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1875

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BVN-1875,1

An Hans von Bülow in London

[Naumburg,] 2 Jan. 1875.


Hochverehrter Herr
     ich habe mich durch Ihren Brief viel zu erfreut und geehrt gefühlt, um mir nicht den Vorschlag, welchen Sie mir in Betreff Leopardi's machen, zehnfach zu überlegen. Ich kenne dessen prosaische Schriften freilich nur zum kleinsten Theile; einer meiner Freunde, der mit mir in Basel zusammenwohnt, hat öfters einzelne Stücke daraus übersetzt und las sie mir vor, jedes mal zu meiner grossen Überraschung und Bewunderung; wir besitzen die neueste Livorneser Ausgabe. (Soeben ist übrigens ein französisches Werk über Leopardi erschienen, Paris bei Didier, der Name des Autors ist mir entfallen — Boulé?) Die Gedichte kenne ich nach einer Übersetzung Hamerling's. Ich selber nämlich verstehe gar zu wenig Italiänisch und bin überhaupt obschon Philologe doch leider gar kein Sprachenmensch (die deutsche Sprache wird mir sauer genug).
     Aber das Schlimmste ist: ich habe gar keine Zeit. Die nächsten 5 Jahre habe ich festgesetzt, um in ihnen die übrigen 10 Unzeitgemässen auszuarbeiten und um damit die Seele von all dem polemisch-leidenschaftlichen Wuste möglichst zu säubern. In Wahrheit aber begreife ich kaum, wo ich dazu die Zeit finden soll; denn ich bin nicht nur akademischer Lehrer, sondern gebe auch griechischen Unterricht am Baseler Pädagogium. Meine bisherigen schriftartigen Erzeugnisse (ich möchte nicht „Bücher“ und auch nicht „Broschüren“ sagen) habe ich in spärlichen Ferien und in Krankheitszeiten mir beinahe abgelistet, die Straussiade musste ich sogar dictiren, weil ich damals weder lesen noch schreiben konnte. Da es aber mit meiner Leiblichkeit jetzt sehr gut steht, keine Krankheit in Sicht ist und die täglichen Kaltwasserbäder mir keine Wahrscheinlichkeit geben, dass ich je wieder krank werde, so steht es mit meiner schriftstellerischen Zukunft fast hoffnungslos — es sei dass sich mein Tichten und Trachten nach einem Landgute irgendwann einmal erfüllte.
     Auf eine solche schüchterne Möglichkeit werden Sie Sich, verehrter Herr, natürlich nicht einlassen; weshalb ich Sie bitten muss, von mir bei diesem Plane abzusehen. Dass Sie aber überhaupt dabei an mich „gedacht“ haben, ist eine Form der Sympathie, über die ich mich nicht genug freuen kann, selbst wenn ich erkennen sollte, dass es für jenes Vermittler-Amt zwischen Italien und Deutschland würdigere und geeignetere Persönlichkeiten giebt.

Ich verharre in steter Hochschätzung
Ihr ergebenster
Friedrich Nietzsche


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BVN-1875,2

An Emma Guerrieri-Gonzaga in Florenz

Naumburg. Den 2 Januar 1875.


Also verehrte Frau! Wir müssen uns einstweilen hinein fügen, dass unsere Übereinstimmung keine völlige, vor allem noch keine grundsätzliche ist. So nämlich habe ich Ihre Empfindung mir gedeutet, wie Sie mir dieselbe mit der dankenswürdigsten Offenheit mittheilten: ich meine, Ihre widerstrebende Stimmung ging diesmal über das zunächst vorliegende Buch hinaus und brachte es zu einem allgemeinen Zweifel und Bedenken in Betreff aller meiner Wege und Ziele. Denken Sie, dass mir Ihr Brief zumal als eine Antwort auf die „Historie“ erschien; als ob Sie nämlich jetzt dahin gelangt seien, das darin ausgesprochene Allgemeine jetzt so in der Nähe zu sehen, wie ich es etwa gewohnt bin anzusehen: wobei Sie erschraken und an den Allgemeinheiten selbst irre wurden.
     In diesem Zweifel muss ich Sie nun belassen, denn ich habe gar kein Vertrauen zu brieflichen Aufklärungen so complicirter Dinge; wobei zuletzt doch jeder nach seinem Maasse, ich meine nach seinen Erfahrungen und Bedürfnissen misst. Über die eigentlichen Missverständnisse wird Sie Ihr reiner und zum Wahren strebender Sinn selbst besser aufklären und vor allem fruchtbarer aufklären als das irgend ein Brief vermöchte; fragen Sie sich, ich bitte, z. B. darnach, ob ich ein Feind des nationalen Gefühls bin und ob ich das deutsche Reich verunglimpfe, oder ob nicht viel mehr — — doch nein, in solchen Dingen sollen Sie mich rechtfertigen, nicht ich mich. Aber abgesehn von den Missverständnissen — nicht wahr, Sie verzeihen es, wenn ich ganz unbefangen das Wort gebrauche? — so wünschte ich, Sie möchten im Ganzen noch einmal oder zweimal den Versuch machen, einen neuen Gesichtswinkel (Gefühlswinkel?) für diese letzte Schrift zu gewinnen, Sie möchten nicht von vornherein zu hastig darauf ausgehen, das für Sie zunächst Wesentliche finden zu wollen. Der Weg von dem Schopenhauerischen Erzieherthum bis zu dem einzelnen Individuum ist noch sehr lang, und selbst das, was ich über diesen Weg noch zu sagen habe, — der Inbegriff der noch übrigen 10 Unzeitgemässen Betrachtungen — ist noch sehr viel. Ein wenig Geduld! —
     Nein, verehrteste Frau, es darf nicht so sein, dass Sie von einer heroischen Musik einen deprimirenden Eindruck davon tragen. Es heisst dies wirklich nicht, verlangen dass Sie männlich empfinden sollen. —
     Leben Sie wohl und bleiben Sie geneigt

Ihrem ergebensten
Friedrich Nietzsche


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BVN-1875,3

An Malwida von Meysenbug in Rom

Naumburg 2 Jan. 1875.


Liebe hochverehrte Freundin, wenn ich so spät auf einen so ausgezeichneten und jedes Dankes würdigen Brief antworte, so liegt der Grund in meinem curiosen Elend, zu dem jetzt mein Baseler Beruf geworden ist. Ich habe gegenwärtig und für ein paar Semester so viel zu thun, dass ich ordentlich in Betäubung von einem Tag in den andern gelange; so will's die „Pflicht“ und trotzdem ist mir oft dabei zu Muthe als ob ich mit dieser „Pflicht“ meiner eigentlichen Pflicht nicht nachkäme; und mit der letzteren hängt gewiss der Verkehr mit den wenigen Menschen zusammen, welche — wie Sie — in allem, was sie thun und leben, mich an das, was noth thut, erinnern.
     Nun, ich lese griechische Literaturgeschichte und interpretire die Rhetorik des Aristoteles und gebe Stunden über Stunden, die Gesundheit hälts aus, die Augen eingeschlossen, nach der äusserlichen Ansicht der Dinge geht es mir also gut. Dabei aber weiss ich gar nicht mehr, wann ich wieder dazu kommen soll, meinen unzeitgemässen Cyclus fortzusetzen. Mein geheimes aber hoffnungsloses Tichten und Trachten geht auf ein Landgut. Ja, Weisheit mit einem Erbgut! wie Jesus Sirach sagt.
     Jetzt habe ich 10 Tage Ferien hinter mir, ich verlebte sie mit Mutter und Schwester und fühle mich recht erholt; ich liess während dem alles Denken und Sinnen hinter mir und machte Musik. Viele tausend Notenköpfchen sind hingemalt worden, und mit einer Arbeit bin ich ganz fertig. Der Hymnus an die Freundschaft ist jetzt zweihändig und vierhändig anzustimmen; seine Form ist diese:
     Vorspiel Festzug der Freunde zum Tempel der Freundschaft
     Hymnus, erste Strophe.
     Zwischenspiel — wie in traurig-glücklicher Erinnerung.
     Hymnus, zweite Strophe.
     Zwischenspiel, wie eine Wahrsagung über die Zukunft.
Ein Blick in weiteste Ferne.
     Im Abziehen: Gesang der Freunde, dritte Strophe und Schluss.
     Ich bin sehr zufrieden damit. Wollte Gott, es wäre auch ein andrer Mensch, zumal meine Freunde! Die Dauer der ganzen Musik ist genau 15 Minuten — Sie wissen was darin alles vorgehen kann, gerade die Musik ist ein deutliches Argument für die Idealität der Zeit. Möchte meine Musik ein Beweis dafür sein, dass man seine Zeit vergessen kann, und dass darin Idealität liegt!
     Ausserdem habe ich meine Jugend-Compositionen revidirt und geordnet. Es bleibt mir ewig sonderbar, wie in der Musik die Unveränderlichkeit des Characters sich offenbart; was ein Knabe in ihr ausspricht, ist so deutlich die Sprache des Grundwesens seiner ganzen Natur, dass auch der Mann daran nichts geändert wünscht — natürlich die Unvollkommenheit der Technik und s. w. abgerechnet.
     Wenn nach Schopenhauer der Wille vom Vater, der Intellect von der Mutter vererbt, so scheint es mir, dass die Musik als der Ausdruck des Willens auch Erbgut vom Vater her ist. Sehen Sie sich in Ihrer Erfahrung um: im Kreise der meinigen stimmt der Satz.
     Heute Nachts fahre ich nach Basel zurück, durch hohen Schnee und kräftige Kälte, seien Sie froh, verehrte Freundin, jetzt nicht in unserm Bärenhäuter-Clima zu sein. —
     Gestern schrieb Frau Wagner und Gersdorff an mich. Wir hoffen alle in der Mitte dieses Jahres zu den Bayreuther Proben zusammen zu kommen.
     Ach könnten Sie doch dabei sein. Und möchte Ihnen dies Jahr erträglich und leicht werden! Und einiges Beglückende und Gute schenken!
     Ich sah gestern als am ersten Tage des Jahres mit wirklichem Zittern in die Zukunft. Es ist schrecklich und gefährlich zu leben — ich beneide jeden, der auf eine rechtschaffne Weise todt wird.
     Im Übrigen bin ich entschlossen alt zu werden; denn sonst kann man es zu nichts bringen. Aber nicht aus Vergnügen am Leben will ich alt werden. Sie verstehen diese Entschlossenheit.

Mit den herzlichsten Wünschen allezeit
der Ihrige
Friedrich Nietzsche




     Meine Schwester wird allernächstens schreiben.


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BVN-1875,4

An Marie Baumgartner in Lörrach

7 Januar 1875.


Nicht wahr, hochverehrte Frau, es wird mir erlaubt sein, am nächsten Samstag bei Ihnen sammt meinen Freunden zu erscheinen? Danken und Gratuliren ist unsre Aufgabe, und zwar sehr danken und sehr gratuliren, auch in Hinsicht auf Ihren trefflichen Sohn, über den wir uns nicht genug freuen können. (So eben las ich im neuen rothen Heft und sehr erstaunt)

Ihr ergebener
und dankbarer
Dr F. Nietzsche.


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BVN-1875,5

An Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Basel, 17. Januar 1875]


Meine liebe Lisbeth,

dieses Jahr läßt sich auch für Dich anders an, als wir dachten; wie Du aus beifolgendem Briefe von Frau Wagner ersehen wirst.
     Ich bitte unbedingt darum, zu thun, worum Du gebeten wirst, unsre gute Mutter wird mit Vergnügen Ja! sagen.
     Sobald Du entschlossen bist, schreibe nach Bayreuth (so einfach wie möglich, aber ja recht bald!) und melde es mir.
     Für einen bewußten Geburtstag im Februar gieb mir doch einen Wink.

Fritz.


     Schönste Grüße. Ich war nach der Rückreise erkrankt (ganz wie vor einem Jahre zu Weihnachten in Naumburg) Es geht jetzt sehr gut.


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BVN-1875,6

An Marie Baumgartner in Lörrach (Visitenkarte)

[Basel, 19. Januar 1875]


          Dr. Friedrich Nietzsche
               ordentl. Professor an der Universität

BASEL.


bittet sehr um Verzeihung, dass seine Nachlässigkeit und Unachtsamkeit Ihnen so viel Bemühung gemacht hat.
     Es soll am nächsten Samstag nicht wieder geschehen.

Sehr dankbar der Ihrige.


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BVN-1875,7

An Paul Deussen in Aachen

Basel Mitte Januar 1875.
[nach dem 17. Januar]



Du hast mir wirklich lieber Freund eine recht grosse Freude mit Deinem Briefe gemacht. Wenn sich alles so verhält, wie Du es schilderst und Du die entsprechende Energie, um solche Pläne durchzuführen hast — oder bewahrst, wie ich sagen könnte, so bekommt wirklich Dein Leben in seltnem Grade den Character des Vernünftigen und Gemeinnützlichen. Ich lobe sehr Deine Absicht, Dich durch einige Jahre strengeren Frohndienstes für alle übrigen Jahre des Lebens ganz und gar unabhängig zu machen; werde in der Durchführung dieses Planes ja nicht unsicher! Es ist kaum auszudrücken, was Du damit Dir gewinnst und welcherlei Gefahren Du damit den Weg verlegst. Und noch höher erscheint dieser Plan, wenn Du für die zukünftige so schwer errungene Mussezeit ein so edles Lebenswerk Dir vorgesetzt hast, wie es das ist, die indische Philosophie durch gute Übersetzungen uns zugänglich zu machen. Wüsste ich ein Mittel, um Dich zu einer solchen Lebensrichtung zu ermuthigen, wie gern wollte ich Dich ermuthigen! Mein Lob kann Dir nicht genügen, vielleicht schon eher meine Begierde, selber aus jener Quelle zu trinken, welche Du uns allen einmal öffnen willst.
     Wenn Du wüsstest, mit welchem Missmuthe ich gerade immer an die indischen Philosophen gedacht habe! Was ich empfinden musste, als Prof. Windisch (der sich mit den philosophischen Texten sehr befasst hat, in London einen Katalog von c. 300 philosoph. Schriften verfasst hat!) mir sagen konnte, als er mir eine Sankhya-Schrift im Manuscript zeigte „Sonderbar, diese Inder haben immerfort philosophirt, und immer in die Quere!“ Dieses „immer in die Quere“ ist bei mir sprüchwörtlich geworden, um die Unbefähigung unsrer indischen Philologen, und ihre gänzliche Roheit zu bezeichnen. Ὄνος πρὸς λύραν. Der alte Brockhaus hielt vor ein paar Jahren in Leipzig eine Rectoratsrede mit einem Überblick über die Resultate der indischen Philologie — aber von Philosophie war alles stumm, ich glaube, er hatte sie zufällig vergessen.
     Also: Du sollst gepriesen sein, dass Du sie nicht auch zufällig vergessen hast.
     Wie glücklich erscheint jetzt Deine vorausgegangne Beschäftigung mit Kant und Schopenhauer! Du hast eine schöne Art entdeckt, diesen Lehrmeistern Deine Dankbarkeit auszudrücken.
     Overbeck und Romundt sind, ebenso wie ich, voll Deines Lobes; und letzterem bist Du bereits mit einem so vernunftvollen Lebensplane vorbildlich und ermuthigend erschienen. Er verlässt Ostern die Universität und überhaupt das akademische Philosophenthum und sucht eine Lehrerstelle. —
     Beiläufig: Du hast mir vor einiger Zeit einmal gemeldet, dass Du durch Basel mit einem bestimmten Zug durchkommen würdest. Natürlich war ich auf dem Bahnhofe, zog aber schliesslich traurig ab, nachdem ich alle Menschen, welche der Genfer Zug brachte, gemustert hatte und Dich nicht darunter fand.
     Das musst Du aber irgend wann einmal wieder durch die That gut machen, nicht wahr, lieber Freund?
     Und nun lebe wohl! Meine Segenswünsche sollen mit Dir sein.

Dein Friedrich
Nietzsche.


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BVN-1875,8

An Elisabeth Nietzsche in Naumburg

Basel Dienstag. [26. Januar 1875]


Liebe Lisbeth,

ich habe mich sehr gefreut dass Du Dich kurz und gut entschlossen hast; ich legte grossen Werth darauf, dass Du es thatest, zuletzt bleibt es eine Art von hoher Schule für Dich; ich weiss keinen anderen Weg, wie Du so recht gründlich in alle meine Beziehungen eingeweiht werden könntest. Und so wird es für unsre Zukunft gut sein, dass es so gekommen ist. Ich freue mich darüber, wenn ich daran denke. — Je natürlicher Du Dich zeigst, um so leichter wird es Dir werden; denn nur das Festhalten einer Rolle ist schwer, bei W[agner]'s aber nützt es nichts Rollen zu spielen. Niemand verlangt von Dir, Frau Wagner zu ersetzen. Nimm es also einfach, die Kinder sind sehr gut; übrigens ebenfalls die Dienstboten.
     Wenn ich denke, welche mannigfache Verpflichtung ich später einmal gegen Wagner's Familie haben könnte, so erscheint es mir sehr wichtig, dass Du recht gut bekannt und eingewöhnt bist. —
     Die Zeitungen bringen jetzt die genauen Zeitansätze für die grossen Proben in diesem Sommer und die Aufführungen im nächsten Jahre. Es ist alles wie zugeschnitten für die Baseler Ferien, es passt herrlich. Es heisst, beiläufig „der Ring des Nibelungen“. Ich bin meines einzigen Exemplars das ich besass in Würzburg beraubt worden; jetzt habe ich nur die Gesammtausgabe. Über eine eigne Vorbereitung dafür habe ich gelacht.
     Heinze ist seit einigen Tagen nicht wohl und liest keine Collegien.
     Bis Fastnachten wird die französische Übersetzung meines „Schopenhauer als Erzieher“ fertig.
     Ich war bei Frau Sarasin einen Abend eingeladen, bei La Roche-Burckhardts (nicht den Dir Bekannten), Freitag bei Hagenbach-Bischoffs.
     In Betreff des 2t Febr. bin ich völlig einverstanden. Du wirst also noch in Naumburg zur Feier des Tages sein.

Dir und unserer guten Mutter
die herzlichsten Grüsse
Deines
Fritz.


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BVN-1875,9

An Franziska Nietzsche in Naumburg

[Basel,] Sonntag den letzten Januar 1875.


Meine liebe gute Mutter, ich komme eben vom Mittagsessen bei Vischer-Heußlers zurück und will schnell noch mein Geburtstagsbriefchen schreiben, damit Du es noch zur rechten Zeit und womöglich noch vor der rechten Zeit bekommst (um es nämlich wieder gut zu machen, daß mein Brief voriges Jahr wohl ein wenig spät kam) Wenn Du nächsten Dienstag 49 Jahr werden solltest — ich weiß es wirklich nicht genau — so will ich erzählen, was die alten Griechen von diesem Jahre hielten; sie meinten, man sei in diesem Jahre auf der Höhe und befinde sich geistlich und leiblich recht gut; weshalb ich Dir zu diesem Jahre besonders gratuliren will. Ich nehme ungefähr an, Du habest damit das erste Halbtheil Deines Lebens abgeschlossen, doch steht einer andern Auffassung nichts entgegen, wenn Du zb. vorziehen solltest, damit erst das erste Drittel des Lebens absolvirt zu haben… In letzterem Falle würdest Du auf dieser Erde noch Zeit haben bis 1973, im ersteren bloß bis 1924. Da ich mir selber vorgenommen habe, leidlich alt zu werden, so wollen wir uns nur daran gewöhnen, uns ungefähr als gleichalterig anzusehen; und wer weiß, ob Du nicht in 10 Jahren jünger aussiehst als ich in 10 Jahren! Ich glaube es beinahe und will mich nicht wundern. Irgendwann wird mich jeder der es nicht besser weiß, für den älteren Bruder halten (und Lisbeth vielleicht, wenn sie sich so fort in ihrer Jugend einmumisirt) für unser Enkelchen. Das wird eine schöne verkehrte Welt abgeben! Und woher kommts? Daher daß die Frau Mutter partout nicht alt werden will. Wozu ich heute aber von ganzem Herzen gratulire.
     Mir geht es erträglich. Genug Arbeit, wenig Ruh bei Tag und Nacht. Doch halten’s die Augen aus.
     Die Jahre rennen so hin, und ich bin ferne davon, das Leben für eine schöne Erfindung anzusehen.
     Am vorigen Freitag Abend war ich bei Hagenbach-Bischoffs zu Besuch. Siebers habe ich auch besucht, doch geht es nicht so gut bei Frau Sieber als man wünschen möchte. Heute Abend wird Dr. Hermann bei uns in der Baumannshöhle zu Gast sein, zum Abschied, er verläßt Basel mit diesem Monat. —
     3 Sonnabende hinter einander war ich in Lörrach, wo die französische Übersetzung meiner letzten Schrift meine Anwesenheit wünschenwerth machte. Diese ist auch mit bewunderungswürdiger Schnelligkeit fortgeführt worden; in 14 Tagen bekomme ich das fertige Manuscript und wir bemühen uns um einen Verleger in Paris. Mein deutscher Verleger in Schloß-Chemnitz ist über den bisherigen Verkauf recht zufrieden gestellt. Gersdorff wird Anfang März uns hier besuchen. —
     Nun, meine liebe Mutter, feiere Deinen Ehrentag, wie auch ich ihn in der Ferne feiern werde. Behalte lieb Deinen

Fritz


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BVN-1875,10

An Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Basel, 31. Januar 1875]


Zettelchen für das Lama.

Schönsten Dank für Deinen Brief. Kürzeste Nachricht. Bitte zum Geburtstage unsrer lieben Mutter 3 Napoleons = 15 Thaler in meinem Namen unsrer Geburtstäglerin zu überreichen.
     Die Reise Wagners geht nach Wien und Pesth, soviel ich höre. Die Zeitdauer kenne ich nicht, doch meine ich, nicht unter drei Wochen. Vielleicht noch etwas länger. Jedenfalls giebt es in der Charwoche keine Concerte mehr. — Schreib mir doch gleich von Bayreuth aus.

Fr.


     Bitte bringe den Wagner’schen Kindern etwas zum Schnabuliren in meinem Namen mit.


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BVN-1875,11

An Erwin Rohde in Kiel

[Basel,] 5 Febr. 1875.


Es ist schrecklich, mein lieber treuer Freund, wie die Monate hinfliegen und wie man wacht und schläft und nach Luft schnappt, aber noch schrecklicher sich zu denken dass es dem fernen Genossen eben so geht und dass man sich so wenig helfen kann. Ich wünschte sehr von Dir zu hören, dass Du gesund bist und Deinen Roman so gegen das Ende hin geführt hast. Mir ist es übrigens in diesem Jahre so, als ob ich mir jede unzufriedne Regung verbieten müsste, denn zuletzt heisst es doch viel Gunst und Bevorzugung von Seiten der Göttin τύχη, gerade als Zeitgenosse der Bayreuther Jahre zu leben; das Gefühl der Dankbarkeit dafür sollte mich nicht verlassen! Aber Du weisst den traurig-menschlichen Sinn eines solchen „es sollte“. Mitunter zweifele ich fast daran, ob ich diese heiss und allzulange ersehnten Freudenfeste wirklich aushalten werde, mir dreht sich schon jetzt rein bei der Vorstellung davon das Herz um; man hat zu viel und zu lange entbehrt und gelitten. Nein, wie lebt man nur!
     In Bayreuth ist jetzt wieder die leidige Nothwendigkeit da, dass Wagner und Frau zu Concertreisen nach Wien und Pesth fortmüssen. Während der Abwesenheit wird meine Schwester auf Frau Wagner’s Wunsch das Bayreuther Hauswesen leiten, sie wird jetzt wohl schon dort sein. Ich bin sehr glücklich über dieses grosse Zeichen von Vertrauen.
     Meine dritte Unzeitgemässe ist inzwischen von Frau Baumgartner-Köchlin sehr schön ins Französische übersetzt worden. Jetzt suchen wir einen Verleger in Paris.
     Adolf Baumgartner hat mir wieder ein dickes rothes Heft, das vierte, übersandt; er hat es als Husar in Bonn ausgearbeitet. Das ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. Der kommt auch nach Bayreuth.
     Gersdorff hat sich für den Anfang des nächsten Monates hier angemeldet. Der Gute, Trefflichste! Wir freuen uns herzlich darauf.
     Weihnachten gab es viel Zusammensein mit Krug und Pinder. Ich sage Dir: wir haben eine ewige Jugend im Leibe, gegen diese dreissigjährigen Greise.
     Romundt hat sich nun fest entschlossen, von Ostern die Universität zu verlassen, aber er ist leider keinen Schritt weiter zu bringen. Er macht uns mit einer störrigen Phantasterei (ach, ohne Phantasie!) rechte Sorge.
     Overbeck wälzt kirchengeschichtliche Jahrhunderte vor sich her und schwitzt sehr bei dieser Winter-Arbeitsnoth.
     Ich habe mir mehreres ausgedacht.
     Übrigens ist Weihnachten der Hymnus auf die Freundschaft herrlich zum Ziele geführt worden. Für zwei Hände. In den seltensten Stunden arbeite ich jetzt, alle paar Wochen zehn Minuten, an einem Hymnus auf die Einsamkeit. Ich will sie in ihrer ganzen schauerlichen Schönheit fassen.
     Im Colleg über griech. Litterat. ist nun auch die Lyrik abgethan, jetzt beginnt das Drama. Ich lerne dabei recht von Schritt zu Schritt. Ich finde, dass unsern griechischen Philologen eins fehlt, die leidenschaftliche Lust an den starken und eigenthümlichen Zügen. Und eins fehlt ihnen leider nicht: der grässliche Hang zur Apologie der Griechen.

Gute Nacht liebster Freund.
Dein getreuer Fridericus
N.




     Das Gespenst hat sich spüren lassen, mit einem Paket lyrischtoller Gedichte.


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BVN-1875,12

An Marie Baumgartner in Lörrach

Basel 6 Febr. 1875.


Aber, verehrteste Frau, dazu sage ich kein Wort.
     Dagegen schicke ich Ihnen den Brief von Fräulein von Meysenbug, den ich Ihnen neulich versprochen habe. Ich bin sehr glücklich darüber, wenn Sie meine Freunde lieben können; und die ausgezeichnete und durch ein schweres Leben bewährte Meysenbug verdient Liebe, wenn sich überhaupt Liebe verdienen lässt — woran ich wenigstens zweifle.
     Nächsten Samstag beginnt unser Fastnachten; ich bin beinahe genöthigt, an diesem Tage zu verreisen, da ich einer Festivität um keinen Preis beiwohnen möchte, zu der ich für Samstag Abend eingeladen bin. Deshalb möchte ich nach Luzern und frage deshalb bei Ihnen an, ob ich vielleicht ausnahmsweise einmal Freitag Nachmittag kommen kann. Ich habe zwar eine Stunde am Pädagogium, doch will ich diese schon verlegen.
     In einem Briefe an Frau Wagner, den ich gestern schrieb, habe ich von der Übersetzung erzählt und auch, von Ferne, unsern Wunsch merken lassen. Heute siedelt meine Schwester nach Bayreuth über. An diesem Abende will ich noch nach Rom schreiben, um die Angelegenheit in Betreff des Pariser Verlegers ein Schrittchen vorwärts zu bringen. Inzwischen ist mir eine sehr gute Pariser Verlagshandlung bekannt geworden, die deutsche Werke ins Französische übersetzt publizirt (zB. eine Schrift Hubers über die Jesuiten): der Name ist: Sandoz und Fischbacher.
     Wenn Sie einverstanden sind, verehrteste Frau, dass ich Freitag komme, so schreiben Sie nicht, ich bitte Sie. — Meine Woche war sehr arbeitsam und ermüdend. Ich wünsche Ihnen einen hellen offnen Himmel, heute hing er voll Schneegewölk; es ist schwer dabei heiter und muthig zu bleiben.
     Ihrem Sohne und meinem Freunde Adolf soll ebenfalls heute Abend noch geschrieben werden. Ich freue mich darauf.

Ihnen dankbar ergeben
Dr Friedrich Nietzsche.


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BVN-1875,13

An Malwida von Meysenbug in Rom

Basel den 7 Februar 1875.


Verehrteste Freundin

heute giebt es eine Bitte oder wenigstens eine Anfrage. Inzwischen nämlich ist meine Schrift über Schopenhauer, an der Sie eine so rührende und mich geradezu beschämende Freude gehabt haben, ins Französische übersetzt worden. Es hat sich in den letzten Jahren ein junger Mann, Adolf Baumgartner, sehr an mich angeschlossen, und in ihm habe ich, wie ich hoffe, einen der Unserigen heran erzogen — Sie glauben nicht, wie gute Hoffnungen ich habe. Also, dessen Mutter, Marie Baumgartner-Köchlin, ist die Übersetzerin; auch sie hat sich immer mehr unsern Ansichten genähert (sie ist beiläufig eine dankbare Leserin gewisser idealistischer Memoiren und überhaupt eine treffliche und erfahrene Frau, mit einem wackeren Deutschen als Gatten und voll der unglaublichsten Liebe für ihren Adolf) Die Familie ist eine elsassische, Frau Baumgartner kämpfte in Sonnetten und Schriften gegen die Annexion. Nun suchen wir einen Pariser Verleger und fragen bei Ihnen an, ob nicht vielleicht durch Herrn Monod hier geholfen werden könnte.
     Die Übersetzung ist sehr gut und geschickt, von mir in Betreff des Gedankens revidirt; wir haben die Hoffnung, dass Frau Wagner sie einmal durchlesen wird, bevor sie in die Druckerei wandert.
     Der Titel wäre „Arthur Schopenhauer“. Ich sollte denken, es müsste für Franzosen mancherlei darin stehen, was sie nöthigte einmal aufzuhorchen.
     Wenn Sie, verehrtestes Fräulein, ein Wörtchen davon in einem Brief an Frau Olga sagen wollten — wie dankbar wäre ich Ihnen! —
     Wissen Sie bereits, dass seit gestern meine Schwester in Bayreuth ist, auf besonderen Wunsch von Frau Wagner, welche nächstens mit Wagner nach Wien und Pesth zu Concerten reist und während dem eine Stellvertreterin nöthig hatte. Meine Schwester ist sehr glücklich, einen Dienst hier leisten zu dürfen, aber sehr beklommen darüber, ob sie ihn wirklich leisten kann. Genug, ich meine, es ist eine hohe Schule für sie und die schönste Vorbereitung für die Bayreuther Sommerfeste, deren Gast wir beide sein werden. Diese beiden Jahre sind für mich geweiht — ich weiss nicht, wodurch ich verdient habe, sie zu erleben.
     Ich brüte an einigem Neuen und habe immer, bevor ich bis zu einem bestimmten Punkte bin, rechte Angst, wie vor böser Zauberei und dem Unsegen und Mehlthau feindseliger Mächte. Schicken Sie mir Ihren Segen, ich bitte Sie darum.
     Einen ausgezeichneten Brief von Frl. Mathilde Mayer aus Mainz, als Antwort auf den „Schopenhauer“ wollte ich auch noch erwähnen. Dagegen ist Frau Guerrieri in Florenz diesmal nicht zufrieden, sondern durch meine letzte Schrift fast „rebellisch“ geworden, wie sie selbst sagt, findet alles viel zu „polemisch“ und bezweifelt den ganzen Weg, den ich gehe. Ja, was weiss ich von meinem „Weg“! Ich gehe ihn, weil ich es sonst gar nicht aushalten könnte und habe also keinen Grund, mir über ihn Zweifel und Bedenken zu machen. Es geht mir in summa ja eigentlich besser als allen meinen Mitmenschen, seit ich auf diesem Wege bin, über den zwei Sonnen Wagner und Schopenhauer leuchten und ein ganzer griechischer Himmel sich ausspannt. —
     Bewahren Sie mir Ihre Liebe und nehmen Sie meine herzlichsten Wünsche für Ihr Wohl an.

