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Aphorisms -- in context.

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1874

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BVN-1874,1

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Basel, 5. Januar 1874]
Montag.



Meine liebe Mutter und Schwester,

so bin ich denn wieder hier, lebendig und mit leidlicher Gesundheit (zwar nicht ganz wohl, zumal etwas heiser) Schlag 4 Uhr Nachmittags war ich auf der Rheinbrücke; zu versteuern hatte ich nichts, auch gab es keine Unbequemlichkeit. Nachts war es kalt und ganz und gar uneingeheizt; ich fror an die Füsse und vermisste wärmere Fussbekleidung.
     Ich ass mit Romundt zu Abend; seine Professur-Angelegenheit ist noch sehr im Unsichern, bestimmt ist nur Eins, dass er nicht der Nachfolger von Eucken wird; doch hoffe ich, dass er eine ausserord. Professur erhält. Die grösste Abneigung, einen Schopenhauerianer zu befördern, hat sich mehrfach kundgegeben, ja mit dem Rathe, Romundt möge doch anders wohin gehen. Alles dies ganz discret.—
     Mein Sopha ist neu überzogen. Es sieht alles ganz ordentlich aus. Heute frühstücke ich um 11 Uhr. Overbeck ist noch nicht angekommen.
     Und nun empfangt noch einmal meinen herzlichsten Dank; es waren ruhige und gute Tage und es scheint mir doch, dass ich mich etwas bei Euch erholt habe, besonders mit den Nerven. Eure schönen Weihnachtsgeschenke zieren mein Zimmer und Alles erinnert mich an Euch. Dass unser Zusammensein so kurz sein musste!

Lebt wohl und denkt
an mich. Euer F.


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BVN-1874,2

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Basel, 14. Januar 1874]
Mittwoch



Meine liebe Mutter und Schwester, ich danke Euch sehr für Eure theilnehmenden Briefe und bitte nur darum, dass Ihr Euch ja nicht sorgen mögt. Es geht mir ganz gut, freilich habe ich meine Diät etwas verändert, insofern ich nicht mehr in den Kopf gehe, sondern um ½12 Uhr ein Frühstück nehme (Suppe und zwei Schinkenbrödchen) Meistens reicht mir das bis Abend aus, da ich ausserdem das Vegetarianer Brod im Zimmer habe. Mitunter aber esse ich Nachmittag noch etwas von Fleisch. Bis jetzt ist es mir gut bekommen und ich bin recht zufrieden.
     Zwei Bogen meiner neuen Schrift sind corrigirt. Ich ruhe mich im Ganzen aus und gehe jeden Tag spazieren. Die Briefmappe hängt schön und gerade an der Wand. Mit Romundt’s Professur giebt es noch keine Entscheidung. Der alte Vischer ist immer noch nicht besser dran, Fürstenberger ist in Nizza und will dann zur Erholung nach Kairo, Frau Vischer-Heusler hat den Typhus (Nervenfieber) Doch ist es nicht besorgnisserregend. Frau Rosalie Vischer habe ich neulich im neuen Hause besucht. Samstag Mittag war ich bei Frl. Kestner, Sonntag Mittag bei Bachofens, nächsten Freitag Abend werde ich bei Burckhardt-Heuslers sein. — Der Herr Lauterburg bleibt soviel wir wissen, im Sommer hier. Kurz wir müssen uns noch etwas Neues ausdenken, Frau Baumann hat auch schon einige Anfragen in der Nähe gemacht.

Herzlich grüssend und dankend Euer Fritz


     Bitte liebe Lisbeth, erledige doch die Sache mit Onkel Hermann möglichst schnell zu seinen Gunsten; ich komme mir in dieser Angelegenheit sonst ruppig vor. Bitte!!
     Wir sind doch etwas wegen Frau Vischer besorgt; Burckhardt-Heuslers lassen eben, aus Beunruhigung, für nächsten Freitag Abend absagen.
     Frau Baumann bekommt im Sommer auf 6 Wochen den Besuch ihrer Schwester aus St. Gallen.
     Ein hübsches Anerbieten: zwei Häuser von mir entfernt wohnt Frau André, eine rechte Frau, Deutsche. Sie will mir ihr gutes Zimmer abgeben, für Dich: freilich fehlt ein eignes Schlafzimmer; sie bietet Dir an, ob Du mit in ihrem Schlafzimmer schlafen wolltest. Frau Baumann hat die Sache vermittelt. Von wann an soll ich miethen? Gefällige Antwort und bald.
     Also zwei Häuser weit. Parterre. Sonst wohnt noch bei Frau André Dr. Binder mit einer netten deutschen Frau, Arzt im Kinderspital.


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BVN-1874,3

An Carl von Gersdorff in Ostrichen

Basel 18/1 74


Nun, alter lieber Freund, es geht im neuen Jahre recht ordentlich mit mir und Du kannst ohne alle Sorge an mich denken. Ich habe meine Lebensweise verändert und gehe nicht mehr in den Kopf, frühstücke vielmehr ½12 Uhr mit Suppe und esse eigentlich nur ausnahmsweise zu Mittag. Jedenfalls bekommt diese vereinfachte Esseinrichtung meinem Magen. Sodann habe ich bis Ostern vor, nichts Neues zu schreiben und dadurch mein Nervenunwesen auszuheilen. Also die Philosophen liegen wieder brach; aber Ostern geht die Thätigkeit wieder los und zwar ist es mein Wunsch, einen Schlag gegen den Einjährigen-Freiwilligen zu führen. Ich glaube, das ist das Schlimmste, was man den Bildungsphilistern augenblicklich anthun kann. Dazu befasst sich der Reichstag mit den Militärgesetzen; meine Vorschläge haben eine gewisse Art von politischer Möglichkeit und es wäre ganz gut, den Leuten zu demonstriren, dass wir nicht ewig in der Höhe und Ferne, unter Wolken und Sternen leben. Aber nun heran mit militärischer Litteratur, vornehmlich Geschichte des Heerwesens. Kannst Du mir irgendwie dabei helfen, getreuer Helfer und Freund?
     Der Druck der Nr. 2 rückt von der Stelle. Zwei Bogen sind corrigirt und abgeschickt, heute oder morgen trifft der dritte ein, so dass bis Ende Januar ungefähr alles in Ordnung sein kann. Das letzte Capitel habe ich natürlich in Naumburg geschrieben und am Neujahrstag, zu dessen Inauguration, fertig gemacht. Mit wahrer Rührung empfieng ich Deine Abschrift und die sie begleitenden Zeilen und pries mich glücklich Dich als Freund zu haben. Denke nur ja daran, wie wir es im Herbst zu einer Zusammenkunft bringen können; und damit Du siehst, dass auch andre Leute diese Zusammenkunft wünschen, sende ich Dir etwas von Candrian. Rohde will auch kommen; man hat ihn übrigens in Kiel wieder einmal mit einer ordentl. Professur übergangen, es ist ein Skandal! Gegen Romundt hat sich denn auch hier die Furcht vor Schopenhauer geltend gemacht und es ist ganz unmöglich, dass er jetzt (ja wie ich glaube dass er jemals) hier die ordentl. Professur für Philosophie erhält. Wir wollen froh sein, wenn man ihn mit einer ausserord. Professur und vielleicht etwas Geld abfindet.
     Mit Ritschl’s hatte ich in Leipzig einen Wortkampf, der nichts Peinliches, aber etwas Schmerzliches und Hoffnungsloses hatte. Bei Fritzsch dem Trefflichen und Neubewährten habe ich eine Nacht gewohnt und den Eindruck mitgenommen, dass noch alles auf vier Beinen steht. Das weibliche Gespenst hatte unsre Phantasie verdorben. Es wird doch noch eine Preisarbeit, nach gelungener Umarbeitung, gekrönt, die des Prof. Dr. Koch. Die evangelische Kirchenzeitung soll meine Straussiade gepriesen haben. Übrigens gehe ich seit dem neuen Jahre nicht mehr auf die Lesegesellschaft und fühle mich befreit, nicht mehr das Zeitungsgeschwister zu hören. Mit Ranke’s erstem Buch sind wir fast fertig. Von Deinen Übersetzungen hoffe ich später einmal etwas zu profitiren, nicht wahr das ist erlaubt zu hoffen? Dem alten Vischer geht es noch nicht gut. Frau Vischer-Heusler hat den Typhus, die Arme! An Bayreuth wage ich gar nicht mehr zu denken, denn sonst ist es mit aller Nervenerholung zu Ende.
     Nun wir wollen tapfer bleiben.
     Lebe wohl für heute, liebster Freund und verzeihe, wenn ich Dir keinen Brief, sondern nur ein Notizenbündel schicke. Overbeck und Romundt denken Deiner wie ich selbst, mit Treue und mit der Sehnsucht getrennt lebender Freunde. Muss es sein? Muss es sein? Nicht selten kommt mir das schmeichelnde Bild, dass ich, einige Jahre älter, mich einmal zu Dir, in Dein Asyl, flüchte und dass wir mit einander die Felder betrachten und die Sonne untergehen sehen.

Lebewohl!
F N.


     Die zurückgelassenen Sachen folgen bald. Hug war nicht im Stande den Tannhäuser anzunehmen, besonders wegen des französischen Textes. Es macht mir übrigens rechtes Vergnügen, Dir mein Exemplar anzubieten; so dass ich Dich jetzt im Besitz von allen Wagneriana weiss; oder fehlt die herrliche Faustouvertüre?
     Nun bist Du also auch wieder Onkel geworden. Bei Deiner Erzählung dachte ich mir verschiedenes Unsägliches.
     Deinen verehrten Eltern meine besten Grüsse.


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BVN-1874,4

An Carl Fuchs in Berlin

[Basel, vermutlich Februar - März 1874]


Es ist Sonntag Morgen und ich dachte eben de tranquillitate animi nach — da brachte mir Herr Prof. Overbeck Ihren Brief, lieber Herr Doctor. Nein, Niemand kann Ihnen zu dem Schritte rathen, von dem Sie schreiben; es müsste ein heiliger Wahnsinn sein, der Sie vorwärts triebe, wider alle Vernunft — nun dann würden wir Anderen uns so gut wie möglich in’s Unvermeidliche schicken und Ihnen zu helfen suchen. Inzwischen müssen wir Ihnen nur so unzweideutig wie möglich sagen, dass Basel für Ihre Lehrer-Bestrebungen, für Ihre philosophische Kundgebung, für Ihr leidlich-leibliches Fortkommen ein ungeeigneter Boden ist: es sei denn dass Sie nicht als mönchischer Gelehrter fortleben wollen, der nichts anderes von einem Orte begehrt als Ruhe und Einsamkeit. Beides kann man hier haben — und im Verhältniss zu Ihrem zappeligen unruhigen Hatz-Berlin will das freilich viel sagen. Aber eigentlich kann man das überall haben, ich sollte meinen, selbst gerade in Berlin oder Paris; man muss nur wenig begehren und sich eine Aufgabe stellen, bei der man gar nicht mehr versucht ist, auf den unruhigen Bildungs-Juden-Pöbel und die ganze anerkannte Öffentlichkeit hinzusehen. Die wahre Einsamkeit liegt in einem grossen Werke. Vorlesungen und Akademien — das ist alles nichts oder wenig mehr als der äusserliche Rahmen unsrer Existenz. Sich dahinein zu flüchten begreifen wir — Overbeck und ich — nicht recht mehr, da wir oft an das Gegentheil gedacht haben, an das Hinausflüchten, zu völliger Unbeschränktheit, um an irgend einem Winkel der Welt, sei es in den einfachsten Verhältnissen, denkend und frei weiter zu leben. Deshalb sind wir wohl auch schwerlich die rechten Rathgeber. Für diesen Ort könnte Ihnen übrigens Niemand etwas garantiren; eine Professur für Musik haben wir nicht und bekämen wir nicht, denn zu mehr als 2 akademischen Zuhörern würden Sie es, in einer recht unmusikalischen Stadt, schwerlich bringen. Die bezahlten Professuren der Philosophie sind wie wir nach einem ganz bestimmten höchst belehrenden Falle urtheilen müssen, für einen Anhänger Schopenhauer’s ganz und gar unzugänglich: überhaupt herrscht grosse Ungeneigtheit gegen jede Förderung dieser „Richtung“. S. Bagge genügt den Baselern, ebenso der Director Reiter. Ich habe die Baseler gern und sage dies nicht mit Ironie, sondern nur um Ihnen über die hiesigen Schwächen und Beschränktheiten ein Licht aufzustecken. Man lebt hier theuer, ein Junggeselle mit sehr mässigen Ansprüchen nicht unter und wahrscheinlich über 3000 frc. (800 Thl.) Ja wer könnte Ihnen rathen, werther Herr Doctor! Ich vermuthe dass ich an Ihrer Stelle eine Musikdirectorstelle in einer kleineren Stadt oder noch besser eine einträgliche Organistenstelle begehren würde: dann liesse ich die Welt laufen und erlaubte nicht dass mich etwas noch hin und herzöge. Wir werden Alle ruinirt, wenn wir unruhig werden. — Das ist freilich alles sehr wenig und sehr schwach, leider aber schon viel zu viel für meine Augen. Und so seien Sie nicht böse dass ich hiermit schliesse. Overbeck wünscht ebenso herzlich wie ich, dass Sie einen guten Entschluss fassen mögen — aber, wie gesagt, rathen können wir Ihnen nichts. Wer könnte Ihnen rathen!

Mit warmen Wünschen
Ihr
Friedrich Nietzsche.


NB. Die Preisaufgabe wird von Seiten des A[llgemeinen] D[eutschen] Musikvereins nicht zum zweiten Male wieder gestellt werden.


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BVN-1874,5

An Franziska Nietzsche in Naumburg

[Basel,] 1 Febr. [1874]


Meine geliebte Mutter

eben wird mir gesagt dass heute schon der erste Februar sei, ich glaube es immer noch nicht recht, mache mich aber daran, sofort an Dich zu schreiben, damit ich noch einigermassen zur rechten Zeit mit meinen Geburt[s]tagswünschen in Naumburg eintreffe. Nun wollen wir einmal zusehen, was dieses Jahr bringt: hoffentlich für Dich und damit auch für uns Gutes oder Erträgliches. Ich schreibe heute bei schlechter Verdauung und Übelkeit; so denke ich denn zuerst an den Leib und wünsche von Herzen dass es Dir mit der Gesundheit so fort ergehen möge wie es Dir bis dahin gegangen ist und dass Du nicht etwa das absurde Beispiel Deines Herrn Sohnes nachahmest, der viel zu früh zu laboriren angefangen hat und der bereits wie ein altes Männchen sich über jeden Tag freut, wo er nicht an Unverdaulichkeit und Schmerzen erinnert wird. Im Übrigen hast Du es in Naumburg so ruhig und angenehm, wie ich mich wieder Weihnachten überzeugte, dass mir auch da kein andrer Wunsch einfällt als „es möge Alles auch fernerhin beim Alten bleiben.“
     Es hat mir Weihnachten so gut bei Dir gefallen, dass ich wirklich bereits in meinem Gemüthe die Möglichkeit erwogen habe, ob ich nicht vielleicht Ostern wiederkomme; vielleicht gelingt es Dir dann, mich wieder zu kuriren, durch Süppchen Spazierengehen und ein Pferdchen vielleicht. Denke einmal darüber nach; oder meinst Du, es sei vernünftig eine gute Kaltwasser-anstalt in meiner Nähe zu besuchen? Ich muss jedenfalls etwas thun, die Schwäche nimmt zu sehr überhand. Auch eine Fusswanderung möchte sehr vernünftig sein. Es wird mir wohl möglich sein, von der Anwesenheit bei dem Osterexamen mich einmal ausnahmsweise dispensiren zu lassen: so dass ich ungefähr 4 Wochen Ferien hätte. Ach, ich hätte so gern ein kleines Landgut: da hinge ich auf einige Zeit meine Professur an den Nagel. Nun bin ich 5 Jahre Professor; ich dächte es wäre bald genug. Wirklich, ich möchte es wie Gersdorff machen und Stoppelhopser werden.
     Übrigens ruhe ich mich aus — was man so ausruhen nennt, eigentlich merke ich nichts davon. Das heisst, ich schreibe augenblicklich kein Buch. Von dem neuerscheinenden sind 4 Bogen gedruckt, es geht langsam. Die Augen sind öfters angegriffen.
     Für unsre Lisbeth habe ich eine sehr hübsche Wohnung in meiner nächsten Nähe entdeckt: bei den vortrefflichen Hegars. Die haben zwei Häuser, das hintere Haus liegt in der Strasse in der bis jetzt Vischer-Heuslers wohnten: es ist das nächste Haus von dem Fenster meiner guten Stube aus: darin wohnt der junge Hegar mit seiner jungen allerliebsten Frau, einer Französin, vortreffliche Leute und gut eingerichtet. Da also wird unsre Lisbeth wohnen und Frau Hegar freut sich schon darauf.
     Anbei folgt etwas aus den Waldhäusern. — Neulich haben wir den alten Dr. Heitz begraben: schickt Lisbeth vielleicht ein Condolenz-Zeichen an die arme Frau Doctor?
     Das Befinden von Frau V[ischer-]Heusler ist recht befriedigend, auch die alte Frau Vischer erregt keine Besorgniss mehr, ihr Übel ist ein langwieriger Magenkatarrh.
     Sonst weiss ich nichts Neues. Ich habe ein grosses Bedürfniss mich etwas auszuruhen und zu erholen, und dann denke ich immer an Euch. Auch noch ein neues Amt hängt mir auf dem Rücken: für dieses und das nächste Jahr bin ich Dekan meiner Facultät. Ich hab’s satt.
     Im Hause bin ich wieder gesteigert worden, so dass ich jetzt monatlich 47 frs. zahle (früher 40)
     Nochmals: ich bin bei Dir mit treulichem Gedenken und herzlichen Wünschen.

Dein alter Sohn.


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BVN-1874,6

An Constantin Georg Naumann in Leipzig (Zettel)

[Basel, 9./10. Februar 1874]


Geehrter Herr, hier sind die letzten Correkturen; bitte beachten Sie, daß Seite 102 und 103 verschossen sind (so sagt man doch?) Eine Anzahl Zeilen auf S. 103, 104, 112 habe ich gestrichen. —
     Es liegt mir sehr viel daran, möglichst bald in den Besitz einiger fertiger Exemplare zu kommen!
     — Wie mir Hr. Fritzsch Weihnachten zugesagt hat, beginnt nun sofort der Neudruck der „Geburt der Tragödie“; das dem Druck zu Grunde zu liegende Exemplar ist, so viel ich weiß, bereits in Ihrer Druckerei.

Ergebenst
Dr. Fr. Nietzsche


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BVN-1874,7

An Malwida von Meysenbug in San Remo

Basel 11 Febr. 1874.


Verehrte Freundin!

Ich wußte gar nicht mehr, wo ich Sie mit meinen Gedanken suchen sollte; von Gersdorff erfuhr ich nur, daß Ihre Bayreuther Existenz ein Ende erreicht habe; nun höre ich, wo Sie sind, einsam und krank, so daß ich am liebsten gleich Ihnen nachgereist wäre, wenn es nur irgendwie mit meinem Amt, mit meinen Pflichten verträglich wäre. Dafür verspreche ich Ihnen einen Besuch in Rom. Oder wäre es nicht in Erwägung zu ziehen, ob Genf oder Lugano Ihrer Gesundheit wohlthut; zeitweilig habe ich selbst daran gedacht, Ihnen Basel vorzuschlagen, denn bis jetzt haben wir einen milden und sonnigen Winter gehabt, und erst seit gestern giebt es Schnee und wirkliche Kälte. Wenigstens weiß ich, daß der Unterschied unseres Klimas mit dem Bayreuther bedeutend ist, und daß wir das Blühen der Bäume fast vier Wochen früher haben. Sehen Sie in diesem Vorschlage nichts, als den herzlichsten Wunsch, Ihnen einmal wieder näher gerückt zu sein; denn ein Leiden haben wir mit einander gemeinsam, welches schwerlich andere Menschen so stark empfinden, das Leiden um Bayreuth. Denn, ach, unsere Hoffnungen waren zu groß! Ich versuchte erst, gar nicht mehr an die dortige Noth zu denken, und, da dies nicht angieng, habe ich in den letzten Wochen so viel als möglich daran gedacht und alle Gründe scharf geprüft, weshalb das Unternehmen stockt, ja weshalb es vielleicht scheitert. Vielleicht theile ich Ihnen später etwas von diesen Betrachtungen mit; zunächst, nämlich etwa in vierzehn Tagen, bekommen Sie etwas anderes von mir, die von Ihnen erwartete Numero 2 mit dem Titel „vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben.“ Die Numero 2 erinnert mich daran, daß man gestern in Ludwigsburg David Strauß begraben hat.
     Und was macht Frau Monod, und ist es wahr, daß sie einen Knaben geboren hat?
     Sie sehen, ich diktirte bis jetzt, also geht es meinen Augen nicht gut. Doch jedenfalls besser. Ach könnte ich Ihnen helfen! Oder irgendwie nützen! Ich denke mit Mitleiden an Sie Arme und bewundere, wie Sie das Leben zu ertragen wissen. Dagegen gerechnet bin ich ein Glücksprinz und muss mich schämen. Meine Wünsche sind um Sie!

Ihr Friedr. Nietzsche


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BVN-1874,8

An Carl von Gersdorff in Ostrichen

Basel 11 Febr. 1874


Lieber guter Freund, nur ein kleines Briefchen, um Dir zu melden, dass ich die Kiste (die seit einer Woche in meiner Stube steht) doch noch nicht fortschicken will, ich habe nämlich Aussicht, in spätestens 2 Wochen die Exemplare der zweiten Unzeitgemässheit; hineinzulegen, da will ich doch warten und setze voraus, dass es Dir ziemlich gleichgültig sein muss, ob die Sachen ein paar Wochen früher oder später kommen. Die letzten Correkturbogen sind vorgestern angekommen. Es ist alles schön von Statten gegangen; in summa sind es 7 Druckbogen (111 Seiten)
     Ich habe mich seit Weihnachten aller litterarischen Thätigkeit enthalten und bin im Ganzen zufrieden. Dafür ist vielerlei im Kopfe durchgedacht worden, neuerdings viel Staatlich-Politisches: vorher „Richard Wagner in Bayreuth“, wiederum vorher „Cicero und der romanische Begriff der Cultur“; Alles dies wird zu seiner Zeit wieder lebendig werden. Karl Hillebrand hat mich eingeladen, an einer „italiänischen Revue“ theilzunehmen, deren Redacteur er sein wird; das Werk erscheint buchweise, die besten, auch Dir bekannten italiänischen Namen sind dabei, von Deutschen sind allein eingeladen Jakob Burckhardt, Gregorovius, Hermann Grimm, Paul Heyse; ich habe natürlich abgesagt, ebenso Burckhardt.
     Weisst Du schon dass Heinze der Nachfolger von Eucken geworden ist? Er hat schon neulich hier einen Besuch gemacht.
     Gestern hat man in Ludwigsburg David Strauss begraben. Ich hoffe sehr dass ich ihm die letzte Lebenszeit nicht erschwert habe und dass er ohne etwas von mir zu wissen gestorben ist. — Es greift mich etwas an. —
     Für die Militaria Dir und Mende schönsten Dank. „Wird besorgt“ wie Tausig sagte. Baumgartner sitzt mir gegenüber und hat eben zwei Briefe geschrieben, die ich ihm diktirt habe, an die arme Meysenbug und an Hillebrand.
     Also „vorwärts allezeit mit strengem Fechten.“

Voll guter Hoffnung
Dein
F.


