhetischen Ketzers“ (Berlin Oppenheim 1874); welches Labsal! Lies staune, es ist einer der Unsrigen, einer von der „Gesellschaft der Hoffenden“.
     Möge diese Gesellschaft im neuen Jahre blühen, mögen wir gute Gesellen bleiben. Ach, mein Getreuer, es bleibt Einem gar nicht die Wahl: man muss Hoffender sein oder Verzweifelter. Ich habe mich ein- für allemal für das Hoffen entschieden.
     Über die greulichen vorsichtigen akademischen Confratres in Kiel habe ich mich recht geärgert; diese Angst vor der „Jugend“!
     Nun ich habe Rache genommen und der Jugend im Schluss meiner Nr 2 ein Lied gesungen, das dieser Art von knicklichkricklichen Greueln recht elend wehe thun wird.
     Grüsse Deine verehrte Mutter; die Meinigen sagen Dir auch Viel Glück zum neuen Jahre!

Und so mögen wir uns gut und treu bleiben
1874 und so weiter bis an der
Tage letzten.
Dein Friedrich N


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BVN-1873,55

Vermutlich an August Beck in Basel (Visitenkarte)

[Basel 1873/74]


Herrn Cand. Beck

Wollen Sie, geehrtester Herr, mir die Freude machen, nächsten Mittwoch bei mir zu Abend zu essen? Wir finden da endlich einmal Gelegenheit über mancherlei zu reden und zusammen zu denken, was uns am Herzen liegen muss.

Ihr
P FW N.


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de/nietzsche/briefe/1873/1873.txt · Last modified: 2017/02/11 09:08 by babrak