Ihr ergebenster und
getreuer
Friedrich Nietzsche.


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BVN-1875,14

An Marie Baumgartner in Lörrach

[Basel, 10. Februar 1875]
Mittwoch.



Verehrte Frau

inzwischen ist auch mein Freitag mit Beschlag belegt worden. Und so bleibt es denn bei dem alten Plane, dass ich Samstag komme.
     Ich war ein paar Tage krank und hatte mich erkältet. Auch heute geht’s noch ein wenig schwach zu. Hoffentlich ist es Ihnen besser als mir ergangen.

Mit den freundlichsten
Wünschen Ihr
dankbar ergebener
Friedrich Nietzsche.





     Die Stelle bei Montaigne! Ich habe gesucht und gesucht! —


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BVN-1875,15

An Ernst Schmeitzner in Schloßchemnitz

Basel den 10 Februar 1875.


Geehrtester Herr Verleger,

um Ihre freundliche Zusendung der revue critique wenigstens mit etwas zu vergelten, theile ich Ihnen mit, dass „Schopenhauer als Erzieher“ inzwischen in’s Französische übersetzt ist und dass bereits vorläufige Schritte geschehen sind, um einen Pariser Verleger zu finden. Zur rechten Zeit wird derselbe sich dann mit Ihnen zu verständigen haben.
     Die „Kritik“ muss wohl eher von einem französischen Kellner sein als von einem französischen Gelehrten.
     Die erwähnte Übersetzung ist von einer sehr gescheuten Elsasserin gemacht, von Frau Baumgartner-Köchlin.
     Ich möchte gerne einmal wissen, ob Sie eine gute Aussicht haben, diese dritte Unzeitgemässe zu verkaufen.
     Privatim ist mir viel darüber geschrieben worden.
     Leider bin ich diesen Winter etwas sehr im Gedränge von Arbeiten, doch hoffe ich Ihnen in der ersten Hälfte des Sommers etwas schicken zu können. Vorausgesetzt natürlich, dass Sie es mögen.
     Leben Sie wohl, geehrtester Herr.

Ihr ergebener
Dr Friedrich Nietzsche



     Herr Prof. Overbeck empfiehlt sich Ihnen.
      Ich lege den Brief jenes Redakteurs bei, dessen Adresse ich Ihnen noch schuldig bin.


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BVN-1875,16

An Richard Wagner in Bayreuth

Luzern Montag den 15ten Febr. 1875.


Geliebter Meister

Sie werden sich über mich wundern, aber hoffentlich nicht böse sein, wenn ich heute nichts als einen Bettelbrief schreibe. —
     Frau Baronin Moltke, Schwägerin des Generals, bittet durch mich um eine Ihrer Photographien und zwar um eine mit Ihrem Namen unterzeichnete. Der Zweck ist ein guter, wohlthätiger; verzeihen Sie also einmal das unbescheidene Mittel und den unbescheidenen Vermittler. —
     Es soll, wenn möglich, nicht wieder geschehen, wie die kleinen Kinder sagen. Ich lege den Brief der Frau von Moltke bei.
     Augenblicklich bin ich auf der Flucht vor dem Baseler Trommellärm; nicht länger als 4 Stunden hielt ich’s aus, dann bin ich Hals über Kopf fort gereist und befinde mich jetzt in Luzern, im tiefsten Schnee und Schneegestöber.
     Arbeitsamer Winter! Aber es kann mich nichts Übles anwehen, weil ich an das glaube, was der Sommer bringt.

Mit den innigsten Grüssen
Ihr treuer Friedrich Nietzsche.



Eben merke ich, daß ich den Brief nicht beilegen kann, weil ich ihn nicht mitgenommen habe; in der Eile habe ich etwas Falsches eingesteckt, das Schreiben des Redacteurs der Berliner „demokratischen Zeitung“, welcher sich mir „als harmlosen, aber mit dem besten Willen ausgerüsteten Bundesgenossen“ empfiehlt. — Frau von Moltke lebt mit ihren zwei Töchtern bei dem Feldmarschall, der selbst familienlos ist und die Kinder seines Bruders wie seine eignen behandelt. — Die mir aus Lugano bekannt gewordne Frau hat grosses Zutrauen zu mir; ich würde mich sehr freuen, auch in dem heutigen Falle ihr Vertrauen nicht zu Schanden werden zu lassen. — Es ist eine herrliche Stille um mich.


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BVN-1875,17

An Elisabeth Nietzsche in Bayreuth

[Basel, 22. Februar 1875]


Nicht wahr, meine liebe Lisbeth, es ist eigentlich recht ios, wenn ich so an Dich nach Bayreuth schreibe? Aber es ist eine ganz gute Einrichtung, scheint mir. Erzähle mir nur ausführlich, wie es Dir geht und was Du erlebst. Grüsse den Dekan, den Bürgermeister, Hr. Käf[f]erlein, Feustels; und dann mache doch den Kindern einen hübschen Spaass in meinem Namen, mir fällt nicht leicht etwas Gescheidtes ein. Beiläufig: besorge mir doch die Rechnung von dem Tischlermeister für den Pinder’schen Stuhl; ich hätte es längst besorgen sollen. — Gestern habe ich an Frau von Moltke geschrieben und die Photographie (für die ich sehr danke) abgeschickt. Heute Mittag bin ich bei Fräulein Kestner zu Tisch; sie hatte angefragt, ob Du schon hier seiest. Übrigens habe ich jetzt vor, keine Abendgesellschaften anzunehmen, sie bekommen mir gewöhnlich schlecht. Meine Reise nach Luzern ist gut abgelaufen; ich war 2 Tage in Hôtel Gotthardt und schrieb und dachte nach. Die Übersetzung meiner dritten Betrachtung ist fertig, eine Dedication an mich in Form eines schönen Briefs macht den Anfang. — Würdest Du denn eventuell von Bayreuth nach Basel kommen wollen und können? — Hast Du Dich nicht gefreut, wie passend die Sommerferien jetzt zu den Bayreuther Proben und Festen sind? Mir ist es ein reines Wunder. — Der alte Gerlach soll jetzt pensionirt werden; man hat mich gebeten, für das Sommerhalbjahr 4 seiner Stunden zu übernehmen. Ich fürchte, es wird ein hartes Halbjahr. Die hübsche Bachofen von der weissen Villa soll sich mit einem Sohne des blauen Hauses verlobt haben. — Frl von Meysenbug hat wieder einen ihrer schönen rührenden Briefe geschrieben. — Schmeitzner hat sich erboten, den französischen Verleger zu schaffen. — Overbeck ist immer noch in schrecklicher Arbeitsnoth. Er grüsst recht schön und wird bald an Frau W[agner] schreiben. — Von Rohde höre ich gar nichts. — Wie geht es Dir denn mit den Kindern? Nichtwahr, mit der guten Loulou verträgt es sich leicht. Was macht der Bursch Siegfried? Kurz, erzähle bald etwas

Deinem Bruder.


     Ich habe wieder eine wunderschöne Geschichte von einem bösen amerikanischen Buben. —


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BVN-1875,18

An Marie Baumgartner in Lörrach

[Basel, 23. Februar 1875]
Dienstag.



Verehrte Frau

da kommt der Zettel wieder zurück — nein, was für Mühe Ihnen aus dieser Arbeit erwächst! Und wie wenig ich im Stande bin, Ihnen etwas davon abzunehmen! Ich bedauere beides oft genug, auch heute wieder recht lebhaft, als der Zettel ankam. —
     Mit den sprachlichen Vorschlägen bin ich fast immer einverstanden, ein paar Worte, von mir dazwischen geschrieben, seien Ihrer Prüfung empfohlen. Nur den Teufel müssen wir jedenfalls austreiben; es kommt eine Färbung in den Gedanken, sobald wir diabolique sagen, in der ich mein armes „dämonisch“ gar nicht wieder erkenne. Es giebt nun einmal gute Dämonen, und Faust war von einem solchen besessen. — Wollen Sie über diese Stelle vielleicht einmal Adolf anfragen? Ich möchte es, nur damit Sie mein hartnäckiges Widerstreben verzeihen. — Sonst noch keine Nachrichten. —
     In Eile. Mit den herzlichen Grüssen Ihres

ergebensten F. Nietzsche


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BVN-1875,19

An Erwin Rohde in Kiel

[Basel, 28. Februar 1875]


Wie gerne hörte ich liebster Freund, wenn auch nur durch ein Wörtchen, dass es Dir befriedigend ergehe. Ich bin neulich einmal durch einen Traum — wenn es Traum war — in eine Beunruhigung gerathen. Auch von Bayreuth aus hat man mich gebeten, Nachrichten von Dir zu geben, Du weisst und weis[s]t es doch schwerlich deutlich genug, wie herzlich und warm man dort Deiner gedenkt und wie man sich sorgt. Gegenwärtig ist meine Schwester in Bayreuth und bleibt dort einige Wochen. Ich will auch gleich die Aufforderung von Frau Wagner mittheilen, dass Du doch Dich baldigst und etwas stürmisch an den Bürgermeister von Bayreuth wenden möchtest, um in diesem Sommer dort Quartier zu bekommen; es wird viel Mühe machen, für alle Gäste Unterkommen zu schaffen, und es soll dem Bürgermeister recht zugesetzt werden, weil die Wohnungsfrage noch ganz im Argen liegt. Du möchtest doch ja nicht „eine bescheidene Wohnung“ verlangen. Meine Schwester bemüht sich für sich und mich etwas zu finden, bis jetzt noch ohne Erfolg.
     Das Semester läuft dem Ende zu, noch drei Wochen giebt es an der Universität, noch fünf an dem Pädagogium. Hier ist alles in grosser Erregung, denn die neue Verfassung der Stadt Basel wird jetzt im grossen Rathe durchberathen, alle Parteien sind in Erbitterung, im Frühjahr entscheidet dann das Volk. (Heute wurde eine Stelle von mir über die Staatsomnipotenz, aus der Nr. 3, mit für den politischen Kampf benutzt; hat mir Spaass gemacht) Unser Pädagogium verliert mit Ostern den alten Gerlach, der endlich pensionirt wird; was aber weiter geschieht, wer möchte es errathen? Man hat bei mir angefragt, ob ich 4 latein. Stunden an der obersten Classe für das nächste Semester übernehmen wolle, ich habe Nein gesagt, meiner Augen wegen.
     Im Ganzen geht es mir gut und recht: mir ist als ob ich zu einem Burgherr würde, so verschanzt und innerlich unabhängig wird allmählich meine Art zu leben.
     Ostern soll die Nr. 4 fertig werden. Dass die französische Übersetzung der Nr. 3 zu Ende geführt und mit einer briefartigen Dedication an mich versehen sei, habe ich Dir schon erzählt? Gersdorff kommt den 12 des März auf einige Zeit hierher, das weisst Du ebenfalls. —
     Nun aber etwas, was Du noch nicht weisst und was Du, als vertrautester und mitfühlendster Freund zu wissen ein Recht hast. Auch wir — Overbeck und ich — haben ein Hausleiden, ein Hausgespenst: falle nicht vom Stuhle, wenn Du davon hörst, dass Romundt einen Übertritt zur katholischen Kirche projectirt und katholischer Priester in Deutschland werden will. Das ist erst neuerlich herausgekommen, ist aber, wie wir nachträglich zu unserem Schrecken hören, schon ein mehrjähriger Gedanke, nur jetzt dem Reifsein so nahe als noch nie. — Ich bin etwas innerlich verwundet dadurch und mitunter empfinde ich es als das Böseste, was man mir anthun konnte. Natürlich ist es von Romundt nicht böse gemeint, er hat bis jetzt eben noch keinen Augenblick an etwas anderes als an sich gedacht und der verfluchte Accent, der dem „Heil der eignen Seele“ gegeben wird, macht ihn ganz stumpf gegen alles andre, Freundschaft einbegriffen. Mir und Overbeck war es allmählich räthselhaft geworden, dass R. eigentlich gar nichts mehr mit uns gemein habe und sich an allem, was uns beseelte und ergriff, ärgerte oder langweilte; besonders hat er eine Art des muckischen Schweigens am Leibe, die uns längst nichts Gutes ahnen liess. Endlich kam es zu Geständnissen, und jetzt, fast alle drei Tage, zu pfäffischen Explosionen. — Der Ärmste ist in einer verzweifelten Lage und nicht mehr einem Zuspruche zugänglich, das heisst, er wird so von dumpfen Absichten gezogen, dass er uns wie eine wandelnde Velleität vorkommt. — Unsre gute reine protestantische Luft! Ich habe nie bis jetzt stärker meine innigste Abhängigkeit von dem Geiste Luthers gefühlt als jetzt, und allen diesen befreienden Genien will der Unglückliche den Rücken wenden? Ich frage mich, ob er noch bei Verstande ist und ob er nicht mit Kaltwasserbädern zu behandeln ist: so unbegreiflich ist es mir, dass dicht neben mir, nach einem 8jährigen vertrauten Umgange, sich dies Gespenst erhebt. Und zuletzt bin ich es noch, auf dem der Makel dieser Conversion hängen bleibt. Weiss Gott, ich sage das nicht aus egoistischer Fürsorge; aber auch ich glaube etwas Heiliges zu vertreten und ich schäme mich tief, wenn ich dem Verdachte begegne, dass ich irgend was mit diesem mir grundverhassten katholischen Wesen zu thun hätte. — Lege Dir diese ungeheuerliche Geschichte nach Deiner Freundschaft zu mir zurecht und sage mir ein paar tröstende Worte. Ich bin gerade im Punkte der Freundschaft verwundet und hasse das unaufrichtige schleichende Wesen vieler Freundschaften mehr als je und werde behutsamer sein müssen. — R. selbst wird sich in irgend einem Conventikel wohl fühlen, das ist kein Zweifel, aber unter uns leidet er, wie mir jetzt scheint fortwährend. Ach liebster Freund! Gersdorff hat recht, wenn er oft sagt „es giebt nirgends Tolleres als in der Welt.“ Mit Trauer

Dein Freund Friedrich N., zugleich auch in
Overbecks Namen. —



     Verbrenne den Brief, falls Dir gut scheint.


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BVN-1875,20

An Elisabeth Nietzsche in Bayreuth

Basel Freitag. [5. März 1875]


Meine liebe Lisbeth, ich schicke in aller Eile Dir Geld, indem ich mich zugleich schönstens bedanke, daß Du die Tischlermeister Rechnung bezahlt hast; Du sagst es wohl Frau W[agner], daß dies abgemacht ist, ich fürchte immer, so etwas wird dann Wagners noch einmal auf die Rechnung gesetzt. — Ich schicke Dir Papiergeld, weil ich nicht wollte, daß Du Geld durch Postanweisung bekommst; bei Feustels wird Dir dies Papier gleich ausgezahlt. (Übrigens habe ich für die Seide 60 frs. zu zahlen gehabt, Quittung habe ich; an Frau Vischer nur 50 frs.) Große Freude hat mir Dein langer schöner Brief gemacht, er wurde sehr von mir erwartet. Nicht wahr, es ist eine hohe Schule für Dich, dieser ganze Aufenthalt in Bayreuth? Mit diesem Gedanken kann man dann schon über Vieles hinwegkommen. Und jedenfalls wirst Du einmal an diese Zeit mit großer Freude zurückdenken. Aus den Zeitungen habe ich von dem Wiener Concert erfahren. Wir Armen, daß wir jahrelang so abseits von dieser Musik gelebt haben! — Heute Mittag bin ich bei Adolf Vischers, ganz allein. Abendeinladungen habe ich jetzt der Reihe nach abgeschlagen, ich will sie mir ganz vom Halse schaffen, da sie mir selten gut bekommen. Morgen trifft Gersdorff hier ein, auf 14 Tage, das Vergnügen ist groß. — Fuchs hat aus Hirschberg in Schlesien geschrieben, recht zufrieden und muthig. Auch von Rohde verlautet Gutes. Das Schönste liest man immer in Briefen von Frl. von Meysenbug. — Unsre Sommerwohnung in Bayreuth gefällt mir sehr, ich kenne sie und war schon mit Gersdorff Krug und Rohde im „Salon“, um dort Musik zu machen.
     Grüße die guten Kinder und führe ja die Fantaisie-fahrt aus, ich will an Euch dabei denken. Hast Du denn eigentlich das Theater schon gesehn? Die Photographien haben mir das größte Vergnügen gemacht, habe recht schönen Dank dafür! Deine Mittheilungen über die Bayreuther verstehe ich ganz gut, ich dächte auch nie behauptet zu haben, daß es eine „enthusiastische Stadt“ sei. Aber Du wirst doch auch merken, daß es eine Stadt ist, wo wir Alle regieren, und wenn wir auch nur das Klatschgespräch regieren: das heißt, man darf dort ungefähr leben, wie man will und kann, die Leute fügen sich. — Hier geht es arbeitsam zu, und wird im Sommer noch arbeitsamer werden. Ich lechze nach dem Sommer. Ich will Ostern nicht verreisen, einmal um etwas zu sparen (zu Gunsten der Sommerferien) zweitens weil ich meine Nr. 4 machen will. Die Nr. 3 ist in der Übersetzung fertig und abgeschrieben, wir hatten, im Vertrauen gesagt, den großen Wunsch und die Hoffnung, daß Frau W[agner] sie einmal durchlesen möchte; glaubst Du, daß es möglich sein wird? Und bald? — Die Abschrift ist wunderschön deutlich und wie gedruckt. —
     Bitte, schreibe mir bald und ausführlich, Du machst mir eine große Freude. Und glaube es nur, ich brauche hier und da ein wenig Freude. Heute scheint die Sonne, ich denke mir, ihr fahrt nach Fantaisie.

Dein Dich liebender Bruder F.


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BVN-1875,21

An Marie Baumgartner in Lörrach

[Basel,] Donnerstag.
11. März
1875.




Verehrte Frau

mein Freund Gersdorff hat über die Hälfte Ihrer Übersetzung gelesen, wir haben Ihrer viel im Gespräche gedacht und ich glaube, so wie wir an Sie gedacht haben, hätten Sie Sich darüber freuen müssen.
     Nun frage ich an, ob Sie vielleicht die noch fehlenden Stellen — ach was für böse Stellen! — jetzt eintragen wollen; dann können wir das Heft am nächsten Samstag an Schmeitzner fortschicken — denn dass Sie unsre armselige Hütte (um chinesisch-höflich zu reden) mit Ihrem Besuch ehren werden, steht für uns Freunde fest; im Voraus danken wir Ihnen dafür. — Und für wie vielerlei hätten wir Ihnen zu danken! Romundt zum Beispiel.

Am meisten aber Ihr ergebenster
herzlich grüssender
Friedrich Nietzsche.


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BVN-1875,22

An Franziska Nietzsche in Cainsdorf

Basel den 12 März 1875.


Meine gute liebe Mutter, es sind die letzten Wochen des Winterhalbjahrs, da drängt sich immer Vieles zusammen, besonders diesmal, wo ich zwei große neue Collegien zur Noth eben fertig zu bringen habe. Kurz ich wollte bitten Dich nicht zu wundern, daß ich wenig Briefe schreibe. Habe ich mir doch die Abend-Einladungen seit einigen Wochen grundsätzlich versagt und in jeder Woche vielleicht zwei bis viermal Absagebriefe schreiben müssen — das ist die einzige Gattung Briefe, welche ich noch pflege. Jetzt ist Gersdorff wieder bei mir, wir arbeiten augenblicklich in zwei Zimmern neben einander; er hilft mir wieder einmal, der alte treue Kamerad! Die Nachmittage des Sonnabend habe ich der Mehrzahl nach seit Neujahr in Lörrach verbracht, bei Frau Baumgartner-Köchlin, um Ihre Übersetzung meiner letzten Schrift zu revidiren, die nun bald bei einem Pariser Verleger erscheinen wird. Die Fastnachtstage war ich in Luzern, um dem Baseler Trommellärm aus dem Wege zu gehen und fand tiefen Schnee und herrliche Stille, es war mir zu Muthe wie bei einer großen Generalpause in lärmender Musik, man hörte ordentlich die Stille. Ich hatte dort Zeit, um Einiges auszudenken; Ostern hoffe ich meine Vierte Unzeitgemäße Betrachtung zu Ende zu bringen. Ein hiesiger Patrizier hat mich, im Hinblick auf einige Worte einer früheren Schrift, mit einem ächten Albrecht Dürer beschenkt: das Blatt ist das berühmte und ganz unschätzbare mit dem Namen „Ritter Tod und Teufel“. Siehst Du, was für schöne Dinge sich gelegentlich in die armselige Hütte Deines Sohnes verirren? Ich glaube, so drücken sich die Chinesen aus. —
     Hier haben wir großen Verfassungsstreit; die alte Form der Regierung wird in ein paar Monaten zu Grabe getragen, neue Menschen kommen herauf, und Vieles dürfte sich ändern.
     Von unsrer Lisbeth habe ich immer gute Nachrichten gehabt, sie ist jetzt auf ihrer hohen Schule.
     Hoffentlich geht es Deiner Hand wieder gut. Ich danke Dir herzlich für Deinen Brief und sende Dir und den lieben Verwandten die freundlichsten Grüße.

Dein Fritz.


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BVN-1875,23

An Ernst Schmeitzner in Schloßchemnitz

Basel den 14 März 1875.


Geehrtester Herr

Sie sehen, ich benutze Ihr freundliches Anerbieten, für einen französischen Verleger sorgen zu wollen: zugleich mit diesem Briefe und vielleicht sogar vor diesem Briefe wird das druckfertige Manuscript in Ihren Händen sein, das nun nach Frankreich wandern mag und bei einem Pariser wie ich hoffe eine anständige Unterkunft finden wird.
     In Betreff der Bedingungen, welche die Übersetzerin stellt, dürfen Sie keinerlei Erschwerung erwarten: sie wünscht eine gute und würdige Ausstattung und Freiexemplare, 20 für sich und 20 für den Original-Verfasser. Finden Sie diese Zahlen etwas übertrieben, so mögen Sie dieselben etwas ermässigen. Überhaupt haben Sie freie, ja freieste Hand, hochgeehrter Herr; glauben Sie, dass man berechtigt sei ein Honorar für die Übersetzerin zu fordern, so fordern Sie, glauben Sie nicht, so fordern Sie nicht. Die Übersetzung ist gut und sehr gewandt, Sie werden sich davon überzeugen. Frau Baumgartner selbst ist eine Elsasserin, aber als Tochter einer veritablen Französin und in Folge vieler litterarischer Übung, überdiess bei einem auffälligen Talent für Sprache und Form, eine Übersetzerin, wie ich sie mir nur wünschen konnte.
     Nun wünsche ich Ihnen viel Glück und wenn es angeht einen baldigen Erfolg. — Sie melden mir wohl bei Gelegenheit etwas darüber. —
     Wenn ich nur genau wüsste, lieber Herr Verleger, was ich Ihnen für Rechte noch zugestehen soll, da ich so bereit bin Ihnen recht viele zuzugestehen? Aber meine Unwissenheit ist hier gross.
     Genügt Ihnen das Vorrecht auf eine zweite Auflage? Oder wollen Sie das alleinige Verlagsrecht für In- und Ausland? Bitte, schreiben Sie mir: „erstens will ich das, zweitens das, drittens das“ und befreien Sie mich aus der Verlegenheit, Rechte verleihen zu müssen, wo ich nicht weiss, wo ich Recht, wo Unrecht habe.

Es grüsst Sie
Ihr ergebener
Dr Friedrich Nietzsche




     Die Adresse der Übersetzerin, an die jedenfalls eine Correctur zu überlassen wäre, ist:

          Frau Baumgartner-Köchlin
                    in Lörrach
               Grossherzogthum Baden.


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BVN-1875,24

An Marie Baumgartner in Lörrach

[Basel, 16. März 1875]


Verehrteste Frau

Gersdorff und ich, wir wollten am nächsten Samstag einen Spaziergang nach Lörrach machen und bei Ihnen vorsprechen. Das wollen wir auch jetzt noch; im Falle das Wetter, unwahrscheinlicher Weise, schlecht ist, kommen wir mit der Eisenbahn. —
     Sagen Sie Ihrem Herrn Sohne einen herzlichen Gruss von uns Allen; vielleicht versucht er recht bald einmal unsere Schwelle zu betreten, wenn auch nur um sich zu überzeugen, dass wir freie und nicht allzu beschränkte Menschen sind und ein Unglück als etwas nehmen, was Mitleiden verdient. Übrigens wussten wir vom Besuche beim Zahnarzte. —
     Am Sonntage Morgen ist mein Brief an Schmeitzner abgegangen. Vielleicht bringe ich Ihnen am Samstag schon irgend eine Antwort.
     Wir freuen uns bei dem Gedanken, dass Sie es möglich machen, Ihren Besuch in der Baumannshöhle bald einmal zu wiederholen.

Treulich Ihr ergebener F. Nietzsche.


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BVN-1875,25

An Malwida von Meysenbug in Rom

Basel Mitte März oder noch später.
[kurz nach dem 20. März] 1875.



Verehrteste Freundin

hier schicke ich Ihnen ein ganzes Bündelchen Briefe: möchte ich damit ein wenig von der Freude zurückgeben, welche ich bei jedem Ihrer liebevollen Briefe empfange!
     In dieser Stube ist oft von Ihnen gesprochen worden, wie immer wenn der treue Gersdorff und ich unsere Gedanken über unsere wahren Freunde austauschen; und ebenfalls haben Sie in Frau Baumgartner eine herzlich verehrende Freundin gewonnen; was Ihnen irgendwann einmal, vielleicht bald, durch einen Brief bezeugt werden soll. — Inzwischen hat sich mein Verleger Schmeitzner die Erlaubniss ausgebeten, für einen Pariser Verleger zu sorgen; wozu ich um so lieber meine Einwilligung gegeben habe, als ich so Herrn Monod keine Beschwerde mache, wenigstens zunächst nicht. Sollte Schmeitzner kein Glück haben, so würde ich dann dankbar die Vermittlung Hr M[onod]s annehmen.
     Es giebt jetzt ein paar Tage Ferien, und ich brauche sie. Gersdorff ist schon über 14 Tage um mich. Es ist an der Nr 4 gearbeitet worden.
     Seit Neujahr ist auch, ganz nebenbei, ein neues grösseres Musikstück fertig gemacht, ein Hymnus auf die Einsamkeit, deren schauerliche Schönheit ich aus vollem dankbaren Herzen verherrlicht habe. — Vom Hymnus auf die Freundschaft habe ich Ihnen erzählt. —
     Da fällt mir ein, dass ich etwas über Eduard sagen soll; aber heute werde ich’s schuldig bleiben. Lange, lange kam das Werk mir nicht zu Gesicht und ich dachte nie über Eduard nach. Wollen Sie mit etwas ganz Unreifem fürlieb nehmen, so würde ich als meine Meinung dies bezeichnen. Nur im Lichtstrahl von Ottiliens Liebe sieht Eduard so aus, wie er billigerweise immer erscheinen sollte. Aber Goethe hat ihn geschildert, wie er alle schildert, die ihm selber ähnlich oder gleich sind und wie er sich selbst malt: ein wenig banaler und flacher als er ist; wie es Goethe liebte, nach eignen Geständnissen, sich immer etwas niedriger zu geben, schlechter zu kleiden, geringere Worte zu wählen. Diese Liebhaberei Goethe’s hat der Goethe-verwandte Eduard büssen müssen. Aber, wie gesagt, Ottilien’s Liebe zeigt uns erst, wer er ist, oder lässt es uns errathen; dass diese gerade den lieben musste, hat Goethe zur Verherrlichung solcher Naturen erfunden, welche tiefer sind als sie je scheinen und deren Tiefe erst der seherische Blick wahlverwandter Liebe ergründet. —
     Aber wie gesagt und versprochen: ich will das Werk einmal wieder lesen und dann Ihnen schreiben.
     Ein hiesiger Patrizier hat mir ein bedeutendes Geschenk in einem ächten Dürerschen Blatte gemacht; selten habe ich Vergnügen an einer bildnerischen Darstellung, aber dies Bild „Ritter Tod und Teufel“ steht mir nahe, ich kann kaum sagen, wie. In der Geburt der Tragödie habe ich Schopenhauer mit diesem Ritter verglichen; und dieses Vergleiches wegen bekam ich das Bild.
     So Gutes erlebe ich. Ich wünschte ich könnte andern Menschen täglich etwas Gutes erweisen. Diesen Herbst nahm ich’s mir vor, jeden Morgen damit zu beginnen, dass ich mich fragte: Giebt es Keinen, dem Du heute etwas zu Gute thun könntest? Mitunter glückt es etwas zu finden. Mit meinen Schriften mache ich zu vielen Menschen Verdruss, als dass ich nicht versuchen müsste, es irgend wodurch wieder gut zu machen.
     Und nun, verehrteste Freundin mag der Brief fortlaufen, sonst kommt Evchens schriftlicher Erguss zu spät.
     Meine Schwester ist mit Glück und Nutzen in Bayreuth, in einer Art von hoher Schule. Wagners Rückkehr hat sie durch eine kleine Aufführung gefeiert, bei der die guten Kinder sehr hübsch ihre Verschen hergesagt haben — Siegfriedchen hat meiner Schwester gesagt „ich liebe dich mehr als mich selbst.“
     Lauter gute Nachrichten bekam ich bisher: doch weiss ich nicht, ob ich die Nachricht eine gute nennen darf, dass Wagner nach Ostern in München und Berlin Concerte geben will.
     Ihnen das Beste und mir Ihre Liebe anwünschend

bleibe ich treulich
Ihr
Friedrich Nietzsche


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BVN-1875,26

An Elisabeth Nietzsche in Cainsdorf

Basel Charfreitag 1875. [26. März]



Meine liebe Lisbeth, ich denke, dass mein Brief Dich gerade noch in Bayreuth erreicht; ich hätte eher schreiben sollen, denn ich war Dir sehr dankbar für die ausführlichen Mittheilungen. Und wie viel wirst Du mir erst zu erzählen haben, wenn wir uns einmal wieder sehen! Mir ist ein Stein vom Herzen gefallen zu wissen, dass W[agner]s wieder gesund und zufrieden zurück gekommen sind; ist es wirklich wahr, dass noch in München und Berlin Concerte gegeben werden sollen? Es betrübt, ja empört mich fast dies zu hören, denn ich weiss, aus den Mannheimer Erinnerungen, was ein Concert für Wagner ist. Im musikal. Wochenblatte habe ich über das Wiener Concert gelesen, leider als Bericht eines Dr. Helm, unter dessen Helm kein Kopf ist, wie Fuchs sagt.
     Der Sommer lässt sich für mich kurios an; also Du kommst nicht. Overbeck geht Anfang Mai nach Carlsbad, auf ärztliches Geheiss und bleibt das ganze Semester fort. Romundt verschwindet auch völlig, schon im April. Alle Abend-Einladungen habe ich hartnäckig ausgeschlagen, auch zu Bällen (nämlich Bäteli Burckhardt hat sich mit einem Strassburger verlobt, daher giebt es Bälle) und ich will überhaupt die ganze Abend-Geselligkeit für immer abschaffen. Der Sommer also ist recht seltsam.
     Dafür habe ich jetzt drei Wochen lang den Besuch des treuen Gersdorff gehabt, wir leben auf das beste mit einander, heiter und ernst. Heute Nachmittag kommt, überraschend angemeldet, der Husar Adolf Baumgartner.
     Meine Augen bedürfen, nach dem schweren Wintersemester, nothwendig des Ausruhens, sie schmerzen mich mitunter wieder. Auch mit dem Magen ist es wieder nichts. Ferien giebt es jetzt fast nicht. Immerhin, es wird schon gehen.
     An Fräulein von Meysenbug habe ich einen Brief von Gersdorff und einen von mir beigelegt, sie bekommt auf einmal recht viel. Der Brief musste dreifach frankirt werden. Das erinnert mich, dass ich bei Deinem Bayreuther Briefen immer greulich nachzubezahlen habe (Drei Kreuzer ist nicht gleich einem Groschen)
     Wie wünschte ich, wieder dich zu sprechen. Unserer Mutter habe ich geschrieben.
     Dürers „Ritter Tod und Teufel“ ist, als Geschenk von Adolf Vischer bei mir eingekehrt. Ich war vor diesem Geschenk einmal da zu Mittag, ganz allein, es war sehr artig, selbst Thee wurde mir nach Tisch gekocht. Es sind gute, aber fanatisch fromme Leutchens, Adolf hält jetzt öffentlich im Vereinshaus Gebete. Wenn sie nur nicht eines Tags vor Gottseligkeit platzen!
     Danke den allerliebsten Kindern für den Onkel-Nietzsche Toast, ich habe mich lächerlich darüber gefreut.
     Und nun lebe wohl, hier läuft heute alle Welt in schwarzen Hosen herum, nur das Wetter nicht; als welches hell und gesund ist.
     Sage Wagners die herzlichsten Grüsse, wir sprechen fast immer von ihnen — es sei denn dass wir von Kaspar Hauser reden; denn auch dies Thema steht wieder in Flammen.

