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1876

Inhalt

BVN-1876,1

An Carl Burckhardt in Basel

Basel, den 2. Januar 1876


Hochverehrter Herr Präsident,

der schlechte Zustand meiner Gesundheit nöthigt mich um eine zeitweilige Erleichterung meiner Lehrer-Verpflichtung, nämlich um Befreiung von den Stunden des Pädagogiums für den Rest des Semesters nachzusuchen. Heftige periodisch wiederkehrende Kopf- und Augenschmerzen haben in der letzten Zeit einen solchen Grad erreicht, daß mir eine derartige Erleichterung zum dringenden Bedürfnisse geworden ist, und ich nur mit der erbetenen Begünstigung hoffen kann, meine Vorlesungen an der Universität zu Ende zu bringen. Indem ich noch mittheile, daß ich mit Herrn Rektor Burckhardt über eventuelle Vertretung vorläufig Rücksprache genommen habe, ersuche ich Sie, hochverehrter Herr Präsident, um geneigte Berücksichtigung meiner Bitte.

Hochachtungsvoll
Ihr
ergebener
Prof Dr. F. Nietzsche
Lehrer am Pädagogium.


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BVN-1876,2

An Friedrich Ritschl in Leipzig

Basel den 12 Jan. 1876.


Nehmen Sie, hochverehrter Herr Geheimrath, die beiliegende kurze Abhandlung mit Wohlwollen auf! Ich habe ihrem Verfasser, Herrn Dr. Jakob Wackernagel, einem unserer trefflichsten Zöglinge, Muth zu der Hoffnung gemacht, dass er mit derselben vielleicht im Rheinischen Museum auftreten könnte. Ich meine, es wächst in ihm ein tüchtiger Philologe auf und sicherlich hat er viel von den Tugenden seines Vaters geerbt.
     Von mir möchte ich heute nichts sagen, da ich zu viel zu sagen hätte und mein Befinden gerade nicht gut genug ist, um mir dies augenblicklich zu erlauben. Nur glauben Sie ja, dass ich zu Ihnen und Ihrer verehrungswürdigen Frau Gemahlin stehe wie ehemals, in derselben Liebe und Dankbarkeit, auch wenn ich schweige.
     Die Grüsse meiner Schwester hinzufügend (welche seit August zu mir übergesiedelt ist und meinen Haushalt führt) bin ich, der ich war,

Ihr getreuer
Dr F. Nietzsche


     (Die Addresse des Dr. Jakob Wackernagel ist: Basel, Brunngasse 11.)


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BVN-1876,3

An Carl von Gersdorff in Hohenheim

[Basel, 18. Januar 1876]


Mein geliebter Freund, habe Dank für Deine guten Nachrichten, ich erwartete sie mit Sehnsucht, jetzt kann ich doch mit Dir hoffen und weiss, dass einem von uns etwas Gutes zu Theil werden soll — so wie es dieser Eine auch verdient und nöthig hat. Es scheint mir, dass alles so gut eingeleitet ist, dass wir mit Fassung nun zu Ende warten dürfen. Das Ende kommt doch wohl Ostern?
     Es macht mir Mühe zu schreiben, ich will drum kurz sein. Liebster Freund, ich habe das schlimmste schmerzhafteste und unheimlichste Weihnachten hinter mir, das ich erlebt habe! Am ersten Weihnachtstage gab es, nach manchen immer häufiger kommenden Ankündigungen, einen förmlichen Zusammenbruch, ich durfte nicht mehr zweifeln, dass ich an einem ernsthaften Gehirnleiden mich zu quälen habe, und dass Magen und Augen nur durch diese Centralwirkung so zu leiden hatten. Mein Vater starb 36 Jahr an Gehirnentzündung, es ist möglich, dass es bei mir noch schneller geht. Nun werden mehrstündige Eiskappen, Ubergiessungen auf den Kopf früh morgens, auf Immermanns Rath, angewendet, und es geht, nach einer Woche von gänzlicher Erschlaffung und schmerzhafter Zerquältheit, wieder etwas besser. Doch ist es nicht einmal Reconvaleszenz, der unheimliche Zustand ist nicht gehoben, alle Augenblicke werde ich an ihn erinnert. Man hat mir bis Ostern das Pädagogium abgenommen, an der Universität unterrichte ich wieder. Ich bin geduldig, aber voller Zweifel, was werden soll. Ich lebe fast ganz von Milch, die mir gut thut, auch schlafe ich ordentlich, Milch und Schlaf sind die besten Dinge, die ich jetzt habe. Wenn nur wenigstens die fürchterlichen tagelangen Anfälle ausbleiben wollen! Ohne sie kann man sich doch wenigstens aus einem Tag in den andern schleppen.
     Meine Schwester liest mir viel vor, weil mir Lesen und Schreiben schwer fällt. Walter Scott hätte ich neben Milch und Schlaf nennen sollen. Etwa den 19 März will ich wo möglich an den Genfersee gehen, bis dahin ist der Winter noch zu rauh, und Spazierengehen in der Kälte ist mir eher schädlich als nützlich. Meine Mutter wird in Kürze hier eintreffen.
     Bitte behalte den Inhalt des Briefes für Dich, wir wollen die Bayreuther nicht beunruhigen! Ach Bayreuth! Entweder ich darf nicht hin oder ich kann nicht hin — so schwebt es mir jetzt vor der Seele. Aber es soll noch eine dritte Möglichkeit geben, und wenn ich denke, was ich alles schon durchgemacht habe, so muss ich wohl glauben, auch noch über diesen Winter hinwegzukommen.
     Lebe Du wenigstens wohl, ich muss mein Glück immer mehr im Glück meiner Freunde suchen. Alle meinen eignen Pläne sind ja wie Rauch; ich sehe sie noch vor mir und möchte sie fassen. Denn es ist traurig, ohne sie zu leben, ja kaum möglich. — Kannst Du Ostern etwas mit mir zusammen gehn, also etwa an den Genfersee? Eine ganz vorläufige Anfrage.
     Schreibe doch an Frl. v Meysenbug, sie frägt theilnehmend nach Dir.

In alter Treue
der Deinige
F N.


     Bald sollst Du Besseres aus Basel hören, ich verspreche Dir’s


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BVN-1876,4

An Carl von Gersdorff in Hohenheim

[Basel, 30. Januar 1876]
Sonntag.



Liebster Freund, die Addresse von Frl. von Meysenbug ist genau diese:

132 Monte Caprino
Campidoglio, Roma.

     Bis jetzt kein neuer Anfall, aber Fortdauer des Zustandes selbst, der mir Bedenken einflösst. Ich gebe aber meine Stunden an der Universität, lebe mit der grössten Vorsicht und Regelmässigkeit. So wird es wohl besser werden müssen. Gänzliches Ausspannen, wie Du anräthst, ist nicht so leicht durchzuführen, mir scheint ein mässiges Fortleben in der hergebrachten Weise, doch eben mit aller Vorsicht, einstweilen ausführbarer, selbst heilsamer.
     Und dann hilft die Nähe meiner Schwester, Overbecks, zumal des glücklichen Overbecks — was sollte ich in der Ferne! Ich wünschte jetzt nichts lieberes zu hören als zu hören, dass Du Ostern nach Berlin müsstest, müsstest, weil sie zog, nach Goethe, im Gedichte Um Mitternacht. Das gäbe dann Neuigkeiten, bei denen einem Freunde einmal von Herzen wohl werden müsste. Wohl und gesund!
     Nun gedenke meiner, ohne Sorge, ich bitte Dich und vor allem — gedenke Deiner, in der Overbeckschen Weise.

Dein Freund


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BVN-1876,5

An Paul Widemann in Basel (Visitenkarte)

[Basel, Februar 1876]


Ihnen, lieber Herr Widemann, und durch Sie Herrn Köselitz die Mittheilung, dass ich jetzt mich nun doch dazu veranlasst sehe, meine Vorlesungen vorläufig auf unbestimmte Zeit einzustellen. Hoffentlich geht es in zwei Wochen besser: aber dann habe ich Sie nicht mehr? —

Dr. Friedrich Nietzscheo. ö. Professor der Philologie

Basel.


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BVN-1876,6

An Erwin Rohde in Kiel

Basel den 18 Februar. [1876]


Geliebter Freund, dem Himmel sei Dank, dass Dir endlich einmal etwas nach Wunsch geht! Vielleicht hat es nun ausgestürmt, und der Sonnenschein kommt wieder über Dich, um zu trösten und gut zu machen, da wo niemand Dir zu helfen wusste. Ach, die Ohnmacht Deiner Freunde! Und dass wir immer zum leidenden Mitleiden verurtheilt waren! Und dass ich selber noch dazu zum Verstummen gebracht worden bin, selbst jetzt noch, wo nun endlich einmal die Mitfreude zum Wort kommen könnte! — Mein Kopf ist immer noch schlimm daran, ich kann nicht lesen und schreiben und habe jetzt alle Vorlesungen aufgegeben, seit voriger Woche. Eine hübsche Thierquälerei! Im März will ich mit Gersdorff an den Genfersee.
     Leb wohl, es giebt nicht mehr her!

Dein wahrer Freund.


     Meiner Schwester Glückwünsche.
     Ebenso Overbecks, des Unvermuthet-Glücklichen.


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BVN-1876,7

An Carl von Gersdorff in Hohenheim

Basel Dienstag. [22. Februar 1876]


Mein geliebter Freund

wenn Dir mein Plan zusagt, so wollen wir es so machen: komme am ersten Tage Deiner Ferien nach Basel, wir ziehen dann sofort (etwa am 5 oder 6ten) weiter und suchen uns einen bescheidenen Aufenthalt am Genfersee. Wir wollen zusammen die eben angelangten 3 bändigen Memoiren einer Idealistin lesen, ich scheue mich ordentlich vor einem unbedachtsamen Einschlürfen eines so herrlichen reinen Getränkes.
     Ich freue mich von ganzem Herzen auf unsere stillen Wanderungen und Gespräche. Durch Einsamkeit und Leiden bin ich ganz vollgepfropft worden.
     Ich kann endlich sagen, dass es jetzt zum Besseren geht, nach einem sehr langen peinlichen Gleichmasse des schlechten Befindens. Doch habe ich endlich alle meine Vorlesungen einstellen müssen; erst seitdem spüre ich den Fortschritt.
     Overbeck lässt Dich herzlich grüssen und Dir sagen, dass er am 5t. März nach Zürich zu seiner Braut reise, und sich sehr freuen würde, wenn er am 4t. Dich sehen könnte. Geht es nicht, und kannst Du, was sehr zu bedauern wäre, erst am 5t. ankommen, so bietet er Dir seine Wohnung zum Nachtquartier an. Bitte schreibe nächstens noch ein Wort über Deine definitive Entschliessung.
     Deine Andeutungen über Berlin usw. schmerzen mich, es scheint mir so überflüssig und ungerecht, dass Du noch die Schule von dergleichen Schwierigkeiten durchmachen müsstest. Doch muss man manche Beschwerde selbst dankbar als eine Abschlagszahlung an den bösen Character des Daseins hinnehmen, das wissen wir ja; wir sind ja alle von grossen und plötzlichen Übeln umlauert, denke nur an Rohde.
     Wie ich mich sehne, Dich wieder zu haben!

Dein F Nietzsche.


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BVN-1876,8

An Carl von Gersdorff in Hohenheim

[Basel, 24. Februar 1876]


Nun höre einmal, liebster Freund, mich an! Der Brief von Frau W[agner] verändert die Lage und glücklicherweise nimmt meine Gesundheit täglich zu, so daß ich jetzt Dir einen zweiten Vorschlag mache. Immermann nämlich ist meiner Absicht entgegen, mich an einem Winkel des Genfersee’s niederzulassen und räth mir Zerstreuung und Bewegung von Ort zu Ort an. Was ich mir nun diese Nacht ausdachte, hat auch die Zustimmung meiner Schwester erlangt, ist also meinem jetzigen Befinden nicht mehr widersprechend (was es noch vor 14 Tagen gewesen sein würde) Also: ich hole Dich am 28 Febr. in Hohenheim ab und wir fahren zusammen gen Wien. Ich nehme an, daß Du dort der Gast Deines Freundes sein wirst und denke, daß ich durch seinen Rath ein bescheidenes Unterkommen in einem benachbarten Gasthofe finden werde. Wir nehmen ein Rundreisebillet für 30 Tage von Stuttgart aus (über Ulm Augsburg München Salzburg Linz Wien Linz Passau Regensburg Nürnberg Nördlingen Stuttgart) II Kl. 39 Gulden süddeutsch. W[ährung].
     Es steht nun ganz bei Dir, zwischen den Vorschlägen zu wählen oder etwas Drittes vorzuschlagen. Nur bitte ich Dich so herzlich wie möglich, wenn Dir aus irgend einem Grunde das Alleinreisen und die Trennung unsrer Ferienprojekte erwünscht ist, mir dies zu sagen. Wir sind ja so glücklich, offen sein zu dürfen, ja uns nicht einmal unter uns entschuldigen zu müssen.
     Also gebrauche das Vorrecht der Freiheit der Gesinnung.
     Schreibe mir schnell eine Antwort, auch darüber ob es vielleicht bequemer ist, in Stuttgart zusammenzutreffen und mit welchem Zuge. Nach Bayreuth verrathe von meinem Kommen nichts, ich freue mich diesmal angenehm zu überraschen.

Der Deinige.


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BVN-1876,9

An Eugen Kretzer in Godesberg

Basel 2 März 1876.


Dieses Lebenszeichen, lieber und werther Hr Doctor, soll Ihnen nur sagen, dass es sich schlecht lebt: sonst würde ich Ihren bedeutenden Brief nicht unbeantwortet lassen: was ich leider muss, Krankheits halber. Inzwischen empfehle ich Ihnen dringend das eben erschienene Buch einer alten Freundin „Memoiren einer Idealistin“ Stuttgart, Verlag von Auerbach. Das ist etwas für Sie!

F. N.


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BVN-1876,10

An Paul Rée in Stibbe

[Basel,] 3 März 1876.


Mein lieber neugewonnener Freund,

keine Antwort, sondern nur das Symbol einer solchen, denn es geht mir eher schlechter als besser; wie einer, der sich unter der doppelten Tyrannei des Schmerzes und der Langeweile befindet, es erwarten muss. Gersdorff kommt nächsten Montag — erst Montag! ich bin ungeduldig.
     Ihr Besuch hat mir das aufrichtige Bedauern hinterlassen, nun wieder etwas zu kennen, was mir in Basel fehlt, einen Menschen, mit dem man über „den Menschen“ sprechen kann. Wollen wir dieses, ich denke gemeinsame Bedürfniss als die Basis einer Freundschaft nehmen und die Hoffnung öfteren Zusammenseins darauf gründen? Es wäre mir eine hohe Freude und ein grosser Gewinn, wenn Sie hierzu Ja! sagen wollten. Sehen wir dann zu, wie viel persönliche Offenheit eine so fundirte Freundschaft vertragen kann! Ich mache es mir nicht so leicht, Ihnen dieselbe einfach zu versprechen — wer kennt sich genug, um ein solches Versprechen immer halten zu können. Aber wohl wünschte ich von Herzen, eine jede Offenheit Ihrerseits zu verdienen, wo immer Sie Lust haben sollten, mir sie zu schenken. — Es bedarf zu Allem noch der Gewohnheit und Sie als der Freiere müssen den guten Willen haben, wieder einmal in Basel länger vor Anker zu liegen. Von Ende August an bin ich wieder hier.
     Leben Sie wohl, mein lieber Freund und nehmen Sie meinen und meiner Angehörigen herzlichen Dank für Ihren Besuch!

F. N


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BVN-1876,11

An Carl von Gersdorff in Hohenheim

[Basel, kurz nach dem 3. März 1876]


Liebster Freund,

Du siehst wie es steht — denn ich kann selber nicht schreiben und muß, bildlich gesprochen, zur Feder und Hand meiner Schwester greifen. Es war Thorheit, für mich an Wien zu denken, eine entschuldbare Thorheit für Einen, der sich möglichst weit von der Monotonie eines leidenden Zustandes hinwegsehnt. Aber schon vor der Ankunft Deines Briefes war ich durch eine Verschlechterung meines Befindens hinreichend darüber belehrt, daß ich mir nichts dergleichen zutrauen dürfe, nur hatte ich gewünscht gerade für den Fall, daß ich nicht mitreiste, daß mein zweiter Vorschlag für Dich die Veranlassung zu genußreicheren Ferien würde als Du Dir jetzt in Begleitung eines Kranken versprechen darfst. Wie die Dinge nun gegangen sind habe ich diese Absicht freilich nicht erreicht, was ich herzlich bedaure zumal ich denken muß, daß mein letzter Brief Dich nur verwirrt und gequält hat. Wir lassen es also jetzt wie schon mein Telegramm besagte beim Alten und der sechste dieses Monates soll also vorläufig der Termin Deiner Ankunft sein vorausgesetzt, daß die Wünsche Deiner Eltern diesem Entwurfe nicht zuwider laufen.
     Die Baumannshöhle steht bereit Dich in ihren Schlund aufzunehmen, und von der Höhle soll es dann weiter zu See, Wald und Fels gehen. Den genaueren Plan wollen wir dann erst hier gemeinschaftlich miteinander ausdenken. — Ich lese schon seit ein Paar Wochen keine Collegien mehr und bin die Beute von Schmerz und Langeweile zugleich. Es verlangt mich nach Gesundheit ebenso sehr als nach Veränderung!
     Mit den herzlichen Grüssen meiner Mutter und Schwester bin ich

der Deinige
F N.