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BVN-1874,9

An Erwin Rohde in Kiel

Basel Mitte [15.] Februar. [1874]


Einen schönen Sonntagsgruss zuvor, liebster Freund! Lebst Du im grauen Norden? Wir haben so reine warme Tage und viel Sonnenschein, ja sogar schon tieffarbige Sonnenuntergänge. Der ganze Winter hat uns einen einzigen Schneetag gegeben. Seit Neujahr habe ich auch vernünftiger und sorgfältiger gelebt, so dass ich mein Befinden heute loben kann. Nur die Augen! Ein Schreiber thut mir noth! Zwar ist mir hier, seit einem halben Jahr ein äusserst sympathischer talentvoller Schüler erwachsen, der bereits recht zu uns Allen gehört: Baumgartner mit Namen, ein Elsasser, Sohn eines Mühlhausener Fabrikanten. Der kommt jeden Mittwoch Nachmittag und bleibt den Abend; da wird diktirt, vorgelesen, Briefe geschrieben. Kurz das ist ein rechter Gewinn für mich und, wie ich verspreche, einstmals für uns Alle. Ostern will ich wieder nach Naumburg, um dort noch einmal recht systematisch der Ruhe und der Gesundheit zu leben: so werde ich’s denn auf die Dauer schon aushalten. Seit Weihnachten habe ich vielerlei durchgedacht und musste in so entfernten Gegenden schweifen, dass ich, beim Eintreffen der Correcturbogen, öfters zweifelte, wann ich dies Zeug eigentlich geschrieben habe, ja ob das Alles von mir sei. Ich locke jetzt sehr stark wider den Stachel der politischen und Bürgertugend-Pflichten und habe gelegentlich selbst über das „Nationale“ hinausgeschwiffen — Gott bessere es und mich!
     Du hast, bei aller Deiner Noth, nun auch noch die Correctur-Noth gehabt, guter treuer Freund. Jedes Winkchen ist dankbarlich benutzt („ausgelitzt“) worden, und mancher Flecken ist durch Deine Hand abgestreift worden. Eine Anzahl Sonderlichkeiten gingen übrigens nicht auf mich, sondern auf die Abschrift meines schwer leserlichen Manuscriptes zurück. Leider habe ich gerade für den letzten Bogen Deine Hülfe nicht mehr benutzen können. Ich glaubte, aus mehrern Gründen, man habe vergessen, Dir den letzten Bogen zuzusenden, und die Sache hatte Eile. Glücklicher Weise habe ich den ärgsten Anstoss selbst gehoben, auch durch Streichen von c. 1 Seite Text die Schlusspartien etwas erleichtert. Eine gewisse Allgemeinheit war übrigens geboten, weil ich Rücksichten auf speciellere Ausführungen in späteren Unzeitgemässheiten zu nehmen hatte. So mag denn das Unthier laufen — wem wird’s Freude machen? Wer wird’s auch nur lesen! Ich glaube, man wird auf eine ungeheure Dummheit bei mir schliessen — und man wird wirklich Recht haben! Nur halte ich es wirklich in der Gescheidtheit nicht mehr aus und ziehe mich auf mich selbst zurück. Ich kann wirklich nicht anders; aber nicht wahr, Du wirst mich deshalb nicht gleich verachten? Denn ich denke eigentlich, dass Du mich in diesen Dingen übersiehest — und ein Recht dazu hast, liebster Freund! An meine Mit-Philologen denkend fühle ich mitunter selbst so etwas wie Scham. Doch glaube ich nicht, dass man mich leicht aus der Bahn bringt — und erst will ich mich einmal ganz aussprechen, es giebt doch keine grössere Wohlthat, die man sich erweisen kann! Wenn Du Dein Exemplar hast (hoffentlich vor 2 Wochen), bitte ich Dich noch um Eins: sage mir doch mit Härte und Kürze Fehler Manieren und Gefahren meiner Darstellung — denn darin genüge ich mir nicht und erstrebe etwas ganz Anderes. Also hilf mir mit kurzen Winken, ich werde sehr dankbar sein.
     Über Bayreuth giebt es etwas Neues und wenn nur Wahres! Eine ganz ausdrückliche Notiz des Mannheimer Journ. (dem Organ [Organon] Heckels) bringt aus bester Quelle (d. h. Frau W[agner]) dass die Aufführungen jetzt endgültig gesichert sind. So wäre denn das Wunder geschehen! Hoffen wir! Es war ein trostloser Zustand, seit Neujahr, vor dem ich mich endlich nur auf die wunderlichste Weise retten konnte: ich begann mit der grössten Kälte der Betrachtung zu untersuchen, weshalb das Unternehmen misslungen sei: dabei habe ich viel gelernt und glaube jetzt Wagner viel besser zu verstehen als früher. Ist das „Wunder“ wahr, so wirft es das Resultat meiner Betrachtungen nicht um. Aber glücklich wollen wir sein und ein Pest feiern, wenn es wahr ist!
     Hat man Dich denn nicht nach Greifswald berufen, an des Schöllii Stelle? Aber irgend was muss doch geschehen. Wie ich höre, geht Köchly nach Berlin, als Nachfolger von Haupt — wenigstens schwätzen die Zeitungen davon. Nun vielleicht die Heidelberger Professur! Das wäre etwas, nachdem Freiburg missglückt ist! Und wie steht es mit Deinem Roman? Das weisst Du noch nicht, dass wir Heinze als Philosophen bekommen haben; Romundt ist nicht acceptirt, die Angst vor Schopenhauer trat naiv auf (nicht bei Vischer, aber er ist nicht allmächtig) Man hat mich zu einer italiänischen Revue eingeladen, die in Buchform erscheinen wird; ich habe abgesagt. ebenso J. Burckhardt. Frl. v. Meysenbug ist wieder krank und in San Remo bei Nizza angelangt, von wo sie mir rührend schrieb. Olga Monod hat einen Knaben. Gersdorff der göttliche Landedelmann ist meiner Phantasie jetzt das Vorbild: wir sollten uns alle Landgüter erwerben und dann still und tapfer bis zu Ende leben. Aber so wie so: immer vorwärts mit strengem Fechten!

Adieu, geliebter Freund!
Dein
Friedrich N.


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BVN-1874,10

An Elisabeth Nietzsche in Naumburg

Basel Mittwoch. [18. Februar 1874]


Meine liebe Lisbeth, ich habe Dir für mehrere Briefe zu danken, vor allem auch für die mir sehr convenirende Erledigung der Erbschafts-Angelegenheit. Anläßlich der noch disponiblen 60 Thl. von denen Du schreibst, habe ich nun noch eine Bitte an Dich. Schicke doch 50 Thl. in meinem Namen an Professor Carl Riedel in Leipzig (Lindenstrasse 6) Ich bin meinem gegebnen Versprechen gemäß dies noch zu zahlen verpflichtet. — Daß ich von Fritzsch überhaupt noch Gelder bekommen werde, bezweifle ich im Stillen; genug, ich habe nichts bekommen und muß warten. In spätestens 2 Wochen wirst Du auch die Nr. 2 der Unzeitgemässen bekommen. Es sind 111 Seiten geworden.
     Sehr kurios ist das Naumburger Erlebniß mit dem Professor Plüss, einem Basler. Ich finde es sehr artig in Rücksicht auf die beiden Städte. Übrigens hat man, im Vertrauen gesagt, wohl daran gedacht, diesen Herrn einmal als Nachfolger von Gerlach zu berufen. Ich kenne ihn übrigens gar nicht.
     Über Bayreuth haben wir neulich eine noch unerklärte, aber sehr hoffnungsreiche Notiz bekommen. Wir warten auf Genaueres. Frl. v. Meysenbug schrieb aus San Remo bei Nizza und läßt Dich auch grüßen. Es geht ihr schlecht und sie hat viel zu leiden; dazu ist sie ganz einsam. Daß Hillebrand an mich geschrieben hat, habe ich schon erzählt?
     Romundt hat gestern Abend einen öffentlichen Vortrag in der Aula gehalten. Heinze hat mich besucht; aber das habe ich auch schon erzählt.
     Mein Befinden ist gut. Es ist kein Zweifel, daß ich jetzt die richtige Lebensweise gefunden habe. Geht es mir einmal schlecht, so hat es immer ganz nachweisbare Gründe. Ich glaube, Ihr werdet mich Ostern wohler finden als Weihnachten.
     Mit den Augen freilich steht es wie ich schon sagte. Schonung fortgesetzt! Übrigens habe ich seit Weihnachten in keiner Beziehung mehr medizinirt; worüber sich unsre gute Mutter freuen wird.
     Wenn ich aber Ostern kommen soll, müßt Ihr’s recht geheim halten; daß ich auch wirklich Ruhe und Behagen finde. Wir wollen ja keine Pläne machen.
     Sage unsrer lieben Mutter den herzlichsten Dank für ihren Brief und seid insgesammt herzlich gegrüßt.

Euer Fritz.


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BVN-1874,11

An Carl von Gersdorff in Ostrichen

[Basel, Ende Februar 1874]


Hier liebster Freund, hast Du Deine Kiste. Sie birgt zwei Exemplare der Nr. 2. Eins für Dich, das Andre für Deinen Herrn Vater.
     Hoffen wir alles Gute. Ich erwarte bei einzelnen Menschen diesmal eine ergreifende Wirkung, bei denen welche sehr schon am historischen Übel gelitten haben. J. Burckhardt hat mir einen schönen Brief geschrieben.
     Beiläufig: er hielt Dich für den Verfasser der ästhetischen Ketzerbriefe. Vielen Dank für Deine militärischen Zusendungen, ebenso für Videant consules. Nächstens mehr.
          — Vivat sequens Nr. 3

Der Getreue.
(Gestern Abend feierten wir die 2.)


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BVN-1874,12

An Wilhelm Vischer (-Bilfinger) in Basel

Basel Mittwoch. [4. März 1874]


Verehrter Herr Rathsherr,

ich habe Ihnen hier eine Bitte vorzutragen. Meine Gesundheit verlangt durchaus, dass ich Ostern längere Ferien mache; ich will nach Naumburg gehen und hoffe mit Hülfe einer Kur und kluger Diät meinen Magen wiederherzustellen; ebenso müssen meine Augen ausruhen. Meine Bitte geht nun dahin, dass einmal das mündliche griechische Examen der III Classe zu Gunsten eines anderen Faches ausfalle; bei dem schriftlichen Examen mich vertreten zu lassen ist ohne alle Schwierigkeit. —
     Ich empfinde die Kürze der Ferien zwischen den Semestern und den Mangel der akademisch üblichen Feriendauer immer schwerer und vielleicht bald einmal so, dass ich mich entscheiden muss.
     Mit der Bitte mir für den bezeichneten Examen-Mittwoch Urlaub zu gewähren

hochachtungsvoll
Dr. Fr. Nietzsche
Prof.


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BVN-1874,13

An Wilhelm Vischer (-Bilfinger) in Basel

[Basel, 9. März 1874]
Montag.



Verehrter Herr Rathsherr,

meine Ihnen mitgetheilte Bitte ziehe ich hiermit wieder zurück; denn es war mein Glaube, dabei nur um etwas ganz Geringes, ohne Mühe zu Bewerkstelligendes zu bitten, um eine Vertauschung oder etwas Ähnliches. Da ich nun eingesehen habe, mit welchen Veränderungen und Unbequemlichkeiten die Gewährung der Bitte verknüpft wäre, auch von einer Nothwendigkeit, weshalb ich gerade Ostern nach Naumburg reisen müsste, gar nicht die Rede sein kann (ich hatte nur das Nützlichere und Angenehmere, nicht das Nothwendige dabei im Auge) — so bitte ich jetzt diese Angelegenheit für erledigt zu halten; wobei ich nur zu bedauern habe, dass ich Sie überhaupt damit bemüht habe.

Mit dem Ausdruck der Ergebenheit
Ihr
Dr Friedrich Nietzsche


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BVN-1874,14

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

Basel Montag. [9. März 1874]


Meine liebe Mutter und Schwester, nun ist es leider entschieden, daß ich Ostern nicht kommen kann, festgehalten durch meine Examen-Pflichten, von denen loszukommen ich nicht zweifelte. Zuletzt als ich meinen Antrag auf Urlaub stellte, ergab es sich, daß es nur mit den größten Schwierigkeiten verbunden wäre (es hat nämlich schon einer von uns Lehrern für diese Zeit Urlaub) Kurz, ich mußte meinen Antrag zurückziehen und bedaure nun sehr, mir und Euch Hoffnung auf ein längeres Zusammensein gemacht zu haben.
     Hier ist der Vater von Frau Vischer-Heusler gestorben und begraben. Ihr selbst geht es langsam besser. Recht leidend ist der alte Vischer. — Ich selbst bin mit meinem Befinden zufrieden.
     Habt Ihr denn richtig die zugesendete Numero 2 meiner Unzeitgemäßen Betrachtungen erhalten?
     Schönes Wetter seit längerer Zeit, Vorbote des Frühlings.

Seid herzlich gegrüßt von Eurem
Fritz.


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BVN-1874,15

An Mathilde Maier in Mainz

Basel, 11. März 1874


Verehrtes Fräulein!

Sie geben mir wieder einen Beweis von hochzuschätzender persönlicher Theilnahme; wie sehr muß ich gerade deshalb bedauern, Ihrem für mich so ehrenvollen Anliegen mit einem Nein zu entgegnen. Nein, das kann ich nicht! Im Namen der Frauen das Wort zu führen ist mir versagt; was ich Ihnen allerdings auf indirekte Weise sogar demonstriren kann. Lesen Sie den mitfolgenden Mahnruf an das deutsche Volk, den ich vorigen Herbst geschrieben habe. So und nicht anders empfinde ich in dieser Sache, so und so stark spreche ich, wenn ich einmal sprechen muß — freilich zu stark selbst für Männer, wie der Erfolg mich damals belehrt hat. Die Vertreter der Wagner-Vereine, die in Bayreuth zusammenkamen, wagten nicht, ihre Namen unter diesen Aufruf zu setzen. Milder über die Sache zu denken habe ich inzwischen nicht gelernt, und die schöne frauenhafte Milde, die Ihrem Geschlecht auch in harten und verzweifelten Lagen ansteht, ist dem meinigen versagt.
     Also Verzeihung, wenn ich einfach sage „ich kann nicht“.
     Übrigens freut es mich sehr, von dem Enthusiasmus der Frau Schott gerade aus Ihrem Munde zu hören. Denn ich zweifelte, offen gestanden, bis jetzt ein wenig an ihm, weil ich weiß, wie thätig, ja wie entscheidend dieser Enthusiasmus sich äußern könnte, und weil ich doch nichts von diesen Äußerungen bis jetzt gehört habe. Sie machen mir, verehrtes Fräulein, wieder Hoffnungen, dadurch, daß Sie mir diesen Enthusiasmus verbürgen.
     Auf Ihren tiefen und nachdenklichen Brief über die Geburt der Tragödie schrieb ich Ihnen nicht, ich erwartete immer noch die Gelegenheit der zweiten Auflage jener Schrift, um Ihnen zu danken.
     Meinen Augen geht es besser als im vorigen Sommer, doch nicht so befriedigend, als Sie mit Ihrer gütigen Theilnahme vielleicht wünschen möchten.
     Ich dictierte bis jetzt, verehrtes Fräulein. Seien Sie nicht böse über das absolute Nein. Übrigens: glauben Sie an die sogenannte „deutsche Frau“, daß Sie es wagen würden, sich an sie zur Unterstützung unserer Bayreuther Wunderhoffnungen zu wenden? Glauben Sie? Ich glaube nur an einzelne Individuen, zweifle aber — sträflicher Weise — an allem, was in Zeitungen und Zeitromanen als „deutsches Weib“ glorificiert wird. Dies sage ich Ihnen, weil ich Sie sehr ehre.

Ihr ergebener
Dr. Friedrich Nietzsche.


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BVN-1874,16

An Erwin Rohde in Kiel

[Basel, 19. März 1874]


Auch mein Semester kommt zum Schluss, morgen nämlich, obwohl natürlich nur an der Universität; das Pädagogium wirft mir in seiner kärglichen Manier überhaupt anderthalb Wochen Osterferien ab, nicht mehr. Darin bist Du, liebster Freund, besser dran, aber auch nur darin, denn Dein übriges Loos beklagen wir Verbrüderte, immerfort, einzeln und gemeinsam. Ich habe wieder einen schönen Plan geschmiedet, für späterhin, um uns dauerhaft zu vereinigen — aber ein paar Jahre müssen noch in’s Land gehen. Doch nicht wahr, die Versammlung im Herbst, das concilium Rhaeticum, das ist fest und dabei bleibt’s? — Nun Bayreuth! Wir wissen durch Frau W[agner] — und es soll das Geheimniss der Freunde sein — dass der König von B[ayern] in der Form von Vorschüssen bis zu 100 000 Thaler das Werk unterstützt, so dass die Arbeiten (Maschinen — Dekorationen) rüstig gefördert werden. Wagner selbst schreibt dass 1876 der Termin sei, er ist muthig und glaubt dass jetzt das Unternehmen im Reinen ist. Nun das walte Gott! Dies Warten und Bangen ist schwer zu verwinden, ich hatte wirklich zeitweilig die Hoffnung ganz aufgegeben.
     Ich erwarte immer von Dir die Meldung einer ordentl. Professur zu bekommen? — Übrigens sind die Menschen schrecklich dumm in Beziehung auf akademische Beamtungen, ich war neulich in Freiburg und hörte über den unausstehlichen Pedanten und Nörgelfritzen Keller klagen. Ist Recht! dachte ich, klagt nur zu; auch erfuhr ich dass Ritschl die Ursache seiner Berufung sei. Dieser schweigt und ich ergötze mich bei der Vorstellung, wie wenig er beim Lesen meiner „Historie“ verstehen wird. Dies Nichtverstehen schützt ihn vor dem Ärger und das ist das Beste an der Sache.
     Professor Plüss in Schulpforte, mir fremd, ein Historiker, hat meine Mutterstadt Naumburg durch eine begeisterte Rede über die Geb. der Tragödie und die erste Unzeitg. aufgeregt. Herr Bruno Meier hat über Dräseke’s Beitrag zur Wagnerfrage, bauchschütternden Angedenkens, eine lange schwere widerlegende Abhandlung geschrieben, worin ich als „Feind unserer Cultur“ feierlich denuncirt und übrigens als verschmitzter Betrüger unter Betrognen dargestellt werde. Er schickte mir seine Abhandlung persönlich, sogar mit Wohnungsangabe zu; ich will ihm die zwei Schriften des Wilamopses zuschicken. Das heisst doch christlich seinen Feinden wohlthun. Denn was dieser gute Meier sich freuen wird, über Wilamopsen, das ist gar nicht auszudrücken.
     Dr. Fuchs hat im Wochenblatt wieder mich ekelhaft angelobt, ich hab’s nun satt mit dem. Doch was erzähle ich Dir von Lob und Tadel! Hier sind wir durch unsre Freundschaft vor Grillen und Verdriesslichkeiten ziemlich geschützt, und da ich wieder etwas unter dem Herzen trage, so geht mich Lob und Tadel gar nichts an. Dass ich es mit meinen Ergüssen ziemlich dilettantisch unreif treibe, weiss ich wohl, aber es liegt mir durchaus daran, erst einmal den ganzen polemisch-negativen Stoff in mir auszustossen; ich will unverdrossen erst die ganze Tonleiter meiner Feindseligkeiten absingen, auf und nieder, recht greulich, „dass das Gewölbe wiederhallt“. Später, fünf Jähre später, schmeisse ich alle Polemik hinter mich und sinne auf ein „gutes Werk“. Aber jetzt ist mir die Brust ordentlich verschleimt vor lauter Abneigung und Bedrängniss, da muss ich mich expectoriren, ziemlich oder unziemlich, wenn nur endgültig. Elf schöne Weisen habe ich noch abzusingen. — Unsern Overbeck habe ich zu meiner grossen geheimen Freude wieder so weit dass er Ostern auch wieder öffentlich loskämpft, in der Weise seiner Streit- und Friedensschrift Nr. 1. Siehst Du, hier geht’s muthig zu, wir hauen um uns herum. Immer vorwärts mit strengem Fechten! — Nur der gute treffliche Romundt macht uns einige Sorge, er wird zum unerfreulichen Mystiker. Klarheit war nie seine Sache, Welterfahrung auch nicht, jetzt bildet sich ein wunderlicher Hass gegen die Kultur überhaupt in ihm aus — nun wie gesagt, wir (Overbeck und ich) sorgen uns etwas. Er grübelt in unheimlicher Weise über den Anfang der Empfindung, synthetische Einheit der Apperception — dafür behüte uns unser Heiland Jesus Christ.
     Gute Briefe habe ich, von vielen Seiten. Burckhardt, mein College, hat mir in einer Ergriffenheit über die Lecture der „Historie“ etwas recht Gutes und Characteristisches geschrieben. — Dem alten Vischer geht es recht schlecht, er hat sich vom grössten Theil seiner Geschäfte dispensiren lassen und sieht sehr grün weiss gelb-elend aus.
     An der Geburt der Tragödie wird eifrig gedruckt — endlich!
     Wann kannst Du denn im Herbste bei uns eintreffen? Ich möchte das genaueste jetzt schon wissen: damit die Freunde ihre Sommerpläne machen können.
     Lebwohl herzlich geliebter Einsiedler und Romantiker des Nordens in Bezug auf den Süden.
     Übrigens sind wir allesammt curiose Kerle, ich wundere mich sehr und immer sehrer.

Dein F N.


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BVN-1874,17

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Basel, 26. März 1874]


Meine liebe Mutter und liebe Schwester,

nun ist es also nichts mit unserer gemeinsam erhofften Osterfreude; eure letzten Briefe, die sich mit meinem Absagezettel gekreuzt haben, zeigten mir noch einmal recht deutlich, was ich damit verloren habe. Zwar ist mein Gesundheitszustand jetzt glücklicherweise nicht derart, dass ich eine Kur machen müsste, es geht, bei grosser Vorsicht und Regelmässigkeit, recht gut. Aber Ihr wisst, wie ich einer freundlichen und herzlichen Zerstreuung und Ableitung von meinen gewöhnlichen Gedanken bedürftig bin, wie ich dafür, und besonders für etwas Heiterkeit um mich herum, dankbar bin. Ich leide wirklich zu viel, und kann wirklich froh sein, wenn ich körperlich krank bin; denn dann kann ich einmal mir einbilden, es wäre mir zu helfen; was ich jetzt, wo ich nicht einmal die Krankheit als Vorwand habe, freilich für unmöglich halte. Aber es hilft nichts, man läuft seinen Lebensweg weiter, ich entlade mich durch gedruckte Verwünschungen und will jetzt wieder an die Nr. 3 meiner Unzeitgemässen gehen. — Am Ende versteht Ihr mich nicht? Also wie gesagt, es geht mir sehr gut, und ich habe seit Jahren keine so anhaltende Gesundheit gehabt, fast drei Monate schon.
     Seit vorigem Sonntag habe ich schöne frische Blumen im Zimmer, und denkt! vom mittelländischen Meere. Die hat die gute Meysenbug geschickt. Einen ganz grossen Amethyst, fast wie meine Hand, habe ich geschenkt bekommen, von Baumgartner; nächsten Sonntag bin ich in Lörrach zu Tisch bei seinen Eltern, die wie man mir erzählt, den Deutschen sehr feind sein sollen (es ist eine Mühlhäuser Familie). Gestern Abend haben wir ein Abschiedsessen für College Eucken gehabt; ich freue mich auf Heinze’s Ankunft, denn ob ich schon nichts Förderliches in meinem Sinne von ihm erwarte, so weiss ich doch dass er ein guter tüchtiger und rücksichtsvoller Mensch ist. Wann kommt er denn? Wir haben hier himmlisches Frühjahrswetter; darf ich heute darum bitten, dass unsre Lisbeth sich recht bald entschliessen möge, zu mir zu kommen? Das ist vielleicht noch die einzige Manier, mir ein wenig Ferienerholung zu verschaffen.
     Hier ist nichts passirt, was mitzutheilen wäre, ausser dass Frau Sieber das Scharlach hat. Doch geht es wieder besser. Herrliche Briefe an mich sind eingetroffen.
     Wenn mir nur das Schreiben leichter würde.

Seid nicht böse dass ich schon schliesse
Herzliche Grüsse und Dank.
Euer Fritz.