Schreibe und melde immer Gutes
Deinem Bruder.


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BVN-1875,27

An Marie Baumgartner in Lörrach

Basel Mittwoch. [7. April 1875]


Verehrte Frau

Der schöne Lörracher Brief hat geholfen den Sonntag auf eine gute Weise zu beschliessen; ich war und bin die letzte Zeit über sehr empfänglich für Leiden und werde deshalb um so dankbarer für Freuden sein. Der ganze „unterschwürige“ (kennen Sie das Wort?) Character des Lebens ist mir zu gewissen Zeiten jeden Jahres so deutlich, dass ich gar nicht aufhöre, mich schlecht zu befinden. Am Samstag muss ich auf ein paar Tage fort, zu einsamen Fusswanderungen.
     Am selben Tage Abends geht Romundt von Basel fort; er möchte Sie gern noch einmal vorher sehen und wird deshalb am Freitag Nachmittag den Versuch machen, Sie zu Hause zu finden.
     Nicht wahr, Sie werden doch noch nicht die nächste Woche nach Carlsruhe entführt? —
     Die Montaigne-Stelle hat eine gewisse Perplexität erzeugt: nämlich: die deutsche Übersetzung lautet ganz anders als ich die Stelle im „Schopenhauer“ angeführt habe; falsch ist sie aber auch, wie die meinige Auffassung, nur in ganz anderer Weise falsch.
     Ich empfehle nun in der französischen Ausgabe die Sache so zu wenden: wir streichen die Worte p. 17 „was er von Plutarch sagt“ und führen den Gedanken „Kaum habe ich einen Blick usw.“ so ein, dass er von m i r herrührt: was ja auch im Grunde das Richtige ist, da Montaigne jedenfalls etwas anderes sagt und seine Worte hier gerade nicht in den Ton meiner Stelle passen.
     Der Entdeckerin meines Irrthums vielen Dank; es steht eben schlecht mit meinem Französisch, und bevor ich Montaigne idealisire, sollte ich ihn wenigstens richtig verstehen.

Mit herzlichen Wünschen allezeit
der Ihrige
Dr F. Nietzsche.




     Auch lassen wir das „Bein“ weg und begnügen uns mit dem „Flügel“.


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BVN-1875,28

An Carl von Gersdorff in Hohenheim

Basel 17 April 1875.


Endlich, liebster Freund, kommt Nachricht, endlich! Aber Du bist nicht böse. Wie gut wir uns zusammen vertragen, ist ja so erstaunlich, dass es bei jedem Darandenken mich zur Bewunderung und zum Dankgefühl begeistert. Ich glaube wirklich, wir können gar nicht auf einander böse sein; wir haben uns an die schönste Vertraulichkeit unter einander gewöhnt, so dass alles Schleichende, Grämliche, Übelnehmerische aus unserem Verkehre verscheucht ist, das heisst aber gerade die Ratten, die sonst an den besten Freundschaften zu nagen pflegen.
     Ich schreibe heute scheuslich, meine Feder inspirirt mich zur Idee des Klexes und des Schmirakels.
     Habe herzlichen Dank für Brief und Sendung, vor allem aber für Deinen Besuch; ich kam über jene Wochen hinweg wie in einem ganz angenehmen Traume; darauf brach die Romundtische Mirakel- und Ratten-Wirthschaft wieder los, es war um alle Geduld zu verlieren, heftige Abende bis um die Stunde Eins wurden zur Regel; die Buchhändler-Absicht verflog nach dreiwöchentlicher Besprechung in alle Winde, denn ich musste förmlich Romundten eine Anleihe bei meiner Phantasie eröffnen, weil er sich gar nichts Kommendes und Mögliches vorstellen kann. Overbeck und ich dachten mehr an das was ihm noth that als er selber, alle Augenblicke verfiel er wieder in Lässigkeit; das ganz Unentschiedne seines Wesens kam noch am Tage der Abreise fast auf eine komische Spitze, als er nämlich einige Stunden vor der Abreise nicht fort wollte; Gründe gab es nicht und so setzten wir es durch, dass er Abends reiste; es ging leidenschaftlich traurig zu und er wusste und sagte es immer wieder, dass nun alles Gute und Beste, was er erlebt habe, zu Ende sei; er bat viel weinend um Verzeihung und wusste sich nicht vor Trauer zu helfen. Eine eigenthümliche Schrecklichkeit brachte mir noch der letzte Augenblick; die Schaffner schlossen die Wagen zu, und Romundt um uns noch etwas zu sagen, wollte die Glasfenster des Coupés herunter lassen, diese widerstanden, er bemühte sich immer wieder und während er sich so quälte, sich uns verständlich zu machen — erfolglos: — ging der Zug langsam fort und nichts als Zeichen konnten wir machen. Die grässliche Symbolik der ganzen Scene war mir ebenso wie Overbeck (wie er später gestand) schwer auf die Seele gefallen, es war kaum auszuhalten. Übrigens lag ich den nächsten Tag mit einem dreissigstündigen Kopfschmerz und vielem Galle-Erbrechen zu Bette.
     Romundt will also Gymnasiallehrer werden, ich wusste es, dass es gemäss dem einzigen Gesetz das bei ihm waltet, dem der Schwere, so kommen müsste.
     Ich dachte mir, er werde etwas von Deiner Rüstigkeit im Unternehmen des Schweren und Neuen gelernt haben. —
     Mir ist es nicht gerade gut ergangen bei alledem; das ekelhaft lange Winter-halb jähr ist noch nicht zu Ende! Erst nächsten Donnerstag bekomme ich etwas Freiheit.
     Meine Arbeit ist fast nicht von der Stelle gerückt. Doch bin ich wieder dabei und will mich ordentlich dazu halten, die freien Tage zu nützen.
     Meine Schwester ist seit Ostern wieder zu Hause. Denke Dir, dass in Bayreuth nicht weniger als 7 Personen (drei Erwachsene und vier Kinder) das Haus Wagner’s verlassen mussten: die ganze Berliner Sippschaft nämlich! Nur die Baiern haben sich brav gezeigt. Für alle diese ist nur eine einzige Person, ein neuer Diener anzuschaffen: denn seitdem giebt sich Frau W[agner] selbst von früh bis Abend mit dem Hauswesen ab.
     Concerte in Berlin usw. stehen bevor, das weisst Du. Die Götterdämmerung erscheint am 11ten [1ten] Mai im Klavierauszug. Doch das ist auch nichts Neues.
     Was machen die Liebes-Angelegenheiten? Man muss dem Schicksale hier und da einmal eine Tatze geben.
     Lebewohl, mein herzlich geliebter Freund. Overbeck und Frau Baumgartner grüssen Dich auf das Wärmste. Am Samstag waren wir mit Herrn Cook, dem Freunde Proudhon’s zusammen; es war toll. Übrigens ist er der Sohn eines vornehmen Oestreichers und einer Spanierin von den Balearen. Viel Geheimnissvolles.


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BVN-1875,29

An Elisabeth Nietzsche in Naumburg

Basel den 19/April 1874.
ei Herr Jeses! 1875.



Meine liebe Lisbeth, es kommt mir so vor als hätte ich lange nicht geschrieben und als zeigte ich mich gar nicht dankbar für den schönen letzten Brief, den ich so sehr erwartet hatte. Nicht etwa des Geldes wegen; so angenehm mir dies auch kam; sondern weil ich nun endlich wissen wollte, ob die Bayreuther Expedition glücklich zu Ende gekommen sei. Bitte, bestelle mir doch sofort bei Haverkamp einen sehr gewählten ganzen Anzug, eingeschlossen Sommerüberzieher. Mir fehlt es an allem etwas; das Beste wäre es, Du brächtest ihn gleich selber mit nach Basel — verzeih die Vereinigung zweier sehr getrennter Interessen, eines brüderlichen und eines schneidermäßigen. Nämlich: ich rechne ganz merkwürdig bestimmt darauf, daß Du wenigstens mit Hülfe des Rundreisebillets kommst und bald kommst. Der Sommer wird gar zu eintönig; denke Dir daß ich jetzt schon ganz allein bin: Romundt ist seit 10 Tagen ganz fort und Overbeck seit gestern in Zürich. Zur Feier meines Alleinseins hatte Frau Baumann einen Häring mir zum Abendessen gebracht, einen wahren Großvater von Häring, so alt und unzeitgemäß war er. Im Übrigen bin ich immer noch mit meinem Winterhalbjahr nicht fertig, denn es giebt noch Examina, und eben habe ich 20 Hefte zu Ende corrigirt. Ferien-Freuden giebt es nicht, da es noch keine Ferien gab; es sei denn daß ich sieben türkische Bäder genommen habe, was aber auch nicht jedermann glücklich macht. Der Abschied Romundts und was ihm zuvor ging war ein saures Stück Leben und Arbeit; ein Trost, daß Gersdorff der Treue wieder drei Wochen lang sich hier vor Anker gelegt hatte. Jetzt ist er aber längst fort, auch Adolf Baumgartner, der zu Ostern kam, als ganz eiteler Husar und schrecklicher Stutzer: nun, er ist jung und wir sind zotteligalt, wie jener Häring. Dies bringt mich auf meine Nr. 4; an der arbeite ich wieder, danke es mir der Teufel. Und dabei ist das Sommerhalbjahr wieder so nahe, daß auch dies schon Rechte geltend macht. Arbeit, nichts als Arbeit! Da fällt mir ein ora et labora, hast Du schon gehört, daß die Baseler Frommen neulich unter Anführung einiger amerikanischer Schwindler eine ganze Woche gebetet und nicht gearbeitet haben — und Lieder gesungen, englische, wahre Schweine- und Matrosentanzsaal-Liederchen, von Morgens um 7 bis Abends ½10; nun ist in Folge dessen hier der Teufel los, die Pfarrer predigen gegen den Schwindel. Mir ist die Baseler Gesellschaft widerlicher geworden, seitdem sie diese Gassenhauer-Christlichkeit vertragen hat. Ich mache gar keine Besuche mehr. Da fällt mir ein, daß ich neulich doch einen gemacht habe, eine Curiosität, bei Frau Hindermann. Über das Verschwinden des guten Flachkopfs Heinze bin ich recht froh, es war auf die Dauer nicht auszuhalten. Na, überhaupt die ganze deutsche Professorenbande. Aber Heinze ist doch ein merkwürdig geringes Exemplar dieser an sich nicht sehr reizvollen und inhaltsreichen Rasse.
     Ich erwarte Dich zu einem ganz langen Bayreuther Gespräch und wie gesagt, bald. Am ersten Mai erscheint der Klavierauszug der Götterdämmerung.
     Was macht denn unsre gute Mutter? Und wollt ihr beide zusammen vom Naumburger Nest wegfliegen?
     Was gäbe ich drum, wenn ich —

kurzum, es grüßt Dich
herzlich Dein Bruder
Fridericus
Intempestivus.


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BVN-1875,30

An Auguste Pinder in Naumburg

[Basel, 5.] Mai 1875.


Verehrteste Frau

da ich [etwas] verreist war, bin ich erst ziemlich spät in den Besitz der höchst schmerzlichen Nachricht gelangt, derentwegen ich heute an Sie schreibe. Ich möchte Ihnen nur sagen, wie auch ich mich mit beraubt fühle und wie es mir Mühe macht, mich an dieses Beraubtsein zu gewöhnen. Mir ist es als ob Naumburg in meiner Vorstellung sich verändere, wenn ich gezwungen werde, das Bild des verehrten Entschlafenen daraus hinwegzudenken, ich glaube eine unbegreifliche Lücke zu sehen und für die vielen guten und dankbaren Empfindungen mit denen ich gewohnt war, an das Pindersche Haus zu denken habe ich einen plötzlichen und gewiß lange währenden Schmerz eintauschen müssen.
     Sie nehmen gewiß, hochverehrte Frau, den Ausdruck meiner Klage freundlich an und denken einen Augenblick an die Zeiten zurück, wo Wilhelm und ich Knaben waren und wo wir zusammen in allem unsern Denken und Wünschen durch Wort Rath und Vorbild desselben Mannes geführt wurden, dessen Verlust ich jetzt mit Ihnen so schmerzlich betrauere.
     Ich verbleibe allezeit Ihr Ihnen und Ihren Angehörigen treulich zugethaner

Dr Friedrich Nietzsche
in Basel.


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BVN-1875,31

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

Basel Mittwoch vor Himmelfahrt.
[5. Mai 1875]



Meine liebe gute Mutter und Schwester,

da es mir nicht gut ging und ich mich schlecht und angegriffen fühlte, auch zweimal zu Bette liegen mußte, so half ich mir endlich und ging eine Woche lang nach Bern, um dort spazieren zu gehen. Gestern bin ich recht erholt zurückgekommen und habe heute das Sommersemester mit einer Stunde begonnen. Ich lebte in Bern in dem Hôtel Victoria auf dem Schänzli, war der einzige Gast des Hôtels und hatte das schönste Zimmer mit dem Balkon der ersten Etage. Dabei wurde ich sehr gut und billig behandelt und ich konnte meiner Leidenschaft für Allein-Leben und Allein-Gehen die Zügel schießen lassen; lief also täglich 8 Stunden in den herrlichen Umgebungen Berns herum und dachte nach. — Zurückkommend finde ich nun Eure Briefe und die traurige Nachricht vom Tode des guten Rath Pinder. Ich habe heute der Frau Räthin geschrieben. Es thut mir recht sehr leid. — Overbeck verläßt mich nächsten Montag, um seine Cur in Carlsbad zu beginnen. Vom Herbst an zieht Herr Adolf Baumgartner mein Schüler und Freund, in unser Haus und zwar in das Romundtische Zimmer.
     Was die Farbe des Rockes betrifft, so dächte ich, schwarz wäre das Beste für so einen gelehrten Nachtwächter, wie ich nun einmal bin. —
     Unsre Briefe haben sich gekreuzt, es thut mir leid euch in Besorgniß versetzt zu haben. —
     Von Bayreuth weiß ich gar nichts. Aber der Clavierauszug der Götterdämmerung ist in den Buchhandlungen erschienen, ich habe schon einen Blick hineingeworfen. Das ist der Himmel auf Erden.
     Ich will in diesen Tagen einmal an Frau Wagner schreiben. Nicht wahr, zum 22ten Mai als zu Wagner’s Geburtstag, schreibst Du auch, liebe Lisbeth?
     Warum soll ich denn dem Lichtenstein ein Exemplar schicken? Wenn er einen Werth darauf legt, eins gerade von mir zu haben, gut, dann soll’s sein, doch nicht sehr gerne. Man erscheint diesen Leuten gegenüber immer so als ob man was von ihnen wollte; das ist so ekelhaft, zumal für mich Schweizer.
     Sonntag vor 8 Tagen war ich mit Overbeck bei Turneysens zu Mittag. Besuche habe ich gemacht, auch bei Frau Fürstenberger, zum Dank für die Ball-Einladung.
     Jetzt will ich mich nun an die Nr. 4 machen, ich wünsche mir ein wenig Erheiterung und gutes Wetter.

Lebt recht wohl und behaltet lieb
Euren alten
Fritz.




     Danke recht schön für das Grab Schopenhauers, meine liebe Mutter.


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BVN-1875,32

An Carl von Gersdorff in Hohenheim

[Basel,] 8 Mai 1875.


Die Antwort auf Nr. 3 voran, liebster Freund!

Ich sprach heute mit Miaskowski und fand ihn in dieser Angelegenheit durchaus nicht ablehnend; er überlegt sich die Sache gründlich und ich glaube zu verstehen, weshalb sie ihm im Grunde ganz förderlich erscheint. Er will sehr gern ins „Reich“ zurück und möchte ebenfalls sehr gern viel Schüler haben, da er ein passionirter Lehrer ist, drittens hat er hier nicht viel Gehalt und das Leben ist theuer (ich meine er hat 4000—4500 frs.) Endlich hat er gerade eine spezielle Neigung für die landwirthschaftlichen Fragen seiner Disciplin und glaubt deshalb schon an einer Akademie wie der von Hohenheim an seinem Platze zu sein. Er wünscht nun vor allem in einem Briefe des Directors eine nähere Auskunft: über die Vorlesungen, die man von ihm verlangt, über die Schülerzahl, ob das Fach obligatorisch ist, über die wöchentliche Stundenzahl, über den Gehalt und etwaige Accessorien desselben, über die Wohnung und deren Umfang und so weiter. Er ist vielleicht dazu bereit, Pfingsten einen Besuch in Hohenheim zu machen; jedenfalls bitte Dr von Rau, dass er jetzt bald sich brieflich an M. wendet. Das Vorstadium der Angelegenheit ist ganz gut erledigt. Übrigens: im Vertrauen gesagt. M. hat mir freiwillig versprochen von der Sache hier durchaus keinen Gebrauch, etwa zu einer Gehaltserhöhung zu machen. Man hat mit einem anständigen Menschen zu thun. — Nicht wahr, im Herbst Antritt der Stelle? Ist eine gewisse Steigerung der 1900 Gld möglich oder nicht? Doch, wie gesagt, das Weitere geht uns nichts an, das mögen die Betheiligten unter sich ausmachen.
     Übrigens ist es toll, liebster Freund, dass Du nun gar noch Professoren berufst und dass ich solche ins „Reich“ hinüber lootsen muss. Es war viel Hohngelächter in mir, als ich die Mission ausführte.
     Nun zur Nr. 2, den ich zusammen mit Nr. 1 bekam. Ich war nämlich verreist, auf 8 Tage, weil die Maschine gar nicht mehr in Gang zu bringen war und ich zum zweiten Male wie nach Romundts Weggang zu Bett liegen musste. Da nahm ich mir den elenden Rest meiner Ferien zwischen die Beine und trabte fort. In Bern wohnte ich, als einziger Gast, in dem schönen Hôtel Victoria auf dem Schänzli und lief von dort aus auf Bergen und in Wäldern herum, immer allein und dachte mir viel aus. Oft genug kamst du vor, und in allen meinen Zukunfts-Plänen, die immer mehr auf das Erzieherische hinaus wollen, bist Du gar nicht mehr zu entbehren. Auch die Frage von Mann und Weib habe ich viel überlegt und möchte jetzt Dir auch zur allergrössten Vorsicht rathen. Es ist furchtbar, wie die Männer, an ein inferiores Geschöpf gebunden, herunterkommen, und mitunter kommt es mir so vor als ob wir bessere Aufgaben hätten als dem ganzen Ehe-capitel unsre Aufmerksamkeit zu schenken. Mündlich im Sommer viel mehr darüber, ich bin jetzt mit Gründen und Erwägungen vollgestopft.
     Ich habe die Tücke in „über Land und Meer“ wohl gefühlt; dieser Schmierer hatte übrigens Schopenhauer nicht einmal selber in die Hand genommen, sondern nur die Stellen aus der Vorrede von der Leopardi-Übersetzung, die Brandes gemacht hat, abgeschrieben. In der Westminster-Review ist ein grösserer Aufsatz über meine 3 ersten Unzeitgemässen, höre ich, er soll ziemlich wüthend sein. Doch freut’s mich, dass Engländer mich lesen. Von Hillebrand ist erschienen: „Zeiten Völker und Menschen“, darin sind auch seine Aufsätze über mich mit abgedruckt. Mit der vierten Unzeitgem. steht es noch schlecht: zwar habe ich ungefähr 40 Seiten mehr von solcherlei Notizen, wie du sie zusammen geschrieben hast. Aber Fluss und Guss und Muth fehlt noch fürs Ganze. Inzwischen habe ich das Sommer-Halbjahr angefangen, das mir viel lästiger ist, der Augen wegen, die mich öfter schmerzen. Ich stehe nach 5 Uhr auf, das thut mir wohl. Übermorgen reist Overbeck ab; er grüsst dich von Herzen und wird gerne thun, was Du wünschest, auch dir für eine Karte an Frau von G[ustedt] sehr dankbar sein. Romundt hat geschrieben, bis jetzt noch ohne Amt. Auch Rohde, dem man zu einem Rufe nach Dorpat gewinkt hat, doch meint er, es werde nichts daraus. — Heinze ist weiss Gott schon wieder von Königsberg fortberufen und geht nach Leipzig, im Herbst. In Naumburg ist Pinder’s Vater gestorben; traurig. Pinder Sohn erwartet ein Kind für diesen Sommer. —
     Im Jahrbuch des Schweizer. Alpenclubs 1864 fand ich eine Reisebeschreibung über den Piz Morteratsch; bei Öffnung der Flasche im Steinmann auf der Spitze ergab sich, dass dieser Berg das dritte Mal bestiegen worden ist „von Ernst von Gersdorff aus Berlin mit den Führern Ambüel und Walther.“ Im gleichen Bande steht ein ganz ausserordentlicher Aufsatz von Rütimeyer „die Bevölkerung der Alpen“, vom höchsten Interesse: von demselben Gelehrten empfehle ich noch (vielleicht sind beide Schriften etwas für Deinen Vater, zu einem Geschenk für ihn) „Vom Meer bis nach den Alpen“ Bern 1854. Dalpsche Buchhandlung.
     Und damit sei es genug. Mein guter lieber Freund, ich möchte, wir lebten bei einander, da wir’s erprobt haben, wie gut es geht. (Es geht mit wenig Menschen, selbst mit vielen Freunden nicht!)
     Ich habe einige Blicke in die Abgründe und blauen Seefluthen der „Götterdämmerung“ gethan, immer im Stillen noch etwas aus Bayreuth erhoffend.

Dein ganz Getreuer
Friedrich N.



     Ich sah Burckhardt noch nicht, nächstens über Stuart Auskunft. Ich dächte, es sei ein gut berühmtes Werk.
     Lies einmal die Augsburger Zeitung über das Berliner-Concert W[agner]’s (Freitagnummer, gestern) „Der Grössten Einer!“ Hat sich der Ton verändert!


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BVN-1875,33

An Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Basel, 9. Mai 1875]
Sonntag.



Meine liebe Lisbeth, so eben, etwas früh am Tage, war die Nichte von Mad. Laubscher bei mir und ich erfuhr zu meiner grossen Freude, dass Du am nächsten Donnerstag nach Basel kommen willst. Das gab denn für mich die angenehmste Überraschung. Weisst Du, es scheint mir diesmal besonders glücklich: da Overbeck morgen früh abreist, Romundt nicht mehr im Hause ist, so kannst Du in meiner Wohnung wohnen und ich wohne in Overbecks Zimmern. Bitte schreibe mir doch schnell noch ein Wörtchen hierüber.
     Alles Übrige mündlich. Nicht wahr, meine Kleider bringst Du mit?
     Die herzlichsten Grüsse an Dich und unsre liebe Mutter.

Dein Fritz


     Es ist alles mit Frau Baumann verabredet, ebenso mit Overbeck. Hr. Grumbach ist eben auf mehrere Wochen verreist. Alles günstig.


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BVN-1875,34

An Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Basel, 11. Mai 1875]
Dienstag früh.



Versteht sich, versteht sich! ich komme Freitag nach Oos Dir entgegen und fahre in Basel um 11 Uhr Vormittags fort. Alles sehr gut ausgedacht! Inzwischen wirst Du meinen Brief bekommen haben.
     Bitte packe meinen neuen Überzieher so, dass ich ihn gleich herausnehmen kann, in Oos.

Dich und unsre liebe Mutter
herzlich grüssend.
In Freude
Dein
F N.


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BVN-1875,35

An Marie Baumgartner in Lörrach

Basel Donnerstag vor Pfingsten. 1875.
[13. Mai]



Denken Sie, verehrte Frau, dass es auch für nächsten Samstag eine zwingende Verhinderung giebt und dass ich nicht zu Ihnen kommen werde. Glücklicher Weise ist es gar nichts Schlimmes; ich bin nämlich durch die Nachricht erfreut und überrascht, dass meine Schwester mich doch noch besuchen wird und dass ich morgen (Freitag) mit ihr in Baden-Baden zusammentreffen soll. Da bleiben wir ein paar Tage, — meine Schwester kennt diesen Ort nicht, — und kommen am Montag Abend hier in Basel an.
     Da bleibt nun gar nichts übrig als zu versprechen, dass wir Beide am Samstag nach Pfingsten nach Lörrach kommen.
     Das Semester wird sehr arbeitsam, ich muss alle meine angekündigten Collegien lesen und habe für alle litterarischen Absichten gar keine Zeit. Wenn nur meine Augen Stand halten!
     Overbeck hat mich Montag verlassen und mir noch herzliche Empfehlungen an Sie, verehrteste Frau, aufgetragen.
     Ich möchte Ihnen ein neues Buch von Hillebrand in Florenz geben, wenn ich nur wüsste, wie! Es heisst „Zeiten Völker und Menschen“ und bei den „Menschen“ komme ich auch ein wenig in Betracht. Er redet so, wie die öffentliche Meinung in 10 Jahren sein wird d.h. er ist ein klein wenig der jetzigen Meinung voran. Doch geht es nicht weit.
     Mir kommt es so vor als ob ich Ihnen manches zu erzählen hätte. Und da schreibe ich von Hillebrand!

In herzlicher Ergebenheit
Ihr
Friedrich Nietzsche.


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BVN-1875,36

An Carl von Gersdorff in Hohenheim

[Basel, 21. Mai 1875]
Freitag.



Ein paar Zeilchen, Freund! Das Werk von Stuart und Rewett ist immer noch all und eins auf diesem Gebiete und sehr werthvoll; doch erscheint jetzt eine neue billige Ausgabe und es ist wirklich fraglich, ob nicht noch billiger als Deine antiquarische. Burckhardt räth etwas zuzuwarten und gute Buchhändler zu befragen; die Italiäner können das Beschummeln nicht lassen.
     Es ist mir nicht gut gegangen: sehr häufige Magen- Kopf- und Augenschmerzen! Doch wird jetzt verständig gelebt, meine Schwester ist da, wir wohnen prächtig in der Baumannshöhle, sie in meinen, ich in Overbecks Zimmern. —
     Keine Zeile der Unzeitgemässen Nr. 4! Für das ganze Semester zurückgelegt. Denn die Tagesarbeit für alle Collegien (13 Stunden) zwingt, ich habe keine Zeit.
     Schmeitzner hat keinen Verleger für die französische Übersetzung gefunden. Von meiner Nr. 3 sind gegen 350 Exemplare verkauft.
     Frau Wagner hat mir ein herrliches Medaillon von Wagner geschickt, ich habe noch nicht gedankt, auch noch nicht zum Geburtstag schreiben können, der Augen halber!

Verzeihe also, wenn ich aufhöre.
Geht’s Dir gut?
F N.