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BVN-1876,12

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Basel

[Veytaux, 8. März 1876]Mittwoch früh


Meine liebe Mutter und Schwester

nur einen ganz kurzen Bericht. Die Gesundheit hat so ziemlich Stand gehalten, zu meinem Erstaunen. Wetter gestern sehr ungleich, aber mit himmlischen Beleuchtungen. Heute ganz finster. Sehr kalt! Wir sind die alleinigen Bewohner der Printannière, haben Chillon in der Nähe, als Seiten-Vordergrund aller Aussichten. Wir strecken die Beine nach dem Kamine. Es ist gut hier, der Wirth ein Badenser.
     Pensionspreis 5 frs., alles einbegriffen.
     Ich schlief ordentlich, doch wachte ich mit Kopfschmerzen auf. Wollen sehen, wie’s heute geht. Die Luft ist kräftig, auf der ganzen Reise fühlte ich ihre erneuende Kraft.
      Denkt nur ohne Sorge an mich, ich glaube, es wird besser werden. Als ich gestern das Vertrauen dazu recht emphatisch aussprach, blitzte es und ich nahm es als bejahendes Zeichen.
     In herzlicher Liebe der Eurige.


     Es ist aber Winter, es hilft nichts, vorhin schneite es mich an. Lass Dirs nur noch etwas in der warmen Stube gefallen, meine gute Mutter.


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BVN-1876,13

An Elisabeth Nietzsche in Basel (Postkarte)

[Veytaux, 13. März 1876]


Vielen Dank für Briefe, gelbe H. und dergl. Hier haben wir das abscheulichste Wetter, Tag für Tag. Seit gestern Morgen Landregen. Donnerstag hatte ich den halben Tag lang Kopfschmerz, und lag dann den ganzen Freitag zu Bett: böser Tag! Seitdem geht es besser. Wir sind immer die einzigen Gäste des Hotels. Die Zusendung der gelben H. erfüllte einen Seelenwunsch. Trotzallem sind wir viel unterwegs und schlampen durch den Dreck. Im Ganzen doch sehr froh, hier zu sein. Dem Offizier geantwortet. Kraker ist in der Nähe, noch nicht gesehn. Sonst niemand. Wir lesen Manzoni’s Verlobte und bedaure das ganz herrliche Werk nicht von Dir gehört zu haben, es ist unschuldig wie das Lämmlein. Über Fr. Burckhardts Mittheilung verdrieße ich mich sehr. Die herzlichsten Grüße an Dich und unsre liebe Mutter.


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BVN-1876,14

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Basel (Postkarte)

[Veytaux, 16. März 1876]


Ist meine letzte Meldung per Karte eingetroffen? Ich hoffe. Inzwischen ist es besser gegangen. Gestern der erste schöne Tag, wir waren in Glion. Heute starker Wind, stürmische See. Die Natur im Ganzen um 3 Wochen, gegen frühere Jahre, zurück. — Manzoni ausgelesen. Viel unterwegs, guter Schlaf. Doch habe ich noch kein rechtes Vertrauen zur Besserung. Die schlechte Einrichtung mit dem Pädag. geht mir immer durch den Kopf. — Gersdorff bleibt den Monat bis zu Ende.
     Verlebt noch gute herzliche Tage mit einander, meine gute Mutter und Schwester und gedenkt tröstlich Eures F.


     Der treue Overbeck hat geschrieben.


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BVN-1876,15

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Basel (Postkarte)

[Veytaux, 20. März 1876]Montag.


Briefe bekommen, schönsten Dank.
     Voller Winter! Seit zwei Tagen eingeschneit. Heute heller schöner kalter Tag.
     Der „älteste Einwohner“ usw.!
     Wir sind immer noch zu Zweien. Die Krankenpensionen in Montreux reizen uns nicht.
     Heute wird es ein schlimmer Tag, fürchte ich. Gar nicht geschlafen.
     Wir sind hier ganz gut besorgt und verbrennen viel Holz in den Kaminen. Gehen spazieren, bei gutem und schlechtem Wetter. Der See ist und bleibt etwas Herrliches. Ich grüsse Euch von ganzem Herzen.


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BVN-1876,16

An Franziska Nietzsche in Basel (Postkarte)

[Veytaux, 25. März 1876]


Vielleicht mein letzter Gruss an Dich vor Deiner Abreise? Leider hast Du den winterlichsten aller Baseler Winter erlebt, und wenig Erfreuliches dazu! Ein andermal soll’s besser werden. Inzwischen nimm den herzlichsten Dank für Besuch, Hülfe, Besorgniss und Bemühung aller Art! — Mir geht es im Ganzen besser, das schlechte Wetter treibt in’s Zimmer, das kalte Zimmer treibt in’s Freie, so dass ich täglich doch 5—6 Stunden spazierengehe. Völliger Winter oder Regen mit Koth ist der einzige Wechsel. Ich bleibe aber, so lange es geht; es bekommt mir gut. In Basel ist 1) mein Bett zu warm; 2) ich vermisse sehr den Besitz eines grossen Plaids. 3) hast Du Frau Baumgartner besucht? 4) ich freue mich, wenn die Universität verlegt wird. 5) sind die Bücher an die Buchhändler besorgt? (Strauss will ich nicht) Sendet mir doch noch die dicke alte Hose. Mit den besten Wünschen und für die Briefe dankend.

Euer F.


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BVN-1876,17

An Elisabeth Nietzsche in Basel (Postkarte)

[Veytaux, 28. März 1876]Dienstag früh.


Meine liebe Lisbeth, morgen (Mittwoch) reist Freund Gersdorff ab und wird Donnerstag gegen 11 Uhr Vormittags bei Dir erscheinen, um Dir von mir zu erzählen.
     Gestern waren wir in Bex, das uns sehr gefiel, nur ist es für mich viel zu theuer (der Tag kommt auf 12 frs. in allem)

Heute nur den herzlichsten Gruss!
Dein F.


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BVN-1876,18

An Elisabeth Nietzsche in Basel (Postkarte)

[Veytaux, 2. April 1876] Sonntag Morgen.


Bitte meine liebe gute Elisabeth sende mir die Addresse von Fr v. Meysenbug. Ich bin immer noch hier, die letzten Tage seit Gersdorff’s Abreise sind schön, ich laufe den ganzen Tag.
     Vielleicht aber komme ich doch nächsten Mittwoch zu Dir. Es geht mir ganz gut. Nun wollen wir sehen, wie es in Basel wird. Der Übergang in’s Semester soll doch kein Übersprung werden.
     Ich freue mich sehr darauf Dich wieder zu sprechen. Sage, kann ich mich nun in Betreff des Pädagogium’s auf die gewünschte Anordnung verlassen?

F N.


     Bitte schicke die Addresse sogleich an mich ab.


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BVN-1876,19

An Elisabeth Nietzsche in Basel (Postkarte)

[Veytaux, 4. April 1876]Dienstag früh.


Meine liebe Schwester, ich habe wieder einen schlechten Tag gehabt und ziehe vor, deshalb noch einige Tage hier zu warten und spazieren zu gehen. Eigentlich ist es erst seit Gersdorffs Abreise hier schön geworden, namentlich etwas wärmer.
     Heute morgen dachte ich die Addresse von Frl. v. Meysenbug zu bekommen, um die ich bat? Aber die Post hatte nichts für mich. Ich will heute morgen Krakern einen Besuch machen.
     Ich bin immer noch der einzige Gast hier.

Mit lauter innigen Grüssen Dein
Bruder.


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BVN-1876,20

An Franz Overbeck in Basel

[Veytaux, 5. April 1876] Printannière, bei Chillon
Mittwoch.



Ich mache mir Vorwürfe, Dir nicht geschrieben zu haben, lieber guter Freund, der Du mich zur Strafe mit einem zweiten Briefe beschenkt hast! Ich sehe es, in was für einer verzeihlichen Stimmung Du bist und wie Du genug von Glücke hast, um noch davon abgeben zu können. Hier sitze ich nun, ich einsamer Mann immer noch: sitzen freilich ganz uneigentlich zu verstehen, denn ich steige auf und nieder von früh bis Abend und bringe es zu Stunden wahren Glücksgefühls, mitten unter vielem Unbehagen — Du weisst es ja, wie meine körperlichen Leiden häufig genug den „moralischen“ zum verwechseln ähnlich sehen; und jenes Glücksgefühl ist daher auch immer etwas mehr als Abwesenheit von Kopfschmerz. Mir ist es, als ob ich in sehr vielen Dingen in die Klemme getrieben worden sei — Gesundheit heisst für mich, daraus zu kommen. Dieses Glück anticipire ich mitunter beim Herumschweifen auf den Bergen, ich weiss nichts Besseres („Traurig genug!“ wirst Du sagen und mit Recht!)
     Morgen gehe ich nach Genf. Ich fürchte mich vor einer neuen Stadt wie vor einem wilden Thiere; ein Besuch in Lausanne hatte einen ganz Bergamasken Character, mir war übel und wehe und ich war wie erlöst als ich wieder den Mond über Schloss Chillon erblickte und die Schneeberge Savoyens in mildkalter klarer Nacht leuchteten. Ich habe an Herrn von Senger geschrieben; misslingt mir’s beim ersten Anlaufe, so komme ich spornstreichs nach Basel.
     Mehr erlauben mir die Augen nicht zu schreiben. Dass die alma mater in die Kaserne marschiren soll, unter Deinem Vortritt, entzückt mich. Lebe wohl

In Treue der Deinige


     Die freundlichsten Grüsse an Frau Baumann!


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BVN-1876,21

An Elisabeth Nietzsche in Basel (Postkarte)

[Genf, 8. April 1876]


Seit Donnerstag Nachmittag in Genf. Es geht mir gut; nur musste ich den Freitag ganz still zu Hause bleiben. Von Senger ein überaus trefflicher Mensch und Freund; den Donnerstag Abend brachte ich in der Familie Köckert zu. Frau Diodati ist im Irrenhause. Heute Concert; morgen auch, Senger lässt auf meinen Wunsch die Benvenuto Cellini-Ouvertüre von Berlioz und einiges Andre machen. Die Schönheit von Genf versetzt mich in ein seliges Staunen, hier möchte ich sterben, wenn nicht leben. Meine erste Verehrung galt Voltaire, dessen Haus in Fernex ich aufsuchte. — Montag Abend bin ich bei Dir!


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BVN-1876,22

An Mathilde Trampedach in Genf

Genf den 11 April 1876.


Mein Fräulein

Sie schreiben heute Abend etwas für mich, ich will auch etwas für Sie schreiben. —
     Nehmen Sie allen Muth Ihres Herzens zusammen, um vor der Frage nicht zu erschrecken, die ich hiermit an Sie richte: Wollen Sie meine Frau werden? Ich liebe Sie und mir ist es als ob Sie schon zu mir gehörten. Kein Wort über das Plötzliche meiner Neigung! Wenigstens ist keine Schuld dabei, es braucht also auch nichts entschuldigt zu werden. Aber was ich wissen möchte, ist ob Sie ebenso empfinden wie ich — dass wir uns überhaupt nicht fremd gewesen sind, keinen Augenblick! Glauben Sie nicht auch daran, dass in einer Verbindung jeder von uns freier und besser werde als er es vereinzelt werden könnte, also excelsior? Wollen Sie es wagen mit mir zusammen zu gehen, als mit einem, der recht herzlich nach Befreiung und Besserwerden strebt? Auf alle Pfade des Lebens und des Denkens?
     Nun seien Sie freimüthig und halten Sie nichts zurück. Um diesen Brief und meine Anfrage weiss niemand als unser gemeinsamer Freund Herr von Senger. Ich reise morgen um 11 Uhr mit dem Schnellzuge nach Basel zurück, ich muss zurück; meine Addresse für Basel lege ich bei. Können Sie auf meine Frage Ja! sagen, so werde ich sofort Ihrer Frau Mutter schreiben, um deren Addresse ich Sie dann bitten würde. Gewinnen Sie es über sich, sich schnell zu entschliessen, mit Ja! oder Nein — so trifft mich ein briefliches Wort von Ihnen bis morgen um 10 Uhr Hôtel garni de la Poste.
     Alles Gute und Segensvolle für immerdar Ihnen wünschend

Friedrich Nietzsche


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BVN-1876,23

An Malwida von Meysenbug in Rom

Charfreitag 14 April 1876. Basel.


Hochverehrtes Fräulein

es gab vor 14 Tagen ungefähr einen Sonntag den ich allein am Genfersee und ganz und gar in Ihrer Nähe verbrachte, von früh bis zu dem mondglänzenden Abend: ich las mit wiederhergestellten Sinnen Ihr Buch zu Ende und sagte mir immer wieder, dass ich nie einen weihevolleren Sonntag erlebt habe; die Stimmung der Reinheit und Liebe verliess mich nicht und die Natur war an diesem Tage nichts als das Spiegelbild dieser Stimmung. Sie gingen vor mir her als ein höheres Selbst, als ein viel höheres —, aber doch noch mehr ermuthigend als beschämend: so schwebten Sie in meiner Vorstellung und ich maass mein Leben an Ihrem Vorbilde und fragte mich nach dem Vielen, was mir fehlt. Ich danke Ihnen für sehr viel mehr als für ein Buch. Ich war krank und zweifelte an meinen Kräften und Zielen; nach Weihnachten glaubte ich von allem lassen zu müssen und fürchtete nichts mehr als die Langwierigkeit des Lebens, das mit Aufgebung der höheren Ziele nur wie eine ungeheure Last drückt. Ich bin jetzt gesünder und freier, und die zu erfüllenden Aufgaben stehen wieder vor meinen Blicken, ohne mich zu quälen. Wie oft habe ich Sie in meine Nähe gewünscht, um Sie etwas zu fragen, worauf nur eine höhere Moralität und Wesenheit als ich bin Antwort geben kann! Aus Ihrem Buche entnehme ich mir jetzt Antworten auf sehr bestimmte mich betreffende Fragen; ich glaube mit meinem Verhalten nicht eher zufrieden sein zu dürfen als bis ich Ihre Zustimmung habe. Ihr Buch ist für mich aber ein strengerer Richter als Sie es vielleicht persönlich sein würden. Was muss ein Mann thun, um bei dem Bilde Ihres Lebens sich nicht der Unmännlichkeit zeihen zu müssen? — das frage ich mich oft. Er muss das alles thun, was Sie thaten und durchaus nichts mehr! Aber er wird es höchst wahrscheinlich nicht vermögen, es fehlt ihm der sicher leitende Instinkt der allzeit hülfbereiten Liebe. Eins der höchsten Motive, welches ich durch Sie erst geahnt habe, ist das der Mutterliebe ohne das physische Band von Mutter und Kind, es ist eine der herrlichsten Offenbarungen der caritas. Schenken Sie mir etwas von dieser Liebe, meine hochverehrte Freundin und sehen Sie in mir einen, der als Sohn einer solchen Mutter bedarf, ach so sehr bedarf!
     Wir wollen uns viel in Bayreuth sagen: denn jetzt darf ich wieder darauf hoffen, dorthin gehen zu können: während ich ein paar Monate auch den Gedanken daran aufgeben musste. Wenn ich jetzt nur, als der Gesündere, Ihnen etwas erweisen könnte! Und warum lebe ich nicht in Ihrer Nähe!

Leben Sie wohl, ich bin und
bleibe der Ihrige in
Wahrheit
Friedrich Nietzsche.


     Ich bin sehr dankbar für den Brief Mazzini’s —


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BVN-1876,24

An Erwin Rohde in Jena

[Basel, 14. April] Charfreitag 1876.


Mein geliebter Freund, ich bin seit vorgestern wieder hier, habe 4 Wochen am Genfersee, bei dem Schlosse Chillon, gelebt und die letzte Woche in Genf bei befreundeten Menschen. Ich bin viel gesünder und recht innerlich befreiter, hoffnungsvoller, meinen Plänen und Zielen wiedergegeben — nach einer schweren fast unausstehlichen Zeit, wo ich an allem verzweifelte. In Genf habe ich einen wahren Freund hinzuerworben, eine Bereicherung für uns Alle, Du sollst ihn in Bayreuth kennen lernen — es ist der Generaldirektor des Genfer Orchesters Hugo von Senger. Das ist mein großer Ertrag dieser Reise. Ich muß mir schon selber treu bleiben, um Euch meinen wahren Freunden treu bleiben zu können, aber es fraß die Skepsis und das Mißtrauen an mir. Ebenso verpflichtet mich das heimliche Weiterleben meiner Schriften, immer von neuem höre ich, daß hier und dort ein Kreis von Menschen sitzt, die auf mich hören und die erwarten, daß man noch höher steigt, freier wird, um selber dabei freier zu werden. Kennst Du Longfellow’s Gedicht „Excelsior“? Und hast Du die jetzt eben erschienenen 3 Bände „Memoiren einer Idealistin“ gelesen? Ich bitte Dich sehr darum, es zu thun. Es ist das Leben unsrer herrlichen Freundin Frl v Meysenbug, ein Spiegel für jeden tüchtigen Menschen, in den man ebenso beschämt als ermuthigt blickt, ich las lange Zeit nichts, was mich so innerlich umdrehte und der Gesundheit näher brachte. Wir haben ja Verschiedenes diesen Winter zu tragen gehabt, aber was mir so wohlthat, wird auch Dir wohlthun, bei aller Verschiedenheit der Naturen und der Leiden. Overbeck hat es seiner Braut vorgelesen, nach jeder Sitzung, erzählte er, seien sie in neue Begeisterung und Ergriffenheit ausgebrochen. Es ist etwas von der höchsten caritas darin. —
     Wie geht es Dir, Geliebter? Ich quälte mich öfters in dem Gedanken, Dich durch nichts erreichen, Dir in nichts jetzt etwas sein zu können. Es war nicht nur die Entfernung. Leben wir ein besseres Leben, darin wollen wir uns ewig nahe fühlen. Ich bin der Deine, glaub es mir heute.

F N.


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BVN-1876,25

An Carl von Gersdorff in Hohenheim

Am Tage nach Charfreitag 1876 [15. April]
Basel.