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BVN-1874,18

An Friedrich Hegar in Zürich

[Basel, Anfang April 1874]


Hochgeehrter Herr Capellmeister,

eine kleine Bitte!
     Ich gab Ihnen einmal ein Musikheft, mit dem Titel „Manfred-Meditation“; vielleicht finden Sie es noch wieder unter Ihren Papieren — in diesem Falle würden Sie mich recht verbinden, wenn Sie es mir nach Basel zusenden wollten.
     Ich dachte Ihrer, als ich in den Zeitungen las, dass am 11ten d. M. in München wieder der „Tristan“ aufgeführt wird.
     Zu Ihrem Züricher Musikfeste werde auch ich mich einstellen; ich freue mich besonders darauf, das Triumphlied endlich! zu hören.

Ihr ergebenster
Dr. Friedrich Nietzsche
Prof. in Basel.


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BVN-1874,19

An Carl von Gersdorff in Ostrichen

Basel erster April. 1874.


Lieber getreuer Freund, wenn Du nur nicht eine viel zu gute Meinung von mir hättest! Ich glaube fast, dass Du Dich einmal über mich etwas enttäuschen wirst; und will selbst anfangen dies zu thun, damit dass ich Dir, aus meiner besten Selbsterkenntniss heraus erkläre, dass ich von Deinen Lobsprüchen nichts verdiene. Könntest Du wissen, wie verzagt und melancholisch ich im Grunde von mir selbst, als producirendem Wesen, denke! Ich suche weiter nichts als etwas Freiheit, etwas wirkliche Luft des Lebens und wehre mich, empöre mich gegen das viele, unsäglich viele Unfreie, was mir anhaftet. Von einem wirklichen Produciren kann aber gar nicht geredet werden, so lange man noch so wenig aus der Unfreiheit, aus dem Leiden und Lastgefühl des Befangenseins heraus ist: werde ich’s je erreichen? Zweifel über Zweifel. Das Ziel ist zu weit, und hat man’s leidlich erreicht, so hat man meistens auch seine Kräfte im langen Suchen und Kämpfen verzehrt: man kommt zur Freiheit und ist matt wie eine Eintagsfliege am Abend. Das fürchte ich so sehr. Es ist ein Unglück sich seines Kampfes so bewusst zu werden, so zeitig! Ich kann ja nichts von Thaten entgegenstellen, wie es der Künstler oder der Ascet vermag. Wie elend und ekelhaft ist mir oft das rohrdommelhafte Klagen! — Ich hab’s augenblicklich etwas sehr satt und über.
     Meine Gesundheit ist übrigens ausgezeichnet: sei ganz unbesorgt. Aber ich bin mit der Natur recht unzufrieden, die mir etwas mehr Verstand, nebst einem volleren Herzen, hätte geben sollen — es fehlt mir immer am Besten. Das zu wissen ist die grösste Menschenquälerei.
     Die regelmässige Arbeit in einem Amte ist so gut weil sie eine gewisse Dumpfheit mit sich bringt, man leidet so weniger.
     Im Herbst also — ach Du verstehst das „Also“ doch? müssen wir uns sehen, beim concilium subalpinum sive Rhaeticum. Wenn wir alle zusammen sind, kommt ein ganzer Kerl heraus, der keinen Grund hat sich zu betrüben. Gemeinsam und zusammen sind wir ein Wesen, welches „Freude trinken“ darf — an den Brüsten der Natur. Sage mir doch ganz genau, wann es Dir erlaubt ist hierher zu kommen? Rohde hat im letzten Briefe definitiv zugesagt. Overbeck auch, Romundt (seit gestern unser Hausgenosse) auch. Ich der ich die wenigsten Ferien habe denke doch die erste Hälfte des October zur Disposition zu sein. Kannst Du diese Zeit uns schenken? — Lieber theurer Freund! —
     Hast Du zufällig gehört, dass Prof. Plüss in Schulpforte, Nachfolger Volkmann’s, in der Naumburger Litteraria einen „begeisterten“ Vortrag über Geburt der Trag. und die Straussiade gehalten hat? Sehr scherzhaft und unglaublich, nicht wahr? — Dr. Fuchs, im musikal. Wochenblatt, ist sehr dreist und hat es dadurch, wie durch manche Zudringlichkeit, mit Overbeck und mir verdorben. — Die gute Meysenbug schickte mir schöne frische Blumen, Frühlingsboten vom mittelländischen Meere.
     Ich lege einen schönen und auch für Dich lehrreichen Brief Rohde’s bei; gelegentlich wieder zurückzugeben!
     Herrliche Briefe der Bayreuther.
     Dank für die Druckfehler: aber der wichtigste fehlt, Höderlin für Hölderlin. Aber nicht wahr, es sieht wunderschön aus? Aber es versteht kein Schwein.
     Meine Schriften sollen so dunkel und unverständlich sein! Ich dachte, wenn man von der Noth redet, dass solche die in der Noth sind, einen verstehen werden. Das ist auch gewiss wahr: aber wo sind die, welche „in der Noth“ sind?
     Erwarte jetzt nichts Litterarisches von mir. Ich habe für mein Sommercolleg viel vorzubereiten und thue es gern (über Rhetorik).
     Übrigens ist viel seit Weihnachten durchdacht und ausgedacht worden.
     Sei herzlich gegrüsst und grüsse Deine verehrten Eltern.
     Ja wenn man keine Freunde hätte! Ob man’s noch aushielte? ausgehalten hätte? Dubito.

Fridericus.


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BVN-1874,20

An Malwida von Meysenbug in San Remo

Basel, Sonnabend vor Ostern. [4. April]
1874.



Verehrteste Freundin

Was für rührende Überraschungen haben Sie mir bereitet! Noch Niemand hat mir je Blumen geschenkt, und ich glaube jetzt zu wissen dass eine eigne Beredsamkeit in dieser stummen Farbenfülle- und Belebtheit liegt. Diese Frühlingsboten blühten in meinem Zimmer wieder auf und fast eine Woche lang konnte ich mich ihrer erfreuen. Denn so grau ist unser Leben und so schmerzhaft dazu, dass Blumen gleichsam die Ausplauderer eines Geheimnisses der Natur sind; sie verrathen dass irgendwo Leben Hoffen Licht Farbe auf dieser Welt zu finden sein muss. Wie oft verliert man allen Glauben daran! Und da ist es ein schönes Glück, wenn die Kämpfer sich gegenseitig Muth zusprechen und sich durch die Übersendung von Symbolen, seien es Blumen, seien es Bücher, an ihren gemeinsamen Glauben erinnern.
     Doch da denke ich an Ihre armen Augen, und bezweifle sehr, dass Sie diese schlechte Schrift lesen können, wenn Sie sie selbst lesen dürften.
     Mein Befinden, um davon ein Wort zu sagen, ist seit Neujahr, in Folge einer veränderten Lebensweise, recht gut und ohne jedes Bedenken: nur dass ich mit den Augen vorsichtig sein muss. Sie wissen aber, es giebt einen Zustand körperlichen Leidens, der einem mitunter wie eine Wohlthat erscheint; denn man vergisst darüber, was man sonst leidet, oder vielmehr: man meint, es könne einem geholfen werden, wie dem Leib geholfen werden kann. Das ist meine Philosophie der Krankheit: sie giebt Hoffnung für die Seele. Und ist es nicht ein Kunststück, noch zu hoffen?
     Nun wünschen Sie mir Kraft zu den noch übrigen elf unzeitgemässen Betrachtungen. Ich will wenigstens einmal alles aussprechen, was uns drückt; vielleicht fühlt man sich, nach dieser Generalbeichte, etwas befreiter.
     Meine herzlichsten Wünsche begleiten Sie, verehrte und liebe Freundin.

Treulich Ihr
Friedrich Nietzsche.


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BVN-1874,21

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

Basel Sonntag. [12. April 1874]


Meine liebe Mutter und Schwester,

es geht mir ganz gut, ich bin nicht krank, habe Eure Briefe auch bekommen, konnte mich aber aus vielen kleinen Gründen nicht entschliessen, durch eine Antwort die Sache schnell zu entscheiden. Eigentlich wollte ich diese Ferien nicht verreisen, nachdem der Plan mit Naumburg sich zerschlagen hat. Zudem bin ich in Arbeiten, besonders für das Sommersemester, die in einer fremden Pension nicht gefördert werden könnten. Überdies graut mir geradezu vor dieser Pensions-Ungemüthlichkeit, für die ich doch nur 9 Tage hätte (nämlich Donnerstag den 23 April Abreise von hier, Sonntag den 3 Mai retour) Also: ehrlich gesagt, ich schlage Euch vor, den Gedanken einer Heidelberger Zusammenkunft aufzugeben. Dafür bitte ich unsre Lisbeth, ihre Ankunft hier doch ja für den 23—25 festzuhalten, damit wir noch ein paar Ferientage zusammen geniessen können.
     Ihr seht, ich bin noch gar nicht in Ferienstimmung, bis gestern habe ich noch Stunden gegeben, die nächste anderthalb Woche ist dem Examen gewidmet.
     Ihr seid mir doch nicht böse? — Nun noch eine Bitte in Betreff Haverkamp. Er soll mir einen hübschen Rock und einen guten Sommerüberzieher machen. Dazu eine Weste. Sucht nur die Stoffe und Farben aus.
     Den Vortrag des Prof. Plüss aus Schulpforte wünsche ich nicht zu lesen, ich bin froh, wenn ich nicht dazu gezwungen werde. Also bringe mir ihn ja nicht mit, liebe Lisbeth.
     Verzeiht mir heute das Billetchen, dazu meine absagende Antwort und denkt recht in Freundlichkeit

Eures Fritzen.


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BVN-1874,22

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Basel, 19./20. April 1874]


Meine liebe Mutter, sei nur ganz und gar unbesorgt und lass Lisbeth nach Basel ziehen. Immermann erwartet ihre Ankunft und lacht wie ich über die Nachwirkung seiner dem ängstlichen Familienvater Heinze gegebenen Vorschrift. Nöthig war es gar nicht, dass Heinze’s Familie erst hinter ihm drein kommt, aber wer die Ärzte ängstlich befragt, wird von ihnen so behandelt. Unsere Scharlachepidemie ist nämlich, seit wir Frühling haben, vorüber; ich habe natürlich überhaupt nichts davon erfahren, dass es eine solche Epidemie gab. Übrigens haben wir geradezu himmlisches Wetter, und Lisbeth und ich wohnen bekanntlich hier in Basel in der gesündesten Lage, dort wo die frischeste Luft weht.
     Ich habe schon Hegar’s die bestimmte Mittheilung über Lisbeths Ankunft am 25t. d M. gemacht; es war dies nothwendig, weil Frau Hegar einen Reiseplan in diesem Monat darauf hin einrichten wollte und somit bestimmt wissen musste, wann die Ankunft erfolgt.
     Also nicht wahr, Sonnabend Nachmittag um 3 Uhr ist die Ankunft? Ich will endlich einmal ordentlich und zur rechten Zeit auf der Eisenbahn sein. Mit den herzlichsten Grüssen

Euer Fritz.


An Heinze’s natürlich kein Wort über meine Bemerkungen.


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BVN-1874,23

An Carl Fuchs in Berlin

Basel 28 April 1874.


Ein längerer Brief, lieb und werther Herr Doctor, soll Ihnen ad oculos demonstriren, wie es mir mit meinen oculis geht, nach deren Befinden Sie Sich so theilnehmend erkundigen; und noch mehr scheint es mir endlich an der Zeit zu sein, Ihnen etwas ausführlicher und ausdrücklicher zu sagen, wie ich, in dem letzten Jahre Ihrer sehr viel, mit manchem Wechsel der Empfindungen, mit Hoffnung und Bangen bisweilen, gedacht habe, immer aber getreu des guten Glaubens und Vertrauens, dass Sie die seltne Kraft besitzen Sich selbst zu helfen: womit freilich auch gesagt ist, dass solchen Naturen auch gar nicht anders geholfen werden kann. Erwarten Sie also auch von Freunden nichts als ein theilnahmevolles Zuschauen Ihres „Ausringens und Emporringens“ (Straussisch zu reden), erwarten Sie ja nicht Rathschläge, Aufforderungen, Zurufe, mit denen Ihnen nicht genützt werden kann: so sehr man aus der Ferne einmal und öfter sich versucht fühlt, Ihnen die Hand recht herzlich hülfreich entgegenzustrecken. Neulich zum Beispiel fiel mir ein: warum räth denn Niemand dem Dr. Fuchs, seine mannichfaltigen kleineren Abhandlungen, die bis jetzt getrennt und dazu in Fetzen publicirt und, weil in Musikblättern, nicht einmal recht publicirt wurden, schnellstens zusammen zu drucken? Ich dachte mir, es müsste Sie erheitern den Leuten einmal eine vorläufige Probe Ihrer philosophischen, theologischen musikalischen, schriftstellerischen Begabungsfülle zu geben: ganz vorläufig, ohne sich mit der Redaktion irgend welche Mühe zu machen, ganz nebenbei, nur um einmal den Bann der Musikblätter zu durchbrechen und sich selbst eine kleine Ermuthigung zu machen. Ich dachte an Ihren Aufsatz über Lotze, für und gegen Schopenhauer, über Renan, zu Grillparzer, Schatzgräberversuche und kenne wahrscheinlich nicht Alles, was Sie bei dieser Gelegenheit mit in diese lanx satura aufnehmen können. Aber wie gesagt, was kann ich rathen! Wenn Sie sich nicht schon selbst diesen kleinen Aderlass verordnet haben und ich Sie vielleicht nur an einen eignen Gedanken erinnere? Fast möchte ich’s glauben.
     Übrigens wäre ich für eine solche Sammlung Ihrer Arbeiten Ihnen sehr dankbar, denn ich lerne immer von Ihnen: während es mir Überwindung kostet, eine Musikzeitung wirklich zu lesen und ich immer mit Betrübniss Ihren Namen und Ihre Gedanken mitten unter den unbegreiflich ungeschickten und gedankenarmen Schriftgelehrten des musik. Wochenblatts finde. Wir wollen schon später, nach ein paar Jahren, daran denken, wir [wie] wir uns für unsere Art „Kulturkampf“ (wie der verfluchte Ausdruck lautet) ein öffentliches Theater gründen — später, wenn wir ein paar Namen mehr haben und nicht mehr so blutwenige sind, wie gegenwärtig. Bis dahin muss jeder von uns kräftiglich allein kämpfen: ich habe mir durch meine 13 Unzeitgemässen, die ich hinter einander herausgebe, eine gute Waffe geschmiedet, die ich den Leuten um die Köpfe schlage, bis dabei etwas herauskommt. Ich wollte, Sie machten es ebenso und schafften alles, was von Negativem, Polemischem, Hassendem in Ihrer Natur ist, auf diesem Wege aus sich heraus, um dann später Ruhe zu haben und sich durch gar nichts mehr „zum Widerspruch verleiten zu lassen“. So rechne ich und getröste mich einer Zeit, wo alles Kämpfen, Ächzen und Krächzen abgethan sein wird; inzwischen aber „vorwärts mit strengem Fechten“, wie irgend ein alter brandenburger Markgraf in der Reformationszeit gesagt hat. Denn zuletzt leiden wir alle so tief und schmerzlich, dass man es eben nur im rüstigsten Kämpfen aushält, das Schwert in der Hand. Und da wir nichts für uns wollen und mit einem freudigen und guten Gewissen uns in den härtesten Strauss begeben können, so wollen wir uns zurufen „der Soldat allein ist der freie Mann“ und wer ein freier Mann sein, bleiben oder werden will, hat gar keine Wahl: „vorwärts mit strengem Fechten.“
     Und so leben Sie wohl und muthig, als Waffen- Kriegs- und Siegsgenosse und denken Sie gerne

Ihres getreuen
Friedrich Nietzsche.


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BVN-1874,24

An Carl von Gersdorff in Gnadenberg

8 Mai 1874 Basel.


Lieber treuer Freund, ich schrieb lange nicht und es kommt mir so vor, als ob Du Dich vielleicht darüber beunruhigen könntest. Dazu ist aber kein Anlass, es ist mir gut gegangen und jede Depression, Melancholia ferne und tief unter mir. Ich muss durch meinen letzten Brief einen falschen Eindruck hervorgebracht haben: weisst Du, ich wiederhole es, es war nicht die Sprache der Depression, höchstens einer gewissen noch nicht wunsch- und wahnlosen Resignation. Inzwischen habe ich meine dritte Unzeitgemässe so weit fertig, dass wenn Du da wärest, der Guss beginnen könnte; das Sommersemester nimmt mich aber jetzt in Anspruch und deshalb lege ich, da mich nichts drängt, diese Papiere etwas zurück. Titel: (aber zu verschweigen!) „Schopenhauer unter den Deutschen.“ Es wird schön, sage ich Dir. Zweitens habe ich fertig und bin „ganz erschröcklich zufrieden“ damit — den Hymnus an die Freundschaft, für 4 Hände und ebenso viele Freundesherzen. Ich habe noch nichts Besseres gemacht, es klingt aber auch „nich e Bischen“ deprimirt! Sondern vielmehro im Gegentheil!
     Endlich wollte ich Dich fragen: hast Du eine Ahnung, an wen bei der Adresse zu denken ist:

E. Guerrieri-Gonzaga

Via del Pallone 1
Firenze



     Ich bekam aus Florenz einen bedeutenden und warm empfindenden Brief und bin gebeten unter der angegebnen Adresse zu antworten. Frauenhand.
     Der Druck der Geburt der Trag. ist fast vollendet.
     Dr. Fuchs hat mehrfach und, ich kann nicht anders sagen als rührend, geschrieben; ich bin wieder geneigt, ihm zu helfen und zu nützen, so gut ich nur kann; auch hört er wirklich auf das, was ich ihm schreibe und vertraut mir in einer ganz und gar unbedingten Weise. Wir wollen ihn also, christlich zu reden „in unser Gebet aufnehmen.“
     Freund Krug und Pinder machen in diesem Herbste Hochzeit.
     Collega Heinze ist hier eingetroffen und gefällt mir sehr: ein guter und tüchtiger Mensch.
     Meine Schwester ist bei mir zu Besuch, und Tag für Tag schmieden wir die schönsten Pläne idyllisch-arbeitsamen und einfachen Zukunfts-Lebens.
     Nun lebe wohl, Getreuester! Und bleibe uns allen durch That und Gesinnung unser „absolutes Ideal“ wie Dich Wagner kürzlich in einem Briefe bezeichnete.

Dein
Friedrich N.


     Kann man gelegentlich ein Stückchen Deiner Übersetzungen zu sehen bekommen? —
     Romundt und Overbeck gedenken treulichst Deiner und freuen sich auf den Herbst.
     Romeo und Julia von Hartmann folgt — ich kann Dir’s nicht ersparen — ein wahres Höllengelächter höre ich aus Deinem Munde bereits erschallen; später nachdem man gelacht hat, hat man aber allen Grund, sehr ernst zu werden —


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BVN-1874,25

An Emma Guerrieri-Gonzaga in Florenz

Basel den 10 Mai 1874.


Mitunter weiss ich gar nicht mehr, ob ich ein Recht habe, von allen möglichen Leiden unserer Zeitgenossen zu reden; denn ich sehe die Leidenden nicht, nur mich selbst ausgenommen und mache vergebens die Augen auf. Zumal wenn man unter Gelehrten lebt, wird einem leicht zu Muthe, als ob hier nicht einmal leidfähige Menschen wären; — nur dass sie auch nicht glücklich machen können! Das aber können wir, lieber Briefschreiber, unter einander thun — weil wir zusammen leiden, wissen wir auch uns zu beglücken; und das thaten Sie bei mir mit Ihren Zeilen. Denn ich weiss keine höhere Freude als wieder von einem Menschen zu hören, der ein Sehnender und ein Hoffender ist; ach, und mitunter bedarf ich recht herzlich und stark dieser Freude, um überhaupt noch ein Hoffender sein zu können!
     Ich errathe aus Ihrem Briefe weit mehr Übereinstimmung zwischen uns als vier Seiten eigentlich verrathen könnten. Es scheint mir dass Sie eine tiefe Veränderung der Erziehung des Volkes für die wichtigste Sache von der Welt halten — und Sie werden dabei nicht erst auf meine Zustimmung warten! Ich kenne auch für mich kein höheres Ziel, als irgend wie einmal „Erzieher“ in einem grossen Sinne zu werden: nur dass ich sehr weit von diesem Ziele bin. Inzwischen muss ich erst alles Polemische Verneinende Hassende Quälende aus mir herausziehn; und ich glaube fast, wir müssen das Alle thun, um frei zu werden: die ganze schreckliche Summe alles dessen, was wir fliehen, fürchten und hassen, muss erst zusammen gerechnet sein — dann aber auch kein Blick mehr zurück in’s Negative und Unfruchtbare! Sondern nur noch pflanzen, bauen und schaffen!
     Nicht wahr, das hiesse „sich selbst erziehn“! Doch wem gelingt dies recht und fortwährend! Und doch ist’s nothwendig und gar keine Hülfe anderswoher zu erwarten. Mag der Einzelne sich dabei trösten, wie und auf welchem Wege er kann: Natur, die göttliche Goethische Gottnatur, Kunst und Religion (gewesene oder zukünftige), alles was stärkt und die verderbliche aber für uns unvermeidliche Vereinsamung ertragen lehrt, vor allem der herzliche Zuruf der Mit-Leidenden, Mit-Liebenden und Mit-Hoffenden, alles alles sei gesegnet und verehrt: damit nur ja der also Strebende nicht schwach und persönlich werde, damit er sich von jeder Unzufriedenheit und Verdrossenheit des Ich’s frei halte, um nur die grosse allgemeine Noth auf seinem Rücken zu tragen! Und mehr noch ist nöthig: man muss sogar den Muth haben, mitsammt dieser Noth glücklich zu sein: mindestens so wie es der Krieger im Kampfe ist. Alles „Krächzen und Ächzen“ aber wollen wir mit Goethe weit von uns abthun.
     Sie sehen, ich rede zu mir, während ich zu Ihnen reden sollte: und doch — was könnte ich Ihnen überhaupt sagen, wenn ich nicht zu Ihnen und zu Jedem wie zu mir sprechen darf? Als Mensch zu Mensch, wie Sie es selbst wollen?
     Alles Gute sei um Sie!

Ihr
Friedrich Nietzsche


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BVN-1874,26

An Erwin Rohde in Kiel

[Basel, 10. Mai 1874]


Liebster Freund, wir sind wohl beide wieder in Semester-Anfangs-Nöthen? Mein Ferienbissen von anderthalb Woche war schnell verschluckt; doch habe ich die letzten 6 Wochen gut angewendet, indem ich meinen Hymnum an die Freundschaft zu Ende componirt und schönstens für 4 Hände zu Papier gebracht habe. Dieses Lied ist für Euch Alle gesungen, und es klingt muthig und innig; ich glaube, wir halten’s mit dieser Stimmung noch eine tüchtige Weile auf der Welt aus. Sodann ist Nr. 3 meiner Unzeitgemässen soweit vorbereitet, dass ich nur auf einen warmen fruchtbaren Regen zu warten habe: dann ist’s plötzlich da wie ein Spargelgewächse.
     In Bayreuth haben sie sich sehr über meine Melancholie betrübt und beunruhigt, die ich wohl durch einen Brief verrathen habe; aber wenigstens das weiss ich: es ist keine Verstimmung und Verdriesslichkeit. Sondern man geht eben auch so vorwärts. Gute Gesundheit! und gar keine Nerven!, glaub mir’s nur. Dich umarmend, guter Freund

Dein Friedrich N.


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BVN-1874,27

An Erwin Rohde in Kiel

c. 14 Mai 1874. Basel.