     Weisst Du etwas von Frl von Meysenbug? Haben wir sie verletzt? Ich habe seit unsrer Sendung nichts von ihr gehört. Ich fürchte sehr, die Monod-Geschichte, Du weisst, die Recension!
     Schreib ihr doch, bitte, und versprich ihr einen langen Brief von mir. Jetzt kann ich nicht


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BVN-1875,37

An Franz Overbeck in Karlsbad

Basel Freitag nach Pfingsten 1875.
[21. Mai]



Deinen Brief, lieber Freund, fand ich bei der Rückkehr von Baden-Baden vor, wo ich meine Schwester in Empfang nahm; ich danke Dir herzlich dafür, wie ich überhaupt immer mit einem stillen Dankgefühl in Deinem Zimmer sitze; wie zum Beispiel jetzt. Frau Baumgartner empfieng uns am Bahnhof, und wer war in der Baumannshöhle, als wir an sie herankamen? Adolf B[aumgartner], von Bonn auf zweimal vierundzwanzig Stunden durchgebrannt. Hoffentlich ist es ihm nicht übel bekommen. Unsre häusliche Einrichtung ist sehr glücklich; da das Semester sich hart anlässt, und alle Vorlesungen von mir gelesen werden, auch das Pädadogium [Pädagogium] viel Mühe macht, so wird das Zimmer, in dem Deine Arbeitsamkeit blüht, wenigstens nicht durch Faulheit entweiht, denn ich bin Tag für Tag von 5 an bis 12 in Arbeit, und die Nachmittage sind dann durch Stunden und Collegien ausgefüllt oder richtiger in lauter Fetzen zerrissen, mit denen ich nicht viel anfangen kann. (13 Stunden!) Zustand des Magens und der Augen sehr bedenklich! Gestern war ich ganz unfähig und habe nicht einmal Wagner zum Geburtstage schreiben können. Meine Schwester thats für mich. —
     Ich besitze durch Frau Wagner ein herrliches Bronze-Medaillon Wagner’s; damit Du etwas von ihr hörst, lege ich ihren Brief bei. Ebenfalls Schmeitzner’s, über den du Deine Gedanken haben wirst. Ich möchte Schm. vorschlagen, da er einmal die indischen Studien fördern will, eine Bibliothek von guten Übersetzungen indischer Werke, zumal der philosophischen, zu begründen und habe zB. an Windisch und Deussen gedacht. An meiner Unzeitgem. Nr. 4 habe ich kein Wort geschrieben, kann es nicht und werde es nicht. Vielleicht Ende des Semesters.
     In Baden-Baden stolperte ich beinahe über die Kaiserin und benahm mich respectlos. Ass sehr behaglich bei Richard Pohl’s zu Mittag. Wir haben hier jedenfalls schon 184 Studenten, die Freude ist gross. Heute war ich mit Jacob Burckhardt zusammen, er sah vortrefflich aus, hatte Hillebrand kennen gelernt und erzählte dass er scill. Hillebr. einen Schatz scil. eine Braut vel hoc genus omne in Florenz habe.
     Über die Carlsbader Badelitteratur siehe den bezüglichen Artikel in den letzten Nummern der Augsburger Zeitung!
     Und nun, mein lieber Freund stehe auf, nimm Dein Leberli und wandle!
     Meine Schwester und ich, wir grüssen den Leidenden-Glücklichen auf das herzlichste.
     Schicke mir Schm[eitzner]’s Brief doch zurück, ich muss ihm bald antworten


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BVN-1875,38

An Richard Wagner in Bayreuth

Basel den 24ten Mai 1875.


Meine Wünsche kommen hinterdrein gehinkt, Sie müssen es schon einmal verzeihen, geliebter Meister. Ich gedenke dabei meiner leiblichen Unsicherheit und Schwäche, und bewundere Ihre Rüstigkeit, mit der Sie sich in den letzten Jahren durch das Gewirr von neuen Aufgaben, Beschwerden, Aerger, Ermüdung hindurch geschlagen haben; so daß ich nicht einmal das Recht habe, Ihnen in dieser Beziehung irgend etwas anzuwünschen. (Wenn ich doch lieber etwas von Ihnen lernen könnte!) Ich habe immer, wenn ich an Ihr Leben denke, das Gefühl von einem dramatischen Verlaufe desselben: als ob Sie so sehr Dramatiker seien, daß Sie selber nur in dieser Form leben und jedenfalls erst am Schlüsse des fünften Aktes sterben könnten. Wo alles zu einem Ziele hin drängt und stürmt, da weicht der Zufall aus, er fürchtet sich, scheint es. Alles wird nothwendig und ehern, bei der größten Bewegtheit: so, wie ich Ihren Ausdruck auf dem schönen Medaillon wiederfinde, mit dem ich neulich beschenkt worden bin. Wir andern Menschen flackern immer etwas, und so bekommt nicht einmal die Gesundheit etwas Stätiges.
     Nun will ich nur erzählen, daß ich eine merkwürdig schöne Prophezeiung gefunden habe, welche ich Ihnen gerne zu Ihrem Geburtstage hätte schicken mögen.
     Sie lautet so:

     O heilig Herz der Völker, o Vaterland!
     Allduldend gleich der schweigenden Mutter Erd’
     und allverkannt, wenn schon aus deiner
     Tiefe die Fremden ihr Bestes haben.
Sie ernten den Gedanken, den Geist von dir,
Sie pflücken gern die Traube, doch höhnen sie
dich ungestalte Rebe, daß du
schwankend den Boden und wild umirrest.
     Du Land des hohen ernsteren Genius!
     Du Land der Liebe! Bin ich der Deine schon,
oft zürnte ich weinend, daß du immer
blöde die eigene Seele läugnest.
     Noch säumst und schweigst du, sinnest ein freudig Werk,
das von dir zeuge, sinnest ein neu Gebild,
das einzig, wie du selber, das aus
Liebe geboren, und gut, wie du, sei.
     Wo ist Dein Delos, wo dein Olympia,
     daß wir uns alle finden am höchsten Fest?
Doch wie erräth dein Sohn, was du den
Deinen, Unsterbliche, längst bereitest? —

     Das sagt alles der arme Hölderlin, dem es nicht so gut wurde, wie mir und der es nur in der Ahnung trug, was wir trauen und schauen werden.
     Wahrhaftig, geliebter Meister, Ihnen zum Geburtstag schreiben, heißt immer nur: uns Glück wünschen, uns Gesundheit wünschen, um an Ihnen recht theilnehmen zu können. Denn ich sollte wirklich meinen: es ist das Kranksein, und der in der Krankheit lauernde Egoismus, wodurch sie gezwungen werden, immer an sich zu denken: während der Genius, in der Fülle seiner Gesundheit immer nur an die andern denkt, unwillkürlich segnend und heilend, wo er nur seine Hand hinlegt. Jeder kranke Mensch ist ein Schuft, las ich neulich; und woran sind die Menschen nicht alles krank! Auf Ihren Reisen durch Deutschland werden Sie manches gehört haben z.B. von der ganz allgemeinen Krankheit „des Hartmannianismus“.
     Leben Sie wohl, verehrter Meister, und bleiben Sie das, was wir nicht sind, gesund.

Treuergeben
Ihr
Friedrich Nietzsche.


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BVN-1875,39

An Franz Overbeck in Karlsbad

Basel 30 Mai 1875.


Ein Sonntagsbriefchen, lieber Freund; hoffentlich ist es Dir heute gut zu Muthe und das kräftige Gewässer rumort nicht im Inwendigen. Wir haben ein seltsam temperirtes Wetter, von fast idealer Schönheit (freilich nicht gerade für den Landmann) und ich habe gedacht, dieses ganze Muster- und Meisterstück von Frühjahr müsse Deine Genesung recht begünstigen. So etwas wie die paar Maientage in Baden-Baden habe ich eigentlich noch nicht erlebt und auf deutschem Boden fast für unmöglich gehalten. Jetzt trinke ich morgens um die gleiche Zeit wo Du trinkst, heißes Wasser, etwas später verdünnte Milch, nebst einem rohen Ei. Abends nichts als Suppe und etwas Thee; dazu Enthaltung von Sauerem Gepökeltem, Fettem: ich glaube, ich nähere mich Deiner jetzigen Art zu leben sehr an, und so halte ich’s denn wieder aus, mit der höchsten Behutsamkeit freilich. Meine Schwester macht’s mir sehr leicht zu leben. Denke, wir gehen damit um, uns eine Wohnung vom 1tn Oktober an zu miethen und eine eigne Wirthschaft zu begründen. Frau Baumann weiß noch nichts davon. Wir suchen schon nach Wohnungen; überhaupt aber merke ich, daß eine nach mir eingerichtete Häuslichkeit mir jetzt fast nothwendig geworden ist, wenn ich es noch eine rechte Zeit auf der Erde aushalten soll. Für den Sommer werde ich schwerlich nach Bayreuth oder nur für eine kurze Zeit kommen können, denn ich muß Bergluft und Trinkkur für meinen Magen anwenden, es hilft nichts. Heute Nachmittag wollen wir nach Lörrach zu der guten Frau Baumgartner fahren; sie denkt Deiner mit den herzlichsten Wünschen und wird Dir wohl auch schreiben. Adolf ist ohne Gefährde wieder nach Bonn zurückgekommen. Gestern waren wir bei Frl. Kestner und Frau Sarasin. Abendbesuche giebt es gar nicht mehr. Das Semester macht mir viel Arbeit. Ich habe am Pädagogium eine sehr gute Classe. Der kleine Kelterborn hat mir ein stattlich gebundenes Buch überreicht, von 448 engen Quartseiten; es ist die griechische Cultur Burckhardts; und zwar hat es Vorzüge vor Baumgartners Bearbeitung, es ist reicher an Stoff und geordneter und eine ausgezeichnete Ergänzung, während Baumgartner einen feineren Blick für Burckhardt selbst und großes imitatorisches Geschick hat. Dr. Fuchs hat ein opus I von sich geschickt, Clavierstücke über neugriechische Volkslieder, mit dem Titel Hellas. Von Frau Wagner habe ich ein höchst ausdrucksvolles Bronze-medaillon mit Wagners Kopf geschenkt bekommen.
     Festersen fragt an, ob er die bestellten und längst angekommenen Bücher Dir nach Dresden oder nach Carlsbad zusenden solle. — Hörten wir doch etwas Gutes von Romundt! Im litterar. Centralblatt werden immer neue Lehrerstellungen ausgeboten, ich wundere mich, warum er nicht zugreift oder wenigstens zuzugreifen versucht. Aber es wird so sein wie mit St. Gallen.
     Von Miaskowskis Sache weiß ich nichts mehr. Der Dr. Rau will einmal nach Basel kommen. Frau Immermann hat die Kurliste bekommen und dankt schönstens. Wir haben Immermanns in dieser Woche zu Gaste.
     Deine Erfahrungen mit den Vollbürgern des Reichs sind mir sehr werthvoll, ich freue mich darauf mündlich Näheres zu hören. Gestern las ich von der Aufhebung des Berliner Preßbureaus durch Bismarck. Er wurde gar zu tölpelhaft bedient, scheint es.
     Adieu, mein lieber Freund. Mit meinen und meiner Schwester Wünschen und Hoffnungen für Deine Gesundheit

Dein getreuer
Friedr. Nietzsche



     Heute die neue Großrathswahl! — Das Referendum hatte in der Stimmrechtsfrage einen günstigen Verlauf. Heute auch Oltener Zusammenkunft.


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BVN-1875,40

An Cosima Wagner in Bayreuth (Disposition)

[Basel, Ende Mai 1875]


               Frau Wagner
                    Rus
                    Medaillon


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BVN-1875,41

An Elisabeth Nietzsche in Basel

[Basel, vermutlich Mai-Juni 1875]
Freitag Abends.



Meine liebe Schwester, ich möchte Dir gerne noch gute Nacht sagen, bin aber durch Spaziergang und Reden in einem ungesunden Grade erschöpft und brauche Ruhe.
     Unsere Partie morgen findet statt: Prof. Hagenbach junior hat uns eingeladen, bei ihm zu Abend zu essen in Frenckendorf, bei Schauenburg. Wir werden also um 2 Uhr 45 Minuten am Centralbahnhof sein müssen: mach Dich nur gleich fertig, daß wir von der Terrasse der drei Könige aus gleich nach dem Bahnhofe gehn können. So ist es verabredet. Schlaf recht wohl, meine liebe Lisbeth.

Dein F.


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BVN-1875,42

An Erwin Rohde in Kiel

Basel 7 Juni 1875.


Mein lieber Freund, ich schreibe nicht! Du wirst aber gewiß schon errathen haben, warum nicht; weil mir’s nicht gut gegangen ist. Es stand Elend mit Magen und Augen; aber heute will ich Dich nur damit erfreuen, daß ich auch im Stande bin, mich zu etwas Radikalem zu entschließen. Erfreuen? Gott weiß, wenigstens hat der Radikalismus auch hier seinen berühmten Hinkfuß. Also: meine Schwester und ich sind eben damit beschäftigt, hier eine Wohnung zu miethen, Meubles zu kaufen usw., kurz, um eine meinen Nöthen angemessene und heilsame Existenz von Mitte dieses Jahres an zu beginnen. In den Hundstagen werde ich freilich nicht nach Bayreuth kommen — dies ist der Hinkfuß — sondern in’s Bad müssen, wohl nach Pfäffers. Alles ist sehr nöthig. In Aussicht auf diese schönen Neuerungen athme ich recht auf.
     Das Semester ist recht mühsam, da ich alle meine Collegien lese. Ich wohne in Overbecks Zimmern, meine Schwester in meiner Wohnung. In Romundts Zimmer wird vom Herbst an der junge Baumgartner ziehn.
     Zu Unzeitgemäßheiten habe ich weder Zeit noch Kraft.
     Die französische Übersetzung der Nr. 3 hat trotz vielem Suchen keinen Verleger gefunden. Schmeitzner hat 350 Exemplare davon abgesetzt. Kannst Du ihm Dein Buch anbieten? Es wäre ihm ein großer Gewinn. Übrigens möchte er gerne Schriften über Indisches und Chinesisches herausgeben; weißt Du da einen Rath zu geben?
     Von Overbeck nehme ich an, daß er seine Cur heute in Carlsbad beendigt. Seine Briefe sind heiter, obschon das Wasser sehr rumoren mag. Romundt hat in Sachsen nichts gefunden, jetzt hat er auf Hannover’sche Gymnasiallehrerstellungen sein Auge. Wir haben schwere und wechselvolle Winterwochen verlebt, eigentlich lag ein böser Nebel über dem Hause; der Abschied war höchst beschwerlich und schmerzlich, ich möchte dieser Zeit Ähnliches nicht wieder erleben.
     Wir sitzen alle so einsam auf unserem Leuchtthurm — und wenn es nur immer ein Leuchtthurm wäre!
     Dieser Theil des Lebens ist hart, man hat ja noch nicht recht resignirt. Man sieht sich selber aber schon recht deutlich. Doch ist der Anblick so, daß ich mitunter viel zu viel Muth und Hoffnung habe und wenn ich dann abrechne mit dem, was uns umgiebt, und worauf zu wirken ist, ist mirs, als ob ich nicht einen Finger mehr bewegen könnte. Es wird Dir auch so gehen?
     Tragen wir die schweren Dreißiger, lebwohl mein lieber Freund, non olim sic erit.

Deiner oft und immer
mit Liebe eingedenk
Friederich.




     Hast Du Briefe von Wagner und Frau, die mir gehören, bitte, so schicke sie mir.


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BVN-1875,43

An Franziska Nietzsche in Naumburg

Basel den 10 Juni 1875.


Nur ein ganz kleines Briefchen, meine gute Mutter, da ein langes jetzt nicht in meiner Macht steht, nämlich der Augen wegen. Ich bin seit einigen Tagen durch einen recht harten Anfall meines Magenleidens heimgesucht; da nimmt denn Kopf und Augen sein ehrlich Theil. Es ist allmählich so schlimm mit diesem chronischen, nun schon vierjährigen Magenkatarrh geworden, so gefährlich und so zeitraubend (denn ich verliere fast wöchentlich immer zwei Tage), daß ich und die Ärzte mit mir nur noch in einer ganz consequenten Diät Hülfe sehen; so wie mir diese vorgeschrieben ist, kann ich sie aber nur in einem eignen Hauswesen durchführen.
     Unsere Entschließung, von der Dir meine hülfreiche Lisbeth geschrieben hat, ist deshalb ein Resultat der Noth, es geht eben nicht mehr anders. Im andern Falle wäre ich gezwungen, meine Professur in kürzester Zeit aufzugeben. Nun scheint mir, daß Lisbeth hier sich sehr nützlich machen kann, daß sie vieles lernt; überdieß gefällt sie sich hier gut und hat mehr Bekannte als in Naumburg. Selbst die Möglichkeit an der Dir immer so viel liegt, daß sie sich verheirathe, ist hier doch wirklich größer (im Vertrauen gesprochen) als etwa in Naumburg. Freilich entziehe ich Dir nun unsre Lisbeth, aber sehen werden wir uns oft, nur daß es jetzt wohl mehr in Basel als in Naumburg sein wird.
     Alles Nähere wird Dir Lisbeth schreiben; mir geht es noch zu schlecht. Mit den herzlichsten Grüßen

Dein Sohn
Fritz.


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BVN-1875,44

An Erwin Rohde in Kiel

Basel Montag. [14. Juni 1875]


Ach mein armer geliebter Freund!

Was für eine Leidens Epistel hast Du mir geschrieben! Ich bin den ganzen Morgen wie betäubt und zerstreut. Dass Dich die Dämonen so anfassen! Und zugleich noch die alberne Tyche dazwischen ihre Finger hat! Könnte ich Dir nur irgend etwas von der Last abnehmen oder Dich auch nur ein wenig erheitern. Nun kommen wir nicht einmal den Sommer zusammen, denn über mir waltet jetzt der Arzt und verbietet mir Bayreuth. Ich soll auf den Gurnigel bei Thun und Schwefelwasser trinken. Mein Befinden ist sehr schlecht, seit dem letzten Briefe hatte ich einen harten Anfall. Es wird wohl so etwas wie ein Magengeschwür sein, was mich seit Jahren quält. Jetzt muss ich jeden Tag nüchtern zwei Esslöffel Höllensteinlösung innerlich einnehmen und nach einem genauen Plane des Arztes leben. Mit ziemlicher Anstrengung setze ich meine Vorlesungen fort. Ich habe bereits eine Wohnung gemiethet, wo ich vom August ab mit meiner Schwester zusammen wohnen werde.
     Ich kann nicht sagen, wie mich die Dorpater Geschichte verdriesst. Hast Du nicht irgend einen Wunsch, den ich erfüllen könnte?
     In Betreff des Sommeraufenthalts der Hamburger Familie weiss ich sehr zu empfehlen

     1) „Hôtel Segnes, Waldhäuser bei Flims in Graubünden“, womöglich mit Berufung auf meinen Namen. (c. 4000 Fuß hoch)

     2) „Luftkurort Wiesen (Graubünden), Kurhaus Bellevue“

     3) „Bergün in Graubünden, Hôtel Piz Aëla“

     4) „Hôtel Tellsplatte bei Flüelen, an der Axenstraße.“

Doch heute nichts mehr. In herzlicher
Freundschaft
leidend und mitleidend
Dein Bruder.


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BVN-1875,45

An Heinrich Romundt in Waldheim

[Basel, 19./27.Juni 1875]


Ich danke Dir mein lieber Freund für die herzliche theilnehmende Gesinnung Deines Briefes. Hast Du denn das Kistchen erhalten? Ich schreibe heute nur, um meine Worte über Rohde zu erklären. Er hatte zugesagt für Dorpat und bestimmt darauf gerechnet, auch deshalb eine Berufung nach Graz ausgeschlagen, ist aber zuletzt mit 2 Stimmen gegen den andern Kandidaten unterlegen. Privatim für Dich und Overbeck. —

     Mir geht es nicht besser. Große Dosen Chinin. —

Mit herzlichem
Gruße Dein Freund.


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BVN-1875,46

Eingabe an die Erziehungsbehörde in Basel

[Basel, 24. Juni 1875]


Griechischer Unterricht am Pädagogium

p.1. Die Zeit des gesammten griechischen Unterrichts, den ein Schüler der hiesigen Anstalten bis zu seinem Abgange zur Universität genießt, ist gegenwärtig sehr gering; er umfaßt drei Jahre am Pädagogium und zwei Jahre vor dem Eintritt in dasselbe, für jede Schulwoche 6 Stunden gerechnet. Es wäre zu überlegen, ob dieser Zeitraum nicht verlängert werden könnte, beispielsweise durch Hinzufügung einer obersten Classe, einer Selecta; denn ein Unterricht, der es nicht erreicht, den Schülern eine tiefere Neigung für das hellenische Leben einzuflössen und der sie nicht zuletzt mit der Fähigkeit entläßt, griechische Schriftsteller leicht zu lesen — ein solcher Unterricht hat sein natürliches Ziel verfehlt. Ein wenig weiter heißt in solchen Fällen sehr viel weiter, nämlich zum Ziel zu kommen.
p.2. Sehr zu bedauern ist, daß das Griechische für Mediziner an unserer Schule als fakultativ angesehen wird. Immerhin sollte die Entbindung vom griechischen Unterricht nur in den seltensten Fällen zugestanden werden; denn welcher junge Mann kann ein paar Jahre vor seiner Universitätszeit mit der nöthigen Bestimmtheit wissen, daß er eben Medizin studieren werde? Dazu kommt, daß gerade die hiesigen Professoren der Medizin sich so dringend wie möglich zu Gunsten der griechischen Ausbildung zu künftigen Medizinern [zukünftiger Mediziner] ausgesprochen haben.
p.3. Ein weiterer Wunsch, den wir bei dieser Gelegenheit mitaussprechen wollen, bezieht sich auf die Einführung einer und derselben griechischen Grammatik für alle Jahre des Unterrichts, zum Beispiel der Koch’schen Grammatik.
p.4. Wir verlangen, daß die Schüler, um als reif angesehen werden zu können, gelesen haben
a)       den ganzen Homer
b)       drei Werke der tragischen Dichter
c)       eine größere Auswahl [Anzahl] ausgewählter Stücke von platonischen Dialogen
d)       ebenfalls ausgewählte Theile des Thukydides, des Herodot und des Xenophon
e)       Reden des Lysias oder Demosthenes
Bei dieser Aufstellung wird nicht nur auf die Schul- sondern auch auf die Privatlektüre der Schüler Bezug genommen.
p.5. Der ersten Classe fällt zu: Xenophons Anabasis oder Hellenika. Die Odyssee. In grammatischer Beziehung die Formenlehre und die Syntax der Casus, mit wöchentlichen schriftlichen Übungen.
Der zweiten Classe fällt zu: Herodot. Die Redner. Die Ilias. Die Syntax der Tempora, des Infinitivs und des Participiums. Schriftliche Übungen.
Der dritten Classe fällt zu: Tragiker. Plato. Thukydides. Ilias. Die Syntax der Moduslehre. Schriftliche Übungen.

Prof. Dr. Nietzsche.
den 24 Juni
1875.



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BVN-1875,47

An Carl von Gersdorff in Hohenheim

[Basel, um 26. Juni 1875]


Mein lieber Freund, meine Schwester dankt Dir herzlich für Deinen Brief und Deine treue Sorge, ich will Dir aber doch selber melden, wie mir’s geht. Ich habe eine sehr schlimme Zeit hinter mir und vielleicht eine noch schlimmere vor mir. Der Magen war gar nicht mehr zu bändigen, auch bei der lächerlich strengsten Diät, mehrtägige Kopfschmerzen der heftigsten Art, in wenig Tagen wieder kommend, stundenlanges Erbrechen, ohne etwas gegessen zu haben, kurz, die Maschine schien in Stücke gehen zu wollen und ich will nicht leugnen, einige Male gewünscht zu haben, sie wäre es. Grosse Abmattung, mühsames Gehen auf der Strasse, starke Empfindlichkeit gegen Licht; Immermann kurirte auf so etwas wie ein Magengeschwür, und ich erwartete immer Bluterbrechen. Ich musste 14 Tage lang Höllenstein-Auflösung einnehmen, es half nichts. Jetzt giebt er mir täglich zweimal ausserordentlich grosse Dosen von Chinin. Er will, dass ich in den Ferien nicht nach Bayreuth gehe, ich sage gar nichts darüber, Du kannst Dir denken, wie mir zu Muthe ist. Indessen möchte ich gerne das nächste Jahr noch erleben und will deshalb in diesem Jahre thun, was ich soll. — Unter solchen Umständen wurde es zur Nothwendigkeit, mich mit Hülfe meiner guten Schwester häuslicher einzurichten; wir haben eine Wohnung, nahe an der alten, und beziehn sie nach den Sommerferien. Ich habe meine Vorlesungen und Stunden bei alledem fortgesetzt und nur an den schlimmsten Tagen, wo ich immer zu Bette liege, unterbrochen. Wohin ich die Ferien gehe, hängt vom Erfolg der jetzigen Kur ab, jedenfalls in ein Bad. Ich hoffe sehr viel von der neuen Häuslichkeit mit meiner Schwester zusammen, wir wollen zusehen, eine recht exacte Lebensweise zu erfinden.
     Dass ich nicht muthlos bin, kannst Du daraus sehn, dass ich neulich einen Entwurf für meine Collegien auf 7 Jahre hin gemacht habe. Aber viel Quälerei hat das Leben. Zudem haben Krankheiten etwas Würdeloses und sind nicht einmal ein Unglück.
     Willst Du in Bayreuth darauf vorbereiten, dass ich im Juli nicht kommen werde? Wagner wird recht böse sein, ich selbst bin es auch. Übrigens habe ich doch noch zu seinem Geburtstag geschrieben, mit vieler Überwindung, denn es ging mir übel. Es ist etwas Herrliches darum, wie er’s aushält.

Lebe wohl mein lieber
Freund.



     Ist Miaskowski berufen? Ich habe ihn seitdem nicht gesprochen, er wartete gewiss sehr darauf. Übrigens wäre es die höchste Zeit, denn jeder hier Angestellte muss 4 Monate vor dem Anfang des nächsten Semester (1 Nov.) seine Entlassung begehren.


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BVN-1875,48

An Carl Fuchs in Hirschberg

[Basel,] Ende Juni 1875.


Ja lieber Herr Doktor, wenn es mir nur nicht gar so schlecht gienge! Was ist da zu sagen, was zu schreiben! Ich bin seit ein paar Monaten in einer verruchten Krisis eines chronischen Magenübels, das an den Grundfesten meines Daseins zu rütteln beginnt. Mit Mühe lebe ich aus einem Tag in den andern. Alle paar Wochen versuchen’s die Ärzte mit etwas Neuem, Höllenstein innerlich einnehmen, dann wieder große Dosen Chinin. Welche Kopfschmerzen — nein, ich will nicht davon erzählen, glauben Sie es mir nur, daß ich schwer lebe, und nicht unbedenklich, und daß bei solchem Zustande die Last meines Berufes, an sich groß genug, doppelt drückt.
     Ich würde das wirklich nicht gesagt haben, wenn es nicht durchaus nöthig wäre, meine schier unbegreifliche Briefnachlässigkeit Ihnen nicht als sträflich, sondern als verzeihenswürdig hinzustellen. Ich kann wirklich, so wie es mir geht, keine Briefe schreiben. Denken Sie nur, daß die Ärzte mir nicht erlauben, diesen Sommer nach Bayreuth zu gehen! Ja was man bei einem solchen Gebot empfindet!
     Meine litterarischen Fortsetzungen habe ich natürlich aufgegeben, ich bin nicht im Stande, eine Zeile daran zu schreiben. Das will nicht nur Gesundheit, sondern einen Überschuß von Gesundheit.
     Ich danke Ihnen sehr für Ihre Composition. Was Sie mit dem Klavier-Instrument zusammenhängen! Mir ist so etwas noch nicht vorgekommen. So etwas kann übrigens nur ein wirklicher Klavierist spielen, nicht so ein verunglückter Orchestrist, wie ich bin. —
     Nun wollte ich Ihnen die Photographie des kräftig und treu blickenden neuen Freundes, den Sie gefunden haben, zurückschicken, finde sie aber im Augenblick nicht. Also ein wenig später.
     Ich las einmal in der Zeitung etwas von Ihren ehrenvollen Erlebnissen zu Weimar und hoffe, daß daraus Ihnen das Günstigste erwachse.
     Und wie geht es in der häuslichen Welt? Ist Ihnen Glück zu wünschen und zugleich der Mutter und dem Kind? Mir ist hier zur Noth geworden, so garçonmäßig mit diesen elenden Gesundheitszuständen fortzuleben, deshalb ist meine Schwester zu mir gekommen, und vom August an giebt es da eine eigne Wirthschaft des Geschwisterpaars.

Wir beide grüßen Sie
von Herzen.
Friedrich Nietzsche.


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BVN-1875,49

An Franziska Nietzsche in Naumburg

Sonntag. [4. Juli 1875]
Basel.



Meine gute liebe Mutter, nur ein Wörtchen. Lisbeth kann am Dienstag noch nicht zu Dir kommen, die Dienstbotenangelegenheit hält sie noch hier fest. Heute ist sie, zusammen mit Prof. Hagenbach, auf den St. Romey, um Frau Vischer zu besuchen. Mir geht es immer recht übel und ich erwarte mit Ungeduld die Ferien. Oskar hat in der freundlichsten und herzlichsten Weise mich eingeladen, aber ich kann nicht kommen, da ich jedenfalls in ein Bad geschickt werde.
     Mit dem Wunsche, daß es Dir recht wohl gehen möge und mit vielem Dank für Deine schönen Briefe

Dein getreuer Sohn.


     Ein böser Sommer! Übrigens ist es nicht so warm, im Gegentheil.


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BVN-1875,50

An Franz Dorotheus Gerlach in Basel

Basel Montag (vermutlich 5. Juli 1875]


Verehrter Herr Professor,

mit Vergnügen werde ich Ihrer gütigen Einladung für nächsten Samstag folgen.