Liebster Freund, am Abend vor dem grünen Donnerstag bin ich von Genf wieder zurückgekommen und habe dort 6 Tage zugebracht, sehr reiche Tage mit mancherlei Erfahrungen. Die Woche vorher, welche ich nach Deiner Abreise noch als einziger Gast in der Printanière aushielt, benutzte ich namentlich zu einer innerlichen Sammlung und Säuberung und wurde über vieles Kränkliche und Grillenhafte und Verzagte wieder Herr, namentlich aber hielt ich meine Ziele mit neuer Begierde mir vor Augen und verlor den Hang (mit dem ich auch Dich gequält habe!) gegen mich selbst ungerecht zu sein. Ich fand das „gute Gewissen“ wieder, bis jetzt zu meiner Befreiung soviel gethan zu haben als ich konnte und damit auch andern Menschen einen wahren Dienst gethan zu haben. Auf dieser Bahn gehe ich wieder vorwärts und lasse mich auf desperate Rückblicke und Vorblicke nicht mehr ein. Ich verdanke sehr viel dem Buche unsrer herrlichen Freundin Meysenbug und werde den einen Sonntag, den ich in der höchsten moralischen Nachbarschaft mit ihr verbrachte, von früh bis Nachts im Freien, nicht vergessen.
     Der Genfer Aufenthalt kam gerade im rechten Augenblick, als eine Art Bestätigung und Verstärkung des einsam-Beschlossnen. Vor allem habe ich, zur Bereicherung von uns Allen, einen wahren Freund hinzugefunden, in Hr von Senger. Ich wüßte in wenig Worten gar nicht zu sagen, wie viel ich dabei gewonnen habe. Du wirst ihn kennen lernen, einstweilen sage ich nichts.
     Wenn wir uns wiedersehn, will ich Dir von Ferney dem Sitze Voltaires (dem ich meine echten Huldigungen brachte) erzählen, von dem glänzenden und doch wunderbar gebirgsnahen und freiheit-athmenden Genf, von Villa Diodati, von einzelnen Menschen, von dem besten Schuster in Genf (einem berühmten Communard), von dem Concert populaire, in dem meinetwegen die Benvenuto Cellini Ouvert. v. Berlioz gemacht wurde, von der Frau Sengers, einer höchst charaktervollen Engländerin und seinen merkwürdigen Kindern Leila und Agenor, von Mad. de Saussure, Banquier Köckert (ehemal. Virtuos), von zwei liebenswürdigen Russinnen in einer englischen Pension, von Ausflügen in’s Savoyische, von der Entdeckung, daß ich ein großer Klavierspieler sein soll, von zahlreichen moralistischen Gesprächen, von Hr. Jansen und dem Makler usw. usw. In der Hauptsache habe ich aber soviel erkannt: das einzige, was die Menschen aller Art wahrhaft anerkennen und dem sie sich beugen, ist die hochsinnige That. Um alles in der Welt keinen Schritt zur Akkommodation! Man kann den großen Erfolg nur haben, wenn man sich selbst treu bleibt. Ich erfahre es, welchen Einfluß ich jetzt schon habe und würde mich selbst nicht nur, sondern viele mit mir wachsende Menschen schädigen oder vernichten, wenn ich schwächer und skeptisch werden wollte.
     Mit einer Nutzanwendung für Dich, mein geliebter Freund: ich bitte Dich inständig, mancherlei nicht zu berücksichtigen, was ich Dir in schwächeren Stunden in Betreff Deiner Verehelichung sagte. Um keinen Preis eine Conventionsehe! (wie es alle mir bis jetzt von Dir genannten und Dir von Andern proponirten Ehen sind) Wir wollen in diesem Punkte der Reinheit des Charakters ja nicht wankend werden! Zehntausendmal lieber immer allein bleiben — das ist jetzt meine Losung in dieser Sache.
     Nochmals danke ich Dir von ganzem Herzen für die Aufopferung Deiner Ferien und Deine treuen Freundesdienste, über deren Werth für mich Du Dir auch keinen Augenblick einen quälenden Gedanken darfst beikommen lassen. Ein anderes Mal soll es heiterer und muthiger zugehen, diesmal war ich im Ganzen doch krank und namentlich auch moralisch krank; über die Bosheit der Welt sollte nicht so viel geredet werden, aber über das Durchsetzen und Vollbringen des Guten und Rechten; dabei flieht jede Morosität und jede Muskel spannt sich straffer.

In dankbarer Liebe
der Deinige
F Nietzsche


     Meine Schwester und der Rektor Overbeck grüßen herzlich.


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BVN-1876,26

An Heinrich Romundt in Oldenburg

[Basel] Am Tag nach Charfreitag [15. April] 1876.


Endlich mein lieber Freund, sollst Du etwas von mir auf geradem Wege hören! Die Wellen giengen inzwischen über mein Haupt und der Winter nahm einen wahrhaft unheimlichen und schrecklichen Charakter für mich an. Nun bin ich aber vier Wochen am Genfersee, in der Nähe des Schlosses Chillon, bei Schnee Regen Sturm und Sonnenschein herumgelaufen und habe mich selbst dabei wieder gefunden. Das heißt nämlich das Vertrauen auf meine Ziele, das Verpflichtetsein auf meine Aufgaben und den Muth der Gesundheit. Schwimmen wir also weiter gegen den Strom; mitunter wird die Seele matt und da wirft wohl die Welle einen bei Seite und der ganze Körper kracht. Ich weiß nie, wo ich eigentlich mehr krank bin, wenn ich einmal krank bin, ob als Maschine oder als Maschinist.
     Zuletzt war ich eine Woche in Genf, entdeckte dort einen wahren Freund in der schweren Bedeutung des Wortes (Hugo von Senger Generaldirektor des Genfer Orchesters) und machte bedeutende Erfahrungen. Ich fand zurückkehrend Dein Programm und ersah daraus den umfänglichen Charakter Deiner Thätigkeit und die angesehene Lehrerstellung, welche Du dort einnimmst. Dies ist Dein Chillon und Dein Genf, das sehe ich wohl ein, ich hoffe von Herzen, daß Du als höchsten Gewinn die Gesundheit der Seele davontragen mögest.
     Ich verehre, sobald ich mir wiedergegeben bin, nur Eins stündlich und täglich, die moralische Befreiung und Insubordination und hasse alles Matt- und Skeptischwerden. Durch die tägliche Noth sich und andre höher heben, mit der Idee der Reinheit vor den Augen, immer als ein excelsior — so wünsche ich mein und meiner Freunde Leben.

In herzlicher Liebe der
Deine
F Nietzsche


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BVN-1876,27

An Mathilde Trampedach in Genf

Basel 15 April. [1876]


Hochverehrtes Fräulein

Sie sind grossmüthig genug, mir zu verzeihen, ich fühle es aus der Milde Ihres Briefe heraus, die ich wahrhaftig nicht verdient hatte. Ich habe so viel im Gedenken an meine grausame gewaltsame Handlungsweise gelitten, dass ich für diese Milde Ihnen nicht genug dankbar sein kann. Ich will nichts erklären und weiss mich nicht zu rechtfertigen. Nur hätte ich den letzten Wunsch auszusprechen, dass Sie, wenn Sie einmal meinen Namen lesen oder mich selber wiedersehen sollten, nicht nur an den Schrecken denken möchten, den ich Ihnen eingeflösst habe; ich bitte Sie unter allen Umständen daran zu glauben, dass ich gerne gut machen möchte, was ich böse gemacht habe.

In Verehrung der Ihrige
Friedrich Nietzsche


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BVN-1876,28

An Malwida von Meysenbug in Rom

[Basel, 11. Mai 1876]


Verehrteste Freundin, ich weiss wirklich nicht, wie ich Ihnen für das in Ihrem Briefe Ausgesprochne und Angebotne danken soll; später will ich Ihnen sagen, wie zur rechten Zeit dies Wort von Ihnen gesprochen wurde und wie gefährlich mein Zustand ohne dieses Wort geworden sein würde: heute melde ich Ihnen nur: dass ich kommen werde, um in Fano mit Ihnen zusammen ein Jahr zu leben. Ich sprach mit dem Präsidenten der hiesigen Universitäts-Curatel über die Möglichkeit eines Urlaubs vom October 1876—7; die definitive Beantwortung meiner Anfrage kann erst in 14 Tagen gegeben werden, aber dass man mir die volle Freiheit dazu geben wird, steht völlig sicher: darauf dürfen Sie sich verlassen!
     Wahrhaftig, mit Niemandem möchte ich jetzt so gern ein Jahr als mit Ihnen zubringen — das dürfen Sie im wörtlichsten Sinne nehmen! Wollte ich es Ihnen genauer sagen warum — so würden Sie sehen, wie hoch ich Sie liebe und ehre!
     Unserem Freunde Brenner weiss ich gar kein besseres Loos zu wünschen als in den Schutz Ihrer Mutterliebe zu kommen. Ich will mich bemühen, ihm auch meinerseits ein wenig von Nutzen zu sein, ich habe mancherlei erfahren und manches Gute vor mir; vielleicht dass er aus Rückblick und Vorblick etwas für sich selber entnehmen kann. Übrigens will ich gern ihm philologische Anleitung geben, falls er sie wünschen sollte.
     Ich dachte diese Tage fast immer an „Fanum Fortunae“: für mich soll es ein „Glückstempel“ sein!
     Mein Glück wird sein, das zu thun, wozu mich eine innere Stimme treibt; sonst will ich nichts. Es ist aber freilich sehr viel, und vielleicht der unbescheidenste Anspruch auf Glück. — Sie werden einen sehr unvollkommnen Menschen in mir kennen lernen. [In Dankbarkeit und Verehrung Ihnen ergeben

Ihr Friedrich Nietzsche.]


     Ihr Buch wird von mir überall hin verbreitet, Freund Overbeck las es als erstes Werk zusammen mit seiner Braut. Ich schenkte es einer Engländerin, der Frau des Hr v. Senger in Genf, meines neuen Freundes. — In diesem Buche leben Sie fort und hören nicht auf, den Menschen wahrhaft Gutes zu thun.


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BVN-1876,29

An Carl Fuchs in Hirschberg

Basel Mitte Mai 1876.


Wenn ich, mein lieber Herr Doktor, Ihnen erzählen müsste, was ich seit Weihnachten alles durchzumachen hatte und wie dünn das Lebensfädchen geworden war und wie ich es fast aufgegeben hatte, überhaupt noch diesen Bayreuther Sommer zu erleben — so würde ich Ihnen keine Freude und mir selbst eine unangenehme Erinnerung schaffen. Genug, es geht wieder besser, das heisst bei mir immer, hoffnungsreicher; mit der Hoffnung kommen alle alten Pläne und Vorhaben wieder, denen ich unlieber entsagen möchte als dem Leben: und mit den Plänen erscheinen dann auch die alten Genossen und Gleichgesinnten mir vor der Seele. Von Ihnen las ich neulich in Fritzschens Blatte: eine erfolgreiche Concertreise wurde berichtet, die Betheiligung an dem Altenburger Feste angezeigt. Nun glaube ich auch, dass wir uns in Bayreuth wiedersehen werden, denn ich dachte bei jener Concertreise an irgend einen Zusammenhang mit Bayreuth und werde mich wohl nicht getäuscht haben. Meine Schwester bot Ihnen eine Gelegenheit für die dritte Serie der Aufführungen, Sie nahmen nicht bestimmt an und deuteten auf Hoffnungen hin, die freilich umfänglicher waren als dass wir nicht von Herzen die Erfüllung derselben wünschen mussten. Dürften wir Sie jetzt bitten, uns einen Wink darüber zukommen zu lassen, wie es jetzt mit jenen Hoffnungen steht? Steht es gut mit ihnen, so wüssten wir schon eine passende Verwendung für das Ihnen angebotene Anrecht: namentlich würde ich gern meinem Freunde Overbeck auf diese Weise Zugang zu Bayreuth verschaffen.
     Ich denke, wir dürfen über diesen Punct mit aller Freiheit zusammen reden? Also bitte, nur ein Wort, damit alles im Klaren ist!
     Meine und meiner Schwester ergebenste Grüsse und Wünsche.

Mit freundschaftlichem Händedruck
der Ihrige
F Nietzsche


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BVN-1876,30

An Erwin Rohde in Jena

Basel den 16 Mai 1876.


Wie gerne hörte ich etwas von Dir lieber Freund! Aber ich kann mir auch denken, daß Du jetzt gar keine Lust zu Briefen hast. Es beunruhigt mich ein wenig, Deinen „Roman“ noch nicht angekündigt zu sehen, hoffentlich ist kein neuer Kobold Dir in den Weg getreten. Von mir selbst wirst Du ein paar Zeilen erhalten, haben, die ich nach meiner Rückkehr vom Genfersee an Dich schrieb (mit der Addresse nach Jena) Es geht mir recht erträglich, nur wollen die Augen ihren Dienst nicht thun. Aber Kopf und Magen sind in Ordnung, ich strenge mich aber auch nicht an und habe ein paar alte fromme Pferdchen meinen Studenten vorgeführt, die ich halb im Schlafe reiten kann. — Meine Arbeit, für die ich alle Kräfte sammle ist der Monat in Bayreuth. Um Weihnachten glaubte ich nicht daß ich ihn erleben würde. —
     Ein junger Musiker, der meinetwegen auf ein paar Jahr nach Basel gekommen ist und den ich seines Talentes und seiner Seelengüte halber sehr schätze, ist mir in allen Stücken hülfreich. Nun möchte ich ihm gern in Einer Sache auch hülfreich sein: ich frage mich, wie ich es ermögliche, ihn nach Bayreuth zu bringen. Durch Wagner ist es leider, wie ich bestimmt weiß, unmöglich. Hast Du vielleicht noch über einen Cyclus von 4 Abenden zu verfügen? Ich höre, daß Du stolzer Inhaber von 2 Patronatsscheinen bist. Würdest Du vielleicht auf meine Fürsprache jenem Musiker das Anrecht darauf geben? Er heißt Köselitz und ist ein Instrumentalcomponist, der als ein Würdiger und wahrhaft Lernender unter dem Chaos der Bayreuther Festgäste sitzen würde.
     Bitte nur ein Wort über diese Anfrage, mein treuer geliebter Freund.

Ich bin der Deinige
F N.


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BVN-1876,31

An Carl Burckhardt in Basel

Basel 19 Mai 1876.


Hochgeachteter Herr Präsident,

als ich Ostern 1869 in mein hiesiges Universitäts- und Schulamt eintrat, that ich es in der Erwartung, daß ich irgendwann einmal das nachholen werde, was ich, bei dem plötzlichen Übergang von Lern- in Lehrjahre, mir hatte versagen müssen — nämlich eine größere Reise nach dem Süden zu Zwecken einer freieren wissenschaftlichen Ausbildung zu machen. Verschiedne persönliche Gründe bestimmen mich, den Wunsch auszusprechen, daß mir gerade in diesem Jahre (von Mitte Oktober an) die Erlaubniß zu dieser Reise ertheilt werde; ich hebe von diesen Gründen nur den Einen hervor, daß ich in den letzten 7 Jahren zunehmend kränklicher geworden bin, daß ich manche schwere Zeiten durchzumachen hatte und mich namentlich letzten Winter in einem, wie mir scheint, gefährlichen Gesundheitszustande befunden habe.
     Ich bitte Sie nun, hochgeehrter Herr Präsident, einer löblichen Curatel meine Bitte zur Erwägung vorzulegen
     es möge mir von Herbst 1876 an ein längerer, mindestens einjähriger Urlaub gewährt werden.
     Für die Zeit meiner Abwesenheit verzichte ich, wie sich dies von selbst versteht, völlig auf den mir bisher zukommenden Gehalt.

Mit ausgezeichneter Hochachtung
Dr Friedrich Nietzsche
Prof. o. p.


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BVN-1876,32

An Richard Wagner in Bayreuth

Basel, 21. Mai 1876.


An einem solchen Tage, wie Ihr Geburtstag ist, höchst verehrter Mann, hat eigentlich nur die allerpersönlichste Äußerung ein Recht; denn jeder hat etwas durch Sie erlebt, das ihn ganz allein, in seinem tiefsten Innern, angeht. Solche Erlebnisse kann man nicht addiren, und der Glückwunsch im Namen vieler würde heute weniger sein als das bescheidenste Wort des Einzelnen.
     Es sind ziemlich genau sieben Jahre her, daß ich Ihnen in Tribschen meinen ersten Besuch machte, und ich weiß Ihnen zu Ihrem Geburtstage nicht mehr zu sagen, als daß ich auch, seit jener Zeit, im Mai jedes Jahres meinen geistigen Geburtstag feiere. Denn seitdem leben Sie in mir und wirken unaufhörlich als ein ganz neuer Tropfen Bluthes, den ich früher gewiß nicht in mir hatte. Dieses Element, das aus Ihnen seinen Ursprung hat, treibt, beschämt, ermuthigt, stachelt mich und hat mir keine Ruhe mehr gelassen, sodaß ich beinahe Lust haben könnte, Ihnen wegen dieser ewigen Beunruhigung zu zürnen, wenn ich nicht ganz bestimmt fühlte, daß diese Unruhe mich gerade zum Freier- und Besserwerden unaufhörlich antreibt. So muß ich dem, welcher Sie erregte, mit dem allertiefsten Gefühle des Dankes dankbar sein; und meine schönsten Hoffnungen, die ich auf die Ereignisse dieses Sommers setze, sind die, daß viele in einer ähnlichen Weise durch Sie und Ihr Werk in jene Unruhe versetzt werden und dadurch an der Größe Ihres Wesens und Lebensganges einen Antheil bekommen.
     Daß dies geschehen möge, das ist heute mein einziger Glückwunsch für Sie (wo gebe es sonst das Glück, das man Ihnen wünschen könnte?) nehmen Sie ihn freundlich an aus dem Munde

Ihres wahrhaft getreuen
Friedrich Nietzsche.