Hier, liebster armer Freund, einige Anti-Melancolica! die zunächst mir verordnet worden sind; Du wirst aus ihnen und aus Dir, durch Analogie, entnehmen, was mich quält: doch nicht so, dass ich vor Dir darüber klagen würde, weil ich weiss, wie sehr und wie viel mehr Du leidest. Ich denke öfters, es ist Dir tröstlicher, wenn Du von mir nur das Gute und Entschlossne hörst; aber sieh einmal die mitfolgenden Briefe an — ich gerathe mitunter in eine schreckliche Klagerei und bin immer mir einer tiefen Melancholie meines Daseins bewusst, bei aller Heiterkeit; da aber gar nichts zu ändern ist, lege ich es auf Fröhlichkeit an, suche das, worin mein Elend ein allgemeines ist und fliehe vor allem Persönlich-Werden. Mein Gott, ich rede so dunkel und ungeschickt, Du wirst mich doch verstehen.
     Übrigens bin ich wieder stark im Plänemachen, um mich ganz und gar zu verselbständigen und von aller officiellen Beziehung zu Staat und Universität mich in die unverschämteste Singulärexistenz zurückzuziehn, miserabel-einfach, aber würdig.
     Einstweilen habe ich Rothenburg ob der Tauber als meine Privatburg und Einsiedelei ausgesucht; im Sommer will ich’s besichtigen. Dort geht es wenigstens noch ganz altdeutsch zu; und ich hasse die characterlos gemischten Städte, die nichts mehr ganz sind. Dann mag’s billig sein. Dort kann man noch seine Gedanken ausdenken, hoffe ich, und Pläne für Jahrzehnte planen und zu Ende bringen.
     Meine „Historie“ hat mir aus Florenz einen äusserst sympathischen Brief eingetragen: gänzlich fremde Adresse: E. Guerrieri-Gonzaga. Ein Weib, scheint’s.
     Der junge Vischer-Heusler hat unserer Facultät (deren Dekan ich bin) 100,000 frcs geschenkt zur Gründung eines Lehrstuhl’s für Philologie und vergleichende Sprachwissenschaft. — Dem alten Vischer geht es sehr schlecht; greuliche Blasenleiden. — Heinze, mit mir recht gut bekannt, hält morgen seine Antrittsrede „über mechanische und teleologische Weltanschauung“.
     Meine nächste Unzeitgemässe heisst „Schopenhauer unter den Deutschen“.
     Dr. Fuchs ist mir wieder näher getreten, und ich habe ihm im Stillen alles verziehn, was mich bedenklich gemacht hat. Er laborirt sehr, am Leben, an sich selbst.
     Heute soll man gen Himmel fahren — bei eiskaltem und nassem Wetter.
     Sei nur ja nicht trostlos als ob Du einsam wärest — Schmerz und Liebe, alles bindet uns zusammen; und dann wollen wir doch einmal ernstlich darüber nachdenken, was zu einer dauernden Vereinigung alles Noth thut.
     Wären wir nur ein wenig begüterter! —
     Doch ist das Wenigste in diesem Falle schon ausserordentlich viel. Schreib mir doch Deine Gedanken darüber.
     Ich wollte den Hymnus schicken; doch habe ich solches Malheur mit Abschreibenlassen, dass ich allen Muth verloren habe.
     Nächste Woche ist Wagner’s Geburtstag.

Leb wohl, herzlich geliebter Freund.
Dein Friedrich N.



Die Gefährten, Overbeck und Romundt, tragen mir die besten Grüsse an Dich auf; ebenfalls meine Schwester, die seit zwei Wochen wieder mein Gast ist.


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BVN-1874,28

An Richard Wagner in Bayreuth

Basel, den 20 Mai 1874.


Verehrtester Meister

fünf Jahre sind vorbei seit jenem Pfingstsonnabend, da ich zuerst bei Ihnen in Tribschen erschien, und das nennt man ein Lustrum. So will ich denn diesmal Ihren Geburtstag benutzen, um für mich eine neue Zeitrechnung zu gründen, nach Lustren; damit verbanden die Römer grosse Reinigungsopfer und feierten dies Fest als ein rechtes Frühlingsfest. So aber muss ich’s auch feiern, als ein Fest der Lustration und der Jugend; denn mir ist wirklich so als ob ich seit jenem Mai vor fünf Jahren immer jünger und freier geworden sei; übrigens sagen es mir auch die Menschen, dass ich alle Jahre gesunder wohler und heiterer und überhaupt jünger aussehe. Es ist ein unvergleichliches Glück für einen, welcher auf dunklen und fremden Wegen tappt und stolpert, allmählich in die Helle geführt zu werden, wie Sie es mit mir gemacht haben; weshalb ich Sie gar nicht anders als einen Vater verehren darf. So feiere ich Ihren Geburtstag auch zur Feier meiner Geburt; und wenn damit wenig gesagt ist, um Sie zu ehren, so ist es doch die einzige Art, wie gerade ich Ihnen heute meine Verehrung ausdrücken kann.
     Nun möchte ich Ihnen so wenig als möglich Sorge machen; und deshalb verspreche ich Ihnen heute, dass für die nächsten zwei Jahre mein Leben gesichert und gegründet ist — zwar auf eine Hoffnung, aber eine solche, welche nie zu Schanden, sondern unter allen Umständen nur zum Heile werden lässt. Seit ich weiss, dass in Bayreuth der Berg überwunden ist — die ersten Monate dieses Jahres waren fürchterlich aus der Ferne mitzuerleben — ist die Mitternachtszeit- und -Sorge vorbei, und nun geht alles dem Lichte zu.
     Das würde Sie doch wohl nicht beunruhigen, wenn ich es eines Tags an der Universität, in der sonderbaren gelehrten Luft, nicht mehr aushielte? Ich sinne immer wieder nach, Sommer für Sommer, über „Verselbständigung“ unter den bescheidensten Verhältnissen (unter denen leben zu können ich stolz bin). Hier und da kommt es einmal zum Missmuth, doch sehr selten, und im Ganzen habe ich mich selbst in der Gewalt und hielte es wahrscheinlich selbst unter viel ungünstigeren Sternen aus als die sind, welche mir jetzt leuchten: und welche Glückssterne sind. Übrigens lohnt sich selbst jener seltnere Missmuth — wenn er wenigstens durch ergötzliche Briefe wie der Bandwurm schriftlich beseitigt werden kann. Ich selbst stak damals, als der Brief eintraf, tief in der Musikerei darin, welche ich mir, nach dem modernen Princip der „Selbsthülfe“, verordnet hatte. Zwar nicht die „Oper“ war’s — auch nicht die Nachtigall (worüber bei meiner „Musik“ gar kein Zweifel bleibt), aber es war, mit Respect zu reden, meine Musik und gefiel mir ganz absonderlich wohl. Auch glaube ich wieder viel dabei gelernt zu haben, und habe niemals mir so in Betreff figurirter Choräle ein Genüge gethan. Der Hymnus an die Freundschaft ist nun fertig — ich wollte, meine Freunde hätten einen besseren Componisten zum Freunde als ich bin; denn sie hätten es verdient.
     Jetzt geht es wieder philologisch-kritisch zu, das Semester hat wieder Gewalt über mich (auch glaube ich in der Vierheit meiner Zuhörer die schlechtesten Köpfe der Universität glücklich zusammen zu haben Sterbliche Menschen! Sterbliche Menschen, wie Falstaff sagen würde.) Aeschylus, den ich mit diesen Armen an Geist Körper und Schicklichkeit zu verhandeln habe, hat mich jetzt mit Oswald Marbach zusammengebracht; dieser schickte mir, mit einem Briefe über die Geburt der Tragödie, seine Übersetzung der Oresteia, sammt Commentar — und ich habe in beiden Hinsichten nichts Besseres bisher kennen gelernt, am wenigsten von Seiten der Philologen; so dass Oswald Marbach mir sehr viel Dank zu verdienen scheint. So sind im Commentar die tiefsten Bemerkungen. Er ist einer der ganz wenigen, welche mit einer natürlichen Noth und Liebe an der alten Tragödie hangen.
     In diesem Sommer werde ich wahrscheinlich einmal, Ihrer herzlichen Mahnung nicht so wohl folgend als ausweichend, in Bayreuth erscheinen; es ist so absurd, sich zu Dingen mahnen zu lassen, nach denen man mit allen Fingern greifen möchte. Doch hänge ich jetzt ein klein wenig sehr von dem innern Fort- und Ausgange meiner Arbeiten ab und weiss nicht über 14 Tage voraus meine Zukunft. Ich habe ein ganzes Nest voll halbausgebrüteter Eier im Kopfe. Fruchtbarkeit verpflichtet, sagte die Katze als sie 13 Junge warf.
     Und nun, geliebter Meister, mein Geburtstagswunsch! Behalten Sie nur, was Sie haben, dann geben Sie uns auch, was Sie haben und was wir so ohne Weiteres leider nicht haben! nämlich Siegesmuth und Unerschütterlichkeit und Jugend! Wir Anderen sind, Ihnen gegenüber, nun einmal nichts anderes als Greise, furchtsame, verschüchterte Greise. Und da dem „Ewig-Jungen“ selbst der Gott weicht, „in Wonne weicht“, so dürfen wir Alten wohl auch noch die erlösende That vom übernächsten Sommer zu erleben hoffen; und ein hoffender Alter wird dadurch selber jung.
     Und so will ich denn das lustrum feiern, das Frühlings- und Hoffnungsfest.

In herzlicher Liebe
Ihr
Friedrich Nietzsche


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BVN-1874,29

An Erwin Rohde in Kiel

[Basel, vermutlich 25. Mai 1874]


Nur ein paar Worte, zum Zeichen meiner Liebe und meines Dankes. Ich schicke Dir heute Briefe zu und denke immer wie alles Gute, was ich erfahre, auch Dir gehören soll.
     Zur Erheiterung anempfohlen: „E v. Hartmann über Romeo und Julia“ (er ist entweder ein Schelm oder ein Schaf, dabei bleibt’s!) Ich habe nicht geglaubt, so schnell wieder mit diesem Herrn vor diese Alternative gestellt zu sein.
     Sind Dir die Briefe eines aesthetischen Ketzers schon bekannt? Befinden ausgezeichnet; heute Ferien.

Bald mehr.
Dein Fridericus.


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BVN-1874,30

An Carl von Gersdorff in Gnadenberg

[Basel,] 1 Juni 1874.


Mein liebster bester und allergutster Freund, eigentlich bin ich ein wenig böse, dass Ihr mir gar nicht glauben wollt, dass es mir gut, ordentlich und gebührend geht. Freilich nicht gerade „sehr gut“, Censur Nr. 1 — aber was will man auch hier unter dem wechselnden Mond? Vielleicht bringe ich es aber, aus Trotz gegen Euch, noch zur Nr. 1.
     Also nur keine Besorgnisse.
     Herzlichen Dank für Deine beiden Briefe und insbesondre über Deine Bayreuther Mittheilungen. Ich habe mich einen halben Tag an dem Gedanken berauscht, mit Dir dort zusammenzutreffen. Es ging aber nicht! — Bitte, schreibe doch einmal ein Wörtchen an den armen Rohde, der recht bedenklich schweigt, ich weiss dass es ihm dann übel geht — und neulich schrieb er einmal wirklich erschütternd traurig. Der verdient solche Briefe, wie Ihr sie mir schreibt — ich verdiene sie gar nicht!
     Wirklich himmlisch ist der Gedanke, Dich und die Bayreuther in einer Heiraths-Überlegungs-Commission zusammen sitzend zu denken! Ja-a-a-aaber! muss ich da doch auch sagen, besonders wenn es auf den Rath hinausläuft, es gäbe viele Weiber, das rechte zu finden sei meine Sache. Soll ich denn wie ein Ritter einen Kreuzzug durch die Welt machen, um nach jenem von Dir so gelobten Lande zu kommen? Oder meinst Du dass die Weiber zu mir kämen, zur Musterung, ob sie die rechten wären? Ich finde dies Thema ein wenig unmöglich. Oder beweise das Gegentheil und mache einmal für Dich die Nutzanwendung. —
     Im Sommer will ich also nach Bayreuth gehen: nur fürchte ich an der Hitze zu leiden. Wir haben hier eine in dieser Hinsicht ganz eindrucksvolle Witterung.

Leb wohl, leb wohl, Getreuer
Unbesorglich-sein Sollender!
Dein Fridericus.


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BVN-1874,31

An Erwin Rohde in Kiel

1 Juni 1874.
Basel.



Liebster Freund,

ich erfahre so eben wieder durch Gersdorff und die Bayreuther, dass man sich sehr wieder um mich sorgt, dass man meine Stimmung gefährlich und galgenhumoral findet usw. Nun, ich kann mir nicht helfen, einige Menschen sehen aus der Ferne besser als ich aus der nächsten Nähe — und so mag wohl etwas an der Besorgniss daran sein. Nur dass mein Befinden, leiblich gesprochen, gut ist, Magen, Stuhlgang, Gesichtsfarbe, alles gesund, dazu bin ich wieder in leidlich productiver Seelenverfassung, also heiter, habe meine Schwester bei mir, kurz ich sehe einem Glücklichen so ähnlich als ich überhaupt weiss, was Glück ist — nämlich dass es etwas dergleichen giebt, ist kein Zweifel.
     Nun lies den Gersdorffschen Brief und denke Dir Dein Theil dabei. — Wüsste ich nur, dass es Dir nicht schlimmer gienge als mir! Ich seufze, wenn ich an Dich denke.
     Sage einmal, liebster Freund, willst Du nicht auch das Mittelchen gebrauchen, das ich selbst, ebenso Overbeck, gebrauchen? Man ritzt sich die Adern und lässt etwas Blut fliessen — unzeitgemäss wie die Andern schreien, die den Aderlass als ein überwundenes und antiquirtes Heilmittel betrachten. Ich meine: willst Du nicht auch einmal Dein und unser Elend etwas ausschütten und sagen, was Du leidest? Es liegt ganz gewiss etwas Befreiendes darin, den Leuten grob zu sagen, wie unser einer sich eigentlich unter ihnen befindet. Beseitigen wir den Bandwurm der Melancholie schriftlich — indem wir die Andern zwingen, unsre Schriften zu verschlucken.
     Habt ihr auch so herrliche Mondabende? Man mag gar nicht in die Häuser zurück und mitunter glaube ich wirklich, dass die Luft singt. — Ich habe eben die Vorrede zu meiner dritten Unzeitgemässen geschrieben.

Einen schönen allerherzlichsten
Sonntagsgruss!
Dein Friedrich N.


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BVN-1874,32

An Oswald Marbach in Leipzig

Basel den 14 Juni 1874.


Hochverehrter Herr Hofrath,

Ich komme so spät dazu, Ihnen für die Übersendung Ihrer Oresteia und des Prometheus zu danken, thue dies aber mit umso mehr Überzeugung als gerade die Beschäftigung mit der Oresteia — ich lese im Colleg die Choephoren — einer der Gründe war, der mich vom Briefschreiben abhielt. Ich weiss kaum einen andern Menschen noch und gewiss keinen jetzt lebenden Philologen, der in einem so tiefen und natürlichen Verhältniss zur antiken Tragödie stünde wie Sie und der so sehr gehört zu werden verdiente, wenn er etwas von seinen inneren Erfahrungen mittheilt. Ich las mit dem grössten Wohlgefühl Ihre Übersetzung und glaube nichts Besseres gelesen zu haben, so dass ich mir sofort Ihre Sophocles-Übersetsetzungen kommen liess. Im Commentar zur Oresteia fand ich die tiefsten und nachdenklichsten Sachen; übrigens ist es eine Wohlthat dass Sie auf die wilde Conjecturalkritik unsrer modernsten Aeschylus-Gelehrten einfach keine Rücksicht genommen haben. Der Dr Keck, Herausgeber und Verstümmler des Agamemnon hat in anmasslicher Weise sich im Jenaer Litteraten-Blatt über Sie ausgelassen — diese Herren thun wirklich als ob einer Hühner gestohlen hätte, wenn jemand, der nicht Philologe ist, sich auf ihrem Pachthofe, dem Alterthumsgebiete, sehen lässt. Vom Theater versteht dies Völkchen übrigens nicht die Spur, und ihre Verse versteht kein ehrlicher Mensch. Ich las einmal meinen Schülern die Keckische Übersetzung des Agamemnon vor und bemühte mich sehr — aber endlich lachte ich selbst mit über das verschrobene schwülstige Deutsch, in dem diese kleinen Aeschylus-Äffchen sich so grossartig fühlen. Gott sei Dank, dass Sie uns von der kauderwelschen Rhythmik befreit haben, in der gewöhnlich griechische Chöre übersetzt werden und die gewiss nicht griechisch und deutsch ist.
     Was Shakespeare angeht — kennen Sie das ekelhafte Pamphlet unsres Modephilosöphchen E. von Hartmann gegen Romeo und Julia?
     Wir leben in einer wunderlichen Zeit; die deutsche Gesittung knarrt in ihren Angeln, und die Gefahr ist gross.

Verehrungsvoll
Ihr
Dr Friedrich Nietzsche


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BVN-1874,33

An Emma Guerrieri-Gonzaga in Florenz

Basel den 14 Juni 1874.


Da Sie, verehrte Freundin, in Ihrem letzten Briefe eine kleine Beichte gemacht haben, sollte ich eigentlich das Recht haben, ein klein wenig Beichtvater zu spielen, bin aber dazu nicht im Stande und zwar deshalb weil das, was Sie beichten, mir gar sehr gefällt und viel mehr als Sie glauben können! Nämlich — es ist sehr hübsch dass Ihnen die „Geburt der Tragödie“ befremdend und mein AntiStrauss empörend vorkam, da ich es nun endlich auch einmal erlebe, von Jemanden der nicht „Wagnerianer“ ist, gern gelesen zu werden. — So wollen wir denn auch kein Wörtchen über jene beiden Schriften mit einander sprechen und es ganz und gar der Zukunft überlassen, ob sie uns wieder an jene Schriften erinnert. Ich würde Ihnen ohne die „Beichte“ ein Exemplar der erstgenannten, die jetzt eben in zweiter Auflage erscheint, geschickt haben, thue es aber nun nicht und verspreche dafür die dritte Unzeitgemässe — in der Sie wohl meine Antwort auf Ihre Frage finden werden, ob ich auch mit Ihnen an eine „zukünftige Religion auf ganz philosophischer Grundlage“ glaube? Nun möchte ich Ihnen durchaus aber heute etwas schicken, zum sofortigen Beweis, wie sehr ich mich über Ihren Brief ergötzt habe — es verdriesst Sie doch nicht dass ich das Wort „ergötzt“ brauche? Glücklicher Weise haben ja die ernstesten Dinge mitunter einen Anflug von Heiterkeit — und ich habe einen so guten Glauben an meine Meinung [Meinungen] und ihren unterirdischen Zusammenhang, dass ich fast darauf schwören möchte, es komme sehr bald einmal ein Tag, wo wir uns über Griechen und deutsche Cultur, über Strauss und Tragödie ebenso gut verstehen, wie über tausend andre Dinge. Das ist lächerlich, ein so guter Glaube, nicht wahr? Nun lachen Sie mich nur aus, ich verdiene es.
     Doch ich wollte sagen dass ich Ihnen heute durchaus etwas schicken möchte und dass ich nichts anderes hätte als ein Bild mit einer kleinen Inschrift darauf, von der ich wünsche, sie möge Ihnen das sagen, was sie mir sagt. Ich hörte einmal, bei einer Reise über den St. Gotthard, Mazzini diese Verse sprechen; er meinte, es seien die schönsten, welche Goethe gemacht habe.
                    Leben Sie recht wohl.

Ihr
Friedrich Nietzsche


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BVN-1874,34

An Erwin Rohde in Kiel

[Basel,] Sonntag 14 Juni 1874.


Liebster Freund, es macht mir und uns Sorge, gar nichts von Dir zu hören: glückt die Arbeit? Bist Du ein wenig aus der Höhle Adulam heraus? Hier geht es recht und geziemend zu, es wird viel vom Herbst und unsrer Zusammenkunft gesprochen, bald will ich einmal über eine Art Programm nachdenken; zur Unterhaltung für die Abende habe ich bereits etwas Sehr Schönes, von dem Du und Ihr Alle noch nichts wisst.
     In der letzten Zeit war Dein Landsmann Brahms hier, und ich habe viel von ihm gehört, vor allem sein Triumphlied, das er selbst dirigirte. Es war mir eine der schwersten aesthetischen Gewissens-Proben, mich mit Brahms auseinanderzusetzen; ich habe jetzt ein Meinungchen über diesen Mann. Doch noch sehr schüchtern.
     Eben habe ich an meine neue Freundin in Florenz geschrieben; ich nannte sie dir? die Marchesa Guerrieri-Gonzaga? Hast Du vielleicht von der Faustübersetzung von Guerrieri gelesen oder gehört? Hillebrand hat sie sehr gepriesen; sie ist vom Bruder des Gemahls.
     Übrigens höre ich dass Hillebrand in der Augsburgerin sich über meine Historie auslassen will. So schreibt Frl. von Meysenbug.
     Wir hoffen (ganz leise gesprochen) für den hier neugegründeten Lehrstuhl für vergleichende Sprachforschung Windisch zu bekommen. Kurios! Nicht wahr?
     Dem alten Vischer geht es recht schlimm, und die Befürchtung der Ärzte ist sehr gross; man glaubt kaum ihn noch durch dies Jahr zu bringen. — Unser alter Hagenbach ist gestorben.

Lebwohl lieber Getreuer.


     Und willst Du nicht ein Wörtchen schreiben, nur damit wir wissen ob Du heiter und tapfer bist.
     Wollen wir einmal in die Lotterie setzen?

Dein F N.


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BVN-1874,35

An Carl von Gersdorff in Gnadenberg

[Basel,] 4 Juli 1874.


Nun, liebster guter Freund, ich will dir bei aller Sommersonnengluth doch etwas erzählen. Erstens man sehnt sich nach Kühlung. Zweitens man schreibt tüchtig an der Unzeitgemässen, hoffte bis zu den Ferien fertig zu werden, kann es aber nicht, weil der Körper hinderlich ist und eine kleine Aufmunterung bedarf. Dagegen ist alles schon im schönen Zusammenhang, es wäre schade, wenn ich’s verdürbe oder vergässe. Wahrscheinlich gehe ich mit meiner Schwester etwas in’s Engadin. Mit Bayreuth bin ich über den guten Vorsatz nicht hinausgekommen; es scheint mir nämlich, dass sie dort ihr Haus und ihr Leben in Unruhe haben und dass gerade jetzt unser Besuch nicht passen würde. Ober mein Befinden sind sie übrigens beruhigt, Ihr habt alle euch in Schwarzseherei überboten. Endlich — ich kann jetzt nichts Anderes denken als das Fertigwerden und Gutwerden von Nr. 3. — Wie kamst Du übrigens, lieber Freund, auf den drolligen Einfall, meinen Bayreuther Besuch durch eine Drohung erzwingen zu wollen? Es sieht ja fast so aus, als ob ich freiwillig nicht hingehen möchte — und doch bin ich voriges Jahr zweimal, und vorvoriges Jahr zweimal mit den Bayreuthern zusammengetroffen — von Basel aus, und bei meinen erbärmlichen Ferienverhältnissen! — Wir wissen ja Beide, dass Wagners Natur sehr zum Misstrauen neigt — aber ich dachte nicht, dass es gut sei, dieses Misstrauen noch zu schüren. Und zu guterletzt — denke nur daran, dass ich gegen mich selbst Pflichten habe, die sehr schwer zu erfüllen sind, bei einer sehr gebrechlichen Gesundheit. Wirklich, es sollte mich niemand zu etwas zwingen.
     Dies alles recht herzlich und menschlich aufzunehmen!
     Denke Dir, dass der gute alte Vischer seit ein paar Tagen im Sterben liegt und die Familie um ihn versammelt ist. Du weisst, was ich an ihm verliere. —
     Eben meldet man mir den Tod des Appellationsraths Krug, des Vaters meines Freundes. Mein Freund Pinder, ebenso wie Gustav Krug, machen im Herbst Hochzeit — und es blühn die Geschlechter weiter.
     Für unsre Zusammenkunft habe ich etwas Sehr Schönes — ich bitte Dich aber, auch Deinerseits etwas mitzubringen. Vielleicht die italiänischen Übersetzungen!
     Doch nur wenn du Zeit und Musse hast, Adieu, lieber getreuer Freund.