Ihr ergebenster
Dr F. Nietzsche


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BVN-1875,51

An Carl von Gersdorff in Hohenheim

[Basel, 7. Juli 1875]


Hier, geliebter Freund, einen Brief von Fräulein v. M[eysenbug] an Dich, der an meine Adresse kam und ebenso einen an mich, zur völligen Instruction. Du theilst mir aus dem Deinen wohl gelegentlich mit, was in meinem etwa nicht steht. Ich freue mich ausserordentlich wieder von unserer treuen Freundin gehört zu haben, nach so langem Schweigen.
     Habe Dank, Treuester, für Deinen Brief, ich entgegne sofort auf Eins. Wer kann Dir denn so bestimmt gesagt haben, dass mein Leiden Migräne sei? Von dieser Bestimmtheit weiss Immermann nichts, der mir selber sagte, er experimentire nun einmal auf Nerven, da das vorige Mittel nichts besserte; helfe dies nichts, würde etwas Neues versucht. Da es mir nun immer schlecht geht und zumal die Säurenbildung grässlich mich bedrängt, und alles, mit Ausnahme des zartesten Fleisches, sich in Säure verwandelt, so bin ich wenigstens bereits überzeugt, dass die Nervenhypothese falsch ist; der Kopfschmerz bei Migräne ist übrigens halbseitig, meiner nicht, wie Du weisst. Die Quälerei in und über beiden Augen ist gross. —
     Gott helfe Immermann, dann wird er auch mir helfen. Inzwischen — dubito.
     Romundt ist ein Querkopf, ich schickte ihm, um ihn etwas zu ergötzen, ein paar Pfund Thee und Baseler Leckerli nebst Büchern. Ich höre lange nichts, endlich kommt es heraus, dass er grossen Verdruss daran gehabt hat, weil er aus unbegreiflichen Schlüssen Frau Baumann als die Senderin betrachtet hat, seltsame Briefe geschrieben und die arme Frau in Verlegenheit gebracht hat. Dabei hatte ich einen Begleitbrief geschrieben. Es ist toll. „Es sei ein Unstern über der Kiste gewesen,“ schreibt er heute; dieser Unstern ist, scheint mir, sein eigner Querkopf.
     Also von Rohde weisst Du? Der Arme!! Ich habe auf ein Mittel gesonnen, ihn etwas zu zerstreuen.
     Mit Bayreuth bin ich fast Deiner Meinung. Es geht nicht, ich halte es nicht aus, davon zu bleiben. Warte nur ab, es soll schon noch etwas von mir erfunden werden.
     Die besten Glückwünsche zu den Prädikaten, welche Dein Freund Rau Dir über Frl. G[ottliebe] von W[ulften] mitgetheilt hat. Darauf hin würde ich an Deiner Stelle alles thun und bald, denn diese Eigenschaften sind die schätzenswerthesten und seltensten bei Frauen. Wenn Du Dich auf Rau verlassen kannst, so sage ich wirklich „was du thun willst, thue bald!“ —
     Nun lache nur über meine Paränesen. Du siehst doch, dass ich das Weltverbessern noch nicht aufgebe, wenn ich an Dich denke. Der Muth hört nur bei mir mitunter auf, doch nur für kurze Zeit.

In aller Liebe und
Herzlichkeit der Deine.


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BVN-1875,52

An Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Basel,] 8 Juli 1875


Meinen schönsten Geburtstags-Gruß, liebe Schwester, nebst einer kleinen Erzählung der Ereignisse, die seit Deiner Abreise Deinen Bruder betroffen haben. Ich nehme an, daß Du nicht nochmals das Opfer unsrer kindlichen Unerfahrenheit in Zahlendingen geworden bist und Deine Reise planmäßig zu Ende gebracht hast, ebenfalls nehme ich an, daß Ihr Euch vielerlei erzählt, vorschlagt, ausdenkt und den Geburtstag diesmal mit neuen und fast wehmüthigen Empfindungen feiern werdet. Da passen denn meine Erlebnisse gut hinein. Ich begann mir am ersten Tage, wo ich wieder den Kopf betrat, den Magen zu verderben und mußte die Nacht über einige Stunden ächzen und krächzen; jedesmal wenn der Akt vorüber war, zu neuem kräftigen Beginnen mich sammelnd. Zu Ehren meiner jetzigen Kur muß ich sagen, daß ich am Kopf an meinem Kopf dabei lange nicht so zu leiden hatte, auch daß ich den Morgen, matter zwar als ein Sänger am dritten Festtag, meine gewöhnlichen Tagesarbeiten machen konnte. In dieser Verfassung bekam ich den Besuch eines Berliner Herrn, Namens Dr. Förster, und unterhielt mich so ziemlich, ihn aber vielleicht unziemlich. Er behauptete mit unsrer lieben Mutter einmal zusammen gewesen zu sein, in Großjena, erinnre ich mich recht. Heute war ich bei Frau Vischer, des Dankes wegen, nachher spazierte ich mit Jakob Burckhardt ¾ Stunde im Münster-Kreuzgang. Das Steinabad wird mich am 16t. d. M. empfangen, man hat mir geschrieben. Auch Frau Baumgartner schrieb, vom Seelisberger Wetter; hier hat es immer geheizt, wie im römischen Bad, dazwischen geblitzt und gedonnert und geregnet, Tag für Tag, ohne die Luft zu verbessern, die wie ein feuchter Flanell auf mir liegt. Heute ist der Tag, wo der Postvertrag aller Länder in Kraft tritt, mit derselben Briefmarke, die ich heute Dir zuwende, könnte ich Amerika, Spanien, das asiatische Rußland usw. erreichen. Frau Baumann fährt fort, mich mit Beefsteaks zu erquicken. Meine Collegien sind mein täglicher Trost und überhaupt eine schöne Erfindung. Das Sängerfest ist vor der Thüre und ich stehe beinahe auf dem Sprunge, ihm auszuweichen. Der Spalenthurm hat mir heute mit seinem Schmucke sehr gefallen. Auf dem Petersplatze müssen die Leute, um Platz zu finden, nach meiner Berechnung, zweimal über einander stehen, doch kann in meiner Berechnung ein Fehler sein. — So weit meine Erzählung. Ein Oelklex hat die andre Hälfte des Briefs zerstört. Feire deshalb Deinen Geburtstag nichts weniger glücklich und sei von der Liebe und den guten theilnehmenden Wünschen Deines Bruders von Herzen überzeugt. Dir und unsrer lieben Mutter die freundlichsten Grüße

Eures
Fritz.



     Nun will ich noch nach dem Briefkasten hoppen, sonst hoppt der Brief nicht zur rechten Zeit zu Dir. Es ist zehn Uhr. In der Festhalle tönt das Concert zur Einweihung derselben.


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BVN-1875,53

An Carl von Gersdorff in Hohenheim

Basel 12 Juli 1875.


Nur einen kurzen Bericht, mein geliebter Freund. Nächsten Freitag, am ersten Tag unsrer Ferien, reise ich fort und zwar in ein kleines Schwarzwaldbad, genannt Steinabad, bei Bonndorf. Es dient eigens den Magenleidenden, hat eine dreifach modificirte Diät und einen erfahrnen alten Arzt. Da wollen wir alles hoffen, auch dass ich am Ende der Ferien noch nach Bayreuth kann. Kannst Du mich nicht auf ein paar Tage dort besuchen? Wie glücklich würde ich sein. Mir ist es, bei der grössten Vorsicht und Enthaltung, im Ganzen besser gegangen, die Chininkur dauert noch fort. Freundlichsten Dank für die Nachrichten aus Bayreuth. Eine Bemerkung! war nicht in den Worten von Frau W[agner], die Du mir schriebst, etwas Kaltes? Doch ich kann mich täuschen und bin vielleicht jetzt ein zu empfindlicher oder auch falscher Wärmemesser. Einen Anlass habe ich nicht gegeben. Inzwischen hat sie einen Brief von mir bekommen. Sie wird den Kopf voll haben, die arme Frau! Wer ihr doch helfen könnte!
     Meine Schwester ist seit einer Woche wieder in Naumburg, wo es viel vorzubereiten giebt, dass wir am Ende der Ferien hier unser neues Heimwesen gründen können. Ich bin über diese Wendung sehr glücklich und sehe mit viel Vertrauen in das Kommende. Mein schöner Entwurf für die nächsten 7 Jahre war nur möglich bei einer solchen Ordnung und Regelung meines Alltaglebens. Nun habe ich doch eine ganz vertraute hülfreiche Seele um mich. Nicht mit einem Wort habe ich sie überredet, sie hat sich ganz freiwillig entschlossen.
     Mit Jakob B[urckhardt] bin ich wieder auf dem guten alten Fusse, er schüttete neulich sein Herz einmal aus, wir gingen ¾ Stunden im Kreuzgang auf und ab.
     Ein herrlich gelungener Stich vom alten Vischer ist als Geschenk bei mir eingetroffen, das Werk von unserm ausgezeichneten Weber.
     Hier tobt seit 3 Tagen das eidgenössische Sängerfest, mit vielen Tausenden und grosser Üppigkeit des Empfangs und Schmucks. Ich natürlich — odi profanum Männergesangs-vulgus et arceo.
               Mit getreuestem Grusse
          und dem innigen Wunsche Dich zu sehen und zu sprechen.

Dein
Freund F N.


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BVN-1875,54

An Gustav Krug in Bonn

Basel den 12 Juli 1875.


Ja, mein lieber Gustav, wenn mir’s nur nicht so schlecht gegangen wäre und schlecht gienge! Da würdest Du sogleich meinen herzlichsten Dank für die ganz überraschende Mittheilung empfangen haben. So bin ich aber seit Wochen in der Gewalt eines desperaten Magen- und Kopfleidens und aller Nachsicht sehr bedürftig.
     Dein geistreicher Schlusssatz zeigt wieder, was Du für ein Musiker bist und wie Dir das verwegenste und freieste combinatorische und imitatorische Spiel gelingt. So was kann ich nicht, das weisst Du. Deshalb bin ich auch nicht Dein Critiker und Rathgeber. Hast Du nicht Lust, es vielleicht einmal mit dem Altenburger Musikdirektor Riemenschneider zu versuchen? Oder mit dem ausgezeichneten Quartettisten und Menschen Musikdirektor Alexander Ritter in Würzburg,* den Du ja kennst? Ich will nur Weniges vorschlagen. In Betreff der Harmonisirung des Hauptthemas bin ich vom Takt 9 an nicht ganz einverstanden. Was meinst Du zu diesem Basse

[Klaviernoten]

     Bei Tact 16, 17, 18 bleibt mir noch ein Anstoss, mir ist als ob Du nicht mit vollem Athem auf die Höhe kämst. Mit dem C dur von Tact 16 nimmst Du Dir den Haupteffect von Tact 13 halb hinweg, das wäre schade! Ja nicht so! Aber es ist schwer hier zu rathen. Ich habe eine Menge Wendungen versucht, ohne rechtes Glück. Denke das Thema noch einmal durch, es kommt so viel darauf an!
     Vortrefflich ist das „Sehr ruhig ¾ Takt“, mir persönlich näher stehend als die leidenschaftliche Reizbarkeit des Hauptthemas. Nämlich: wenn die eigentliche Leidenschaft losgeht, da thut es mir immer leid, dass man kein Orchester hat; ich bin nun einmal ein verunglückter Orchestrist. Übrigens ist der Übergang aus dem „Sehr ruhig“ in den 2/4 Takt nicht ganz gelungen, da wirst Du die Harmonien noch etwas schieben und drängen lassen müssen, vielleicht mit Halbirung der Melodie?
     Famos sind die Schlusswendungen auf der vorletzten und letzten Seite, mit ihrer rhythmischen Mannichfaltigkeit.
     Damit ist [es] nun bei mir aus. Verzeih, alter Freund. Es geht mir so, dass ich um Nachsicht bitten darf. Die Ärzte wollen, dass ich diesen Sommer nicht nach Bayreuth gehe.
     Um so mehr möge über Deinem Hause der Segen der Gesundheit und überhaupt jeder Segen walten. Dies wünscht Dir von Herzen Dein alter Freund.
     Mich Deiner anmuthigen allerliebsten Lebensgefährtin zu Gnaden empfehlend

immerdar Dein
Fridericus amicus.



* diese Addressen genügen.


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BVN-1875,55

An Oskar Oehler in Dreilinden

Wirklich, mein lieber Onkel Oskar, es wird mir schwer, auf eine so herzlich gemeinte Einladung endlich doch mit Nein antworten zu müssen. Wenn aber die bösen Krankheiten erst Macht über einen gewinnen, dann ist man in doppelter Beziehung nicht mehr Herr seiner Entschlüsse, erstens dictiren die Krankheiten und zweitens die Herrn Ärzte ihre Befehle, und man kann von Glück reden, wenn diese beiden Befehlshaber übereinstimmen. In meinem Falle ist es ein kleines Bad im Schwarzwald, mit einem erfahrnen Arzt an der Spitze, wo ich Heilung für meine fast unerträglichen Magenleiden suchen soll; dies Bad ist ein Specialbad für solche Leiden und der Arzt ebenfalls ein alter Specialist, da wollen wir denn das Beste hoffen. Von diesen freilich sehr wichtigen Rücksichten auf diese Specialitäten abgesehn, bietet mir dieser Sommeraufenthalt nicht allzu viel und jedenfalls nicht das, was mir Deine Einladung in Aussicht stellte, einen herzlichen liebevollen Verkehr und ein friedliches Aussprechen unter treu gesinnten Menschen.
     Meine Lisbeth sah diesen Sommer das Elend meiner sehr complicirten Existenz wieder mit an und hat sich entschlossen, da zu helfen, so gut sie kann. Unsre kleine selbstständige Wirtschaft wird für mich eine noch grössere Regelmässigkeit des Lebens zur Folge haben, und überdiess — worauf ich mir noch mehr Hoffnung mache — etwas mehr Wärme und Sonnenschein um mich herum. Und das ist nöthig, um sich für ein langes arbeitsames Leben zu rüsten. Du hast es in dieser Beziehung noch anders und wie mir scheint noch glücklicher verstanden, Dir das Leben einzurichten. Ich spreche bloss nach Hörensagen davon, und jetzt wo ich eine Gelegenheit der freundlichsten Art bekomme, mir Erfahrung über Dein häusliches Glück zu schaffen, muss ich gezwungen sein, einen Absage-Brief zu schreiben!
     Behalte mich lieb, mein guter Onkel, wie auch ich Deiner und Deiner mir so sehr gerühmten und rühmenswerthen Frau immer mit Liebe und herzlichen Wünschen eingedenk bleiben werde.

Dein Fritz.


Basel den 12 Juli 1875.


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BVN-1875,56

An Erwin Rohde in Kiel

Basel den 12 Juli 1875.


Liebster Freund, mir geht es ein wenig besser, und Freitag beginnen unsre Ferien, da athmet man auf. Ich reise in ein kleines Schwarzwaldbad für Magenkranke

Steinabad bei Bonndorf.

     Hörte ich nur etwas von Deiner Linderung, Erleichterung oder Genesung oder von irgend welchen glücklichen Aspecten. Komme ja nach Bayreuth, ich will mich bemühen bis zum August bayreuthfähig zu werden, was ich bis jetzt nicht bin. Hätte ich Dich nur hier. Mir liegt viel daran, Dich einmal wieder ganz allein und ganz vertraulich in der Nähe zu haben, dass wir uns wieder ganz an einander gewöhnen und die langen Zwischenräume der einzel-Erlebnisse wieder über- und zusammenleben. Wünschest Du das nicht auch? Es geht so viel einem durch den Kopf und wird Plan und Ziel und Lebensführung, ferne Freunde haben so viel an einander nach zu lernen. Hast Du neulich einen Topf aus Bozen bekommen? Er kommt von mir, als Scherz. Lieber Himmel, wüsste ich Dir was Besseres zu geben als Früchte in Senf! Es ist eigentlich absurd, Du hast mir’s doch verziehen?

Lebe wohl, mein herzlich ge-
liebter Freund!


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BVN-1875,57

An Marie Baumgartner auf Seelisberg

Basel den 14 Juli 1875.


Damit Sie, verehrte Frau, nicht in Ungewissheit und Sorge um mich sind, melde ich heute, dass die Ferien vor der Thür sind und dass ich am nächsten Freitag früh nach dem kleinen Schwarzwald-Bade abfahre. Man hat mir bis zu diesem Tage das Freiwerden von Zimmern in Aussicht gestellt. Ich habe inzwischen zwei erhebliche Anfälle meines Leidens gehabt, so dass ich wieder zu Bett liegen musste. Zuletzt noch gestern. Vom Sängerfest habe ich nichts gesehn und gehört, als ob ich währenddem auf dem Mond oder auf Seelisberg gewesen wäre. Meine Schwester ist nun schon lange von mir fort und hat auch bereits schon von ihrer Naumburger Thätigkeit geschrieben. Bei der Kühle, die hier in der Luft herrscht, denke ich Ihrer mit Bedauern, weil Ihnen nun gewiss die Hitze nicht geschenkt wird, wenn Sie vom Berg herunter kommen.
     Ich danke Ihnen sehr für Ihre Güte und die Nachrichten über die Kuranstalt; aber ich glaube wirklich, dass sie für meinen jetzigen Zustand nicht wirksam genug und specifisch, wie die Ärzte sagen, ist. Vor allem trachte ich darnach, einen alten und bewährten Kenner und Beobachter von Magenleiden aller Art zu sprechen; und den finde ich in dem kleinen Bade. Es heisst also
               Steinabad bei Bonndorf,
                                   badischer Schwarzwald.
     Heute und morgen habe ich noch Collegien zu geben und eine Menge kleiner Angelegenheiten zu besorgen. Habe ich Ihnen schon von meinem Collegien-Cyclus von 7 Jahren, den ich mir jetzt ausgedacht habe, erzählt? Da wollen wir den Herrn Griechen schön zu Leibe gehen.
     Dass ich von aller Schriftstellerei für noch längere Zeit (als 7 Jahre) mich fernhalten muss, wird mir immer deutlicher; es gehört das zu den allmählich erkannten Bedingungen meiner Baseler Gelehrten-Existenz; ich versuche das Kunststück zu leisten, diese Existenz und meine persönliche Bestimmung so in einander zu verknüpfen, dass sie sich nicht schaden, sondern sogar nützen. Darauf bezieht sich auch jener Entwurf. Da heisst es denn: in vielem entsagen, um in der Hauptsache nicht entsagen zu müssen. Sie sehen: nach Muthlosigkeit sieht meine Stimmung am wenigsten aus! Eher nach Ubermuth; denn ich rechne auf lange Lebensstrecken hin, und da hat sich zB. mein Vater verrechnet, der mit 36 Jahren starb.
     In Bayreuth ist grosse Arbeit und Mühsal, Kommen und Gehen. Am 1 August beginnen die Orchesterproben. Rohde, Gersdorff und auch wohl Overbedt kommen um die gleiche Zeit hin.
     Leben Sie wohl, verehrteste Frau und seien Sie von der Zuneigung und Dankbarkeit

Ihres ergebensten
Dr Friedrich Nietzsche
herzlich überzeugt.


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BVN-1875,58

An Franz Overbeck in Dresden

[Basel, 14. Juli 1875]


Übermorgen, mein lieber Freund, reise ich endlich ab, am frühen Morgen des ersten Ferientags: mein Ziel ist ein kleines Bad im Schwarzwald, welches eigens für Magenkranke bestimmt und der Diät nach eingerichtet ist, auch unter der Führung eines alten bewährten Specialisten steht. Also: „Steinabad bei Bonndorf, badischer Schwarzwald“.
     Es ging mir schlecht genug [immer schlecht], alle Wochen gab es einen Tag, wo ich zu Bett liegen musste, mit heftigem Erbrechen und höchst schmerzhaftem andauerndem Kopfschmerz. Gestern noch. Ich bin seit ungefähr 2 Wochen wieder allein, meine Schwester ist in Naumburg, um mancherlei für unsre Einrichtung vorzubereiten; denn umgezogen bin ich noch nicht, das geschieht erst nach den Ferien. Deine Gratulationen kamen so zeitig, dass sie hoffentlich schon auf die Vorbereitung unserer Übersiedelung ihre Kraft ausüben. Ich schreibe somit auch heute noch, lieber Freund in Deinem Zimmer, an Deinem Schreibtisch. Woher hattest Du doch die Nachrichten über mich? Es hat mir nämlich eine Art von boshaftem Vergnügen gemacht, fast aus jedem Briefe, der neuerdings an mich ankömmt, eine mich betreffende neue Thatsache zu entnehmen, die mir fremd war. ZB. da soll Herr Nietzsche seit 1 Juli Spalenthorweg 48 wohnen, er soll bestimmt an Migräne leiden, es soll das Übel wieder gehoben sein und er sich wohl befinden. Ich wünsche diesem Herrn viel Vergnügen, aber ich habe nicht die Ehre, ihn so gut zu kennen, wie mich. Und von mir weiss ich, dass alles Dreies nicht der Fall ist.
     Das Sängerfest ist mit grossem Prunke einhergezogen, ich habe wenig gesehn und gehört, im Concert war ich nicht. Doch erfasste ich an einem Tage Hrn. Kaufmann, nöthigte ihn, sich als Inhaber einer gewissen interessanten Composition zu geriren, bat darum, sie abholen zu dürfen. Nein, er will sie bringen, durchaus. „Aber ich reise in den nächsten Tagen ab!“ „Gut, ich komme morgen“. Aber er kam nicht, auch übermorgen nicht, und ich weiss kein Mittel mehr, ihm das „Kunstwerk“ aus den Zähnen zu ziehn.
     Ich lebe von Tage zu Tage, ganz ephemer und freue mich an meinem Colleg, nicht als ob es schön wäre, sondern weil es meine Gedanken zusammenhält und mir die Unruhe nimmt, wie sie bei einem solchen Zustande natürlich ist. Aber das habe ich eingesehn: schon mit halber Lebenskraft kann man Professor sein. Und das treibt mich zu der Frage, ob man’s wohl bei ganzer sein könne. Auf die Dauer? Zur Unterhaltung würde ich Dir Fuchsische Briefe schicken; aber sie sind mir schon zu theuer geworden. Der letzte war unzureichend frankirt, kostete mich 2 frs. und war mit 4 großen Marken von ihm versehn worden. Mathematische Frage: wie dick und schwer war er? —
     G. Krug hat eine Composition geschickt, Schlusssatz seines Quartett[s]. Pinder hat unglücklich geboren, Krug erwartet Geburt. Ein Dr Förster aus Berlin kam, mich kennen zu lernen. Ich habe durch freie Äusserungen einen abstossenden Eindruck gemacht. Ich schimpfte des längeren über den Berliner Curtius und den Maler Schwind und traf beidemal in’s Schwarze dh. dorthin, wo bei meinem geehrten Gast das Herz sass. — Auch Hr. Felix Dräseke, Componist, hat mich besucht.
     Nun, alter Getreuer, hoffentlich erwachsen Dir täglich neue Segnungen Deiner inneren Badekur-Berieselung. Wäre ich nur so vernünftig gewesen, mit Dir zu gehen! Jetzt kommst Du nun als Vorbild und Musterstück wiederhergestellter Innerlichkeit zurück und findest die Höhle leer und mich ausgeräuchert! Aber gute Freunde und getreue Nachbarn wollen wir sein und bleiben!


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BVN-1875,59

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Steinabad,] 17 Juli 1875.


Meine liebe Mutter und Schwester, seit gestern Nachmittag um 2 Uhr bin ich im Steinabade und habe eine Stunde später die Bekanntschaft des alten und weithin geschätzten Dr. Wiel gemacht. Heute Morgen war ich zum Zweck genauer Untersuchung in Bonndorf bei ihm, und so ist denn zunächst das Übel, an dem ich leide also mit Namen zu nennen.
     chronischer Magenkatarrh mit bedeutender Erweiterung des Magens. Nun soll der Bursche wieder zahm und klein gemacht werden, wir haben sein bisheriges Terrain sorgfältig punktirt und hoffen nach einiger Zeit zu sehen, daß er sich in bescheidenere Grenzen zurückgezogen hat.
     Mein Speisezettel ist dieser. Jeden Morgen ein selbst gegebnes Clystier (Verzeihung, daß ich damit beginne, aber mit dieser Freude beginnt nun einmal der Tag! Inhalt: kaltes Wasser)

     7 Uhr : ein Kaffeelöffel Karlsbader Sprudelsalz.
     8 Uhr Beefsteak 80 Gramm, 2 Zwiebäcke.
     12 Uhr Gebratenes Fleisch 80 Gramm (nichts weiter!)
     4 Uhr 2 rohe Eier und eine Tasse Milchkaffee.
     8 Uhr Gebratenes Fleisch 80 Gramm, mit Gelée. —

Sowohl nach Mittag- als Nachtessen ein Glas Bordeaux.
     Also: möglichst wenig Quantität, damit der Magen nicht ausgedehnt wird, aber alles in guter Qualität.
     Die Beefsteaks à la Wiel sind schmackhaft und viel weicher und milder als die uns bekannten.
     Der Ort ist sehr hübsch gelegen; ein rechtes Schwarzwaldthal und vortreffliche Luft, das ist kein Zweifel. Der Aufenthalt ist viel erträglicher als ich dachte. Es sind c. 40 Menschen hier, aus aller Welt, Amerikaner, Berliner, Schweizer, Süddeutsche. Für mich zwar giebt es nichts darunter, meinte Dr. Wiel.
     Es ist dies Steinabad von Basel aus gut zu erreichen; von Basel bis Stühlingen Eisenbahn und nun mit fast direktem Anschluß Post bis Bonndorf. Ich verpaßte zwar den Anschluß, nachdem ich das Postbillet schon genommen hatte und mußte also den Weg zu Fuß machen; was mir aber sehr wohl that (3 Stunden), während beim Anblick der Post sich mein Magen zusammenschnürte (oder auseinanderschnürte, scheints nun)
     Dr. Wiel ist in fast lächerlicher Weise ganz so, wie ich ihn mir dachte.
     Mein Magen ist interessant in seiner Art von Erweiterung, nämlich nach rechts, während sonst die Mägen entgegengesetzte Richtungen einschlagen.
     Da habt Ihr meine erste Erzählung. Die Noth war groß, wir wollen hoffen, daß das Schlimmste mit den letzten 9 Wochen abgethan ist (in der letzten Woche gab es noch 2 schreckliche Tage mit Erbrechungen).

In herzlicher Liebe Euer
Fritz.



„Steinabad bei Bonndorf,
                    badischer Schwarzwald.“

     Das ist die Addresse.

     Das Sängerfest hatte herrliches Wetter, obschon die Wolken sehr gefährlich thaten. Die Zürcherischen Vereine siegten, der eine mit Fritz Hegar als Dirigenten, der andre mit einer Hegarschen Composition.
     Der Dienstenwein ist bestellt, ebenso das Anstreichen der Bücherbretter. Der „Bleärnnel“ hat 5 frs. zurückgebracht.
     Overbeck hat einen ganz glücklichen Brief an Immermann geschrieben; völlige Wiederherstellung und schönstes Gelingen der Kur.
     Am Tag vor meiner Abreise kam Frau Baumgartner noch zu mir, von Seelisberg zurück. Schreib ihr doch einmal, liebe Lisbeth. Adolf hat Heimweh.

Nochmals herzliche Grüße.


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BVN-1875,60

An Marie Baumgartner in Lörrach

Steinabad bei Bonndorf
badischer Schwarzwald
Montag den 19 Juli 1875.




Da bekommen Sie Nachricht von mir, liebe Frau Baumgartner, mitten heraus aus einem tiefen Schwarzwaldthale, durch das augenblicklich der Regen braust (und nicht nur für einen Augenblick! ich könnte eher schreiben wie jener ungarische Kornspeculant: „so eben beginnt ein schöner zwölfstündiger Regen.“) Der Arzt, dessen wegen ich hierher gieng, Dr. Wiel, ein alter sehr erfahrner und weithin bekannter Magenspecialist, hat mir einen sehr guten Eindruck gemacht, das Bad selbst, mit ungefähr 40 Personen, erscheint mir seit gestern vortheilhafter, weil ich inzwischen ein besseres und vor allem ruhigeres Zimmer bekommen habe. In der zweiten Nacht wurde ich über rücksichtslosen Lärm in den Parterreräumen wüthend und liess endlich die Stimme zu allgemeinem Schrecken und Verstummen ertönen. Mein Befinden war nur am ersten Tag gut; gestern lag ich zu Bett, der Kopfschmerzen wegen und heute geht es schwach und matt zu. Der Dr hat mich sorgfältig untersucht und nach allen Symptomen und Beobachtungen „einen chronischen Magenkatarrh mit bedeutender Erweiterung des Magens“ constatirt. Ich nehme Morgens Karlsbader Sprudelsalz, habe einen sehr genauen Speisezettel (möglichst geringe Masse von Speisen, deshalb alles vom Kräftigsten — fast nur Fleisch, kein Wasser, keine Suppe, kein Gemüse, kein Brod —) heute Nachmittag bekomme ich Blutegel an den Kopf. So steht es also bis jetzt. Gesellschaft für mich ist nicht vorhanden. Um mir rechte Zerstreuung zu machen, treibe ich eine Wissenschaft, zu der ich bisher fast keine Zeit hatte und die es verdient Zeit für sie ausfindig zu machen „Handels-betriebslehre und die Entwicklung des Welthandels“, nebst National- und Socialökonomie.
     Der erste Brief, der hier eintraf, war von Frau Wagner aus Bayreuth, und bereits die erste Seite enthielt ein Anliegen, das mehr an Sie als an mich addressirt ist. Bitte lesen Sie den mitfolgenden Brief und sehen Sie zu, ob Sie Wagners den erbetenen Dienst erweisen können. Es handelt sich um die Bestellung von Confitures aus Strassburg. Die Addresse von Frau W. ist einfach

Frau Cosima Wagner
geb. Liszt

in Bayreuth
(Königreich Baiern)



     Die Bezahlung wird der Strassburger Correspondent des Banquier Feustel in Bayreuth übernehmen. Übrigens habe ich an Schmeitzner geschrieben, er solle das Manuscript nach Bayreuth an Frau W. absenden. — Wenn Sie noch etwas für meine Rechnung hinzu bestellen wollten, so wären dies schöne Datteln, ein paar Pfund, für die Kinder, namentlich den kleinen Siegfried. Doch müsste meine Sendung separat sein, sonst entsteht mit der Bezahlung grosse Verwirrung. Wohl auch bei einem andren Lieferanten. — Die Datteln wollten wir schon von Basel aus schicken, es gab aber dort keine guten; es ist auch mit dem Zoll so umständlich.
     Mache ich Ihnen viele Mühe, verehrteste Frau? Ich fürchte fast!
     Hoffentlich hörten Sie inzwischen etwas Tröstlicheres von Adolf, hoffentlich empfinden Sie auch eine gute Nachwirkung des Seelisberger Aufenthaltes. Mit diesen guten Hoffnungen und überhaupt mit viel guten Wünschen entsende ich Ihnen meine herzlichsten Grüsse.

In treuer Ergebenheit
der Ihrige
Dr Friedrich Nietzsche.