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BVN-1876,33

Cosima Wagner in Bayreuth (Disposition)

[Basel, 21./23. Mai 1876]


Fr[au] Wagner

               Buch Meysenbug
               Schilling Hr v Senger.
               Manzoni Sterne
               Mainländer.
               Gr[äfin] Agoult!
               Köselitz.
               Ehrlich
               Miss Zimmern.
               Baumgartner-Übersetzung.
               Rohde’s Roman.


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BVN-1876,34

An Erwin Rohde in Jena

Basel den 23 Mai 1876.


Da wollen wir uns denn herzlich mit einander freuen, daß Dein Werk fertig ist, mein geliebter Freund; ich hatte immer meine Besorgnisse, denn ich ahnte daß es ein μέγα βιβλίον werde und wußte, daß es bisher schon in mancher Beziehung ein μέγα κακὸν gewesen war. Nun ist es da, überdies in ein schönes Fellchen gehüllt und prangt und ergötzt mich. Es enttäuschte mich gleich in einer sehr angenehmen Weise, denn ich hatte mich ein wenig davor gefürchtet, als ob meine geringe philologische Weisheit auf diesem entlegenen Gebiete sich als völlige Thorheit entpuppen werde. Nun merke ich schon so viel, daß ich sehr viel Nutzen von Deinen Ergebnissen (den allgemeinen, wie den gelegentlichen) haben werde und daß ich auch im Zusammenhang über die Griechen genug gedacht habe, um dieses Buch gar nicht mehr entbehren zu können. Ebenso wird es J. Burckhardt gehen, dem ich davon erzählte (ich bin jetzt täglich mit ihm zusammen, im vertrautesten Verkehre) Ich hebe von dem, was ich bis jetzt gelesen, ein paar Sachen hervor, die mir gleich so gut „wie Baumöl“ eingingen, z. B. wie sich Roman und Novelle gegen einander abheben. Dann S. 56f. über die charakterologischen Studien der Peripatetiker, dann S. 18 (mit der morale di solitari) Ein sehr belehrender Abschnitt 4 auf p. 22 ss; dann p. 67 weibliche Leser p. 121 über die Art von wirklicher Popularität der alexandrinischen Dichter, dann p. 142 (mit Anmerk.) sehr schön über die elegische Erzählungskunst. Aufgefallen ist mir, daß Du von den päderastischen Verhältnissen so wenig sagst: und doch ist das Idealisiren des Eros und das reinere und sehnsüchtigere Empfinden der Liebespassion bei den Griechen zuerst auf diesem Boden gewachsen und wie mir scheint, von da aus auf die geschlechtliche Liebe erst übertragen worden, während es ihre (der geschlechtl[ichen] Liebe) zartere und höhere Entwicklung früher geradezu hinderte. Daß die Griechen der älteren Zeit die Männererziehung auf jene Passion gegründet haben und so lange sie diese ältere Erziehung hatten, von der Geschlechtsliebe im Ganzen mißgünstig gedacht haben, ist toll genug, scheint mir aber wahr zu sein. Auf Seite 70 und 71, glaubte ich, Du würdest an diese Dinge erinnern müssen. Der Eros, als πάθος der καλῶς σχολάζοντες, in der besten Zeit ist der päderastische: Die Meinung über den Eros, die Du „einigermaßen verstiegen“ nennst, nach der das Aphrodisische am Eros nicht wesentlich, sondern nur gelegentlich und accidentiell ist, die Hauptsache eben φιλία ist, kommt mir nicht so ungriechisch vor. — Aber es scheint mir daß Du mit Absicht die ganze Region gemieden hast; auch J. Burckhardt redet im Colleg nie davon. — Vielleicht übrigens finde ich beim Weiterlesen Deines Buches auch hierüber Winke, ich bin noch nicht weit gekommen: meine Augen sind so schlimm. Du hast viel Sorgfalt auf die Darstellung verwendet; aber ich möchte Dich, den eigentlichen Rohde noch mehr durchhören, selbst mit der Einbuße, daß der Stil nicht so gefeilt wäre; wie ich an dem Overbeckschen Stil meine persönliche Freude habe, trotz allem „Obwohl“. Etwas Schweres, beiläufig gesagt, liegt in der von Dir häufig gebrauchten Zusammenstellung längerer Adjektiva mit Participien zb. „sprudelnd fruchtbares Talent“ „künstlich vermittelndes Verfahren“ „leichtfertig gewandte Arbeit“ „mühsam sorgfältiges Verfahren“ (p. 127)
     Doch sollte ich über solche Dinge den Mund halten. Aber eine große Verwunderung, mit Maulaufsperren verknüpft, muß ich noch los werden: was bist Du doch für ein sonderbarer Mensch! In diesen letzten Jahren, so wie sie für Dich leider waren, gerade dies Buch auszuarbeiten — das geht ganz eigentlich über meine Fassungskraft! (beiläufig, auch über mein Talent, zu jeder Zeit: so etwas könnte ich nicht, wenn ich es auch können wollte) Der philologische Dämon steckt Dir so im Leibe, daß ich mitunter vor seinem Wüthen (in Scharfsinn und unbändiger Gelehrsamkeit) ordentlich schaudere. Ich weiß keinen Menschen, dem ich so etwas zutraute: und daß dieser Erzphilolog dabei noch ein Erzmensch und zwar mein Erzfreund ist, das ist wahrlich ein αἴνιγμα δύσλυπου, aber davon abgesehn „eine gute Gabe Gottes!“

Lebe wohl mein getreuer Freund.


Mit dem Musico Köselitz wollen wir’s auf eine andre Weise noch durchsetzen. Overbeck schreibt in diesen Tagen.


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BVN-1876,35

An Carl von Gersdorff in Hohenheim

Basel den 26 Mai 1876.


Für alle Deine Nachrichten, geliebter Freund, den besten Dank; sie haben mich bei gutem Befinden angetroffen, es scheint wirklich, dass die Unheimlichkeit des winterlichen Zustandes wie ein Gespenst vorübergegangen ist, es ist jetzt wieder heimlich bei mir.
     Das Wort, mit seinem Doppelsinn, erinnert mich daran, dass ich etwas ausplaudern kann, das im übrigen noch Geheimniss ist (und einstweilen bleiben soll): dass ich vorhabe, von October an auf ein Jahr nach Italien zu gehen, einer Einladung der besten Freundin der Welt, Frl v. Meysenbug folgend. Noch habe ich nicht die definitive Erlaubniss der Behörden dazu, aber sie wird mir wahrscheinlich zu Theil werden, zumal ich aus freien Stücken (um ein so kleines Gemeinwesen nicht zu belasten) auf meinen ganzen Gehalt für diese Zeitdauer verzichtet habe. Freiheit! Du glaubst nicht, wie voll ich immer die Lungen nehme, wenn ich daran denke! Wir werden in grösster Einfachheit in Fano (am adriat. Meere) leben. Das ist meine Neuigkeit. — Alle meine Hoffnungen und Pläne zur endlichen geistigen Befreiung und zum unermüdlichen Weitergehen sind wieder in Blüthe; das Zutrauen zu mir selber, ich meine zu meinem besseren Selbst, erfüllt mich mit Muth. Selbst der Zustand meiner Augen ändert nichts daran (Schiess findet sie noch schlechter als damals, ich brauche einen Schreiber, das ist die Thatsache) Collegien sind sehr gut besucht, in einem c. 20, in dem andern c. 10 und ebenso im Seminar. — Geheirathet wird nicht, zuletzt hasse ich die Beschränkung und die Einflechtung in die ganze „civilisirte“ Ordnung der Dinge so sehr, dass schwerlich irgend ein Weib freisinnig genug ist, um mir zu folgen. — Immer mehr kommen mir die griechischen Philosophen, als Vorbilder der zu erreichenden Lebensweise, vor die Augen. Ich lese die Memorabilien des Xenophon mit tiefstem persönlichen Interesse. — Die Philologen finden sie tödtlich langweilig, Du siehst, wie wenig ich Philologe bin. —
     Rohde’s „Roman“ ist da — sehr lesenswerth auch für Dich, übrigens ein Zeugniss der tollsten Art für die guten und seltnen Eigenschaften des Autors. Gestern schrieb mir Wagner einen längeren Brief, zum Stolz- und Glücklichmachen, so weit er mich betrifft.
     Der arme [arme] Rau! — Wir sollen alle an den Unwerth des Lebens bei Zeiten glauben lernen, jeder bekommt seine Art von tödtlicher Wunde. Ich sinne, wie ich ihm eine kleine Freude machen kann, zum Zeichen meines grossen Mitleides.
     Ich höre mit Bedauern, dass Overbeck gerade um die zweite Serie der Festspiele Dich gebeten hat. Das passte schwerlich in Deine Absichten hinein. Aber in irgend welchen Dingen ist man immer zuletzt unfrei und muss sich damit trösten, das Vernünftige gewollt zu haben. — Meine Schwester hat Dr. Fuchs für die dritte Serie eingeladen, schon vor lange; er wäre richtig, wie sich jetzt ergiebt, ohne diese Beihülfe, gar nicht hingekommen. —
     Der neue Emerson ist etwas alt geworden, kommt es Dir nicht auch so vor? Die früheren Essays sind viel reicher, jetzt wiederholt er sich, und schliesslich ist er mir gar zu sehr in das Leben verliebt. —

Lebe wohl, behalte mich lieb,
ich bin Dein
alter Getreuer
F N.


     nebst Overbecks und meiner Schwester herzlichen Grüssen.
     Geht es an, so vergiss den trefflichen Musicum Köselitz nicht.


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BVN-1876,36

An Heinrich Köselitz in Basel (Visitenkarte)

[Basel,] 27 Mai 1876.
Nachmittag



Herrn H. Köselitz
grüsst
Dr. Friedrich Nietzsche
o. ö. Professor der Philologie
Basel.


     Können Sie, werthester Herr, ein wenig zu mir kommen? Ich bin unwohl.


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BVN-1876,37

An Ernst Schmeitzner in Schloßchemnitz

Basel 30 Mai 1876


Geehrtester Herr Verleger

die schnelle Förderung des Druckes verdient allen meinen Dank: es soll nun auch an mir nicht fehlen, soweit die Besorgung der Correctur in meiner Hand liegt. Heute Abend ist der erste Correcturbogen an Naumann nach Leipzig abgegangen.
     Gegen Ihre geehrten Vorschläge habe ich nichts oder wenig einzuwenden. Wenn Sie Ihren Vortheil bei dem zweiten Vorschlage (1500 Ex.) finden, so bin ich gerne bereit, zu ihm meine Zustimmung zu geben.
     Das Honorar anbelangend, so will ich nicht verschweigen, dass ich ein höheres Anerbieten erwartet hatte; doch sind das geschäftliche Dinge, von denen man in solcher Entfernung nicht reden soll und kann. Für spätere Fälle behalte ich mir eine persönliche Verständigung vor. Diesmal soll es bei dem Vorschlage verbleiben, doch füge ich noch zwei kleine Bedingungen hinzu, mit denen ich, wie ich meine, Sie nicht wesentlich beschwere
     1) es werden fünf von den mir zukommenden Freiexemplaren auf besonders schönem und starkem Papiere hergestellt (als Festexemplare)
     2) Sie übernehmen die Besorgung der Freiexemplare an ihre Addressen welche ich Ihnen mittheilen werde, und zwar unter Kreuzband und franco.

Sind Sie mit mir zufrieden?
Ich bin
Ihr ergebenster
Prof. Fr Nietzsche.


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BVN-1876,38

An Ernst Schmeitzner in Schloßchemnitz (Postkarte)

Basel 11 Juni [1876]


Geehrtester Herr, ich schicke heute an Naumann die Fortsetzung des Manuscriptes. Eine gute Stimmung gab mir den Muth ein, den ursprünglichen Plan zu Ende durchzuführen.

Ergebenst der Ihrige
F.N.


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BVN-1876,39

An Ernst Schmeitzner in Schloßchemnitz

Basel 25 Juni 1876.


Geehrtester Herr Verleger

meine Schrift wird, ziemlich genauen Berechnungen zufolge, c. 96 Seiten lang werden: der letzte Correcturbogen kann, wie ich meine, Dienstag schon bei mir sein, und so sind denn alle Vorbereitungen zur Geburt getroffen. —
     Auf der letzten Seite soll die Bemerkung über das Übersetzungsrecht ihre Stelle finden, also auf S. 96 oder 98. —
     Heute bekommen Sie die Addressen; in der nächsten Woche werde ich Ihnen noch einen Brief an R. Wagner übersenden, welcher zugleich mit seinem Exemplare (mit ihm zusammengepackt) nach Bayreuth abgehen soll.
     Nun habe ich noch ein Anliegen: ich will Herrn Professor Overbeck ein kleines Geschenk machen, und dies soll in den Lisztschen Bearbeitungen der Beethovenschen Symphonien bestehen: diese sind bei Breitkopf und Härtel erschienen, leider aber greulich theuer. Können Sie mir dieselben vielleicht zu einem billigeren Preise beschaffen? Ich würde Ihnen für diese Gefälligkeit aufrichtigen Dank wissen. Der genaue Titel ist:

Symphonies de Beethoven.
Partition de Piano
par
F. Liszt.
1—9. Leipzig Breitkopf & Härtel.


     Sie können die Kosten sofort von meinem Honorare abziehn. (Ein musikal. Antiquar in Heilbronn offerirt sie für 12 Thaler: können Sie einen ähnlichen Preis erhalten?)
     Kommen Sie nicht nach Bayreuth? Ich hatte darauf gehofft. — Was lohnt denn diess Leben, wenn man sich solche Dinge entgehen lässt? —

Leben Sie wohl, werthester Herr.
Ich bin der Ihrige
F. Nietzsche.


     1 Herrn Richard Wagner } Bayreuth zwei Fest-
     2 Frau Cosima Wagner exemplare

     3 Hr. Baron von Gersdorff
Landwirtschaftliche Academie Hohenheim bei Stuttgart

     4 Hr. Bildhauer Rau
per addr. Hr. Baron v. Gersdorff in Hohenheim bei Stuttgart

     5 Hr. Professor Dr. Erwin Rohde
     in Jena

     6 Hr. Dr. Paul Rée in
     Stibbe bei Tütz Rgb. Marienwerder
Westpreußen

     7 Fräulein M. von Meysenbug } Beide in ein Packetan
     8 Madame Olga Monod Frl. v. M.
addresirt per addr. Frau Cosima Wagner Bayreuth

     9 Hr. Dr. Heinrich Romundt
Lehrer am Gymnasium Oldenburg Großherzogthum Oldenburg

     10 Fräulein Mathilde Maier
     Mainz Karthäuserstraße

     11 Hr. Dr. Kretzer in Godesberg bei Bonn

     12 Frau Pastor Nietzsche in Naumburg an der Saale Weingarten 355

     13 Hr. Dr. Fuchs in Hirschberg Provinz Schlesien

     14 Frau Geheimräthin Ritschl
     Leipzig Lehmanns Garten N. 4

     15 Hr. Assessor Gustav Krug
     Königliche Eisenbahncommission Düsseldorf

     16 Mr. Hugo de Senger, Directeur générale de l’orchestre de la ville de Genêve / à Genêve

     17 Mr. Edouard Schuré 704 rue d’Assas à Paris

     18 Mr. le professeur Dr. Charles Hillebrand Firenze
     Lung’ Areo Nuovo. 36.

     19 Frau Marie Baumgartner } Beide Bü-
     20 Hr. Adolf Baumgartner stud. phil. cher in ein
      Packet an Fr. M. B. addressirt Lörrach Großherzog-thum Baden

     21 Hr. Hofrath Professor Dr. Oswald Marbach
     in Leipzig.

     Oben auf dem Titelblatt von jedem dieser Exempl. der Name des Addressaten und die Bemerkung, daß ich das Buch schicke. —
     Für mich (resp. für meine Baseler Bedürfnisse) erbitte ich dann noch 9 Exemplare, darunter die drei übrigen Festexemplare.
     Die Sendung an mich und ebenso die an R. W. nach Bayreuth kann natürlich nicht per Kreuzband gemacht werden: wohl aber alle übrigen Sendungen.


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BVN-1876,40

An Erwin Rohde in Jena

[Basel, 7. Juli 1876]


Geliebter Freund, ich beantworte Deinen mich herzlich erfreuenden und bewegenden Brief mit einigen Zeilen praktischer Angelegenheiten: denn es geht mir wieder, seit 3—4 Wochen miserabel, und ich muss sehen, mich bis und vor allem durch Bayreuth durchzuschlagen. — Von October an gehe ich nach Italien, man gab mir, anständigst und achtungsvoll, einen Urlaub auf Ein Jahr. —
     Nach Wagner’s Erklärung im musik. Wochenblatt ist der Zutritt zu den Proben Niemandem vergönnt. Die Zeitungen bringen dazu die Erklärung, dass der König von Baiern sich die Generalprobe vorbehalten habe, als einziger Gast derselben. — Ich komme den 10 August nach Bayreuth und muss die letzten Tage desselben Monats wieder nach Basel, des Pädagogiums wegen. — Es ist nur nöthig, seinen Patronatsschein zur Auswechslung gegen 12 Karten an Banquier Feustel zu schicken: aber sofort nöthig! — Für Köselitz ist gesorgt. — Auch mein trefflicher Schüler Brenner kommt hin. —
     In einer Woche wirst Du meine Schrift bekommen. Sie sollte Euch guten Freunde überraschen: aber die voreiligen Buchhändler verderben einem jede kleine Freude.
     Zur Schrift selber kein Wort, höchstens ein Aufathmen. — Es ging in diesem Jahre Deinem Freunde gar zu elend. Mein Glück ist gross, dass ich doch den Himmel einigemale blau gesehn habe.

Bleiben wir nur tapfer.
Immer der Deine
F N.


     Meine Schwester und Overbeck
          grüssen herzlich.