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BVN-1874,36

An Erwin Rohde in Kiel

Basel den 4 Juli 1874.


Liebster Freund, wir haben heisse Tage, die Sehnsucht nach den Ferien wird gross; ich wollte gern mit meiner Nr. 3 der Unzeitgem. vorher fertig werden, doch geht es durchaus nicht, aus körperlichen Gründen. Wenn es nur ganz so herauskommt, wie ich wünsche! Ich freue mich darauf, es Dir mitzutheilen. Denn ich denke mir eigentlich, es müsste uns Allen nützlich und kräftigend sein (da ich es selbst so fühle) Ich rede wirklich aus Erfahrung, wenn ich Dir sage: man kann sich manche Dinge vom Halse und von der Seele herunterschreiben — mindestens für eine gute Zeit. Das Wort „reif“ „unreif“ verstehe ich in dieser Hinsicht gar nicht mehr, man hilft sich eben wie man kann, um es eben gerade noch auszuhalten. Ich wünsche nie, dass solche Dinge rein litterarisch in Betracht genommen werden. Und wenn sie irgend einen Werth haben, so ist es ihr illitterater Character: Dinge, über welche Recensionen zu schreiben eine Dummheit ist. —
     Unser guter alter Vischer ist sterbenskrank, die Familie ist um ihn versammelt und der Tod kann jeden Tag und jede Stunde eintreten, erhofftermaassen, zur Befreiung von schweren Schmerzen. Er ist unbedingt von allen Baselern der, welcher mir das bedeutendste und gründlichste Zutrauen geschenkt hat, auch in complicirten Verhältnissen. Kurz ich verliere dabei sehr, und die Universität wird mir um etwas gleichgültiger als sie es bereits ist. Wir, Overbeck und ich, sind doch jetzt in einer fast unheimlichen Vereinzelung, und es giebt hier und da Zeichen von furchtsamer Gesinnung gegen uns.
     Für unsre Herbstzusammenkunft habe ich den Vorschlag gemacht, dass jeder von uns etwas dazu mitbringt, von seinem Eigensten.
     Gott segne Dich und Deinen Roman und verleihe Dir kühle und reine Tage und wohl schlafende Nächte mit Mond- und Kometenscheine. Ich sehne mich nach kaltem Bergwasser wie eine wilde Sau.

Leb recht wohl.
Dein Fridericus.


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BVN-1874,37

An Gustav Krug in Naumburg

Basel den 6 Juli 1874.


Höre heute auch von mir, mein geliebter Freund, ein paar Worte herzlicher Betrübniss. Ich weiss freilich aus Erfahrung fast eben so wenig davon, was es heisst einen Vater zu verlieren als einen Vater zu besitzen. Dafür ist mir mein Jugendleben innerlich schwerer und bedrückender geworden als billig ist; und gerade aus meinem oft empfundenen Bedürfniss nach einem wahrhaft vertrauten und liebenden Berather wage ich es, auch heute den Grad und Umfang Deines Verlustes zu verstehen.
     Sehe ich nun auf Dich, so treten wieder die räthselhaft verbundenen Worte: Tod und Hochzeit, so schnell hintereinander vor meine Augen, dass des Lebens und Blühens gar kein Ende abzusehen ist. In Dir selber lebt Dein Vater fort, und sein Bestes und Edelstes soll in Dir unverloren sein.
     Und so soll auf jene wunderlich ungeheure Frage, die das Wort „Tod“ aufwirft, jenes Andere Wort eine Antwort geben. Eine Antwort: denn vielleicht giebt es mehrere. —

In alter getreuer Gesinnung
Dein F. N.


Grüsse Deine verehrten Angehörigen von mir und meiner Schwester, mit dem Ausdrucke des herzlichsten Beileides.


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BVN-1874,38

An Elisabeth Nietzsche auf der Frohburg

[Basel,] Den 6 Juli. [1874]


Meine liebe Lisbeth

wie geht’s? Schöner Morgen, nicht wahr? Und bereits ordentlicher Anschluss?
     Hier eine Postkarte, welche die Naivität unserer Mutter in die Welt geschickt hat, damit wahrscheinlich erst 10 Menschen in Naumburg und 10 Menschen in Basel sie lesen, bevor wir sie in die Hände bekommen. —
     Noch keine Nachricht über Vischers Befinden. — Das Hôtel in Bergün hat mir zugesagt.
     Es geht mir leidlich. Der Tag ist schön.
     Mittwoch hoffentlich auf Wiedersehn.

Dein F.


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BVN-1874,39

An Carl von Gersdorff in Gnadenberg

Basel den 9 Juli 1874.

Denke Dir, theurer Freund, vorgestern haben wir den Rathsherrn Vischer zu Grabe geleitet. Er starb auf die schmerzhafteste Weise, an Nieren- und Blasenleiden. Wir sind alle recht betrübt, ich zumal, der ich weiss, was ich an ihm verloren habe. — Sein Nachfolger wird voraussichtlich der Partei des „Volksfreundes“ angehören. —
     Hier giebt es eine wahnsinnige Hitze, vom frühen Morgen an. Sonntag will ich in Zürich etwas Musik hören (unter Hegar’s Leitung)
     Dr. Fuchs überschwemmt uns mit Briefen.
     Etwas ganz Rührendes habe ich von Seiten des alten Oswald Marbach erlebt. Er hatte mir, obwohl wir uns nicht kennen, seine ausgezeichnete Übersetzung der Oresteia überschickt, als Dank für die ihm inzwischen bekannt gewordene „Geburt der Tragödie“, über die er sich aussprach. Ich antwortete ihm, wenngleich spät. Und nun hat er sich in einem neuen Briefe gegen mich ausgeschüttet, dass es ergreifend zu hören ist: wie er sich nur zweier Begegnungen in seinem Leben freuen könne; die eine sei die mit Wagner, die andre die — mit mir. — Nun das klingt wunderlich, aber als an einer subjectiven Thatsache darf man daran nicht rütteln und mäkeln.
     Die Florentinerin heisst Marchesa Guerrieri; sie hat schon zwei Mal geschrieben.
     In mir gährt jetzt sehr Vieles, und mitunter sehr Extremes und Gewagtes. Ich möchte wissen, bis wie weit ich solcherlei meinen besten Freunden mittheilen dürfte? — Brieflich natürlich überhaupt nicht. Und furchtsam dürft ihr auch nicht sein; ich meine, ihr solltet an einen ordentlichen Fatalismus in Betreff Eures Freundes glauben und damit aller Sorgen für seine Gesundheit usw. enthoben sein. Wenn er noch etwas erreichen soll, muss er es auch erreichen können. Die Macht über die Mittel gehört zum Handwerk.

Lebe wohl getreuer Lieber.
Dein
Fridericus.


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BVN-1874,40

An Elisabeth Nietzsche auf der Frohburg

[Basel,] 9 Juli 1874


Nun, meine gute Lisbeth, hier ist das elende Geburtstagsbriefchen, in Schweiss und Angst geschrieben, denn es ist unerträglich heiss, und Du hast wohl gethan, oben zu bleiben und Milch zu trinken und mit Füchslein spazieren zu gehen. (Beiläufig: besagte Milch wüthete in meinem Magen derart, dass ich nächtlings drei Mal spazieren gieng, doch ohne Füchslein, aber im Hemdlein) Ich kam drei Minuten eher an als der Zug und hatte einen herrlichen Abendweg gemacht. Doch schmerzten die Augen sehr. Eben höre ich dass Frau Vischer-Heusler heute morgen abgereist ist; Overbeck, der dort war, aber niemanden gesprochen hat, brachte die Nachricht. Wahrscheinlich weisst Du es schon. Wann willst Du nun herabkommen? — Wie gesagt, bedenke, es ist unsinnig schwül. Ein Brief von Frau Willett liegt bei, ebenfalls eine etwas affectirte Traueranzeige von Krugs.
     Sonstige edle Gaben beizulegen trage ich Bedenken, da ich gar nichts zu verschenken habe, es sei denn eine Anzahl Briefmarken, woran Du eine bescheidne Freude haben magst.
     Aber schöne Wünsche fallen mir ein: alle Jahre mögest Du etwas jünger werden, bis hinauf zum 40jährigen Backfisch, nach dem bekannten Familienvorbilde. Alle Jahre mögest Du etwas reicher werden, mindestens um fünf Procent: so wirst Du mit ach[t]zig Jahren Dir ein Häuschen kaufen können, um darin das zweite Jahrhundert zu verleben. Ja sogar ein Wägelein könnte im 150 ten Jahre angeschafft werden; doch freilich weder für den Sommer zu gebrauchen, noch für den Winter, weil kein Pferdlein davor und kein Knechtlein darauf ist; nachdem naheliegenden Beispiele.
     Endlich: ich wünsche Dir von Herzen, dass Du nicht Dein ganzes Leben mit Füchslein spazieren gehest, sondern einmal nieder zu Deinem Bruder herunterkommst.

In Schweiss und Tiefsinn
bleibe ich
Dein neunundzwanzig jähriger
Bruder


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BVN-1874,41

An Ernst Schmeitzner in Schloßchemnitz

Basel den 15 Juli 1874.


Schön, geehrtester Herr, so wollen wir es denn einmal mit einander probiren. Noch im August denke ich Ihnen ein Manuscript zusenden zu können, ungefähr des Titels: „Arthur Schopenhauer“
     Darf ich voraussetzen, dass Sie meine zuletzt veröffentlichten Schriften kennen, so werden Sie auch die Frage erlauben: Wären Sie eventuell im Stande, die Fortsetzung meines Cyclus von „Unzeitgemässen Betrachtungen“ zu übernehmen? — Persönliche Verhältnisse machen es meinem bisherigen Verleger Hr. Fritzsch in Leipzig, wie er mir schreibt, wünschenswerth, seine gesammte Verleger-Thätigkeit zu sistiren.
     Meine Unzeitgemässen Betrachtungen sind sehr stark begehrt und gelesen; meine „Geburt der Tragödie“ erscheint so eben in zweiter Auflage.
     Vielleicht ist Ihnen mein eventueller Vorschlag nicht unwillkommen?
     Bitte, schreiben Sie mir ein Wort im Allgemeinen darüber. Und bald: da ich in die Ferien reisen will.
     Inzwischen wünsche ich von Herzen, dass über dem Beginn unserer Bekanntschaft gute Geister wachen mögen.

Ihr ergebener
Dr Friedrich Nietzsche


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BVN-1874,42

An Franz Overbeck in Basel

[Bergün, 20. Juli 1874]


Herzlichsten Gruss von den 2 Berghühnern, als welche in ihrer Art die einzigen in diesem Hôtel sind. Gespräche über Universitätsphilosophie und Reinlichkeit des Körpers geführt. Heute, Montag soll die Arbeit losgehen.

Deine Getreuen.


Adr: Bergün Hôtel Piz d’Aela.


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BVN-1874,43

An Elisabeth Nietzsche in St. Romay

Bergün,
Hôtel Piz Aela. Mittwoch. [22. Juli 1874]



Meine liebe Lisbeth,

hier leben wir nun, als die Einzigen ihrer Art, obwohl genug Fremde täglich durchkommen. Aber Pensionäre giebt es nicht, weshalb es mir fast scheint, als ob Bergün nichts für Dich gewesen wäre. Ich zahle mit Zimmer 6 frs. für die Pension. Die Gegend ist unmässig schön und viel grossartiger als Flims. Nur vermissen wir das Bad: zwar haben wir ein paar Stunden höher einen See, auch schwammen wir neulich drin herum, doch war es so kalt dass ich roth wie ein Krebs herauskam und mir die Haut etwas geschwollen ist. Die Reise lief gut ab, in Chur trafen wir die ganze Flimser Gesellschaft, Travers Rohrs Hindermanns, und ich hatte eine Art von aufrichtigem Bedauern, nicht mit nach Flims gehen zu können. In Hôtel Lukmanier logirten wir, der Bruder von Prof. Fritz Burckhardt sammt seiner Frau ebenfalls. Morgen[s] ging es um ¾ auf 5 weiter, herrliche Gegenden. Ein Holländer war mein Reisegenosse, gewöhnlich fuhren wir beide in einem Einspännerchen hinter den Posten her. Der Bergüner Stein und das ganze Thal ist wirklich das Schönste, was ich sah.
     Viel und glücklich gearbeitet habe ich noch nicht, mich hindert eine kleine Verstopfung, hervorgebracht durch die guten Veltliner Weine. Heute bekam ich einen Brief von der Marchesa Guerrieri, sie kommt in 8 Tagen nach Stachelberg und bittet mich sie dort zu besuchen; was ich natürlich auch thun werde.
     Hast Du denn an Frl. von Meysenbug geschrieben? Ich glaube, dies war ihre Adresse

Ischia, villa Micciola

     Wie geht es denn mit der Erziehung der Kinder? Als Curiosum noch die Mittheilung, dass ich neulich Abends einmal fast entschlossen war, Fräulein Rohr zu heirathen; so gut hatte sie mir gefallen. Dr. Fuchs hat natürlich wieder geschrieben, 16 Seiten, sehr schön und eine grosse Musik geschickt „Todtentanz“ (nach Goethe) von G. Riemenschneider und arrangirt von ihm und meisterhaft. Auch Fritzsch hat geschrieben und giebt nach, dagegen erwarte ich immer noch des Schmeitzner Antwort.
     So, meine geliebte gute Schwester, genug für diesmal. Romundt grüsst und ich wünsche Dir dass Du diesen Brief lesen und verstehen kannst, so wie auch alles sonstige Gute. Schreibe mir bald.

Treulich
Dein Bruder.


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BVN-1874,44

An Carl von Gersdorff in Gnadenberg

[Bergün, 26. Juli 1874]


Mein lieber Freund, herzlich habe ich mich über Deinen wohlgemuthen und vertrauensvollen Brief gefreut und kann Dir heute in einer gleichen Stimmung antworten. Voran die Mittheilung, dass ich doch noch einen Theil meiner Ferien in Bayreuth zubringen werde — nämlich von dem Tage an, wo meine Nr. 3 fertig sein wird: an ihr wird hier auf der Höhe rührig gearbeitet. In der Tiefe brachte ich nicht mehr eine Zeile fertig und hielt fast das ganze Thema für zu schwer für mich: hier oben aber ist mir Vertrauen und Kraft wieder gewachsen — obwohl mir auch jetzt noch vor einem gewissen Capitel graut. Nun gab es mancherlei Erlebnisse inzwischen: so ist leider der gute Fritzsch als Verleger für mich und Overbeck unmöglich geworden — weil er, aus zwingenden Gründen, seine Verlegerthätigkeit sistiren will. Zwar hatte er auch die Nr. 3 wieder angenommen, aber mit dem sauersten und verdriesslichsten Gesicht von der Welt: so dass ich bereits meinen Cyclus von Unzeitgemässen beschlossen und verpfuscht sah. Da passirte etwas Unerwartetes: ein Brief erschien von einem jungen Verleger und wie es scheint Verehrer, E. Schmeitzner aus Schlosschemnitz in Sachsen — und jetzt ist bereits alles in Ordnung gebracht: ich habe für alle Unzeitgemässen einen sehr bereitwilligen und voraussichtlich rührigen Verleger. So kann ich denn mein schweres Tagewerk fortsetzen — das Schicksal gab mir wahrlich ein günstiges Zeichen!
     In einer Woche treffe ich mit der Marchesa Guerrieri in Stachelberg zusammen, wohin zu kommen sie mich gebeten hat. Es soll eine ausgezeichnete Frau sein, nach Frl. von Meysenbug’s Urtheil und nach ihren eignen Briefen zu schliessen.
     Hier (in Bergün: vide Bädecker) bin ich mit Romundt in einer göttlichen Gegend. Wir sind die einzigen Pensionäre eines Hôtels, an dem täglich hundert Reisende vorbei passiren, auf dem Wege nach St. Moritz oder zurück. Einen See wie den Flimser haben wir freilich nicht: neulich suchten wir einen drei Stunden, auf der Höhe von 6000 Fuss, badeten und schwammen darin, aber erstarrten fast zu Eis und kamen feuerroth wieder heraus. Heute suchten wir eine Schwefelquelle auf, die noch nicht benutzt ist; auf dem Rückwege warf eine Ziege vor meinen Augen ein Zicklein, das erste lebendige Wesen, welches ich gebären sah. Das Junge war viel behender als ein kleines Kind und sah auch besser aus, die Mutter leckte es und benahm sich wie mir schien sehr vernünftig, während Romundt und ich furchtbar dumm dabei standen.
     Heute Abend werden wir Risotto essen, sagt mir ebenderselbige Romundt und hat es bereits bestellt.
     Als wir neulich in Chur ankamen, waren wir plötzlich inmitten der ganzen Flimser Gesellschaft, Travers, Rohrs Hindermanns; Fräulein Bertha sah wieder so vortrefflich aus, dass ich mich fast ärgerte, nach Bergün abzufahren. Nun wie wird’s im Herbste, bei der grossen Zusammenkunft der Verschworenen? Hoffentlich ist bis dahin meine Nr. 3 gedruckt und gelangt als eine Art Festgabe in Eure Hände.
     Nun lebe wohl getreuester und lieber Freund und nimm meine und Romundts herzlichste Grüsse

F N.


Adresse immer nur Basel.


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BVN-1874,45

An Franziska Nietzsche in Naumburg

[Bergün, gegen Ende Juli 1874]


Meine liebe gute Mutter, ich sitze hier auf den Bergen und will einmal an Dich wieder ein Briefchen schreiben, da unsre Lisbeth fern von uns Beiden ist und nicht wie gewöhnlich im Sommer Dir von mir und mir von Dir erzählen kann. Grimmiges Regenwetter seit ein paar Tagen, und alle Menschen sehr ungeduldig — das ist der Zustand in dieser Einsamkeit, an dem nur ich nicht Theil habe, weil ich mit Nachdenken und Fertigmachen einer neuen Schrift beschäftigt bin. Da lebt man anderswo, wo einem der Regen nichts anhat. Übrigens geniesst man ohne dran zu denken die stärkende Luft der Alpen und ist aus dem Stadt- und Alltagsleben heraus, da fällt einem manches ein, was man in der Tiefe und in der Sommerschwüle der Städte nicht findet.
     Sonst sind wir, nämlich Freund Romundt und ich, ziemlich Herren des Hôtels; nur kürzlich ist ein badischer Edelmann mit Familie und ein preussischer Beamter hinzugekommen. Sonst gehen bis zu hundert Menschen täglich hier mit Post vorüber und essen in diesem Hause, so dass wir mitunter zu zwei, aber dann auch zu 40 Personen zu Tisch sind. Der grösste Theil will nach St. Moritz, bleichsüchtiges und nervenschwaches Volk aus der ganzen Welt zusammengeführt durch die modische Berühmtheit jener Bäder.
     Im Herbst ist bei mir in Basel Zusammenkunft meiner Freunde; Gersdorff und Rohde und wir drei die jetzt in einem Hause wohnen, Overbeck, Romundt und ich — alle kommen oder bleiben dazu da. Ich bin leider meiner Schule halber um diese Zeit nicht flügge oder höchstens auf 10 Tage, und auch dies erst im October.
     Meine Freunde Krug und Pinder machen Hochzeit, und ich habe bereits mit Lisbeth über meine Geschenke an sie berathen. Ausser ihnen habe ich eine grössere 4 händige Composition, mit dem Titel „Hymnus an die Freundschaft“ gemacht, von der beide eine schöne Abschrift erhalten sollen.
     Mein Leben verstreicht unter grossen Unternehmungen und ich bin an die dreissiger Jahre herangekommen und immer mehr giebt es der Mühe und der Arbeit. Mitunter ist mir, ich hätte genug erlebt für sechzig Jahre.
     Gesundheit ist im Ganzen in Ordnung gewesen, seitdem ich meine Lebensweise verändert habe — Ärzte und Medicinen habe ich, was Dich freuen wird, seit Neujahr nicht mehr angewendet. Doch ist und bleibt der Magen schwach. Im Herbst werde ich Dich bitten, für mich einmal einen grossen Obstkauf zu machen ein paar Körbe guter Äpfel. Zu Mittag will ich wieder so einfach leben, wie ich es im ersten Vierteljahr gethan habe — und so wird’s gehen. Weisst Du noch, wie desperat es vorige Weihnachten um mich stand?
     Es wird Abend und ganz grau, da will ich schliessen und einen herzlichen Gruss an Dich heimsenden, hoch von den Engadiner Alpen her.

Treulich Dein Sohn Fritz.


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BVN-1874,46

An Franziska Nietzsche in Naumburg

[Bergün, gegen Ende Juli 1874]


Meine liebe gute Mutter, ich sitze hier auf den Bergen und will einmal an Dich wieder ein Briefchen schreiben, da unsre Lisbeth fern von uns Beiden ist und nicht wie gewöhnlich im Sommer Dir von mir und mir von Dir erzählen kann. Grimmiges Regenwetter seit ein paar Tagen, und alle Menschen sehr ungeduldig — das ist der Zustand in dieser Einsamkeit, an dem nur ich nicht Theil habe, weil ich mit Nachdenken und Fertigmachen einer neuen Schrift beschäftigt bin. Da lebt man anderswo, wo einem der Regen nichts anhat. Übrigens geniesst man ohne dran zu denken die stärkende Luft der Alpen und ist aus dem Stadt- und Alltagsleben heraus, da fällt einem manches ein, was man in der Tiefe und in der Sommerschwüle der Städte nicht findet.
     Sonst sind wir, nämlich Freund Romundt und ich, ziemlich Herren des Hôtels; nur kürzlich ist ein badischer Edelmann mit Familie und ein preussischer Beamter hinzugekommen. Sonst gehen bis zu hundert Menschen täglich hier mit Post vorüber und essen in diesem Hause, so dass wir mitunter zu zwei, aber dann auch zu 40 Personen zu Tisch sind. Der grösste Theil will nach St. Moritz, bleichsüchtiges und nervenschwaches Volk aus der ganzen Welt zusammengeführt durch die modische Berühmtheit jener Bäder.
     Im Herbst ist bei mir in Basel Zusammenkunft meiner Freunde; Gersdorff und Rohde und wir drei die jetzt in einem Hause wohnen, Overbeck, Romundt und ich — alle kommen oder bleiben dazu da. Ich bin leider meiner Schule halber um diese Zeit nicht flügge oder höchstens auf 10 Tage, und auch dies erst im October.
     Meine Freunde Krug und Pinder machen Hochzeit, und ich habe bereits mit Lisbeth über meine Geschenke an sie berathen. Ausser ihnen habe ich eine grössere 4 händige Composition, mit dem Titel „Hymnus an die Freundschaft“ gemacht, von der beide eine schöne Abschrift erhalten sollen.
     Mein Leben verstreicht unter grossen Unternehmungen und ich bin an die dreissiger Jahre herangekommen und immer mehr giebt es der Mühe und der Arbeit. Mitunter ist mir, ich hätte genug erlebt für sechzig Jahre.
     Gesundheit ist im Ganzen in Ordnung gewesen, seitdem ich meine Lebensweise verändert habe — Ärzte und Medicinen habe ich, was Dich freuen wird, seit Neujahr nicht mehr angewendet. Doch ist und bleibt der Magen schwach. Im Herbst werde ich Dich bitten, für mich einmal einen grossen Obstkauf zu machen ein paar Körbe guter Äpfel. Zu Mittag will ich wieder so einfach leben, wie ich es im ersten Vierteljahr gethan habe — und so wird’s gehen. Weisst Du noch, wie desperat es vorige Weihnachten um mich stand?
     Es wird Abend und ganz grau, da will ich schliessen und einen herzlichen Gruss an Dich heimsenden, hoch von den Engadiner Alpen her.

Treulich Dein Sohn Fritz.