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BVN-1875,61

An Carl von Gersdorff in Hohenheim

Steinabad bei Bonndorf,
badischer Schwarzwald.
Montag. [19. Juli 1875]




Hier, geliebter Freund, die ersten Nachrichten aus dem Steinabade.
     Ein trefflicher sorgfältiger Arzt gefunden! So hoffe ich wenigstens. Der Ort selbst ist ein ordentliches waldreiches schönes Schwarzwaldthal; es erinnert an Flims, doch hat es vor ihm ebene und mannigfache Waldspaziergänge voraus. (Sonst freilich war es dort viel schöner, aber der Wald rückt einem hier recht auf den Leib, das soll anerkannt werden, zumal der Augen wegen)
     Mein Leiden ist erkannt als „chronischer Magenkatarrh mit bedeutender Erweiterung des Magens“. Diese Erweiterung bringt überdies Blutstauungen mit sich, wobei die Ernährung des Kopfes mit Blut auch zu kurz kommt. Zunächst soll der Magen also in seine Grenzen zurück; eine merkwürdige Diät (von den inhaltreichsten Sachen, nur dürfen sie kein Volumen haben, also fast nur Fleisch), dann Carlsbader Sprudelsalz usw. Auch Blutigel soll ich am Kopf bekommen.
     Mein Befinden war bis jetzt schlecht, gestern lag ich mit Kopfschmerzen wieder einmal zu Bett, und heute bin ich schwach und matt.
     Es ist doch eine ernsthafte Sache, und wieder war es hohe Zeit, wie damals bei der Zersplitterung des Brustbeins, dass ich mich an einen wirklichen Specialisten (und zwar einen ausserordentlich erfahrnen und bewährten) wendete. Die übermässige Säurebildung des Magens hängt vom Gehirn und den Nerven ab, scheint es; indirekt aber doch wohl von der Erweiterung, insofern diese eben Blutstauungen mit sich bringt. Die Erweiterung ist sehr bedeutend, überdies interessant, weil nach einer ungewöhnlichen Richtung (nach rechts). Nun fragt sich immer noch, was die Ursache dieser Erweiterung ist; gewöhnlich kommt diese von einer Verengung des Pylorus durch Geschwülste her. So! Nun weisst Du es genauer als irgend jemand, wie es steht. Einiges Hypothetische bleibt dabei, aber die Hauptsache, die Erweiterung steht ganz fest; wir haben die bisherigen Grenzen des Magens mit Punkten bezeichnet und wollen hoffen, dass er aus dieser Stellung vertrieben werden kann.
     Es sind gegen 40 Menschen hier, für mich keine Gesellschaft.
     Der erste Brief, der eintraf, war ein sehr herzlicher von Frau Wagner, mit dem Wunsche, ihr eine Bestellung von Strassburger Confitures und Bonbons zu machen. Wird besorgt! Ich habe schon an Frau Baumgartner deshalb geschrieben.
     Ist Dir’s nicht möglich, einmal auf eine Sonnabend-Sonntag-Partie hierher zu kommen?
     Die Eisenbahn geht bis Stühlingen, und von da sind es noch 3 Stunden zu gehen. Ich wenigstens ging sie, es fahren täglich auch zwei Posten, eine um 9 Uhr 20 Vormittags, eine andre Nachmittags um 3.
     Da fällt mir aber doch ein, dass es für zwei Tage eine unmögliche Partie ist. Denn es hiesse ja her- und zurückreisen.
     Wie lange dauert Euer Semester noch?
     Ich treibe in aller Stille, um mich zu zerstreuen und etwas Nöthiges zu lernen „Handelsbetriebslehre und Entwicklung des Welthandels.“ Sag’s nicht weiter. Es soll mir nur eine Vorbereitung auf national-ökonom. Studien sein.
     Es regnet hier fast immer, aber ich gehe im Regen durch den Wald, er ist immer schön und ruhig.

Deiner treu gedenkend
F N.


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BVN-1875,62

An Carl von Gersdorff in Hohenheim

[Steinabad,] den 21 Juli. [1875].


Ja, liebster Freund, Du kommst mir nur um ein klein wenig zuvor, denn als ich meinen letzten Brief an Dich abgelassen, fiel mir erst ein, wie es mit Deiner Zeit jetzt stehen werde und wie Du ein Recht hättest mich unbescheiden zu nennen „ob meines unverschämten Geilens willen“ oder wie die schöne Wendung orginaliter lautet. Nein, ich gehöre nicht zu den gewaltthätigen Menschen, die immer Recht haben wollen und fast immer auch haben, selbst in der Freundschaft; sondern meine Unüberlegtheit ist die Schuld, Dir etwas anzumuthen, was wie ich mir hätte selbst sagen sollen Dir jetzt nicht möglich ist. Ich hätte nur so gern noch etwas vor Bayreuth über Bayreuth mit Dir geredet, da Du doch wohl nicht nur als Gersdorff sondern auch als Nietzsche hingehen wirst — vermuthlich wenigstens, wie die Anzeichen meines Schlechtbefindens errathen lassen. Wie mir’s geht, hat Dir mein letzter Brief erzählt; inzwischen haben wir die Diät sehr verändert (auf meine Bitte esse ich viel weniger — beiläufig eine der seltsamsten Möglichkeiten der Sprache — ich habe das viele Fleischessen satt.) Ein schönes Schwimmbad ist seit gestern meine Freude; es ist unmittelbar am Garten des Hôtels, ich benutze es allein, den andern Sterblichen ist’s zu kalt. Frühmorgens um 6 bin ich bereits darin, und kurz darauf laufe ich 2 Stunden spazieren, alles vor dem Frühstück. Gestern schweifte ich in den unglaublich schönen Forsten und verborgenen Thälern herum, gegen Abend, drei Stunden lang und spann im Gehen an allem Hoffnungsvollen der Zukunft herum, es war ein Blick des Glücks, den ich lange nicht erhascht hatte. Wozu ist man nun noch aufgespart? Ich habe einen schönen Korb voll Arbeit für die nächsten 7 Jahre vor mir, und eigentlich wird mir jedesmal wohl zu Muthe, wenn ich daran denke. Wir müssen unsre Jugend noch benützen und manches recht Gute noch lernen. Und allmählich wird’s doch ein gemeinschaftliches Leben und Lernen, immer wieder kommt einer zur Gemeine hinzu, wie diesen Sommer ein sehr fähiger und frühgereifter (weil frühleidender) Schüler, der stud. jur. Brenner in Basel. Auch wurde mir von einem jungen Manne erzählt, der nach Australien abging und sich vorher mit meinen Schriften versah. Von einem Briefe des Fürsten Rudi Liechtenstein (in Wien) habe ich Dir erzählt? Heute musste ich wieder einer Wiener Buchhandlung melden, dass eine Schrift von mir über Homer nicht veröffentlicht sei, sie fragte, wie nun schon mehrere, im Namen „eines treuen Anhängers“. Das weisst Du doch auch, dass ich nun ein zweites ausgearbeitetes und sehr inhaltreiches Manuscript über J. Burckhardt’s griechische Cultur habe, als Geschenk von dem kleinen guten Dr. jur Kelterborn (der auch schon ein Amt hat.)
     Nun beginnt nach den Ferien meine Häuslichkeit und ein so vernünftig ausgedachtes Leben und Wirken, dass ich noch zu etwas kommen kann. Ich bin jetzt sehr hinterher, die argen Lücken unserer Erziehung (ich denke an Pforte und die Universitäten und andres) an mir selber nachträglich auszustopfen; und jeder Tag hat sein kleines Pensum, ganz abgesehn noch von dem Hauptpensum, welches mit dem Colleg im Zusammenhange steht. Wir müssen noch eine gute Strecke Wegs immer steigen, langsam, aber immer weiter, um einen recht freien Ausblick über unsre alte Cultur zu haben; und durch mehrere mühsame Wissenschaften muss man noch hindurch, vor allem durch die eigentlich strengen. Aber dieses ruhige Vorrücken ist unsre Art von Glück, und viel mehr will ich nicht.
     Mit der Schriftstellerei ist es nun für längere Zeit vorüber, glaube ich. Aber mir scheint, zu einem rechten Weck- und Mahnruf reichen meine vier Schriftchen auch gerade aus, sie sind für Jünglinge und junges Streben. Hast Du Schuré’s le drame musical in 2 voll. gelesen? Er sandte es mir zu und hat mir viel Freude damit gemacht: Bd. I enthält als Bild das griech. Theater von Egesta, Bd. II das Innere des Bayreuthers. Und meine „Geburt“ hat er verstanden und mitempfunden, dass es eine Lust ist, so frei und von innen her. Für mein Gefühl ist alles Französische zu beredt und, bei Behandlung solcher Dinge wie die Musik, etwas zu lärmend und öffentlich. Aber das ist der Fehler der Sprache, nicht Schuré’s.
     Liebster Freund, ich glaube jetzt wirklich, dass ich nicht nach Bayreuth kommen kann, die Zeit von 4 Wochen ist für eine solche Kur an sich schon zu kurz; sollte es durchaus nöthig sein, so würde ich sie auf 5 Wochen verlängern, nur um alles zu thun, was ich bei einer so ernsthaften Sache mir schuldig bin. Aber im Herbst, nicht wahr, da habe ich Dich wieder in Basel? Was wird sich da alles erzählen lassen! Und meines Studirzimmers sollst Du Dich freuen! Herzliche Glückwünsche auf Deinen Weg!

Ich folge Dir in treuer Liebe
als Dein Freund
Friedrich.




     Bonndorf’s Lage: fasse Donaueschingen, die nächste Eisenbahnstation in’s Auge. Von da nach Löffingen 3 Stunden Post, von da bis Bonndorf 2 Stunden zu Fuss. Dabei ist das Steinabad. Diese Mittheilung als Correctur meiner Angaben im letzten Briefe, aber keinesfalls als Ermunterungen zum Kommen! Ja nicht missverstehen, theurer Freund.


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BVN-1875,63

An Louis Kelterborn in Basel

Steinabad bei Bonndorf
badischer Schwarzwald.
Mittwoch. [21. Juli 1875]




Das wäre ja ein vortrefflicher Einfall, lieber Herr Doktor, wenn Sie mich einmal in meiner Waldeinsamkeit aufsuchen wollten.
     Entschliessen Sie sich frank und frei; es ist leicht hierher zu gelangen, Sie brauchen nur in Basel Morgens um 6 Uhr 10 Min. auf dem Badischen Bahnhof zu sein. Ein Billet nehmen Sie bis Stühlingen; dort treffen Sie die Post, die nach Bonndorf fährt, und um Mittag sind wir zusammen. Im Ganzen ging es mir bis jetzt schlecht, aber gestern Nachmittag strich ich doch mit rechtem Glück durch die Forsten drei Stunden lang hin.
     Ein Fluss-Schwimmbad finden Sie auch. —
     So seien Sie nochmals schönstens eingeladen

von Ihrem ergebenen
Dr Friedrich Nietzsche.


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BVN-1875,64

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

Steinabad bei Bonndorf
bad. Schwarzwald
den 25 Juli 1875.




Meine liebe Mutter und Schwester.

Hier sind neue Nachrichten von mir. Nach der letzten Untersuchung des Dr Wiel hat das Übel der Magenerweiterung schon abgenommen. Im Ganzen geht es mir erträglicher als in den ersten Tagen, doch habe ich immer noch den Magenkatarrh; was sich durch schlechten Geschmack im Munde, besonders Vormittags und ein Gefühl von Ermattung zu erkennen giebt. Mein Appetit fehlte mehrere Tage, sodaß von meinem Speisezettel die Fleische zu Mittag und zu Abend gestrichen wurden. Ich bin viel unterwegs, in den Wäldern und unterhalte mich dabei ausgezeichnet, so daß ich noch keine langweilige Stunde hatte; ausdenkend, überdenkend, hoffend, vertrauend, bald in der Vergangenheit und noch viel mehr in der Zukunft, so lebe ich und erhole mich recht dabei. Für Eure Briefe danke ich von Herzen; heute komme ich mit einer Bitte, die sich auf das beifolgende Notenheft bezieht. Der Naumburger Domthürmer soll mir schleunigst davon eine sehr gute Abschrift machen, so daß ich bei meiner Rückkehr nach Basel sie in den Händen habe; unser friedliches geschwisterliches Zusammenleben soll mit dieser Musik eingeweiht werden. Der Thürmer soll sehr deutlich schreiben, recht gutes und passendes Notenpapier nehmen und namentlich darauf sehen, daß die einzelnen Systeme nicht zu dicht übereinander stehen. Ich habe mir in dem Manuscript so geholfen, daß ich immer ein System ausließ; vielleicht macht er es ebenso, wenn er kein andres und passenderes Notenpapier bekömmt. Aber er soll seine Sache recht gut machen und sich nicht verschreiben. Bitte, meine liebe Elisabeth, dies ist eine Besorgung für Dich.
     Mit Frau Baumann habe ich eine Correspondenz, die sich auf Beschaffung eines Klystiers bezieht und sehr ins Lächerliche verläuft. Sie sandte mir ein sehr thörichtes Instrument, das ich aber sofort wieder zurückaddressirte. —
     Frau Wagner hat geschrieben, ebenso Frau Baumgartner, die heute mit ihrem Sohne in Bonn zusammen ist. Dann Gersdorff. Der kleine Dr Kelterborn will mich hier besuchen. Ein großer Brief von Dr Fuchs (kostete mich 2 frs. ob er schon 4 Groschenmarken draufgeklebt hatte) kam noch vor meiner Abreise.
     Wir haben immer Regenwetter, es ist kalt, doch bin ich gut eingerichtet und führe einen ganzen Kleiderschrank von Sachen mit mir herum. —
     Auf allem Eurem Schaffen und Herstellen, Einkaufen und Aufpacken, auch auf den zwei Schinken, von denen Du, meine liebe Mutter schreibst, möge mein Segen ruhn. Besonders aber auf Deiner Ankunft in Basel, meine Elisabeth. Es ist mein Trost zu denken, daß, wenn es mir bis jetzt schlecht gieng, nun wenigstens hier ein Riegel vorgeschoben wird.

Treugesinnt der Eurige
Fritz.


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BVN-1875,65

An Erwin Rohde in Bayreuth

Steinabad bei Bonndorf
badischer Schwarzwald.
1 August 1875




Heute, geliebter Freund, denke ich mir, werdet Ihr in Bayreuth zusammentreffen, und ich werde Euch und unter Euch fehlen! Es geht nicht, was ich bisweilen im Stillen doch glaubte — mitten in Eurem Kreise eines Tages ganz plötzlich dazusitzen und mich meiner Freunde recht zu erlaben! Es geht nicht, heute, in der Mitte meiner Ferien kann ich es endlich mit Bestimmtheit sagen. Eben hatte ich ein längeres Gespräch mit Dr. Wiel, und gestern lag ich wieder mit heftigen Kopfschmerzen zu Bett und mußte nach-Mittags und Nachts mit heftigen Erbrechungen mich quälen. Das leicht erkennbare eine Übel, die Magenerweiterung, haben wir in den 2 Wochen der Kur mit schon recht glücklichem Erfolge bekämpft. Der Magen ist in sich gegangen. Aber mit der nervösen Affektion desselben soll es eine langwierige Sache sein. Hier heißt es, in der Kurmethode streng sein und die Geduld nicht verlieren! Ich hatte einige recht gute Tage, frisches kühles Wetter und zog in den Bergen und Wäldern umher, immer allein, aber ich kann gar nicht sagen, wie angenehm und freudig beseelt! Ich würde es gar nicht auszusprechen wagen, was für Hoffnungen und Wahrscheinlichkeiten und Pläne es sind, an deren genauester Vergegenwärtigung ich mich dabei letze! Dann war fast jeder Tag durch einen guten liebevollen Brief bezeichnet; immer denke ich mit Stolz und Rührung daran, daß Ihr mir angehört, meine geliebten Freunde! Wenn man nur etwas Glück zu verschenken hätte! Sorge und Mißmuth quält mich am meisten da, wo ich sehe, daß man zu nichts nütze ist und die Dinge laufen lassen muß, so unbarmherzig sie auch sind. Und dann erscheint es mir bisweilen, als ob ich selbst etwas von einem Glückspilz wäre und den härtesten Angriffen der Leiden immer noch entgangen sei. Besonders an den Dummheiten und Bosheiten des Schicksals habe ich noch gar nicht recht laborirt und bin gar nicht würdig, mich unter der Schaar der wirklich Unglücklichen sehen zu lassen. Also: ich wollte sagen, daß ich eigentlich etwas Glück zu verschenken hätte. Wüßte ich nur wie! Und zumal wie man Dir, mein armer Freund, nur eine kleine Linderung verschaffen könnte! Oder das Geheimniß zu kennen, die große Linderung herbeizuführen!
     Es ist Sonntag und rings im Garten sitzen viele Bonndorfer und trinken Bier, die Luft weht ganz rein von den Wäldern her und von Zeit zu Zeit ertönt eine scheußliche Blechmusik, die, mit einer Dosis von 2 Stunden Entfernung, vielleicht erträglicher ist und an das Waldhorn erinnern mag.
     Ich habe hier keinen Menschen und führe ein ganz vornehmes unabhängiges Leben. Der Dr. Wiel will zu meiner Erheiterung und Belehrung morgen einmal mit mir kochen, er ist ein berühmter denkender Kochkünstler und Verfasser eines viel gebrauchten, in alle Sprachen übersetzten diätetischen Kochbuchs. Gestern hielt er mir einen Vortrag über émaillirtes Eisengeschirr und die neue Fleischhackmaschine, und so lerne ich etwas für meine neue Wirthschaft.
     Ich lege ein Curiosum bei, das mir vor einer Woche aus Würtenberg zukam; es ist von der bekannten Würtemberger élégance der Empfindung und des Ausdrucks. Ein Brief von Romundt hinterließ bei mir verdrossene Stimmung, wie er denn selbst von keiner besseren beseelt war.
     (Jetzt rast die Blechmusik in der unverständigsten Weise; wo nur die Leute die schlechte Musik herhaben mögen! So etwas habe ich nie gehört, es ist nicht Marsch, nicht Tanz, sondern ein altmodisches und doch hundsgemeines Gedudel, vom vorigen Jahrhundert her)
     Also Romundt erzählt von seiner bisherigen Arbeit, „die auf eine Illustration des Schopenhauerischen Nichts

(eben hört die Musik auf und die Bonndorfer klatschen!)

am Schluss der Welt als Wille etc. hinauslaufe, des kühnsten schwersten und wahrsten Wortes, welches nach meiner Meinung uns Schopenhauer gesagt hat.“ Mich verdrießt so etwas im höchsten Grade, es ist die alte Narrethei, sich an den Schwanz einer Philosophie zu hängen und gerade den zu illustriren! Und was gehört für eine Unbescheidenheit dazu, dort genauer und heller sehen zu wollen und zu illustriren, wo Sch. aufhörte, überhaupt zu sehen. — Dann schreibt er, daß ihm sein Schüler Schenkel „seinen schmählichen Abfall zu Beck in Tübingen gemeldet habe.“ Nun, das ist nicht zu verwundern, nur sollte doch R. das Wort schmählich nicht so schnell in den Mund nehmen. Ich halte einen Abfall von Romundtscher Philosophie nicht für schmählich, sei es selbst zu Beck in Tübingen. Dieser Student Schenkel hat eben nur den Übergang von einem unklaren Pfaffen zu einem klaren und erklärten Pfaffen gemacht. — Aber am meisten verdroß mich, daß er mit unserm Overbeck gar nicht zusammengetroffen ist und nicht so viel Sehnsucht hatte, ihn jetzt nach seiner Genesung zu begrüßen. Das sieht wirklich aus wie schlechtes Gewissen, und in der That, er scheint die guten Absichten bei seiner Abreise wieder ganz in den Wind geschlagen zu haben. Denn er schreibt — ich hoffe, dass die Schulmeistern mir Zeit lässt meine Sache zu fördern. Ich hoffe das Gegentheil und wünsche, daß er durch den strengsten Zwang von seiner Sache ferngehalten würde, die Sache ist jetzt so unschuldig nicht mehr, sie verdirbt seinen Charakter, müssen wir wohl jetzt fürchten! — Der Winter mit dem Romundtschen Hausleiden ist mir wie ein gräßlicher Traum, es stülpte sich alles in mir um, und ich wurde voll des bittersten Mißtrauens, habe mich auch nicht von dieser absurdesten Erfahrung erholt.
     Frau Baumgartner, die beste Mutter, die ich kenne, hat mir ein paar Mal auf das Liebevollste geschrieben. Ihr Sohn Adolf hat schwere und desperate Wochen durchgemacht, es scheint, daß die militärischen Dinge ihn fast zum Äußersten getrieben haben, so daß Frau B. nach Bonn reiste, um ihn etwas zu trösten. Die Art, wie sie das gethan hat und wie sie es erzählt, ist wie Sonnenschein; es ist eine ganz gute Seele.
     Überall Desperation! Und ich habe sie nicht! Und bin doch nicht in Bayreuth! Wie sich das reimt, begreifst Du’s? Ich begreife es fast nicht. Und doch bin ich mehr als drei Viertel des Tages im Geiste dort und schwärme wie ein Gespenst immer um Bayreuth herum. Du darfst nicht fürchten, mir die Seele zu lüstern zu machen, erzähle nur ein Bischen Viel, liebster Freund, ich dirigire mir auf meinen Spaziergängen oft genug ganze Theile der Musik, die ich auswendig weiß und brummle dazu. Grüße Wagner’s auf das Innigste! Adieu, ihr geliebten Freunde, mein Brief ist hier und da etwas collektivisch geworden. Es liebt Euch von Herzen Euer

F.


     Ist Schuré da? Ich will ihm schreiben. Was ist seine Addresse? Und welches ist die Addresse von Frl von Meysenbug?
     Herzlichsten Dank, liebe Freunde Overbeck und Gersdorff für Eure Briefe! Ich genoß sie morgens nach dem Karlsbader Wasser, bei einem Waldspaziergang, immer von Zeit zu Zeit einen Schluck. Du, lieber Freund Rohde, kamst Nachmittag zum Milchkaffé an, zusammen mit Schmeitz[n]er und Asher!


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BVN-1875,66

An Marie Baumgartner in Lörrach

Steinabad den 2. August 1875.


Sie haben mir jedesmal, hochverehrte Frau eine wahrhafte Freude gemacht; und Ihren letzten Brief, über die Bonner Reise, habe ich mit Rührung gelesen, Ihren Sohn glücklich preisend und fest überzeugt, dass das Gefährlichste über den Menschen keine Macht gewinnt, wo eine solche Liebe ihn hütet und tröstet. Ich habe jetzt auch an Adolf geschrieben; Sie glauben nicht, in welchem traulich-freudigem Lichte der Winter vor meiner Seele aufsteigt, der in einigen Monaten kommen wird. Zum ersten Male fühle ich mich gleichsam geborgener; ich habe einen reichen Zuwachs an Liebe und bin dadurch geschützter und nicht mehr so leicht verletzlich und so preisgegeben, wie es bisher das Loos des Baseler Exils mit sich brachte. Sie müssen nicht glauben, dass ich je in meinem Leben durch Liebe verwöhnt worden sei, ich glaube, Sie haben mir’s auch angemerkt. Etwas Resignirtes trage ich von der frühesten Kindheit in dieser Beziehung mit mir herum. Aber es mag sein, dass ich es nie besser verdient habe. Jetzt nun habe ich es besser, das ist kein Zweifel! Ich erstaune mitunter mehr darüber als dass ich mich freue, es ist mir so neu. Nun wächst jetzt in mir mancherlei auf und von Monat zu Monat sehe ich einiges über meine Lebensaufgabe bestimmter, ohne noch den Muth gehabt zu haben, es irgend Jemandem zu sagen. Ein ruhiger, aber ganz entschiedener Gang von Stufe zu Stufe — das ist es, was mir verbürgt noch ziemlich weit zu kommen. Es kommt mir so vor als ob ich ein geborner Bergsteiger sei. — Sehen Sie, wie stolz ich reden kann. —
     Meine Krankheit beunruhigt mich gar nicht mehr, sondern nöthigt nur für die spätere Zeit zu bestimmten Weisen zu leben, in denen keine erhebliche Beschränkung liegt. Ich lag zwar wieder einen Tag in der bösen Baseler Manier zu Bett, am Tag, wo meine Freunde in Bayreuth zusammeneilen — mir ein sehr bestimmter Wink, ja nicht meine Kur zu unterbrechen. Also ich bleibe noch zwei Wochen hier. Eine bedeutende Verringerung der Magenerweiterung ist festgestellt. Aber auch Dr. Wiel denkt jetzt, wie Immermann mehr an eine nervöse Affection des Magens, die immer ein langwieriges Ding ist.
     Für Ihre Mühe um die Bayreuther Münder und Mägen auch meinerseits den herzlichsten Dank. Es war ja viel beschwerlicher als ich dachte!! — Ist denn meine Schwester jetzt wieder in Basel? Die Posteinrichtungen sind hier nicht gut, aber Ihr Erlebniss mit der Eisenbahn ist beschämend für mich als Deutschen.
     Die Übersetzung von Grote’s Plato bitte ich doch ein wenig noch zu bedenken. Die Mühe ist ausserordentlich, die Frage, ob in Frankreich das Werk als nöthig und als angenehm empfunden wird, sehr aufzuwerfen, und dann — was die Hauptsache ist — Grote referirt ja zum grössten Theile über den griechischen Text Platons; und da kommt es immer darauf an, nicht nur das Englisch Grotes, sondern auch das zu Grunde liegende Griechisch Plato’s zu verstehen und zur Hand zu haben — eine schwere und mühselige Aufgabe selbst für Philologen! Sonst wäre das Werk gewiss längst in’s Deutsche übersetzt. —
     Für heute leben Sie wohl, verehrte Frau und nehmen Sie die herzlichen Versicherungen meiner treuen Ergebenheit und Dankbarkeit freundlich auf.

Der Ihrige
Dr Friedrich Nietzsche.



     Overbeck geht es sehr gut, er ist ebenso wie Rohde und Gersdorff in Bayreuth.


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BVN-1875,67

An Elisabeth Nietzsche in Basel

Steinabad bei Bonndorf
badischer Schwarzwald.
Dienstag. [10. August 1875]




Meine liebe getreue Elisabeth, so bist Du also in unserm Hause eingekehrt. Sei’s zum Guten, für Dich und mich und für Alle, die uns lieben!
     Mir fehlt es an Briefpapier, Du siehst es. Nimm fürlieb, es wird viel fürlieb zu nehmen geben.
     Ein Brief unsrer Muter, den ich heute Nadimittag bekam, gab mir von Deinem Eintreffen und von den Vorkommnissen Deiner Reise Nachricht. Inzwischen bat ich Frau Baumgartner um Auskunft, wie es Dir gienge. Denn Du sollst jetzt mit Brief-Nöthen nicht beschwert sein, da schon alles Übrige so schwer auf Dir lastet. Ich dachte heute an die Anordnung und den Empfang der Meubles von der Eisenbahn, und mir schauderte! Wenn Du nur erst drüber hinaus bist!
     Der Noten-Antiquar in Heilbronn hat mir für den Stoß Noten 12 Mark geboten. Beschämend! Ich hatte auf mehr als das Doppelte gerechnet. Doch habe ich angenommen. —
     Frau Baumann hatte mir ein Clystier — Pardon! — auf meinen Wunsch geschickt. Ich sandte es zurück, weil ich es unbrauchbar fand. Frau Baumann schickte es mir darauf nochmals: es war inzwischen nicht brauchbarer geworden, es hat eben einen Construktionsfehler. Der Dr. Wiel und ich haben es zusammen untersucht, und mit gleichem Resultate. Ich war über die Verzögerung etwas ärgerlich; jetzt habe ich endlich ein neues anderswoher mir besorgt. — Sage es der Frau B. nicht, sie hat’s gut gemeint, aber Malheur bei der Sache gehabt. Die Correspondance darüber hättest Du lesen sollen! — Hat sich der Domthürmer daran gemacht? Ich hoffe. —
     Du siehst, ich bin noch hier und nicht in Bayreuth! Und habe Gründe hier zu bleiben, denn, im Vertrauen, ich merke noch gar keinen Fortschritt, lag neulich wieder einen Tag (am letzten Juli) zu Bett in der greulichen Basler Weise, also mit Kopfschmerzen und vielem Übergeben. Die Magenerweiterung ist ziemlich gehoben, das ist die harmlose Seite der Sache. Aber das eigentliche Magenübel muß wo anders stecken, Dr. Wiel meint jetzt selbst, wie Immermann, wohl in einer nervösen Affektion des Magens. Er meint, es sei etwas Langwieriges, und ich preise mich glücklich, jetzt an geordnete häusliche Verhältnisse denken zu können. — Weißt Du, die gräßliche Übersäuerung ist noch ganz ungehoben. —
     Übrigens ist das Wetter herrlich, der Wald duftet, ich gehe sehr viel spazieren, unterhalte mich auf die beste und vornehmste Manier, nämlich mit mir. — Wir wollen doch in Basel von der Magenerweiterung nichts sagen, weil Immermann sie nicht erkannt hat. Nicht wahr? —
     Dr. Wiel sagt, daß die Beefsteak-Maschinen bei jedem Klempner zu haben sind; dann empfiehlt er sehr Fleischhackmaschine (Klopps ist ein Hauptessen für Magenkranke!). Sodann sollen wir ja nur émaillirtes Eisengeschirr für die Küche anschaffen. Er unterrichtet auf das Beste und Freundlichste und nimmt sich des Küchenwesens hier sehr an. —
     Briefe von Frau Baumgartner, Overbeck, Romundt, Gersdorff, Rohde. — Hat denn Memel nun alle Bücher geschickt? Ich hoffe. — Der kleine Kelterborn hat mich hier besucht. Ich muß jedenfalls noch hier bleiben bis zum 15ten, den Sonntag. Obwohl’s mich gelüstet, ich kann gar nicht sagen, wie? zu Dir zu kommen. Einstweilen meine herzlichsten Grüße

Treulich Dein Bruder.


     Unter Kranken zu sein ist im Ganzen sehr widerlich, ich werde Dir schöne Dinge erzählen!