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BVN-1876,41

An Cosima Wagner in Bayreuth (Entwurf)

[Basel, Juli 1876]


Mein Verl[eger] Hr. Schm[eitzner] hat den Auftrag Ihnen und dem Meister die zwei Festexemplare meiner neuesten Schrift zu überreichen. Sie werden aus ihr ersehen daß ich es nicht aushielt, mich so einsam aus der Ferne her auf das Große, Ungeheure dieses Sommers vorzubereiten; daß ich meine Freude mittheilen mußte. Wenn ich nur hoffen dürfte, hier und da einen Klang Ihrer Freude errathen und mit ausgedrückt zu haben! Ich wüßte nichts Schöneres mir zu wünschen.
     Möchte es mir gelungen sein, in dieser Schrift hier und da etwas zu sagen, was Ihnen und mir gemeinsam ist.
     Sie wissen es sicherlich, mit welcher Gesinnung alle Bayreuther Freunde jetzt an Sie denken: wer von uns muß nicht wünschen, Ihnen in diesem Sommer auf irgend welche Weise seine allergrößte Dankbarkeit zu erkennen [zu] geben? Nehmen Sie von meiner Seite deshalb gütig den Versuch auf, den ich heute wage Ihnen eine kleine Freude zu machen dadurch daß ich Ihnen nun die zwei Festexemplare meiner neuesten Schrift übersende. Zum Lesen derselben werden Sie die unendlich Sorgende und Beschäftigte aber wohl erst nach diesem Sommer Zeit und Lust haben: das setze ich voraus und danke Ihnen, wenn Sie dieser meiner Voraussetzung glauben.


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BVN-1876,42

An Richard und Cosima Wagner in Bayreuth (Entwurf)

[Basel, Juli 1876]


Mein Verleger hat den Auftrag, Ihnen und Ihrer Frau Gem[ahlin] die zwei Festexemplare meiner neuesten Schrift zu überreichen. Mir fällt gar nichts ein, was ich hier, bevorwortend und befürwortend, zu Gunsten derselben sagen soll. Denn immer überkommt mich ein Schauder, wenn ich bedenke, was ich gewagt habe: es ist als ob ich wieder einmal mich selber aufs Spiel gesetzt hätte. Ich bitte Sie auf das Herzlichste: lassen Sie geschehen sein was geschehen ist und gewähren Sie einem, der sich nicht geschont hat, Ihr Mitleid und Ihr Schweigen.
     Diesmal bleibt mir nichts übrig als Sie zu bitten: lesen Sie diese Schrift als ob sie nicht von Ihnen handelte und als ob sie nicht von mir wäre. Eigentlich ist über die Schrift in der von mir gewagten Art unter Lebenden nicht gut zu reden: es ist etwas für die Unterwelt.
     Wenn ich auf ein im Ganzen gequältes Jahr zurücksehe, so kommt es mir so vor als ob ich wirklich alle guten Stunden desselben auf das Ausdenken und Ausarbeiten dieser Schrift gewendet hätte: heute ist es mein Stolz, auch diesem Zeitraume noch eine Frucht abgewonnen zu haben. Viell[eicht] wäre das trotz allem guten Willen nicht möglich gewesen, wenn ich nicht seit meinem 14t Lebensjahre die Dinge mit mir herumgetragen hätte von denen ich diesmal zu reden gewagt habe.
     Denke ich an das zurück, was ich diesmal gewagt habe, so schließe ich die Augen und ein Grausen überkommt mich hinterdrein. Es ist fast als ob ich mich selber aufs Spiel gesetzt hätte.
     So bin ich denn mit einer Schrift fertig geworden, welche Ihren Namen trägt: denke ich daran zurück, was ich diesmal gewagt habe, so möchte ich am liebsten die Augen zu machen; ein Schauder überkommt mich hinterdrein. Ich weiß gar nicht, worum ich Sie bitten soll: nur lassen Sie geschehen sein, was geschehen ist.
     Sie müssen in dieser Sache Einiges über sich ergehen lassen, ohne zu zucken: darunter auch das, was hiermit geschieht:


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BVN-1876,43

An Richard Wagner in Bayreuth (Entwurf)

[Basel, Juli 1876]


Hier, geliebtester Meister, ist eine Art von Bayreuther Festpredigt. Ich habe den Mund nicht halten können und Mehreres heraussagen müssen. Denen, welche sich jetzt freuen, werde ich die Freude gewiß vermehrt haben — das ist heute mein Stolz und mein Vertrauen. Wie Sie selber diese Bekenntnisse aufnehmen werden, kann ich diesmal gar nicht errathen.
     Meine Schriftstellerei bringt für mich die unangenehme Folge mit sich daß jedesmal, wenn ich eine Schrift veröffentlicht habe irgend etwas in meinen persönlichen Verhältnissen in Frage gestellt wird und erst wieder, mit einem Aufwand von Humanität, eingerenkt werden muß. In wiefern ich dies heute ganz besonders empfinde, mag ich gar nicht deutlicher aussprechen. Überlege ich, was ich diesmal gewagt habe, so wird mir hinterdrein schwindlig und befangen zu Muthe und es will mir wie dem Reiter auf dem Bodensee ergehen.
     Wenn ich nur um ein weniges anders über Sie dächte, so würde [ich] diese Schrift nicht veröffentlicht haben. Aber Sie haben mir einmal, in Ihrem allerersten Briefe an mich, etwas vom Glauben an die deutsche Freiheit gesagt: an diesen Glauben wende ich mich heute: wie ich auch nur aus ihm den Muth finden konnte, das zu thun was ich gethan habe.
     Mit ganzem, vollen Herzen Ihnen zugehörig

Fr. N.


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BVN-1876,44

An Cosima Wagner in Bayreuth

Basel, Anfang Juli 1876


Hochverehrte Frau!

Sie wissen es sicherlich, mit welcher Gesinnung alle Bayreuther Freunde an Sie denken. Wer von uns muß nicht wünschen, Ihnen in diesem Sommer auf irgend welche Weise seine allergrößte Dankbarkeit zu erkennen zu geben! Nehmen Sie deshalb gütig von meiner Seite den Versuch auf, den ich heute wage, Ihnen eine Freude zu machen: dadurch daß ich Ihnen eins der zwei Festexemplare meiner neuesten Schrift übersende. Sie werden aus ihr ersehen, daß ich es nicht aushielt, mich so einsam, aus der Ferne, auf das Große Ungeheure dieses Sommers vorzubereiten, daß ich meine Freude mittheilen mußte. — Wenn ich nur hoffen dürfte, hier und da einen Klang Ihrer Freude errathen und mit ausgedrückt zu haben! — Ich wüßte nichts Schöneres mir zu wünschen.

Treu und tief ergeben
der Ihrige
Friedrich Nietzsche


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BVN-1876,45

An Marie Baumgartner in Lörrach

[Basel,] Montag 10 Juli. [1876]


Verehrte Frau

mein Verleger hat den Auftrag Ihnen ein Exemplar meiner neuesten Schrift zu überreichen: was, wie ich annehme, heute oder morgen geschieht.
     Sie haben an meinem vorletzten Erzeugniss einen so liebevollen [andauernden] und aufopfernden Antheil genommen, dass Sie sich gewiss heute mit mir von Herzen freuen werden. So ist denn auch dem Baume dieses im Ganzen so bösen Jahres eine Frucht abgeschüttelt worden!

Treu ergeben Ihr
Dr F. Nietzsche


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BVN-1876,46

An Ernst Schmeitzner in Schloßchemnitz

Basel den 14 Juli 1876.


Hochgeschätzter Herr Verleger,

haben Sie vielen Dank! — Alles ist bei mir angelangt, und Alles hat mir eine herzliche Freude gemacht.
     Die Ausstattung der Festexemplare ist verschwenderisch schön. Auch die zierliche Aufsteckung der Gold-garnitur soll nicht vergessen sein.
     Die Ausgabe der Beethov. Symph. ist dieselbe, welche ich suchte: nur hatte ich einen drei mal höheren Preis im Sinne.
     Der Druck ist correct und sauber und macht Hrn Naumann alle Ehre. —
     Mein Befinden ist wieder seit Wochen schlecht. Im Herbst gehe ich auf ein Jahr nach dem Süden: ich nehme meine Pläne dahin mit und bringe hoffentlich die Gesundheit zu ihrer überschwierigen Durchführung mit von dort zurück.

Inzwischen, geehrtester
Herr, leben Sie wohl!
Mit Hochachtung
der Ihrige
Dr F. Nietzsche


     Am Dienstag kam bereits ein Telegramm aus Bayreuth an.


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BVN-1876,47

An Eugen Kretzer in Godesberg

Basel Mitte Juli
1876.



Lieber Herr Doctor,

schönste Grüße von mir und nichts Weiteres! Denn Sie werden mich jedenfalls in Bayreuth finden, zu welchem der drei Cyclen Sie auch kommen wollen. Vielleicht findet sich dort auch die Stunde zu einer persönlicheren Besprechung. Sie sehen, ich drücke mich vorsichtig aus, denn ich bin dort nicht so sehr mein eigner Herr als anderswo. Alle meine Freunde der nächsten Art kommen dorthin, und viele der entfernteren. An Anknüpfungen zur „Gesellenschaft“ wird es Ihnen also nicht fehlen.
     Es ist schön und recht, daß Sie kommen!

Ihr ergebenster
Dr. F. Nietzsche.


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BVN-1876,48

An Erwin Rohde in Jena

[Basel, 18. Juli 1876]


Sei es zum Guten, lieber getreuer Freund, was Du mir da meldest, zum wahrhaft Guten: das wünsche ich Dir aus ganzem vollen Herzen. So willst Du denn im Jahre des Heils 1876 Dein Nest bauen, wie unser Overbeck, und ich meine, Ihr werdet mir dadurch dass Ihr glücklicher werdet, nicht abhanden kommen. Ja, ich werde ruhiger an Dich denken können: wenn ich Dir auch in diesem Schritte vielleicht nicht folgen sollte. Denn Du hattest die ganz vertrauende Seele so nöthig und hast sie und damit Dich selbst auf einer höheren Stufe gefunden. Mir geht es anders, der Himmel weiss es oder weiss es nicht. Mir scheint das alles nicht so nöthig — seltne Tage ausgenommen. —
     Vielleicht habe ich da eine böse Lücke in mir. Mein Verlangen und meine Noth ist anders: ich weiss kaum es zu sagen und zu erklären.
     Diese Nacht fiel’s mir ein einen Vers daraus zu machen; ich bin kein Dichter, aber Du wirst mich schon verstehen.
          Es geht ein Wandrer durch die Nacht
          Mit gutem Schritt;
          Und krummes Thal und lange Höhn —
          Er nimmt sie mit.
          Die Nacht ist schön —
          Er schreitet zu und steht nicht still,
          Weiß nicht, wohin sein Weg noch will.
          Da singt ein Vogel durch die Nacht. —
          — „Ach Vogel, was hast Du gemacht?
          Was hemmst Du meinen Sinn und Fuß
          Und gießest süßen Herz-verdruß
          Auf mich, daß ich nun stehen muß
          Und lauschen muß,
          Zu deuten Deinen Ton und Gruß?“

          Der gute Vogel schweigt und spricht:
          „Nein, Wandrer, nein! Dich grüß ich nicht
          Mit dem Getön!
          Ich singe, weil die Nacht so schön:
          Doch Du sollst immer weiter gehn
          Und nimmermehr mein Lied verstehn!
          Geh nur von dann’ —
          Und klingt Dein Schritt von fern nur an,
          Heb’ ich mein Nachtlied wieder an,
          So gut ich kann.
          Leb wohl, Du armer Wandersmann!“


     So geredet zu mir, Nachts nach der Ankunft Deines Briefs.

F N.


     Nebst den allerherzlichsten Glückwünschen meiner Schwester.


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BVN-1876,49

An Carl von Gersdorff in Hohenheim

[Basel, 21. Juli 1876]


Liebster guter Freund, Du hast mich sehr ergriffen durch Deinen Brief, ich danke Dir von ganzem Herzen. Du weisst wirklich besser als irgend einer, wie mir zu Muthe ist. — Das Buch hat sich legitimirt, ich denke mit grosser Ruhe daran. W[agner] schrieb „Freund! Ihr Buch ist ungeheuer! Wo haben Sie nur die Erfahrung von mir her? usw“. Auch Frau Wagner und Jakob Burckhardt haben Zeugniss abgelegt. —
     Und Rohde’s Verlobung? Ja es giebt Wunderbares zwischen Himmel und Erde! „Das Gute siege“, sagt Aeschylus. —
     Unverschämte Bedingungen von Bayreuth aus haben mich genöthigt, meine Wohnung dort zu kündigen. Kann ich die eine Woche, wo Du ein Zimmer frei hast, bei Dir wohnen?
     Ich gratulire Dir zum Overbeckschen Kunstwerk, an dem ich eine Freude gehabt habe, wie ich sie mir kaum zutraute. Durch Geist, Witz und Zartheit des Gedankens hast Du alles, was Overbeck sonst bekommen hat, aus dem Felde geschlagen, davon bin ich überzeugt. Es ist eine ganz vornehme Schenkung, eine Art Adelsdiplom der Freundschaft.

Lebe wohl, Getreuester!
F N.


     Gesundheit von Tag zu Tag jammervoll! Was soll’s nur werden! — Sonst wunschlos, wahnlos! —


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BVN-1876,50

An Elisabeth Nietzsche in Basel

[Bayreuth, 25. Juli 1876]


Liebe gute Schwester,

fast habe ich’s bereut! Denn bis jetzt war’s jämmerlich. Von Sonntag Mittag bis Montag Nacht Kopfschmerzen, heute Abspannung, ich kann die Feder gar nicht führen.
     Montag war ich in der Probe, es gefiel mir gar nicht und ich mußte hinaus. Mit Giessel’s ist alles geordnet. Ich bin eingezogen, verlebe aber den Tag bei Frl. v. Meysenbug, die einen schönen kühlen Garten hat. Da esse ich auch zu Mittag, bis Du kommst und unsre Haushaltung einrichtest. Die Tochter der Katharine ist bereit.
     Hier ist es unsinnig schwül. Eben ein Gewitter. — Anbei der Brief. Der gute Feustel ist höchst achtbar — anständig.
     Nie war ich auf einer Reise schöner besorgt als diesmal, die Lebensmittel musterhaft. Nachts in Heidelberg, es ging nicht weiter.
     Sende mir die Briefe mit der Adresse von Frl. v Meysenbug.
     Herzliche Grüße von Olga und Frl. v. Meysenbug. Alle erwarten Dich sehr.
     Tummle Dich, tummle Dich
          gut[es] Lama!

Dein F.


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BVN-1876,51

An Elisabeth Nietzsche in Basel

[Bayreuth, 28. Juli 1876]
Freitag früh



Meine gute liebe Schwester, nun geht es besser, seit drei Tagen habe ich an meinem Befinden nichts mehr auszusetzen: dafür lebe ich auch bei Frl. v Meysenbug, bin von früh an im Garten, trinke Milch, bade im Fluss und esse so wie es mir wohlthut. Inzwischen habe ich die ganze Götterdämmerung gesehn und gehört, es ist gut sich daran zu gewöhnen, jetzt bin ich in meinem Elemente.
     Meine Sachen liegen ausgepackt in der Giesselschen Wohnung. In einigen Tagen will ich in diese übersiedeln.
     Beiläufig (aber nicht mittheilbar!): für den zweiten Cyclus sind noch nicht die Hälfte, für den dritten kaum ein Drittel der Plätze verkauft. Du siehst, wozu ich mich also nicht entschliessen werde.
     Heute Abend kommt der König. Er hat über meine Schrift telegraphirt, dass sie ihn entzückt habe. — Ebenfalls kommen heute Schuré’s. Wagner’s und die Kinder haben sehr nach Dir gefragt.
     Mit der italiän. Reise richtet sich alles so ein, dass es schöner als meine Wünsche werden könnte. Meer und Wald und bei Neapel — vielleicht läuft es darauf hinaus. Man muss nur hoffen. Meine Gesundheit nimmt einen so guten Anlauf, ich bin viel heiterer.
     Halten wir ja an Arlesheim fest, es ist der einzige Ausweg, um fürderhin in Basel leben zu können.
     Gestern fuhren wir zusammen nach Fantaisie. Bébé Monod trank schrecklich viel Milch.
     Gesehen habe ich ausser den Verwaltungsräthen Frau von Schleinitz, Porges, Baligand, Lallas, Heckel, Richter. Ich muss mich aber sehr zusammennehmen und weise alle Einladungen, auch bei W[agner]’s zurück. W[agner] fand dass ich mich rar machte.
     Der Eintritt in die Generalprobe ist immer noch nicht sicher. Aber richte Dich nur darauf ein.
     Brenner geht es recht ordentlich, er gefällt mir.
     Wollen Baumgartner’s nicht kommen?
     Lebe wohl meine gute Lisbeth tummle dich, fein’s Lama!
     Ist seit jenem ungarischen Brief nichts bei mir eingetroffen?

Dein F N.


     Die Hausgenossen grüssen herzlich und denken Deiner oft.


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BVN-1876,52

An Elisabeth Nietzsche in Basel

[Bayreuth, 1. August 1876]


Meine liebe Schwester,

es geht nicht mit mir, das sehe ich ein! Fortwährender Kopfschmerz, obwohl noch nicht von der schlimmsten Art, und Mattigkeit. Gestern habe ich die Walküre nur in einem dunkeln Raume mit anhören können; alles Sehen unmöglich! Ich sehne mich weg, es ist zu unsinnig wenn ich bleibe. Mir graut vor jedem dieser langen Kunst-Abende; und doch bleibe ich nicht weg.
     In dieser Noth schlage ich Dir vor: besprich Dich mit Baumgartners! Biete Mutter und Sohn 8 Billete zum zweiten Aufführung’s Cyclus, alles zu 100 Thaler, an (ich kann ja meine Billete zur dritten Serie für Baumgartn. auf die zweite umschreiben lassen.) In der Giesselschen Wohnung könnt Ihr zusammen wohnen; sie ist so, wie wir sie haben, die billigste Wohnung in Bayreuth! Du solltest die sonstigen Preise hören.
     Du musst diesmal auch für mich mithören und -sehen!
     Eine Verständigung mit Baumgartners über die Wohnung (resp. Zahlung eines Theils der Kosten) wird leicht sein.
     Ich habe es ganz satt.
     Auch zur ersten Vorstellung will ich nicht da sein. Sondern irgendwo, nur nicht hier, wo es mir nichts als Qual ist.
     Vielleicht schreibst Du auch ein Paar Worte an Schmeitzner und bietest ihm für die erste Vorstellung meinen Platz an. Oder jemandem anders, wem du willst. Z. B. Frau Bachofen.
     Verzeih mir alle Mühe, die Du wieder mit mir hast! Ich will fort in’s Fichtelgebirge oder sonst wohin

Dein Fritz.