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BVN-1874,47

An Elisabeth Nietzsche in St. Romay

Bergün, Donnerstag. [30. Juli 1874]


Meine liebe Lisbeth

heute greuliches Regenwetter, Wolken ganz tief. Inzwischen bin ich fleissig gewesen und habe meine Arbeit rüstig gefördert, doch bin ich noch weit vom Schlusse, weil das was noch fehlt, zum Schwersten gehört. Doch ist beschlossen, am Sonntag abzureisen und am Bayreuther Plan festzuhalten: ich brauche Erholung und finde sie vielleicht dort, Erheiterung zumal. Sonntag Abend bin ich in Chur, Montag früh fahre ich nach Stachelberg, Dienstag von dort zurück und über Rorschach nach Bayreuth. Stachelberg liegt fast am Wege, deshalb passt es mir.
     Unaufhaltsamer Regen. — Jetzt giebt es einige Pensionäre, eine würtembergische Adelsfamilie und etwas Schulmeisterhaftes aus Saarbrücken.
     Es plätschert wie toll seit heute früh. — Vorhin lasen wir die Kurlisten aus Graubünden und Engadin; zahllose Bekannte darin. Von früh bis Abends durchströmende Fremde. Nichts „Romanhaftes“, wonach Du begehrst. Fritzsch hat concedirt, dass die Unzeitgemässen anderswo fort erscheinen (Geld hat er nicht geschickt!) Schmeitzner hat in der artigsten Weise alles angenommen, und somit geht es ruhig weiter in der Veröffentlichung der Unzeitgemässen.
     Doch ist es etwas Schreckliches, so immer gegen den Strom zu schwimmen und mitunter habe ich das Leben recht satt.
     Overbeck hat geschrieben, doch nicht gerade zum Glück stimmend. Was hört auch unsereiner, wenn er nach Deutschland kommt!
     Meine Bemerkung über Fr. R[ohr] sollte Dich nicht aufregen, ich theilte sie als Curiosum mit. Übrigens sind Deine Bedenken meine Bedenken. Nur weisst Du, dass der Augenblick gewöhnlich mehr kann als eine ganze Kette von Nach- und Vorblicken.
     So scheint es beinahe, dass wir uns die Ferien nicht wieder sehn? Und nach den Ferien auch nur so abschiedsweise? Wir haben’s doch recht verrückt eingerichtet. — Willst Du übrigens, dass ich nicht nach Bayreuth gehe, sondern mit Dir irgendwo zusammentreffe, so telegraphire nur, und auch wohin. Oder willst Du mit nach Bayreuth?

Lebe recht wohl, liebe Lisbeth und denke an
Deinen Bruder.



     Sonntag, wie gesagt, bin ich Abends in Chur, Hôtel Lukmanier. Montag Abends Stachelberg bei Glarus.
     Romundt grüsst schön.
     Ich freute mich über Dein idyllisches Leben, grüsse Vischer von mir, auch die Knaben.


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BVN-1874,48

An Franz Overbeck in Dresden

Bergün, Donnerstag. [30. Juli 1874]


Liebster Freund und Waffengefährte, graues Wolkenmeer um uns und plätschernder Regen seit morgens früh. Dazu Betrachtungen über Reichthum und Ehre und wie unsereinem Beides entgeht und immer mehr entgeht. Trübsinn. Auch Romundts Nase hängt tief.
     Trotz alledem sollst Du jetzt einen Brief von den Berghühnern bekommen, und ich will versuchen, alles das aufzuzählen, was uns Gutes und Erquickliches begegnet ist — ausser Deinem Briefe, für den wir recht von Herzen danken.
     Erstens hat Schmeitzner in der artigsten Weise Ja! gesagt und freut sich die Unzeitgemässen zu bekommen, hält sie sogar für ein „rentables Unternehmen“. Zweitens hat Fritzsch geschrieben und ist ganz und ohne Sträuben darauf eingegangen, den Verlag der Unzeitgem. aus den Händen zu geben. Drittens bin ich fleissig gewesen und habe vielleicht 84 Druckseiten fertig und zum Absenden bereit gemacht. Allerdings graut mir vor dem, was noch fehlt, ein kleines Capitelchen in der Mitte, vom Schwersten! Schwerzusagendem!
     Drittens treffe ich nächsten Montag mit meiner italiänischen Dame Guerrieri in Stachelberg zusammen. Sie schrieb an mich zum dritten Male.
     Viertens will ich dann Dienstag nach Bayreuth und dort bis zum Schluss bleiben, Deiner wartend. Gott gebe mir einige Erheiterung, denn man trägt schwer am Leben und sorgt dafür dass es immer schwerer werde.
     Fünftens: die Musik Riemenschneiders habe ich mit hierher genommen; wir werden zusammen an ihr unsre Freude haben. Sie ist für mich wieder ein Beweis, dass ich auch die complicirteste Musik mir vorstellen und vorstellend geniessen kann; obwohl etwas Abstractes dabei bleibt und die Sehnsucht nach dem Tone gross ist.
     Hier leben wir nun, in einem trefflichen Hôtel, aufmerksam behandelt und nicht übertheuert. Jetzt sind einige Pensionäre hinzugekommen, Würtembergischer Adel, der sich die Frankfurter Zeitung nachschicken lässt. Wir haben bisher gesehen: einen Fels bei der Albulabrücke, zwei einsame Hochthäler trennend und überblickend, wohin ich mir einen Thurm zu bauen gedenke: eine Schwefelquelle in seinem Seitenthal, von uns in Flaschen mit nach Haus gebracht, um Obstruction (durch Veltliner Weine verursacht) zu heben: eine Ziege welche vor Romundts Augen gebar: einen Theateragenten mit zwei Theaterprinzessinnen: in Chur unsre vorjährige Flimser Gesellschaft, Fräulein Rohr dabei: im Hôtel Lukmanier den besten Kellner, der einmal mein Bedienter und Reisemarschall werden soll: in der Nähe des Albulapasses einen See, erschröcklich kalt, so dass ich es acht Tage fast zu büssen hatte, in ihm geschwommen zu haben: einen Schulmeister, der in Amerika war und jetzt etwas höher als Bergün lebt und ein reines Deutsch spricht, der sich aber auch nicht wäscht und badet wie alle Bergbewohner.
     Heute wurde uns erzählt dass Auerbach in Tarasp folgende Beobachtung gemacht habe: „am ersten Tage guckt man mich an, am zweiten grüsst man mich, am dritten fragt man „Nun Herr Doctor, wie bekömmt die Kur?“ — Vielleicht antwortet er darauf „Wie mein Rothfuss sagt: man kann nicht nasser werden als nass.«
     Gestern las Romundt aus Straussens neuem Glauben vor und wir bemerkten dass einige Sätze Auerbachs würdig sei[e]n.
     Sonst wird von mir fast nichts gelesen, von Romundt Wilhelm Meister, über den er nach Tische wie Julian Schmidt zu reden gewohnt ist. Es scheint, die Mahlzeit bildet.
     Fast möchte ich glauben, dass Du auch an einem guten Tranke braust, süss und bitter, Arznei und Gift, alles beides je nach der Person, für die er eingegossen wird; ich wenigstens habe einen ganzen Schirlingsbecher für die Philosophieprofessoren zu Stande gebracht — hoffentlich wird er Dir ein reines und süsses Getränk sein!

In herzlicher Gesinnung
Deine Freunde und Mit-gift-höhlenbären.


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BVN-1874,49

An Franz Overbeck in Dresden

[Bayreuth, vermutlich 7./8. August 1874]


Sieh doch zu, lieber Freund, dass Du ja nach Bayreuth kommst! Ich sage nichts, was da alles zu sehen und zu hören, überhaupt zu erleben ist — Komme nur: und richte es Dir bequem ein.
     Ich meinerseits hatte ein starkes Magen- und Bauchübel von meiner Reise davongetragen und musste mich gleich bei der Ankunft zu Bette legen. Doch ist jetzt die Kolik ziemlich im Abzuge — hoffentlich.
     Zwei Klaviervirtuosen Herr Klindworth und Herr Joseph Rubinstein sind hier; ersterer wohnt im Hause.
     Ich will am Sonnabend Morgens gegen 11 Uhr von Bayreuth abreisen. Ach! und fürchte mich davor.
     Herzlich vergnügtes Wiedersehn! Sammt den Grüssen und Einladungen Wagners — wir Alle erwarten Dich und freuen uns.

Dein Fridericus.


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BVN-1874,50

An Ernst Schmeitzner in Schloßchemnitz

[Basel, 19. August 1874]


Es wird Ihnen, geehrtester Herr, wahrscheinlich am erwünschtesten sein, wenn ich Ihren letzten mir sehr willkommnen Brief einfach so beantworte, wie ich es thue: durch Zusendung des Manuscriptes. Dessen erste Hälfte folgt anbei: die zweite werde ich spätestens in 14 Tagen in Ihre Hände liefern.
     Sie sehen, das, was Sie bekommen, ist das dritte Stück der „Unzeitgemässen Betrachtungen“.
     Meine Bedingungen sind dieselben, unter denen sie Herr Fritzsch übernommen hat: ich erbitte mir, bei einer Auflage von 1000 Exemplaren, ein Honorar von 10 Thaler pro [per] Bogen. Die Länge jeder „Unzeitgem. Betrachtung“ beträgt c. 100 Seiten.
     Wenn Ihnen dieser Vorschlag recht ist, so antworten Sie mir durch Übersendung des ersten Correcturbogens.

Alles Gute Ihnen anwünschend
ergebenst
Dr Friedrich Nietzsche.


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BVN-1874,51

An Gustav Krug in Düsseldorf

Basel 22 Aug. [1874]


Denke Dir liebster Freund dass Du mich um etwas Unmögliches bittest und dass ich schmerzlich bedauern muss, bei Deiner Hochzeit abwesend zu sein. Denn wir Baseler Professoren haben eine verruchte Ferieneinrichtung, nach der unser Semester strengstens bis zum Ende September fortgeführt wird. Dazu kommt, dass ich ebenfalls am andern Beine gefesselt bin, als Lehrer am Pädagogium: so dass der Monat September für mich ein harter Arbeitsmonat ist, der mich absolut festhält. Und so bleibt mir nichts übrig als in der Ferne auf irgend eine festliche Art den bezeichneten Tag zu begehen. —
     Ich schreibe in grosser Eile; nächstens erfährst Du mehr von mir, heute nichts als ein betrübtes: „Muss es sein? — Es muss sein!“ Hol’s der Teufel!

Treulich Dein Friedrich
Nietzsche.


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BVN-1874,52

An Ernst Schmeitzner in Schloßchemnitz

Basel, Mittwoch. [9. September 1874]


Geehrtester Herr,

so eben schicke ich den Rest meines Manuscriptes nach Leipzig, direct an C. G. Naumann, damit keine Verzögerung eintritt.
     Ich habe bereits zwei Bogen zur Correctur gehabt, und auch diese sind schon wieder zu Naumann zurückgewandert.
     Den Umfang der Schrift berechne ich auf 100 Seiten.
     So geht denn Alles des Schönsten und Schnellsten von Statten.

Mit freundlichem Grusse
Ihr ergebenster
Dr F. Nietzsche.


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BVN-1874,53

An Sophie Vischer-Heussler

Basel Freitag den 10. Sept. 1874


Verehrteste Frau

wir werden allesammt auf Ihre freundliche Einladung hin kommen, und zwar zeitig und auch nicht feierlich.

Ergebenst
der
Ihrige
Dr. F. Nietzsche

Basel Freitag den 10. Sept. 1874


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BVN-1874,54

An Ernst Schmeitzner in Schloßchemnitz

Basel. [15. September 1874]
Dienstag Morgen.



Geehrtester Herr,

das wäre freilich schlimm, wenn ich meine Bogen so schlecht corrigirte. Aber glücklicherweise liegt hier ein Mißverständniß zu Grunde. Denn ich hatte bis jetzt den Bogen noch gar nicht corrigirt, vielmehr ist das, was Sie vor sich gehabt haben, die erste Correktur, welche von Naumann besorgt wird; dagegen habe ich meine Correktur eben gestern Abend fortgeschickt — und in derselben sind alle die Dinge, an denen Sie Anstoß nehmen, beseitigt. Offenbar wird der Bogen nach der ersten Correktur Ihnen und mir zugleich zugesandt. — Ich hoffe, wie Sie, auf einen völlig fehlerfreien Druck. —
     Nun habe ich Ihnen noch für Ihre neulichen brieflichen Mittheilungen bestens zu danken. Was Freiexemplare anbetrifft, so habe ich bisher von Herrn Fritzsch 25 bekommen; ist Ihnen diese Zahl recht und billig? — Ich bin ganz einverstanden, wenn Sie Sich der Anweisung auf Wechsel bedienen. — In Hinsicht einer möglichst vortheilhaften Bekanntmachung durch Inserate erlaube ich mir später einen Vorschlag; heute fehlt es mir an Zeit. Es kommt nicht sowohl auf viele Inserate, sondern auf eine recht überlegte Auswahl von Zeitschriften an; so scheint mir. Die Namen von solchen ein andermal, wie gesagt. Heute meine Empfehlung und den Wunsch, daß das Ziel bis zum ersten Oktober erreicht würde; an mir soll es nicht fehlen.

Ergebenst der
Ihrige
Dr F. Nietzsche.


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BVN-1874,55

An Carl von Gersdorff in Gnadenberg

[Basel, 24. September 1874]


Es war eine schwere Zeit, mein lieber Freund, dieser Schlusstheil unseres Sommerhalbjahres und ich athme tief auf, dass es nun vorüber ist. Ich musste nämlich, bei allen sonstigen Arbeiten, einen ziemlich langen Abschnitt meiner Nr. 3 noch ganz und gar umarbeiten, und die unvermeidliche Angegriffenheit und Seelenerschütterung, die ein solches Sinnen und Wühlen im Tiefsten mit sich bringt, warf mich oft beinahe um, und auch jetzt noch bin ich nicht völlig aus dem Kindbettfieber heraus. Doch ist bei alledem etwas Ordentliches zur Welt gebracht worden, und ich freue mich darauf, dass Du dich darüber freuen wirst. Der Druck, sehr beschleunigt und in Folge davon eine Last mehr, ist beinahe fertig, und wenn Du ankommst, wird wohl bereits ein Exemplar fix und fertig vorliegen. Es gab schwere Tage und überlästige Nächte — ach, und ich wünschte oft: wenn nur einmal etwas Heiteres und Gutes von aussen her käme, da man selber gar nichts Heiteres mehr aus sich heraus pumpen konnte! Und da weiss ich was ich eines Morgens, gerade mitten in der bedürftigsten Zeit, mich über Dein Geschenk gefreut habe, mein lieber getreuer Freund, der Du wahrhaftig eine Witterung davon gehabt haben musst, warum Du es Mitte September schicktest und nicht später. Es kam so zur rechten Zeit! und ich war auf das Glücklichste überrascht, und wenn Du später das fünfte Capitel lesen wirst, so erinnre Dich, dass ich während dem öfter aufstand, um das kunterbunte Kinkerlitzchen anzusehen und anzulachen. — Übrigens hat es Rohde und wer es sonst gesehen hat sehr gelobt.
     Der arme Rohde war unser Genosse gerade während der gequältesten Zeit und wird schwerlich einen angenehmen Eindruck mit fortgenommen haben: denn auch Overbeck war in der gespannten Thätigkeit eines Menschen, der bis zu einem nahen Termine eine grosse Masse Manuscript druckfertig zu machen hatte; bis zum 5 October soll auch seine Schrift (der erste Band seiner Studien zur Kirchengeschichte) fertig sein, und fast jeden Tag kommt jetzt ein Correcturbogen. Rohde hat es schwer beklagt und gebüsst, dass aus unserer gemeinsamen Herbstzusammenkunft nichts geworden ist. Wir freuen uns nun sehr auf Deine Ankunft, geliebter Freund. Bringe uns Deinen Lebensmuth, Deine rührige Gesundheit und Energie mit; denn mitunter ist es hier, als ob wir verzagen müssten.
     Mit dem Dr. Fuchs, den Du gesehen und gehört hast, giebt es jetzt eine starke Verstimmung, Du wirst hier hören, weshalb. Ich wundre mich ein wenig, dass er mir selbst nur ein Concertprogramm zuschickt. Was hat er denn auf Dich für einen persönlichen Eindruck gemacht? Aber, wie gesagt, davon mündlich.
     Ich will jetzt Deinem Beispiele folgen und Walter Scott lesen; ich muss mich jetzt recht gründlich erholen, will noch eine Fusswanderung machen, ein Gewässerchen, meinem Magen zum Heile, trinken und versuchen guter Dinge zu sein. Auch Milch soll, gemäss Deinem Vorbilde, reichlich mir zugemolken werden.
     Der treffliche Emerson, welchen ich mit in Bergün hatte, ist mir sammt meiner ganzen vollen Reisetasche gestohlen worden: das schöne Exemplar vom Ringe des Nibelungen (mit Wagners Widmung) war auch dabei. Moral: man soll seine Reisetasche auf Bahnhöfen nicht unbehütet liegen lassen, sonst ist gleich ein schändliches und tückisches Thier da, welches Reisetaschen auflauert.
     Melde Du lieber Freund doch des Kürzesten, wann Du eintreffen willst.

Dich herzlich erwartend
Dein Fridericus.


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BVN-1874,56

An Erwin Rohde in Hamburg

[Basel, 26. September 1874]


Liebster Freund, die alte Wittib mahnt mich an aus ihrem Ofenwinkel, Du möchtest ihr doch den Hausschlüssel wiedergeben, welchen Du mit auf Reisen genommen hast.
     Heute, endlich! giebt es die letzte Stunde vor den Ferien, und aus der Schule geht’s fort auf den Bahnhof, von da auf den Rigi, mit Romundt und Baumgartner zusammen — und dort soll eine Kur mit viel Aufwand von Milch und Bergluft versucht werden.
     Ich schlief die Nacht wenig und käute einige Stunden lang eine ganz thörichte Sache in mir herum und konnte sie nicht los werden, ob ich gleich mich auslachte. Sterbliche Menschen! Einer meiner 4 Aeschylus-Krüppel hat sich hinterdrein entpuppt als Tapezierer, er ist 30 Jahr und hat das Griechische im 29 ten angefangen.
     Der letzte Correcturbogen wird heute erwartet. Der arme Overbeck dagegen ist an die Scholle gebunden und kann nicht mit, weil es bis zum 5 ten October noch 8 Bogen zu corrigiren giebt. Sterbliche Menschen!
     Hinterdrein haben wir Dich und uns bejammert, dass Kiel und Basel so sonderbar unter dem Zeichen des Scorpion zusammenkommen mussten. Wenn Du nur nicht ein allzu dunkles Bild mitgenommen hast! Die Temperatur ist in unserem Hause im Durchschnitt um einen Grad glücklicher; während wir diesmal so recht der verfluchten Fuchsischen Wendung nachlebten: gequält geniessend“.
     Ach guter Freund, ich möchte gerne irgend wo hinaus und sei’s an den Wänden empor. Rechne ich jetzt meine Freunde noch hinweg, so wird mir unsäglich grau und grässlich zu Muthe. Gott sei Dank, dass ich Euch habe, und dich! liebster Freund! und dich!

Dein treuer
F. N.


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BVN-1874,57

An Franz Overbeck und Heinrich Romundt in Basel

[Luzern, 2. Oktober 1874]


Dies nämlich, lieben Freunde, ist mein Hauptquartier, seit Dienstag und soll es bleiben, bis nächsten Dienstag Abend. Dann ist nämlich ein Cyclus von Bädern zu Ende, auf die ich abonnirt bin, um doch etwas für die Gesundheit zu thun oder — mir selber zu thun scheinen. Heute Regentag und grosser Jahrmarkt, zu Ehren des heiligen Leodegar. Vor meinem Fenster spielt Kasperl, und fortwährende Musik: doch werde ich ebenso wenig wie Seneca davon verführt. Meine Nachbarn bei Tische und Mitpensionäre sind Bischof Reinkens und Prof. Knood; der Oberkellner hält mir Reden über die Bedeutung dieser Herrn für die Schweiz und führt den Erfolg der Revisionspartei auf sie zurück. Ich komme, so ganz in der Nähe, aus der ironischen Stimmung nicht heraus: doch sind’s gute Kerle und auch nicht die Spur Bischof, sondern Professoren, wie wir sie kennen. Doch entlockte ich dem guten Knood durch einige dumme Bemerkungen über Olten (Pfarrer Herzog ist auch hier) und russische Eisenbahnbüffets zwischen Petersburg und Moskau die gutmüthige Mittheilung, dass er letztere wohl im nächsten Jahre kennen lernen werde. Ha! dachte ich. — Übrigens lebe ich in göttlicher Harmlosigkeit, spazierengehend und immer bemüht, mir klar zu machen, dass ich 30 Jahre alt werde. Fortwährendes Spazierengehen oder -fahren oder -baden oder -lesen; denn in alledem ist die gleiche Stimmung, des animus spatiandi. Frau Baumann ist gebeten, mein Clavier zu stimmen, den Ofen einmal zur Probe heizen zu lassen und mir zum Dienstag Abend wieder das gute Grahambrod zu beschaffen. Sollte das Wetter wieder schön werden, so kommt vielleicht unser Freund Gersdorff noch ein paar Tage hierher, denn es ist ausserordentlich schön hier und meinen Thurm trage ich mit mir herum, um ihn [bald hier] bald da und jeden Nachmittag an einem neuen Orte aufzustellen.
     Ich denke viel an Euch: wer 30 Jahre alt wird, zählt seinen Schatz auf und frägt sich, ob er es mit dem Leben aufnehmen kann. — Ja, scheint’s.
     Und was machen die Correcturen? Und der Termin des 5 ten October? Und die zu erzeugenden neuen Werke, Eier der Baumannshöhlenvögel?
     Rohrdommel, beiläufig, heisst eine Hauptperson in Klopstocks Gelehrtenrepublik.
     Bitte an Frau Baumann: sie soll das Zimmer für Gersdorff sich einmal ansehen und es mit dem, was noch etwa noththut, Teppiche, Lampe, Blumen usw. versehn; und je mehr sie von meinen Sachen nimmt und hinüberstellt, um so besser.
     Und nun lebt wohl, ihr Getreuen

Euer Freund und Bruder
St. Gotthard.


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BVN-1874,58

An Erwin Rohde in Hamburg

Basel den 7ten October 1874.