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BVN-1875,68

An Franziska Nietzsche in Naumburg

[Steinabad, 10. August 1875]


Da muß denn schnell ein Briefchen hinterdrein, meine liebe gute Mutter, damit es Dich noch in Naumburg abfaßt. Vor allem meinen herzlichen Dank für die vielen Mühen, die Du meinetwegen jetzt gehabt hast, für Nachdenken, Geschick und Einrichtungstalent, welches am Ende nicht nur der Tischler zu preisen hat. Ich denke mit großer Freude an meine jetzt erwachsende Häuslichkeit in Basel und sehe täglich mehr ein, wie Noth es thut. Denn mit meinem Magen ist es eine langwierige Sache (wie der Dr. Wiel selbst sagt); die Magenerweiterung ist nichts Erhebliches, in dieser Beziehung hat die Kur auch Erfolg. Aber in Betreff der großen Übersäuerung des Magens sehe ich kaum einen Fortschritt. Neulich lag ich wieder einen Tag mit starken Kopfschmerzen und vielem heftigen Erbrechen zu Bett. Dr. Wiel meint schließlich doch auch, wie Immermann, daß der Grund in einer nervösen Affektion des Magens ruhe, das heißt also mit dem Kopfe zusammenhänge.
     Sonst kann ich es mir in Betreff der Waldluft und Waldspaziergänge nicht besser wünschen, auch esse ich mit Appetit, nur daß ich fast unmittelbar darauf schon die Säure fühle. — Nur eine lang fortgesetzte, ganz geregelte häusliche Diät kann mir helfen, mit ein paar Wochen ist da wenig gethan, und deshalb ist eben die Einrichtung der Baseler Häuslichkeit ganz nothwendig.
     Es scheint doch, daß ich in Basel durch die letzten 6 Jahre sehr überbürdet gewesen bin, und daran jetzt zu leiden habe. Warum nimmt man auch mit 24 Jahren eine Professur an! Aber ich hoffe wirklich, daß von jetzt ab es viel besser gehen wird und bin schon im Voraus unsrer lieben Lisbeth den wärmsten Dank schuldig.
     Damit habe ich mein letztes Stückchen Papier beschrieben, wünsche Dir, meine liebe Mutter von Herzen gute Nacht

als Dein getreuer Sohn
Fritz.



     An unsre Lisbeth habe ich geschrieben. Die freundlichsten Grüße an Oscars.
     Die Addresse muß vollständig sein: Steinabad bei Bonndorf, badischer Schwarzwald.


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BVN-1875,69

An Elisabeth Nietzsche in Basel (Telegramm)

[Steinabad,] 10/8 1875


Ich komme schon Donnerstag mittag zu Dir. Herzliche Grüße.

Ein Bruder.


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BVN-1875,70

An Carl Fuchs in Hirschberg

[Steinabad, 11. August 1875]


Sie haben Leid erfahren, lieber und armer Herr Doctor, und billigerweise sollten die, welche Sie lieben, versuchen Ihnen eine Freude zu machen. Aber wie schwer ist dies manchmal! Man möchte ja so oft verstummen, um nur nichts mittheilen zu müssen, da die Mittheilung gewöhnlich wieder einen Gran Leides enthält. Wir sind Beide nicht in Bayreuth, sehen Sie, da steckt mehr als ein Gran; und jeder Brief, welchen ich von meinen dort weilenden Freunden Gersdorff Overbeck und Rohde erhalte, bringt mir einen schmerzlichen Krampf hervor — bis ich mir endlich sage, „ein Glück, dass nur die Andern dort sein können.“ Da fallen aber Sie mir wieder ein! Es sind eben doch nicht alle „Andern“ dort, und mein Trost ist recht unvollständig!
     Es gieng schlimm zu, ich merke es immer an der Art, wie ich mich zu meinen grossen Plänen und zum Zusammenhang meines Lebens verhalte. Diesmal war ich so weit herab gestimmt, dass ich fast ohne Pläne nur noch für heute zu morgen weiter zu leben beschloss. Hier habe ich gelernt wieder muthiger zu sein — die vorsichtigste Existenz in manchem Betracht kann ja immer noch die muthigste sein in Beziehung auf eine Hauptsache. Und so lebe ich nun einmal und werde leben, sehr vorsichtig und für die Hauptsache sehr muthig; und nicht einmal der Tod ist es, was mich am meisten schrecken könnte, sondern nur das kranke Leben, wo man die causa vitae verliert.
     Hier bei meinem Herumschweifen in Bergen und Wäldern — immer allein und immer auf das beste unterhalten — dachte ich viel an Sie, an die eigenthümlich schwer zu verstehende Leidensgeschichte Ihres bisherigen Lebens; ich fragte mich, woran es nur hängen möge, dass auf dem, was Sie gut und mit Aufopferung schaffen und thun, nicht das Wohlwollen und die Freude Andrer ruhe, dass also alles recht-Vollbrachte Sie gleichsam rückwärts verwunde. Die Geschichte Ihrer „Logik der Hände“ quält mich, wenn ich an sie denke (ich habe, erinnere ich mich recht, selbst dazu beigetragen, Sie nach der Vollendung jenes Werks zu quälen, statt Sie zu erfreuen) Ebenso gedachte ich wieder Ihrer Präliminarien; dadurch, dass Sie dieselben als Dissertation herausgaben, haben Sie einen Ihrer schönsten Pfeile verschossen, ich kann es nicht anders nennen und ärgere mich, weil ich immer noch glaube, dass der Gedanken-Inhalt dieser Schrift als einer ästhetisch-kritischen kaum seines Gleichen habe. Auch alles, was Sie dem Frit[z]sch für das Wochenblatt übergeben haben, war dort wie verzaubert und konnte Ihnen nicht einmal die verstehende Sympathie der Musiker sichern. Da zerbreche ich mir nun den Kopf, woran diese wunderliche Art von Nicht-erfolgen hänge. Seien Sie nicht böse, wenn ich mich dabei an das Wort Liszts von den pressanten Freunden erinnerte, es kam mir so vor, als ob eine gewisse feurige Pressirtheit, ein nicht-warten-wollen Ihnen manchen Erfolg geraubt hat. Man soll dem Schicksal nicht merken lassen, was man will; fünf Minuten später ist es dann von selber so gutwillig, ein Anerbieten zu machen. „Bereit sein ist Alles“, heisst es, denke ich, bei Shakespeare. Vielleicht ist aber das, was ich hier ziemlich altklug sage, nichts als die Theorie aus einem ziemlich mit Glücksfällen besäeten Leben? Aber Sie können mir glauben, dass es ganz meiner innersten Gesinnung entspricht, eine Sache jahrelang zu hegen und mir nicht anmerken zu lassen, dann aber, wenn sie mir in den Griff kommt, sie hinzunehmen; ich war „bereit“. Es kommt bei diesem „Hegen“ noch nicht eigentlich zum Wunsche, es fehlt mir eben darin an Ihrem Feuer. Es ist nur wie eine Vorstellung, conditional empfunden „es wäre für dich beglückend, wenn —“; Sie glauben schwerlich, was für grosse und herrliche Vorstellungen dieser Art ich mit mir herum trage, für welche ich plötzlich bereit sein werde. —
     Nun ein Einfall. Erlösen Sie doch Ihre Präliminarien aus ihrer blutlosen Existenz bei Frit[z]sch und machen Sie etwas Neues daraus. „Briefe über Musik von Dr. Carl Fuchs“ — so etwas schwebt mir vor der Seele, denn Sie haben das seltene Recht, daran zu denken, in wie fern die Briefform als wahre Kunst-form behandelt werden könne. (Aristoteles galt den Alten als Klassiker der Prosakunst, nicht wegen der Schriften, die wir haben, sondern nur seiner Dialoge und Briefe wegen) Wir andern Sterblichen haben kein Recht Briefe zu veröffentlichen, wir wären dann affectirte Narren und wollten dies öffentlich zur Schau stellen. — In diese Briefe giessen Sie Ihre Erfahrungen über einzelne Meister und Meisterwerke, mit denen Sie unsereinem die grösste Wohlthat und Liebe erweisen können! Der dialectische Gang Ihrer „Kritik der Tonkunst“ brauchte zuallerletzt an akademische Gangarten erinnern. Wenn Sie sich ein Publikum vor die Seele stellen wollen, dann nur ja keine Professoren, sondern etwa die Bayreuther Genossen, welche jetzt dort sind und im nächsten Jahre eine recht ungewöhnlich „gute Gesellschaft“ machen werden.
     Ihre Abfertigung Lotze’s (sammt einigem Neuen über Gervinum, wenn ich bitten darf) könnte anhangsweise zeigen, dass Sie auch gut auf Mensur mit Säbeln stehen können. —
     Alles freundlich zu erwägen! Ich bin ferne davon, mit irgend einem Rathe zudringlich fallen zu wollen, aber mitunter trifft man’s, etwas zu sagen, was ein Anderer schon auf der Zunge hatte — da giebt es immer eine kleine Freude. Ich sagte Ihnen ja, wie es mein herzlicher Wunsch sei, Ihnen eine Freude zu machen.
     Die weimarischen Briefe — ach wie gut ich mir alles vorstellen konnte, besonders Liszt — sind an die angegebne Addresse abgeschickt.
     Was meinen Sie dazu, dass die Post fast alle Ihre Briefe nach Basel als „unzureichend frankirt“ behandelt? Dabei beklage ich, dass die Marken, welche Sie darauf geklebt haben, immer gar nicht gerechnet werden, also vergeudet sind. Für den letzten Brief verlangte man z.B. von mir noch 2 frs. Es verdriesst Sie doch nicht, dass ich dies erwähne? Lieber Himmel, gieb, dass wir freien Geistes seien, alles andre kannst du für dich behalten.

Treugesinnt der Ihrige, immer
noch patientenmässige, und
patientiam brauchende, sowie
empfehlende
F. Nietzsche.






     Von morgen an bin ich in Basel bei der guten Schwester


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BVN-1875,71

An Malwida von Meysenbug in Paris

[Steinabad,] 11 August 1875.


Hochverehrte Freundin

es ist nicht Undankbarkeit, sondern Noth, was mich so lange verstummen machte, das glauben Sie mir wohl gern. Ich weiss nichts besseres als daran zu denken, wie ich doch in den letzten Jahren immer reicher an Liebe geworden bin; und dabei fällt mir Ihr Name und Ihre treue tiefe Gesinnung immer zuerst mit ein. Wenn mir nun die Möglichkeit fehlt, solchen, die mich lieben, Freude zu machen, ja selbst der Glaube daran, so fühle ich mich ärmer und beraubter als je — und in so einer Lage war ich. Es war mir, meiner Gesundheit wegen, so aussichtslos zu Muthe, dass ich glaubte, ich müsste nun unter-ducken und wie an einem heissen drückenden Tage nur eben unter der Schwüle und Last so fortschleichen. Alle meine Pläne veränderten sich darnach und immer überlief’s mich schmerzlich bei dem Gedanken: deine Freunde haben besseres von dir erwartet, sie müssen nun ihre Hoffnungen fahren lassen und haben keinen Lohn für ihre Treue. — Kennen Sie diesen Zustand? Ich bin jetzt über ihn wieder hinaus, weiss aber nicht, auf wie lange — doch mache ich wieder Entwürfe über Entwürfe und suche mein Leben in einen Zusammenhang zu bringen — ich thue nichts lieber, nichts angelegentlicher, sobald ich nur einmal wieder allein bin. Daran habe ich einen förmlichen Barometer für meine Gesundheit. Unsereins, ich meine Sie und mich, leidet nie rein körperlich, sondern alles ist mit geistigen Krisen tief durchwachsen, so dass ich gar keinen Begriff habe, wie ich je aus Apotheken und Küchen allein wieder gesund werden könnte. Ich meine, Sie wissen und glauben das so fest wie ich und ich sage Ihnen etwas recht Überflüssiges!
     Das Geheimnis aller Genesung für uns ist, eine gewisse Härte der Haut wegen der grossen innerlichen Verwundbarkeit und Leidensfähigkeit zu bekommen. Von aussen her darf uns wenigstens so leicht nichts mehr anwehen und zustossen; wenigstens quält mich nichts mehr als wenn man so auf beiden Seiten ins Feuer kommt, von innen her und von aussen. — Meine durch die gute Schwester eingerichtete Häuslichkeit, die ich in den nächsten Tagen kennen lernen werde, soll für mich so eine [neue] feste harte Haut werden, es macht mich glücklich, mich in mein Schneckenhaus hineinzudenken. Sie wissen, nach Ihnen und einigen wenigen strecke ich die Fühlhörner immerdar mit Liebe aus, verzeihen Sie den thierischen Ausdruck.
     Ihnen und allen, die Ihnen am Herzen liegen, das Beste wünschend

Ihr allzeit getreuer Friedrich Nietzsche.


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BVN-1875,72

An Franz Overbeck in Bayreuth

[Steinabad, 11. August 1875]


Mein lieber Freund Overbeck, es giebt doch jedesmal, wenn jetzt ein Bayreuther Brief an mich ankommt, einen halbstündigen Krampf; immer ist mir’s als ob ich aufspringen, alles von mir werfen und zu Euch eilen müßte! Wie die wunderbarste Versuchung höre ich oft auf meinen Spaziergängen so etwas vom „flüssigen Golde“ jenes Orchesterklanges und komme mir dann immer grenzenlos beraubt vor. Es ist meine wirkliche einzige Tröstung, Euch dabei zu wissen; es hätte so leicht kommen können, daß Keiner von uns dort wäre, ja daß wir kaum wüßten, was für ein Glück dort für uns zu finden sei. Aber erzählen wirst Du mir, obwohl ich mir schon jetzt sehr albern mit meinen Fragen „wie klang denn das? und das?“ vorkomme.
     Mit meiner Kur habe ich einige cura, es sei zunächst nicht viel dabei herausgekommen. Indessen habe ich wenigstens für eine fernerhin einzuhaltende Diät Gutes und Ersprießliches gelernt und einen einsichtsvollen Arzt kennen gelernt, der auf dem medizinischen Bereiche Revolutionär ist und an Stelle der Receptir-Bücher ein wissenschaftlich begründetes Kochbuch für die Hausküche stellt — ein ebenso einfacher als schwierig zu findender Gedanke, scheint mir.
     Ich war immer für mich und gewann es nur selten über mich, irgend welche gemeinsame Spaziergänge zu machen. Doch habe ich die größte Brauerei Deutschlands, das Rothhaus im Schwarzwald, mit tiefen Granitfelsenkellern, besichtet, auch der Schweinezucht und Käserei Aufmerksamkeit geschenkt.
     Unsern Freund Gersdorff ersuche ich herzlich, die beiliegenden Briefe zu addressiren, was vermittelst einer Nachfrage bei Frau Wagner möglich ist. Der eine ist an Frl. von Meysenbug, der andre an Ms. Schuré in Paris. Ich dachte diesen Namen unter den Fremden und Gästen vorzufinden. Die Briefe sind zu lesen, wenn Ihr Lust habt.
     In den nächsten Tagen reise ich nach Hause, meine gute Schwester hat inzwischen meine Häuslichkeit eingerichtet und erwartet mich.
     Allen Betrübten Linderung, allen Hoffenden Bestätigung von Herzen wünschend

treulich
der Deinige F N.


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BVN-1875,73

An Edouard Schuré in Paris

Steinabad den 11 August 1875


Verehrtester Herr,

einmal war es die reinste Verlegenheit, gar nicht zu wissen, unter welcher Addresse ich Ihnen den Ausdruck meiner Dankbarkeit zukommen lassen könnte und dann ein tiefes körperliches Missbehagen, welches ich jetzt in einem kleinen Bade des Schwarzwaldes auch von der Seele herunter zu waschen suche — beides also mag mich entschuldigen, wenn ich so ausserordentlich spät Ihnen sage, wie freudig Sie mich durch Ihr bedeutendes Geschenk überrascht haben. Nicht mich allein; ich nenne sofort eine ausgezeichnete Landsmännin von Ihnen, Frau Baumgartner-Köchlin, welche Ihr Buch von mir erhielt und Ihnen durch mich Ihre dankende Verehrung aussprechen lässt. Frau Baumgartner bewunderte die Kraft und rednerische Originalität Ihres französischen Ausdrucks; und ich erfreute mich mit ihr an dem grossen Rhythmus des ganzen umfänglichen Werkes, ich möchte sagen, an der künstlerischen Vertheilung von Hochund Tiefton in der Oekonomie Ihres Buches. Wenn Sie einigen Gesichtspuncten meiner Schriften Ihre innerste Theilnahme geschenkt haben sollten — Sie sind so gütig, dies in Buch und Brief anzudeuten — so habe ich in Ihrer Zustimmung und Ihrer fruchtbringenden Theilnahme einen Zweifel widerlegt gefunden, der mich nicht selten gequält hat; ob ich nicht mit der monologisirenden Art meiner Schriften mir das Beste entzogen habe, was ein Autor sich wünschen kann — Übertragbarkeit seiner Ansichten und Fortleben, Fortwachsen derselben in fremden Seelen.
     Aber wie kommt es, dass wir uns dies nicht in Bayreuth sagen konnten? Wir hofften es ja Beide und haben beide wie es scheint uns erheblich über das Mögliche getäuscht? Ich will nur annehmen, dass es keine Krankheiten sind, die Sie davon abgehalten haben, den schönsten Lohn für Ihre tiefe geistige Bemühung, den Bayreuther Lohn einzuernten.
     Kommen Sie nicht einmal über Basel? Ich bedaure immer noch, dass Ihr damaliger Besuch sich in so absurder Weise mit einem Anfalle meines körperlichen Leidens kreuzen musste. Vielleicht kann ich jetzt eher Gesundheit und die Ermöglichung eines näheren und vertrauteren Sich-Mittheilens versprechen.
     Leben Sie wohl, hochgeschätzter Herr, und glauben Sie an die Ergebenheit

Ihres
Dr Friedrich Nietzsche.


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BVN-1875,74

An Erwin Rohde in Zürich

[Basel, 28. August 1875]


     Du bist herzlich ersehnt, geliebter Freund! Meine alte Wohnung, in der nächsten Nähe bei meiner jetzigen, wird Dein Dach sein. Da wollen wir einmal unsere Seelen recht wieder zusammenbringen — ich freue mich unsäglich darauf! Du findest mich hoffnungsreicher als in den vorigen Jahren, immer mit der paedagogisch-anthropagogischen Leidenschaft in Kopf und Herzen, und überdiess gesünder.
     Mir ist es so als ob wir als recht Entbehrende und Sehnende jetzt endlich wieder zusammenkämen, als ob vieles zu sagen, zu fühlen und zu heilen wäre. — Gerade jetzt ist, in schöner Abschrift, mein Hymnus an die Freundschaft angelangt. Nun kommst Du, und es soll hymnisch zugehen, wenn auch nicht auf dem Klaviere.

Von Herzen der Deine.
F N.



Spahlenthorweg 48.


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BVN-1875,75

An Ernst Schmeitzner in Schloßchemnitz

[Basel, September 1875]


Geehrtester Herr

damit Sie sehen, wie ich Ihrer eingedenk bin und Ihnen für Ihren guten Brief meinen Dank ausdrücken möchte, so schreibe ich Ihnen heute, was ich bis jetzt auf indisch-chinesischem Gebiete in Erfahrung ziehen konnte. Sehr befähigt zu Original-Übersetzungen aus dem Sanscrit, also speziell zur Verdeutschung wichtiger und interessanter buddhistischer Schriften soll sein
     Herr Dr. phil. Eduard Müller, in Basel, St. Alban-Vorstadt 16.
     Ebenso Dr. phil. Lefmann Privatdocent in Heidelberg (der jetzt die Lalita Vistara übersetzt, etwas sehr Schönes!) ob er schon einen Verleger dafür hat? — aber dies ist ein Jude und soll manches gegen sich haben.
     Für Chinesisch ist ganz ausgezeichnet als Übersetzer der Professor Dr. Schott in Berlin, Mitglied der Akademie. —
     Hoffentlich ist Ihre Atropinkur zu Ihrer Befriedigung ausgefallen; ich habe dieselbe Kur durchgemacht, als ich die Schrift über Strauss schrieb oder vielmehr diktirte; denn ich durfte damals gar nicht lesen und schreiben.
     Mein Befinden ist besser. Vielleicht kann ich Ihnen in nicht allzu langer Zeit etwas anbieten.
     Wünschen Sie mir Gesundheit und heitere Herbsttage, so soll schon etwas fertig werden, worüber Sie sich ein wenig freuen werden. Aber versprechen kann und mag ich nichts.

Ergebenst der Ihrige
Dr F Nietzsche.


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BVN-1875,76

An Erwin Roh de in Kiel

[Basel, vermutlich 18. September 1875]


Hier, mein armer, innig geliebter Freund, einen Gruß von mir und zugleich das, was mit Deiner Addresse inzwischen an mich angelangt ist (den Brief mit dem Poststempel Brunnen habe ich aufgemacht, um ihn mit in dieses Couvert stecken zu können, Du verzeihst; ich habe keine größeren Couverts). Bald nach Deiner Abreise kam ein Brief an, den ich sofort per adr. Ribbeck weiter gesandt habe und der wohl in Deinen Händen ist.
     Mir geht es seit vorgestern schlecht: Rückfall in schönster Form, Steinabad-Empfindungen, Erbrechen usw. Doch werde ich bald wieder darüber hinaus sein; ich durfte ja nicht hoffen, auf einmal zu genesen, und wer darf das!
     Ich dachte gestern an Dich und mich, als ich las, das rauheste Mittelalter sei das Mannesalter, etwas ganz Barbarisches, wo man so zwischen Narr und Weisen in der Schwebe ist. Gerade in dieses Mittelalter und zwar in’s Mittelste desselben führte Dich der Tristan; und es war wirklich recht barbarisch, Dir auch das jetzt noch zuzumuthen!
     Aber Du bist jetzt mit dem Segen des Unglücks gesegnet, da müssen wir andern nur darüber denken, Dir das Beste zu geben und zu zeigen, was es sonst noch giebt, selbst wenn es das Gewaltsamste sein sollte. Vielleicht daß wir dann in der Wahl nicht ganz geschickt sind; ich kann Dir gar nicht sagen, wie unvollkommen ich mich fühle, liebster Freund, wenn ich an Dein Leid und Lieben gedenke: gerade als sei ich ein ganz abscheulicher Mischmasch von Narr und Weisen und könne Dir gerade deshalb jetzt so wenig zu Hülfe kommen, weil ich keins von beiden ganz sei.
     Wenn es Dich irgendwie lindern könnte, die Gegenwart eines Freundes, wenn auch eines für Deine eigentliche Noth rath- und nutzlosen, um Dich zu haben, o so denke doch ja daran, im Frühwinter nach Basel zu kommen. Mir graut vor Deiner Einsamkeit, wie Dir selber. Und hier fänden wir in der Zweisamkeit wenigstens den Trost eines treulichen Aussprechens und Einander-Gewohntseins, und darauf ließe sich dann wohl auch noch mehr bauen. Ich danke Dir auf das Herzlichste für Deinen Besuch, Vertrauen und Liebe und Herzens-Ungetheiltheit hast Du mir wieder bewiesen, und gerade jetzt! Wie danke ich Dir dafür!
     Mit den herzlichsten Wünschen grüße ich Dich sammt meiner Schwester

Dein Freund F. N.


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BVN-1875,77

An Marie Baumgartner in Lörrach

[Basel, 20. September 1875]
Montag



Hier empfangen Sie, hochgeehrte Frau, die vier Hefte vom Ring des Nibelungen. (Man wird beim Anblick dieser Hefte leider daran erinnert, dass Wagner’s Verleger zwischen Operntexten und Wagners Gedichten keinen Unterschied gesehen hat!)
     Die vorige Woche lief schlimm für mich ab, ich war vom ersten Tag an krank und [ich] musste Donnerstag und Freitag im Bette zubringen. Jetzt Mattigkeit! Nächsten Sonntag werde ich wahrscheinlich noch etwas von Basel weggehen, zusammen mit Overbeck, doch nur auf drei Tage. Es verlangt mich den Pilatus zu sehen und einiges mit Overbeck zusammen auszudenken, von dem niemand nichts weiss und wissen wird.
     In dieser Woche hoffe ich Sie noch zu sehen.
     Mit ergebenstem Grusse auch im Namen meiner Schwester

der Ihrige
Dr F Nietzsche.


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BVN-1875,78

An Carl von Gersdorff in Ostrichen

Basel 26 Sept. 1875 Sonntag.


Mein geliebter Freund, gestern lief das Semester zu Ende, mein dreizehntes Semester, und von heute an giebt es vierzehn Tage Ferien. Gern hätte ich eine kurze Fussreise gemacht, denn mich verlangt im Herbst immer darnach, den Pilatus noch einmal bevor es Winter wird zu sehen; je länger ich nun in der Schweiz bin, umso persönlicher und lieber wird mir dieser Berg; aber draussen ist es schauerlich nass und früh-novemberlich, ich werde warten oder verzichten müssen — wie so oft im Leben. Man merkt doch recht, dass man die Zwanziger Jahre hinter sich hat. Eine gewisse Art von Enttäuschung, aber eine solche, welche zur eignen Thätigkeit spornt, wie die frische Luft des Herbstes, begleitet mich jetzt fast aus jedem Tag in den andern.
     Also inzwischen habe ich mit Hülfe meiner Schwester mich häuslich eingerichtet, und es ist gut gelungen. So bin ich endlich, seit meinem dreizehnten Lebensjahre, wieder in traulicheren Umgebungen, und je mehr man sich aus allem, was Andre erfreut, exilirt hat, um so wichtiger ist, dass unsereins seine eigne Burg hat, von wo man zusehen kann und wo man vom Leben sich nicht mehr so gehudelt fühlt. Ich habe es durch das glückliche Wesen meiner Schwester, das mit meinem Temperament auf das beste zusammenstimmt, vielleicht günstiger getroffen als sehr viele Andere; unsere Nietzschische Art, die ich mit Freude selbst an allen Geschwistern meines Vaters wiedergefunden habe, hat nur am Für-sich-sein seine Freude, weiss sich selber zu beschäftigen und giebt eher den Menschen als dass sie viel von ihnen fordert. Dabei erträgt es sich vortrefflich, als Denker und Lehrer zu leben — wozu man nun einmal sich verurtheilt fühlt.
     Ich knüpfe an dieses Lob meiner begonnenen Häuslichkeit das Lob Deines Entschlusses oder vielmehr den herzlichen Ausdruck meiner Freude, Dich überzeugt und entschlossen zu sehen, eine gute Ehe zu schliessen. Bringe aber ja in diesem Herbste die ganze Angelegenheit durch eine Reise nach Berlin in’s Reine und Fertige, ich rathe es Dir nur mit dem Wunsche, dass Du nicht zu lange am fürchterlichsten Elemente des Lebens, an der Ungewissheit leiden mögest.
     Darf ich glauben, dass wenn Du mich noch vor Anfang Deines Semesters besuchst, Du mir eine glückliche Nachricht mitbringst? Im andern Falle stelle ich mir vor, dass eine neue Berliner Winter-Saison Deinem Vorhaben ernstlich gefährlich werden könne. — Doch davon verstehe ich wenig.
     Unser Freund Rohde, der immer in den Unglückstopf des Lebens zu greifen pflegt und sich gewöhnlich etwas Herbes herausloost, war hier bei mir und meinte zuletzt, es sei der einzige Ort auf der Erde, wo er sich noch zu Hause fühle. Von der grässlichen Lage, in der er sich befand, mag ich brieflich nichts sagen; er wurde durch einen Brief des Vaters der Dame an einer ganz besonders verwundbaren Stelle getroffen und quälte sich sehr. Er reiste von hier nach München und hörte dort den Tristan, mit übermässiger Erschütterung. In den nächsten Tagen wird er wohl in Rostock sein, wo er an der Philologen-versammlung Theil nimmt und einen Vortrag „über die Novelle bei den Griechen“ hält. — Ich habe bei diesem Zusammensein mit R. mehr gehabt als bei allen bisherigen, er war in seltenem Grade vertrauend und liebevoll, so dass es mir herzlich wohl that, ihm in der absurden Lage noch etwas sein zu können, jetzt wo sein Leben sich um ein kleines Mädchen dreht — der Himmel behüte Dich und mich vor gleichem Schicksale! —
     Nun kommt auch bald unser Baumgartner zurück, er wird der Insasse meiner früheren Wohnung. Mannichfaltig zurechtgewiesen und belehrt kehrt er heim, er hatte mancherlei Unglück: so stürzte er neuerdings sehr gefährlich mit seinem geliebten Pferd, kam selber noch davon, musste aber das Pferd sofort erschiessen.
     Mit J. Burckhardt geht es immer gut. Ich hörte gestern, er habe sich in Lörrach zu einem vertrauten alten Freunde über mich ausgesprochen, sehr günstig, man wollte mir gar nicht sagen, wie. Nur das Eine erfuhr ich: er habe gemeint, einen solchen Lehrer würden die Basler nicht wieder bekommen.
     Man rückt jetzt wieder an unsrer Sommerferien-ordnung. Im ungünstigen Falle ist es möglich, dass die Bayreuther Feste nächstes Jahr und die Jahre darauf mich nicht sehen werden; höchstens dass man mir einmal Urlaub für ein paar Tage giebt. Es kann aber auch günstiger werden als es bis jetzt ist: wenn nämlich der ganze Monat August als Ferienzeit festgesetzt würde. Komme es nun, wie es wolle, ich will schon zusehn, nicht ganz darum betrogen zu werden, wie dies Jahr.
     Mit meiner Gesundheit verbinde ich gute Hoffnungen, wenn ich die neue Lebensweise fortführe, die ich jetzt seit den Ferien auf Rath des Dr. Wiel eingerichtet habe. Ich esse alle 4 Stunden: um 8 Uhr ein Ei, Cacao und Zwieback, um 12 ein Beefsteak oder etwas Andres von Fleisch, um 4 Uhr Suppe Fleisch und wenig Gemüse, um 8 Uhr kalten Braten und Thee. Jedermann zu empfehlen! Ein Gleichgewicht ist da erreicht, bei dem man an Verdauungs-fiebern der gewöhnl. Diners nicht zu leiden hat.
     Doch giebt es Rückfälle meines Magenleidens; und sehr viel guten Willen gesund zu werden, muss ich haben. —
     Für die Besorgung der Briefe, welche ich nach Bayreuth schickte, danke ich sehr; beide sind angekommen, und von beiden Seiten sind auch Antworten darauf eingetroffen. —
     Sehr gute Nachrichten von Romundt! Wie ich mich freue! Ein Brief mit völliger Veränderung der Gemüthsart traf ein, wie von einem Genesenden. Er hat mehr zu thun und zu placken als je im Leben, aber er fühlt die segensreiche Wirkung und sagt selbst, es müsse sich inzwischen etwas in ihm gedreht haben. Er ist Gymnasiallehrer in Oldenburg und hat bis jetzt den ganzen griechischen Unterricht in Unter- und Obersecunda gegeben und bekommt von jetzt ab das Deutsch für Prima. Und es geht! Seine Adresse ist per adr. Frau Oberjustizrath Mencke, Petersstr. 17. Oldenburg im Grossherzogthum.
     Miaskowski geht also Ostern nach Hohenheim, die Sache ist also erledigt, nachdem sie lange schwebte.
     Meine Addresse ist: Spalenthorweg 48.
     Liebster Freund, Litteratur mache ich nicht, der Ekel gegen Veröffentlichungen nimmt täglich zu. Wenn Du aber kommst, will ich Dir etwas vorlesen, was Dir Freude machen wird, etwas aus der unpublicirbaren Betrachtung Nr. 4 mit dem Titel „Richard Wagner in Bayreuth“. — Stillschweigen erbeten.