     Telegraphire nur über Deine Ankunft an Frl. v Meysenbug
     Natürlich hast Du Eintritt zur Generalprobe, das ist abgemacht.


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BVN-1876,53

An Elisabeth Nietzsche in Bayreuth

[Klingenbrunn, 6. August 1876]
Sonntag.



Liebste Schwester, hoffentlich bist Du in Bayreuth und findest dort gute Menschen die für Dich sorgen, nachdem ich von dort verschwunden bin.
     Ich weiss ganz genau, dass ich es dort nicht aushalten kann, ja eigentlich hätten wir es vorher wissen sollen! Denke nur wie vorsichtig ich bisher leben musste, die letzten Jahre. Ich fühle mich von dem kurzen Aufenthalte dort so ermüdet und erschöpft, ich komme gar nicht wieder recht zu mir. Einen schlimmen Tag hier gehabt, zu Bette gelegen; aber immerfort Schmerzen im Kopf, wie in gewissen Baseler Zeiten. Der Ort ist sehr gut, tiefe Waldung und Höhenluft, wie im Jura. Hier will ich bleiben, 10 Tage vielleicht, aber nicht wieder über Bayreuth zurückkehren; denn dazu wird es an Geld fehlen.
     Ich ängstige mich darum, was Du nun mit der Wohnung anfängst (die ich übrigens gräßlich für mich, ja geradezu unmöglich fand, so schwül und unbequem ist sie) Ich habe Dir 100 Mark zurück gelassen und muß Dir, wenn ich nach Basel komme mehr Geld schicken; aber vielleicht ist der Plan mit Baumgartner’s gelungen. Diese mögen dann die Wohnung zahlen; und sie sollen dann die Patronatsscheine ganz umsonst haben. Thue dies alles, so wie es Dir gut scheint. Krug hat einen Schein für 100 Thl. gekauft, das erzählte mir Heckel aus Mannheim.
     Also sehen wir uns in diesem Jahre vielleicht nicht wieder! Wie doch die Dinge laufen! Ich muß alle Fassung zusammen nehmen, um die grenzenlose Enttäuschung dieses Sommers zu ertragen. Auch meine Freunde werde ich nicht sehen; es ist alles jetzt für mich Gift und Schaden.
     Ich bitte Dich ernstlich, Basel und Arlesheim nicht so leicht in Gedanken aufzugeben. Mir erscheint es als das einzig Mögliche.
     Ich freue mich, Dich bei Frl. v. Meysenbug und ihrer Familie zu wissen. Es sind zu gute Menschen: danke ihnen in meinem Namen auf das Herzlichste. — Ich denke

Deiner mit Liebe als Dein
Bruder.


     Eine Diarrhöe quält mich zu alledem.
     Adresse: Klingenbrunn bei Regen, im baierischen Walde
               Gasthaus zum Ludwigsstein.


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BVN-1876,54

An Elisabeth Nietzsche in Bayreuth (Postkarte)

[Basel, 29. August 1876]
Dienstag früh.



Rückreise mit Schuré’s und Rée zusammen sehr angenehm. Ich war erkältet, Montag schlecht, Kopfschmerzen. R[ée] wohnt in der Nähe und isst mit mir zu Mittag und Abend, in meiner Wohnung. Alles recht gut bis jetzt geordnet. Baumg[artner] war Nachmittags da, sein Vater war der gegen Bayreuth eingenommene. Nicolas Köchlin eben gestorben.
     Ich denke an Dich mit vielem vielem Danke.
     Die Augen! — Das Herzlichste an Dich und an die Freunde.
     Du hast doch Hr. Senger gesehn? —


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BVN-1876,55

An Louise Ott in Paris

Basel 30 August 1876.


Meine liebe Frau Ott,

es wurde dunkel um mich, als Sie Bayreuth verliessen, es war mir als ob jemand das Licht mir weggenommen hätte. Ich musste mich erst wiederfinden, aber das habe ich gethan, und Sie können ohne Besorgniss diesen Brief in Ihre Hand nehmen.
     Wir wollen an der Reinheit des Geistes festhalten, der uns zusammenführte, wir wollen in allem Guten uns gegenseitig treu bleiben.
     Ich denke mit einer solchen brüderlichen Herzlichkeit an Sie, dass ich Ihren Gemahl lieben könnte, weil er Ihr Gemahl ist; und werden Sie es glauben, dass Ihr kleiner Marcel mir zehnmal des Tages in den Sinn gekommen ist?
     Wollen Sie meine ersten drei Unzeitgemässen Betrachtungen von mir haben? Sie sollen doch wissen, woran ich glaube, wofür ich lebe.
     Bleiben Sie mir gut und helfen Sie mir in dem, was meine Aufgabe ist.

In reiner Gesinnung
der Ihrige
Friedrich Nietzsche.


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BVN-1876,56

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg (Postkarte)

[Basel, 4. September 1876]


Kann nicht schreiben! Atropin-cur der Augen! Viele Schmerzen.
     Vielen Dank dem guten L. A. M. A. für den langen kurzweiligen Brief aus B[ayreuth].
     Frau Baumg[artner] hat meine Schrift über W[agner] schon zur Hälfte übersetzt. Schreib ihr doch, liebe Lisbeth.
     Rée’s Anwesenheit sehr erwünscht. Es grüsst Euch Beide schönstens

Euer Fr.


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BVN-1876,57

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Basel, 11. September 1876]
Montag früh.



Herzlichsten Dank, namentlich auch für das wetterfeste Plaid, welches ausreichen wird „bis in mein kühles Grab“. Es ist immer noch dunkel um mich. Rée liest mir viel vor, er und ich haben grosse Freude an einander. Ich kann der Augen wegen noch immer keine Besuche machen. Fatale Atropinkur! Vorigen Dienstag mit heftigen Schmerzen und vielem Erbrechen zu Bett. Schiess hat den ganz hohen Grad der Kurzsichtigkeit festgestellt. Gersdorff schreibt hoffnungsreiche Briefe. Ich höre sonst nichts. Dem Zahnarzt für Dich 8 frs. gezahlt. Overbeck (von Dr. Fuchs belästigt) hat geschrieben. Er kommt nächsten Sonntag. Lebt wohl meine liebe gute Mutter und Schwester.


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BVN-1876,58

An Louise Ott in Paris

Freitag. Basel. [22. September 1876]


Liebe gute Freundin,

erst konnte ich nicht schreiben, denn man machte mit mir eine Augenkur — und jetzt soll ich nicht schreiben, auf lange [lange] Zeit hinaus! Trotzdem — ich las Ihre zwei Briefe immer wieder, ich glaube fast, ich habe sie zu viel gelesen, aber diese neue Freundschaft ist wie neuer Wein, sehr angenehm, aber ein wenig gefährlich vielleicht.
     Für mich jedenfalls. —
     Aber auch für Sie, wenn ich denke an was für einen Freigeist Sie da gerathen sind! An einen Menschen, der nichts mehr wünscht als täglich irgend einen beruhigenden Glauben zu verlieren, der in dieser täglich grösseren Befreiung des Geistes sein Glück sucht und findet. Vielleicht dass ich sogar noch mehr Freigeist sein will als ich es sein kann!
     Was sollen wir nun machen? Eine „Entführung aus dem Serail“ des Glaubens, ohne Mozartische Musik?
     Kennen Sie die Lebensgeschichte Fräulein’s von Meysenbug, unter dem Titel „Memoiren einer Idealistin“?
     Was macht der arme kleine Marcel mit seinen Zähnchen? Wir müssen alle leiden, bevor wir ordentlich beissen lernen, physisch und moralisch. — Beissen um uns zu ernähren [nähren], versteht sich, nicht beissen, um zu beissen! —
     Giebt es nicht von einem gewissen schönen blonden Weibchen ein gutes Bild? —
     Ich reise Sonntag über 8 Tage fort nach Italien, auf lange Zeit. Von dort bekommen Sie Nachricht. Ein Brief an meine Adresse in Basel (Schützengraben 45) erreicht mich jedenfalls.

Von ganzem Herzen
brüderlich der
Ihre
Dr. Friedr. Nietzsche.


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BVN-1876,59

An Erwin Rohde in Jena

Freitag Basel, [22. September 1876]


Wie meine Augen immer dazwischen kommen, wenn ich recht herzlich mich gedrängt fühle, länger an Dich zu schreiben! Man macht jetzt eine Atropin-Kur mit diesen Augen, und Kopfschmerzen habe ich auszustehn gehabt seit meiner Rückkehr, das [dass] all dies Leiden wirklich einer besseren Sache würdig wäre. So ist es: Du hast auf Deine Art, und ich auf diese und manche andre Art das Dasein abzubüssen.
     Übrigens ist Dein gegenwärtiger Zustand zu beseitigen; so viel ich weiss, verstehn das die Frauen, sie haben den Instinkt dafür. Denn Dein Leiden ist nicht ganz selten, zumal bei einem Bräutigam. Nach allen schweren Passionen bleibt ein dunkles Bedürfniss zurück; mit der Geissel und den Flammenspitzen der Leidenschaft geschlagen und gequält zu sein muss doch irgend eine Lust höherer Art in sich haben. Da wirft man wohl hinterdrein ein sich darbietendes ruhigeres sonnigeres Glück weg an diesen Dämon der Erinnerung und thut sich von neuem sehr wehe damit: worauf es vielleicht ankommt — denn so wunderlich ist der Mensch.
     Aber ich bitte und beschwöre Dich liebster Freund, zu warten und lange zu warten und recht den guten Willen zu haben, das Dir geschenkte Glück einer jungen [liebenden] Seele zu fühlen! — Hast Du diesen guten Willen nicht, so sollte man Dich eifersüchtig machen.
     Man erzählt mir dass diese Familie Nachkommen des Grafen Ankerström sind: da wird es an einer im Grunde lebenden tiefen Leidenschaftlichkeit nicht fehlen, und Du darfst Dich in Acht nehmen.
     Lebe wohl und glaube an meine innig besorgte Freundschaft, um diesen vielleicht absurden Brief zu entschuldigen. — Gersdorff wird von Nerina geliebt, es ist kein Zweifel, alles geht vorwärts.
     Sonntag über 8 Tage reise ich von hier ab.

Lebwohl geliebter
Freund


Der allertrefflichste Rée geht mit nach Sorrento.


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BVN-1876,60

An Reinhart von Seydlitz in Berlin

Basel 24 Sept. 1876.


Lieber und werther Herr, nach einem solchen Briefe, einem so ergreifenden Zeugnisse Ihrer Seele und Ihres Geistes kann ich nichts sagen: als allein dies — bleiben wir uns nahe, sehen wir zu dass wir uns nicht wieder verlieren, nachdem wir uns gefunden haben! Ich sehe die schöne Gewissheit vor mir, einen wahren Freund mehr zu gewinnen. Und wenn Sie wüssten, was dies für mich bedeutet! Bin ich doch immer auf Menschenraub aus, wie nur irgend ein Corsar; aber nicht um diese Menschen in der Sclaverei, sondern um mich mit ihnen in die Freiheit zu verkaufen.
     Nun wünschte ich, dass wir eine Zeit einmal zusammen leben möchten: denn meine Augen (welche man noch dazu mit einer Atropinkur behandelt) verbieten mir eine briefliche Verständigung, selbst wenn eine solche möglich wäre; woran ich aber zweifle.
     Sie gehen am 1 October nach Davos, und ich, am gleichen Tage, nach Italien, um in Sorrent meine Gesundheit wieder zu finden, im Zusammenleben mit meiner verehrten Freundin Fräulein von Meysenbug (kennen Sie deren „Memoiren einer Idealistin“? Stuttgart 1875) ebenfalls begleiten mich ein Freund und ein Schüler dahin — wir alle haben ein Haus zusammen und alle höheren Interessen überdies gemeinsam: es wird eine Art Kloster für freiere Geister. Von dem erwähnten Freunde will ich nicht verschweigen, dass er der Verfasser eines anonymen sehr merkwürdigen Buches ist „psychologische Beobachtungen“ (Berlin Carl Duncker 1875)
     Warum erzähle ich dies Ihnen? O Sie errathen meine stille Hoffnung: — wir bleiben ungefähr ein Jahr in Sorrent. Dann kehre ich nach Basel zurück, es sei denn dass ich irgendwo mein Kloster, ich meine „die Schule der Erzieher“ (wo diese sich selbst erziehen) in höherem Style aufbaue.

Von ganzem Herzen Ihnen
ergeben Friedr. Nietzsche


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BVN-1876,61

An Malwida von Meysenbug in Schwalbach

Basel, den 26. September
1876.



Liebes, verehrtestes Fräulein!

Ich hatte Freund Brenner gebeten, Ihnen von mir Nachricht zu geben, zumal ich ungefähr 3 Wochen durch eine Atropin-Cur der Augen im wörtlichen Sinne am Schreiben verhindert war; aber der junge Dichter hält es, wie es scheint, mit Versprechungen wie alte Dichter. Mir geht es seit meiner Heimkehr schlecht; ich dictire diesen Brief unter abscheulichen Kopfschmerzen vom Bette aus.
     Ungefähr alle acht Tage habe ich meinem Leiden ein dreißigstündiges Opfer zu bringen; desshalb vertröste ich mich ganz und gar auf das Zusammensein mit Ihnen im Golf von Neapel. Wir vollen [woollen] dort schon die Gesundheit erzwingen! An dieser Hoffnung hat mich bisher Nichts irre gemacht. Wissen Sie, dass Dr. Rée mich begleiten will, im Vertrauen darauf, dass es Ihnen so recht ist? Ich habe an seinem überaus klaren Kopfe eben so wie an seiner rücksichtsvollen, wahrhaft freundschaftlichen Seele die größte Freude. Es kommt nicht darauf an, dass er mit uns beisammen wohnt. Ihre Pläne sollen natürlich, wenn dieß nicht angeht, in keiner Weise gestört werden, aber darauf dürfen Sie rechnen, dass wir Drei zusammen, Rée, Brenner und ich, um die Mitte October in Castellamare oder Sorrent je nach Ihrer Mittheilung eintreffen werden. Eine Nachricht unter meiner hiesigen Adresse kommt jedenfalls in meine Hände (Schützengraben 45).
     Ich fühlte es die ganze Zeit, dass es der armen guten Olga schlimmer ergehe und war immer in meinen Gedanken besorgt. Sie erfreuen mich sehr durch die Mittheilung, dass ihre Genesung fortschreitet. Sagen Sie ihr meine innigsten Grüße und Wünsche.
     Wagner telegraphirte mir von Venedig aus. Von morgen ab ist seine Adresse: Bologna, Hôtel de l’Italia.

In treuester Freundschaft
und Verehrung
Ihnen ergeben
Friedrich Nietzsche


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BVN-1876,62

An Richard Wagner in Bologna

Basel, den 27. Sept. 1876.


Hochverehrter Freund!

Sie haben mir durch den kleinen Auftrag, welchen Sie mir erteilten, Freude gemacht: es erinnert mich an die Tribschener Zeiten. Ich habe jetzt Zeit, an Vergangenes, Fernes wie Nahes, zu denken, denn ich sitze viel im dunkelen Zimmer, einer Atropin-Kur der Augen wegen, welche man nach meiner Heimkehr für nötig fand. Der Herbst, nach diesem Sommer ist für mich, und wohl nicht für mich allein, mehr Herbst als ein früherer. Hinter dem grossen Ereignisse liegt ein Streifen schwärzester Melancholie, aus dem man sich gewiß nicht schnell genug nach Italien oder ins Schaffen oder in beides retten kann. Wenn ich Sie mir in Italien denke, so vergegenwärtige ich mir, daß Ihnen dort die Inspiration zum Anfange der Rheingold-Musik kam. Möge es für Sie immer das Land der Anfänge bleiben! Sodann werden Sie die Deutschen eine Zeit lang los, und es scheint dies hie und da nötig zu sein, um etwas Ordentliches für sie tun zu können.
     Sie wissen vielleicht, daß ich auch im nächsten Monat nach Italien gehe, aber nicht, wie ich meine, als in ein Land der Anfänge, sondern des Endes meiner Leiden. Diese sind wieder auf einem Höhepunkte; es ist wirklich die höchste Zeit: meine Behörden wissen, was sie tun, wenn sie mir ein ganzes Jahr Urlaub geben, obgleich dieses Opfer für ein so kleines Gemeinwesen unverhältnismäßig groß ist; sie würden mich nämlich auf eine oder die andere Weise verlieren, wenn sie mir nicht diesen Ausweg eröffneten; ich habe in den letzten Jahren, dank der Langmütigkeit meines Temperamentes, Schmerzen über Schmerzen eingeschluckt, wie als ob ich dazu und zu nichts Weiterem geboren wäre. Der Philosophie, welche dies etwa lehrt, habe ich praktisch meinen Tribut in reichem Maße gezahlt. Diese Neuralgie geht so gründlich, so wissenschaftlich zu Werke, sie sondiert förmlich, bis zu welcher Grenze ich den Schmerz aushalten kann, und nimmt sich zu dieser Untersuchung jedesmal dreißig Stunden Zeit. Alle vier bis acht Tage muß ich auf eine Wiederholung dieses Studiums rechnen: Sie sehen, es ist die Krankheit eines Gelehrten; — aber nun habe ich es satt, und ich will gesund leben oder nicht mehr leben. Völlige Ruhe, milde Luft, Spaziergänge, dunkele Zimmer — das erwarte ich von Italien; mir graut davor, dort etwas sehen oder hören zu müssen. Glauben Sie nicht, daß ich morose bin; nicht die Krankheiten, nur die Menschen vermögen mich zu verstimmen, und ich habe immer die hilfbereitesten, rücksichtsvollsten Freunde um mich. Zuerst nach meiner Rückkehr den Moralisten Dr. Rée, jetzt den Musiker Köselitz, denselben, der diesen Brief schreibt; auch Frau Baumgartner will ich unter den guten Freunden nennen; vielleicht freut es Sie zu hören, daß die französische Übersetzung meiner letzten Schrift (R[ichard] W[agner] i[n] B[ayreuth]) von der Hand dieser Frau im nächsten Monat gedruckt wird.
     Käme der „Geist“ über mich, so würde ich Ihnen einen Reisesegen dichten; aber dieser Storch hat sein Nest neuerdings nicht auf mir gebaut: was ihm zu verzeihen ist. So nehmen Sie denn mit den herzlichsten Wünschen fürlieb, die Ihnen als gute Begleiter folgen mögen: Ihnen und Ihrer verehrten Frau Gemahlin, meiner „edelsten Freundin“ um dem Juden Bernays einen seiner unerlaubtesten Germanismen zu entwenden.