Gestern Abend, mein lieber Freund, kam ich aus den Bergen zurück und heute morgen soll das nun bevorstehende Winterleben mit einem Geburtstagsbriefe an Dich begonnen und eingesegnet werden. Es fehlt mir nicht an Muth und gutem Vertrauen: das habe ich aus der Stille der Berge und Seen mitgebracht, wo ich recht bald bemerkte, woran es einem fehlte oder vielmehr woran man ein Übermass hatte. Nämlich an Egoismus; und das kommt von dem ewigen Für sich-Fortbrüten und Fortleiden. Zuletzt fühlt man sich fortwährend, als ob man hundert Narben hätte und als ob jede Bewegung wehe thäte. Aber wahrhaftig, nun werde ich nächstens 30 Jahre, da muss es ein wenig anders werden, nämlich männlicher und gleichmässiger und nicht mehr so verdammt auf und nieder. Sein Werk fortsetzen und dabei so wenig als möglich an sich denken — das muss es wohl sein, was noth thut. Ich kam mir bei einiger Besinnung recht undankbar und albern vor, mit meiner quälerischen Verzagtheit: denn ich dachte daran, wie unvergleichlich ich eigentlich durch die letzten 7 Jahre hindurch beschenkt worden bin und wie ich nicht genug empfinden kann, was ich an meinen Freunden habe. Eigentlich lebe ich ja durch Euch, ich gehe vorwärts, indem ich mich auf Euch stütze; denn mit meinem Selbstgefühle steht es schwach und erbärmlich, und Ihr müsst mir immer wieder mich mir selber gewährleisten. Dazu seid Ihr mir die besten Vorbilder; denn sowohl Du als Overbeck, Ihr tragt das Lebensloos würdiger und mit weniger Klagen, obschon Du es in manchem Sinne schlechter und beschwerlicher hast als ich. Und am meisten empfinde ich es, wie ihr mich weit gerade durch liebevolle Gesinnung übertrefft und an Euch weniger denkt. Darüber habe ich viel in der letzten Zeit nachgesonnen; dies darf ich Dir bei Gelegenheit eines Geburtstagsbriefes schon sagen.
     Ich war mit Romundt und Baumgartner ein paar Tage auf dem Rigi, dann eine gute Woche allein in Luzern. Meine Tischnachbarn waren der Bischof Reinkens und Professor Knood. Heute Abend ist die Taufe von Immermann’s Jüngstem; wir Drei assistiren dabei. Ich war mehreremal in Tribschen und vermisste viel, viel; mit der Gräfin Bassenheim in Luzern schüttete ich das Herz aus, auch sie fühlt sich durch Wagners Fortgang ganz und gar „enterbt“ und hatte offenbar eine grosse Freude etwas Neueres und Genaueres über Baireuth zu hören. Gersdorff kommt erst gegen den 12 October, Du siehst, wie unsere Herbstzusammenkunft ganz in Stücke zerfällt, denn er kommt wieder in eine Arbeitszeit hinein, da meine Stunden mit dem 10ten beginnen. Overbeck ist noch im Corrigiren drin, ich bin damit fertig und erwarte stündlich das Eintreffen der fertigen Exemplare, damit sogleich eins derselben an Dich abgehen könne. Inzwischen ist mir der Inhalt der Nr. 4 ungefähr aufgegangen: was mich sehr erfreut hat, da ich es wie ein Geschenk hinnehme. Romundt hat litterarische Absichten; privatim gründet er den Staat und die Religion. Dr. Fuchs hat durch Übersendung von Grüssen und Concertzettel ausgedrückt, dass es noch nicht aus ist; und Overbeck hat ihm einen guten ehrlichen Brief über alle unsere Beschwernisse geschrieben. Baumgartner hat mir ein grosses Bild von sich hinterlassen, das ganz ausgezeichnet gelungen ist. Krug und Pinder reisen mit ihren Ehegattinnen herum und treffen mit einander in Heidelberg zusammen; ich habe leider Krugen verfehlt, ebenfalls Deussen, der auch durch Basel reiste und mich sprechen wollte.
     Geld und Schlüssel ist angekommen, ich danke schönstens. Gersdorff soll in das gleiche Logis, wir wollen zusammen recht viel Deiner denken. Wenn Dein Roman fertig ist, so telegraphire, ich bitte Dich, damit wir ein kleines Fest a tempo feiern können. Wenn ich nur wüsste, wie Du Dir etwas Musik schaffen könntest, Musik unserer Art!
     Draussen ist der sonnigste Herbst und ich habe so schöne Trauben auf dem Tische, dass ich nur wünschte, Du könntest sie essen, und wir sässen beisammen, ich spielte Dir etwas vor; auch famose Cigaretten habe ich aus Luzern mitgebracht. Das ist nun Alles wieder vorüber.
     Leb wohl, mein lieber theurer Freund und bleibe mir so zugethan, wie bisher — dann wollen wir’s schon noch eine Weile auf Erden aushalten.

Dein
getreuer
Friedrich Nietzsche


Da fällt mir ein, dass ich ja ein fertiges Exemplar der Nr. 3 besitze, freilich nur in Aushängebogen. Immerhin, es kommt zur rechten Zeit, wenn es gerade zum 9ten kommt.


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BVN-1874,59

An Cosima Wagner in Bayreuth (Disposition)

[Basel, um den 10. Oktober 1874]


Dank für Stuhl.
Gr[äfin] Bassenheim
Schopenhauer. Telegr.
Overbecks Schrift.
Fuchs.
30 Jahr.
Baumgartner
Rohde.
Bild


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BVN-1874,60

An Richard Wagner in Bayreuth (Entwurf)

[Basel, um den 10. Oktober 1874]


Der Sommer ist nun ganz und gar dahin, meine Herbstfreiheit auch; aus der Zusammenkunft meiner Freunde, wie ich sie gerade für diese Zeit vorgeschlagen hatte, ist nichts oder etwas anderes geworden, — Gersdorff wurde [wird] von Tag zu Tag erwartet, kommt aber bereits in meine Schulnothzeit hinein, Rohde traf es noch unglücklicher, als er sich 2 Wochen bei uns niederließ: denn wir alle waren gerade in ziemlich unerträglicher Weise mit Arbeiten beschwert und konnten dem Freunde wenig sein. Krug ist mit seiner Gattin hier durchgekommen, Deussen auch, der junge Baumgartner hat mich verlassen, um in Bonn für ein Jahr lang Soldatendienste und zwar als Husar zu thun. Wir drei Freunde in der Baumannshöhle gehn viel mit einander spazieren, doch nicht ohne das Gefühl des Lächerlichen, das an einer isolirten Dreiheit haftet; und wie wir gegen Abend unsre drei langen Schatten neben uns herschreiten sehen, so lachen wir uns gewöhnlich todt; denn wir können nicht umhin, der drei gerechten Kammmacher zu gedenken. —
     Die nächsten Tage, denke ich, überbringen Ihnen meine Nr. 3 welche ich Ihrer theilnehmenden Gewogenheit recht herzlich anempfehlen möchte. Die sonstigen Leser werden meinen, ich rede in derselben vom Mann im Monde. Zuletzt kommt es mir ja allein auf 6—7 Leser an. Das geht nun seinen Lauf und ich wüßte wenig noch dazu zu sagen. Inzwischen haben sich die Gedanken der vierten Nummer schon einigermaßen spüren lassen, aber die schwere Verpflichtung dieses Winters, griech. Litterat.geschichte zu lesen, macht es mir unwahrscheinlich, daß ich bald wieder Hand anlegen kann.


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BVN-1874,61

An Ernst Schmeitzner in Schloßchemnitz

Basel den 15 October 1874.


Geehrtester Herr,

ich war ein paar Wochen verreist, und deshalb kam Ihre Wechselsendung ein wenig später in meine Hände. Indem ich mich für dieselbe bestens bedanke, habe ich zugleich auszusprechen, dass ich mich über die vollendeten Exemplare meiner Schrift freue und dass ich Ihnen von Herzen einen guten Anfang und Fortgang in Ihrer Verleger-Laufbahn wünsche. Ein hiesiger Buchhändler hat bereits die Schrift und sendet sie herum; Sie würden mich deshalb verbinden, wenn Sie mir die Freiexemplare, welche Sie mir bestimmt haben, recht bald übersenden wollten. —
     Anbei folgen meine Vorschläge in Betreff der Buchhändler-Anzeigen und der Recensions-Exemplare.

Mit vielen guten Wünschen
Ihr ergebener
Dr Friedrich Nietzsche


Anzeigen
     Litterarisches Centralblatt von Zarncke
     Augsburger Allgemeine
     Kölnische Zeitung
     Nationalzeitung
     Rheinisches Museum für klassische Philologie
     Jenaer Litteraturzeitung von Klette
     Kladderadatsch?
          u.s.w. / Norddeutsche Allg. Zeitung.
                    Fritzsch musik. Wochenblatt.

Recensionsexemplare
     unter anderem auch an
     Demokratische Berliner Zeitung, Redacteur Lübeck
          (etwa 2 Exemplare: er hat jüngst brieflich darum gebeten)
     Revue critique in Paris, |
     Academy, London           | wie bei Prof. Overbeck
     Litterar. Centralblatt
     Jenaer Litteraturzeitung


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BVN-1874,62

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Basel, 16. Oktober 1874]
Freitag Vormittag.



Meine gute liebe Mutter und Schwester, ich schreibe gleich ein Paar Worte zum Zeichen meiner herzlichen Freude und meines Dankes für Eure Wünsche und Gaben. Die Kiste kam ganz und gar zur rechten Zeit, nämlich am Donnerstag früh, noch bevor ich aufgestanden war, die hübschen Verschen, die mir schon etwas verrathen hatten, den Tag zuvor. Wir erwarteten stündlich die Ankunft Gersdorffs, aber er erschien nicht, und bis diesen Augenblick wissen wir nichts von ihm, ganz wider seine brieflichen Verheißungen. Von Rohde und Gustav Krug bekam ich Briefe; letzteren habe ich leider in Basel nicht zu sehen bekommen, weil ich gerade in den Tagen, als er mit seiner Gattin durchkam, in Luzern war. Mittags aßen wir drei Freunde zusammen im Schützenhause; der vierte Platz war für Gersdorff bestellt. Anbei folgt meine jüngste Schrift. Brief an Frau Margreth und Rechnung an Höflinger ist besorgt. Vorigen Dienstag war ich Abends bei Geizers, heute werde ich bei Miaskowsky’s sein. Mittwoch vor 8 Tagen nahmen wir Theil an der Immermannschen Taufe. Bei Frau Heinze war ich vor Kurzem; sie war die letzte Zeit in großer Sorge um den einen Jungen gewesen, der eine Knieentzündung (an beiden Knien) hat. Doch ist sie jetzt beruhigt, es scheint die Nachwirkung von zu starkem anstrengenden Schwimmen im Rhein während des Sommers und vielleicht nur das Symptom schnellen Wachsthums. Der Junge ist dabei ganz wohl und heiter.
     Das Köfferchen wird mir gute Dienste thun, die Schinkenwurst ist soeben angeschnitten worden. Portemonnaie, Schlüsseltasche, Zahncigarre, neue Taschentücher — Alles sehr angenehm und erwünscht. Inzwischen ist eine große Menge von Büchern eingebunden worden. Mein neuer Verleger hat auch die zwei ersten Nummern der Unzeitgem. B. an sich gekauft. Overbecks Buch wird ebenfalls baldig erscheinen.
     Mit den Dreißiger Jahren ist es eine eigene Sache. Viel Mühe und Arbeit vor sich, manche Entscheidungen nöthig — da giebt es keinen Grund zur Heiterkeit, es sei denn, daß es immer Gründe zur Heiterkeit geben müsse.
     Adieu, meine Lieben! Es grüßt Euch in herzlicher Dankbarkeit

Euer Fridericus


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BVN-1874,63

An Malwida von Meysenbug in Rom

Basel den 25 October 1874.


Endlich, verehrtestes Fräulein, komme ich wieder dazu, Ihnen etwas von mir zu erzählen, nämlich dadurch, dass ich Ihnen wieder etwas Neues von mir überreiche; aus dem Inhalte dieser letzten Schrift werden Sie genug von dem errathen, was ich inzwischen in mir erlebt habe. Auch dass es mit mir im Verlaufe des Jahres mitunter viel schlechter und bedenklicher stand als im Buche zu lesen steht. In summa aber doch dass es geht, vorwärts geht und dass es mir nur gar zu sehr am Sonnenscheine des Lebens fehlt; sonst würde ich sagen müssen dass es mir gar nicht besser gehen könnte als es geht. Denn es ist gewiss ein hohes Glück, mit seiner Aufgabe schrittweise vorwärts zu kommen — und jetzt habe ich drei von den 13 Betrachtungen fertig und die vierte spukt im Kopfe; wie wird mir zu Muthe sein, wenn ich erst alles Negative und Empörte, was in mir steckt, aus mir heraus gestellt habe, und doch darf ich hoffen, in 5 Jahren ungefähr diesem herrlichen Ziele nahe zu sein! Schon jetzt empfinde ich mit wahrem Dankgefühle, wie ich immer heller und schärfer sehen lerne — geistig! (leider nicht leiblich!) und wie ich mich immer bestimmter und verständlicher aussprechen kann. Wenn ich in meinem Laufe nicht völlig irre gemacht werde oder selber erlahme, so muss etwas bei alledem heraus kommen. Denken Sie sich nur eine Reihe von 50 solchen Schriften, wie meine bisherigen 4, alle aus der inneren Erfahrung heraus ans Licht gezwungen, — damit müsste man doch schon eine Wirkung thun, denn man hätte gewiss vielen Menschen die Zunge gelöst, und es wäre genug zur Sprache gebracht, was die Menschen nicht so bald wieder vergessen könnten und was gerade jetzt wie vergessen, wie gar nicht vorhanden erscheint. Und was sollte mich in meinem Laufe stören? Selbst feindselige Gegenwirkungen werden mir jetzt zu Nutzen und Glücks, denn sie klären mich oftmals schneller auf als die freundlichen Mitwirkungen: und ich begehre nichts mehr als über das ganze höchst verwickelte System von Antagonismen, aus denen die „moderne Welt“ besteht, aufgeklärt zu werden. Glücklicherweise fehlt es mir an jedem politischen und socialen Ehrgeize, so dass ich von da aus keine Gefahren zu befürchten habe, keine Abziehungen, keine Nöthigung zu Transaktionen und Rücksichten; kurz, ich darf heraussagen, was ich denke und ich will einmal erproben, bis zu welchem Grade unsre auf Gedankenfreiheit stolzen Mitmenschen freie Gedanken vertragen. Ich fordere vom Leben nicht zu viel und nichts Uberschwängliches; dafür bekommen wir Alle in den nächsten Jahren etwas zu erleben, worum uns alle Vor- und Nachwelt beneiden darf. Ebenfalls bin ich mit ausgezeichneten Freunden wider alles Verdienst beschenkt worden; nun wünsche ich mir, vertraulich gesprochen, noch recht bald ein gutes Weib, und dann denke ich meine Lebenswünsche für erfüllt anzusehen — Alles Übrige steht dann bei mir.
     Nun habe ich genug von mir gesprochen verehrteste Freundin und noch gar nicht verrathen, mit welcher herzlichen Theilnahme ich immer an Sie und an Ihr schweres Lebensloos gedacht habe. Ermessen Sie es an dem Tone unbedingten Vertrauens, in dem ich vor Ihnen von mir spreche, wie nahe ich mich Ihnen allezeit gefühlt habe und wie sehr ich wünschte, Sie hier und da ein wenig trösten und unterhalten zu können. Nun leben Sie aber leider so schrecklich entfernt. Vielleicht aber mache ich mich doch einmal um die nächste Osternzeit auf, Sie in Italien zu besuchen, vorausgesetzt dass ich weiss, wo Sie da zu finden sind. Inzwischen meine innigsten Wünsche für Ihre Gesundheit und die alte Bitte, mir freundlich gewogen bleiben zu wollen.

Treulich
Ihr
ergebenster Diener
Friedrich Nietzsche


     Ich bin kürzlich 30 Jahre alt geworden.
     Anbei die Photographie meiner Schwester, die nicht mehr bei mir ist.


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BVN-1874,64

An Gustav Krug in Düsseldorf

Basel den 31 October. [1874]


Es ist wunderlich zugegangen, dass wir uns, mein lieber Freund, in diesem Jahre gerade gar nicht zu sehen bekommen haben. Nichts wollte passen; zuletzt muss ich gar noch gerade von Basel abwesend sein und Deinen Brief fast acht Tage zu spät bekommen. Und zwar war ich nicht in Deutschland; denn da, wahrhaftig, hätte ich Dir einen Besuch gemacht und wäre von Herzen gern Dein erster Hausgast gewesen. Inzwischen habe ich Dir meine jüngste Schrift zugeschickt; aber Gott weiss, ob sie gerade zu Deiner jetzigen Stimmung passt. Ich glaube nicht; lass sie also nur liegen. Aber ist es nicht wahr, nichts will jetzt zwischen uns mehr passen? — Und doch weiss ich keinen Schuldigen — es sei denn — Aber nein, ich sage kein Wort mehr.
     Nun sage einmal: wirst Du es denn so einrichten können, dass wir im nächsten Sommer zusammen in Bayreuth sind, genau, von der Mitte Juli bis Mitte August? Ich werde dort mit meiner Schwester zusammen ein Logis haben; von meinen Freunden erscheinen Gersdorff, Rohde und Overbeck. Es wird die Zeit der grossen Instrumentalproben sein. Liszt ist auch dort, und wer nicht. Übrigens wird die Partitur der Götterdämmerung wohl in den nächsten Wochen fertig sein; nach den letzten Berichten jammert bereits die arme Gutrune. Klindworth ist in der zweiten Scene des dritten Actes; die beiden ersten Acte sind schon fertig gedruckt, im Sommer spielte sie Klindworth mir vor, denn ich war mit ihm zusammen in „Wahnfried“ ein paar Wochen zu Gaste.
     Wie glücklich sind wir daran, gerade in der Zeit unserer besten Jugend, 30 Jahre alt, ἀκμάζοντες, wie die Griechen sagen, diese Bayreuther Dinge zu erleben! Und Du noch dazu zusammen mit der geliebten Frau! Du hast Dich, wie mir scheint, nach jeder Seite auf das Beste für jene Festtage eingerichtet und vorbereitet. „Dem Glücklichsten das Schönste!“ würden wiederum die Griechen sagen. ——
     Ich selber lebe im Kampfe, aber doch, wie Du meinem Hymno angemerkt haben wirst, keineswegs desperat oder niedergedrückt; sondern muthig und voll guter Absichten und Hoffnungen, als einer, der sich strengstens vorgesetzt hat, noch 45 Jahre zu leben und nicht nachzugeben.
     Dabei gedenke ich Deines bevorstehenden Geburtstages, zu welchem ich Dir diesmal wahrscheinlich als der Erste gratulire. Ich sage nun nicht mehr als dies: möge alles das, was Deine Frau für Dich und zu Deinem Besten wünscht, in Erfüllung gehen: dann werden auch Deine alten Freunde über Dich und Dein Glück sich freuen können.
     Dank Dir, lieber alter Kamerad, für Deinen Brief, Dank insgleichen für die Grüsse der liebenswürdigen Genossin.
     Und vergiss mich nicht. Nämlich Du merkst, dass Freunde auf Frauen immer ein wenig eifersüchtig sind. — Und mit Recht! wirst Du sagen?

Adieu mein lieber Freund.
Dein Fritz Nietzsche


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BVN-1874,65

An Emma Guerrieri-Gonzaga in Florenz

Basel Ende October 1874.


Verehrte Freundin,

Sie wissen vielleicht nicht, dass ich einen Versuch gemacht habe, Sie in Stachelberg zu begrüssen und dass er misslungen ist. Ich kam, ungefähr in den ersten Tagen des August nach Glarus, telegraphirte an den Besitzer des Hôtels in Stachelberg, um zu erfahren, dass Sie dort angekommen seien, bestellte mir sofortige Rückantwort, und wartete, wartete — bis zum Abend, umsonst! — so dass ich endlich betrübt und enttäuscht von dannen fuhr. Hinterdrein ist mir eingefallen, es könnte vielleicht eine Störung der Telegraphenleitung dabei im Spiele gewesen sein, denn es gab gerade gewaltiges Hochwasser und starke Gewitter. Damals aber nahm ich an, Sie seien wohl in Italien zurückgehalten worden und ich sei zu früh gekommen; ich betrübte mich bei der Vorstellung dass die Krankheit Ihres Kindes vielleicht Ihre Reise verzögert habe. — Von Glarus fuhr ich direkt nach Bayreuth, wo ich das Ende meiner Sommerferien verlebte.
     Nun schreibe ich Ihnen heute, um Ihnen meine neueste Schrift ans Herz zu legen, denn ich wünsche recht sehr, Sie möchten sie recht persönlich nehmen, als ob ich Ihnen das Alles, was darin steht, vorerzählte.
     Sodann will ich nur verrathen, dass ich eine neue Möglichkeit ins Auge fasse, Ihnen einen Besuch zu machen. Ich habe meiner hochgeschätzten Freundin Fräulein von Meysenbug einen Besuch für die nächste Osterzeit beinahe versprochen.
     Leben Sie wohl, verehrte Frau und empfangen Sie die ergebensten Grüsse und Wünsche

Ihres Dieners
Friedrich Nietzsche
der ganz neuerdings 30 Jahre alt geworden ist.


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BVN-1874,66

An Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Basel,] 3 Nov. 1874.


Meine gute Lisbeth,

ich danke Dir recht herzlich für Deinen Brief. — Also einige Mittheilungen. Erstens: ich esse seit einem halben Monat wieder im Kopf und befinde mich bis jetzt ausgezeichnet dabei. Überhaupt ist mein Magen seit Jahren nicht so gut gewesen wie jetzt. Zweitens. Schmeitzner hat von Fritzsch die beiden ersten Unzeitgemäßen angekauft. Im Vertrauen, der buchhändlerische Erfolg, wie hierbei herausgekommen ist, war bis jetzt ein kläglicher: von der ersten sind c. 500, von der zweiten kaum 200 Exemplare verkauft, und auch von der Geburt der Trag. sollen noch ein paar hundert übrig sein: erst wenn die verkauft sind, erscheint die zweite Auflage. An alledem ist zum Theil die ungeschickte Geschäftsführung Fritzschens schuld, zum größten Theil natürlich etwas Anderes. Übrigens hat Fritzsch ungefähr die Hälfte der mir schuldigen Summe bezahlt; ich habe große Massen Bücher einbinden lassen, und so ist es bald wieder vorbei.
     Mit Gersdorff haben wir eine merkwürdig glückliche und heitere Woche verlebt, er kam am 16 Oct. an. Der arme Baumgartner laborirt sehr als Soldat. Von Overbeck erscheint jetzt eben ein Buch Studien zur alten Kirchengeschichte. Neulich war ich Abends bei Frl. Kestner, welcher ich Dein Bild brachte, zusammen mit einer schnurrigen alten Lievländerin Baronin Güldenstubbe, die aus Aegypten kam. Zwei Winterconcerte habe ich schon überstanden, ich dorre für Basel immer mehr ab, wie Du Dir denken kannst. Ein großes Colleg wird mich diesen Winter festnageln — ein Versuch für meine Augen. Morgen ist Rektoratsfeier, mit großem Schmause. Viel Meßlärm in der Stadt.
     Das Beste kommt noch in Gestalt von Briefen zu mir. So aus Bayreuth, von Rohde usw. — Wozu war denn der kleine Borstwisch bei meinen Geburtstagsgeschenken?
     Hier giebt es viel Obst und immer noch Weintrauben.
     Die Braut des Prof. Von der Mühl kenne ich nicht, es soll ganz normal-baslerisch zugegangen sein.
     Sage unsrer lieben Mutter etwas Gutes von mir und behalte mich lieb

Dein Fritz


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BVN-1874,67

An Marie Baumgartner in Lörrach

Basel Donnerstag. [12. November 1874]


Verehrteste Frau

am nächsten Samstag Nachmittag werden wir, nämlich Hr. Prof. Overbeck und ich, uns erlauben, Ihnen einen Besuch zu machen. Bei dieser Gelegenheit möchte ich Ihnen gerne sagen, in wie hohem Grade Sie mich durch Ihren Brief (den ersten, welchen ich über meine jüngste Schrift erhielt) ausgezeichnet und beglückt haben.
     Die neuesten Nachrichten, die ich von Adolf erhalten habe, lauten ja sehr muthig und beruhigend; es wird Ihnen gewiss ein Stein vom Herzen gefallen sein, nun zu wissen, dass seine Gesundheit nicht mehr leidet.