Lebe wohl, mein Getreuester
und Geliebter.
Dein F N.




     Die besten Grüsse auch von meiner Schwester.
     Bitte, empfiehl mich Deinen verehrtesten Eltern. — Sei guten Muths. Du darfst es sein.


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BVN-1875,79

An Heinrich Romundt in Oldenburg

Basel den 26 September 1875.


Geliebter Freund, wie einem Genesenden wünsche ich Dir Glück. Du glaubst kaum, wie sehr ich mich über Deinen letzten Brief freuen musste: ebensosehr als mich Dein vorletzter, den ich in Steinabad erhielt, bekümmerte; ich antwortete nicht, weil ich doch nur Deinen Missmuth zu mehren fürchtete. Jetzt aber ist es etwas Anderes, da soll schnell geantwortet werden, um Dir zu sagen, dass wir mit Freude und Liebe an Dich denken und selber uns von unheimlichen Besorgnissen genesen fühlen, wenn wir Dich so gute frisch belebte Briefe schreiben sehen.
     Es scheint, dass Du auf ganz ehrenvolle Weise in das Lehrerwesen hineingerathen bist; eine Reihe von Jahren wirst Du freilich das Schwere dieses Berufs sehr hart empfinden: aber es ist gut so, wenn Du weise genug bist, es zugleich als eine Läuterung anzusehen. Ich sollte übrigens schon jetzt meinen, dass Du über Deine Befähigung zum Lehrer nicht mehr so desperat denkst, wie Du hier dachtest.
     Hier hat sich mancherlei verändert. Overbeck ist, frisch und auf das Schönste wiederhergestellt, hier eingetroffen. Zufällig kam zu gleicher Zeit auf der anderen Bahn Rohde an, mit dem es nun freilich eine andre Bewandniss hat. Er ist sehr schwer durch einen complicirten Liebeshandel betroffen und wird nicht so leicht durch Wassertrinken wie Overbeck curirt werden. —
     A. Baumgartner ist nun bald erlöst, inzwischen hatte er mancherlei durchzumachen, unter anderem stürzte er gefährlich mit seinem schönen Pferde, kam selbst davon, musste aber sein Pferd sofort erschiessen. Er wird vom November an meine frühere Wohnung in der Baumannshöhle beziehn.
     Inzwischen, nämlich von Juli an, habe ich eine neue Wohnung bezogen und mir selber vollständig eingerichtet, Spahlenthorweg 48, in einem neuen Hause; wo ich die ganze erste Etage und einen Theil der zweiten habe: in summa 6 Zimmer und dann Küche Keller Boden; auch ein gutes Dienstmädchen ist angeschafft. Hier hause ich denn mit meiner Schwester zusammen. Mein Gesundheits-Zustand machte eine so radicale Veränderung nöthig. Nur durch eine neue Lebensweise kann ich wieder auf einen grünen Zweig kommen. Ich fühle mich unsäglich besser daran als bisher, Du solltest mich nur in meinem Arbeitszimmer sitzen sehen, um vor unseren Einrichtungs-Talenten Achtung zu bekommen.
     Ich habe einen Cyclus von Vorlesungen für 7 Jahre begonnen, jetzt im Winter lese ich daraus „religiöse Alterthümer der Griechen“. Es sind lauter neue Collegien; die nehmen mich denn auch ganz in Anspruch. Unzeitgemässe Betrachtungen erwarte nicht, das ist mein Rath. Mich ekelt vor allem Veröffentlichen! — Es ist zwar inzwischen etwas fast fertig geworden, nicht „die Philologen“; aber wie gesagt, nichts für die Öffentlichkeit. Mihi scribo. Aliis vivo.
     J. Burckhardt soll von mir gesagt haben „so einen Lehrer würden die Basler nicht wieder bekommen.“ Darauf bin ich stolz. —
     In Bayreuth war ich nicht, durfte nicht hin, so krampfartig es mich jedesmal packte, wenn ich von dort her etwas hörte. Dafür waren, als meine Stellvertreter, Overbeck Rohde und Gersdorff dort zusammen.
     Mit unsern Grüssen und Wünschen vereinigen die sich von Frau Baumgartner, welche ich gestern besuchte.
     Lebe wohl und erhole Dich jetzt gut, um einem tapferen Winter entgegen zu gehen.

Treulich
der Deinige
Friedrich Nietzsche.


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BVN-1875,80

An Gustav Krug in Bonn

Basel den 27 Sept 1875.


Mein geliebter Freund, mit den herzlichsten Glück- und Segenswünschen begleite ich das Ereigniss, mit dessen Meldung Du mich heute so angenehm überrascht hast.
     Möge Dir ein guter Sohn und uns Allen ein tüchtiger Mitmensch in diesem Kinde geboren sein. „Edel sei der Mensch, hülfreich und gut“ — mit diesem hoffnungsvollen Grusse wollen wir ihm an der Schwelle des Lebens begegnen.
     Ich freue mich, dass es Deiner lieben Frau gut geht und dass Du das Glück dieses Ereignisses nicht mit schweren Sorgen zu erkaufen hast.
     Behalte mich lieb und sei herzlich gegrüsst

von mir und meiner
Schwester, die seit
August mit mir zusammen lebt und eine eigne Haushaltung mir eingerichtet hat.
Treulich Dein
Fr. Nietzsche.


[:!: Unterschrift soll vollständig auf der rechten Seite sein.]


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BVN-1875,81

An Erwin Rohde in Kiel

Basel den 7 October 1875.


Gott weiss, mein geliebter Freund, in was für einem Lichte Du diesmal den Morgen Deines Geburtstags erblickest! Kommt Dir der Tag grau, ja greulich vor, so denke doch ein wenig mit daran, was Du mir, was Du uns bist und sei aus unserer Seele heraus dem Himmel dafür dankbar, dass Du lebst. Freue Dich einmal mit allen denen, welche Dich lieben, wenn Du aus Dir selber sonst nur Leid und Schwermuth zu saugen weisst. Vielleicht aber erwartet Dich der Tag mit einem anderen Gesichte, mit einem freudigeren, ich weiss gar nicht, was sich inzwischen mit Dir begeben hat; und da ich mich ganz ausser Stande fühlte und noch fühle, Dir irgend nach einer Seite hin zu rathen, so habe ich inzwischen auch nicht völlig verlernt zu hoffen, und zwar so wie Deine Liebe hoffte — dass alle Verdunkelungen aufgehellt, alles Zagen beseitigt ist und dass Deinem edlen tapfern Sinne eine gleiche Gesinnung, eine gleiche Tapferkeit entspricht.
     Über Deinen philologischen Vortrag hat mir bis jetzt Overbeck aus den Zeitungen noch nichts berichten können (ich lese keine Zeitungen mehr, seit dreiviertel Jahr) Ich denke, Du sendest mir den Vortrag? Wenigstens würde ich mir damit eine grosse Freude erbitten. Sonderbarer Weise vergesse ich es fast immer mehr, dass wir als Philologen mit einander bekannt geworden sind; wir haben inzwischen so vieles Gemeinsame bekommen, dass ich das Ursprünglich-Gemeinsame kaum mehr besitze. Ich wurde neulich in fast erschreckender Weise daran erinnert, was man ist und was man gerade jetzt kann, da man sich in ein verzehrendes Anticipiren der Zukunft viel zu sehr eingelassen hat, um nicht alles gegenwärtige Können zu übersehen; mir wurde nämlich etwas aus einem Urtheile J. Burckhardts über mich wieder erzählt (er hatte sich in Lörrach gegen einen ganz vertrauten Arzt ausgesprochen) Unter anderem hat er gesagt: „so einen Lehrer würden die Baseler nicht wieder bekommen.“ Das gilt also meiner Thätigkeit am Pädagogium: also zu einem ordentl. Schulmeister hat’s man wirklich gebracht, fast so nebenbei, denn bis diesen Augenblick habe ich nur mit Pflichtgefühl und ohne alles Selbstgefühl diesem Amte gedient, auch ohne Freude. Vielleicht gelingt mir’s auch so nebenbei und beinahe gesagt im Schlafe noch zum Philologen zu werden; ich stecke so voll von allgemeinen Nöthen, dass ich mich fast wie ein Handwerker mit der Philologie befasse, ich meine, wie mit einem Ding, was man zu allen Stunden treiben kann und muss, ohne dass man viel daran denkt.
     Meine Betrachtung unter dem Titel „Richard W. in Bayreuth“ wird nicht gedruckt, sie ist fast fertig, ich bin aber weit hinter dem zurück geblieben, was ich von mir fordere; und so hat sie nur für mich den Werth einer neuen Orientirung über den schwersten Punkt unserer bisherigen Erlebnisse. Ich stehe nicht darüber und sehe ein, dass mir selber die Orientirung nicht völlig gelungen ist — geschweige denn dass ich andern helfen könnte!
     Auf den gleichen Punkt, doch nicht bis zu dem Grade der Ausarbeitung habe ich im Frühjahr eine Betrachtung gebracht unter dem Titel „Wir Philologen.“ Kommt eine Zeit, wo wir einmal länger zusammen und uns in einander leben, so will ich Dir manches mittheilen: alles ist selbst erlebt und deshalb windet es sich etwas schwer von mir los. Ich sage das, weil ich oft nach einem Zusammensein mit Dir mir vorwerfe, dass ich Dir nicht genug mitgetheilt habe. Es ist nicht der Mangel an Offenheit, das weisst Du.
     Auf dem Bürgenstock war ich inzwischen, mit Overbeck; die letzten Gäste und einzigen Bewohner! Deiner viel gedenkend. Es ist nicht der Ort für Sehnsüchtige, die Ruhe kann einen toll machen.
     Am 15t. d. M. wird Fräulein von Meysenbug, auf ihrer Rückreise von Paris, bei mir sein. Vielleicht auch Gersdorff; der mir neulich seine nunmehr gefasste Absicht, sich in Berlin zu verloben, mittheilte. Wir wollen unsern Segen aus vollem Herzen dazu sprechen.
     Mein geliebter Freund, vergiss mich in Deiner Noth nicht, vergiss es nicht, dass es im Wasser der Trübsal doch ein paar Balken giebt. Und wenn es kein Balken ist, so doch immer die Freundeshand, an die Du Dich anklammern darfst, es gehe nun, wie es gehe.
     Ich sehe einen blauen ruhigen kalten Herbsttag draussen liegen.
     Lebewohl, liebster Freund und sei meiner Freundschaft sicher.
     Ebenfalls grüsst meine Schwester mit den herzlichsten Wünschen.

Der Deinige F N.


     Romundt hat mir die grösste Freude durch seine Mittheilungen gemacht. Er ist wie genesen und fühlt sich auch so: dafür hat er sich als Schulmeister (Griechisch in Secunda I und II, Deutsch in Prima) sehr zu placken. Es war zum Heil.


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BVN-1875,82

An Franziska Nietzsche in Dreifelden

Basel den 18 October 1875.


Mit großem Bedauern, meine liebe gute Mutter, habe ich davon gehört, daß Du Deinen Baseler Besuch wieder hinausgeschoben hast. Wir leben hier so angemessen für uns gerade, daß Du lachen wirst, wenn Du es mit ansiehst. Es geht so ruhig zu, wie es im Hause eines geistigen Arbeiters zugehen muß: es giebt gleichsam fortwährende Windstille. Die unangenehmsten Abwechslungen bilden nur meine Krankheits-Rückfälle (so lag ich leider wieder meinen Geburtstag zu Bett, mit all den alten Symptomen) Aber wenn diese bösen Gäste abgerechnet werden, erleben wir viel Freude an unsern Gästen, so zuletzt noch an Gersdorff. Es scheint, Lisbeth und ich, wir laufen wie zwei gute Pferdchen im Geschirr neben einander her und thun uns kein Leides; vielmehr im Gegentheil. Nun Du wirst alles sehen.
     Mit dem herzlichsten Danke habe ich Deine Glückwünsche empfangen; ich selber verzichte allmählich immer mehr darauf, mit meinen Wünschen für mich in’s Spezielle zu gehn, sondern suche nur so gut als möglich das, was mich trifft, zu nützen, sei dies nun Gesundheit oder Krankheit, Regen oder Sonnenschein. Will man Erkenntniß vom Leben haben, so kann man sie von allem und jedem ernten, da verlernt man fast das Wünschen.
     Eine so ungeheure Masse Obstes und so schönen Obstes erschien eines Tages an unsrer Hausthür, daß wir uns nicht satt sehen, wohl aber sehr satt essen konnten; zum ersten Male wagte ich es wieder, Früchte zu essen, und es bekam mir auch gut. Sonst bin ich freilich noch sehr zur Vorsicht angehalten, und aus guten oder vielmehr schlimmen Gründen scheue ich sehr gebranntes Kind sehr das Feuer. Das wird aber sich ändern, und hoffentlich findest Du mich, wenn Du hierher kommst, schon bei dieser glücklichen Veränderung.
     Der Winter ist hier vor der Thüre, wir haben trübes und unruhiges Wetter wochenlang gehabt.
     Dem Onkel Oskar und seiner guten Frau unsre allerfreundlichsten Empfehlungen.
     Leb wohl, meine liebe Mutter und empfange den herzlichen Dank Deines Sohnes

Fritz.


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BVN-1875,83

An Paul Rée in Paris

Basel, den 22 October 1875.


Lieber Herr Doctor, ich habe mich viel zu sehr über Ihre psychologischen Beobachtungen gefreut, als dass ich es mit Ihrem Todten-Incognito („aus dem Nachlass“) so ernst nehmen könnte. Beim Durchstöbern einer Menge neuer Bücher fand ich neulich Ihre Schrift und erkannte auf der Stelle einige jener Gedanken als Ihr Eigenthum wieder, und ebenso ergieng es Gersdorff, der aus der früheren Zeit noch neulich mir citirte „behaglich mit einander schweigen zu können soll ja ein grösseres Zeichen von Freundschaft sein als behaglich mit einander reden zu können, wie Rée sagte.“ Sie leben also noch in mir und meinen Freunden fort, und nichts hatte ich damals als ich Ihr von mir so hochgehaltenes Manuscript in den Händen hatte, mehr zu bedauern als gerade durch ein starkes Augenleiden zu absoluter Entsagung im Briefeschreiben gezwungen zu sein.
     Ich bin ferne davon, mir es herauszunehmen Sie zu loben, ebenso wenig will ich Sie mit irgend welchen „Hoffnungen“ belästigen, die ich etwa auf Sie setze. Nein! wenn Sie nie etwas anderes drucken lassen, wie diese geistbildenden Maximen, wenn diese Schrift wirklich Ihr Nachlass ist und bleibt, so soll es gut und recht sein: wer so selbständig lebt und für sich daher geht, hat das Recht sich auszubitten, dass man ihn mit Lob und Hoffnungen verschone. Nur möchte ich Sie für den Fall irgend einer Publications-Absicht darauf aufmerksam machen, dass Sie immer mit Sicherheit auf meinen Verleger, Herrn E. Schmeitzner in Schloss-chemnitz rechnen können. Ich sage dies namentlich deshalb, weil das Einzige, worüber ich mich bei Ihrer Schrift nicht freute, die letzte Seite war, auf der die Schriften des Herrn E. von Hartmann hinter einander her prangen; die Schrift eines Denkers sollte aber auch nicht einmal auf Ihrem Hintertheil an die Schriften eines Scheindenkers erinnern.
     Mit recht guten Wünschen für Ihr leibliches Wohl und der Bitte meinen Dank dafür freundlich aufzunehmen, dass Sie Ihre Maximen überhaupt der Öffentlichkeit übergeben haben — womit Sie zeigen, dass Ihnen das geistige Wohl Ihrer Mitmenschen am Herzen liegt,

bin und bleibe ich
der Ihrige
Friedrich Nietzsche.


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BVN-1875,84

An Carl von Gersdorff in Hohenheim

[Basel,] Dienstag den
16. Nov. 1875.



Mein lieber Freund, ich schreibe um Dir zu sagen, daß ich nicht schreiben kann; der Alp der Überarbeitung sitzt neben mir und alle paar Wochen auch auf mir: wo ich mich dann in der Dir bekannten Weise leidvoll und schleimvoll in mein Schlafzimmer zurückziehe. Wenn alles gut am Tage geht und gar kein unvorhergesehenes Elend mich faßt, werde ich mit der Tagesarbeit gerade fertig und strecke dann alle Viere von mir. Hauptcolleg 10 Mann, Nebencolleg 6 Mann, Seminar 10 Mann und wirklich viel guter Wille und auch mehr Talent als früher darunter.
     Ich gehe gar nicht mehr zu Besuchen aus; wenn ich ermattet bin, liest mir meine Schwester etwas Walter Skott. Allergrößte Bewunderung für Robin den Rothen!
     Heute ist Overbecks des Treuen Geburtstag. Zwei junge Musiker aus Leipzig sind als Verehrer meiner Schriften an die hiesige Universität gekommen und hören bei Overbeck und mir Collegien. Meine Ferien im Nächsten Sommer sind festgesetzt, von 15 Juli bis 13 August. Ich kann doch viel mitnehmen, wenn mir nur der Zutritt zu den Proben erlaubt würde! Vielleicht auch kann ich ein paar Tage mich vertreten lassen.
     Wenn ich es nur bis dahin aushalte! Mich schaudert mit unter, die Arbeit ist zu groß.
     Verzeih, daß ich soviel von mir rede.
     Noch eins: kannst Du mir vielleicht gerade jetzt etwas leihen, 100 Thaler, eventuell auch 50 thun es. Rückzahlung wird versprochen Ostern 1877, ebenfalls werde ich 5 Prozent Zinsen zahlen. So eine neue Einrichtung wie ich sie jetzt habe macht das Berechnen für die erste Zeit etwas schwierig, ich möchte niemanden lieber als Dich um diesen Dienst ersuchen. Verzeihung!
     Dir mag es besser gehen als mir es geht, liebster Freund. Das wünsche ich von Herzen, und wirklich ist an meine Freunde zu denken immer noch das Einzige, was mich etwas mit dem Dasein versöhnt, das mir sonst immer sinnloser erscheint. Diese Mühe! diese Hast! Dieser naive Glauben jedes Menschen, daß um ihn die Sonne und alle Welt sich dreht! Ich strotze von Erfahrungen dieser Art und möchte lachen, wenn ich nur könnte.

Dein getreuer
Friedr Nietzsche.



     Meine Schwester grüßt mit mir von ganzem Herzen.


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BVN-1875,85

An Erwin Rohde in Kiel

Basel den 8 Dez. 1875.


Ach geliebter Freund, ich wußte Dir nichts zu sagen, schwieg, fürchtete und sorgte für Dich, ich mochte nicht einmal fragen, wie es stehe, aber wie oft, wie oft liefen meine mitleidvollsten Gedanken zu Dir! Es ist nun alles so schlimm wie möglich gekommen, und nur Eins könnte noch schlimmer sein: wenn die Sache nicht die furchtbare Deutlichkeit hätte, die sie nun hat. Das Unerträglichste ist doch der Zweifel, das gespensterhaft halb-wirkliche: und dieser Zustand ist doch wenigstens von Dir genommen, unter dem Du hier so gräßlich littest. Was wollen wir nun machen! Ich zerbreche mir den Kopf, wodurch Dir jetzt in irgend welcher Weise genützt werden könnte. Lange hatte ich mir eingebildet, man werde Dir die Diversion des Ortes machen, was ja sehr wichtig ist und Dich nach Freiburg im Breisgau berufen. Aber hinterdrein kommt es mir so vor als ob man gar nicht daran gedacht hätte. Da bleibt denn freilich die Herausgabe Deines Werkes immer das Heilsamste, es ist so etwas nicht ohne einige Freude und fesselt jedenfalls das Nachdenken, auch hat dies Geschäft Stätigkeit und hilft Dir vielleicht über diesen schrecklichen Winter hinweg. Ich erzähle Dir, wie es mir geht. Mit der Gesundheit nicht so, wie ich es eigentlich voraussetzte, als ich die völlige Umänderung meiner hiesigen Lebensweise durchsetzte. Ich liege alle 14 Tage bis 3 Wochen einmal auf 36 Stunden etwa zu Bett, recht gepeinigt, in der Art, wie Du es ja kennst. Vielleicht wird es allmählich besser, aber ich meine immer, daß mir noch nie ein Winter so schwer gefallen sei. Der Tag verläuft so mühevoll, durch neue Collegien usw, daß ich immer am Abend mit aller weiteren Lebenslust fertig bin und mich eigentlich wundere, wie schwer es sich doch lebt. Es scheint sich doch nicht zu lohnen, diese ganze Quälerei, man nützt weder sich noch anderen im Verhältniß zu der Noth, die man sich und andern auflegt! Dies ist die Meinung eines Menschen, der gerade nicht von den Leidenschaften gepeinigt wird — freilich auch nicht von ihnen beglückt wird. In den Ruhestunden für die Augen liest mir meine Schwester vor, und zwar fast immer Walter Scott, den ich gerne mit Schopenhauer den „unsterblichen“ nennen will: so sehr sagt mir seine künstlerische Ruhe, sein Andante zu, ich möchte ihn Dir empfehlen, doch Deinem Geiste ist mit solchen Mitteln nicht immer beizukommen, welche bei mir anschlagen: deshalb weil Du schärfer und schneller denkst als ich; und von der Behandlung des Gemüths durch Romane will ich gar nichts sagen, zumal Du schon gezwungen bist Dir mit Deinem eignen „Roman“ zu helfen. Aber vielleicht liesest Du jetzt noch einmal den Don Quixote — nicht weil es die heiterste, sondern weil es die herbste Lektüre ist, die ich kenne, ich nahm sie in den Sommerferien vor, und alles Persönliche Leid kam mir sehr verkleinert vor, ja als würdig, daß man darüber ganz unbefangen lache und selbst nicht einmal Grimassen dabei mache. Aller Ernst und alle Leidenschaft und alles, was den Menschen an’s Herz geht ist Don Quixoterie, es ist gut dies zu wissen, für einige Fälle; sonst ist es für gewöhnlich besser es nicht zu wissen.
     Gersdorff will in den Weihnachtsferien Schritte thun, sich zu verloben. Freund Krug hat einen Knaben bekommen, Dr. Fuchs ist eingeladen, auf Einen Cyclus der Bayreuther Aufführungen im nächsten Jahr vom Patronatsschein meiner Schwester Gebrauch zu machen. Zwei junge gute Musiker und Componisten studiren diesen Winter hier, um meine Vorlesungen zu hören, es sind Freunde Schmeitzners, ich thue mich um Verleger und Orientalisten zur Herausgabe des Tripitaka der Buddhisten aufzureizen. Dr. Deussen hält den ganzen Winter über begeisternde Vorträge über Schopenhauer, jede Woche 3, in Aachen, vor mehr als 300 festen Zuhörern. Baumgartner studirt jetzt hier unter meiner Führung Philologie. In meinem philologischen Seminar habe ich 13 Mann, zum Theil sehr gut begabte Leute. Mein Schüler Brenner ist leidend und mußte fort nach Catania; ich habe ihm für Frl. v. Meysenbug Grüße mitgegeben. Dr. Rée, mir sehr ergeben, hat ein ausgezeichnetes Büchlein, „Psycholog. Beobachtungen“ anonym erscheinen lassen, es ist ein „Moralist“ vom schärfsten Blick, etwas ganz Seltnes von Begabung unter Deutschen. Die Schrift Arnims „Pro nihilo“ ist mir lehrreich gewesen. Wagner’s bleiben bis Ende Januar in Wien. Ich lebe völlig zurückgezogen, mit meiner Schwester und bin zufrieden, wie ein Einsiedler, der keine Wünsche mehr hat als daß es recht schön wäre, wenn es einmal aus wäre.
     Nun lebe wohl, lebe erträglich, geliebtester Freund, denke daß wir hier an Dich immer so denken, als ob wir Dir damit unsere Freundschaft fühlen lassen könnten. Das ist nun leider nicht der Fall, und so nimm mit diesen elenden Zeilen fürlieb. Meine Schwester und Overbeck grüßen Dich auf das Theilnehmendste, und ich bleibe Dein

Freund F. N.


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An Carl von Gersdorff in Hohenheim

[Basel, 13. Dezember 1875]


Gestern, mein geliebter Freund, kam Dein Brief und heute morgen, recht am Beginne einer schweren Arbeitswoche, Deine Bücher: da soll man schon guten Muthes bleiben, wenn man so theilnehmende liebevolle Freunde hat! Wirklich, ich bewundere den schönen Instinkt Deiner Freundschaft — der Ausdruck klingt Dir hoffentlich nicht zu thierisch — daß Du gerade auf diese indischen Sprüche verfallen mußtest, während ich mit einer Art von wachsendem Durst mich gerade in den 2 letzten Monaten nach Indien umsah. Ich entlieh von dem Freunde Schmeitzners Hr. Widemann die englische Übersetzung der Sutta Nipáta, etwas aus den heiligen Büchern der Buddhaisten; und eine der festen Schlußworte einer Sutta habe ich schon in Hausgebrauch genommen „so wandle ich einsam wie das Rhinoceros.“ Die Überzeugung von dem Unwerthe des Lebens und dem Truge aller Ziele drängt sich mir oft so stark auf, zumal wenn ich krank zu Bette liege, daß ich verlange, davon etwas mehr zu hören, aber nicht verquickt mit den jüdisch-christlichen Redensarten: gegen die ich mir irgendwann einen Ekel angegessen habe, so daß ich mich vor Ungerechtigkeit in Acht zu nehmen habe. Wie es nun mit dem Leben steht, magst Du auch aus beiliegendem Briefe des unsäglich leidenden Freundes Rohde ersehen; man soll sein Herz nicht an dasselbe hängen, das ist klar, und doch worin kann man es aushalten, wenn man wirklich nichts mehr will! Ich meine, das Erkennen-Wollen bleibe als letzte Region des Lebens-Willens übrig, als ein Zwischenbereich zwischen Wollen und Nichtmehrwollen, ein Stück Purgatorium, so weit wir auf das Leben unbefriedigt und verachtend zurückblicken und ein Stück Nirwana, insofern die Seele dadurch dem Zustande reinen Anschauens nahe kommt. Ich übe mich darin, die Hast des Erkennen-Wollens zu verlernen; daran leiden ja die Gelehrten alle und darüber entgeht ihnen die herrliche Beruhigung aller gewonnenen Einsicht. Nun bin ich immer noch etwas zu straff zwischen die verschiedenen Anforderungen meines Amtes eingespannt, als daß ich nicht allzu oft, wider Willen, in jene Hast gerathen müßte: allmählich will ich mir schon alles zurechtrücken. Dann wird auch die Gesundheit beständiger werden; die ich nicht eher erlange, bis ich sie auch verdiene, bis ich den Zustand meiner Seele gefunden habe, der der mir gleichsam verheißene ist, der Gesundheits-Zustand derselben, wo sie nur noch den Einen Trieb, das Erkennen-Wollen, übrig behalten hat und sonst von Trieben und Begehrungen frei geworden ist. Ein einfacher Haushalt, ein ganz geregelter Tageslauf, keine aufreizende Ehrsucht oder Geselligkeitssucht, das Zusammenleben mit meiner Schwester (wodurch alles um mich herum so ganz Nietzschisch ist und sonderbar beruhigt wird) das Bewußtsein ganz ausgezeichnete liebevolle Freunde zu haben, der Besitz von 40 guten Büchern aus allen Zeiten und Völkern (und von noch mehrern nicht gerade schlechten), das unwandelbare Glück, in Schopenhauer und Wagner Erzieher, in den Griechen die täglichen Objekte meiner Arbeit gefunden zu haben, der Glaube daß es mir an guten Schülern von jetzt an nicht mehr fehlen wird — das macht jetzt mein Leben. Leider kommt die chronische Quälerei hinzu, die mich alle zwei Wochen fast zwei ganze Tage, mitunter noch länger packt — nun, das soll einmal ein Ende haben.
     Später einmal, wenn Du Dein Haus sicher und wohlbedacht gegründet hast, wirst Du auch auf mich als einen länger weilenden Feriengast rechnen können; ich erquicke mich öfter mit der Vergegenwärtigung Deines späteren Lebens und denke, daß ich Dir auch noch einmal in Deinen Söhnen nützen kann. Wir haben nun, alter treuer Freund Gersdorff, ein gutes Stück Jugend, Erfahrung, Erziehung, Neigung Haß Bestrebung Hoffnung mit einander bis jetzt gemein gehabt, wir wissen, daß wir uns von Herzen freuen, auch nur bei einander zu sitzen, ich glaube, wir brauchen uns nichts zu versprechen und geloben, weil wir einen recht guten Glauben zu einander haben. Du hilfst mir, wo Du kannst, das weiß ich aus Erfahrung; und ich denke bei allem, was mich freut „wie wird sich Gersdorff dabei freuen!“ Denn, um Dir dies zu sagen, Du hast die herrliche Fähigkeit zur Mitfreude; ich meine, sie ist selbst seltener und edler als die des Mitleidens.
     Nun lebe wohl und gehe in Dein neues Lebensjahr hinüber, als der welcher Du im alten warst, ich weiß Dir sonst nichts zu wünschen. Als solcher hast Du Deine Freunde erworben; und wenn es noch gescheute Weiber giebt, dann wirst Du nicht mehr lange
     „einsam wandeln wie das Rhinoceros.“

Treugesinnt der Deine
Friedrich Nietzsche.



     Herzliche Grüße und Glückwünsche meiner Schwester. Meine Empfehlungen an Deinen verehrten Vater.
     Ich schickte Dir Rütimeyers Programm, hoffentlich kam es an.


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de/nietzsche/briefe/1875/1875.txt · Last modified: 2017/02/11 09:08 by babrak