Treulich, wie immer
der Ihrige
Friedrich Nietzsche.


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BVN-1876,63

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg (Postkarte)

[Basel, 29. September 1876]


Meine liebe Mutter und Schwester, den herzlichsten Dank für Eure Briefe. Ich habe immer schlechtere Wochen durchgemacht, lag seit dem 3 verschiedne Tage zu Bett, jedesmal mit 30 stündigem Kopfschmerz, ohne Schlaf, es ist nicht mehr zum Aushalten. Nächsten Sonntag reise ich ab, treffe in Montreux mit Rée zusammen, dann werden wir 2 Wochen in Bex sein, wo es schattige Spaziergänge usw. giebt. Mitte October trifft Brenner in Genf mit uns zusammen und es geht südlich. — Herrlicher Brief von Seydlitz. — Gersdorff hat Glück. — Olga geht es besser. — Wagner telegraph. mir von Venedig aus. Ich gebe Euch von Bex Nachricht und Adresse. Ich habe es sehr, sehr satt.

Lebt wohl und denkt meiner.


(Köselitz als ständiger Secretär nach Arlesheim von Herbst 1877 an engagirt.)


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BVN-1876,64

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg (Postkarte)

Bex (Suisse) Hôtel du Crochet [9. Oktober 1876]


Ich bin seit 8 Tagen in Bex und genieße des schönsten Herbstes, zusammen mit Rée, dem Unvergleichlichen. Doch mußte ich wieder 1½ Tag zu Bett liegen, mit den heftigsten Schmerzen (Montag Mittag bis Dienstag Nacht dauerten sie, mehr als 30 Stunden) Vorgestern und gestern fiengen die Vorstadien eines neuen Anfalls an, den ich für morgen erwarte. Ort und Aufenthalt im Hôtel (wo R[ée] und ich allein in einer Dépendence wohnen) ist außerordentlich schön: von 7—8 morgens (vor Sonnenaufgang) gehe ich spazieren. (ebenso von ½5—7 nach Sonnenuntergang: am Tage sitze ich auf der Terrasse vor unsern Zimmern.
     Den 18 Oct. Reise nach dem Süden.

Herzlich
Euer F. N.


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BVN-1876,65

An Adolf Baumgartner in Lörrach (Postkarte)

[Bex, 12. Oktober 1876]


Schönsten Dank für Ihre Sendung, werther Freund. Sie haben mir noch eine Sendung in Aussicht gestellt — zu meiner Freude: da will ich auch gleich noch um etwas bitten. Ein Buch liniirtes Papier von Mem[m]el-Tripet, mit dieser am Rande angegebnen Entfernung der Linien. Bitte brechen Sie es mir in Quartformat. Ich habe auch hier 1½ Tage zu Bett gelegen, aber seitdem geht es ein wenig besser. Ihrer verehrten Frau Mutter meine und meines Freundes Rée herzlichste Grüsse. Ich reise am 18 October und wohne bis dahin Bex Hotel du Crochet.


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BVN-1876,66

An Franziska Nietzsche in Merseburg (Postkarte)

[Bex, 16. Oktober 1876]


Ich danke von Herzen für Brief Grüsse Wünsche und Gaben und möchte es gern ausführlicher thun: nur ist mir Briefschreiben geradezu unmöglich: so angegriffen sind meine Augen. Sage das auch meiner lieben Grossmutter, sammt den herzlichsten Wünschen für ihre Wiederherstellung; ihre gute Natur ist etwas Erstaunliches, ich wünschte, ich hätte davon etwas in mir, so könnte ich sicherer auf Genesung hoffen. Es geht mir immer nicht gut. Der Aufenthalt ist sehr geeignet und vielleicht ist das ein Erfolg, dass seit 12 Tagen der Hauptanfall ausgeblieben ist. Donnerstag reise ich, mit Dr Rée und Brenner, nach dem Süden. Einstweilen, bis ich von Neapel meine Adresse schicke, schreibe nicht.

Dankbar Dein Sohn F. N.


die Flasche dient zu Thee


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BVN-1876,67

An Marie Baumgartner in Lörrach (Postkarte)

[Bex, 18. Oktober 1876]


Liebe und Verehrte, nur eine Karte als Antwort auf einen so reichen Brief, meine Augen wollen es nicht anders. Morgen reise ich südwärts; vorgestern haben wir uns an der Zusendung Ihres Sohnes gelabt, es ist eine sehr glückliche Nachbildung und macht ihm als einem Gereifteren alle Ehre. Die Schmeitzner-Angelegenheit nimmt einen raschen Verlauf, ich gratulire. Adressen: Dr. Romundt: Oldenburg, im Grossherzogth. Petersstr. 17. Gersdorff, Herrnhut (Schlesien) im Gasthof. Ich bitte in meinem Namen zu senden: Madame Louise Ott, Paris, rue Constantinople 6. | Mad. la Comtesse Diodati Genève. Ich bitte noch für Prinz Me[t]schersky, den Marchese Guerrieri, Gräfin Dönhof, deren Adressen ich Ihnen schicke. Auch Schuré und Liszt. Herzlichste Grüsse


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BVN-1876,68

An Elisabeth Nietzsche in Naumburg (Postkarte)

[Bex, 18. Oktober 1876]


Geliebte Schwester, es ist der Tag vor der Abreise, der Föhn bläst sehr südlich. Ich glaube kaum, dass ich es im Süden so gut haben werde wie in Bex, die Wahl war vorzüglich! Zwar ist keine erhebliche Besserung da, doch war der letzte Anfall (vorgestern) nicht so lang (vielleicht Dank einer Stirnsalbe, die Schiess verordnet hat) Auch schnupfe ich un peu. Herzlichsten Dank für alles Gute, was Du mir gewünscht hast. Übrigens ist die V Unzeitgemässe fertig, ich brauche nur einen zum Dictiren (in Basel hatte ich Köselitz Tag für Tag dazu) Gersdorff ist mit N[erina] in Baden. — Das Bild machte mich sentimental. Gefiel es Dir? — Schreibe doch an Frau Baumgartner.
     Rée grüsst herzlich, schreib ihm nur.
     Vorläufige Adresse: Napoli (Italia) 23 Chiatamone Pension allemande


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BVN-1876,69

An Elisabeth Nietzsche in Naumburg (Postkarte)

[Genua, 22. Oktober 1876]


Von Bex schlimme Abreise, in Genf etwas besser, zu Mittag im Hôtel Post gegessen. Brenner kam dorthin. Nachtreise durch Mont Cenis, am andern Tag Nachmittag Ankunft in Genua mit heftigstem Kopfschmerz: sofort zu Bett, Erbrechen und Dauer des Zustandes 44 Stunden. Heute Sonntag besser; eben von einer Fahrt im Hafen und in’s Meer hinaus, zurück. Schönste Abendruhe und -Farbe. Morgen (Montag) Abend Abfahrt mit Dampfschiff nach Neapel, wir drei Freunde zusammen haben uns zur Seereise entschlossen. Herzlichste Grüße an Euch


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BVN-1876,70

An Claudine von Brevern in Genua

Genua 23 October 1876


Verzeihung, gnädige Frau, dass ich Sie in Stich liess und dass ich mein Versprechen (oder eigentlich meinen Wunsch) nicht erfüllen konnte, Verzeihung einem Halb-Kranken! Auf dem Wege zur Eisenbahn, wohin ich mit Dr. Rée gieng, fühlte ich mich plötzlich so schwach und angegriffen, dass ich obschon etwas beschämt und widerstrebend Kehrt machen musste wie nur je eine besiegte Armee. Trotzdem kann ich es mir vor meiner Abreise nicht versagen, meine Freude über ein Zusammentreffen schriftlich auszusprechen, welches mich das doppelte Schauspiel sehen liess: eine hohe erreichte Cultur und ein hohes Streben nach Cultur.
     Ihnen und Fräulein von der Pahlen meine ergebensten Wünsche und Grüsse zum Abschied.

Dr Friedrich Nietzsche


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BVN-1876,71

An Elisabeth Nietzsche in Naumburg

[Sorrent,] 28 October. [1876]


Da sind wir, in Sorrent! Die ganze Reise von Bex bis hierher nahm 8 Tage in Anspruch; in Genua lag ich krank, von dort brauchten wir 3 Tage Meerfahrt ungefähr und siehe, wir entgiengen der Seekrankheit, ich ziehe diese Art zu reisen der mir ganz schrecklichen Eisenbahnfahrerei auch vor. Wir fanden Frl von M[eysenbug] in einem Hotel in Neapel und reisten gestern zusammen in die neue Heimat Villa Rubinacci, Sorrent près de Nâples. Ich habe ein ganz großes hohes Zimmer, vor ihm eine Terrasse. Ich komme vom ersten Meerbad zurück, das Wasser war wärmer, nach Rée, als die Nordsee im Juli. Gestern Abend waren wir bei Wagner’s, welche 5 Minuten von uns, im Hôtel Victoria wohnen und noch den Monat November bleiben.
     Sorrent und Neapel sind schön, man übertreibt nicht. Die Luft ist hier eine Mischung von Berg- und Seeluft. Für die Augen ist es sehr wohlthätig; vor meiner Terrasse habe ich unter mir zunächst einen großen grünen Baumgarten (der auch im Winter grün bleibt), dahinter das sehr dunkle Meer, dahinter den Vesuv.
     Hoffen wir.

In aller Liebe und Treue
Euer F.


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BVN-1876,72

An Marie Baumgartner in Lörrach (Postkarte)

[Sorrent, Ende Oktober 1876]


In Genua war ich krank, heftiger Anfall. Von dort bis Neapel Seereise, ohne Krankheit. Unsre schöne Wohnung hat diese Adresse: Sorrent près de Nâples, Villa Rubinacci. Wagners wohnen 5 Minuten von uns, Hôtel Victoria. Ich nahm heute Morgen ein Bad im Meer. Adressen für die Exemplare: Baronesse Isabelle de Pahlen, Roma poste restante. | Mad. la Marquise Guerrieri-Gonzaga, Modena per Gonzaga | Prince Alexandre Me[t]schersky, Firenze Villa Herzen.

Die herzlichsten Grüße Ihres F. N.


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BVN-1876,73

An Franziska Nietzsche in Naumburg

[Sorrent, erste Novemberhälfte 1876]


Meine liebe gute Mutter, wie unerwartet kam diese schmerzliche Nachricht! Ich war ganz davon betroffen und habe es nun zweimal in Einer Woche erlebt, dass ich mehr an die Gesundheit und Ausdauer ganz alter Personen geglaubt hatte als an die eigene Gesundheit — und mich dabei irrte. Mir fiel ein dass in einem der letzten Tage in Basel der alte Gerlach mich besuchte, so sehr als der Gesunde Rüstige, dass ich mich meiner ewigen Kränklichkeit schämte; und ebenso dachte ich: ja wenn du selber die Rippe gebrochen hättest und nicht deine gute alte Grossmutter — mit mir wäre es gewiss vorbei, mit ihr aber gewiss nicht. Nun ist es anders gekommen und Du meine liebe Mutter hast es in der Nähe mit erlebt und hast helfen und zusprechen können; um so mehr wirst Du Dich jetzt verlassen und beraubt fühlen. Da ist es mir ein wahrer Trost, unsere Lisbeth diesen Winter bei Dir zu wissen; so dass aus meinem Kranksein sich doch wenigstens dieser Vortheil für Dich ergeben hat; während Du sonst nur Sorge und Entbehrung davon hast. Nun wird sie mit Dir trauern und Dich erheitern; und ich will versuchen, Dir aus der Ferne her die Freude zu machen, dass meine Gesundheit vorwärts schreitet. Mehr kann ich jetzt nicht, selbst nicht einmal längere Briefe schreiben, das weisst Du ja.
     Mit der letzten Woche bin ich sehr viel mehr zufrieden als mit irgend einer früheren. Dr. Rée hat Genaueres über mein Befinden an Lisbeth geschrieben, ich bat ihn darum. Ich werde ausgezeichnet besorgt, Trina ist als Krankenwärterin wie sonst sehr tüchtig. Ein heisses Fussbad mit Senf und Asche hat mir bis jetzt den wesentlichsten Dienst bei einem heftigen Anfall gethan; sodann die Spaziergänge in der Gebirgs- und Meerluft. Die Bäder habe ich aufgeben müssen. Mir graut jetzt etwas vor den Gesundheitsverhältnissen in Basel, welche jedenfalls ungünstig für mich sind. Namentlich habe ich meine Augen viel zu sehr anstrengen müssen. Trotzdem beschäftige ich [mich] mit dem Gedanken an das Gerlachsche Haus; mir fällt es immer wieder ein.
     So viel für heute. In der herzlichsten Theilnahme, mit Dir trauernd und Dich und die liebe Elisabeth auf das Innigste grüssend Dein Sohn.


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BVN-1876,74

An Franz Overbeck in Basel (Postkarte)

[Sorrent, 11. November 1876]


Tausendmal Gutes und Erwünschtes dem Freunde zum Geburtstage, und uns Beiden ein ersehntes Wiedersehen. Ich danke für Deinen Brief und antworte leider wie ich muss, mit einer Karte. Denn im Ganzen geht es mir nicht besser als im vorigen Jahre um dieselbe Zeit. In Genua lag ich krank und in Sorrent habe ich schon 4 mal den heftigen Anfall gehabt. Wagner’s sind seit einigen Tagen fort nach Rom. Meine Grossmutter ist gestorben. Der gute alte Gerlach und die arme Baseler Philologie! Hagen aus Bern hat um Auskünfte gebeten, die ich ihm nicht geben kann. — Brenner erzählte von Deiner Rede. Hätte ich sie doch! Dir und Deiner Treuen das Herzlichste.


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BVN-1876,75

An Heinrich Köselitz in Basel (Postkarte)

[Sorrent, 14. November 1876]


Lieber Freund Köselitz, meine schönsten Grüsse, der Tag ist blau und warm, und Nachmittags wollen wir mit dem Kahne an allen möglichen schönen Grotten der Küste vorbeifahren. — Haben Sie durch Frau Schwende die rothen Partituren empfangen, wie ich es aufgetragen habe? — Overbeck schrieb mir dass die beiden Freunde wieder beisammen sind, ich gratulire dazu. — Ich lebe ganz abseits von der „Welt“: so ist es recht, für uns Alle, nicht wahr? —


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BVN-1876,76

An Marie Baumgartner in Lörrach (Postkarte)

Sorrent, 18. November 1876


Verehrteste Frau, hier ist Wagner’s römische Adresse:

               Hôtel d’Amerique
               79 via Babuino
                         Roma

     Das Exemplar an Frl. Natalie Herzen, um das ich bat, kann nach Florenz abgehen, wo sie jetzt ist — also gleiche Adresse wie Metschersky. — Ich athme und spüre die kommende Gesundheit, es fängt an wesentlich besser zu werden. Verschiedene Hausmittelchen helfen mit. — In einer Woche meldete man den Tod meiner Großmutter, Gerlachs und — des besten Lehrers Ritschl.
     Mit den herzlichsten Empfehlungen von uns Allen.


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BVN-1876,77

An Elisabeth Nietzsche in Naumburg (Postkarte)

Sorrent, 26. November 1876


Seit den Trauerbotschaften habe ich keine Nachricht. Nachträglich herzlichen Dank für Deine langen schönen Briefe. Es wird geschnupft. Mein Befinden war eine Woche recht hoffnungsreich, die letzte Woche taugte aber nichts, ich war Dienstag, Mittwoch und Freitag, mit den alten Schmerzen zu Bett, auch die andern Tage, von Sonntag an, waren schlecht. — Ritschls Tod hat mich sehr betrübt. Ich vermag aber keine Briefe zu schreiben, oder ganz selten. An Frau Gerlach schreibe doch!
Wir Alle grüssen Dich und die liebe Mutter.


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BVN-1876,78

An Hans Paul von Wolzogen

Sorrent, Anfang Dezember 1876


Werther und lieber Herr

Ja, aber die Gesundheit! Ich bin auf ein Jahr nach dem Süden verbannt: nichts lesen, nichts schreiben, womöglich nichts denken — das sind die ärztlichen Weisungen. Es versteht sich von selbst, dass ich, sobald es angeht, meine Theilnahme an Ihrem Unternehmen thätlich beweisen werde; aber einstweilen bin ich mir selber ein Fragezeichen und muss es deshalb leider auch Ihnen sein.