Verehrungsvoll Ihr
ergebenster Diener
Dr Fr Nietzsche


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BVN-1874,68

An Erwin Rohde in Kiel

[Basel, 15. November 1874]


Liebster Freund, ich bin so bis über die Ohren im Wintersemester drin, dass ich nach allem Guten in der Nähe und Ferne nur noch blinzeln darf d. h. in unserem Falle, ganz kleine Briefchen schreiben und wie ich fürchte nicht einmal oft. Erstens giebt es Litteraturgesch., sodann Rhetorik des Aristot., alles neu und schwer, dann Seminar, und Schule, kurz ich habe den Tag und die Woche in Stunden zerschnitten, und lebe nach diesem Stundenplane peinlichst, sonst wird nichts draus. — Mit den Augen erträgt es sich, zum Erstaunen, besser als ich dachte. Überhaupt emport Gesundheit. Dagegen giebt es diesen Winter keine neue Unzeitgemässe, es ist nicht zu erzwingen.
     Ich habe mit meiner Nr. 3 in Bayreuth eine ganz unglaubliche Freude gemacht, und überhaupt scheint es, dass sie mit gutem Sterne im Lande herumwandelt. Schmeitzner ist nun auch Besitzer von Overbecks Christlichkeit und von meinen Nr. 1 und 2. Deren buchhändlerischer Erfolg war, wie sich dabei ergab, schlecht genug: von der Straussiade sind über 500 Exemplare, von der Historie nicht 200 verkauft. Welche Zukunft!
     Romundt denkt nun endlich an Schulmeistereien von Ostern ab, es wird schlimm für den armen Freund sein, wegzukommen, schlimm auch anzukommen. Und doch halten wir’s in jeder Beziehung jetzt für nothwendig, dass er die akademische Philosophirerei aufgiebt; vor allem weil er sich doch persönlich schlecht dabei befindet und oft recht angegriffen und nervös ist.
     Die geschuldeten Gelder sind eingetroffen, ganz unerwartet, dem Geschenke vergleichbar. Mit Deinem Briefe aber hast Du mich ganz und gar gerührt, wahrhaftig, meine Freunde denken zu gut von mir und zu wenig an sich, dabei bleibts.
     Morgen ist Overbecks Geburtstag, er wird 37 Jahre. Was für ein treffliches Buch, ich kaue daran herum und immer schmeckt mirs. Es ist eine zähe Kraft in dieser Natur, von welcher ich die grösste Meinung habe; er ist selbständig, gut und fleissig und hat den Muth alles dreies Jahr aus Jahr ein zu sein. Sieben[und]dreissig Jahre! —
     Baumgartner mein Erzschüler ist jetzt Husar in Bonn und schreibt so, dass man viel Freude haben kann.
     Heute Abend war ich eine Viertelstunde ganz glücklich: ich hörte den Carneval romain von Berlioz. Wir wollen nur alle unsere Sachen recht ordentlich machen, es zieht dann alles auch so einen Schweif von Glück hinter sich drein.
     Gersdorff ist in Hohenheim, wir haben zusammen eine ganz tolle vergnügte und gefrässige Woche verbracht; jeden Morgen von 11—12 Uhr Gespräche über Heirathen und dergleichen.
     Adieu mein lieber guter Freund, ich bedaure immer, dass Du das letzte Mal die Baseler Wirthschaft so trübe und vernebelt gefunden hast. Es geht ganze Monate lang anders zu. Zum Beispiel jetzt. In allen Treuen Dein

Dich liebender Freund F. N.


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BVN-1874,69

An Carl von Gersdorff in Hohenheim

Basel den 16 Nov 1874.


Mein lieber Freund, aus meinem langen Schweigen wirst Du wohl schon entnommen haben, dass ich mich mit beiden Beinen in die Wintersemester-Noth hineingestürzt habe und dass ich jetzt tüchtig zu schwimmen habe. Mitunter vergeht einem Hören und Sehen, folglich auch alles Briefschreiben. Wenn Du einmal nach Bayreuth schreibst, so sage doch gelegentlich, ich hätte noch nie einen so arbeitsvollen Winter gehabt und müsste mit Hülfe eines Stundenplanes von Morgens 8 — Abends 11 oder 12 es zu erzwingen suchen: nämlich 7 Stunden Universität, 6 Pädagog., lauter neue Felder (darunter griech. Litteraturgeschichte, wie Du weisst) Es geht toll zu, aber bis jetzt bin ich wohl und heiter, besonders auch darüber dass Magen und Augen es ganz gut aushalten. An Unzeitgemässe Dinge ist lange nicht zu denken, das Amt reisst mich nach andren Seiten fort. Seufzen behalte ich mir vor, auf die Zeit, wo ich dazu Zeit haben werde.
     Heute ist des muthigen Freundes und Bruders Overbeck Geburtstag; er ist 37 Jahre geworden. — Wie glücklich waren wir alle zusammen bei Deinem Hiersein! Es war die vergnügteste Woche des ganzen Jahres; ich zehre daran und muss bei einigen Erinnerungen immer lachen.
     Anbei einiges Herrliche und Unglaubliche aus Bayreuth: wer freut sich so, wie Du darüber?
     Den schönsten Dank für Deinen Brief und die Bitte, über die Brieffaulheit eines Fleissigen nicht böse zu sein. Adieu alter guter Freund.


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BVN-1874,70

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

Basel 3 Dez 1874.


Meine liebe Mutter und Schwester

es geht so arbeitsam hier zu, dass eine Woche läuft und wieder eine Woche, und plötzlich merke ich, wie lange ich Euch nicht geschrieben habe. Also wirklich, es ist seit lange der schwerste Winter, was die Noth der täglichen Arbeit betrifft, und es wäre nicht auszuhalten, wäre es nicht sonst der beste, den ich seit Jahren verlebe; denn meine Gesundheit ist im guten Stande.
     Weihnachten werde ich doch wohl nach Naumburg kommen. Es soll vergnügt zugehen. Hier lebe ich wie eine Ratte unter Büchern. Es passirt wenig, wofür ich dem Himmel dankbar bin; denn unter dem Vielen ist das Meiste nicht viel werth.
     Vorgestern habe ich mit Heinze getanzt, bei Immermans, er, Miaskowski’s und wir.
     Ausser Briefen wüsste ich gar nichts zu berichten. Ich sehe keinen Menschen und werde auch nicht eingeladen. Das heisst, doch, nächsten Sonntag zum alten Gerlach.
     Auch Briefe bekomme ich nicht, man lässt mich schön in Ruhe. Frl. v Meysenbug freilich hat geschrieben, aus Rom, auch Baumgartner aus Bonn. In Lörrach war ich zweimal diesen Winter, es ist eine gute und wohlsorgende Frau und mir sehr dankbar, diese Frau Baumgartner, und jetzt übersetzt sie meine dritte Unzeitgemässe in’s Französische, ich glaube, es wird was sehr Gutes, denn sie weiss mehr vom Stil als ich.
     Ich habe für 50 Jahre schöne Arbeiten vor mir — und nun muss ich so pferdemässig im Joche ziehn und kann kaum rechts noch links sehn. Ach!

(Seufzer!)

     Der Winter ist im Ganzen kräftig gekommen, doch giebt es seit gestern schweinischen Koth.
     Weihnachten wird es muthmaasslich kalt.
     Ist es Euch recht, dass ich komme? — Ich freue mich so darauf, einmal unter Euch zu sein und diese verfluchte Universitätswirthschaft für 10 Tage hinter mir zu haben. Schenkt mir doch zu Weihnachten ein kleines Landhaus, wo ich den Rest meines Lebens ruhig sitzen kann und schöne Bücher schreiben — ach! (Seufzer!)

Mit herzlichem Grusse
Euer Fritz.


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BVN-1874,71

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Basel, 13. Dezember 1874]
Sonntag.



Meine liebe Mutter und Schwester

da ich auf meinen letzten Brief keine Antwort erhalte, nehme ich beinahe an, dass er gar nicht angekommen ist; zu Weihnachtszeiten nichts Ungewöhnliches. Oder, falls er angekommen ist, so habt Ihr Euch vielleicht gewundert, dass ich nun doch noch zu Weihnachten kommen will, vielleicht passt es Euch jetzt nicht und Ihr habt irgend welche anderen Beschlüsse gefasst. Kurz, sagt es mir nur, wenn es diesmal nicht gut geht, dass ich komme. Macht Euch ja keine Bedenken, mir ein einfaches Nein! zu schreiben. Aber bitte, schreibt bald.
     Gestern Abend war ich bei Siebers; es geht recht gut, alles war guter Dinge, man grüsst Dich liebe Lisbeth.
     Traurige Neuigkeit! Grosser Bankerott von Burckhardt-Schrickel. Ebenfalls von Heussler und Comp. (Du erinnerst Dich aus den Drei Königen), dann ebenfalls von Bischoff. Es steht mit allen Seidenfabrikanten schlimm.
     Heute Mittag bin ich mit Overbeck bei Bachofens.
     Gestern schickte Rohde ein Kästchen mit Kieler Sprotten.
     Sagt mir doch, was ich Euch noch aus Basel mitbringen könnte.
     Ich würde Mittwoch Nachmittag in Naumburg vor dem Feste ankommen — wenn es überhaupt angeht.
     Nun verzeiht die Eile meines Briefs und seid herzlich gegrüsst

von Eurem Fritz.


Tod und Begräbniss des alten Herrn Reisch wird Euch gemeldet sein. — Viele Grüsse von Bätely Burckhardt.


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BVN-1874,72

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Basel, 18. Dezember 1874]
Freitag.



Meine Lieben, also wirklich, ich komme, und zwar freilich erst am Mittwoch Nachmittag: da ich hier am Dienstage [Diensttage] noch zwei Stunden habe.
     Ich wünsche Euch und mir ein recht geruhiges und vergnügtes Weihnachten.
     Wäre nur erst die abscheuliche Nachtfahrt überwunden! Davor graust mir.
     Das Wetter ist sehr schön hier.

Auf Wiedersehn!
Herzlich grüssend Euer F.


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BVN-1874,73

An Carl Fuchs in Berlin

[Basel,] 21 Dez. 1874.


Sie können Sich schwerlich vorstellen, wie sehr Sie mich durch Ihre letzten Mittheilungen erfreut haben. Wirklich, ich dachte vordem mit einem trüben Missmuth an Sie und fürchtete Schlimmes und Schlimmstes, ohne mir irgend welche Kraft beizumessen; um da etwas ändern zu können. Gott weiss wie ich Angesichts aller wirklichen Natur immer zum Fatalisten werde und es auch bei Ihnen wurde, heimlich zu mir sprechend: „dem ist nicht zu helfen.“ Schlimm! Schlimm! Gerade bei denen, wo man helfen könnte, lohnt sich’s nicht. Nun sagen Sie selbst, dass Sie eine gefährliche Crisis hinter sich haben; ich stelle diese mir als ein moralisches Kindbettfieber vor, wie es einzutreten pflegt, wenn man etwas Ordentliches gethan, sich rechtschaffen bezwungen hat und hinterdrein um so mehr zusammenknickt und eine Zeit lang etwas bettlägerig ist; in dieser Schwäche greift man dann leicht nach dem Falschen und erweckt Angst und Bangen. In seinen Hauptsachen muss sich nun der Mensch rein halten, ist meine stille Anforderung an Jedermann, während ich ziemlich tolerant, ja lax und nachlässig in den Nebensachen bin, bei mir und Anderen. Sie verzeihen es mir gewiss, wenn ich Ihnen es sage: es kam mich in diesem Spätsommer ein Schauer und Zweifel an; aus der Ferne lässt sich so etwas nicht leicht gut machen und durch offenherzige Briefe wird hier und da manches schlechter gemacht. Kurz, ich nahm mir vor etwas zu warten und zwar auf Handlungen und Thatsachen zu warten.
     Darüber vernehme ich nun genug aus Ihrem letzten Briefe und nur Dinge von der tröstlichen und wiedergutmachendsten Art. Nun haben Sie die kleine Stadt entdeckt, wo Sie zum musikalischen Herren und Obersten heranwachsen können, wo es möglich ist pflanzen und ernten zu können und wo nicht der „böse Feind“ Ihnen die Saat verdirbt und die Freude der Arbeit nimmt. Wer möchte Ihnen nicht gerne längst dazu verholfen haben! Aber es nützt [nützte] nichts, wenn Sie sich nicht dazu verhalfen und sich zu dieser Auffassung der Dinge hinab oder hinaufstimmten. (Beiläufig: als Sie mir die Mittheilung über die Mainzer Sache machten und das documentum illustre vorlegten, so habe ich in der nächsten Viertelstunde nach Bayreuth darüber geschrieben und angefragt ob etwas zu thun sei, schickte auch das documentum mit, hatte aber sofort das Gefühl bei dieser Sache und bei diesem Verfahren kein Glück zu haben und hatte auch keines). Ihre Künstler-Reiseabenteuer, Ihre Künstler-Rache an den Breslauern und überhaupt alles was Sie mittheilen und wie Sie es mittheilen hat etwas von Freiheit und Errettung an sich worüber ich mich immerfort freue; so konnten Sie sich nur selbst helfen. Mein Freund Gersdorff hat Sie in Bunzlau gehört, schickte das Programm und schrieb erbaut und ergriffen zumal über Ihren Vortrag Bach’s.
     Wenn Sie die Preisschrift über den Ring des Nibelungen lesen, werden Sie merken, dass mit ihr Niemandem etwas weggenommen ist; während Sie wohl schon wissen, dass Ihnen Niemand etwas von dem wegnehmen kann, was wirklich das Ihrige ist und was Sie allein können. Kommen Sie im nächsten Sommer (1875) nach Bayreuth, zu den Proben? Ich bin dort von Mitte Juli bis Mitte August. Sehen Sie doch ja zu, dass Sie kommen. Ich meine, man muss dabei sein, sonst giebts gar kein „Muss“ mehr.
     Und nun ein herzliches Lebe- und Reisewohl und alles Gute und Getreuliche dem Getreuen.

Ihr ergebenster
Fr. Nietzsche.



auch im Namen Overbecks, der bereits in die Ferien gereist ist.


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BVN-1874,74

An Theodor Opitz in Liestal

Basel den 21 Dezember 1874.


Nun schon zum zweiten Male habe ich von Ihnen, geehrtester Herr, ein Zeichen sympathischen Einverständnisses erhalten. Will ich versuchen Ihnen dafür zu danken, so müssen Sie mir auch freistellen, es auf meine Weise zu thun, ich meine hier nämlich, auf eine recht bescheiden-hochmüthige Art. Ich sehe von dem Persönlichen solcher Begegnungen ab und vergesse, daß Sie mich gelobt und geehrt haben, denke mir aber, daß Sie und ich über irgend etwas sehr Wesentliches Einer Meinung und daß wir Beide Recht haben. Darauf nämlich kommt es an, wirklich glauben zu können, daß man mehr Recht hat mit seinen unzeitgemäßen Meinungen als die ganze Zeit mit ihren zeitgemäßen: da steckt das Hochmüthige, von dem ich sprach, da aber auch das Bescheidene. Denn es ist gar kein Verdienst dabei von einer grünen Thür zu sagen sie sei grün und von der Wahrheit, sie sei wahr. Wir thun damit doch eben nur das Unvermeidliche und nehmen den Steinen die Mühe ab, die ja, wenn wir schweigen, schreien müßten. Denn, über Schopenhauer etwas zu sagen war fast schon zu spät: mir scheint es, hier haben schon die Steine geschrieen.

Mit aufrichtigem Danke
Ihr
ergebenster
Friedrich Nietzsche.


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BVN-1874,75

An Erwin Rohde in Kiel

den 21 Dez. 1874. Basel.


Morgen, mein liebster Freund, soll’s heimwärts gehen, und es giebt höllisch viel noch zu bedenken, einzukaufen, selbst noch ein paar Stunden zu geben, dann muss ich noch ein paar schöne Verschen machen, um sie in schön gebundene Bücher zu schreiben und soeben hatte ich den Besuch meines trefflichen Schülers Freundes und blauen Husaren Adolf Baumgartner, der mit einer ganzen Weihnachtsbescheerung bei mir antrat und selbst eine Bescheerung war; selbst noch ein Dichter meldete sich heute Abend, Hr Theodor Opitz, Übersetzer von Petöfi; er schickte ein Gedicht, mit der Überschrift „Schopenhauer als Erzieher“. Overbeck ist schon fortgeflogen in die Ferien und hat mir noch auf dem Bahnhofe aufgetragen, Dir seine Weihnachts- und Neujahrswünsche zu „übermitteln“ (wie der nunmehr selige Tischendorf zu sagen beliebte) Romundt der Unselige bleibt zurück wie ein Vogel auf seiner Stange: aber Ostern ist es aus mit seiner akademischen Nonsinecura, dann gehts hinaus; hier ist nichts für ihn günstig gestimmt. Dr. Fuchs ist ein gutes Vorbild, der hat sich eine neue Heimat gegründet, in Hirschberg in Schlesien, er schrieb nach langer etwas athemschwerer Pause vorgestern zum ersten Male wieder, gut und frei und mich völlig um- und einstimmend. Wagner ist am 21 November mit der Nibelungen-Partitur fertig geworden — Laus Deo! Krug und Pinder kommen mit ihren Weiberchen nach Naumburg, Gersdorff geht auch nach Hause und vielleicht zu den Grafen Einsiedels, auf Liebeswegen (m[ezza] v[oce], ja selbst pp. im sanftesten decrescendo); ich selber schleppe meine Noten zusammen, um in diesen Erholenden Ferien das ganze musikalische Opferfest meiner Kindheit und Jugend noch einmal zu feiern und durch Abschreiben zu codificiren: wobei mir der einarmige Thürmer auf dem Naumburger Domthurme helfen soll. Der hymnus wird nun noch einmal umgeschrieben, für 2 Hände, aber für a bitzeli grosse Hände. Mit meiner Vorlesung über griech. Litteratur bin ich glücklich bis zu Tryphiodorum gekommen, resp. bei ihm stecken geblieben, will sagen, ich habe Epom abgehaspelt, verzeih mir die casuswidrige Wuth bei dieser Rückerinnerung — ich hoffe in drei Semestern mit meinem „Abriss“ fertig zu sein, aber es ist mehr eine καλὴ ἐλπίς.
     In alle diese Bewegung und diese feuchten Schwingen fiel ein Kästlein Kieler Sprotten hinein, ich will nicht sagen wie ein Blitz bei heitrem Himmel, aber wohl wie ein Regen bei trockner Erde, wenn die Bäche klein sind und nur noch schleichen (Du siehst ich habe vom Epos die fürchterliche aber durchgehende Eigenschaft der unpassenden Gleichnisse angenommen) Kurz, sie haben trefflich geschmeckt, wir alle bezeugen es; in Betreff der Urheberschaft machte ich sofort folgende epigrammatische Dichtung

Dieser Sprott
Ist nicht von Gott,
meine, er kommt von Rott.

     Soeben sehe ich nach der Uhr, schaudere, es ist gleich Eins (Nächtens!), Pflicht und Bett rufen und so bleibt mir nur noch eine Tinte voll Feder übrig — umgekehrt! um Dir zu sagen, dass ich jetzo und in kommenden Jahren Dein getreuer Freund und Bruder sein und bleiben will

Gute Nacht.
Dein
Fridericus.


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BVN-1874,76

An Carl von Gersdorff in Ostrichen

Naumburg den 24 Dez. 1874.


Mein lieber getreuer Freund, ich sitze hier zu Naumburg, in heimatlichster Stimmung, gestern kam ich an, schlief gut und heute morgen soll Deiner und der Frauen Wagner gedacht sein. Es gab in den letzten Wochen ein großes Drängen, so daß ich nicht zum Briefschreiben kam, doch ist es mit der Gesundheit gerade noch gegangen, und ich glaube auch, es wird gehen. Die Geschichte des griechischen Epos habe ich in meinem Colleg bis jetzt zu Ende erzählt, da aber die ganze Litteratur der Griechen heran soll, wird sich dies Colleg wohl über 3 Semester hinziehen. Diese Ferien will ich dafür mit aller Litteratur verschont sein, habe aber alle meine Jugendcompositionen um mich gehäuft, daraus soll etwas gebraut werden „dran sich der Lenz erkennen lässt“, ich meine zur Erinnerung, für das Alter. Viel ist mir in den letzten Monaten durch den Kopf gegangen, und ich bin mehrfach wieder unzeitgemäß befruchtet worden, doch wann werde ich wieder Zeit finden? Quaeritur. Am Tage meiner Abreise aus Basel erschien ein Gedicht, verfaßt von dem Übersetzer des Petöfi Th. Opitz; ich lege es gelegentlich einmal bei. Die darin ausgedrückte Wirkung scheint diesmal bei allen meinen ordentlichen Lesern eingetreten zu sein (nur Frau Guerrieri fand sich diesmal „deprimirt“, von der Größe der Aufgabe erschreckt, frauenzimmerlich-zimperlich!); der alte Präsident Turneysen schrieb mir sehr gut, und daß Frau Baumgartner eifrig und glücklich daran übersetzt (bis jetzt bis zu Cap. 5) habe ich Dir wohl erzählt, sie hat viel Übung und Geschmack, aber bei vielen ihrer Sprachbemerkungen danke ich doch dem Himmel ein Deutscher zu sein, ich möchte nichts mit einer so ausgelitzten Sprache wie die französische ist zu thun haben. Unser lieber junger Freund Baumgartner hat mich vorgestern auf die Bahn begleitet bei der Abreise, und zwar angethan mit der Paradepracht eines blauen Husaren, er sieht wohl und reichlicher aus als früher, und ist wirklich sehr gut aufgehoben in seiner Schwadron; der Offizier, der ihn und die Mit-Freiwilligen ausbildet ist Prinz Löwenstein, sein oberster Chef der regierende Reuß. Baumgartner schickt Dir seine besten Grüße, Dein Verwandter Gr[af] Rothkirch ist bei einer andren Schwadron. Mit dem Dr. Fuchs ist wieder Friede und Freundschaft eingetreten, das moralische Kindbettfieber überwunden; denke Dir, daß er sich in Hirschberg (Schlesien) eine neue Heimat gegründet hat; er schreibt kräftig, heiter und beruhigt, auch sehr dankbar — wofür eigentlich? Ich freue mich herzlich über diese Erfahrung. — Rohde schickte Kieler Sprotten nach Basel und einen sehr schönen Brief, er formt weiter an seinem „Roman“, der immer dicker wird wie ein Schneemann; schrieb auch einiges über Erotica und will bemerkt haben daß er „zu alt oder zu dumm oder zu verstudirt sei, als daß dergl. seine Gedanken ganz oder nur vorwiegend und namentlich auf einige Dauer fesseln könnten“. — Overbeck ist in Dresden, Romundt (dessen Geburtstag am 27 Dez. ist) in Basel, letzterer hat nun endgültig seine Universitätsdinge auf Nichts gestellt, ich will sagen, er geht Ostern ab und fort — und wohin? Wir wissen [wissens] noch nicht, eine tüchtige Lehrerstellung soll herauskommen, nöthig ist es wahrhaftig, daß er die verfluchte Philosophirerei kalt stellt, er wurde recht tottig dabei und wird es täglich mehr, wie er selbst fühlt, und wir mit ihm fühlen. — Für Deinen letzten Brief und die Mittheilung des Bayreuther Briefes herzlichen Dank; wir wollen allesammt dem Himmel und der Unterwelt und wo sonst noch Götter sich aufhalten danken, daß das Nibelungenwerk gethan ist. Dem trefflichen Rau wünsche ich empfohlen zu werden und zu bleiben, das ist ein guter Mensch, und wie er seine Sachen ordentlich vorwärts führt, ist gut zu hören, auch zum Nachmachen. Krug und Pinder, beiläufig, werden mir in diesen Tagen ihre Weiberchen präsentiren, alles kommt zur Weihnacht.
     Nun mein herzlieber Freund, Du weißt, daß wir über den Tag Deiner Geburt nicht klagen und fluchen; wie immer auch das Menschenloos im Ganzen sei, gewiß beklagens-, vielleicht fluchenswerth — aber gute Freunde ist eine sehr achtenswerthe Erfindung, derenthalben soll das Menschenloos gerühmt werden. Bis jetzt war es die einzige Art, wie wir mit unserm Besten etwas weiter wirkten und weiter lebten, über das Individuum hinaus; gelegentlich müssen wir auch nun unsere andre Schuldigkeit thun und für einen kräftigen geistig-leiblich ebenbürtigen Nachwuchs sorgen. Aber was auch geschehe, der Hymnus auf die Freundschaft soll immer fort erschallen; und dabei werde ich immer mit Lob und Dank an Dich gedenken, mein lieber treuer Gersdorff!
     Empfiehl mich Deinen verehrten Eltern und sei selber herzlich gegrüßt von meiner Mutter und Schwester.
     Und nun tapfer hinüber ins neue Jahr.

Dein
Friedrich Nietzsche.


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de/nietzsche/briefe/1874/1874.txt · Last modified: 2017/02/11 09:08 by babrak