     Mit herzlichem Gruss und bedauernd

F. Nietzsche.


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BVN-1876,79

An Franz Overbeck in Basel

[Sorrent,] 6 Dez. 1876


Lieber getreuer Freund, es ist mir, nach einem Aufblitzen eines besseren Zustandes, wieder so schlecht, so anhaltend schlecht ergangen, dass ich noch gar nicht zu hoffen wage. Die äusseren Bedingungen zum Gesundwerden sind alle bei einander, und es muss dabei etwas heraus kommen nicht wahr? Aber Geduld ist nöthig. Ich danke Dir herzlich für Deine Briefe, so wenig ich auch darauf antworten kann. Wolzogen habe ich eine durch meine Gesundheit bedingte Zusicherung gemacht, dass er einmal etwas bekommt. Aber der Sinn seines Unterfangens ist nicht der unserige; wir dürfen uns wahrlich nicht mit den Herren Plüddemann und Consorten verwechseln und vermengen. —
     Die Familie Finocchietti ist mit Gersdorff’s Werbung einverstanden. — Geld erbitte ich mir in der besprochnen Form einer Posteinzahlung. Ich weiss nicht, wie viel ich bekomme; sende mir zunächst 1000 fr davon.
     Den Kaufmannschen Courszettel will ich nicht. — Was sagt man über Gerlach’s Nachfolge?
     Wir haben viel Voltaire gelesen: jetzt ist Mainländer an der Reihe.

Dir und Deiner lieben Frau
die herzlichsten Grüsse der Freundschaft.
F N.


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BVN-1876,80

An Ferdinand Schürmann in Bonn

Sorrent bei Neapel
Villa Rubinacci
6 Dezemb. 1876.




Nun, lieber Herr Schürmann, sehen Sie zu, dass wir uns nicht wieder verlieren, nachdem wir uns gefunden haben; dies steht mehr bei Ihnen als bei mir. Ihr Brief hat mir Freude und Hoffnung gemacht: wie wäre es, wenn Sie eine zeitweilige Übersiedelung nach Basel in’s Auge fassten? Womöglich von Herbst 1877 an: denn bis dahin bin ich selber, durch eine sehr erschütterte Gesundheit, von Basel verbannt — nach dem Süden. Es ist sehr anzurathen, nicht am Studium des Alterthums zu verzweifeln; darüber möchte ich Ihnen viel sagen, aber nicht schreiben.

Mit herzlichem Grusse
der Ihrige
Dr Friedr Nietzsche


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BVN-1876,81

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg (Postkarte)

[Sorrent, 7. Dezember 1876]


Manche sehr schlechte Tage hinter mir, die mich fast desperat machten. Jetzt geht es wieder etwas besser. Die Witterung ist sehr mild, Rée hat gestern im Meer gebadet. Ich gehe viel spazieren, Magen und Schlaf immer sehr gut. Weihnachten wollen wir diesmal uns nichts schicken, die Unsicherheit der italiän. Post und das grosse Porto nöthigen dazu. — Ich rathe sehr zu dem Gerlachschen Hause; an Stelle des Spazierengehens will ich den Turnsaal am Münsterplatz benutzen. Briefe mit herzlichem Danke empfangen, wir Alle grüssen Euch.


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BVN-1876,82

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg (Postkarte)

[Sorrent, 15. Dezember 1876]


Herzlichen Dank für Eure Nachrichten. Einen ganz bösen Tag eben überstanden. Sonst ging es etwas besser. Ich sandte ein Röllchen Photographien zum Aufkleben: es ist Gegend und Menschheit, in der ich lebe. Ja nichts schicken! Die Kosten sind gar zu gross. Ich gehe sehr viel spazieren. Völlig alles Arbeiten aufgegeben, auch alles Dictiren und Disputiren. Was soll werden! Euer FN.


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BVN-1876,83

An Louise Ott in Paris

Sorrent près de Naples. Villa Rubinacci. 16 Dez. [1876]


Sie sind mir hoffentlich, meine verehrte Freundin, gut geblieben, ob ich Ihnen schon so lange Zeit jede Auskunft über meinen Aufenthalt und mein Ergehen schuldig blieb. Aber allen meinen Freunden ging es so wie Ihnen, ich konnte und durfte nicht anders — meine unerträglichen Kopfschmerzen, gegen welche ich kein Mittel bewährt gefunden habe, zwingen mich zu einer stillschweigenden Entsagung im freundschaftlichen Verkehre. Auch heute mache ich nur eine Ausnahme von der Regel und fürchte auch selbst dafür büssen zu müssen. Aber ich möchte gar zu gerne etwas von Ihnen hören, [und] vielleicht etwas Ausführliches — machen Sie mir dieses Weihnacht-Vergnügen. Es wird die französische Übersetzung meiner Schrift über R. Wagner unterwegs sein und hoffentlich zu Weihnachten bei Ihnen eintreffen — eine neue kleine Zudringlichkeit wie dieser Brief, um ein paar Zeilen — nein, mehrere Paar Zeilen von Ihnen zu erobern.
     In unserem kleinen Kreise ist viel Nachdenken, Freundschaft, Aussinnen, Hoffen, kurz ein ganzes Theil Glück beisammen; dies empfinde ich trotz der vielen Schmerzen und der schlimmen Perspective meiner Gesundheit. Es ist vielleicht noch ein bischen Glück mehr in der Welt, aber einstweilen wünsche ich von Herzen allen Menschen, dass es ihnen ergehen möge wie uns, wie mir: sie dürfen dann schon zufrieden sein.
     Neulich fiel mir ein, Sie, meine Freundin, möchten einen kleinen Roman schreiben und ihn mir zu lesen geben: man übersieht so schön, was man hat und was man vom Leben wünscht und wird gewiss dabei nicht unglücklicher — das ist die Wirkung der Kunst. Jedenfalls wird man weiser dabei. — Vielleicht ist es ein thörichter Rath: dann sagen Sie mir, dass Sie über mich gelacht haben; es macht mir Vergnügen dies zu hören.

Herzlich grüßend Ihr
Freund
F.N.


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BVN-1876,84

An Reinhart von Seydlitz in Davos

Sorrent près de Naples
Villa Rubinacci
16 December
1876.





Nichts weiter, lieber Freund als ein Zeichen, dass ich Ihrer herzlich und namentlich mit den besten Wünschen für Ihre Gesundheit eingedenk bin: auch dass ich noch nicht alle Hoffnung aufgegeben habe, Sie hier in der schöneren Jahreszeit als einen unserer kleinen Sorrentiner Gemeinde zu begrüssen. Wir haben so mildes Wetter, dass einer meiner Freunde fast täglich im Meere baden geht; und ich steige auf die Berge und suche meinem Kopfschmerz zu entlaufen — bis jetzt freilich ohne wirklichen Erfolg.
     Wenn man krank sein muss, so sei es wenigstens in solcher Gegend und unter solchen Freunden, wie ich sie habe: voran unsere ausgezeichnete mütterlich wohlthätige Frl von Meysenbug, von der ich Ihnen als von einer wahrhaft schönen Seele schon schrieb. Wagner’s waren vierzehn Tage mit uns zusammen. Es ist nicht unmöglich, dass sie ihre Schritte im nächsten Jahre wieder gegen Süden wenden, vorausgesetzt — was wie ich fürchte vorausgesetzt werden muss — dass die Bayreuther Sommerfeste im nächsten Jahre ausfallen: die Wolken sind gar zu schwarz und unheimlich gefärbt als dass die Kunst wieder ihr Zelt aufschlagen könnte. In diesem Falle werden wir Wagner wiedersehen, ohne auch nur einen Schritt weit zu gehen.
     Ich möchte so gerne, lieber Freund, mit Ihnen erst ein Stück Leben gemein haben; wer weiss was sich alles auf solch einem Fundamente aufbauen lässt?
     Inzwischen bleiben Sie mir gut und sagen Sie Ihrer Frau Gemahlin meine ehrerbietigsten Empfehlungen.

Treulich
der Ihre
Dr Friedrich Nietzsche


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BVN-1876,85

An Marie Baumgartner in Lörrach (Postkarte)

[Sorrent, 18. Dezember 1876]


Verehrte Frau, ich wünsche Ihnen ein gutes Weihnachtsfest. Mein Zustand ist wieder recht schlecht gewesen; hoffen wir auf das neue Jahr! Inzwischen haben alle Adressen beinahe sich verändert; Wagners sind in Bayreuth wieder, Frl. Natalie Herzen ist in Paris (Monod’s Adresse) usw. Wir aber sind und bleiben hier, und das Buch wird mit Spannung erwartet. Ihnen und Ihrem Herrn Gemahl die herzlichsten Grüsse von Frl. v. M[eysenbug] und mir.

F. N.


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BVN-1876,86

An Ernst Schmeitzner in Schloßchemnitz

[Sorrent, 18. Dezember 1876]


Meine besten Wünsche, lieber Herr Verleger, voran, für Weihnachten und Neujahr!
     Heute möchte ich Ihnen erstens mittheilen, dass mein Freund Dr Rée nahe dabei ist, Ihnen sein Manuscript zuzusenden. Sie bekommen, wie ich aus bester Überzeugung sagen muss, etwas höchst Werthvolles in Ihren Verlag, eine Schrift, welche über den Ursprung der moralischen Empfindungen in einer so durchaus neuen und strengen Methode handelt, dass sie wahrscheinlich in der Geschichte der Moral-Philosophie einen entscheidenden Wendepunct bilden wird.
     Zweitens habe ich die Bitte auszusprechen, Sie möchten ein Exemplar meiner 2t und 3t Betrachtung an die Adresse einer römischen Freundin schicken:
     Baronin Claudine von Brevern
               Roma, Corso 499, 4tro piano.
     Ebenfalls ein Exemplar der 1t und 4t unter gleicher Wohnungsadresse an
     Baronesse Isabella de Pahlen
     Es versteht sich, dass Sie diese Exemplare mir in Anrechnung bringen.
     Drittens wünschte ich Ihnen zu sagen, dass es mir besser gehe: leider ist dies aber nicht der Fall oder fast nicht. Die grösste Schonung fortwährend geboten: viele unerträgliche Kopfschmerzen.
     Für Ihren nach Basel gesandten Brief mit so freundlichen Anerbietungen sage ich Ihnen herzlichen Dank. —
     Was macht die französische Übersetzung? —
     Ich freue mich, dass Ihre beiden trefflichen Freunde wieder zusammen in Basel sind. —

Hochachtungsvoll
ergeben Dr F. Nietzsche


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BVN-1876,87

An Cosima Wagner in Bayreuth

[Sorrent, 19. Dezember 1876]


Verehrteste Frau!

Ihr Geburtstag ist da und ich weiß kein Wort, mit dem ich denken könnte, Ihrer Empfindung dabei zu begegnen. Wünschen? Glück wünschen? — ich verstehe diese Worte kaum mehr, wenn ich an Sie denke; hat man erst gelernt, das Leben groß zu nehmen, so fällt der Unterschied von Glück und Unglück hinweg, und gar über das „Wünschen“ kommt man hinaus. Alles das, woran Ihr Leben jetzt hängt, hat kommen müssen, wie es kam, und namentlich das gegenwärtige ganze Nach-Bayreuth ist nicht anders vorzustellen als es ist, denn es entspricht dem ganzen Vor-Bayreuth; was vorher elend und trostlos war, ist es auch jetzt noch, und was groß war, ist es geblieben, ja ist es jetzt erst recht. Wir können solche Tage wie den Ihrigen nur feiern, nicht beglückwünschen. Von Jahr zu Jahr wird man stiller und zuletzt sagt man über Persönliches kein ernstes Wort mehr.
     Der Abstand meiner jetzigen, durch Kranksein erzwungenen Lebensweise ist so groß, daß die letzten 8 Jahre mir fast aus dem Kopfe kommen und die früheren Lebenszeiten, an welche ich in der gleichartigen Mühsal dieser Jahre gar nicht gedacht hatte, sich mit Gewalt hinzudrängen. Fast alle Nächte verkehre ich im Traume mit längstvergessenen Menschen, ja vornehmlich mit Todten. Kindheit Knaben- und Schulzeit sind mir ganz gegenwärtig; mir ist bei Betrachtung früherer Ziele und des thatsächlich Erreichten aufgefallen, daß ich in allem, was ich thatsächlich erreicht habe, bei Weitem über die Hoffnungen und allgemeinen Wünsche der Jugend hinausgekommen bin; daß ich dagegen von allem, was ich mir absichtlich vorgenommen habe, durchschnittlich immer nur den dritten Theil zu erreichen vermochte. So wird es wahrscheinlich auch fernerhin bleiben. Wenn ich völlig gesund wäre — wer weiß, ob ich nicht meine Aufgaben mir in’s Abenteuerliche weit steckte? Inzwischen bin ich gezwungen, die Segel etwas einzuziehen. Für die nächsten Baseler Jahre habe ich mir die Vollendung einiger philologischer Arbeiten vorgenommen, und Freund Köselitz hat sich bereit erklärt, mir als Sekretär, vorlesend und nachschreibend, hülfreich zu sein (denn mit meinen Augen ist es so gut wie vorbei) Bin ich mit den Philologica wieder in Ordnung, so erwartet mich Schwereres: werden Sie sich wundern, wenn ich Ihnen eine allmählich entstandene, mir fast plötzlich in’s Bewußtsein getretene Differenz mit Schopenhauer’s Lehre eingestehe? Ich stehe fast in allen allgemeinen Sätzen nicht auf seiner Seite; schon als ich über Sch. schrieb, merkte ich, daß ich über alles Dogmatische daran hinweg sei; mir lag alles am Menschen. In der Zwischenzeit ist meine „Vernunft“ sehr thätig gewesen — damit ist denn das Leben wieder um einen Grad schwieriger, die Last größer geworden! Wie wird man’s nur am Ende aushalten?
     Wissen Sie, daß mein Lehrer Ritschl gestorben ist? Ich bekam die Nachricht fast zugleich mit der Meldung vom Tode meiner Großmutter und meines [nächsten] Baseler philolog. Collegen Gerlach. Ich habe noch in diesem Jahre durch einen Brief Ritschl’s den rührenden Eindruck bestätigt erhalten, den ich aus seinem früheren Verkehre mit mir hatte: er war gegen mich herzlich vertrauensvoll und treu geblieben, ob er schon eine zeitweilige Schwierigkeit des Verkehrs, ja eine rücksichtsvolle Trennung als nothwendig begriff. Ihm verdanke ich die einzige wesentliche Wohlthat meines Lebens, meine Baseler Stellung als Professor der Philologie: ich verdanke sie seiner Freisinnigkeit, seiner Scharfsichtigkeit und Hülfbereitschaft für junge Menschen. In ihm starb der letzte grosse Philologe; er hinterläßt gegen 2000 Schüler, die sich nach ihm nennen, darunter etwa 30 Universitätsprofessoren.
     Indem ich meinen Brief enden muß (ich darf nicht schreiben), fällt mir ein, daß Frau Marie Baumgartner die ergebne Bitte um Zurücksendung der französischen Schopenhauer-Übersetzung durch mich aussprechen läßt; ihre Adresse ist: Lörrach, Großherzogth. Baden.

In treuer Verehrung
Ihr
Friedrich Nietzsche


Sorrento
Villa Rubinacci.

Ich vergaß die Empfehlungen von Dr. Rée.


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BVN-1876,88

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg (Postkarte)

[Sorrent, 24. Dezember 1876]

     Alles Gute, Liebe, Erwünschte zum neuen Jahre für Euch Beide. Mir geht es ein wenig besser. Habt Ihr die Photogr. bekommen? Das von Wien, wovon Ihr schriebt, ist bis jetzt nicht eingetroffen. Aus Basel höre ich, dass Gerlach’s Stelle nicht besetzt wird. Ich zahle hier monatl. 200 frs. Pension. Sorrent ist wie gemacht, um gesund zu werden. Ich bin viel kräftiger geworden; noch keine einzige Indisposition des Magens. Aber jede Woche ein Tag heftiger Kopfschmerz; dabei bleibt es. Wir zusammen senden herzlichste Weihnachts- und Neujahrsgrüsse.

F. N.


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BVN-1876,89

An Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg (Postkarte)

[Sorrent, 30. Dezember 1876]


Tausend Dank für die Weihnachtsbriefe! Auch für das Kalenderchen, das gut zum Gebrauch ist. Wir hatten unvermuthet am Abend eine kleine Bescheerung, ich bekam einen Fächer und einen türkischen Fez (ich muss den Kopf Tag und Nacht warm halten) Heute giebt es eine kleine Ausgrabung von Antiken. Die französ. Übersetzung ist noch nicht fertig im Druck. Wagner’s sind wieder in Bayreuth. Gersdorff’s Angelegenheit immer noch nicht in Ordnung. Von Wien ist nichts angekommen, wie steht das? Rée’s Schrift über den Ursprung der moral. Empfindung ist fast fertig. Mir geht es etwas besser.

Von uns Allen herzliche Grüsse.


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BVN-1876,90

An Erwin Rohde in Jena (Postkarte)

[Sorrent, 30. Dezember 1876]


Meine herzlichsten Neujahrswünsche voraus, alter lieber Freund! Ich möchte so gern etwas Tröstliches und Beglücktes von Dir hören, aber es scheint, wir schieben jeder unseren Karren. Meine Gesundheit will auch hier nicht recht von der Stelle, Schmerzen, Schmerzen! Könnte ich davon absehn, so wäre mein Zustand hier des Neides der Götter werth. Rée ist mit einer Schrift eben fertig, Brenner schreibt Novellen, Fl. v. M[eysenbug] einen Roman, man liest mir vor, denn ich darf nicht lesen und schreiben. Kann ich nicht Deinen Aufsatz über die Novelle bekommen? Dein

treuer F. N.


Villa Rubinacci, Sorrent près de Naples.


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de/nietzsche/briefe/1876/1876.txt · Last modified: 2017/02/11 09:08 by babrak